Das Exemplar

Part 6

Chapter 63,724 wordsPublic domain

»Was kosten denn die Handtücher?«

»Ich stehe hier Posten und habe keine andere Dame nicht gesehen,« dröhnte die andere. Sie hatte durch ihren exaltierten Ton sofort Aufmerksamkeit erregt, so daß sich Neugierige sammelten, die auf die Landung wartend, nichts Besseres zu tun hatten, als hier aufzupassen; und sie gehörte wohl irgendeiner Predigersekte an, denn, durch das Publikum stimuliert, wollte sie jetzt vor Jehova ihr Recht austragen, und stimmte mit wirklichem Talent ein regelrechtes Exordium an:

»Es ist nicht um des Geldes und es ist nicht um der Tücher willen, aber ich habe keine andere Dame nicht gesehen.« Sie sagte es wie einen frommen Vers herunter, und Mariclée stand jetzt einfach auf dem Pranger. Die Umstehenden, schien ihr, konnten keinerlei Sympathien für sie hegen, denn sie sah aus wie der Typ der überführten Lügnerin und war rot wie eine Gartenerdbeere. Was wollte sie mit einem solchen Gesicht lange sagen? Je weniger Worte je besser. »Wieviel macht es?« fragte sie nochmals. Aber so schön hatte es die Alte nicht jeden Tag, und sie nahm die Gelegenheit wahr. »Wahrlich, wahrlich,« hub sie mit lauter Stimme an, »ich bin arm und geprüft, aber es ist nicht um der Tücher willen.« Und es klang, als sagte sie: »Lügenhafte Lippen sind dem Herrn ein Greuel.«

O, ich darf nicht mehr allein reisen, dachte Mariclée, ich bin zu absolut hilflos. Und sie zog ihre Börse wie einen Degen; dabei entsann sie sich, daß sie vergessen hatte, zu wechseln und nur mehr Gold besaß. »Wechseln Sie mir,« sagte sie. Die Landungsbrücke war jetzt gelegt worden; dies interessierte die Umstehenden mehr und schweigend, wie sie sich versammelt hatten, entfernten sie sich. Alsbald verstummte die Stewardin, sie kramte jetzt ganz demütig in einer schmierigen Tasche herum und zog endlich einen Schilling hervor. Mariclée war nun kreideweiß vor Erschöpfung und Zorn. »Schnell,« sagte sie, »wechseln Sie sofort.« Die gottesfürchtige Alte lief mit dem Pfunde die Treppe hinab. Mariclée wartete auf ihre Rückkehr, das Schiff leerte sich rasch, und sie stand bald allein. »Der Zug wird gleich abfahren, wir haben Verspätung,« sagte ein Matrose.

»Ich warte auf die Stewardin.«

»Sie haben kaum Zeit,« bedeutete er.

»Hier ist meine Tasche, ich komme gleich nach,« sagte sie, und lief die Treppe hinab. Aber da war nirgends eine Stewardin zu sehen.

»Es sei höchste Zeit,« erfuhr sie nur. Da verlor sie den Kopf und rannte, ohne ein Wort zu sagen, wieder hinauf, denn der Matrose, der ihre Tasche trug, machte ihr von weitem immerzu Signale und den Zug wollte sie nicht verfehlen. »Ich darf nicht zur Plattform, ich habe Dienst,« erklärte er.

Da nahm sie ihre Tasche und schleppte sie selbst.

