Das Feuer hinter dem Berge: Roman
Part 13
Sie kümmerte sich nicht um die Vorbereitungen, hörte aber von der Haberkorn, daß die Mädchen des Doktor Bartelmes kaum noch zu regieren seien, so vergnügt seien sie. Es machte ihr jetzt eine besondere Freude, Christiane etwas über Bartelmes zuzutragen. Lauernd flogen ihre Blicke über sie hin.
Christiane verzog keine Miene.
Heute nachmittag will ich mal wieder zur Mutter, dachte sie, und mich nach der Wehrendorf umschauen. Hier läuft sie mir immer aus dem Wege, und ich -- denke nicht an sie.
Ehe sie aber so weit kam, erhielt sie Botschaft vom Präsidenten, daß er sie zu sprechen wünsche.
Das gesamte Patronat war versammelt.
Die Herren schienen kühl.
Der Präsident sagte, daß die Richtung, die in der Reutterschule neuerdings unerwarteterweise verfolgt würde, in den beteiligten Kreisen gar nicht angesprochen hätte und daß man Fräulein Doktor Dorreyter dringend ersuchte, von diesem veränderten Kurse abzusehen. Der Kernpunkt sei ja wohl nicht sie, sondern der neue Oberlehrer, in dessen Wahl man sich anscheinend etwas vergriffen hätte und der auch anscheinend über seine Grenzen hinaus zu dominieren versuche. Man setze aber in Fräulein Doktor Dorreyter volles Vertrauen, daß sie das Schiff in _ihrem_ Sinne steuere, den sie ja in ihrer energischen Antrittsrede, wenn man sich richtig erinnere, deutlich kundgegeben habe. Es seien auch Beschwerden über die Lehrerin Wehrendorf eingelaufen, die damals nur auf besondere Verwendung des Fräulein Doktor und einiger Damen angenommen worden sei und die anscheinend nicht in den Schulbetrieb gehöre.
Christiane konnte auf diese feinironischen Ausführungen ihres Chefs nicht antworten, denn der Präsident fuhr gleich darauf anscheinend gelassen fort, indem er sich einige Aktenstücke reichen ließ: Man hätte sich, nachdem das Stiftungskapital neuerdings zu einer bestimmten Höhe angewachsen sei, in der letzten Patronatssitzung entschlossen, die wiederholt ausgesprochenen Wünsche der Leiterin zu erfüllen, die fehlenden Klassen aufzusetzen und ein Seminar anzufügen, wodurch wohl vielen jungen Mädchen eine willkommene Gelegenheit zur Aus- oder wenigstens zur Weiterbildung gegeben sei.
Christiane schaute betäubt auf.
Damit hatte sie ja gesiegt -- -- gesiegt -- -- --
»Wir wären sehr dankbar, wenn wir Ihre Entwürfe und Pläne schon in kurzer Zeit erhalten könnten, Fräulein Doktor,« fügte der Präsident noch hinzu.
Christiane machte sich zu Hause sofort an die Arbeit, suchte alte Pläne, Ministerialerlasse und Verordnungen heraus, verglich, entwarf, überlegte, zeichnete auf, und darüber wurde es Abend.
Sie fuhr plötzlich hoch und sah es rot über dem Walde stehen.
Das ist der Johannisabend, fiel ihr auf einmal ein.
Sie schob ihre Papiere zurück und sah starr in das ferne Glühen hinaus. Ein feiner Dunst kam aus dem Walde und schlich herein.
Sie schaute in ihren Garten -- der war schwarz.
Eine wahnsinnige Angst überkam sie. Der Sommer gleitet vorbei. Alle ansteigenden Zeiten sind vorbei. Mein Leben tritt in das Dunkle ein. Hier sind die Pläne, die Ministerialerlasse, die Prüfungsordnungen -- haha -- das ist mein -- -- das ist mein -- --
Sie warf noch einen Blick zur ›eisernen Wehr‹ empor, dann nahm sie ihren Hut und ging.
