Das Feuer hinter dem Berge: Roman
Part 10
Die Mehlmann war ungeschickt und sagte: »Nu, das wird doch das Fräulein Doktor Arndt sein, die neulich bei unserer Vorsteherin war. Die schienen doch gut Freund.«
»Nein,« sprach die Haberkorn triumphierend, »das wird die nicht. Man hat mit vielen Opfern einen Oberlehrer gewonnen. Einen _Mann_!«
Sie sagte das so stolz, als ob sie selber einer sei.
»Wer denn? Wer denn? Ist er hier bekannt?« Die Fragen wirbelten ringsum.
Die Haberkorn zuckte die Achseln.
»Das weiß ich nicht. Auch den Namen weiß ich nicht. Aber wir werden ja sehen.« Sie merkte, daß Frau Dorreyter wieder eintrat.
Die anderen schwiegen.
Sie tranken ihre Likörchen aus. Dann ging das Kränzchen unter vielen begeisterten, immer wiederholten Danksagungen auseinander. Gruppenweise, wie sie grade zueinander stimmten, wanderten die Damen ab. Mai begleitete ihre Familie zum Bahnhof. Sie ging dann durch die Nebenstraßen zurück, um dem Assessor nicht etwa noch einmal zu begegnen. Ihre Rose, die sie hatte nehmen müssen, schenkte sie der Wehrendorf.
Die ging mit zwei roten Blumen und einem kleinen, zart klingenden Traum im Herzen in das Zimmer der Jong. Die Lehrerin hatte schon Adas Betten, die tagsüber in einer Lade verwahrt wurden, auf das Sofa geworfen und räumte bereits das darüberhängende, zu stark belastete Bücherbrett ab.
Ada half ihr eilig und legte die Bücher beiseite.
Es waren ein paar alte Lexika, ein Dictionnaire, ein paar Reclamheftchen und ein Band Fulda: ›Die Hochzeitsreise nach Rom‹.
Dann ging Ada schlafen.
* * * * *
Frau von Cöldt saß in ihrem bequemen Liegestuhl am Fenster ihres Zimmers. Eine sacht behagliche Stimmung erfüllte sie, ohne daß sie ganz genau darum wußte. Der Haushalt war in den Händen des Fräuleins gut aufgehoben, auch Hanni war unter Aufsicht.
Frau von Cöldt überdachte die gestrige Vereinssitzung bei Frau Colb und wühlte wichtig in ein paar Drucksachen, die eben gekommen waren -- Vereinsangelegenheiten. O, sehr interessant! Ob man die Wöchnerinnenpflege noch weiter ausdehnte?
Sie sann lange darüber nach.
Dann fiel ihr Ludwig ein. Er war heute schon früh nach dem Walde gegangen. Es war ein Wintertag, dick lag der Schnee draußen, der Himmel war förmlich finster gegen alles Weiß.
Merkwürdiges Sonntagsvergnügen, dachte sie. Aber an Wochentagen machte er es oft ebenso. Eine Unruhe war in ihm.
Er war schon eine Weile fort.
Sie dachte ein paar Sekunden darüber nach, dann vertiefte sie sich weiter in ihre Vereinsangelegenheiten. Nur nicht grübeln -- mit ihren Nerven war es dann sofort vorbei. Ein Sturz und alles war wieder beim alten. Hardi hatte manchmal das Gefühl, als ob sie auf einer ganz dünnen Eisdecke lebte. Nur sich nicht rühren, sonst brach sie ein.
Aber das Leben auf diesem schwachen, einsamen Fleck gefiel ihr.
»Sie haben einen sehr guten Ehemann,« sagten ihr die Damen, obwohl sie auf ihre eigenen auch nichts kommen ließen, so vertraut waren sie miteinander nicht.
Ja gewiß. Er mußte sich nur mehr Bewegung machen. Reiten oder Brunnen trinken. Sie hatte ihm selber gesagt, er solle sich wieder ein Pferd anschaffen, aber er hatte nicht gewollt.
Da lief er im Walde herum.
Mochte er.
Wieder spürte Frau von Cöldt die ganz dünne Eisdecke, auf der ihr Leben aufgebaut war -- sie spürte, daß sie zitterte.
