Das Feuer hinter dem Berge: Roman

Part 1

Chapter 13,602 wordsPublic domain

Das

Feuer hinter dem Berge

Roman

von

Juliane Karwath

Egon Fleischel & Co. Berlin 1913

Alle Rechte vorbehalten =Copyright 1913 by Egon Fleischel & Co. Berlin=

Christiane und Hardi Dorreyter waren nicht die Kinder innig zusammenströmender Gattenliebe. Ihre Mutter, ein herzlich armes, sehr schönes, aber unbegehrtes Fräulein hatte den viel älteren Hauptmann in dem Glauben genommen, daß für ihr Zähnezusammenbeißen das Gute schon nachkommen werde. Aber es geschah ihr, daß sie ohne Liebe zu tragen hatte, was der Liebe selber oft recht schwer fällt. Der Mann verwickelte sich infolge zögernden Avancements in allerhand Querulantengeschichten, die zwar noch einigermaßen beigelegt wurden, ihm aber den Abschied einbrachten. Es ging in ein recht enges und armes Leben, das Mutter und Kindern schlecht bekam: der Frau, weil sie dem Manne, mit dem sie sich betrogen hatte, noch immer Weib sein mußte, und den Kindern, weil sie an allem ziemlich unverhüllt mitzutragen hatten, denn die Mutter gab ihnen in ihrer Verlassenheit ihre Not sehr zeitig preis.

Die Mädchen lernten Abneigung und Mißtrauen gegen den Mann.

Die lagen ihnen schon im Blute, die Stunde, die sie geschaffen, hatte sie ihnen tief eingetränkt.

Sie blühten nicht recht auf. Zwar hatten sie den einen oder anderen Zug der Rhanes, welcher blaublütigen Familie ihre Mutter entstammte, aber ihre Gestalten blieben gestreckt, lang, flach, herb wie Schattenfrüchte.

Der Hauptmann starb. Frau Dorreyter, die ihre Leute bisher nur durch Unterstützung der Rhanes sattbekommen hatte, erhielt von diesen als endgültige Abfindung ein kleines Kapital. Die Rhanes kauften zu der Zeit, einer günstigen Heirat wegen, zwei Rittergüter und gründeten ein Majorat. Frau Dorreyter stürzte sich über die paar Groschen, selig, ihre Mädchen ausbilden zu können. Sie war durch und durch Frauenrechtlerin, ohne viel mit Büchern oder aufrührerischen Personen zusammengekommen zu sein.

Sie lernte mit den Kindern. Die fühlten, wie gierig die Mutter zu trinken versuchte und wie sie innerlich erzitterte, wenn sie ihre Kraftlosigkeit erkannte, und stemmten sich tüchtig an, um wenigstens selber zu glänzen und ihr dadurch Grund zum Stolz zu geben.

Die leise hervortretenden Rätsel des jungen Weibwerdens blieben den Kindern gleichgültig. Sie grübelten nicht.

Sie sehnten sich nach keiner Süßigkeit.

Frühzeitig kamen sie in das Seminar der Provinz.

Die Vorsteherin war ein derbmännliches Frauenwesen, das Unerhörtes leisten wollte. Mit einer rücksichtslosen Energie schaltete sie alles Schwache aus. Die Lehrerinnen, die sich verlobten, mußten sofort weg, die Schülerinnen, die irgendwie versagten, wurden sofort entfernt. Muster sollte alles sein, Auslese.

Fräulein Schmöckler war nicht beliebt. Ihrem Schritt ging der Schrecken voraus, die reifen Lehrer erröteten vor ihren eisernen, oft rücksichtslos vor allen Schülerinnen gegebenen Tadelworten und bebten gleich ihren Kolleginnen, wenn sie ins Bureau befohlen wurden.

Christiane erwarb sich rasch ziemliches Wohlwollen, Hardi aber bekam sofort ›Halbheit‹ vorgeworfen, das Schlimmste, was Fräulein Schmöckler vorwerfen konnte, ohne daß sich aber entdecken ließ, wohin Hardis andere Geisteshälfte neigte. Die Rhanesche Familienkrankheit, die Bleichsucht, waltete über der Kleinen.

