Das Feuer hinter dem Berge: Roman
Part 12
Auf einmal fiel ihr ein, daß sie am Abend auch Ludwig sehen würde. Gewiß würde er kommen. Aber mit Hardi. Sie lachte vor sich hin. Mit Hardi! Mit seiner Frau!
Draußen auf den Gängen trappelte es schon -- Herrgott, sie kamen! In dem Augenblick empfand sie jäh, wie eisig einsam sie in tiefster Seele doch war.
Nun vollzog sich die offizielle Jubiläumsfeier unter der Teilnahme des Präsidenten und vieler Stadtspitzen. Orden wurden allerdings nicht verteilt. Der einzige, der dafür reif gewesen wäre, Professor Diermann, war nicht mehr da.
Christiane mußte auch wieder reden.
Ein bißchen verborgener Spott über die ganze Kleinstädterei, über das gesamte menschliche Narrenspiel war in ihr. Sie sprach anders, als sonst, leichter, gleichgültiger. Verschiedene Gesichter hoben sich und staunten zu ihr herauf, die Jong, der Zeichenlehrer, sogar der Präsident.
Komödie, Komödie, dachte sie.
Auf der anderen Seite fuhr Lächeln über ironische Mienen.
Sie merkte es nicht.
Draußen vor den Fenstern glitten Wolken wie weiße Vögel. Siegfrieds Tod stand wieder vor ihr auf, der ganze schwere, tönende, verlangende Rausch der Musik.
Jetzt sangen sie. Sie erschrak.
›Der dich mit Adlersflügeln -- -- --‹
Bestürzt blickte sie in Doktor Bartelmes Augen. --
Am Abend war das Fest. Blumen durchzogen das ganze Haus, lauter Frühlingsblumen.
Christiane kam in die Menge herein, wie ein Gast.
Ludwig, den sie traf, befragte sie, wer alles geleitet hätte. Sie war schon eine Zeitlang nicht mehr bei Cöldts gewesen.
»Ja, Bartelmes,« sagte sie, über ihn wegschauend. Ihre Augen flimmerten.
Er trat zurück.
Dann merkte sie, daß auch wohl die Haberkorn an der Sache beteiligt war. Sie lief wenigstens aufgeregt hin und her und flüsterte da und dort einem Mädchen etwas zu, erklärte diesem oder jenem etwas. Der Zeichenlehrer zeigte irgendwelche Skizzen herum. Mai probierte das Instrument, wobei die Jong gleichmütig wissend zusah, und die Kanarienvögel nahmen alles ringsum mit wissenschaftlicher Neugier auf, obgleich nicht zu erwarten war, daß man in ihren künftigen Wirkungskreisen auf dem oder jenem Dorfe gleich etwas der Art von ihnen erwarten würde. Immerhin hatten sie auch ein kleines, verborgenes Gelächter über Bartelmes, dem sie den Spitznamen ›die schwere Zigarre‹ gegeben hatten, denn an eine solche erinnerte er sie. Er war lang, dunkel, steif und doch gut anzubrennen.
Die Wehrendorf kam in ihrem schwarzen Kleidchen still herein und winkte sich ein paar Kinder heran, eins davon war bucklig.
Bartelmes trat zu Christiane heran.
»Jetzt dürfen wir beginnen, nicht wahr?«
Das Klavier schlug an, und nun kamen sie.
Wie ein Frühlingszug glitt es heran, nichts von Drill und Tanzstunde, von frühreifer Koketterie, in keinem Auge etwas Dreistes, überall Mädchenschritte, Mädchenblicke, zarte Hingabe -- -- ›Ein Veilchen auf der Wiese stand --‹
Gewiß waren die Kleider raffiniert ausgesucht, die Kränze geschickt aufgesetzt, gewiß war alles genau überlegt und herausgespielt, und doch schien es, als hätte er die Kindesseele ganz rein heraufgeholt, als hätte er diese Herzen zu feiner Kunst geöffnet.
So lieblich hatte Christiane diese Mädchen noch nie gesehen. So schön noch nicht. --
In ihr schrie es. Der Neid kam auf. Die glühende Sehnsucht nach dieser Jugend und diesem Sein.