Nur Ruhe --! Sie verkroch sich innerlich. Der Verein -- das war ja genug.
Jetzt fing ein starker Schnee draußen an.
Sie ließ ihre Hefte wieder sinken und starrte hinaus, eine ganz sonderbare Stimmung überkam sie, etwas von einer ungeheuren, ratlosen Angst, wie aus Kindermärchen. Als brächte ihr der Schnee draußen ein Verschütten und Vergehen, ein Verschwinden vor Frühlingsanfang. Als fiele dieser Schnee langsam über ihr Leben hin, das doch so wohlgewahrt hinter den Scheiben saß. Wo war sie übers Jahr -- --?
O, was war denn das -- was war denn das -- --?
Sie starrte wieder hinaus.
Wie das fiel. Auf Dach, Straße und Haus. Wie das in den Wald fiel und über alle weiten Felder. Schnee auf Schnee.
Sie reckte sich. Es war doch schon Januar. Das Schlimmste war doch schon vorbei. Noch vier, acht Wochen, und die Amseln pfiffen wieder. Noch vier, acht Wochen, und der Winter war vorbei.
Warum fürchtete sie sich?
Sie saß doch so warm.
Da kam Ludwig ja wieder. Er sah ganz weiß aus. Sie ging selbst auf den Flur und rief ihn an.
»Wie siehst du aus,« sagte sie.
Er blickte sie aus dunklen Augen an und antwortete nicht.
Sein Gesicht war gelb. Er wurde alt.
Sie ging in ihr Zimmer zurück und dachte weiter: wie alt war er denn schon? Er war ja nicht mehr ganz jung gewesen, als er sie heiratete.
Ja, und was hatte er gehabt?
Sie fühlte wieder, wie die Eisdecke erbebte, mein Gott, er hatte doch seinen Beruf. Es ging ihm gut. Er stand glänzend beim Präsidenten, sie wußte es, aus den Reden und dem Wesen der anderen hatte sie es gemerkt. Und sie kannte ihn ja doch. Er war die altpreußische Gewissenhaftigkeit selber. -- -- Und sein Herz hing ja doch nicht mehr an ihr. Sie hatte es in der Sekunde erkannt, in der sie damals wieder zu ihm gekommen war. Vorher glaubte sie sein verändertes Wesen nur auf die Enttäuschung zurückführen zu müssen, auf die feige und mutlose Art, die sie ihm gegenüber gezeigt hatte -- aber dann spürte sie: es war etwas anderes, sein Sinn war bei etwas anderem -- er machte sich nichts mehr aus ihr.
Und bald hatte sie Klarheit gehabt.
Wie er auf jeden Brief Christianens paßte, wie er es so gern übernahm, ihr zu antworten, wie sorgfältig und ruhig er schrieb, und doch war etwas darin -- sie überlas die Zeilen -- ja, sein Herz war darin!
Beim zweiten Mal war sie viel tapferer, obwohl ihr Zustand bewies, daß ihr Schrecken einen guten Grund gehabt hatte, und zugleich fühlte sie sich wie von einer Last erleichtert -- sie hatte ihm ihre Gesundheit geopfert, sie hatte genug getan!
Nun konnte _sie_ fordern!
Und er gab ihr alles, was sie wünschte, und alles war gut, bis das Kind größer wurde.
Da sahen sie beide, wie sonderbar Hanni in ihre Ehe hineinpaßte, und wußten, daß sie sich nicht geliebt hatten.
Nun also -- was wollte er noch?
Christiane konnte er ja niemals haben, das stand weder in seinem, noch in ihrem Katechismus, solche Dinge taten sie nicht.
Die Gartentür klirrte -- es kam wohl Besuch. Sonntagsvisiten. Mochte Ludwig annehmen, wenn er Lust hatte, sie ließ sich von Fremden niemals sprechen, wenn es nicht in Vereinsangelegenheiten war.
Flüchtig horchte sie. Unten gingen Türen. --
Ludwig hatte die Karte verwundert besehen: Richard Bartelmes, =Dr. phil.=
Ach so, das war wohl der neue Oberlehrer an der Reutterschule? Was wollte der bei ihm? Nahm's wohl sehr gewissenhaft, klapperte alle Honoratioren ab. Na, den wollte er sich ansehen.
