Das Exemplar

Part 5

Chapter 53,782 wordsPublic domain

Ihre Fühlung zum Christentum hatte zwar viele Wandlungen erfahren, und ließ nie ab, sich umzugestalten und zu verschieben. Für nichts war ihr Auge so hart und so geschärft, wie für die Scheidungen, die hier zwischen Kern und Schale vorzunehmen waren. Ja in ihrem Hang ihn immer reiner zu schälen, konnte sie sich gar nicht genug tun, und immer weitergehend hatte sie auch längst die Frömmigkeit von ihm gesondert, die, ihrer Meinung nach, dem Christentum so wenig inhärierte, wie etwa die Sentimentalität dem Gefühl. Sie galt ihr nur wertvoll als der Moment, dem die mittelalterliche Gotik das verdiente ewige Relief verlieh, aber wie diese zugleich nur eine Phase, und als solche weder festzuhalten, noch wieder zu beleben. Auf ihrer Bahn immer weitergehend, oder besser gesagt, sich immer mehr entfernend, glich ihr Rückzug letzten Endes einer Flucht, auf der sie immer mehr preiszugeben und immer weniger zu retten fand. So erreichte sie glücklich ein Gestade, zu dem auch nicht ein Echo mehr von all den verkehrten Zeitläuften herüberdrang, denen eine zu erhabene Idee naturgemäß zum Opfer fallen mußte; und so war ihr wachsender Indifferentismus nicht der Skepsis, sondern dem Glauben entsprungen. Von übermächtigen Aversionen angetrieben, hatte sie indes vielfach unbewußt und doch mit allen Mitteln unablässig um die Mysterien gerungen, die hinter schwerfälligen Riesendogmen weit versteckt und entzogen sind, bis sie sich einen Christus »herausschälte«, der den meisten sicherlich profan erschienen wäre, ihr aber ein letztes, absolutes Genügen, ein restloses Entzücken gewährte. Denn dieses, schien ihr, wäre ein schlechtes Erlösungswerk, das nicht im Prinzip die endliche Verjährung in sich trüge, und dies wäre ein trauriger Christus, bei dem von dem Gekreuzigten nie abzusehen wäre . . . . Nicht eher, schien ihr, würden die Zeiten sich erfüllen können, als bis dies langsame Geschlecht die _zwei_ Gesichter eines Gottes anerkannte, der infolge seiner Mission sich zwar auch den Einfältigen und Toren und dem gemeinen Volke zuzukehren hatte, aber, wie alle Götter, als ein aristokratischer Gott sein wahres Antlitz nur den adeligsten Geistern entschleierte. Dies aber war sein Überwinderantlitz, das des Grabessprengers, der die entschwundene Antike aus der Versenkung heben und sie von dem Fluch einer vorweg genommenen, daher vergebens vindizierten Lebensfreude erlösen würde. Durch ihn führte ein Pfad zu dem gelobten Land der Griechen und den verbannten Göttern zurück. -- Auf ihren Katholizismus, der ihr von anderen Katholiken gern bestritten wurde, tat sie sich nämlich viel zugute. Sie hielt ihn für viel würdiger als den der anderen, die, ohne zu denken, sich bescheiden wollten, während sie den Gedanken, der ihn trug, so stark gefunden hatte, daß sie ihn, wie ein großes Kauffahrteischiff, mit allem befrachtete, was die Welt an geistigen Werten enthielt, und ihm außer den neun Musen con allegria den ganzen Olymp, außerdem die heterogensten Passagiere aufzuladen verstand. Infolge ihrer hohen Meinung von der Tragfähigkeit jenes Gedankens war sie von einem geradezu uferlosen Liberalismus, aber auch eine ganz grimmige Anti-Klerikalistin, und Mönchen und Pfarrern begegnete sie auf der Straße gar nicht gern; wo sie mit einem zusammentraf, was selten genug vorkam, da sie es wohl zu vermeiden wußte, fand sie nach ein paar Worten meist Grund, das Gespräch wieder abzubrechen. Dagegen hatte sie in Rom einen französischen Monseigneur kennen gelernt, einen illustren Gelehrten von europäischem Rufe, der seine Religiosität hinter einer Maske von vollendeter Ironie verbarg, die alle Frömmler erbitterte. Und dabei lavierte er so geschickt, daß die Leuchte seines Ruhms einer Partei erhalten blieb, die immer Miene machte, ihn auszuweisen, und er einen Bau, der nirgends mehr zusammenhielt, und statt niedergerissen und neu errichtet zu werden, nur ein Dach auf seine Schäden setzte, zu schilden fortfuhr, weil er die ewigen Fundamente dieser geborstenen Mauern sondiert hatte.