Und auf einmal überkam sie eine Erinnerung: ein wenig ähnlich war der Plan doch gewesen, den Diermann und die Haberkorn damals aufgesetzt hatten, als sie glaubten, daß ihr Interregnum noch fortdauern könnte. Nur künstlerischer war er gestaltet. Deshalb war die Oberlehrerin so eifrig dabei, deshalb waren fast alle so voller Feuer und Flamme gewesen -- etwas Altes von ihnen, ihr eigener Wille hatte sich da durchgedrückt.
Und es war schön -- schön -- -- --
Bartelmes konnte viel. Er war ein Künstler.
Auf einmal fiel ihr Sophie Reutter wieder ein. So viel auch ihrer Wohltätigkeit gedacht worden war -- ihr dunkles Bild war nicht aufgerufen worden.
Sollte sie es jetzt tun?
Irgend etwas trieb Christiane plötzlich an, diesen Kindern in ihrem werdenden Frauenglanz auch den Frauensturz, das ernste Schicksal zu zeigen!
Eine Jugend lebte von ihr, Jugenden hatten schon von ihr gelebt, aber ihr wirkliches Los und Leiden kümmerte keinen.
Sie wollte vortreten, Schweres auf den Lippen -- da kam Bartelmes auf sie zu.
»Fräulein Doktor -- -- Verzeihung --.« Er war gar nicht Erzieher, sondern nur ein triumphierender Mann. Er sah zu den Mädchen und sah zu ihr. »Wie dunkel sehen Sie aus, Fräulein Doktor.« Seine Worte waren Kompliment, seine Augen glänzten.
Es überstrich sie.
»Ich wollte sprechen,« sagte sie.
»Wovon?«
»Von der Frau, die hinter uns steht. Von der -- Gescheiterten.«
Er verzog den Mund.
»Ist denn heute ein Tag für Gespenster? Heute? Heute? Verzeihung, aber -- -- ja, gewiß -- --« Er trat zurück, sein Ton war kühl. »Wenn Sie glauben --«
»Nein, nein, ich will doch lieber nicht.« Sie hatte sich besonnen. Heut war ein Frühlingstag gewesen, und für alle Jugend hier im Saal würde es doch Frühling bleiben, trotz allem, was etwa gesagt wurde. Darin läßt keine Seele sich etwas aufreden.
»Nein, ich will nicht,« sagte sie.
In seinen Augen flimmerte es noch immer.
»Der Abend sollte ein ganz helles Geschenk für Sie sein,« sprach er leise, fast ein wenig heiser.
Er blieb neben ihr stehen.
Die Gäste drangen auf sie ein. Alle ehemaligen Schülerinnen, die Professorsfrauen und Offiziersgattinnen. Alle sprachen sie vom verstorbenen lieben Herrn Direktor und von Diermann.
Bartelmes war für sie jetzt der Herrscher. Er hatte ja alles geleitet. Er antwortete allen. Christiane schwieg betäubt.
Sie wußte, daß sie ihm heute die Herrschaft übergeben hatte. -- --
Mai Friedlein hatte sich trotz ihrer Mitwirkung und manch heimlicher Komplimente, die ihr vom Doktor zugekommen waren, doch geschickt von ihm zurückgehalten. Sie war mit ihren Plänen so gut fertig, daß es nur noch fehlte, daß sie gelangen. Sie spielte nicht mehr auf das Wunder hinaus. Ihr Wurf war viel kürzer geworden.
Ja, sie war schön. Wie schön, das wußte sie nur allein.
Aber wenn einer nach ihr gegriffen hatte, so fand es sich immer, daß er schmutzige Hände hatte oder nichts in den Taschen.
Nun war einer mit sauberen Händen da. Aber er war ein bißchen gewöhnlich und hatte schlechte Manieren. Ihr Herz zog sich vor ihm bitter zusammen, aber es blieb ihr kein anderer Weg, als der zu ihm, und es gehörte noch viel Klugheit dazu.
Auch sie empfand die Schönheit der Mädchen. Die der Werdenden. Die über sie hinwegwuchsen.
Wenn sie an dem Abend noch nicht an ihr Ziel kam, so war es, weil ihr helles Kleid Dreher Bedenken machte. So etwas kostete viel Geld.
Die Jong kam zur Wehrendorf.
»Dörfchen,« sagte sie.