Es war ja schon im voraus genug über ihn erzählt worden. Man sollte ihn an gewisser Stelle förmlich gebeten haben, anzunehmen. Er war ein Licht. So eine besonders moderne Sorte Reformlehrer. Schriftstellerte über allerhand Ästhetisches und hatte die neuesten Ideen, die es gab. Kunst in der Schule! Es hieß, er sei aus der westdeutschen Stadt nur privater Verhältnisse wegen weggegangen. Einzig diesem Grunde verdankte Markburg das Glück seiner Zusage.
Jetzt kam der Reformoberlehrer.
Was er sagte, war gewandt. Ludwig entdeckte auf den ersten Blick weder eine Teutonische Wucht, noch eine Spießbürgerlichkeit. Der Mann sah ganz weltmännisch aus.
»Sie werden sich an meinen Namen wohl nicht mehr erinnern, Herr Regierungsrat,« sagte er verbindlich, ihm mit den etwas runden dunklen Augen im Gesicht forschend.
»Ihren Namen hat man in der letzten Zeit hier oft im Blatt gelesen,« erwiderte Ludwig.
»Es war aber auch einmal eine Erinnerung für Sie damit verbunden -- wenn ich nicht sehr irre. -- Ich bin ein geborener Westpreuße, mein Vater war zuletzt in Thorn Major vom Platz.«
»Der alte Bartelmes,« fuhr Ludwig ein wenig vor -- bis jetzt hatte er eine kühle Gleichgültigkeit gezeigt, fast mehr, als korrekt war -- Christianens wegen! Er wußte doch, daß dieser Mann ihr als Stein in den Weg geschoben war, daß seine, grade seine Berufung etwas wie ein verstecktes Mißtrauensvotum war -- im Reutterschloß sollte die Persönlichkeit eines bedeutenden Mannes wieder mit ins Gewicht fallen!
Man hatte deshalb keinen ganz Jungen gewählt.
Bartelmes war nicht sehr viel jünger als er selbst.
»Ja, Major Bartelmes kannte ich,« fuhr er nun ruhiger fort, auf seine Hände schauend, »aber an seine Familie erinnere ich mich nicht mehr.«
»Das ist leicht erklärlich. Mein Bruder und ich waren damals im Kadettenhaus und kamen nicht oft nach Hause. Freilich haben wir es in der militärischen Zwangsjacke nicht sehr lange ausgehalten.« Er lächelte und fuhr leicht über seinen sehr gepflegten, kurzen dunklen Vollbart. »Leider sind wir alle etwas aus der Art geschlagen. Mein Bruder ist Musiker, meine Schwester Schauspielerin.«
Es war, als ob er das dem Herrn Regierungsrat mit besonderem Wohlgefallen sagte.
»In der Tat? Ganz künstlerisch! Herr Major Bartelmes --«
»War es nicht,« ergänzte der Doktor mit einer etwas sonderbaren Stimmfärbung.
Cöldt entsann sich. Der Major hatte getrunken. Und hatte dann unklarer Dinge wegen weggemußt.
Also die Kinder dieses Trinkers waren Künstler geworden, und der Herr Doktor war vermutlich Abstinenzler.
Er sah ihn mit leiser Ironie an.
Etwas stieg in ihm auf, das wehrte sich riesenstark gegen den Menschen. Er horchte in sich hinein: wie kam er zu solch vorweltlichen Haßgefühlen?
Ach, ein Grund war wohl da: Christiane.
Sie soll es aufgeben, dachte er plötzlich, sie soll die Sache einfach hinwerfen. Sie ist doch kein Mensch, dem man mißtrauen darf.
Und plötzlich kam es erlösend über ihn: sie wird sich nicht ducken lassen.
Jetzt wurde er freundlicher. Befragte den Herrn nach seinem Studiengang und seinen Werken.
Der antwortete zurückhaltend.
Also immerhin ein Offizierssohn, vermutlich doch wohl noch in einigem wesensverwandt. Wahrscheinlich wollte er in der Gesellschaft verkehren? Ob er keine Frau hatte? Es schien doch nicht.
Und plötzlich überkam Cöldt wieder ein neues Gefühl: die Eifersucht.
