Das Feuer hinter dem Berge: Roman

Part 11

Chapter 113,776 wordsPublic domain

Jetzt flog es da unten hin und her. Ball auf Ball. Der Doktor warf seine Bälle immer den hübschesten Mädchen zu. Die wußten das und warteten darauf. Sie lachten.

Christiane dachte jäh: im Grunde wird Bartelmes mit diesen Mädchen gut fertig.

Bestand da irgend eine geheimnisvolle Wirkung, ein heimliches Gegenspiel -- Funke und Funke -- --?

Oder war er wirklich auf diesem Gebiete besonders begabt?

Ihr fehlte die große Begeisterung, die in dem Werk an den verwöhnten Kindern eben wirklich ein Werk sah. Heimlich hatte es schon oft in ihr gerissen: wärst du doch dort geblieben, wo du warst, wo du junge Kämpferinnen vor dir hattest, Wesen wie du, die ihren Sinn gespannt auf alle Dinge des Wissens richteten und ihren Lebensgehalt vom Wissen erwarteten --! Das Nutzlose ihres Schaffens stieg vor ihr auf.

Die hier sind anders. Sie sind vom anderen Ufer. Sie sehen kühl und lächelnd auf dich und denken: du bist alt. Sie sehen dein Kleid und denken: hu, so möchte ich nicht sein.

Sie schauen nach dem, was du nie besaßest, und sie werden es besitzen. Alle, alle werden es besitzen.

Neid kam in ihr auf, Neid auf diese jungen, werdenden, schönen, leichtbeschwingten Dinger.

Sie vermochte ihnen nichts Dunkles anzudenken, und sie sollten es auch nicht verstehen. Sie sollten den Weg gehen, den dieser Mann, dessen Nerven in einem starken, sinnlichen Weibesverstehen zuckten, ihnen anweisen würde.

Sie selber konnte hier nicht anwenden, was sie eigentlich war, nicht werden, die sie war.

Vielleicht nie und nirgends.

Sie war in einer Sackgasse verrannt.

Ihre besten Gaben, ihr Geist, ihre Klugheit, ihre Sehnsucht, ihre uralte Kultur -- das alles war knapp eingespannt und kläglich halb ausgenützt. Das andere verfiel.

Torheit war es, zu glauben, daß ein Beruf eine jede Frau höher brächte ... dazu durfte man nicht Vollblut sein. Er entwickelte eine brave, nüchterne, praktische, manchmal sogar trostlose Seite, aber ein geistiges Wachsen brachte er nicht. Die ersehnte Hochkultur brachte er nicht.

Sie hätte eine dieser Frauen werden können, wie sie Bartelmes suchte, einer der vornehmen, neuen Geister, die alte und neue Kultur, Traditionen und Erworbenes in sich vereinten -- war es nicht das, was sie Jahre und Jahre hindurch mit verbotenen Wünschen heimlich ersehnt hatte?

Mit Ludwig hätte sie reiten, an seiner Seite mit an seinem Werk bauen, das ganze Leben der Nation in seiner Entwicklung, in seinen Kämpfen und Bedrohungen mit erleben wollen -- sie wäre eine kostbare Teilhaberin geworden!

Wohin er auch gelangt wäre, immer hätte sie unübersehbar an seiner Seite gestanden, keine Nichtstuerin, kein Weibchen, sondern mit weiten Flügeln hinaufstrebend zu dem Hochbild der neuen Frau.

Sie fühlte sich plötzlich umspannt, beunruhigt, in alte Qualen gestürzt.

In ihr spähte es ja immer noch. Es war, als ob ihre ganze Seele dem Leben gegenüber jetzt atemlos auf dem Lauscherposten stünde, ehe sie sich enttäuscht für immer abwandte und in Niederungen verkroch.

Sie vergaß ihre Grenzen und ihre Würde.

Sie starrte zu den jungen Dingern hinab, und ihre Hände zuckten, wie ihr Herz.

* * * * *

Um zwölf Uhr -- das Glockenspiel der Agnetenkirche summte durch die weiche, dicke Luft -- guckte Mai Friedlein aus dem Tor des Reutterschlosses sehr bestürzt in das Gewimmel. Schon wieder so viel Schnee, und sie hatte keinen Schirm. Schon wieder so viel Nässe, und sie hatte ihren guten Hut auf.

