Part 8
»Ich hoffe es auch,« erwiderte Mariclée höflich und rasch, doch ohne den Schatten eines Lächelns, denn ihr Gesicht war wieder wie versteinert. Und sie ging die Stufen hinab. Aber da erschien er noch einmal vor dem Hause und trat weiter hervor, als sähe er nach dem Wetter und nickte ihr zu, und blickte sie an mit einem Lächeln, in dem alles lag, und dem alles entglitt, das von den Dingen so wohl Bescheid wußte, das ein so weltweises, so kundiges Lächeln war, mit Idealismen zwar vertraut, doch jeglicher Illusion erstorben, ein so blasses, flickerndes und winterliches Lächeln, daß es Mariclée, der Schutzlosen und Gefährdeten, vom Leben so viel rauher Angefaßten, ins Herz schnitt und sie jeden Tropfen ihres Blutes aufbot, um Sonne in ihr eigenes Lächeln zu weben, und ihn anstrahlte, ohne Trauer, als sei nichts verloren. Dann riß sie ihre Blicke los und zog ihren verlassenen Weg und sah nicht einmal hin, als sein Auto, das ihn an den Meeresstrand zurücktrug, an ihr vorübersurrte. Denn jetzt war kein Licht mehr in ihren Augen und ihre Kräfte waren ausgegeben.
* * * * *
Der Tag schien nur um ein geringes blasser und es dämmerte noch nicht. Aber es war, als ob alle Uhren jetzt verschwunden seien, ihr wenigstens fiel keine mehr ins Auge; sie dachte nicht mehr an die Zeit. Ihre Ernüchterung war grenzenlos. Dies also war der Mensch, der sie so wert dünkte, den sie mit solchen Gefühlen und solchen Gedanken behing, diese Puppe! -- Mariclée stieß gegen ein Haus und taumelte. Wahrhaftigen Gottes, er sah aus wie eine Puppe!
Sie stand plötzlich auf dem Trafalgar-Platz, sie wußte nicht wie. Nun, es war wirklich gut, es war sicher ganz vortrefflich, daß sie ihn wiedergesehen hatte. Aber wo hatte sie nur ihre Augen gehabt? Also das war er; -- diese Puppe? und wenn sie es nicht selbst gewesen wäre, hätte sie eine große Lachlust verspürt. Was für eine Puppe, sagte sie ganz laut und wiederholte noch einmal, um das Erstaunliche auch auf englisch zu hören: »What a doll!«
»Jetzt nehme ich ein Hansom,« dachte sie. Aber wozu? Welche Zeit wollte sie denn gewinnen? Es war schon besser, sie ging zu Fuß. Sie durfte das Geld nicht so hinauswerfen. Erst einen Kassensturz, wenn ich bitten darf. Warum hatte sie nicht gesagt: ich kann nur mehr _zwei_ Wochen bleiben, mit zwei Wochen hatte sie doch nur gerechnet. Wie? Was meinte sie da? Was? War das ihr Ernst? Drei Wochen wollte sie nun um dieser Puppe willen? . . . Ach, unterbrach sie sich selbst, nicht denken, jetzt nicht darüber denken . . . später . . .
Und Mariclée tat an diesem Tage tatsächlich etwas Vernünftiges; sie nahm ein Hansom, fuhr nach Hause, warf sich auf ihr Bette, gestattete sich keinen einzigen Gedanken mehr, sondern schlief. Es herrschte völliges Dunkel, als sie erwachte. Sie fühlte sich wie zerschlagen, erhob sich aber rasch, zog ein Abendkleid an und verließ ihr geborgtes Palais. In diesem Mausoleum hielt sie es jetzt nicht aus, und sie mußte ein hübsches Restaurant ausfindig machen; dies war für den Augenblick das Wichtigste. In einer tristen Teebude zu essen hätte sie heute schier umgebracht. Sie fand in einer eleganten Seitenstraße ein sehr hübsches Lokal und zögerte nicht, es zu betreten, denn ihr schwindelte vor Hunger.