Er sah, daß Richard Bartelmes gut gewachsen war, sich gut hielt und ein regelmäßiges, gesundes Gesicht hatte, nicht junggesellenhaft zerknittert. Der hat gelebt, erkannte er plötzlich. Ein Mucker ist der Herr Doktor nicht, trotz seiner Reformen.
Bartelmes verabschiedete sich. --
Um zwei Uhr erschien Christiane mit ihrer Mutter, wie sonntäglich üblich, zu Tische und blieb hernach bis zum Abend.
Ludwig erzählte von dem Besuch.
»Er war bei mir,« sagte Christiane ohne Aufregung, aber mit einem seltsam konzentrierten Blick, »allzu gewaltig können seine Reformideen nicht sein, da er beim Provinzialschulkollegium so in Gunst steht.«
»Und du wirst ihm wohl nicht mehr Einfluß gönnen, als ihm gebührt?«
Sie sah ihn ruhig an.
»Er bekommt den Raum, der ihm gehört. Nicht einen Zoll mehr.«
Er merkte, daß ihr Gesicht in seinen Linien schärfer und härter geworden war.
Sie begaben sich in Ludwigs Zimmer, die Mutter blieb bei Hardi im Salon. Dort redeten sie vom Verein. Hanni saß gleichmütig und kaltblütig dabei und häkelte.
Frau Dorreyter hatte nie eine Ahnung von dem gehabt, was Christiane und Ludwig verbunden hatte. Hardi hatte niemals etwas angedeutet und verriet auch jetzt nichts, obwohl sie den beiden merkwürdig nachgeschaut hatte.
Christiane ging drinnen an einen Tisch, auf dem neue Bücher lagen. »Hier,« sagte Ludwig und hielt ihr einen Band hin.
Es war ein neues Buch von Mereschkowski über Tolstoi und Dostojewski.
Sie las, in einen der tiefen Ledersessel gedrückt. Er saß ihr gegenüber und las und rauchte. Sie liebte den feinen Zigarrenrauch sehr, wenngleich sie selbst nie rauchte. Dann und wann hielten sie inne und sprachen ein wenig, oder sie ließen nur ihre Bücher sinken und sahen sich kurz in die Augen.
Es war etwas von einem alten Rausch dabei.
Als Christiane und ihre Mutter gegangen waren, trat Ludwig wieder in sein Zimmer zurück und zog die Schiebetür leise zu. Hardi war noch im Salon mit Hanni beschäftigt und hörte das sachte Vorfallen des Holzes.
Der Zigarrenrauch war ein wenig eingedrungen und durchwebte die Luft des Salons. Hardi erhob sich, machte ein paar Schritte und vertrieb den Rauch mit der Hand. Sie ging näher an die verschlossene Tür heran, und es war, als ob sie horchte oder etwas überlegte. Dann aber wandte sie sich, nahm ihr Kind an die Hand und ging mit ihm die Stiege hinab in ihr eigenes Zimmer.
* * * * *
In der Reutterschule war doch einiges anders geworden.
Christiane beobachtete es aber von einem stillen gleichmütigen Lauscherposten aus.
Doktor Bartelmes hatte den Ton im Kollegium verändert. Er war der Haberkorn so liebenswürdig entgegengetreten, daß sie ihre kratzbürstige Art wider Willen vergaß; sie kam in seiner Gegenwart einfach nicht dazu. Er war anders als ihr Freund, der Professor Diermann, dem noch ganz und gar die alte Zeit in den Gliedern gesteckt hatte, und auch anders, als die übrigen Herren, die den Damen mit wenigen Ausnahmen doch am liebsten aus dem Wege gingen. Bartelmes nahm die Haberkorn so wichtig, wie sie sich selber vorkam, und wenn ein heimliches Blinzeln und Flirren manchmal dabei in seinen Augen war, so merkte sie das nicht.