Da kam es von rechts und von links.

Sie wußte gar nicht, wohin sie zuerst schauen sollte, und war von dem Übermaß unerwarteter Ritterlichkeit förmlich entzückt. Das war hier doch sonst nicht Sitte! Sicher hatte Dreher Bartelmes beobachtet, sein Vorhaben erraten und kam nun von der anderen Seite gleichfalls mit seinem Schirm und einem galanten Spruch.

Sie warf den Kopf zurück und sah noch viel schöner als gewöhnlich aus.

»Wie soll ich mich da entscheiden?« sagte sie lachend, »am besten ist es wohl, ich nehme einen Schirm, und die Herren gehen zusammen unter dem anderen.«

»Ihr Hut muß sehr geschützt werden,« meinte Dreher, der im Herzen wieder erwog, wieviel solch ein Hut kostete. Er hätte den Vorstoß nicht gewagt, sondern hätte sie seelenruhig im Schnee gehen lassen und wäre höchstens zärtlich hinterhergestapft -- wenn er nicht noch rechtzeitig den anderen gewahrt hätte. Nein, dem gönnte er sie nicht! Dem Bartelmes nicht!

Sie hatte einen Schirm angenommen, und zwar, vielleicht zufällig, den des Doktors.

Nun liefen die beiden Herren neben ihr her, einer rechts, einer links.

Jeder im Schnee.

Mai beobachtete das mit großer Schärfe und fand, daß die breiten Flocken dem Doktor besser standen, als Dreher, dem sie lächerlich an der Nase vorbeitrudelten. Auf Bartelmes blieb der Schnee förmlich zärtlich liegen und zerfloß dann schnell, wie von einer ungeheuren Wärme aufgezehrt.

Wenn man nur wüßte, was für Gedanken er hatte!

Sie mahnte sich selber: Vorsicht! Vorsicht!

Die Erinnerung an den Assessor kam wieder.

Noch immer war kein sicherer Bewerber aufgetaucht. Die Mutter war noch nicht wieder in die Stadt gekommen.

Dreher redete wenig, horchte aber aufmerksam auf den anderen. Der erzählte vom Theater (das für Mai auch keine ganz angenehme Erinnerung war) und vom Rodeln, das er für seine flotten Schülerinnen eingeführt hatte. Ein Wall im Stadtpark war dafür hergerichtet worden.

Er hatte auch Winterwanderungen aufgebracht.

Nun bot Bartelmes sich Mai zum Führer an: »Wenn Sie einmal den Versuch machen wollen, so bin ich gern bereit, Sie zu unterstützen.«

Sie merkte, was für ein Gesicht Dreher zog, und bedachte sich.

»Ich werde es mir überlegen.«

»Zu unserm Rodeln müssen Sie aber kommen,« redete Bartelmes zu. »Heute nachmittag sind wir im Stadtpark, meine Mädel und ich.«

Der Stadtpark verursachte ihr auch keine angenehmen Erinnerungen.

»Kommen Sie doch, Fräulein Friedlein,« bettelte er.

Sie besann sich rasch. Wenn sie recht spät kam, war das Rodeln beendet, und dann hatte sie noch den Heimweg mit dem Doktor. Sie konnten sich einmal sprechen. Wann war das sonst möglich? Im Reutterschloß war man doch umspäht und beobachtet. Er war doch schließlich -- -- vielleicht -- zu rechnen. Der langweilige Dreher entschloß sich doch nie.

Sie blieb stehen, denn sie war am Stieglitzberg. Eben wollte sie zusagend antworten, in Gegenwart Drehers antworten, und sie wußte, was das für den bedeutet hätte. Denn der haßte das Rodeln, erstens, weil man sich dabei erkälten konnte, und dann, weil es unnötige Anstrengung war.

Da sah sie in Bartelmes Augen.

Mai Friedlein war mit der Zeit klug geworden. Sie hatte ihre Erfahrungen und eine gewisse sehr feine, treffsichere Männerpsychologie.