Ada hielt ihren Kopf gesenkt.
Mühsam hatte sie ihr Schiff ein halbes Jahr gesteuert. Ostern hatte sie einen Teil der Fracht abgeben können, aber grade die guten, strebsamen Kinder. Die anderen waren geblieben. Auch die kleine Cöldt.
Nun wiegelte die in ihrer lautlos höhnischen Art die anderen auf, und es waren weniger gute darunter, als vorher. Es war diesmal kein besonderer Jahrgang. Und Adas Nerven waren sehr herunter. Sie schlief kaum mehr vor Husten. Mit dem Essen mußte sie auch furchtbar sparen.
Sie äße außerhalb, sagte sie Frau Dorreyter manchmal. Immer konnte sie doch nicht auf deren Kosten leben.
Die Jong schien etwas gemerkt zu haben und ließ sie an heimatlichen Kisten teilnehmen. Mehlmännchen brachte ihr Marmelade und Knusperchen.
Aber trotzdem -- -- --
»Hören Sie mal, Dörfchen, wenn Sie nicht mehr können, dann ruhen Sie sich lieber aus,« sagte die Jong.
»Wo denn?«
Die Wehrendorf schaute den Kindern zu. Ihre Augen strahlten selbstvergessen.
»Ich will Ihnen mal was sagen. Mein Bruder ist Pastor in der Lausitz. Ältere Leute schon, haben weder Kind noch Kegel. Die brauchen jemand für sich. Wenn Sie dahin gingen -- schlecht würden Sie es nicht haben. Da könnten Sie sich ausruhen, meine ich.«
Die Wehrendorf gab keine Antwort. -- --
Ludwig sah sein Kind an, das eben vor ihm stand. Es trug auch das helle Tanzkleid und den Kranz im Haar. Und doch wirkte es nicht elfenhaft wie die anderen, sondern eher wie ein Waldschrat.
Hardi war schon müde. Das grade Dasitzen konnte sie nicht gut aushalten. Und nun war es doch wohl endlich aus.
Sie befragte Frau Landesrat Colb deswegen. Die Damen rückten zusammen und flüsterten wieder vom Verein. Sie wollten einen Frühlingsbasar halten.
»Das könnte aber erst sein, wenn ich zurückkomme,« sagte Hardi, »ich wäre doch gern dabei. Und dann bin ich auch frisch.«
»Ach ja, gnädige Frau gehen ja nach Bad Wiesental -- so bald schon -- wie hübsch.«
»Der Arzt hat es geraten. Im vorigen Jahr war ich um diese Zeit auch da. Es war nett. Nur ein paar Familien und die schöne Gegend --«
»Ihr Herr Gemahl geht auch mit?«
»Er bringt mich nur hin. Nein, er hat ja keinen Urlaub. Und das Kind muß doch auch in die Schule. Das Fräulein ist ja so zuverlässig --«
»Wie reizend,« sagte Frau Colb. »Da besuche ich Sie einmal, und wir können dann wegen des Basars überlegen. Zu spät dürfte es nicht werden, denn --«
»Dann ist es nicht mehr Frühling.« Hardi lachte sonderbar. »Ja, sicher, sicher --«
Sie spähte nach Christiane aus. Neben der stand noch immer der große dunkle Mensch.
Wie hatten die Herren vor ihnen vorhin gesagt?
»Der hat jetzt die Macht im Reutterschloß. _Sie_ hat -- umgesattelt.«
Ludwig hatte es doch auch gehört.
Sie faßte ihn am Arm.
»Komm, wir gehen.«
Sie gingen Arm in Arm aus dem Saale.
Keiner sprach.
* * * * *
Nun kam schon Bad Wiesental hinter den Bäumen herauf. Kein großes Bad, aber sehr lieblich. Es gab Eisenquellen dort. Hardi war voriges Jahr sehr frisch wiedergekommen.
Bäume, Büsche, Gärten, Wiesenflächen -- wie schön war alles. Ganz hell alle Bäume und Sträucher, mit Blättchen fast nur erst wie befiedert -- aber viel Blüten. Lauter Blüten, weiße und rosige und da und dort auch gelbgoldene, strähnig hängend. Ein wahrhaftiges Märchen.
Hardi dachte daran.