Elftes Kapitel

Der Zug stand vor ihr, sie hatte nur ein paar Schritte zu gehen und weil sie voll Schmerz über ihren eingebüßten Dukaten war und überhaupt nichts mit der Menschheit mehr zu tun haben wollte, machte sie am äußersten Ende ein leeres Kupee ausfindig, hob mit einiger Mühe dort ihre Tasche hinein, und wollte eben selbst einsteigen, als sie ganz erbärmlich ausglitt. Sie wußte nicht, daß in Irland die Stufen zu den Eisenbahnwagen tiefer, statt höher, als der Boden gesetzt sind, und nun war sie so unglücklich gestürzt, ihr Fuß so böse zwischen die Stufe und die Versenkung geraten, daß sie sich weder rühren, noch ihn hervorziehen konnte. Er lag wie in einer Falle, und buchstäblich auf die Folter gespannt, sobald sie sich bewegte. Alles lief geschäftig hin und her, doch wie meilenweit von ihr entfernt, und ohne ihrer zu achten. Sie wagte einen verzweifelten Ruck, da glitt ihr Vorderfuß nur noch tiefer hinab. O Gott! dachte sie voll Entsetzen, noch einen Augenblick und er bricht. Es war aus. Das Exemplar immerdar zu verfehlen, mit einem gebrochenen Fuße hier zu stranden, dies war ihre Bestimmung, dazu war sie herübergekommen und damit konnte sie nach Deutschland zurückhinken. Es kam niemand ihr zu helfen, wer half ihr je? Ein drohendes Knacken, ein unerträglicher, ein giftiger Schmerz; sie glaubte die Besinnung zu verlieren; -- in dieser Sekunde, was sage ich? diesem Bruchteil einer Sekunde, fühlte sie sich von rückwärts unter beiden Armen gefaßt, leicht und geschickt auf die Beine geholfen und mit heilem Glied der gefahrvollen Klemme entzogen. Sie wollte ihren Retter erkennen, aber dort rannte er schon, einen letzten Koffer zu heben, ein Bürschlein, fast ein Kind, angewiesen Trägerdienste zu leisten. Sie wollte ihn einholen, aber sie konnte kaum auftreten, geschweige denn laufen, ein Schaffner gab ihr ein warnendes Zeichen, halb stieg, halb kroch sie in den Wagen, ihre Türe wurde zugeschlagen und der Zug setzte sich in Bewegung.

Sie hatte ihren Fuß ausgestreckt und saß da wie betäubt, denn sie konnte es noch immer nicht fassen. Es dünkte ihr so unwahrscheinlich, so wunderbar, daß sie gerade in jener Sekunde äußerster Not, und zwar nicht früher, auf daß sie ihrer Drangsal voll bewußt werde, vor dem Schlimmsten verschont geblieben war. Eine heiße Röte stieg in ihr auf, indem sie ihres unbelohnten Retters gedachte, der wie auf ein höheres Geheiß auf sie zuflog, ohne zu wissen was er tat -- sie aber wußte wohl, was sie ihm dankte. Sie bedurfte hiezu keines Arztes, ein gesunder Instinkt hatte sie im Moment der Gefahr nur zu hellsichtig gemacht und ihr die Eventualitäten bedeutet, denen sie nun entronnen war. Aber warum eine solche Fügung zu ihren Gunsten? Wo lag der Grund? der Sinn? den Sinn wollte sie haben! Es war alles zu deutlich, zu kraß für einen Zufall gewesen, warum hatte dies nicht geschehen, ein solcher Ruin ihrer Pläne und Hoffnungen sie nicht treffen dürfen? Sie überdachte es noch einmal, rekapitulierte alles von vorn. Warum war es so gekommen? Ja warum? Sie zermarterte sich das Gehirn und konnte es nicht finden.

Draußen zog ein neues, ungewohntes, erstaunliches Land an ihr vorbei, eine wilde, geheimnisvolle Gegend, deren Seele sie befremdete. Ein Bediensteter trat bei ihr ein, meldete, daß ein Speisewagen im Zuge sei und fragte, ob sie zu essen wünsche. Sie starrte ihn verwundert an. Was träumte dieser Mensch?! Essen?! Ja richtig, solche Dinge gab es auch. Aber sie schüttelte den Kopf. Nein. Das störte sie jetzt. Erst mußte sie diese Geschichte ihres Sturzes ins reine bringen. Also wie war es? sie dachte an das Exemplar. Da lag ihr Fuß, zwar mächtig in Schwellung begriffen, aber heil, nicht gebrochen; er bedurfte keines Chirurgen ihn einzurenken, kein Knochen war zersplittert. Denn dies hatte ja nicht sein dürfen. Und als es im Begriff war dennoch zu geschehen, mußte just etwas anderes geschehen dies eine zu verhindern. Aber warum denn? den Sinn wollte sie haben; und Mariclée stieg immer tiefer in ihrem Bewußtsein hinab. Hast du selbst nicht immer geholfen? sagte es ihr. Warst du nicht, ohne zu fragen, ja blindlings, zu helfen immer bereit? und schlug hier nicht, nach dem Gesetz aller Dinge, ein Pendel, so wie er anschlug, und genau wann er mußte, wieder zurück? Denn warst du nicht selbst in jenem rettenden Knaben, der ohne zu fragen dir zu Hilfe kam, und unbelohnt dir enteilte?