Christiane kam ihr rasch voraus in die Oberstufe, wo sie mit Ada Wehrendorf zusammentraf, die aus ihrer Heimat stammte. Der Vater, ein Justizrat, war rasch gestorben, und für das völlig verwaiste und vermögenslose Ding mußte bald ein Lebensunterhalt gefunden werden, zumal sie dünn wie eine Spindel und ohne jedes Temperament war. Beim Abschlußexamen kam sie mit einer knappen Drei heraus, während sich die glänzendste der Schülerinnen, der Fräulein Schmöckler keinerlei Halbheit hatte vorwerfen können, noch an demselben Tage öffentlich verlobte und somit ihre ganze Weisheit und eine ihr von der Vorsteherin schon bereitgehaltene Stelle glattweg preisgab.

Hardi kam Christiane verweint entgegen, denn die Schmöckler hatte ihr an dem Tage bedeuten lassen, daß sie für ihren Teil am besten täte, die aussichtslose Sache zu lassen. So reisten beide Dorreyters mit Sack und Pack nach Hause, und die Mutter verriet in ihrem Entsetzen über das Unglück der geliebten Jüngsten keinerlei Freude über Christianens Sieg.

Die merkte nichts davon, denn Fräulein Schmöckler hatte ihr die von der Braut ausgeschlagene Stelle in einem vornehmen Töchterinstitut der Schweiz verschafft, und der Himmel hing ihr voller Geigen. Sie packte von neuem, und mitten im Kramen fielen ihr auf einmal Briefblätter entgegen, die die Mutter bewahrte, und sie las neugierig darüber hin.

Auf einmal wurde sie aufmerksam und winkte die in ihre Melancholie versunkene Hardi herbei.

In diesen Blättern lasen sie zum ersten Mal von der Liebe.

In den Tagebuchblättern und Briefen der Urgroßmutter, die dem schlesischen Adel entstammte, glomm eine ehebrecherische Sünde. Die Frau des Hofstallmeisters von Rhane hatte es mit einem Prinzen gehalten, der, wie sie, nachher recht tugendhaft und brav geworden war, aber mit einem Schuß nervöser Geistigkeit, und kein Glück in der Politik gehabt hatte. In den Blättern waren Glut, Zärtlichkeit und französische Verse. Dazwischen lagen später geschriebene Mutterbriefe an den Sohn im Kadettenhaus, das Fürstenpatenkind.

Es war auf einmal begreiflich, warum die jetzigen Rhanes sich plötzlich im Glanz und mit Majoraten aufgetan hatten: sie waren von ihrem Bluteinschuß getrieben.

Die Mädchen schauten sich an.

Über Hardis kleines, verweintes Gesicht flirrte es.

»Da sind wir -- ja -- auch -- -- --«

Die Mutter kam. »Was habt ihr da? Die Briefe? Ach, die Briefe --« Einen Augenblick hatte sie gestutzt. Dann nahm sie sie verächtlich zusammen: »Schmutzkram. Der kann fort.«

Christiane bat: »Gib sie mir.«

Sie packte sie in ihren Lehrerinnenkoffer.

Mit ihr reiste die kleine Wehrendorf, die an dieselbe Anstalt kam, aber des minderen Zeugnisses wegen ›=au pair=‹.

Das Schweizer Institut war ein Erziehungskasten von oben bis unten. Die Leiterin war sehr fett und behäbig. An Zöglingen waren ungefähr achtzig da, darunter viele Bräute. Es wurden Wissenschaften getrieben, gekocht, genäht, geputzt, gestickt, gemalt, gebrannt, Tennis und Golf gespielt und getanzt. Es gab Unterricht in Sprachen, Musik, Gesang, Gymnastik, Rezitation und Körperpflege. Man hatte in einem Jahr ausgelernt oder in einem halben. Es gab auch Vierteljahrs- und Monatskurse, ganz nach Wunsch, und immer hatte man ausgelernt. Eine Auslese fand nicht statt, nur eine Trennung nach Rang und Stand und Geld. Man unterschied einen Flügel der Aristokratinnen, unter denen auch eine junge Freiin von Rhane war, eine Abteilung der Ausländerinnen und noch viele andere Gruppen bis zu den reichen Fabrikanten- und Handwerkertöchtern. Die Zimmer, die den besichtigenden Eltern gern gezeigt wurden, waren blank und hell, wie Ziervogelkäfige.