Lächelnd und sehr unbefangen sagte sie: »Nein, Herr Doktor, es tut mir sehr leid -- ich rodle, offengestanden, nicht sehr gern. Sie verzeihen also, wenn ich -- fehle.«

Und damit gab sie dem alten Junggesellen, dem Dreher, die Hand. Instinktiv sehr fest. Und er antwortete mit einem Druck, der ein Kompliment war, eine große Anerkennung. Eine Sorge war von ihm genommen.

Sie war doch nicht zu -- schön.

Die Herren sprachen nicht viel untereinander, als sie zu Tisch gingen.

* * * * *

Ludwig brachte Christiane ein Buch, von dem sie gesprochen hatten, und fragte, ob sie zum Abend zu ihnen kommen könnte. Es sei aber niemand weiter da.

»Heute abend geht es nicht,« antwortete sie, das Buch leicht in der Hand drehend, »heute fahre ich nach der Oper. Götterdämmerung.«

»Siegfrieds Tod,« sagte er mit leichter Ironie, die sie nicht verstand.

»Ja, Ludwig, es ist mir hier manchmal zu eng,« sprach sie, aufstehend und ein paar unruhige Schritte durchs Zimmer machend, »ich muß etwas anderes haben, wenigstens einen Ton von Ungewöhnlichkeit. Es ist ja nur kurz,« fügte sie hinzu, »sieh, so musikalisch bin ich nicht, daß ich Wagner vollkommen verstünde. Ich habe nur _gelernt_, ihn zu verstehen. Das ist nicht viel. Im Anfang werde ich kalt sein. Ich werde die Pappen und die Leinwand der Dekorationen am deutlichsten sehen und die koketten Arme der Sängerinnen. Dann werde ich anfangen zu hören und für eine Weile im Strudel untertauchen. Aber wenn es aus ist, Ludwig, dann ist es auch für mich aus,« setzte sie traurig hinzu, »ich nehme nichts mit. Keinen Rausch, keinen Traum, keine Erhebung. Davon bin ich ausgeschlossen.«

»Aber warum suchst du dir nicht eine Sprache aus, die du ganz verstehst?« fragte er.

»Ich sage dir ja, ich suche das Ungewöhnliche,« antwortete sie.

Er sah sie schärfer an.

»Christiane, ist es dir zu -- schwer?« fragte er halblaut, »dann -- wirf's doch hin. Wirf die Sache hin. Such dir Größeres. Sieh, ich sprach damals nicht dagegen, als du kommen solltest, weil ich« -- er stockte eine Sekunde -- »weil ich dich wieder nahe haben wollte. Weil ich dachte, wir könnten uns auch so etwas sein. Du mir und ich -- dir.«

»Was können wir uns sein, wenn unser Feuer so hinter dem Berge brennt,« erwiderte sie leise.

Er schrak zusammen.

»Dafür brennt aber kein anderes, näheres,« sagte er langsam, in sich versunken.

Sie schwiegen beide.

Als er aufschaute, kam ihm ihr Gesicht wieder verwandelt vor.

Sie blickte in ihren Garten hinaus. Der war voll Schnee. Aber viele Spuren führten bis zu dem blauen Griechenbild.

»Komm morgen zu uns,« sagte er, »komm jeden Tag. Wenn du _kannst_,« fügte er halblaut hinzu.

»Ich dachte, damals sei das Schwerste für mich,« sprach sie langsam, »damals am Morgen auf der Bahn. Weißt du -- als du die Türe hinter mir schlossest. Aber jetzt -- ich bin doch schon so weit -- aber jetzt --« sie fuhr plötzlich zusammen. »Ludwig, was sage ich dir,« rief sie, »was fällt mir ein? An solche Dinge dürfen wir nicht rühren.«

Sie sah wieder nach ihrem Garten.

»Solche Spuren sind ganz fein, und mehr darf nicht sein. Sei ruhig, Ludwig, ich will dir keine neue Last aufladen. Ich möchte nur, daß du -- fortgingst. Das quält mich mit, daß ich dich hier weiß und daß du so --«

Er sah sie an.

»Sprich nicht weiter,« bat er.

Sie schauten sich an.

»Bitte, komm morgen,« sagte er dann, »komm, Christiane.«

Er ging. -- -- -- --

Christiane fuhr in die ›Götterdämmerung‹. Unterwegs, während der kurzen Eisenbahnfahrt, sah sie erst, wieviel Schnee in der Welt war. Schnee um Schnee.