Zwölftes Kapitel

Die vierzehn Tage, die Mariclée in Irland zubrachte, lassen wir im Fluge vorüberziehen. Sie liegen außerhalb der Bahn, deren Linien wir hier verfolgen. Denn Mariclée hatte viele Existenzen, ja ein ganz weit verzweigtes, nicht selten sogar ein verstricktes Netz von Existenzen, die uns hier nicht kümmern; und sie war von ihren Zentren so vielfach weggetrieben, daß sie nur selten fühlen durfte, daß sie lebte. Es war deshalb in ihr eine innere Unaufmerksamkeit, welche sie immer wieder meistern mußte, damit sie nicht in die Augen sprang. Sie war nicht zerstreut, sie war abgewandt. Und nie war sie so versonnen und verträumt, so fernab, wie an dem Orte, an dem sie sich jetzt befand. Lassen wir sie also. Wir haben sie ja nicht zu suchen, wo sie nicht wirklich ist. Nur eines einzigen unerwarteten, wenn auch lang vorbereiteten Erlebnisses werden wir gedenken.

Wenn sich Mariclée diese Gegend ansah, geschah es stets mit derselben Verwunderung wie das erste mal; sie konnte den Schlüssel zu ihr nicht finden; und es ging ihr wie mit einem fremden Gesicht, das ein anderes, wohlvertrautes, auf das man sich aber vergebens zu besinnen sucht, mächtig evoziert. Sie meinte erst, das Rätsel läge wohl in ihrer historischen Unkenntnis dieses Landes, und als sie reger geworden, verschlang sie ein Geschichtsbuch um das andere. Als sie aber dann Bescheid wußte und wieder hinaustrat in diese Natur, da wies sie alles zurück, vergaß und verwarf alles was sie darüber gelesen hatte. Und nun erst war sie sich über ihren Eindruck klar. Dieses Land erinnerte sie an Italien, aber es hatte keine Geschichte, das heißt seine Geschichte fügte ihm nichts hinzu. Es gleicht einem Pergament, an dem kein Griffel haften blieb.

Diese Natur schien, wie mit zurückgehaltenem Atem nur _einen_ Laut, nur _einen_ Widerhall zu hegen und elende Geschicke, ununterbrochene Leiden und Kämpfe verwischten sich auf diesem Boden und verwehten, als gehörten sie nicht zu ihm. Und hier erst wußte Mariclée, warum ganz Norditalien, bis hinab nach Rom (weiter war sie nicht gekommen) sie insgeheim irritierte: weil Schritt für Schritt zu viel Geschichte, zu viel Begebenheiten sich vorzudrängen suchten und weil es ermüdete, auf einen solchen Tumult von Dingen, und auf so viele Fußstapfen zu stoßen. Kein gestürzter Sockel, keine Steinplatte, kein noch so schlechtes Madonnenbild, das dem Vorüberziehenden nicht zuzurufen scheint: »Achte mein!« »ich bin von dieser Schule!« »ich aus jener Zeit«. Jeder Hügel, jede Straße, jeder Meilenstein von Historie wie durchtränkt, und überall das Gedächtnis eines Namens, eines Mordes, oder eines Affektes perpetuierend; ein zu redseliges, gleichsam ausgeplauschtes Land, mit Daten und Erinnerungen wie ein Kalendarium angefüllt; immer an das Tun von Menschen, die tot oder lebendig stets die gleichen sind, und an das Vergangene und Vergängliche gemahnend, und nie an das, was Mariclée vor allem liebte, an ein Verweilen und ein Stillestehen. So war es denn ein untraditioneller, aber doch sehr deutscher Zug, der ihre Liebe zu Italien mit einer gewissen Abneigung untermischte.