Christiane aber bewohnte mit drei Kolleginnen ein enges Kabinett im Hintergebäude, in dem zwei alte Holzbetten der Quere nach nebeneinander und zwei an der Wand standen. Dazwischen war nicht viel Raum. Im Flur befand sich ein wurmzerfressener Kleiderschrank, in dem die vier Lehrerinnen ihr Eigentum aufbewahren konnten, und unter dem schmalen Zimmerfenster war eine Bank etabliert, unter der das Schuhwerk stand, während man die Oberfläche ganz gut als Tisch benutzen konnte.

Die Lehrerinnen durften nur dunkle, hochgeschlossene Kleider und glattgestrichene Haare tragen.

Christianens Bettnachbarin war eine nicht mehr junge Holsteinerin, die beiden anderen eine Engländerin mit einem dunklen warmen Schmeichelgesicht und eine magere Französin, die etwas von einer Ziege an sich hatte. Diese beiden trieben bei guter Laune Spaß, nannten sich die ›Babies‹ und stellten sich an, als ob Christiane und die Blonde Vater und Mutter seien und das Ganze eine warme Familienstube. Die Holsteinerin sagte nie ein Wort dazu. Einmal erwachte Christiane von etwas Merkwürdigem, horchte in die ferne Mondnacht hinaus und merkte auf einmal, daß ihr ganzes Lager zitterte. Neben ihr lag die Holsteinerin in einem furchtbaren, rüttelnden, lautlosen Weinen.

Am Morgen wagte Christiane die andere kaum anzusehen, aber die hatte keine Ahnung von der Beobachtung, sondern tat ihre Pflicht in derselben verschlossenen Art wie zuvor.

Die arme Wehrendorf hieß bald nur das ›Sneewittchen‹.

Die junge =au pair=-Lehrerin mußte nämlich aus Platzmangel in einem gläsernen Erker schlafen, der an ein Zimmer der Pensionärinnen grenzte und nur Raum für das Bett und eine Waschkiste bot. In der Tiefe lag der See, und die Schwalben strichen ganz nahe an den nur mit dünnen Gardinchen verkleideten Scheiben vorbei. Es gab viel Gekicher unter den verwöhnten jungen Damen, wenn die Lehrerin in ihr Glaskästchen ging, und die Wehrendorf trug es stumm und ergeben wie das Pechkind im Märchen.

Die dicke Leiterin konnte mit dem großen Unternehmen allein nicht fertig werden, sondern hatte als Stab ein paar ältere Lehrerinnen um sich, unter denen besonders ein zähes, dürres Fräulein Beierlein hervorragte, die sich mit der Ausbildung der ›Neuen‹ beschäftigte.

Die konnten ihre mühsam erworbene Schulweisheit getrost in den Koffer packen. In diesem Erziehungskasten ging es nur darum, sich die Zufriedenheit der Zöglinge und deren Eltern zu verschaffen -- wehe der Lehrerin, über die eine junge Dame sich beklagt hätte! Und dreimal wehe der, um deretwillen eine Pensionärin verloren gegangen wäre! Die achtzig wurden behütet wie Gold -- das war Geschäft!

Die Miß und die Französin standen in einem bewährten Freundschaftsverhältnis mit der Beierlein und hatten die Organisation dieses vortrefflichen Institutes vollkommen begriffen. Christiane und die Wehrendorf aber hörten alle Augenblicke den windschnellen Schritt der Vorgesetzten hinter sich und wurden mit nadelscharfen Blicken aufgespießt und von spitzigen Worten ins Herz getroffen.

Was der Mann am Weib verschulden kann, reicht in aller Welt nicht an das, was eine Frau der andern anzutun vermag, besonders, wenn die eine alt, die andere jung, die eine übergeordnet und die andere untergeben ist!