Achtes Kapitel

Mariclée stand reisefertig auf dem Perron. Der allgemeine Aufbruch hatte zu einer kleinen Komplikation geführt, und da die alte Dame mit ihrer Tochter zu dem Landsitz eines ihrer anderen Kinder per Auto gebracht werden sollte, und das andere nach Schottland benötigt war, fuhr Mariclée mit ihr, um dann an einem nördlicheren Punkt ihren Zug nach London einzuholen. Was ihre Fahrplankenntnisse anging, hatte sie noch ein Mißtrauensvotum in Gestalt eines Zettels mitbekommen, auf dem die Zweigstationen, an welchen sie umsteigen mußte, mit allen nötigen Zeitangaben genau aufgeschrieben standen. Doch wollte dies der alten Dame nicht genügen, und sie gab ihr unterwegs die Absicht kund, nicht eher weiterzufahren, als bis sie sie wohlverwahrt in ihrem Kupee gesehen und dem Stationsmeister anempfohlen habe, eine Idee, die nicht angetan war, ihrem Schützling zuzusagen. Mariclée zeigte sich förmlich entrüstet über den Gedanken, drohte sofort auszusteigen, wenn die Greisin sich ihretwegen einer solchen Mühe unterziehen wollte, bat und beschwor sie, davon abzusehen, erreichte aber nur ein freundliches Nicken dieses ehrwürdigen und naiven Kopfes und die Versicherung, es sei ihr nur eine Freude, ihr bis zuletzt das Geleite zu geben, und die Tochter, als die gute Seele, die sie war, echote: es sei nur eine Freude. Da sah Mariclée zum Fenster hinaus und sandte einen mutlosen Blick zum Himmel empor. Er nur wußte: sie mußte jetzt sparen, sparen. Es gehörte zu den sonstigen Unzuständigkeiten des armen Kindes, daß sie stets nur auf das Geld rechnen konnte, das sie gerade besaß. Ging es ihr aus, so mußte sie unerbittlich den Rückzug antreten, und wenn zehn Exemplare tags darauf herbeieilen würden. Nun hatte sie eine ganz hübsche Summe zusammengerafft, die für einige Wochen ausreichend war, aber sie wußte jetzt gar nicht mehr, wie lang ihre Reise sich ausdehnen würde und mußte für Unvorhergesehenes gewappnet sein. Sie ließ jetzt einen letzten Drachen steigen, zwar nicht besonders hoch, denn es war zu aussichtslos, aber mit einem geographischen Interesse, das man sonst nicht an ihr gewohnt war, fragte sie nach der Eisenbahnlinie, zu der sie jetzt fuhren, und wie sie sich zu derjenigen verhielte, auf der sie gekommen war, und dann eine Terz tiefer und etwas mehr Fortepiano, aber mit derselben rein sachlichen Neugier: »Könnte man da eigentlich dritter Klasse fahren?«

Die Mutter hatte ihre Erkundigungen überhört, aber das »o nein!« der Tochter war mit solcher Überzeugung gesagt, daß Mariclée ihre Frage lieber nicht wiederholte.

»Ich muß, glaube ich, dreimal umsteigen,« bemerkte sie, nur um etwas zu sagen. Aber das war wiederum Wasser auf eine andere Mühle.

»Sie brauchen sich gar nicht darum zu kümmern,« sagte die alte Dame, »der Stationschef ist mir bekannt, ich werde mit ihm reden, und er wird Order geben, daß der Schaffner Sie bei jedem Wagenwechsel benachrichtigt.«

»Aber ich bin doch kein Kind!« rief Mariclée ganz verzweifelt. »Sehen Sie, es steht alles auf meinem Zettel! O ich bitte Sie, bleiben Sie im Wagen, Sie haben noch eine lange Fahrt vor sich. Sie müssen sich schonen! Ich kann nicht dulden . . . .!«

Es war alles in den Wind, und sie gab es auf. Aber am Perron, schnell den Augenblick wahrnehmend, floh sie, wehenden Mantels, zum Schalter, konnte aber nicht so schnell ankommen, denn es war Samstag und infolgedessen der Andrang ziemlich stark. Endlich hatte sie ihr Billet (ein Billet erster Klasse bis zur nächsten Zweigstation), und kehrte zu ihrer stattlichen Suite zurück, bestehend aus den beiden Damen, dem Chauffeur und einem Diener in weißer Livree, und man mußte wohl auch den Schaffner hinzuzählen, der sich zu der Gruppe gesellt und dem man sie schon anempfohlen hatte. Zwar waren sie alle im Begriff gewesen, sich zu zerstreuen, und auf die Suche nach ihr zu gehen.