Hier dagegen war alles göttliche Vergessenheit und Öde. Dies wundervolle, tiefbeseelte Land, seine verlassenen Ufer, seine leeren Abhänge und Täler riefen inbrünstig nach edlen Bauten, nach Belebung, und doch liegt nichts Abgestorbenes und nichts Begrenztes in ihrer Melancholie. Diese Höhenzüge atmen nicht die wehe Holdseligkeit der allzu inkrustierten Hügel Fiesoles. Ein stärkerer Trank: die Schale der Vergessenheit wird in dieser ungelehrigen und ungelehrten Atmosphäre gebraut, die sich das Mittelalter, die Renaissance wie den Amerikanismus gleicherweise entgleiten ließ, und die nahe Brandung der Jahrhunderte nicht hört, weil sie, wie eine brausende Muschel, der eigene Rhythmus erfüllt.

Mariclée ging eine herrliche Straße entlang, links vorspringende Felsen, rechts den vielbesungenen Fluß, der in immer weiteren Kurven Inseln umspült, und, als zögere er vor der unendlichen Meerespforte, seine Strömung in Buchten zurückhielt.

Hin und wieder kam ihr ein Auto oder ein Wägelchen, nirgends ein Fußgänger entgegen. Sie sah Wege, die einen Wald von märchenhafter Üppigkeit durchzogen, epheuumrankte Bäume, wie Riesen zusammengerottet.

Mariclée war eine städtische Person, ihr Verhältnis zur Natur sehr kritisch und mittelbar, wechselnd wie das Licht, und alles mit ihrer jeweiligen Stimmung beleuchtend. Diese Gegend aber löste eine ungewohnte Sammlung in ihr aus. Sie dachte an langes, blondes Gelock von goldenen Reifen und Spangen gehalten, an die goldenen Kannen und Becher und die glatten Diademe, die sie in der Dubliner Sammlung sehen würde, und von welchen sie Abbildungen kannte, an eine verlorene Goldschmiedekunst, deren unnachahmliche Arbeit auf ein so adeliges Leben deutete; sie dachte an den Schwung, die köstliche Glätte und Musik normännischer Architektur, an die beglückend reinen Schweifungen ihrer blanken Rotunden, und einzig solche Dinge schwebten ihr hier vor, denn dieser Boden trug nur ein Merkmal, nur ein Echo, wußte nur von Einem: dem Arischen. Dem Arier.

Nicht seinen Evolutionen etwa, noch seiner Geschichte, noch wie er im Lauf der Zeiten sich ausbildete, verbildete, oder etwa wie sein Blut verarmte, sich vermischte, wie seine Werte sich vermünzten, verzettelten, o, wie belanglos zerfiel dies alles vor der allgewaltigen Idee, für die nicht _er_ stand, sondern die _ihn_ hielt. Denn diese Idee war der kastalische Quell, der nur von einem _Werden_ begeistert murmelte, dessen klarer Strahl sich vom Vergänglichen nicht trüben ließ und Gewesenes nicht kannte.

Mariclée sah nicht mehr den vielbesungenen Fluß, noch die traumhafte Färbung seiner Gestade und ihre starke Trauer. Sie stand das Gesicht mit ihren leidenden Händen verhüllt, und ließ den Ansturm ihrer Gedanken über sich ergehen. Sie war sich mit einem Male so klar, warum sie eigentlich lebte.