Die beiden kamen aus den Unterrichts- und Aufsichtsstunden nicht heraus. Der Dienst währte von morgens sechs Uhr bis abends um zehn Uhr. Die Wehrendorf mußte auch Zimmer putzen, die jüngeren Zöglinge baden und kämmen und der dicken Vorsteherin bei der Toilette helfen. Freistunden gab es nicht. Ausgänge auch nicht. Mit den Zöglingen gingen immer nur die älteren Lehrerinnen.

Christiane kam kaum in den Garten, erblickte Wald und See und Berge nur von den Fenstern und Terrassen aus und hatte von der neuen Welt nur ganz verwischte Vorstellungen. Sie hörte die Pfiffe der Züge, mit denen sie in den Tunnel glitten, das Geläut, mit dem sie wieder herauskamen, die Signale der Dampfer und die Stimmen der Touristen.

Oft wurden junge Mädchen von ihren Anverwandten abgeholt und kamen abends froh erregt wieder. Blumen wurden bei jeder Gelegenheit hereingeschleppt und die Pensionszimmer malerisch damit geschmückt. Es gab große Ausflüge, sanfte Besteigungen und Dampferpartien, an denen die beiden jungen Lehrerinnen aber nicht teilnehmen durften. Eine Freude blieb der armen Wehrendorf: sie mußte jeden Sonntagabend die an diesem Tag laut offizieller Erlaubnis geschriebenen Briefe der Zöglinge nach der weiter unten im Ort befindlichen Poststation bringen. Mit Stößen von legitimen Liebesbriefen zog das arme, häßliche Sneewittchen los und genoß die kurze Freiheit.

-- -- Christianens Nerven begannen zu versagen. Ihr grauste vor dem Lärm, dem Geschnatter, dem mechanischen Unterricht, den unaufhörlichen Aufsichtsstunden, dem Aufpassen der Beierlein und dem nächtlichen Zusammensein mit den Kolleginnen. Ergab sich am Tage einmal ein passender Moment, so stürzte sie nach oben in ihr Zimmer, in dem um die Zeit niemand war, verriegelte die Tür und starrte aufatmend um sich: allein! Allein! Ihre Blicke wanderten. Scheu horchte sie nach außen und atmete von neuem auf: allein -- allein --!

Leise schlich sie an ihr Kommodenfach. Doppelt verschlossen lag da ihr bißchen Eigenes: ihre Zeugnisse, die Briefe der Mutter und die Tagebücher der Frau von Rhane! Wie gut, daß sie vor der Abreise noch die Mappe gekauft hatte -- jetzt hatte sie doch ein Fleckchen für sich!

Allein -- allein -- -- -- --

Da rief es schon draußen, da trippelte es und klopfte an die Tür: »Fräulein Dorreyter! Fräulein Dorreyter!« Christiane fuhr, öffnend, zurück -- das Fräulein von Rhane! Jäh sah sie, was sie noch nicht gesehen hatte: das Jugendgesicht der Mutter, die Rhanesche Schönheit.

»Fräulein Beierlein läßt bitten,« sagte die junge Aristokratin in dem wenig respektvollen Tone, den die Pensionärinnen für die Unterlehrerinnen hatten.

-- -- Christiane konnte nicht schlafen. Nacht für Nacht ging das stumme Weinen der Nachbarin. Christiane wollte manchmal rufen, fragen, die anderen wecken, aber sie wagte es doch nicht: es war für die Verzweifelte die einzige Stunde, in der sie allein zu sein glaubte -- allein!

Stundenlang zitterte das Bett. Stundenlang liefen Christianens krause Gedanken zur Mutter zurück und zu der Frau von Rhane. Sie sah die blonde Familienschönheit und wieder die Frau von Rhane.

Blau schien die Mondnacht. Ein ungewisses Raunen scholl: der See. Ein Flimmern stand fern: die Berge.

Die Französin schnarchte mit spitz gehobener Nase, die Miß hatte ihr Haar stramm geflochten und den abgebundenen Zopf an den Bettpfosten gehängt. Das Lager der Holsteinerin hob sich in schweren, krampfhaften Stößen -- --

Christiane dachte an die Frau von Rhane.

Eines Morgens sagte die Wehrendorf: »Du, deine Schwester wird ja heiraten --!«

Christiane starrte sie an. »Hardi!« Sie hob die Hand zur Stirn. »Hardi!«

»Ja, ja,« sagte Ada hinterhältig.