Auch mit den anderen wußte er fertig zu werden. Nicht nur, daß er das gute Mehlmännchen allerorten neckte und von ihr schon einmal eine Büchse köstlicher Marmelade geschenkt bekommen hatte (sie erkundigte sich nachher bei sämtlichen Damen, ob man auch nichts ›dabei gefunden‹ hätte), sich von Fräulein Jong Fußtouren sagen ließ, den jungen Praktikantinnen und Mai mit viel Ritterlichkeit gegenübertrat, das physiologische Phänomen der Seifert und ihre sonstige Vortrefflichkeit genügend anerkannte -- auch mit den Kollegen wußte er sich zu stellen, und mit dem Zeichenlehrer sah man ihn sogar oft. Nur die kleine Wehrendorf beachtete er nicht, aber die hatte ja immer Pech.
Man begriff manchmal nicht mehr recht, wie man sich innerlich so schroff vom anderen getrennt und nur bei feierlichen Gelegenheiten offiziell zusammengefunden hatte --, man war ja gleich und beim gleichen Werk eingespannt.
Bartelmes widersprach seinen Büchern nicht. Er hatte noch Idealismus.
Die Haberkorn wurde auch idealistisch. Bisher hatte ihre Stimmung sich immer nach ihren Nerven gerichtet oder je nachdem sie geschlafen hatte -- jetzt kam sie alle Morgen strahlend frisch, und ihr zweites Wort war immer ›Die Kindesseele --‹. Sie schwärmte jetzt nicht nur für die geheimrätliche Meckebier, sondern auch für alle anderen Zöglinge, ihr Herz wurde butterweich -- es war doch ein schöner, edler Beruf!
Sie fühlte sich glücklich.
Auch den anderen ging es ähnlich, und Christiane mußte sich sagen: er hatte es gemacht, nicht sie. Obwohl sie mit gutem Willen, mit Gerechtigkeit und Liebenswürdigkeit begonnen hatte -- er hatte es gemacht, nicht sie.
Sie wußte, woran es lag. Es war etwas Uraltes, das in diesen älteren und jüngeren Mädchen unbewußt lebendig wurde. Es war auch ein heimlicher wissender Trotz gegen sie dabei. Sie wollten das Tun dieses herangerufenen Fremden doppelt wiegen.
Christiane beobachtete ihn mit kühler Zurückhaltung, fand, daß er anscheinend eine gute unterrichtliche Begabung und vor allem ein gewisses, verschleiertes Künstlertum besaß, von dem freilich nicht zu ersehen war, wie weit es reichte.
Er hatte Christianens Pläne, von denen sie ihm gesprochen hatte, mit großer Entschiedenheit abgelehnt.
Ein Seminar, eine harte, nüchterne Beruflichkeit, ja nur ein Hineinmischen solcher Dinge hier an der vornehmen Schule war für ihn ein Unding. Man sollte froh sein, daß diese moderne Unumgänglichkeit hier noch umgangen werden konnte! Diese Mädchen stammten sämtlich aus solchen Verhältnissen, daß man sie zu echten Frauen erziehen konnte, zu der modernen Weibpersönlichkeit, die die Frauenbewegung niemals zu schaffen vermochte.
Kultur, ja, die brauchten diese jungen Markburgerinnen herzlich notwendig, Schönheit, die mußte man ihnen geben. Man sollte sie das reine Genießen lehren, die schöne Haltung, das ganze Begreifen der Gegenwart, aber man sollte sie nicht mit häßlichen Klammern verzerren.
Christiane kannte sein Buch ›Die unerreichbare Frau‹, das nach einem neuen, noch unbekannten Frauentypus rang, während er die ›Karrenschieberinnen‹, wie er sie nannte, als ewig kulturlos beiseite warf. Er wollte hohe, starke Geister, volle Teilhaberinnen am modernen Leben, aber keine Frauen mit Examen, mit dem Sinn an ein enges Fach gebunden, mit den Gedanken an Geldverdienen. Er knüpfte an die großen Frauen des achtzehnten Jahrhunderts an und rief ein hohes Idealbild auf.
Warum sattelte er nicht um und ritt mit seinen Gedanken ganz in die bunten Felder der Phantasie?
Denn er war ein Phantast.
Sie begriff nicht, wie die Frauen ringsum sich so für ihn begeistern konnten -- er lehnte sie ja alle ab. Er verachtete sie innerlich grausam, obwohl er ihnen äußerlich zu Hilfe kam; diese Hilfe war verkappter Spott.
Christiane fühlte: er sah sie auch nicht anders. Sein Schauen war ihr gegenüber wenigstens geteilt. Halb ließ er sie gelten, halb lehnte er sie auch ab.