Sie hatte sich tags zuvor ein Theaterbillett genommen, aber sie ließ es auf dem Tisch zurück, als sie wieder ging. Ihr graute plötzlich vor dem Zusammensein mit Menschen; sie wollte mit sich allein sein, nachdenken und gehen. Die Luft war linde und still, über den schwarzen Wolkenstreifen, die noch am Himmel zogen, ragten jetzt Sterne in verzweifelt überwältigender Höhe. Mariclée kehrte von den dunkleren Seitenstraßen in die ruhelose Helle Piccadillys zurück, wo die Finsternis auf Schritt und Tritt vor den Lichtern zurückweicht, wie eine starre Kälte, die von mächtigen Feuern unablässig gebrochen und verdrängt wird. Von dem Ansturm der Wagen, die so endlos aufeinander folgten, daß der einzelne so wenig zählte wie in weiten Wäldern der einzelne Baum, wurden ihre Sinne ganz benommen, wie auch von der Gleichförmigkeit des rauschenden Lärms, den sie heute wie eine gesteigerte Stille empfand. Vergebens wartete sie, um die Straße zu passieren, denn nie wollte zwischen den vielen Kolonnen der Wagen, Autos, Omnibusse und Hansoms eine Lücke entstehen; mitunter schwankten hochgetürmte, bunte Stellwagen, mit Pferden bespannt, recht altväterisch einher. Als da einer vorüberzog, dessen Dach ohne Insassen war, machte Mariclée ein Zeichen, ergriff schnell die hilfreiche Hand, die ihr der Kondukteur entgegenstreckte, und kletterte behend zu den oberen Sitzen hinauf, von welchen aus sie unter freiem Himmel, ungestört und ganz für sich allein, die Straßen dominierte. Denn unter freiem Himmel und allein und abgetrennt zu sein war jetzt ihre ganze Sorge. Sie mußte wissen, was die große Stille bedeuten wollte, die mit einem Male in ihrem Innern entstanden war, wie der Wind, der mit einem großen Ruck mitten im Sturm innehält, doch nur weil ihm der Atem ausging, und um desto stärker wieder anzuheben. So traute sie dieser Stille, dieser Glätte eines allzu bewegten Herzens nicht. Was mochte sich in ihm abspielen, daß so seltsame Schauer seinen Gründen entstiegen und immer stärker wiederkehrten? Waren sie von Glück oder Betrübnis aufgeweht? Ihr bangte wie vor einem Vorhang der ihr das eigene Selbst noch vorenthielt und sich nun langsam teilte, sie in ihr Inneres einzulassen. Der Omnibus fuhr durch die grelle Oxfordstreet und Hyde Park entlang. Als er am Ziele war und wendete, stieg der Kondukteur herauf, aber sie löste einfach eine neue Karte, fuhr bald hin, bald her, tief in die Nacht hinein und blieb auf ihrem ambulanten Dach. Anderen Menschen war es wohl zu kühl hier oben, denn niemand störte ihre Einsamkeit. Im Parke, wo sie zusammenstanden, trugen sich die Bäume noch sommerlich, doch ihr Laub hing schon recht herbstlich stille, weil keine neuen Säfte sie mehr durchquillten. Aber was wußte sie da von Wärmegraden, von Stunden oder Jahreszeiten? Und es war nicht Herbst. O nein! die Knospen hingen zum Bersten reif an grünendem Geäst, nur ein Regenschauer mußte noch herniedergehen; denn es war eine Frühlingsnacht; es war nicht Herbst; wer sagte das? man stand im Lenz. »Ach ich Arme!« dachte sie, »warum bin ich so glücklich?« und preßte ihre Arme gegen ihr Herz, das sich durch keine Bedenken halten ließ; es hatte an diesem Tage allzuvieles gewaltsam unterdrücken und verdrängen müssen; nun brach es ans Licht und prangte in hellem Flor.
