Part 7
Eine frühherbstliche Sonne schien weißlich, aber warm hernieder. Mariclée trug ein grünes Kleid, weiße Handschuhe und einen dunkelgrünen Hut mit einer langen schwarzen Feder.
So ging sie leichten Schrittes dahin. Das Wetter war so schön; sie wollte den Weg bis zur Bildergalerie zu Fuß zurücklegen. Als sie vor der deutschen Botschaft vorbeikam, machte sie einen weiten Bogen. Sie hatte jetzt mehrere Bekannte in London, die sie aber vorerst alle zu meiden beabsichtigte, denn wiederum, auch jetzt, _noch einmal_ andere Menschen zu sehen, bevor sie den einen sah, für den sie ausschließlich gekommen war, nein! dies ertrug sie nicht. Morgen früh hatte er ihren Brief, übermorgen würde sie wahrscheinlich die Antwort haben und ihn eventuell überübermorgen sehen. Sie konnte an nichts anderes mehr denken. --
Als sie die Galerie verließ, schlug es drei. Schon so spät! Gottlob. Auf welche Stunde würde wohl der Zeiger deuten, wenn sie ihn wiedersah?
Sie war überzeugt, daß für alles Künftige ein genaues Orarium, zwar nicht ausgegeben, wohl aber ausgefertigt stand. Sehen würde sie das Exemplar, daran zweifelte sie eigentlich nicht, obwohl er ihr inzwischen kein einziges Mal geschrieben hatte. Dies war nun einmal, leider Gottes, seine Art. Aber auch sonst wußte sie gar nichts mehr von ihm. Sie hatte in Irland meist nur irische Zeitungen zu Gesicht bekommen. So war sie doch zugleich von einer gewissen Unruhe erfüllt. -- Vor abends wollte sie heute nicht nach Hause zurückkehren. Briefe konnten doch noch keine vorliegen. Und wo sollte sie nun essen? --
Dies war für sie eine sehr wichtige und dadurch sehr komplizierte Frage, daß sie für ihre Mahlzeiten weder viel ausgeben konnte noch wollte, dabei aber, wenn sie allein war, und zumal in England stets nur schöne Lokale in Betracht zog. Die Teehäuser, die es hier alle paar hundert Schritte gab, und die man ihr so warm anempfohlen hatte, waren ja sicherlich anständig, o gewiß! äußerst preiswert, und infolgedessen für jemanden, der nichts besaß, vollkommen angezeigt, sie leugnete es keineswegs; nur ging sie nicht hinein; nur verging ihr alle Lust zu essen, wenn sie vor einem dieser ungedeckten Marmortischchen Platz genommen hatte und umhersah.
O! diese Monotonie! o dieses tearoom Publikum! wie ununterschiedlich, wie unindividuell! Es schien irgendwie eine Beziehung zwischen ihm und den drei ewig selben Kuchensorten zu sein, die Tag aus Tag ein über ganz London hin gebacken werden, und auf der Welt keine vierte und ohne je eine Variante, oder auch nur den Gedanken an eine Variante, weder bei den Konsumenten, noch den Leitern dieser »establishments«. Warum sollte sie da hineingehen? ihr bißchen Geld ausgeben, um sich deprimieren zu lassen? Dies war ganz und gar nicht ihre Art zu rechnen. Aber für heute, in Gottes Namen wollte sie eine solche Bude betreten, sie war so müde, ihre Füße trugen sie nicht weiter, und sie kannte sich noch nicht aus. So ging sie denn hinein, blickte umher und war schon wieder unglücklich.