Aber in der großen Stadt war er weg, oder wenigstens unkenntlich. In der Vorhalle des Opernhauses mußte sie plötzlich an den Wald denken, und jetzt wußte sie: ich werde ihn gleich sehen. Oder etwas Ähnliches.

Und es kam so, wie sie gesagt hatte: erst saß sie fremd, ja, sie lächelte sogar flüchtig, dann aber warf sie ihre Seele in die Musik hinein, sehr spät, denn die anderen, die ihre Gläser vor die Augen und die Textbücher auf dem Schoß hielten, hatten das vermutlich längst getan.

Der Gesang der Rheintöchter berührte sie besonders. Dieses Klingen, dachte sie. Meine Stimme hat in meinem ganzen Leben nicht so geklungen. Wie das perlt.

Ich kann mir denken, daß Frauen, die so singen können, ein ganz anderes Leben führen, als eine -- Schulmeisterin.

Nachher dachte sie an Doktor Bartelmes Schwester. Eine Tochter aus gutem Hause -- nein, so ganz gut war es wohl nicht. Sie hatte es von Ludwig gehört. Ein wenig Schmutz war ihr wohl schon in der Seele angehangen, als sie auf die Bretter kam, und ihre Seele war jedenfalls ebenso bereit für den Schmutz wie für die Kunst.

In Christiane wehrte es sich auf einmal gegen alle heuchlerische Bühnenkunst, und sie sehnte sich nach der reinen Kunst der Bücher und der Bilder.

Wenn ich dergleichen getan hätte, dachte sie.

Das ist auch ein Lebenpacken, vielleicht sogar ein -- Sichanwenden.

Dann reckte sie sich.

Dazu hätte ich nie gepaßt. Ich, eine Dorreyter -- nein. Nie. Zum Reiten über die Heide hätte ich gepaßt. Zu Ludwig. Zu keinem anderen, als zu Ludwig und zu seinem Werk.

Aber wenn ich diesen Stempel nicht empfangen hätte -- wäre ich dann nicht vielleicht -- -- nein, was denke ich, keiner wird anders, als er ist. Ich bin die Urenkelin der Frau von Rhane und habe heißes Blut. Aber -- hochmütiges. Sehr hochmütiges.

Zu Ludwig hätte ich gepaßt. Aber Sünde hätten wir nicht tun können. Er nicht und ich nicht.

Dazu ist unser Blut zu stolz. Wir lassen unser Feuer hinter dem Berge niederbrennen.

Ja, niederbrennen.

Ich bin aufgeregt, dachte sie, als sie aus dem Theater kam und nach dem Bahnhof fuhr.

Es war der letzte Nachtzug nach Markburg.

Und morgen früh -- -- was war mit ihr? Sie war ja ganz aus dem Geleise -- --? Hastig stieg sie ein und lehnte sich zurück. Allein sein, allein fahren, fahren, irgendwohin.

In ihrem Blut bebte der schwere Rausch der Musik. --

Sie stutzte. Da sah sie einen: Bartelmes. Und er erkannte sie im selben Augenblick. Nach einem kurzen Zaudern sprang er zu ihr in den Wagen und begrüßte sie.

»Waren Sie auch in der Oper?« fragte sie unwillkürlich.

»Ja, ja,« sagte er. »Ging aber vor Schluß weg und war noch mit Freunden zusammen. Literatur.« Er lachte vor sich hin, und auf einmal dachte sie wieder an seine Schwester.

»Ich möchte Ihr Fräulein Schwester wohl einmal sehen,« sagte sie.

Er fuhr vor. »Meine Schwester?«

Dabei sah er sie an. Das Licht im Abteil war blau gedämpft, ganz genau konnten sie einander nicht erkennen. Aus dem Nebencoupé tönten lebhafte Stimmen. Da fuhren auch welche aus der Oper nach Markburg oder in ein anderes Nest.

»Ach, meine Schwester,« sagte er. »Ich versichere Sie, die braucht keine Hilfe und keinen Rat. Sie sollten Sie sehen: klein ist sie nur, aber ein stahlfestes, geschmeidiges Tierchen und -- ach, ich glaube, ich habe wohl ein Bild von ihr da.« Er griff seine Brieftasche heraus und suchte zwischen anderen Photographieen.