Sie hatte nicht viel Süßes im Leben gehabt. Aber sie hatte es auch nicht gebraucht. Sie war ihrer Mutter Tochter.
Es hatte wohl noch mancher ihren Weg gekreuzt, besonders dort oben in der Ostmark. Wenn sie unverheiratet gewesen wäre, noch die arme Dorreyter -- dann hätte sich keiner dieser Herren um sie gekümmert. Aber so neigten sie sich ihr verhohlen spähend zu. Sie spürten ein Unglück an ihr und suchten sie auf ihre Art zu trösten. Noch jetzt blitzte dann und wann auf ihrem Wege ein solcher Glühfunken auf.
Sie kümmerte sich nicht darum.
Sie hätte zu Hause bleiben und ein altes Fräulein werden müssen; sie hätte nichts vermißt.
Aber sie war's nicht geworden.
Jetzt hatten sie das Dorf erreicht. Die Häuser waren sanft an den Berg gelehnt, der sie schützte. Gärten kränzten sich um sie. Einige schlichen den Berg hinauf, so weit sie konnten. Ganz oben auf dem Gipfel waren Kirschenplantagen, die standen wie weißes Gewölk.
Weiber liefen vorbei, schon barfüßig, schmunzelten hinauf und sprachen von guter Ernte.
Wie konnte man an Ernte denken, an dicke, rote Kirschen, wenn das zarte Gewölk da oben stand?
Mit einem leisen Gelächter sagte Hardi es ihrem Mann.
Der horchte verwundert hin, denn dergleichen war er an ihr nicht gewohnt. Auch hatte sie während der Fahrt kein Wort geredet.
Er dachte sich nichts bei dem Frühlingstag. Er erfüllte nur seine Pflicht, wenn er seine leidende Frau hierher brachte, wo sie gut aufgehoben war und sich fern von ihm vorzüglich erholte.
Zu Hause lag ein Stoß Akten, an dem wollte er morgen, über Sonntag, arbeiten.
Hardi hielt sich fast ungewohnt straff, und nun kamen sie an das Häuschen, in dem das Quartier wieder bestellt und bereitet war.
Hardi lief in die Zimmer und guckte sich um: vor den vorderen Fenstern standen weißblühende Dornbüsche, förmlich dick und trotzig taten sie im Übermut. Sie wollten blühen. Und vor der Hinterstube blühte, schräg ansteigend, der Berg.
Sie faßte den Mann am Arm.
»Sieh, Ludwig, wie schön --!«
»Du kannst es ja recht genießen,« sagte er.
Sie hatte die rote Gardine etwas zurückgeschoben und sah hinaus. Plötzlich wandte sie sich um und blickte in sein fahles Gesicht.
Und auf einmal kam es wieder über sie: Ich hätte ja längst gehen müssen.
Das war meine Sünde, daß ich nicht gegangen bin.
Was war ich denn bei ihm? Nicht einmal sein Haus habe ich ihm geführt. Nicht einmal sein Kind habe ich ihm erzogen. Mit Spielereien habe ich mich satt gemacht, mit fremder Not ein wenig getändelt, und sein Werk habe ich ihm genommen.
Sünde war alles.
Ich habe es gespürt. Lange, lange schon.
Die Eisdecke unter mir hat schon immer gezittert.
Aber was nun -- was nun --?
Das andere Glück kann ich ihm nicht schaffen. Wenn ich sein Haus verließe und mich frei machte, würde ich noch mehr von seiner Laufbahn gefährden, als ich schon gefährdet habe, noch mehr wegreißen und nichts dafür geben. Denn das Feuer, nach dem er noch immer geschaut hat und das ich ihm gleichmütig und spöttisch ließ, ist ja längst für ihn erloschen.
Ich kann ihm nichts geben, wenn ich -- gehe.
Es umwirbelte sie. Wie durch einen Schleier sah sie die weißen Bäume auf dem Berg. Wie eine feierliche Prozession stiegen sie höher und höher. Weiß, alles weiß.
Die rote Gardine wehte.
Ludwig schritt noch einmal prüfend durch die beiden Zimmer. Er rief die Wirtin und sprach mit ihr, um sicher zu gehen, daß für Hardi alles gut besorgt werden würde.