_Sie hatte ihn wiedergesehen, und er war nicht gestorben._ Die Leute, die vor kaum einem Jahre seinen Tod so sicher in Aussicht stellten, die Londoner Reporter, die vor jedem Redaktionsschluß anfragten, ob er noch nicht zu vermelden sei, sie hatten einmal nicht Recht behalten, und ihr Erzfeind: die Wahrscheinlichkeit war einmal nicht zur Wahrheit geworden, sondern die Schatten, die sich schon das Zeichen gaben und an seiner Schwelle sammelten, hatten wieder von ihr weichen müssen. Sie hatte ihn wiedergesehen, und er war geblieben. Die Götter, die in das Herz des Menschen sehen, hatten sich des ihrigen erbarmt, dessen Blut zu Asche zerronnen wäre, wenn die Dinge ihren Lauf genommen hätten und statt es fortan wie eine Urne zu tragen, hielt sie es jetzt wie einen frohlockenden Zweig, den eine Überfülle aufbrechender Knospen zu sehr beschwert.
Denn in ihr war etwas, das den Tod nicht nur haßte, sondern ihn nicht ertrug. Sie, deren kraftlose Hände einen Schlüssel nicht zu drehen vermochten, der auch nur halbwegs strenge in seinem Schlosse saß, hatte einmal eine verschlossene Türe gesprengt, weil der Schrei, der daraus hervordrang, auf den Hörer augenblicklich eine freche Todesvision übertrug. Und nicht das Erbarmen, sondern einzig die Wut hatte da ihre Kräfte so vertausendfacht und ihre Schnelligkeit so gesteigert, daß sie wie eine Kugel auf das betroffene Wesen hinschoß und mit einem verdunkelten und von Haß entstellten Megärengesicht es seinem Schicksal entriß.
So sehr war sie in das Leben verliebt, daß diese Liebe die Natur in ihr pervertiert hatte -- wie etwa eine bourbonische oder florentinische Lilie eine pervertierte zu nennen ist. Mariclée war ein Kind ihrer Zeit; sie mußte das hinnehmen. Bei aller Intensität war kein Geist abschweifender als der ihrige und dem Gegenstande seiner Leidenschaft beständiger entrückt. Im klassisch hergebrachten Sinne liebte sie das Exemplar mit nichten, und sogenannte »Mädchenträume« hatte sie niemals auf sein Haupt gehäuft. Denn ihr Bereich waren jene Zwischenstadien, die unsere Mütter und Großmütter nicht kennen lernten. Aber heutige Frauen sind insofern die Erfahreneren, als gewisse »Brechungen« ihres Gefühlslebens viel weiter ausgreifende Strahlungen desselben ermöglichen. Es ist die Zeit, es ist die Zeit!
Denn zum Charakter einer Krankheit gehört es (und es ist ein alter Gemeinplatz, die Liebe eine solche zu nennen), daß sie von einer Phase in die andere übergeht und keinen eigentlichen Stillstand kennt. Manchmal kommt es dann vor, daß sich die Krankheit zurückschlägt, so daß man nicht sogleich zu sagen wüßte, wo denn ihr Herd zu suchen sei, weil sie nirgends ist und überall, und im Moment, in dem sie zurücktritt, dem Ungewitzigten behoben scheint.
Dieser Moment herrscht nun heute in Dingen der Liebe bei uns Europäern fast epidemisch vor. Er ist es, der jener vielberühmten »Temperamentlosigkeit« unterliegt, die den jüngsten Männern so vielfach eigen scheint und die älteren so sehr befremdet; aber ich möchte fast behaupten: gerade von diesen wird über dieses Thema immer nur das Falscheste vorgebracht. Sie besinnen sich nicht lange, auch das stilisierte einfach für pervers zu halten, und ehemalige Roués sind hier nicht selten unverbesserlich naiv. Was sie indessen als dekadent (das Wort soll alles decken) abfertigen, ist eine Krisis, die macht, daß es wert ist zu leben, wäre es nur, um zuzusehen, wie sie verlaufen, wie die kommende Generation sich zu ihr verhalten, und wie diese daraus hervorgehen wird. Mittlerweile scheinen sie in der Tat überhaupt nicht zu lieben, denen heute die allgewaltige Blindheit der Liebe verloren ging, so daß die Glut ihrer Herzen zurücktrat, als ein schleichendes Fiebern sich in alle Adern ergoß und ihre Wildheit schlug. Was die Besten so ermattete, ist der Vorgeschmack der großen Ernüchterung, das Bewußtsein von der Schalheit der Dinge und die Angst vor dem Sichbescheiden im Überdruß. Die Realität der Liebe verlor da zum ersten Male, seitdem die Welt besteht, gerade für die Liebenden an Wichtigkeit, und die Scheu des Unzulänglichen wurde so zur heutigen Romantik.