Wenn wir noch einen Moment bei dieser ihrer gewiß pathologischen Empfindsamkeit verweilen, so geschieht es nur, weil eben hier der Grundton ihres ganzen Wesens lag. Mariclée mußte immer vergessen. -- Auf diesem einfachen Leitmotiv baute und gliederte sich bei ihr alles andere auf. Wer dies von ihr wußte, der kannte sie durch und durch, denn alles andere war sie nur beiläufig, von ungefähr, nebenbei, aber nicht wirklich. In anregender Gesellschaft konnte sie für »Außendinge« von beispielloser Unaufmerksamkeit sein, wie sie dann oft keine Ahnung hatte, was sie aß, aber allein, in einem stimmungslosen Lokal, vor einem ungedeckten Marmortischchen, billigem Porzellan und ungeschliffenen Gläsern -- da war sie wie ein Fisch, der auf das Brett geworfen wird, ihrem Lebenselement entrissen und schnappte nach Luft. Denn da gab es für die arme Mariclée nichts zu vergessen --, sondern da wurde sie _erinnert_. --
Einmal und nicht wieder, dachte sie, indem sie zahlte und mit einem mißmutigen Gesicht das Teehaus verließ. Die Sonne stand noch hoch, es war gerade viertel nach drei. Sie seufzte. So langsam also konnte ihr die Zeit verstreichen, wenn ihr etwas nicht paßte! Ein Ausrufer bot ihr Zeitungen an, sie kaufte an alten was noch aufzutreiben war, nahm eine neue dazu und ging in den Park, um sie im Freien zu lesen . . . . Als sie Whitehall hinunter ging, kam ihr ein Totenwagen, -- der hellbraune Sarg in einem gläsernen Kasten weithin sichtbar -- in grader Linie entgegen. Und abergläubisch wie sie war, hielt Mariclée inne und atmete für den Augenblick erleichtert und zuversichtlich auf.
Ihre Zeitungen nahm sie dann aufs Geradewohl und ohne auf das Datum zu achten, her; sie wollte vor allen Dingen nachsehen, ob sie eine Nachricht über das Exemplar enthielten, und das erste, wovon sie da las, war die Beisetzung eines seiner nächsten Angehörigen, so daß die Familie, in die er geheiratet hatte, in tiefe Trauer versetzt war. Ihr Herz stand still -- nicht ob des Todesfalles; mochten sie wie die Mücken um ihn herum sterben, es kümmerte sie kein bißchen. Aber sie bedachte, daß er am Ende gar nicht war, wo ihr Brief ihn suchte, denn diese Beisetzung war anderwärts, dann durfte sie wiederum auf eine Verzögerung gefaßt sein, dann ging der Tanz von vorne an. Nein, das ertrug sie nicht. Aber das Blatt war ja schon mehrere Tage alt, Gottlob, er konnte zurück sein. Und kränker war er auch nicht, denn er hatte jenem Begräbnis beigewohnt; hier stand es. Und sie faßte sich wieder. Die anderen Blätter brachten nichts mehr über ihn. Mariclée raffte sie zusammen, sie würde sie zu Hause lesen. Jetzt war sie nicht imstande. Ein Fieber, eine Unruhe trieb sie von ihrem Platze fort, zu gehen, rastlos, immerzu, wieder hinaus in die endlose Stadt, wieder zurück in den Park. Und ihre Augen sogen alles ein, das früh verbrannte Laub der Bäume, den stillen Himmel, der darüber hing, das glatte Grau der dunkelnden Paläste, das matte Grün der Rasenflächen, das lichte Schwarz des Teichs. Aber diese Augen trugen wieder den gezogenen, harmvoll matten Glanz des Kranken, der durch eine trennende Scheibe und als ein Verbannter diese Dinge sieht. O Gott, sie liebte sie so sehr, daß sie sie alle vorweg nahm. Und eben darum war sie in ihnen nie enthalten. Wenn aber einer, der es gut mit ihr meinte, da zu ihr hingetreten wäre und freimütig und plumperdings zu ihr gesagt hätte: »Was tun Sie hier? Warum sind Sie gekommen? Was vergeuden Sie Ihre schönsten Jahre und Ihre letzten Groschen, um einer möglichen Versorgung aus dem Wege zu gehen, und statt nach einem braven Mann zu fahnden, übers Meer, einem Vergebenen und für Sie Verlorenen nachzuziehen? Besinnen Sie sich doch! Das Leben ist zu ernst und Ihre Lage zu gefährdet!« Da hätte Mariclée mit besorgter Miene zugehört, nachdenklich genickt und seufzend zugestimmt, wie sie es tat, als man ihr jene tearooms anempfahl. Denn kein unvernünftiges Wort kam jemals über ihre Lippen. Aber wenn dieser wohlmeinende Freund auch noch gefragt hätte, (was sich vielleicht auch der Leser kopfschüttelnd fragt!) »_Was wollen Sie denn eigentlich?_« so hätte sie wieder gelächelt, jenes leichtfertige etwas verschmitzte Lächeln, das in Glenford den Don Juan intrigierte. Was sie wollte? Was sie sich zu wollen erlaubte? Was sie sich herausnahm? Geduld! -- Dies Buch ist ja zu keinem anderen Zwecke geschrieben, als um es zu verraten.