Ihre Schriften ignorierte er vollständig.
* * * * *
Christiane begegnete dem Doktor Bartelmes eines Abends bei Cöldts. Er machte eine sehr gute Figur, und plötzlich horchte sie überrascht: er suchte wahrhaftig Geist in die Unterhaltung zu bringen! Mit zweien, dreien hatte er ein interessanteres Thema angefangen -- jetzt horchten schon mehrere darauf.
Er kam aus geistig reger Stadt, kannte viele Großstädte und Künstler. Es war nicht die geringste Prahlerei an der Art, in der er das vorbrachte, es kam ganz zufällig.
Er war vorzeiten Gast im literarischen Kreise zu Schreiberhau gewesen, kannte Reicke und Bölsche -- für Bölsche interessierten sich sogar die Markburger jungen Damen, der war ja populär! Er hatte etwas von der merkwürdigen Friedrichshagner Zeit kennen gelernt, war in München und in Bayreuth bekannt und hatte in Weimar Beziehungen. Vieles war durch seinen Bruder gekommen, der aber ein etwas schwankendes und unklares Genie zu sein schien und einmal eine preußische Wachtparade im Stil des alten Fritz, ein andermal eine Oper komponierte und jetzt an einer modernen Operette war. Die Schwester war in Dresden und bei der Dumont engagiert gewesen und sollte jetzt zu Reinhardt kommen.
Es schien doch Leute in Markburg zu geben, die da wußten, was Reinhardt augenblicklich bedeutete.
Bartelmes kannte auch Yse Bernhart.
Christiane sah ihn überrascht an.
»Ich traf Fräulein Bernhart erst vor kurzem in Weimar.«
»Dann hat sie gewiß auch von mir gesprochen.«
Christiane sah starr in die flimmrigen schwarzen Augen des Mannes.
»Ihren Namen nannte sie allerdings, Fräulein Doktor,« erwiderte er langsam, während sein Blick etwas nach unten strich -- und Christiane begriff jäh: der wußte mehr von ihr, als sie geahnt hatte. Der hatte sie schon gekannt, ehe er hierher kam! Er wußte, aus welcher Flut sie gestiegen, wie ihre Entwicklung war -- grade aus dieser Verbindung heraus!
Sie fühlte sich ihm gegenüber plötzlich rätselhaft ärmer, als ob sie ihm gebeichtet hätte. Etwas zwischen ihnen war verschoben. Nicht, daß Yse etwas verraten hätte, aber ihre Freundschaft sagte dem Psychologen schon genug! Und Bartelmes war ein Frauenpsychologe, wollte es wenigstens sein, und so fühlte sie sich ihm gegenüber plötzlich nicht mehr als das ruhig, straffe Fräulein Doktor, die moderne Herrscherin, sondern --
Rief noch immer etwas in ihr nach dem verbotenen Gestade -- --?
Ihr Blick irrte zu Ludwig. Er stand nicht weit entfernt von ihr.
Er war nie weit entfernt von ihr.
Sie sahen sich an.
In dem Augenblick wurde ihr Bartelmes von einer Dame weggewinkt. Es ging wohl um den Frauenverein, in dem der Doktor Kunstvorträge halten sollte, vielleicht aber auch um andere Dinge, denn sie wären im Alter zu einer Partie grade recht gewesen.
Er schien aber nicht daran zu denken.
Sie merkte, daß er während aller Liebenswürdigkeiten, die auf ihn einkamen und die er weltmännisch und mit dem kleinen Künstlerhauch erwiderte, doch immer wieder zu ihr schaute.
Sie kannte den Blick.
Es war etwas von dem darin, den Ludwig für sie hatte. Den schon mancher Mann für sie gehabt hatte: das eigentümlich überlegende Sinnen, das innere Festgehaltensein.
Ludwig! Ludwig!
Nachher brachte Bartelmes sie nach Hause.
Es war Tauweiche in der Luft. Noch lag alles voll Schnee. So viel Schnee hatte man in den Jahren hier nicht mehr gehabt. Schnee auf Schnee lag im Walde. Wälle, die vorm Feind geschützt hätten, waren um die Felder und Dörfer geschichtet. Schnee um Schnee war in der Welt. Aber ein flüchtiger Tauwind zog darüber.