Wie leicht kann ich schreiten, dachte sie, als sie in den lichten Staub der Straße trat. Wie -- jung --
Vom Sonnenrot sah sie hier nichts. Der Wald stand dunkelnd. Eine verwischt blaue Stimmung war zwischen den Straßenbäumen. Die Kinder kletterten darauf herum, rissen Lindenblüten los und warfen sie herab.
Sie eilte. Nun war sie im Walde. Fahrtgeleise gingen tief hindurch -- ach, es war die Allee, auf der sie damals gegangen war, als das Gewitter kam, vor einem Jahre -- --
Sie schritt rasch und empfand: Johannisabend.
Hinter allen Büschen schien es zu leben, tiefer, als bei jenem Taggewitter, heimlicher, als in den hellsten Stunden, seltsamer, als an anderen Abenden. Sie fühlte: hier ist Leben über Leben um mich. Sie sah an den Tannen empor, sah, wie die silbergrauen glatten Stämme der Buchen grünumflimmert zur Höhe stiegen und oben ihr Laub ausbreiteten, sie sah Bäume, die über und über grün waren, bei denen die Äste schleppend auf den Boden hingen, so voller Sommer waren sie. Und dann sah sie noch etwas. Mitten unter den Waldbäumen stand eine Linde, über und über blühend. Hoch stieg sie empor, höher, als die Buchen und Tannen, und oben blühte sie ganz allein, über allem Laub. Diese Blüten konnte keiner pflücken. Das Abendlicht überglänzte sie. An die konnte keiner heran.
Sie ging weiter.
Auf einmal scholl es hinter ihr. Sie horchte: Klippklapp, Klippklapp.
Sie blieb stehen.
Da kam es sacht näher. Ein Reiter.
Sie wandte das Gesicht. Das Herz schlug ihr hoch auf, sie wußte, wer das war. Er wandte sich ihr flüchtig zu, eine halbe Sekunde schauten sie sich in die Augen. Es war Ludwig.
Klippklapp, klippklapp, trabte das Pferd.
Weit hinten auf der Schneise verschwand es. Er war vorbeigeritten.
Sie wußte, wohin er ritt.
Langsam ging sie weiter, es dunkelte.
Und nun kam es wie Gesang näher -- sie horchte gierig. Es war kein Hufschlag. Es war Gesang.
Das Lied kam ihr sonderbar vor. Sie, die so viele Kinderlieder gehört hatte, horchte wie verzaubert auf dieses Lied.
Es kam ihr vor, als hätte sie es noch nie vernommen, aber als müßte sie es vernehmen, eben jetzt zu dieser Stunde. Auf einmal verstand sie die Sprache der Melodie.
Sie blieb stehen, ihr Herz versagte.
Und nun kam der Zug aus dem Walde heraus.
Mitten zwischen den Stämmen kamen sie hervor -- o, es sah schön aus! Es war, als ob die Elfen dieses Johannisabends kettengleich vorüberzögen im Reigentanz.
Sie sangen noch immer, und immer noch mehr kamen aus dem Walde, helle, singende Gestalten.
Das war keine Ausgelassenheit.
Jäh packte es sie: das war Feier.
Er hatte es wieder fertig gebracht. Er hatte ein kleines Kunstwerk geschaffen, hatte in diesen verwöhnten oberflächlichen Dingern das Verständnis für Weihe, für die Schönheit des Waldes und für den sonderbaren schwülen Zauber dieses Abends geöffnet. Er konnte das, denn er war ein Künstler.
Nun kam er.
Ein paar große Mädel waren dicht um ihn und glitten jetzt fort. Betty war dabei und wandte noch das Gesicht nach dem Fräulein Doktor.
Er sah Christiane an: »Nun? Ist es nicht schön?«
Sie schwieg.
Er blieb etwas mit ihr zurück. Die Schar zog vor ihnen. Sie sang noch immer. Leise, ganz zart. Es verschwamm jetzt fast. Es ging sanft in diesem sanften Abend unter, der seine wilden Farben jetzt eingezogen hatte.
Sie schaute zurück.