Siebzehntes Kapitel
Sie ließ sich erst spät mit dem zierlichen Schlüssel, den ihr die alte Klara am Morgen überreicht hatte, in ihren geborgten Palast ein. Alles war still, sie hörte nie ein Flüstern, nie einen Laut, nie einen Tritt, außer von ihrem Zimmer aus, wenn Klara oder Maud auf der Diensttreppe waren. Aber nie trat ihr auf der weiten Marmortreppe jemand anderer entgegen, als in dem hohen Spiegel, an dem sie vorüberzog, ihr eigenes Bild, nie hörte sie auf den glatten Fliesen andere Schritte verhallen, als die ihren.
Am nächsten Morgen blähte ein herbstlicher Windzug ihre Vorhänge auf und zum ersten Male, seitdem sie nach London gekommen war, zeigte sich die Sonne nicht. Sie war beim Ankleiden, als es an ihrer Türe klopfte. Ein gellendes Klingeln scholl durch das ganze Haus und gleich darauf zeigte Klara ihren alten Kopf. Es sei ein Ruf vom Fernamt, und sie nannte zu Mariclées tödlichem Schrecken den Namen des Exemplars. Ob Fräulein Klee heute nachmittag um fünf Uhr den Tee bei ihm nehmen wollte, er würde um diese Stunde in London sein.
»Ich werde kommen,« sagte sie tonlos. Die alte Klara eilte mit der Antwort hinab.
Mechanisch fuhr sie fort sich zu frisieren, aber ein kreideweißes Gesicht starrte jetzt aus dem Spiegel.
_Was sollte sie anziehen?_
Dies war ihr erster Gedanke. Sie hatte drei Feierkleider für die geplante Begegnung in Bereitschaft: das grüne, das sie gestern trug, ein weißes, und ein dunkles bleu-ardoise, das Einzige, was sie bei diesem trüben Wetter wählen durfte. Sie zog es an, und sah darin schmal und gerade aus wie eine Kerze. Und wie von einem magischen Reflex berührt, ward ihr Antlitz plötzlich so ganz genau dasselbe wie damals, als sie zuletzt mit ihm zusammen war, genau derselbe Ausdruck, dieselben blauen Irradiationen, die ihre Augen untermalten wie zuletzt, jenes Gesicht, ihr einzig wahres, ein abkunftloses, nur von ihm erkanntes, seltenes Gesicht, das seinige, da es für ihn nur an das Licht trat, wie ein Kronschatz, der nur dem Einen taugt, dem Unbefugten aber schwer und unzugänglich in den Schrein zurücksinkt. Selbst ihr Körper wurde schärfer umrissen, und seine Linien traten beseelter, ihre leichten Schultern flügelhafter noch hervor. Ihre oft so leblosen Augen aber schienen jetzt wie Wachslichter bei Tageshelle, denn etwas Abendliches, etwas, das der Tag bekriegte, und das sich selbst verfechten mußte, behielt sie stets. »Klara! Klara!« rief sie und stürzte hinaus. Und die alte Chorführerin, von der Lebhaftigkeit ihrer Stimme erschreckt, eilte herbei, als sei ein Unglück geschehen.