Mariclées Element war das Absichtslose. Sie konnte ihr Gefühl nur einem solchen Manne zuwenden, bei dem aus irgendeinem Grunde eine Verwirklichung ihrer Wünsche so ausgeschlossen war wie das Festland von der Meeresinsel. Sie liebte ihn um seines Wertes willen und nichts darüber, damit schoß sie aber gerade über das Ziel hinaus, verlor den Mann aus dem Auge und hing sich an den Menschen. Sie wußte es nicht, aber das Exemplar, das ihr zugesehen hatte, wußte es von ihr. Er hatte ihr die größte Wohltat erwiesen, die ihr von einem Manne zuteil werden konnte: sie vollkommen zu durchschauen, und so lang er lebte, war sie nicht allein.
Denn durch einen Zug ihres eigenen Wesens war sie er selbst, und zwar gerade auf Grund jenes Idealismus, den er für sich nicht mobil machte, und mit dem sie sich einen so unerhörten Luxus gestattete. Ihm war einer der besten Tribünenplätze zugefallen, die im Leben zu haben sind, und alle Vorteile und Genüsse, von den edelsten zu den materiellsten standen ihm zu Gebote. Er hatte sich auch stets um einen solchen Platz bemüht, und sie feilschte darob nicht mit ihm, denn ihr Verzicht auf das Ganze war nur deshalb erfolgt, weil sie mit keiner zweitbesten Lage vorlieb nehmen wollte. Sie flickerte dann lieber zwischen Bühne und Publikum hin und her, ließ sich nirgends eingrenzen und war es zufrieden, sich allem und jedem gegenüber eine vage Zugehörigkeit und einen vagen Protest vorzubehalten. Dies war ihre Geste.
Er hingegen war der typische Zuschauer, für den gespielt, gearbeitet, gelernt, geforscht, Kunst getrieben und immer neues gefunden und entdeckt wird, und für den vor allem alle schönen Dinge vorhanden sind. Er gab sich zu denken nicht sonderliche Mühe, denn just für ihn wurde ja gedacht. Und woher sollen die Romanschriftsteller und Dramaturgen ihre Helden schöpfen, wenn jene Typen aus der Welt verschwänden, welche den _Stoff_ zu ihrem Gestalten liefern?
Ein solcher Held nun war das Exemplar.
Die Gemeinschaft, die zwischen ihm und Mariclée bestand, war ebenso kurios, wie ihre bei den Haaren herbeigezogene erste Begegnung.
Vor einigen Jahren war er durch die Stadt gekommen, in der sie lebte. Und am selben Tage hatte sie eine ehemalige russische Palastdame und Witwe eines vielbereisten Diplomaten aufgesucht, die eine große Schwäche für sie bezeigte und mit der sie sich hin und wieder zerwarf und dann wieder versöhnte. Die alte Dame war sehr tyrannisch und unberechenbar in ihren Launen, hatte sich aber dabei eine vollendete, in Anbetracht ihrer Jahre sehr merkwürdige Grazie bewahrt und schien hier etwas verschlagen mit ihrer Sarskoe-Zelo-Aura, die sie überall mit sich führte, ohne einen rechten Gebrauch dafür zu finden, denn im Vergleich zu seinem früheren Glanze war ihr Leben jetzt sehr windstill und verblaßt.