Sie begann unwillkürlich wieder von Yse.
»Ich sah sie lange nicht. Sie schreibt mir auch nicht mehr.«
»Dafür liest man, was sie für alle schreibt,« sagte er.
»Das lassen Sie also gelten?« fragte sie. »Das, was _sie_ schafft?«
»Was sie schafft, ja. Denn es ist etwas Gegebenes, die Aussprache einer inneren Kultur. Ich freute mich herzlich, wenn ich unter meinen Mädchen ein solches Fünklein entdecken könnte -- blasen und blasen würde ich -- aber leider glimmen solche Feuer in Markburg nicht auf!«
Christiane fragte plötzlich nach seiner Schwester.
Er sagte langsam: »Fräulein Doktor Dorreyter, Sie werden sich wohl darüber klar sein, was für einen Weg sie gemacht hat. Vor Ihnen will ich das nicht verhehlen. Es hängt etwas daran, ehe eine arme Offizierstochter eine bekannte Bühnenkünstlerin wird.«
Sie nickte schwer.
»Aber meine Schwester ist echtes Künstlerblut,« setzte er hinzu, »und es hat keinen Ballast für sie bedeutet.«
»Und Sie, Herr Doktor?« fragte Christiane plötzlich, »wie stellen Sie sich als Bruder dazu?«
»Daß sie diesen Weg machen mußte,« sagte er leichthin. »Vielleicht ist in späterer Zeit auch der Bühnenberuf eine Versorgung für untadelige höhere Töchter und mit allerhand Besen gesäubert. Aber ich -- möchte es nicht hoffen. Ich -- glaub's nicht. Dickicht muß sein. Grade hier. Unkraut muß sein. Grade hier.«
Er bog sich ihr zu.
»Nicht wahr, das sind nette Anschauungen? Aber ich bringe sie nicht in das Reutterschloß.«
Er sah blinzelnd nach dem Haus, das jetzt inmitten der weißen Nacht sichtbar wurde.
Sie wußte gar nicht, was er da zu schauen hatte, legte die Hand auf den Knopf und klingelte.
Jetzt tauchte die Hausmeisterin mit ihrem Laternchen auf.
»Ich danke Ihnen, Herr Doktor,« sagte Christiane kühl und reichte ihm die Hand.
»Auf Wiedersehen, Frau ... Äbtissin,« sprach er langsam mit einem Lächeln, das sich in seinem Bart verkroch.
* * * * *
Am anderen Tag begegnete er ihr ganz unbefangen und fragte sie, ob sie nicht einmal ihren Garten öffnen wollte. Er würde seine Mädel gern mal hineinführen, so lange noch Schnee sei. Jetzt könnten sie ja keinen Schaden anrichten.
Ihr war es noch nicht eingefallen, den fremden Kindern ihr einsames Geheimnis preiszugeben, noch viel weniger den Kollegen und Kolleginnen. Der Garten war auch jetzt ein Märchen. Sie schaute von ihren Fenstern aus oft hinein, und nur ihre Fußspuren gingen einsam durch den Schnee. Der Garten war ihr Schönstes.
Aber sie sah keinen Grund nein zu sagen. Denn in ihrem Amt durfte sie eigentlich gar nichts für sich allein haben. Alles mußte dem Zwecke dienen, dem sie sich einmal gelobt hatte.
Sie stand am Fenster und gewahrte, daß der Doktor zuerst allein hineinging. Er schaute auf ihre Fußspuren und verfolgte sie langsam bis zum Tempel mit dem blauen Griechenbild. Auf einmal hatte sie das Gefühl: es ist ihm gar nicht um das Schneeballen der Kinder -- er will nur wieder spähen. Er hat ein halbes Bild von dir und will neue Züge haben. Er sucht sie sich.
Sie sah, wie er ging und ihre Spuren verdarb.
Sie sah, wie er durch ihren weißen Schneegarten ging.
Auf einmal fühlte sie das Widrigste an ihm, das eine Frau an einem Mann empfinden kann.
Sie trat zurück. Ihre schwarze Gewandschleppe rauschte.
Dann hörte sie Kinderlärm.