»O Klara!« sagte Mariclée, »ich brauche einen Schleier, wo finde ich ihn am besten? dieser Hut braucht eine Zutat; er sitzt so schlapp!«
»Bei Selfridge, ganz in der Nähe ist alles zu haben,« versicherte die andere atemlos. »Aber der Hut sitzt schön, meine Gnädige.« Und sie sah fast ein wenig betroffen zu ihr auf. War dies derselbe freudlose, etwas saturnische Gast, der unter diesem Dache einzog?
»Er muß gehoben werden. Da, von der Seite,« sagte Mariclée und maß sich mit kritischen Blicken.
Selfridge, ein kalkweißer, weithin sichtbarer Monumentalbau im Geschmack Sardanapals, bot in der Tat alles, Schuhlitzen und einen Wintergarten; auch leidliche Speisesäle in den oberen Stockwerken, wo man à la carte essen konnte. Es stand auch ein einladendes Büfett beim Eingang. Doch graute Mariclée vor den Fleischplatten. Sie war eigentlich hungrig, aber die Angst schnürte ihr den Hals zu: Sie hatte auf die Uhr gesehen, und es war zwei Uhr. In drei Stunden also. -- Dieser Speisengeruch war furchtbar. Und glitt da nicht ein Sonnenstrahl die Wände entlang? Eine lichtblaue Fläche hatte sich, wie ein heiterer See, in das stumpfe Himmelsgrau hineingerissen. Sollte sie da nicht schnell nach Hause? stand ihr das grüne Kleid nicht besser? -- Gott! -- wie der Herr da drüben essen konnte! -- was aß er denn? es sah vortrefflich aus; das hätte sie auch gern gegessen, wenn sie hätte essen können. Und mit einem Male schienen ihr all diese essenden Menschen namenlos grotesk. Der Hunger war der große Rattenfänger, die Speisen die Noten, aus denen er seinen Lockruf zusammensetzt, und zwar so, daß man nicht merkt _wie_ man ihm folgt, und stets so viel genauer weiß _was_ man ißt, als _daß_ man ißt. Weil aber Mariclée in Folge ihrer gesteigerten Verfassung heute den Tanz so deutlich _sah_ und die Pfeife nach der man sich in diesem Saale drehte, so deutlich heraushörte, wollte keine Aufforderung an sie gelangen, und sie mußte von dem Tanzboden herab.
Die grauen Wolken hatten indes den lichten Himmelssee wieder verschlungen und die Luft blieb regnerisch. Mariclée eilte nach Hause, wand und befestigte den Schleier auf ihrem Hut und probierte ihn bald so, bald anders. Es war die einzige Beschäftigung, auf die sie sich jetzt konzentrieren konnte. Als dann die fünfte Stunde herannahte, verließ sie das Haus und nahm einen Hansom, der denselben Weg einschlug, den sie Tags zuvor in der Sonne zurücklegte: St. James Street, Trafalgar Place und Whitehall hinab: fünf Uhr, fünf Uhr, fünf Uhr stand auf allen Zifferblättern zu lesen und silbern ertönten fünf Schläge vom Westminsterturm. Mariclée starrte mit der Miene einer Gerichteten auf die grau glasierten Plätze und Straßen als müßte sie Abschied nehmen von allem, was sie erblickte. Die alte Abtei stellte hier einen Abschluß von seltener Majestät, die schöne niedrige Kapelle stark im Vordergrund, und der weitläufige, gebieterische Bau so königlich gelagert. Ein edler, höchst menschenwürdiger Platz, dessen Vorzüge sie jetzt mit geschärftem Auge erfaßte. Bei dem Tore, von welchem aus Karl I. seine letzten Schritte ging, bog jetzt der Wagen in eine stille und imposante Seitenstraße ein, fuhr noch zwei glatte, hochfenstrige Fassaden entlang und hielt. Mariclée, die reichlich Münze bei sich hatte, reichte, um Zeit zu gewinnen, dem Kutscher ein Pfund zum wechseln hin und ließ ihn in ihre Börse stecken, was er für gut erachtete. Sie stand nur dabei. Indessen öffnete sich die Türe des Hauses, bevor sie noch Zeit hatte zu läuten; sie trat in eine reizende Halle, sah zwei Diener in schwarzer Livree, die von ihrem Kommen unterrichtet schienen und ihren Herrn jeden Augenblick erwarteten. Mariclée hatte noch Zeit eine Stiegenrampe zu erblicken, viel zierlicher und schöner als die in Grosvenor Street, dann sah sie nichts mehr, denn in demselben Moment war die Halle von dem Geräusch eines stoppenden Autos erfüllt und Mariclée wandte sich um. Sie sah einen Herrn, dessen Affektation sie nicht minder frappierte wie seine Eleganz, langsam aber scheinbar mühelos die Stufen emporsteigen und ging ein paar Schritte auf ihn zu.