Wo war das Rot?
Sie sah auf die Straße.
Wo war der Reiter?
Bartelmes stand vor ihr. Seine Blicke überglitten sie, er sprach kein Wort.
Wie ein seidenweicher Schleier überrann sie das Gefühl: ich bin doch schön. Ich bin vielleicht noch nie so schön gewesen, wie jetzt -- in meiner Reife.
Verwirrt horchte sie. Kein Hufschlag mehr.
Ihre Seele schrie auf, schrie nach Feuern hin, nach Flammen, nach einer einzigen schönen Glut, nach einem Glück, wie sie es noch nie besessen hatte. Sie wollte nicht immer Muster sein, Tugend, Vorbild, sie wollte Flamme sein, Schönheit, Genuß -- sie wollte geben, was noch keiner besessen hatte und was alle gaben. Sie wollte mit Kränzen in feinen Melodien schreiten und purpurn untergehen, wie der Abend untergeht. Sie wollte dem Leben nahe sein, ganz nahe, sie wollte Leben sein.
Seine Miene blieb unbeweglich.
Und eben deshalb sah sie ihn schärfer an, als sie es sonst in ihrer Erregung getan hätte.
Er hielt stand. Es war vielleicht in seinem Willen, daß die Maske jetzt fiel, die er doch für jeden Kundigen nur lose vorgehabt hatte, denn er gedachte nicht weiter zu gehen und sich keinerlei Schwierigkeiten zu machen.
In den Augen blieb sein Lächeln.
Verwirrt grübelte sie, wo sie es schon gewahrt hatte: wenn er mit der Haberkorn sprach, auch mit der Seifert oder mit der Mehlmann -- alle belächelte er so aus einer gewissen Mannesüberlegenheit heraus, und nun hatte er das Lächeln, das Blinzeln auch für sie -- --?
Sie begriff noch nicht. -- Auch -- für -- sie -- --?
Und dann kam ihr Gewißheit. Ihre hellsichtige Menschenbeobachtung fand sich wieder ein, vielleicht noch nie so scharf, wie in dieser Sekunde. Sie durchschaute sein Spiel, das auf ihre innere Demütigung auslief und auf das äußere Vorzeigen: seht, ich habe die Herrin unter mir. Ich bin der Herr. Die haben sie angestaunt, wie ein neues Wunder, die sind argwöhnisch vor ihr geflohen, ein Narr ist sogar vor Schrecken gestorben -- ich aber habe festgestellt, daß es unter den Frauen nichts Neues gibt und niemals etwas Neues geben wird. Es gibt gar keine modernen Frauen. Wenn sie es können, so begehren sie immer nur den Kranz, den der Mann ihnen aufsetzt, und ihr Wille, ihre Pläne sind rasch zu biegen ... an jedem Platz!
Sie erkannte noch mehr: Er war ihr gegenüber nie in Unruhe geraten, vermißte nichts und begehrte nichts. Seine Sinne waren unbeteiligt, denn er hatte ein anderes Weib um sich, von dem ihm die scharfe Erkenntnis jedenfalls mit geflossen war -- -- --
Er wollte nun doch näher an sie heran.
Sie sah ihn mit funkelnden Augen an.
»Sie haben ja eine Geliebte,« sagte sie hart.
Er schnellte etwas zurück.
Dann besann er sich.
Der wissende Hohn in seinen Augen wurde stärker.
»Ja. Ich habe Ihnen sogar schon ihr Bild gezeigt, Fräulein Doktor Dorreyter -- eine junge Bühnenkünstlerin.«
Er lachte ein wenig. Sein Fuß rührte im Staub.
»Ich wollte Ihnen damals das Bild meiner Schwester zeigen -- sie schauen sich übrigens ähnlich -- da griff ich zufällig das andere.«
Sie gab keine Antwort.
Rasch schritt sie an ihm vorbei.
Die Kinder vorn sangen wieder.
Christiane sah, daß der Wald zu Ende war. Da kam schon die Stadt. Sie war so voller Lichter, wie sie nur sein konnte.