Dreizehntes Kapitel

Einmal besichtigte sie einen Dampfer der White Star Line, der auf dem Wege nach New York einige Stunden in Queenstown hielt, um Passagiere und die Post des ganzen Landes aufzunehmen. Immerzu liefen Männer, mit schweren Säcken bepackt, die schmale, stufenlose Schiffbrücke hinauf, und dachte man, sie seien jetzt endlich zu Ende, so liefen sie schon wieder, einer hinter dem anderen, unter ihrer Last gebückt, mit neuen Säcken einher, und einer, ein Zwerg, war besonders geschäftig und kehrte am öftesten wieder. Mariclée verfolgte sein Tun mit gespannter Aufmerksamkeit, man warnte sie jedoch, daß sie nicht lange auf diesem Schiffe hospitieren dürfe, und nun lief sie eilig wie eine Maus hinauf, hinab, nach allen Richtungen hinein und wieder heraus, durch das Zwischendeck, die Kajüten und in die oberen Säle. Im Rauchzimmer waren an den vier Ecken Schreibtische angeschraubt, und Mariclée, von dem Briefpapier mit den roten Fahnen fasziniert, setzte sich hin und schrieb ein paar Zeilen an das Exemplar. Sie fand es unbegreiflich, daß man unsere Zeit poesielos nannte. Was konnte es Poetischeres geben, als so ein mächtiges Schiff heranziehen zu sehen, und all den erfinderischen Geist, den Fleiß, die angestrengte Arbeit der Vielen zu bedenken, die es zu diesem schönen Ungetüm werden ließen, daß dies starke Meer, selbst im wildesten Sturme ein Ding, von so schwachen Händen gezimmert, nicht mehr bemeisterte.

»Ich stünde gerne mit Ihnen auf einem solchen Schiff.«

Ahnungslos warf Mariclée diese Zeilen hin.

Vierzehntes Kapitel

Ihren letzten Tag in Irland verbrachte sie in einem alten, verwitterten Schlößchen, hart am Meere. Sie fuhr durch ein welliges Terrain, wie es bei uns im Gebirge die Almen umgrenzt, ein Hochfeld entlang, das, immer stärker umweht immer feierlicher anstieg; alle Farben wie verwunschen: ein Grün, das ins Saphirne, ein Blau, das ins Smaragdne spielte, und eine silberne Sonne. Sie sah, was ihr noch niemals vorgekommen war, grasende Kühe, die ihre Weideplätze verließen, langsam die hellen Felsblöcke erklommen, und unbeweglich niederschauten, als hätten sie Augen für dieses Land; und plötzlich, in der Ferne, ein heftiges Indigoblau, das wie ein jubelnder Schrei in diesen Farbenhimmel einriß: ein mächtiges gewölbtes Band: das steigende Meer.

Wo bin ich? dachte Mariclée.

Unten im Schlosse traf sie unter den Gästen eine schöne und sehr witzige junge Deutsche an, ihre frühere Institutsgefährtin.

Das Schloß war reizend und altertümlich, hatte eine köstliche Stiege und war von raffiniertem Komfort. Es stand geschützt und behauptete ganz allein einen merkwürdigen, winzigen Hafen.

Bis zum Ufer streckte sich ein sorgfältig gepflegter Garten hin, und leuchtende Blumenbeete so hart am Meer hatten etwas Unwahrscheinliches, Kostbares und Faszinierendes. Es war ein blauer Schimmer über sie gebreitet, und auf den breiten Blättern der niederen Palmengewächse lagen saphirblaue Reflexe. Aber der Tannenwald, der hinter dem Schlosse die Anhöhe hinaufzog, schlug wieder eine andere, sehr unerwartete Note an, und stellte einen gemütlichen, anheimelnden und sehr deutschen Hintergrund. Mariclée wußte garnicht wohin sie schauen sollte.

Als früh am Nachmittage ein Ausflug in der Jacht zum Vorschlag kam, meldeten sich drei oder vier andere Gäste und die Kinder, es wurde also in zwei Booten weiter in den Hafen hinausgerudert, wo sie verankert lag. Sie war sehr klein, man rückte ziemlich enge zusammen, und Mariclée stellte sich vor eine Luke, teils ihr teils den anderen zugewandt und sich mit ihnen unterhaltend. Aber bald kehrte sie sich der Luke immer öfter zu und fand es immer mühsamer sich an den Gesprächen zu beteiligen, als rückten die Sprecher immer weiter von ihr weg. Der Hafen war von niedrigen Bergen umzogen, die man doch keine Hügel nennen konnte, ihre Grate liefen ganz nach Bergesart und auf ihren hellgrünen Abhängen weideten Kühe. Die Jacht schoß an ihnen vorbei, steuerte ins Uferlose hinaus, hob und senkte und legte sich, wie es den Wogen beliebte. Sie passierte eine kleine, schwarze, uferlose Felseninsel, die nie ein Fuß betreten hatte, die aber eine Art Walhalla der Raben zu sein schien. Mit unbeweglich ausgestreckten Schwingen sie umkreisend, sich in das Geklüfte niedersenkend, schwebten sie dann wieder langsam, feierlich empor.