»Halloh, da sind Sie ja!« sagte sie mit einer völlig unangebrachten erkünstelten und blödsinnigen Degagiertheit.
»Haben Sie gewartet?« fragte er.
Und sie bemerkten nicht, daß sie einander gar nicht begrüßten.
»Wir hatten eine Panne.«
»_Wir!?_«
Mariclée starrte wieder auf den Eingang hin und sah eine Dame in tiefer Trauer aus dem Wagen steigen. Bevor sie noch einen Gedanken fassen konnte, schoß ihr alles Blut mit solchem Ungestüm zu Kopfe, daß sie schwankte wie ein Rohr. Er, der indessen ihr Gesicht im Auge behalten hatte, stellte sich alsbald schützend vor sie hin, als wisse er vor ihr von ihrer Bestürzung. Er deutete auf eine gegenüberliegende Türe und ging, ohne ein Wort zu sagen und ohne sich umzusehen, darauf zu, und sie wußte nicht, wie es kam, daß sie dasselbe tat, und daß er Schritt mit ihr hielt und sie geleitete.
Sie betraten das Zimmer, und er schloß die Türe hinter ihr zu; niemand folgte ihnen und sie waren allein. Sie empfand eine große Leere im Kopf und eine große Unsicherheit in den Knien, ging auf einen Lehnstuhl zu, setzte sich aber nur auf die Lehne, als sei sie nur ganz provisorisch hier, und er nahm schräg ihr gegenüber Platz. Warum hat er mir das angetan? dachte sie.
»Wie geht es Ihnen?« fing sie an, »und was fehlt Ihnen eigentlich?« Er sprach von einer verschleppten Malaria, aus der die Ärzte nicht klug würden; von einem bösen Fieber, das unversehens immer wiederkehre. Das einzige, was ihm tauge, sei Sonne und staublose Luft. Dies Frühjahr habe er allein mit einer Wärterin auf einer Jacht in Afrika verbracht.
Während sie sprachen, hielten sie die Augen fest aufeinander gerichtet und sahen sich unverwandt, mit ernster, ausdrucksloser Miene, wie zwei große Vögel an.
»Sie haben sich aber nicht verändert,« sagte Mariclée, die ihn kaum wiedererkannt hätte. Und was machte er für Augen? sie waren ja ganz steif; und diese Unbeweglichkeit, diese Blässe, wie von einer Puppe? Und sie bedachte nicht, wie versteinert sie selber drein sah. Jeder nahm jetzt her, was ihm gerade einfiel. Er erwähnte den Todesfall, der sich so kürzlich erst begeben hatte, machte ein gefühlvolles Gesicht, das sie gar nicht an ihm kannte, und sprach von dem »schweren Kummer«, von dem sie alle betroffen seien. Mariclée spürte einen starken Lachreiz. »Warum lügt er denn so?« dachte sie.
»Davon weiß ich gar nichts; sind Sie deshalb in Trauer?« log sie zurück.
Von dem Zimmer, in dem sie saßen, sah sie nichts, bemerkte aber jetzt, daß der Tee auf dem Tischchen vor ihnen serviert war, vergaß gänzlich die Situation, und mechanisch, wie sie es früher oft getan hatte, schenkte sie ihm und dann sich selber eine Tasse ein.
Und nie blickte sie zur Türe hin, als dächte sie mit nichten, daß hier jemand eintreten könnte, als sei dies ihre letzte Sorge, als sei dies keineswegs die Panik, die sie krampfhaft unterdrücken mußte, um ihr letztes Restchen Fassung zu bewahren.