Dann kam er zurück, gab ihr die Hand und warf dabei einen Blick auf die alte Bauernuhr an der Wand.
»Ich muß zum Zug, Hardi. Hier scheint alles in Ordnung. Solltest du etwas vermissen, so telephoniere sofort, hörst du? Aber voriges Jahr hat es dir doch so gut gefallen.«
»Ja, es hat mir gut gefallen,« erwiderte sie, ohne den Blick aufzuheben.
»Ludwig,« sagte sie.
Er stutzte flüchtig.
Nun küßte er sie. »Lebwohl, Hardi.«
Sie blieb stehen und horchte seinem Schritt nach, er ging langsam. Sie horchte noch immer: jetzt war er draußen. Der Sand knirschte.
Auf einmal lief sie nach dem Vorderzimmer und spähte aus dem Fenster.
Da war er.
Er wandte sich, glaubte wohl, daß sie noch etwas zu sagen vergessen hatte, und sah ihr fragend ins Auge.
Seine Wimpern zuckten.
»Bleib noch ein wenig,« bat sie mit blassen Lippen.
»Es ist der letzte Zug,« sprach er.
»Bleib,« sagte sie.
* * * * *
Und nun begann eine seltsame Zeit.
Ludwig Cöldt kehrte wieder an den Anfang zurück.
Er war wieder bei seiner Frau.
Das Ursprüngliche knüpfte sich wieder an, das alte Recht und die alte Liebe. Er fand sich wieder an die Zeit heran, wo er das liebe Mädchen mit den melancholisch schmachtenden Augen auf den Markburger Straßen gesehen hatte und sofort rätselhaft gepackt gewesen war, daß kein Überlegen, kein Bremsen geholfen hatte -- er mußte sie haben, keine Bessere, keine Schönere, die nur -- die!
Daß sie sich nicht gleich ergab, daß sie auch als Braut immer etwas Scheues, Beklommenes behielt, war ihm ein Reiz mehr gewesen -- je mehr Wälle, desto mehr Sieg, je mehr Trutz, desto mehr Süßigkeiten.
Und dann -- -- --
Da war ein breiter Graben. Aber über den waren sie jetzt hinweg.
Sie vergaßen Markburg mit allem, was daran hing, die Gesellschaft, die um sie war, sein Amt, sogar ihr Kind. Sie durchlebten in diesen zarten Frühlingswochen etwas, was sie noch nie erlebt hatten, so groß war es. Ein sonderbarer Ballast war dabei, aber er machte es noch größer.
Christiane Dorreyter war aus Ludwigs Leben verschwunden. Sie war ihm das Fremde geworden, das unsichere Feuer, die Versuchung. Hier war die Ehrlichkeit, die innerste Verknüpfung, die reinste, beste Verbindung -- hier war das Weib und nicht die Verirrung. Hier brannte das schönste Feuer, und drüben war nur ein trüber Hauch -- hier war die Ehe und dort die Sünde.
Hardi war schuld an dieser Verirrung, aber sie sühnte jetzt, gab ihm alles, und er verstand sie und sich.
In jeder freien Zeit war er in Wiesental. Er hatte sich ein Pferd angeschafft; fast an jedem Tag konnte man ihn hinüberreiten sehen.
Hardi dachte nicht mehr an ihren Verein, auch nicht an die Mutter, nicht an den Basar, den die Damen veranstalteten. Einmal war eine von ihnen dagewesen, hatte aber nichts ausgerichtet und die gute Cöldt recht sonderbar gefunden.
Wenn Hardi auch nicht zur Leidenschaft fand, nie ein brausendes Wasser wurde, weil die Dinge in ihrer Seele kein Gefäll bekamen, so gab sie sich doch in Ludwig hinein und hatte keinen anderen Gedanken mehr. Es war kein Zu-ihm-finden, keine späte Liebe, aber eine späte Ehe.
Etwas trug sie -- sie verstand es nicht ganz -- etwas schob sie, das hatte Macht aus jener Wintermorgenstunde, als sie den Schnee über ihr warmes Leben herfallen spürte, Schnee um Schnee. Sie fühlte sich getrieben und dachte nicht zurück, höchstens wie an fremde Länder.
Sie freute sich über sein Glück. Denn er war jung geworden und lachte viel.