Christiane wandte sich und schaute noch einmal nach dem Walde zurück.
Das Feuer war erloschen.
* * * * *
Am nächsten Tage ereignete sich das Unglück.
Einige der Patronatsherren kamen in die Klasse der kleinen Wehrendorf. Sie hatten es noch mehr auf den Doktor Bartelmes abgesehen, dessen beargwöhnte Methode sie sich näher begucken wollten, aber die Hilfslehrerin stand mit auf dem Programm.
Ada wußte sofort Bescheid.
Christiane hatte ihr schon einen Wink gegeben: nimm dich zusammen! Aber was heißt ›Sich zusammennehmen‹, wenn die Nerven und alle Hoffnung ohnehin zu Ende sind. Wenn sie nicht so an der Arbeit gehangen hätte, wenn sie ihr nicht das Wichtigste, die schwere Hauptsache ihres Lebens gewesen wäre, dann wäre sie leichter über die Klippe hinweggekommen.
So aber gab sie sofort das Spiel verloren, als keine Ruhe unter den Kleinen wurde und Hanni Cöldt ganz offen in ihre Worte hineinlachte.
Die Herren sahen Ada fragend an.
Die aber stürzte an ihnen vorüber zur Tür hinaus.
Die Gäste wußten nicht, wie ihnen geschah. Deshalb warteten sie noch ein paar Minuten.
Aber auf einmal fingen ein paar der Kleinen heftig an zu weinen. Und eine drehte sich zu Hanni Cöldt um und schrie: »Du! Du!«
Und plötzlich sah der Geheimrat Meckebier die fliehende Gestalt drüben am Walde.
»Herrgott,« sagte er und faßte den anderen am Arm.
Nun eilten sie zu Christiane und schlugen Lärm.
Die Jong wurde gerufen und sagte: »Ich habe es kommen gesehen. Sie aß und schlief nicht mehr. Gestern gab ich ihr noch einen Brief von meinem Onkel und redete ihr flehentlich zu: sie solle kommen und wenn es nur für ein Ausruhen war -- man wollte sie dort pflegen. Aber sie wollte nicht.«
-- Als Ada im Walde war, fing sie an zu denken.
Von neuem kam die Gewißheit über sie: es war aus. Man behielt sie nicht mehr an der Reutterschule. Da konnte Christiane es so gut meinen, wie sie wollte -- man behielt sie nicht mehr.
Und ohne die Kinder konnte sie doch nicht leben. So viel sie sie in ihrer süßen Dummheit auch gequält hatten, sie hatten sie doch auch lieb gehabt. O ja, die meisten hatten sie doch lieb gehabt. Und nun konnte sie es nicht vertragen, daß eine andere an ihre Stelle kam -- das konnte sie ihr nicht gönnen! Nicht einmal die kleine Cöldt konnte sie ihr gönnen! Der ganze schwere Kampf -- wie war er schön -- wie war er schön.
Sie blieb wieder stehen. Unbewußt war sie richtig gelaufen, denn ihre Phantasie hatte den Weg schon Tag und Nacht gemacht.
Da war der Krähenteich.
Mit zitternden Gliedern, halb besinnungslos, glitt sie nieder und ins Wasser hinein. Schnell. Schnell.
Es war grade die Stelle, an der Herr von Wratislawski Mai die Rosen überreicht hatte.
* * * * *
Vierundzwanzig Stunden später waren die Reutterschülerinnen und das ganze Kollegium zur Gedächtnisfeier für die Tote in der Aula versammelt. Diesmal sprach Christiane schwer und fest.
Die Herren und Damen spähten argwöhnisch zu ihr empor. Alle wußten, daß der schöne Doktor Bartelmes bei der gestrigen Revision recht schlecht abgeschnitten hatte. Er hatte es sich aber nicht weiter anfechten lassen, sondern auf der Stelle gekündigt. Was bedeutete ihm Markburg! Er hatte übrigens wieder ein neues ästhetisches Buch geschrieben, das kam zum Herbst heraus und würde seinen Ruhm verstärken. Aber hier --! Ironisch blinzelte er zu Christiane hin und strich den Bart.