»Wie lange ist es her, seit wir uns nicht mehr sahen?« fragte sie.
Er wußte es auf den Tag.
»So kurz?« sagte sie irrsinnig. Sie wollte sagen: »So lang.« Aber es war ja alles eins.
»Und Ihr Beruf?«
»Ich hoffe ihn wieder aufzunehmen.«
»Wirklich!« rief sie und leuchtete auf.
Aber sein Gesicht erhellte sich nicht. »Es sind noch lange Wege,« sagte er.
Da erlosch auch der Strahl in ihren Augen.
Sie war von der Lehne aufgestanden und hatte sich in den Stuhl gesetzt. »Und was tun Sie indes?«
Er zuckte die Achseln: »Vorerst mich pflegen,« sagte er, »und in drei Wochen nach Amerika fahren.«
»Schon wieder! so weit!« entschlüpfte es ihr.
Und immer starrten sie sich mit ernsten, ausdruckslosen Augen an, indes ihre steinernen Masken ihre eigene Zwiesprache zusammen führten. »Ich kann mich nicht wohl dispensieren,« sagte er; »meine Frau wünscht, daß ich sie begleite, und die Seereise ist mir ja zuträglich.« -- Sie nickte; und weil die Angst vor der Türe sie immer stärker würgte und immer mehr verstörte, wußte sie jetzt nichts besseres vorzubringen, als einen albernen Tratsch über eine Dame, die er früher flüchtig gekannt hatte und die sie beide in keiner Weise interessierte.
»Und denken Sie, jetzt läßt sie sich richtig scheiden,« sagte Mariclée und stellte ihre Tasse verzweifelt wieder hin.
Da kam er ihr zu Hilfe.
»Wie lange werden Sie in London bleiben?« unterbrach er sie, ohne eine Miene zu verziehen.
»Drei Wochen,« erwiderte sie unbedacht, weil er vorhin »drei Wochen« gesagt hatte. Eine jähe Röte stieg ihr zu Gesicht. »Oder vierzehn Tage,« verbesserte sie. »Ich weiß es noch nicht.«
Er nahm stets den äußersten Termin bei ihr an. Sie hatte es nur zu wohl erfahren, als sie in anderen Städten mit ihm zusammentraf. »Innerhalb drei Wochen wären Sie also noch zu erreichen?« wiederholte er.
»Ja,« gab sie bei.
Da öffnete sich die Türe. Mariclée hatte das Gefühl, als lägen ihre Arme und Beine in den vier Ecken des Zimmers verstreut und als müßte sie sie dort holen gehen, in Wahrheit aber schoß sie kerzengerade in die Höhe. Sie hörte, wie das Exemplar sie vorstellte, begrüßte die Eintretende mit großer Natürlichkeit und näherte sich dann dem Fenster. Ihre Haltung war plötzlich tadellos. Etwas appellierte an ihr Selbstbewußtsein oder ihren Stolz und es war, als zöge unvermutet eine andere Fahne auf.
»Wir sprachen von Wiener Bekannten,« hub sie im leichten, klangvollen Tone an und kehrte vom Fenster zurück. Sie war jetzt die Grazie und Sicherheit selbst. Auch die Steifheit und Spannung im Auge des Exemplars hatte sich gehoben, und ein Gespräch zwischen den Dreien geriet richtig in Fluß. Mariclée zeigte sich lebhaft, ohne von einer eisigen Reserve zu lassen, und brachte es zustande zu lachen, ohne doch jemals zu lächeln. Sie unterhielten sich über die Juden, deren soziale Position in England eine viel gesichertere sei wie am Kontinent, und das Exemplar meinte, es sei eben auch die beste Sorte Juden in diesem Lande zu finden, und streute amüsante und scharfe Bemerkungen ein.