Jetzt hielt er ihr eine hin und riß am Lampenschleier.

»Hier, bitte, gnäd -- -- Fräulein Doktor --«

Hatte er ganz vergessen, wer sie war?

Jetzt war nur das kleine Bild zwischen ihnen.

Ein keckes Persönchen. Sie wußte sofort, es war so, wie sie gedacht hatte: an der war nichts Reines und Bewahrtes, die war durch alle Feuer gegangen.

»Aber nun --« er steckte das Bildchen ein -- »darf ich erfahren, wie Ihnen der Siegfried gefallen hat --?«

»Ein dicker Sänger,« sagte sie.

Er fuhr zurück.

»Erbarm sich -- -- Pardon, gnädiges Fräulein -- Sie scheinen überhaupt keine Musikkennerin zu sein und auch wohl keine Bühnenillusion gelten zu lassen?«

»Musik verstehe ich nicht,« sagte sie, »und die Bühne -- mir scheint es nicht, daß das Kunst ist -- -- Kunst ist meiner Ansicht nach -- vornehmer. Kunst war es, als es _wurde_.«

»Vornehm, ja, vornehm,« höhnte er. Es versank fast im Rattern des Zuges.

»Ja, allerdings. In den Klöstern gab es auch nur das Buch und die Musik, die den frommen Frauen die Zeit vertrieben. Aber eine andere Musik. Ach, kleine Spiele gab es auch, fromme Spiele.«

Er lachte. Irgend etwas an ihm schien verwandelt, und in ihr begann es heimlich gierig zu spähen: kam sie jetzt auf den eigentlichen Kern des Doktor Bartelmes?

»Ich dachte, Sie kämen vom Siegfried anders zurück,« sagte er nun, und sie zuckte: »Wußten Sie denn --? Daß ich --«

»Ach, ich glaube, ich war in der Telephonzelle, als die Hausmeisterin Ihr Billett bestellte,« sagte er gleichmütig. Jetzt war er wieder korrekter. »Ich bin aber oft hier,« setzte er noch hinzu.

Sie saß regungslos.

Das hieß ja fast, es könnte auch möglich gewesen sein, daß er um ihretwillen hierhergefahren wäre! Sie hätte fast gelacht. Und zugleich schraubte sich ihr ganzer Hochmut herauf: wer war er denn? Was erlaubte sich dieser Mann?

Er hatte wohl gemerkt, was in ihr vorging. Seine Stimme veränderte sich vollkommen. Kühl holte er ein Schulthema heran, ein extra langweiliges.

Sie hörte kaum zu. Ihre Blicke hingen sich mechanisch an die schwarzspiegelnden Scheiben -- da merkte sie, daß er auch dahin guckte. Er suchte ihr Bild heimlich aufzufangen.

Und plötzlich kam über sie, was noch keine Gestalt angenommen hatte, aber schon dagewesen war. Sie dachte wieder an ihren weißen Garten, durch den er gegangen war. Irgend etwas in ihr neigte sich ihm zu: sie waren einander im Geistigen wohl ebenbürtiger, als er dachte, und wenn ein Feuer sein sollte, so konnte es diesseits brennen, offen, ganz offen -- -- --

Ludwig!

An wie vielen war sie in den Jahren schon vorbeigegangen!

Und jetzt sollte es so kommen?

Hier vor seinen Augen?

Eine Stimme sagte ihr: früher hattest du noch Hoffnungen und mehr Idealismus. Früher war Ludwig noch groß vor dir, und etwas in dir fand keinen Größeren.

Jetzt ist deine Seele in einem atemlosen Harren über ihn hinausgeflackert.

Hier ist einer, der dich zwar noch nicht kennt, aber doch über dich nachdenkt, der Macht über dich gewinnen will. Nicht einer der Gleichgültigen und Dutzendleute -- nein, eine Basis wäre wohl da, auf der ihr euch treffen könntet -- er würde dir geben, was du verlangst -- -- und du ihm, was er -- braucht -- -- --

Sie zuckte.

Was war das?

Wie verirrte sie sich in solche tollen Dinge?