Diesmal fand sie kein Beschönigen mehr. Vor allen Mädchen rief sie das Frauenschicksal auf, das vor ihnen hingeglitten war, ohne daß einer es nur recht erfaßt hätte. Desto mehr aber war seit gestern geflüstert worden. An verborgener Niedrigkeit brachten auch diese planmäßig zur Schönheit erzogenen Mädchen genug auf.
Nun aber hörten sie die Wahrheit.
Christiane sprach von den Frauen, in deren Leben kein anderes Feuer brennt, als das, das sie sich selber anzünden. Ada Wehrendorf hatte nie nach fremden Feuern gespäht, hatte nie eine Gnade, ein Glück erwartet, als aus ihrer Arbeit allein. Sie hatte so an der gehangen, daß sie ihren Verlust nicht überwinden konnte. Es hatte ihr Ruhe gewinkt, Pflege, ein Schutz. Sie hatte aber ohne ihr Werk nicht leben mögen. Nicht an irgend einer Sehnsucht war sie gestorben, sondern an dem Verlust ihres Schaffens. Sie hatte ihre Arbeit lieb gehabt.
Christiane riß die Kinder an sich heran -- wie glühender Draht brannte es wieder in ihrer Rede auf -- die Wehrendorf war einstmals eine von ihnen gewesen, eine der verwöhntesten -- und wie mancher konnte es gehen wie ihr.
Sie spürte auf einmal: an diesem Leben hing auch Kampf, war nicht nur ästhetisches Genießen -- das Blatt wandte sich für viele -- und manche Seelen waren unter ihnen, die einen Schutz brauchten.
Sie fühlte auf einmal: auch sie hing an ihrer Arbeit. Wenn sie gescheitert wäre, wenn es ihr irgendwie gegangen wäre, wie der Wehrendorf -- -- sie atmete heimlich auf -- der häßliche Sturz war nahe gewesen -- -- dann hätte sie auch nicht mehr leben können. Ihr Werk hätte sie nicht zerbrochen und besudelt aus der Hand legen können. Sie fühlte auf einmal Fäden, die sie mit ihm verbanden, mit diesem allen hier, so fest, wie mit keinem anderen, weil Kampf daran hing, letzter Aufruhr, weil hier die Krisis gekommen war.
Sie starrte auf die Mädchenköpfe, und ihre Seele rang sich ganz fest an das Werk heran.
Man empfand wieder die alte Christiane Dorreyter, die im Übermaß ihrer schweren Kraft und ihres harten Erkennens ihre Leitsätze gegeben hatte.
Alle wußten, daß ihre Worte ein Vernichten des System Bartelmes bedeuteten und des Schiefen, das für die Leiterin daran gehangen hatte. Man konnte nichts mehr reden.
Leise gingen die Mädchen dann aus dem Saal -- so leise waren sie selten gegangen.
Die Herren und Damen redeten nachher noch über die kleine Wehrendorf. Natürlich hätte ihr jeder beigestanden, wenn er es gewußt hätte.
Christiane sprach noch mit der Jong. Da kam ein Bote und gab ihr ein Telegramm.
Sie brach es auf und las: ›Hardi soeben verschieden.‹
* * * * *
Es war zwei Tage später.
An Christianens Tür pochte es.
Es war das Brautpaar Dreher-Friedlein.
Sie gratulierte den beiden. Ihr Gesicht war ganz ruhig.
Der Oberlehrer sah an ihr herab, schrak ein bißchen auf, und es begann ihm zu dämmern, daß der Besuch jetzt zu dieser Stunde eine Taktlosigkeit sei. Aber im Übermaß seiner Freude hatte er an nichts anderes gedacht.
»Ich habe sie mir erobert,« sagte er mit bedächtigem Triumph, »seit dem Unglück hatte ich doch Angst bekommen, die Schule zehrt unheimlich an den Frauennerven -- ich sah Mai im Traum wirklich auch am Krähenteich --«
Mai zuckte bei dem Wort zusammen.