Christiane dachte nach. Die Mutter hatte angefangen, Hardi gewaltig mit Eiern und Peptonen zu füttern, denn zum Herbst sollte sie auf ein anderes Seminar.

Christiane schrieb eine scherzhaft vorsichtige Anfrage. Sie wußte, es war Unsinn. Wen sollte Hardi kennen bei dem Leben, das sie führten. Wen? Wen?

Die Antwort kam, und die Mutter entschuldigte sich und Hardi. Es war auch gradezu romanhaft. Auf der Straße hatte ein Herr von der Regierung Hardi gesehen und verfolgt, dann war korrekte Bekanntschaft daraus geworden. Er hatte Besuch gemacht. Sie mußten ihn einladen. Die Mutter knüpfte beunruhigte und bestürzte Bemerkungen daran.

Nach drei Wochen kam die Anzeige: Hardi Dorreyter und Ludwig von Cöldt, und die Mutter schrieb hoffnungsvoller. Die Verhältnisse seien ja gut. Es sei wohl das beste für Hardi. Zum Herbst wäre Cöldt nach Posen versetzt und wolle vorher heiraten. Er sei sehr verliebt.

Christiane dachte an die Peptone.

Sie schrieb an die Schwester und bekam einen kleinen, halb verlegenen und halb triumphierenden Brief. Fräulein Schmöckler hatte die Anzeige bekommen!

Christiane konnte an der Hochzeitsfeier nicht teilnehmen, denn sie bekam keinen Urlaub, auch das Reisegeld hätte gefehlt. Sie sandte ein Telegramm und durfte es selbst zur Post bringen.

Sie ging an roten Ranken vorbei und sah blaues Wasser und unwahrscheinlich weißes Getürm in der Höhe. Eine gebogene Straße lief in die Ferne hinein.

Nachher mußte sie Schrankrevision halten, fand sehr viel Schokolade und ein Dutzend illegitime Liebesbriefe.

Die Depesche war längst in der Hochzeitsgesellschaft.

Im Winter gab es Tanzstunden, Faschingfeste, Theateraufführungen und Schlittenfahrten. Die Wehrendorf erfror sich in ihrem Glaskäfig die Zehen und wurde in einem Badezimmer einquartiert. Sie hieß jetzt ›die Seejungfrau‹.

Christiane erhielt Botschaft aus Posen. Die Mutter war zu Weihnachten dort.

Nebelzeiten begannen. Die Schlafkammer war lichtlos. Es regnete.

Eines Morgens war das Bett der Holsteinerin leer. Ihre Sachen hingen da. Sie war fort.

Der Aufruhr wurde im Keim erdrückt. Keiner durfte eine Frage stellen. In das Bett kam schon nach wenigen Tagen eine Belgierin, die sehr schnarchte und aussah, als ob sie sich nicht ganz sauber wüsche.

Christiane lag noch immer häufig wach. Sie hörte den Tropfenfall und sah die Verschwundene auf nackten Füßen durch den Tauschnee eilen. Wohin? Wohin? Zu wem?

Sie stand und horchte. Der Föhn heulte. Die Fenster zitterten.

Leise öffnete sie einen Flügel. Schwül schoß es ihr entgegen: drüben war der See. Sie sah ferne Straßen. Wohin? Wohin? Zu wem?

Ihr Herz zitterte.

Am Sonntagabend war es klar. Die Wehrendorf erschrak, als Christiane auf einmal an ihrer Seite stand: »Ich gehe mit dir zur Post!«

Der Wind pfiff. Aus dem geschuppten Wasser sahen entfremdete Sternbilder.

»Hier war es sicher -- hier,« flüsterte die Wehrendorf, scheu auf das Ufer deutend.

Christiane lachte und eilte weiter.

»Wohin willst du?« rief Ada ihr nach.

Es ging bergauf, der Wind kam bergab. Wuchtig und warm schlugen seine großen Flügel, wuchtig schlugen sie auf die brausenden Wasser, wuchtig fuhren sie an Christianens warmen Mädchenleib. Die Sterne zitterten.

Ada Wehrendorf rief aus der Ferne.