Hin und wieder nahm sie ihre Tasse zur Hand setzte sie aber wieder hin, weil sie fürchtete, man könne das Zittern ihrer Hand bemerken. Sie hätte gerne ihren Tee genommen, und wie die andern etwas dazu genossen, um sich weniger erschöpft zu fühlen, aber von essen konnte jetzt ebensowenig die Rede für sie sein, wie für einen Schatten oder eine Abgeschiedene. Sie nahm statt dessen eine Zigarette -- die war nicht so schwer wie eine Tasse -- und sie rauchte und erzählte von Irland, und wie ihr die Irländer gefielen und mißfielen und von der Unmenge von Priestern. Indes lag jetzt in der blassen, schwebenden Hand, mit der sie ein wenig gestikulierte, während sie sprach, ein so ergreifender Ausdruck, daß Mariclée, der das Schöne, woher es auch kam, nicht leicht entging, davon betroffen ward und sie senkte; doch das Exemplar hatte sich schon von seinem Platze erhoben, und sie wußte, es war, weil, ohne zu wollen, ihre Hand ihn gerufen hatte.
»Hier ist Feuer,« sagte er, indem er sie schnell erfaßte. »Ihre Zigarette ist erloschen.«
Und dies war die einzige Begrüßung, die zwischen ihnen stattfand. Mariclée wurde dessen nur wie von ferne gewahr. Sie hatte ja so viel zu tun, um jegliche Gefühle in sich auszuschalten, auf daß die leicht vibrierende Stimme, mit der sie redete, nicht brach. Man kam auf seine verflossene Seereise zurück, während welcher er niemals nach Hause schrieb.
»Er ist ja zu Briefen einfach nicht zu bewegen,« sagte seine Frau; »schreibt er _Ihnen_ je?«
»Niemals!« lachte Mariclée und schüttelte den Kopf. Die umfängliche Schachtel, in der sie seine Briefe aufbewahrte, faßte sie zwar längst nicht mehr. Aber konnte sie etwas anderes sagen, als was sie eben von dieser Seite vernahm? Und dann: was waren das für Briefe? Meist flüchtig hingeworfene Zettel. So war es, trotz der überfüllten Kassette fast wahrheitsgetreu zu sagen »Niemals«.
Mitten drin trat auch die Frau einmal zum Fenster hin, um Mariclée, die im Halbdunkel saß, von rückwärts und vom Profil zu mustern, und kehrte dann zu ihrem Platze zurück. Und auch dieses fühlte Mariclée nur wie von fern.
Man sprach noch von diesem und jenem: von deutschen Stücken, für die er eine Vorliebe hegte und von Hauptmanns »Griechischem Frühling«, den Mariclée überall verkündigen und lobpreisen mußte, weil das Buch ihre Marotte war; und endlich von dem kürzlich erfolgten Tode Tyrrels, wobei sie sich über die unversöhnliche Haltung des Klerus mächtig ereiferte. Niemand war in ihre Gedanken besser eingeweiht und mehr von ihnen eingenommen wie das Exemplar, weshalb es ihm oft viel Spaß machte ihr zu widersprechen. So nahm er jetzt, der als Anglikane in solchen Fragen in keiner Weise engagiert war, für die schroffe Haltung der Kirche Tyrrel gegenüber munter Partei, und sie wollte ihm etwas entgegnen, als ein Diener mit der Meldung eintrat, das Auto sei vorgefahren. Da empfand sie den Schmerz des mitten aus tiefem Schlafe jäh Aufgescheuchten und erhob sich; das Exemplar schien von der Unterbrechung keine Notiz nehmen zu wollen, doch mahnte ihn seine Frau, daß es Zeit wäre zu fahren, um nicht in die Nachtluft zu kommen, der er sich nicht aussetzen durfte. Da brach er seinen Äußerungen über Tyrrel mit einer äußerst frivolen, aber so witzigen Wendung die Spitze ab, daß Mariclée ihn ansehen und lachen mußte. Denn zur Wirklichkeit und dem Bewußtsein ihrer Situation kehrte sie erst zurück, als sie wieder in der Halle stand und mit den beiden der offenen Pforte zuschritt.
»Da wir uns nun endlich kennen lernten, werden wir uns hoffentlich wiedersehen,« sagte seine Frau.