»Ja, ich hänge sehr an meiner Arbeit,« sagte sie.
Er guckte sie von der Seite an. »Jetzt weiß ich freilich, daß du mich lieb hast, denn sonst würdest du sie wegen mir nicht aufgeben --! Das ist das Gute an den modernen Frauen,« wandte er sich an das Fräulein Doktor, »sie heiraten nur noch aus -- Liebe.«
»Ja,« sagte Mai, »wir haben uns ja schon immer so gut verstanden.«
Dann zupfte sie ihn am Arm -- die Mutter käme gleich. Ihr Telegramm war schon da.
Beim Abschied fragte sie noch, ob sie auf der Stelle austreten könne -- das für ein Vierteljahr im voraus empfangene Gehalt wolle sie gern zurückzahlen --!
Christiane wies sie an das Patronat.
Dann war sie wieder allein.
Sie ging ans Fenster und starrte einen Augenblick in ihren Garten. Der war ganz still.
Dann trat sie in ihr Schlafzimmer und machte sich zurecht. Sie mußte nach Wiesental. Heute wurde Hardi begraben. Sie kam dort auf den Kirchhof. Das hatte sie gewollt.
Sie war an den Folgen einer Frühgeburt gestorben.
Unten fuhr der Wagen vor.
Leise trug er sie über den weißen Waldweg, den sie noch vor ein paar Tagen abends gewandert war.
Die Sonne schien mittsommerhell. Es wurde heiß. Der Wald stand verschlafen. Einmal wandte sich Christiane: ein Duft streifte sie. Da sah sie die einsam blühende Linde.
Nun war sie in Wiesental. Mit der Bahn, mit dem Wagen, mit dem Auto kam die Trauergesellschaft.
Christiane trat in das kleine Haus. Der Sarg war schon geschlossen.
Sie hätte auch nicht danach verlangt, Hardi noch einmal zu sehen.
Sie ging nicht zu Ludwig hin, und er bemerkte sie auch weiter nicht. Leise war er um die Mutter beschäftigt, und Christiane erkannte wieder, was sie schon vorgestern gesehen hatte, als sie hinkam: die hatte alles verloren, ihr Bestes und Ähnlichstes. Vorgestern hatte sie Ludwig noch verwünscht und verflucht. Jetzt schien sie ruhiger.
Der Gottesacker lag hoch oben auf der anderen Seite des Berges, klein, freundlich, aber ohne viel Baumbestand. Die Kirschbäume reichten bis dicht heran.
Der Sarg versank.
Der erste Geistliche der Stadt hielt die Trauerrede, die erste Gesellschaft der Stadt wischte sich die Augen.
Ludwig starrte vor sich hin. Er hatte die schluchzende Mutter am Arm. Hinter ihm standen ein paar Rhanes, die grade auf ihrem Gut gewesen waren. Sie waren in Uniform, und Christiane mußte flüchtig an den längst verschollenen Potsdamer Tag denken.
Ludwig hatte noch immer kein Wort mit ihr gesprochen, hatte sie kaum gesehen.
Nachher mußte sie sich verabschieden. Die Mutter ließ sich kaum sprechen. Sie sah die älteste Tochter finster an, in ihren verstörten Zügen sprang unbewußt ein harter Wunsch auf: wärst du es -- doch -- wärst du's! Sie war wieder die, die sie in schweren Zeiten gewesen war.
Ludwig trat dann mit Christiane in das Hinterzimmer mit den roten Gardinen.
Sie sah einen ganz anderen Mann als den, den sie damals nach zehn Jahren wiedergesehen hatte, so hatten ihn die zehn Wochen verwandelt. Und sie hatte es gewußt und erwartet. Sie fühlte, in den zehn Wochen lagen für ihn Erinnerungen, an die ihre ganze ehemalige Liebe nicht reichte, in denen sie für immer untergegangen war.