Als nun Mariclée an jenem Tage bei ihr erschien, wollte sie gleich über sie verfügen, sie ins Theater und für den ganzen Abend in Beschlag nehmen. Aber Mariclée tat ihr prinzipiell keinen Gefallen mehr, weil sie gefunden hatte, daß anders nicht mit ihr auszukommen war. Und als sie merkte, daß ihre scheinbar recht unmotivierte Weigerung andere Besucher, die zugegen waren, unangenehm berührte, weigerte sie sich erst recht. Aber die Gesellschaftsdame, ein junges und recht unglückliches Mädchen, zupfte sie leise am Ärmel, nahm sie geschickt abseits und bat sie flehentlich der alten Dame heute abend zu willfahren. Da witterte Mariclée eine häusliche Szene zwischen den beiden und nahm ihre Absage zurück.
Eine Stunde später saß sie in einem Stück von Björnson, und bemerkte, daß ein Herr in ihrer Nähe öfter zu ihr hersah, doch achtete sie nicht weiter darauf, teils aus Zerstreutheit, teils weil sie ihn nicht kannte. Nach der Vorstellung aber ging er plötzlich auf die alte Dame zu, die ihn mit einem kleinen Freudenschrei willkommen hieß, denn sie kannte ihn vom letzten Posten ihres Mannes her. Mariclée, immer noch recht unbeteiligt, hielt sich jetzt abseits und ließ die beiden in dem engen Gang ein paar Schritte vorausgehen. Aber vor dem Vestibül wandte er sich um, hielt inne und verlangte ihr vorgestellt zu werden. Mariclée stand eine Stufe höher als er und sah jetzt zum ersten Male sein Gesicht; sie stutzte. Sein wundervolles Äußere frappierte sie so sehr, daß sich ihr Gesicht erhellte und sie ihm unwillkürlich ihre Hand entgegenstreckte, aber zugleich blickte sie von ihm weg und starrte ins Leere und lächelte dabei, als sähe sie sich im Geiste sein Bild noch einmal an. Da kam er rasch die Stufe herauf, um ihre Hand zu ergreifen, und sein Lächeln trug ohne eine Spur von Selbstgefälligkeit den deutlichen Reflex des ihren. Und es geschah alles so rhythmisch, als hätte im Hintergrund eine Musik diese flüchtige Begrüßung von Anfang bis zum Ende begleitet. Sie war symbolisch genug. Nur das Leben konnte diese beide trennen: ein Mißverständnis nie.
Trotzdem war er ihr am folgenden Morgen ganz aus dem Sinn. Sie erwartete an diesem Nachmittage die alte Palastdame bei sich zum Tee. Als es läutete, stand sie gerade am Fenster und sah einen Kindertotenwagen dem Hause zufahren. Sie ging in den Salon, ihrem Besuche entgegen und sah das Exemplar auf sie zukommen, wie wenn nichts natürlicher wäre, als daß er heute in Begleitung ihrer alten Gönnerin hier erschiene und sich von ihr hier einführen ließe. Sie war das einzige Wesen, daß er in dieser Stadt kannte.
Von dieser Stunde an war das Unstete, Rastlose und Unsichere von Mariclées Wesen dahin. Die beiden trafen sich fortan bald in kurzen, bald in längeren Zwischenräumen bald in dieser, bald in jener Stadt, bald in Rom, bald in Venedig. Wenn sie gingen, dann war es, als ob ein ehernes Gesetz sie zur Gruppe zusammenschmiedete, und es war nicht als ob zwei, sondern als ob einer ging. Seine Nähe war die Heimat, die alle Einsamkeit von ihr benahm, und in der sie von allen Ungereimtheiten des Lebens rastete. Einmal im Theater, als er die Hand ausstreckte, um ihren Zettel zu nehmen, waren ihr Tränen in die Augen gekommen, weil seine Vollkommenheit sie so beglückte. Denn er war gleichsam ein Übergang zum menschlichen Standbild. Dies Phänomen war durch seine äußere Form im Verein mit der Akuität seines Schönheitssinnes entstanden. Die Harmonie kann so gut wie die Häßlichkeit als »Akkumulator« am Werke sein. Durch die Schärfe aber, mit der Mariclée diese Harmonie so restlos wahrnahm, hatte sie Teil an ihm, ja »gehörte« er bis zu einem gewissen Grade ihr.