Sie gehörte _ihnen_; diese Insel war ihr Reich. Mariclée dachte an den Tag zurück, an dem sie als Kind zum ersten Male ein Konzert besuchte; wie sie sich freute, und wie enttäuscht sie dann gewesen war. Sie hatte sich die Klangwirkung eines Orchesters noch idealer ausgemalt. Sie hatte sich _die Musik_ noch schöner vorgestellt! -- Aber rauschte hier nicht eben jener früh und unbewußt von ihr erträumte Urquell, aus dem wir unsere Tonwellen schöpften, sie auf Instrumente überleiteten und transponierten? Hier schwoll es an, das mächtige Originalcrescendo, das große Dolente; hier waren die zärtlichen Harfen und die Oboe her, und die Attacca subita der Klarinetten und das Einstimmen der Waldhörner und die bebenden Flöten, die sie gemeint hatte . . . Die Beethovenschen Symphonien heroische Abstraktionen, die Partitur des Tristan eine Bearbeitung und eine Reduktion! und jener dritte Akt, der so golden hervorquoll, hier strömte und blutete er.

Sie lauschte.

Jemand zupfte sie am Ärmel, und sie spürte den Schmerz der Schlafwandlerin, die ein jäher Ruf ins Leben zurückschreckt. Sie wandte sich um, vernahm ganz deutlich, was ihr gesagt wurde, und mischte sich freundlich und geduldig ins Gespräch. Aber sobald es anging, kehrte sie sich wieder der Luke zu und starrte hinaus. Von einem solchen Sturm der Gefühle hatte sie nichts gewußt. Ihr Verhältnis zur Natur war ja so unberechenbar, so morbid und solchen Schwankungen unterworfen! Und nun nahte sie ihr wie ein zwingender Gott; von ihrer Schönheit fortgerissen brach ihr Herz und wie entwurzelt gab sie sich mit aller Wonne und allen Schauern hin, und wandte ihr ein Antlitz zu, das nur der Mann, den sie liebte, je an ihr gesehen hatte.

Fünfzehntes Kapitel

Mariclée fuhr nicht allein nach London, die junge Deutsche reiste denselben Weg. Und sie plauderten, aber als die Dämmerung sank und London näher rückte, hing jede ihren eigenen Gedanken nach. Wie wird es jetzt werden? dachte Mariclée. Schweigend stiegen sie in London aus, als hätten sie durch die bloße Tatsache ihrer Ankunft und die Verschiedenheit ihrer Ziele schon Abschied voneinander genommen. Die Gefährtin hatte einige Stunden Aufenthalt, bevor sie mit dem Nachtzug weiterfuhr, und begleitete Mariclée in ihre neue Behausung. Der Wagen hielt in einer sehr stillen Straße, vor einem regelrechten Palast. Sie zog die Glocke und es dauerte eine Weile, bevor das Tor von einer alten Dienerin geöffnet wurde, die sich verbeugte, als Mariclée ihren Namen nannte. Die beiden traten jetzt in eine tiefe steinerne Halle. Hohe, verhängte Bilder hingen an den Wänden, und der mächtige Lüster, sowie die Armleuchter an den Türen, waren verschleiert. Eine breite, steinerne Treppe und eine kostbar getriebene Eisenrampe füllte den meisten Raum aus, und trotz der geschnitzten Truhen und Stühle, die herumstanden, war die Halle vor allem ein Stiegenhaus, und der Eindruck pompös, aber sehr kahl.

»Gucke!« sagte die Freundin in ihrem schwäbischen Dialekt.

Es war ein sehr weitläufiger Bau. Sie wurden erst durch mehrere Säle und Vorplätze mit zugedeckten Möbeln und verhängten Spiegeln und Bildern geführt und dann einen schmalen Gang entlang, in ein nicht sehr großes, aber prächtiges Zimmer. Die seidenen Vorhänge hatten einen breiten kornblauen gestickten Rand, auf dem goldeingelegten geschweiften Schreibtisch stand eine mit Briefpapier angefüllte Kassette. Im Kamin brannte ein Feuer mit großem Geprassel.