»Gottlob, da ist sie,« rief die Tochter.

»Ah! da sind Sie!« rief die Mutter, »warum entwischten Sie uns. Wir hatten Sie ganz verloren! Wo steckten Sie denn?«

»Ich habe nur schnell mein Billet geholt,« sagte Mariclée, und weil auch für den geringsten der Tage, ein ausgeworfener Würfel steht, drehte sie sich jetzt selber den Strick.

»Ich bin wirklich sehr gescheit gewesen,« gestand sie mit einer kindlich neckischen und noch dazu recht falschen Vertrauensseligkeit, »da ich immer alles verliere, nahm ich mein Billet nur bis zur Station, an der ich umsteigen muß,« (mein Gott, warum erzähle ich das? dachte sie) und fügte im schwankenden Tone hinzu, »denn ich verliere es doch und so verliere ich es nicht.«

Diese ebenso unnötige wie stupide Mitteilung fand die verdiente Wirkung:

»Aber mein bestes Kind, was für ein Gedanke! das ist ja ganz verfehlt! Sie können doch nicht dreimal unterwegs an den Schalter laufen, um eine neue Karte zu lösen, Sie riskieren ja Ihren Anschluß zu verfehlen. Geben Sie her!«

Und schon war sie ihr entwunden und dem Schaffner überreicht, um schleunigst umgetauscht zu werden. Er kam gleich wieder zurück, denn es war jetzt höchste Zeit und der Schalter schon leer.

»Sie schieben das Billet in Ihren Handschuh, so können Sie es nicht verlieren,« mahnte die Alte.

»O da ist keine Gefahr,« erwiderte Mariclée, sich selber vergessend »was schulde ich Ihnen?« fragte sie den Schaffner mit gottergebener Miene. Dann umarmte sie die Damen, dankte ihnen und stieg ein. Im letzten Augenblick lief noch eine ladysmaid mit einem Kistchen Pfirsichen herzu, öffnete eilig den Schlag und stellte es in ihr Kupee. Die Freundin hatte ihre Vorliebe für diese Frucht wahrgenommen, und es für sie verpacken und in den Wagen bringen lassen, woselbst Mariclée es dann vergaß. Nun aber war nicht mehr zu spaßen. Ihre Türe wurde hastig zugeworfen und der Zug setzte sich in Bewegung. »Schluß!« dachte Mariclée und fiel auf die Polster zurück.

Sie erwog jetzt, ob es nicht ratsamer wäre vor ihrer Londoner Wohnung, in die sie doch nicht mehr zurückkehren würde, nur vorzufahren, ihre Koffer aufzunehmen, und noch gleichen Abends nach Irland weiter zu fahren, vollzog einen Kassensturz, und saß ganz in Gedanken, als der Schaffner mit respektvoller Miene bei ihr eintrat, um ihr den ersten bevorstehenden Wagenwechsel zu verkünden. Er teilte ihr gewissenhaft mit, was auf ihrem Zettel stand und was sie schon wußte, trug ihre Sachen in ein anderes Kupee und blickte von Zeit zu Zeit, wie zu einer Gefangenen, zu ihr hinein, als wollte er sich überzeugen, daß seine hohe Schutzbefohlene noch am Leben sei. Er gestattete ihr auch keinerlei Gefährten und hielt sie scheinbar für zu vornehm, um mit anderen Reisenden in Kontakt zu treten. Als er sie dann zum zweiten Male in einem leeren Wagen installiert hatte, trat er mit einer Verbeugung vor und meldete, daß er selbst zwar nicht mehr weiterführe, statt seiner jedoch sein Kamerad Sorge für sie tragen würde.