Morgen, ach morgen -- -- --

Sie strich über die Scheiben, die nun angelaufen waren, und brachte den Kopf ganz nahe. Auf einmal sah sie die vorbeistreifenden Schneefelder, und plötzlich überkam sie eine ganz lichte Empfindung, als glitten weiße Büsche an den Rainen entlang, als seien blütenhelle Bäumchen da, als sei ein ganz zarter, heimlicher Frühling draußen. Eine Frühlingsnacht.

Und sie dachte: Wieviel hast du versäumt. Mit Büchern und mit fremden Leuten. Mit Tränen hast du es versäumt. Mit Sehnsucht. Nach einem fernen großen Jugendfeuer hast du hingestarrt und dabei jeden deiner neuen Frühlingstage übersehen.

Und bald kommt der Herbst. Dann wird dir die Rechnung präsentiert. Dann -- was dann kommt, ist bitterer als Sehnsucht, ist die ganze Qual des Unerlebten, ist die Erkenntnis, daß du leben _konntest_ und hast es nicht getan. Und hast es nicht getan.

Sie saß regungslos.

Und drüben saß der Mann.

Sie sprachen nicht mehr.

Er begleitete sie auch nicht nach ihrem Hause, denn Christiane winkte sich rasch eine Droschke heran und fuhr dem Reutterschloß zu.

* * * * *

Am anderen Abend kam sie zu Cöldts.

Sie blieb erst eine Sekunde vor dem Hause stehen und besah es sonderbar genau, und als sie nachher Ludwig gegenüberstand, schaute sie ihm auch sonderbar ins Auge.

Er kam an dem Abend zeitiger aus seinem Zimmer als sonst. Immer, wenn Christiane da war, tat er es, aber heute war es noch zeitiger. Und dann bat er sie, sie solle zu seinen Büchern kommen.

Hardi folgte und beobachtete Hanni, die ein Schulbuch vor hatte. Sie schaute auch zu Christiane, die mit Ludwig zusammen Neuausgaben alter Bücher besah.

Und es überkam sie auf einmal: was tue ich denn hier? Wer bin ich denn hier? Was für ein Recht habe ich hier --?

Sie fühlte wieder den Schnee draußen.

Christiane aber sah, Ludwigs Auge vermeidend, die Neudrucke an und dachte: Ja, es sind Kostbarkeiten, für ihn wenigstens. Stille Kostbarkeiten, wie er sie so gern hat, wie er sie an sich genommen hat, statt seines Werkes, statt seiner eigenen Ideen, statt jeder Tat, zusammen mit meiner Liebe.

Alles stille Kostbarkeiten.

Aber später? Wie werden wir das später ansehen?

Ludwig, man bleibt nicht zusammen, wenn man sich immer ferne ist. Eine Lücke bleibt -- es bricht. Ludwig, zwischen uns ist eine Lücke, und wir spüren sie jetzt -- beide.

Beide spüren wir sie jetzt.

Ich habe ja keine anderen Erinnerungen, als an die Ritte über die Ebene und an die Stunde, in der du die Tür leise hinter mir schlossest.

Soll ich hinter der Tür stehen bleiben?

Frau von Cöldt merkte, wie wenig geredet wurde. Die beiden sahen aufmerksam auf die Bücher und kaum auf einander.

Eine Stille zog durch den Raum und wurde schwer.

Es war gut, daß unvermutet noch jemand kam: eine der Vereinsdamen. Sie wollte einiges mit Hardi besprechen und tat es auch, und dann ging sie mit Christiane zusammen fort. Andere Begleitung war nicht nötig.

Sie wohnten nicht weit voneinander.

Hardi Cöldt sah ihren Mann nachher flüchtig an.

Irgend ein Triumph schwoll in ihr, ein ungewisser roher Hohn, vor dem sie selbst erschrak.

Sie sagte nichts.

* * * * *

Das Jubiläum der Reutterschule rückte näher.

Fünfzig Jahre war es her, seit Fräulein Sophie Reutter sich in ihrem Hause aufgehängt hatte. Von dem Tage datierte die neue Zeit, wie die Blätter schrieben. Natürlich erwähnten sie den Selbstmord der alten Dame nicht, sondern priesen nur ihren sozialen Weitblick, der der Regierung die Mittel zur Entwicklung der Anstalt an die Hand gegeben hatte.