Das große, halb unbewußte Opfer der zarten Frau hatte alles fremde Feuer für immer gelöscht und verzehrt.
»Du gehst nun fort?« fragte sie.
»Ja, ich habe Urlaub,« sagte er monoton. »Hanni geht mit.«
Sie entdeckte im Hintergrunde auf einmal das Kind, etwas scheu, beklommen. Über den rohen Egoismus dieses verwöhnten Geschöpfes schien es doch mit einiger Wucht gefahren zu sein.
Er nahm die Kleine in die Höhe und legte sein Gesicht an das ihre. »Du --« murmelte er.
Christiane merkte, daß er Hardis Kind wieder liebte.
Nebenan weinte die Mutter.
Draußen verging der Sommertag.
Christiane trat mit Ludwig vors Haus. Er hatte Hanni jetzt an der Hand.
»Du wirst nun bald für immer von Markburg weggehn?« fragte sie.
»Ja,« sagte er.
Sie wußte genug.
Er ging nach dem Osten zurück. Von Zeit zu Zeit würde er nach Wiesental zu Hardis Grab kommen und zur Mutter, aber sie würde ihn nicht mehr wiedersehen.
Mochte sein künftiges Schaffen nun so oder so ausschlagen -- es gab ihm Halt und war seine Erlösung. Er würde über Hardis Opfer hinweg wieder lebendig werden.
Christiane dachte ihm nicht mehr so weit nach, ihre Gedanken kehrten vor den riesigen slawischen Feldern um -- sie gab ihm die Hand, küßte Hanni und stieg in den Wagen.
Er fuhr auf und sah sie noch einmal an.
Sie winkte ihm leise zu.
Das war ihr Abschied. -- -- --
Spät abends kam sie in ihr Haus -- drei Stunden war sie durch den Wald gefahren.
Sie machte Licht und sah gewohnheitsgemäß auf ihren Schreibtisch. Da lagen Briefe, Drucksachen, Kondolenzkarten und amtliche Schreiben. Da lagen ihre Entwürfe.
Ach ja, ihre Entwürfe.
Ihr Atem strich einen Augenblick schwer. Es war, als wollte sie etwas niederreißen. Als stürmte ein schweres Wasser gegen sie an.
Sie ging ans Fenster.
Da lag ihr einsamer Garten. Er war dunkel, nur der Duft strich herauf. Es war kein Frühlingsduft, er erinnerte sie an den Wald, an den der einsamen, goldblühenden Linde, deren Blüten keiner pflückte.
Ihr Herz schlug hart und stark.
Und dann überkam es sie auf einmal wie mit festen Händen: es war die Einsamkeit, das eiserne Geborgensein in sich.
Das war das beste, was ihr gehörte, und ihr höchstes Lebensgeschenk. Tief in ihr lag unendliches Blühen, lagen unendliche Strecken unbetretenen Landes, eisige Einsamkeiten.
Die gehörten ihr. Nur ihr allein.
Sie ging hin und her.
Dann machte sie Licht, sah auf das Bild und holte ihre Arbeit vor.
Schauer überrannen sie und verrannen.
Sie holte tief Atem.
»Der Abend allein ist das Beste.«
Buchdruckerei Roitzsch, Albert Schulze, Roitzsch.
Im Verlage von Carl Reißner erschien von
Juliane Karwath
Die drei Thedenbrinks
Ein Kleinstadtroman
Katharyna Holerbeck
Roman
[ Hinweise zur Transkription
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=.
Der Schmutztitel wurde entfernt. Eine Seite mit Verlagswerbung wurde vom Buchanfang an das Buchende verschoben.
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen,
Seite 28: "." eingefügt (Sie schauerte und träumte.)
Seite 30: "Ueberall" geändert in "Überall" (Überall Augenkranke.)
Seite 35: "Schrit" geändert in "Schritt" (Da endlich ein Schritt auf der Treppe)
Seite 43: "." eingefügt (Der Abend allein -- -- dachte Christiane.) ]
End of Project Gutenberg's Das Feuer hinter dem Berge, by Juliane Karwath