Mariclée hatte zu viel Humor, um ihm nicht den Lohn einzuhändigen, den er von einer so hochgestellten Persönlichkeit erwarten durfte, und verabschiedete ihn mit einem herablassenden Kopfnicken. Kaum war er abgetreten, als schon die neue Wache aufzog, und zwei interessant aussehende und sehr typische englische Herren, die bei ihr einsteigen wollten, zurückhielt. Mariclée war sehr enttäuscht: es hätte ihr solche Kurzweil bereitet, sie im stillen zu beobachten und zu studieren. Sie war stets voll Interesse für Menschen, die sie nicht zu kennen brauchte, betrachtete sie mit reger Anteilnahme für ihre Schicksale und ihr Sein, ohne doch je durch eine Miene ihre Spannung zu verraten, und so ganz Publikum verbleibend, daß die von ihr also Dramatisierten wie Bühne und Zuschauerraum distanziert blieben. Es ging ihr mit den Menschen wie mit den Bergen, deren Umrisse in der Ferne oft so viel verlockender sind, und die man so mysteriös ausmalen kann, solang man ihren räumlichen Weitschweifigkeiten und ihren rauhen Furchen nicht zu Leibe rückt. Allein ihre neue Wache nahm es nicht minder genau wie die vorige, und hielt sie streng isoliert. Sie mußte an den Kaiser von Österreich denken, von dem sie gehört hatte, daß ihm die Briefe nie zukamen, die ihm geschrieben wurden, und endlich verkürzte ihr der Schlaf ihre teure und langweilige Fahrt.

Neuntes Kapitel

Ruß und Hitze lasteten noch schwerer auf London als vor einer Woche. Der Hansom, den Mariclée an der Bahn genommen hatte, stand schon stille und noch immer war sie unschlüssig, was sie tun würde, stieg aus, ließ den Wagen warten, und trat ins Haus. Ein Brief vom Botschaftsrat stellte ihr den ersehnten Einlaß ins Parlament für nächsten Montag in Aussicht und da solche Vergünstigungen in Anbetracht der Suffragetten mit jedem Tage seltener wurden, gab er ihr den Rat, die Gelegenheit nicht unbenützt zu lassen, um so mehr als die nächste Sitzung sehr stürmisch zu werden versprach; er schlug ihr, der Zeitersparnis halber vor, selbst um Mittag auf die Botschaft zu kommen (sie brauchte nur quer durch den Park zu gehen), bis dahin würde ihre Karte ausgefertigt sein, sie könnten zusammen essen, ein Museum besuchen und von dort aus, er in seine Kanzlei, und sie nach dem Parlament fahren; alles so recht nach seiner Art, ganz programmäßig eingerichtet. Mariclée entschloß sich zu bleiben und zog hinauf. Sie fand ihr Zimmer in bester Ordnung und bestellte sich Tee, teils weil sie einen zu nehmen wünschte, teils um eine etwas anheimelndere Atmosphäre zu schaffen. Aber kaum hatte sie sich eine Tasse eingeschenkt, als wieder ein Pfiff die Stille unterbrach und ein telephonischer Fernruf an sie erging. Sie stürzte hinaus, verlangte den Lift, und da er nicht gleich in die Höhe zog, ließ sie sich nicht Zeit, auf ihn zu warten, sondern fing an die steile Treppe, die sonst nur die Leute benutzten, hinunterzulaufen, ohne zu bedenken, wieviel schneller sie doch der Lift, auch wenn er sich einen Augenblick verspätete, die vier Stockwerke hinunter brächte. Schon war er auf ihr Geheiß hinaufgeschnellt und schwirrte pfeilschnell wieder hinab, indes sie ihre Stufen dahinstürmte, und doch nicht vorwärts zu kommen glaubte. Es war wie in einem Traum: immer eine neue steinerne Windung vor sich, die Treppe, die nie ein Ende nahm, und ihre Ungeduld -- denn sie wußte: nur Einer konnte auf den Gedanken gekommen sein, nach ihr zu rufen, nur Einer wußte von ihrer heutigen Rückkehr.

Das Telephon war in der Halle, ohne Deckung, nahe am Eingang und höchst unpraktisch angebracht. Es standen Leute herum, und von draußen tönte aller Straßenlärm herein. Mariclée nahm das Rohr und nannte, ein wenig atemlos, ihren Namen. Eine fremde Stimme bat sie einen Augenblick zu warten und dann klang _seine_ Stimme zu ihr hin. _Seine_ Stimme! Diese Stimme, deren Klang fast aus der Welt verklungen, verhallt und fast vergessen, sie nun wieder bis ins Mark durchdrang; ihre Bänder waren nicht zerrissen, fest zusammengefügt zu jenem verwöhnten, melodiösen Organ, vor dem ihr jetzt schwindelte, und das tausend Erinnerungen in ihr wachrief, als läge sie im Sterben! Ach, wie hätte Mariclée da auch vernommen, was er zu ihr sagte?

»Ich verstehe Sie nicht!« rief sie angstvoll in die Tube. Und jener gemeinsame Bekannte fiel ihr ein, der sie gefragt hatte:

»Ist er schon tot?«

Ha! nichts von Tod, nichts für ihn von solcher Schmach! Er war nicht gestorben. Dies war _seine_ Stimme! O wie sie lebte!