Und nun stiegen auf dem Wagendache, auf dem wir sie ließen, auch die weit verstreuten, selbst die vergessenen Tage ihrer Zusammenkünfte wie aus einer Versenkung empor, zerfallene Kulissen durften wieder erstehen, der Zeiger rückte bald nach dieser, bald nach jener Stunde ihres Zusammenseins zurück und eine jede durfte wieder aufleben und erblühen. Und über Mariclée war das Glück wie ein Frühlingssturm her und schüttelte und durchschauerte sie. Er lebte, und sie hatte ihn wiedergesehen. Um sie her rauschten jetzt die Bäume, von einem mächtigen Winde aus ihrer Stille aufgescheucht, die Nacht war schon weit vorgeschritten, aber Mariclée nistete noch immer auf ihrem Dache oben wie ein Käuzchen in seinem Felsenloch. Sie ließ sich durch den Schaffner nicht stören, der ab und zu an der Stiege erschien und von dem sie dann eine neue Karte löste. Zum wievielten Male war sie wohl schon Park Lane und jene grotesken Häuser entlang gefahren, die ihr Dasein bald einem undeutlichen Ricordo die Venezia (in englischer Betonung) verdanken, bald -- (mit dem gleichen Akzent) von Nürnberg und Albrecht Dürer phantasieren? Fassaden, in welchen sich gewisse angelsächsische Züge mit solcher Drastik verdichten, daß diese zu Kalk und Stein verhärtete Borniertheit nicht niedergerissen, sondern in künftigen Jahren restauriert werden sollte. Denn der dumme Deutsche ist nur ein Ärgernis, dem stupiden Engländer gebührt ein Monument.
Mariclée stieg nicht eher von dem Wagen herunter, als bis er seinen Dienst einstellte, dann ging sie nach Hause und ließ sich mit ihrem kleinen vergoldeten Kammerherrenschlüssel dort ein. Die Diensträume lagen weit ab und niemand konnte sie hören, nur die Stille eines unterirdischen Gewölbes wehte ihr hier entgegen. Sie tastete an der Türe nach den Hähnen, und alsbald entströmte den verhängten Lüstern ein verschwiegenes, weißliches Licht. Mariclée stieg wie im Traume die Steintreppe hinauf und an dem großen Spiegel vorbei, aus dem ihr stets nur ihr eigenes Bild entgegentrat. Doch halt! -- wer war das? -- das war nicht sie. Welche Gestalt zog da wie auf Wolken einher? Wessen Antlitz? o das war nicht sie! ach ihre Züge waren es, und nicht die ihren, wie die Rose, die am Gartenstrauche hängt, nicht dieselbe ist, die am Hag eines Götterhaines entflammte. So also sah sie im Glücke aus. -- Wo war die Unbelebtheit hin, die manchmal wie ein Vorhang ihr weltabgewandtes Antlitz überzog und es umdüsterte? und sie wandte sich ab, denn es schmerzte sie dies herrliche und lichtumflossene Gesicht zu sehen.
* * * * *
Wie brachte sie es nur zuwege, wird sich der Leser denken, auf so geringe Veranlassung hin, einen solchen Maibaum aufzurichten? Welch ein Aufwand von Gefühlen pour si peu! Aber man denke, wie gewaltsam im Moment die ungeheure Freude des Wiedersehens zurückgedrängt worden war, und gleich nach der Zusammenkunft so weit zurückschlug, daß sie das Exemplar mit den vollkommen nüchternen Augen eines gleichgültigen Passanten betrachtete und sogar geneigt gewesen war, die ganze Geschichte von der lächerlichen Seite anzusehen. Denn vergessen wir nicht, daß Mariclée sich leicht an der äußersten Kante der Dinge bewegte.
So dachte sie auf ihrem Omnibus nicht mehr: »Warum hat er mir das getan?« und prüfte nicht, ob er die Situation herbeigeführt oder nur geduldet hatte. Sie dachte nur: O wie genau wußte er, daß er sie riskieren durfte! Wie genau wußte er, bevor sich jene ominöse Türe öffnete, wie ich mich verhalten würde! O wie gut bin ich bei ihm aufgehoben, und wie gut kennt er mich?