* * * * *
Der Frühling flammte. Sein Schild war noch glühender, sein Ruf noch lauter geworden.
Christiane sah ihren einsamen Garten in Blüte kommen. Sie hatte nicht gedacht, daß der Garten der unglücklichen Sophie Reutter auch blühen konnte. Als sie ihn im Vorjahre fand, hatte ihr nur dunkles Laubwerk entgegengeduftet, steife, ernste Bäume. Jetzt zeigte es sich, daß Kleineres versteckt gewesen war, das sich nun bunt heraustat und alle Feuer spielen ließ: Goldregen und Dornsträucher, Quitten und weißer Flieder. Und gleich neben dem Tempel standen zwei riesige Kastanienbäume, die blühten über und über rot.
Der Garten war kein Klostergarten mehr. Bis in die Nacht hinein duftete er, ja, die ganze Nacht hindurch. Durch die offenen Fenster kamen seine Duftwellen, und von weiter her kamen andere, von den Wiesen, auf denen die freie Blüte stand, vom Walde, in dem die wilden Kirschbäume wie Frühlingsfackeln brannten.
Und der Himmel war stahlblau, und die Abende goldschwer veratmend, sich immer mehr dehnend, kein Ende nehmend. Immer noch Abend, immer noch ein Glühen, immer noch ein Rot hinter dem Walde!
Die Kinder brachten Christiane Sträuße aus ihrer Eltern Gärten. Sie gaben auch der Haberkorn welche, aber nicht mehr, als die Höflichkeit es erforderte, auch der Seifert und der Jong, sogar dem Mehlmännchen, aber am meisten bekam sie der Doktor Bartelmes. Mit Blumen beladen ging er mittags weg, er zeigte sie recht -- auch Christiane sah es. Die meisten waren von Betty von Kramer, von der schönen Ersten mit dem ägyptisch geschnittenen Gesicht.
Wenn er einmal gar zu viel hatte, so schenkte er den Damen davon, einmal hatte er der Mehlmann einen großen Busch roter Tulpen verehrt (sie fragte nachher wieder die anderen, ob man nichts dabei ›gefunden‹ hätte?) und der Haberkorn einen Strauß Vergißmeinnicht, den die verdutzt anguckte, wobei wieder das merkwürdige, unbestimmbare Männerlächeln um seinen Mund zuckte.
Einmal kam er mit einem Busch weißer Narzissen auf Christiane zu, in seinen Augen flirrte etwas -- sie fuhr hochmütig zurück: wollte er die ihr etwa schenken?
Nein, er zeigte sie ihr nur und sagte: »Sehen Sie, die Mädel bringen mir doch wenigstens nichts Geschmackloses mehr. Sie wissen, alles, was mir nicht gefällt, lasse ich unbarmherzig liegen, und dem will sich doch keine aussetzen! Die sind übrigens von Betty. Die sind schön.«
Ein leiser, aufreizender Hohn schien in seinen Worten mitzuklingen.
Gleich darauf wurde seine Miene wieder schmeichelnder, weicher, und er fragte halblaut: »Kann ich Ihren Garten jetzt wieder einmal sehen, Fräulein Doktor?«
Jäh sah sie ihm in die Augen.
Er erwiderte den Blick. Die Narzissen in seinen Händen sanken etwas.
Kühl gab sie ihm die Erlaubnis und ging davon. Oben in ihrem Zimmer trat sie nicht ans Fenster -- sie wollte nicht sehen, wie er zwischen ihren Bäumen herumschlich bis zum Griechentempel, über dem die rote Kastanienblüte stand. Er kannte zu viel von ihr und würde noch mehr erraten, wenn er jetzt durch ihren Garten ging.
Nun hörte sie seinen Schritt.
Sie stand von ihrem Platze auf, warf einen trüben Blick auf die ›eiserne Wehr‹ und schritt leise zum Fenster -- -- sie mußte ihn doch noch -- sehen -- -- --
Und plötzlich dachte sie wieder: er ist mir ja ganz fremd. Ich kenne ihn nicht. Nein, alles, was er tut und will, kenne ich nicht, weil es aus anderem Gesichtspunkt und von einem ganz anderen, mir dunklen Leben her geschieht -- -- --
Und doch fühlte sie die unheimliche, treibende Macht in sich.