Die Haberkorn gab ihr Jubiläumsbuch heraus. Wochenlang hatten ihr die Kanarienvögel bei den Korrekturen helfen müssen. Jetzt lag es beim Buchhändler in der Rädelgasse im Schaufenster, gleich neben den Schriften des Doktor Bartelmes.

Und der hatte auch darin abgefärbt. Wenn man genau zusah, so kehrten seine Wendungen wieder, und seine Schlager waren unbewußt angenommene Geleitsworte geworden. Das System Bartelmes feierte hier einen Triumph.

Es kamen viele Gästeanmeldungen. Christiane staunte, wie weit die Provinzschule ihre Zöglinge ausgeworfen hatte. Die meisten hatten Mann und Kinder, waren Regierungsrätinnen und Professorsfrauen, Offiziersgattinnen und große Damen. Einige wenige hatten sich selber Brot schaffen müssen, das waren Lehrerinnen. Alle waren der Zucht und Pflege des Reuttersschlosses entsprechend geraten -- die Ungeratenen meldeten sich erst nicht.

Am Vormittag des Festtages fand der offizielle Aktus statt, für den Abend aber waren künstlerische Aufführungen der Schülerinnen geplant, über denen Doktor Bartelmes wachte.

Christiane zog sich von diesen Vorbereitungen zurück, der Doktor hatte sie darum gebeten, es sollte eine Überraschung für sie sein.

Lange vor Ostern wurde schon geprobt. Die Gedanken der Kinder waren von nichts anderem mehr erfüllt, und den Auserwählten, den schönsten Mädchen, wurde von den anderen neidisch nachgeguckt.

Christiane verlor ihre stillen Nachmittage und Abende, an denen keiner in dem Hause war, als sie und die alte Hausmeisterin und etwa der Geist des aufgehängten Fräuleins -- wenn der Lust dazu hatte. Sie atmete nicht mehr die schwere, herrschaftliche Ruhe, die noch von der Besitzerin her stammte, gleichsam aus der Sekunde, in der sie ihren letzten Atemzug getan hatte, diese Ruhe, die alles wegstrich, was gerauscht und gerüttelt hatte.

Vom frühen Nachmittag an gingen Türen, wanderten Mädchenschritte, erscholl Mädchenlachen, ertönte das Klavier. Mai Friedlein hatte Seele für das, was sie zu spielen hatte. Es begann mit Mozarts zartem Frühlingslied: ›Ein Veilchen auf der Wiese stand --‹ und kettete einen leichten Rhythmus an den anderen.

Es war dann, als ob lichte Wolken zogen, der Rasen grünte, und die Amseln schrieen.

Und es kam so: während man so sang und spielte und probte, zerfiel der Schnee, und es wurde viel schneller Frühling, als man es nach diesem sibirischen Winter erwartet hatte. Viel schneller zog es blau hinter den Bäumen auf, liefen die Wasser ab und pfiffen die Amseln vom Giebel des Griechentempels.

Und dann kam der Tag.

Morgens, beim Ankleiden, dachte Christiane: ich kann begreifen, daß Sophie Reutter an einem solchen Tage Schluß machte. Der treibt ja dazu. Der Frühling hat tausend Fäuste gegen den, der ihm widerstrebt. Seinen ungeheuren blauen Schild deckt er über alles, was nicht mit ihm leben kann.

Wie das funkelt.

Herein in den Saal oder -- heraus!

Sie erschauerte: was denke ich?

Der Garten war ganz trocken, ganz grün, voller Sonne. Die Linden waren noch hochmütig kahl, aber lebendig waren sie auch. Alles, alles war lebendig.

Das Griechenbild verschwand fast dahinter.

Christiane dachte: mit einem Siebenmeilensprung bin ich über die Felder des Lebens hinweggekommen, auf denen die Frauen am längsten und zärtlichsten stehen und auf denen sie ihre Blumen pflücken. Weit, weit unter mir hat es unsicher geleuchtet. Ich dachte nicht daran. Ich durfte nicht.

Ist jetzt ein Wind gekommen, der mich -- zurückträgt?