Und so war das ganze Freudenfeuer vor allem eine Reaktion.
Achtzehntes Kapitel
Darüber konnte ja am nächsten Morgen kein Zweifel sein, daß es Herbst war. Die alte Klara gab ungeheuer viel auf das Wetter. Wenn sie das Frühstück heraufbrachte, verfehlte sie nie hierüber Bericht zu erstatten, und zwar stets mit dem entsprechenden Mienenspiel: der guten Botschaft voll, wenn die Sonne schien, besorgt, wenn sie sich nicht zeigen wollte, und kopfschüttelnd, wenn es goß. Mariclée hatte von ihrem Bette aus den Blick auf zwei Fenster, wovon das eine groß offen stand, so daß sie beim Aufwachen über die jeweilige Witterung bestens orientiert war, aber sie tat nie dergleichen, da die Alte den meteorologischen Vortrag als ihres Amtes zu erachten schien.
»A very cool day indeed, Madam,« verkündete sie heute, »and no sun.« Sie schloß das Fenster und zündete im Kamin ein Feuer an.
Mariclée war etwas gerädert von dem langen Fahren auf den harten Sitzen des Stellwagens, und ihre Augen schienen wie nach einem Fieberanfall etwas glanzlos und erweitert. Aber sonst zeigte sie sich wieder sehr vernünftig. Es war immerhin gut, daß sie bei aller Verstiegenheit jederzeit imstande war zum Bewußtsein der Wirklichkeit zurückzukehren, und sich in den Alltag, ob sie ihm noch so weit davonlief, wieder zu schicken. Es galt jetzt die nächsten drei Wochen so erträglich zu gestalten, als es sich mit ihren beschränkten Mitteln vereinen ließ, denn _vorher_ würde sie das Exemplar keinesfalls sehen. Daran zweifelte sie keinen Augenblick. Sie kannte ihn viel zu gut, um nicht zu wissen, daß er den Moment der Möglichkeit sie noch zu sehen aufs äußerste hinausschieben würde, weil ihm an dieser steten Möglichkeit eines Wiedersehens vielleicht mehr gelegen war als an dem Wiedersehen selbst.
Am liebsten hätte er sie nie aus seiner Nähe gelassen, weil sie ihn am meisten entbehrte, wenn sie mit einer Möglichkeit ihn zu sehen rechnen konnte und dann ausschließlich an ihn dachte. Er wußte, daß ihr zwar kein anderer Mensch, daß ihr aber manche _Dinge_ mehr galten als er. Für eine Idee hätte sie ihn jederzeit verraten und ihn über ein allgemeines Interesse aus dem Auge verloren und vergessen, ja vergessen, selbst ihn!
Der Sinn für die Unwichtigkeit des Einzelnen und die Relativität der Dinge ging ihr nie ganz verloren; hier lag der tragische Zug ihres Wesens: sie war nicht zu umschreinen und sehr früh unfähig geworden _restlos_ in einem Manne aufzugehen. Auf ihre geistige Welt hatte er nicht den leisesten Einfluß. Denn was ihre geistige Position wert war, wußte sie. Sie hatte sich zu führerlos zu ihr durchgerungen und in geistigen Dingen zu bittere Not gelitten. Wenn sie aber den Stolz des Mannes eingehandelt hatte, so war ihr der Stolz der Frau in die Brüche gegangen. Sie fragte sich nicht, als sie jetzt einen Generalkassensturz vollzog, ob denn der ganze Spaß die Opfer wert war, die sie bringen mußte, noch ob er sich mit ihrer Würde vertrug. Sie wäre jederzeit zu einer Reise um die Welt bereit gewesen, um eine halbe Stunde mit dem Exemplar zu verbringen. Seine Verheiratung änderte an ihrer Haltung nicht das mindeste. Ihre Eifersucht war von ihrer Weisheit und ihrem stets regen Überblick so überboten, daß sie es sich zutraute auch die Eifersucht der anderen zu entwaffnen. Solche Dinge nahm sie gar nicht wichtig. Kurz sie war ein Original.