Zu Cöldts kam sie jetzt nicht mehr. Sie wußte von der Mutter, daß Hardi in Wiesental war und Ludwig oft hinüberritt. Oft hörte sie sein Pferd am Hause vorbeitraben, hörte den Hufschlag und dachte dumpf: hier hält er nicht mehr an.
Nein.
Jeder suchte das Seine.
Auch jetzt war sie nachmittags oft nicht mehr allein im Reutterschloß. Doktor Bartelmes hatte sich die Erlaubnis erbeten, auf dem Harmonium in der Aula zu üben. Nun hörte sie das oft. Es war nicht laut. Es drang nur wie Summen durch die dicken Wände, drang zu ihr, und sie horchte danach, und ihr Herz strebte davon los und kam nicht frei, sondern verwirrte sich noch mehr daran. In einer fremden Sprache kann man dem viel sagen, der sie nicht versteht: er hängt daran und rätselt daran, und ein wenig Rausch ist dabei. --
An anderen Tagen war er wieder mit seinen Mädchen auf Wanderungen unterwegs. Immer waren die Schönsten um ihn herum, besonders Betty von Kramer.
Es waren schon Mütter zu Christiane gekommen und hatten gesagt, der Herr sei wohl zu modern für Markburg. Die Mädel hätten ja keinen Sinn mehr für etwas anderes, außer ihrem Doktor, eitler könnten sie nicht mehr werden, als sie geworden seien, und Neid und Eifersucht wären an der Tagesordnung.
Christiane merkte: ich kann es nicht mehr so lassen. Ich darf es nicht. Ich lade Schuld auf mich.
Schattenhaft stieg das Bild der Schwester des Doktor Bartelmes vor ihr auf.
Da kam er zu ihr wegen des Johannisfestes.
»Johannisfest?« sprach sie tonlos.
»Ja,« meinte er unbefangen, »ich glaubte es Ihnen schon gesagt zu haben, daß wir feiern wollen --«
»Nein.«
»Es soll wieder ein Fest nach echter Reutterschulart werden.«
»Nach Reutterschulart?« fragte sie.
»Ja. So sagt man doch jetzt in der Stadt.«
So sagte man in der Stadt?
»Also nach Ihrer Art?« sprach sie langsam.
»Ein Waldfest,« entgegnete er, ohne auf ihre Frage einzugehen, »ein Feuer draußen am Hünengrab im Obrawald. Ein Reigen. Ein paar Lieder und Tänze.«
»Und die anderen Kollegen?« fragte sie.
Er zuckte die Achseln. »Ich weiß darüber nicht Bescheid.« Ein scharfes Licht war in den dunklen Augen.
Sie wußte: die anderen waren allmählich von ihm abgerückt. Sie billigten seine Art nicht mehr. Ihre Begeisterung war abgekühlt. Jeder stöhnte, wenn er in der Klasse des Doktor Bartelmes zu unterrichten hatte. Sogar die Haberkorn.
Christiane sah vor sich hin.
»Ich möchte es nicht gern, Herr Doktor,« sagte sie.
Er sah sie groß an.
»_Sie_ möchten es nicht?« wiederholte er.
Er sagte gar nichts weiter.
Sie war gezwungen zu sprechen.
»Der Platz ist sehr entlegen. Sind Sie sich der Verantwortung bewußt, Herr Doktor? Glauben Sie, daß es leicht sein wird, die vom Feuer, vom Tanz und Gesang aufgeregte Schar wieder durch den dunklen Wald heimwärts zu bringen?«
Er lachte. »Wenn es weiter nichts ist, Fräulein Doktor! _Ich_ bringe sie schon heim. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf.«
»Die Eltern der Kinder sehen in diesen Wanderungen und Festen eine gewisse -- Übertreibung,« sagte sie.
Er verzog den Mund.
»Markburg,« sagte er trocken. »Aber Sie gnädiges Fräulein -- Sie -- -- sind doch nicht so kleinbürgerlich!« Er lachte.
Sie schwieg. --
Ich gehe nicht nach dem Walde, dachte sie. Mögen sie ihr Spiel für sich allein haben. In ihr nagte es: Du durftest nicht. Sie hörte die Worte der besorgten Mütter, daneben aber klang noch etwas anderes -- eine Melodie!