Mariclée atmete auf. Hier war Stimmung; -- der behagliche Raum mitten in diesem geschlossenen Hause, und Farbe und Einrichtung des Zimmers entzückten sie.

»Ich packe schnell für dich aus und bringe deine Sachen in Ordnung,« sagte die Architektin.

»Und ich fahre dann mit dir zur Station,« rief Mariclée, »wir essen dort und bleiben zusammen bis zuletzt.«

Sie wußten recht wohl, daß sie Geheimnisse voreinander hatten, aber darin beruhte eben der Reiz ihrer Intimität, daß sie sich so gut kannten, und dabei nichts voneinander zu erfahren wünschten, und daß ihr gegenseitiges Vertrauen so ohne Neugier und Vertraulichkeiten blieb.

»Liverpool Station!« rief Mariclées Gefährtin dem Kutscher zu, als sie mit ihr wieder aus dem Hause trat und in den Wagen stieg, der mit ihren Gepäckstücken gewartet hatte. Und aus der tiefen Stille ihres Squares drangen sie nun wieder in das dämonische Herz der nächtlichen, lichterbesäten Stadt und in jene rauschenden Straßen, in welchen, wie in geschwellten Adern, Londons gewaltiges Leben umläuft.

Als sie die sehr entlegene Station erreichten, war es höchste Zeit, und von Essen konnte nicht mehr die Rede sein. Die Architektin stieg schnell in ihren Zug, der gleich darauf die Halle verließ, und fuhr einsam in die schwarze Nacht hinaus, während die andere einsam in der schwarzen Stadt zurückblieb.

Sechzehntes Kapitel

»Ich heiße Klara,« sagte die alte Dienerin, als sie am nächsten Morgen mit großem Zeremoniell das Frühstück auftrug. Ihre anderen Mahlzeiten nahm Mariclée außer Hause, aber dieses Frühstück war schon wirklich ein Genuß. Der Aufwand an Silber und gedeckten Silberschüsseln, das Porzellan mit dem optimistischen Tulpenmotiv, die breite, niedrige Teekanne, alles so beschwichtigend! Die alte Klara befehligte noch eine junge Maud, und wenn das Haus geschlossen war, beschränkte sich das Dienstpersonal auf diese zwei. Doch niemals hätte Maud die Lippen geöffnet und zu Mariclée ein Wort gesagt; sondern titulierte Chorführerin war Klara. Sie brachte jetzt die Meldung, daß die Zimmerglocke zum Unglück abgerissen sei, doch würde sie noch heute den Monteur bestellen, um sie zu richten. Indessen konnte sie oder Maud von oben jederzeit hören, falls man sie riefe. Die nächstliegende Türe ging direkt auf die Diensttreppe hinaus. Mariclée wollte aber nicht dulden, daß man ihretwegen etwas reparieren ließ. Tagsüber brauchte sie nichts, heißes Wasser hatte sie ohnedies, und sie konnte ja rufen. Die absolute Abgeschiedenheit in einem so schönen Hause beliebte ihr in der Tat, wie ihr die stille Straße inmitten des belebtesten Viertels behagte. Sie machte sich zum Ausgehen bereit, weihte das schöne Briefpapier damit ein, daß sie dem Exemplar ihre Ankunft meldete, verließ das Haus, warf ihren Brief in den gegenüberliegenden Schalter und sah sich um. Sie wohnte in Grosvenor Street, so glänzend und geschützt, als sich nur wohnen ließ. Wenn sie um die Ecke bog, war sie in Piccadilly, dem Green Park und Ritz gegenüber. Ihre Freundin hatte recht gehabt; hier lebte sichs anders, wie in der Viktoria Street auf den grasigen Hof hinaus, mit der rauhen und schmucklosen Gotik des finsteren Kirchleins. Man sah hübsche und lebensfrohe Gesichter, hyperschlanke und reizende Gestalten.