Christiane aber ging, wie sie in ihrem Leben noch nicht gegangen war. Sie ging auf der Erde, deren freie Krume sie noch nie so unter ihren Schuhen gespürt hatte, in der Luft, die noch nie so rein in ihren Lungen gewesen war. Sie fühlte im Sturm die Gletscher, über die er gefahren, die Wälder, durch die er gestürzt war, die Wasser, von denen er getrunken hatte. Sie fühlte den freien, dunklen Duft der Welt.

Allein!

Beim Nachhausekommen erhielt sie ihre Kündigung.

* * * * *

Als Christiane der Mutter davon schrieb, kam ein erlöster Brief: »Geh nach Posen. Hardi hat Heimweh. Geh nach Posen.«

Christiane reiste.

Die Polen feierten eben Ostern. Die Stadt inmitten der Wälle war voll gedrängtem Glockengeläut. Man betete und aß, aß und betete.

Herr von Cöldt holte Christiane vom Bahnhof.

»Hardi geht es nicht gut,« sagte er.

Sie begriff erst in diesem Augenblick, in welch ernstes Ehekapitel man sie hereingeholt hatte.

Hardi lag im Schlafzimmer. Sie war viel hübscher, als Christiane sie in Erinnerung hatte, ihr Profil zeigte eine pikante Mischung von Soubrettenhaftem und Sentimentalem. Sie warf dem Mann einen schnippisch koketten Vorwurf zu, der ihn zum Gehen zwang, und fing hinter ihm ein fürchterliches Weinen an. Christiane entdeckte jetzt, auf sie niederschauend, die Veränderung der Gestalt.

Hardi fuhr auf. »Bitte gib mir das Morphium.«

»Morphium nimmst du?« fragte Christiane, an die Mutter denkend.

Hardi warf einen Blick ringsum. »Schon lange.«

»Warum?« fragte Christiane herzlich, sich über sie neigend, »leidest du an Schlaflosigkeit? Oder was ist dir eigentlich?«

»Was mir ist!« Hardi lachte nervös auf. »Siehst du denn nicht, was mir ist -- haha -- --«

»Wie sprichst du nur,« sagte Christiane, »wenn das dein Mann hört --!«

»Das sage ich ihm immer.« Hardi warf sich herum. »Das sage ich ihm. Und noch mehr: er ist schuld.«

Christiane blickte auf sie nieder.

Ihr Herz schlug, leise rann es an sie heran.

»Er hat dich doch lieb,« sprach sie.

Hardi starrte sie gläsern an. »Ja--aa lieb,« sagte sie. Dann deutete sie ringsum. »Hier bleibst du. Mein Mann schläft hinten. Wir bleiben zusammen.«

»Warum hast du ihn denn genommen?« fragte Christiane.

»Weil mir bange war. Weil die Schmöckler mich herausgejagt hatte. Was blieb mir sonst übrig? Stundenlang haben wir überlegt, die Mutter und ich. Es war ja wegen der Mathematik. Das war ja der Haken bei mir. Damit wäre ich nicht durchgekommen ...«

»Das hättest du immerhin noch versuchen können. Deshalb --« Christiane sah sie an, »deshalb -- -- -- Du mußt ihn doch -- -- du mußt ihn doch lieb gehabt haben!«

»Ja--aa. Lieb -- ja. Aber nicht so. Nicht so.« Hardi zog die Schultern ein. »Wenn ich gewußt hätte! -- -- Das hab ich nicht gewußt. Das hat mir niemand gesagt. Sonst wäre ich lieber -- --« sie sah mit irren Blicken um sich.

Christianens Backen brannten.

Vor den Fenstern war weites, flaches Land. Unten auf dem Wall ging ein Infanterieposten.

»Du wirst dich noch daran gewöhnen,« sagte sie leise, »es war der Übergang. Wenn du erst weiter bist --«

»Davor graut mir ja,« rief Hardi. »Deshalb schlaf ich schon nicht mehr. Ich bin ja so schwach. Die Mutter hat Angst, ich komm nicht durch. Jetzt tut ihr's leid.«

»Die Mutter hat dich mit ihren schwarzen Gedanken angesteckt.«

Hardi schauderte. »Damals hatte ich Angst vor dem Examen. Ach -- tausendmal lieber würd ich jetzt ins Examen gehen, als das durchmachen, was mir nun bevorsteht!«

»Du bist hysterisch,« sagte Christiane scharf.

»Ich bin wie die Mutter. Der ist es auch so gegangen. Sie hat keine Kinder haben wollen. Sie hat nie Frau sein wollen. Ich auch nicht.«

»Das hättest du wirklich vorher bedenken müssen. Aber ich glaube, du lachst noch einmal darüber.«

»Jetzt lache ich nicht,« sagte Hardi. »Jetzt bin ich krank.«

Ludwig kam herein. Er und Christiane sahen sich an. Sie fühlte, daß seine Hoffnung bei ihr stand.

* * * * *

Es war noch das alte Posen mit dem dumpfen Gassengedräng, den mächtigen Wällen und den polnischen Dörfern dicht vor den Toren.

Es war urfremdes Land.

Fremd war das kleine, dunkle Volk, die vielen Kirchen und Kleriker, die langen Leichenzüge und der geniale Schmutz. Von der Warthe her kroch der Typhus, von den Dörfern her die Granulose.

Was deutsch war, saß lose obenauf, ging und kam und hatte wenig Freude an der gewagten Existenz.

Nach dem internationalen Gewäsch in der Schweiz war Christianens Blick für einfachere Konflikte offen. Sie hatte Freude an der ungeheuren Spannung, die zu ihr herüberwehte.

Ludwig von Cöldts Chef gehörte noch zur alten Schule, die mit den Polen tafelte. Um ihn herum aber raunte es. Eine deutsche Zeitung, die bisher in politisch gleichgültigem Fahrwasser geplätschert war, hatte sich auf einmal rätselhaft einer anderen Richtung verschrieben und schoß Pfeil auf Pfeil auf den ziemlich wehrlosen alten Herrn. Im polnischen Lager summte Unruhe auf, der heimliche Konflikt wurde bloß. Der Deutsche wehrte sich plötzlich gegen seine geduldete Existenz in diesem Lande, das von seinen Kräften fraß und stark wurde. Der Pole verteidigte seinen uralten Boden.

Der Kampf war da.

Den Anfang dieser Zeit erlebte Christiane Dorreyter in Posen.

Der Frühling wußte nicht viel zu zünden. Auf den Feldern hob sich ein riesiges, eintöniges Grün empor, die wilden, niedrigen Glacisbäume blühten. Die Warthe trieb gelbe Flut aus Rußland.

Christiane begriff, daß es schwer und seltsam war, hier zu leben. Sie kam nicht zum Klaren, ob Cöldts Versetzung eine zufällige war. Jedenfalls war er mit dem Mut der alten Kolonisten hergekommen, und sein Junkerblut drängte zum Kampf.

In Christiane war noch etwas von der freiheitlichen Abendstunde in den Bergen. Sie spürte den Osten wie einen fremden, starken Trank, mit dem sie fertig zu werden versuchte.

Sie schalt über Hardis Gleichgültigkeit. Ludwig gegenüber war sie erst unfrei, ihre Gedanken fielen ihn oft hinterrücks niedrig an. Dann wurde sie ruhiger und fast etwas beschämt.

Seine Art machte sich geltend.

Er besorgte ihr ein Pferd, und in freien Stunden ritt sie mit ihm bald junkerhaft durch die warmen, dampfenden Glaciswälder oder in die Felder hinaus, über denen die Windmühlen gingen.

Anfangs dachte Christiane noch an ihre bisherige Existenz, dann versank das.

Sie war aus einem Traum ins Wahre gekommen oder knüpfte an etwas an, das früher gewesen war.

In diesem flachen, unendlichen Lande war sie schon einmal gewesen, die Zügel in der Faust.

Über diese Straßen war sie schon einmal herrinnenhaft geritten, den Gesellen neben sich.

Es war ein Traum, der aus dem unendlichen Frühling dieser slawischen Unendlichkeit stieg. Es war doch Frühling.

Ludwig suchte sich auch literarisch zu informieren und brachte eine Menge polnischer Literatur an; Krasinski und sogar Kraszewski, vor allem aber Mikiewicz und Sienkiewicz.