»Ich verstehe Sie nicht!« rief sie von neuem.

Mochte sie immer ferne dieser ihrer Heimat, in der ihr Herz gleichsam wie angekommen in sich selber rasten durfte, mochte sie trauernden Fußes immer ferne von ihr irren, -- wenn dieser Mann nur lebte! -- Wenn die Schale, in der die Elemente seines Wesens wie zu einer Götterspende, köstlich gemischt zusammenflossen, nur nicht zerbrach, wenn er nur lebte!

»Ach, ich kann Sie nicht verstehen!« rief sie und vernahm jetzt deutlich, wie er sagte:

»Es ist umsonst!«

Und statt schnell zu rufen: Ich höre Sie jetzt, schwieg sie, denn ihr Hirn war wie ausgelöscht. Sie lauschte, doch er war verstummt; da hing sie das Rohr wieder ein, wandte sich ab und zog wieder in ihre Wohnung hinauf. Noch lag Sonne über dem grasigen Hofe, vor ihrem Fenster, und die Kirche, deren rauhe, ungefeilte Gotik auch die Jahrhunderte nicht glätten und verfeinern konnte, tat ihr in der Seele weh. Vorm Kamin stand noch das Tischchen mit dem Teegeschirr, allein beim Anblick der gefüllten Tasse durchschauerte sie Ekel, und sie blieb am Fenster und starrte in das Tageslicht, von Bitterkeit gesättigt.

Zehntes Kapitel

Mariclée verbrachte ihren Sonntag, in Anbetracht des Montag, so gut es ging, und nährte sich von Pfirsichen. Auf diese Weise gedachte sie die überschrittene Bilanz des vorhergehenden Tages ein wenig auszugleichen; zum Frühstück Pfirsiche, mittags Pfirsiche und abends Pfirsiche; das Kistchen mußte schon dran glauben. So brauchte sie es auch nicht noch einmal mitzunehmen. Wie ökonomisch von ihr!

Pünktlich und zu gleicher Zeit, wie viele Abgeordnete, fand sie sich Tags darauf vor den Toren des Parlamentes ein. Diese waren sämtlich von frierenden, geduldig dreinschauenden und überall von Schutzmännern bewachten Suffragetten umlagert, die, mit ihren Vereinsbändern umgetan, den Vorübergehenden Zettel und Traktate entgegenstreckten. Mit Mariclée waren sie besonders dringlich; sie wagte aber nichts anzunehmen, aus Angst sich zu kompromittieren, zudem sie, als einzige Dame, ein gewisses Aufsehen zu erregen schien, und nicht rechts noch links sehend, verleugnete sie mit dem Mut der Feigheit die ganze Gesellschaft. So drang sie, den Abgeordneten auf dem Fuße folgend, von einem Gitter zum anderen, bis zu einer inneren Halle vor, in der alsbald ein Wächter auf sie zukam, und ihr den Einlaß verwehrte. Mariclée hielt ihm gelassen ihre von der deutschen Botschaft ausgestellte Karte entgegen. Er aber schüttelte nur den Kopf.

»Wir müssen uns nach der neuesten Verordnung richten,« sagte er, »die Suffragetten sind schuld daran.«

»Aber ich bin doch keine Suffragette, ich bin eine Fremde; Sie haben meine Karte nicht gut angesehen.«

Er bedauerte, zuckte die Achseln, allein er wankte nicht. Sie bestand auf ihrem Recht und er auf seinem Verbot. Sie zeigte sich hartnäckig, dann unangenehm, dann unsanft, und schließlich riß ihm die Geduld und er rief: Was rief dieser Mann? Er rief. O Leser, ich muß es im Text wiedergeben.

»But Madam,« rief er, »I would only be too happy if I could oblige you.«

Man denke! -- sie kam von München, der Stadt der hohen künstlerischen Initiativen, zwar auch der lauten Schwadroneure, doch zugleich der stillen, seltenen Größen, dieser reizenden Stadt, die in mancher Hinsicht allen anderen den Rang abläuft, und es in der Tat verdienen würde, als heutiges Athen gepriesen zu werden, wäre sie nicht die Stadt unausgeglichenster Kultur, in der sich Gebildete von Schutzmännern wie Rekruten von einem ungeschlachten Feldwebel angefahren sehen und _allgemein_ gesprochen, die Stellung der »Dame« jeder Tradition entbehrt.

Mariclée starrte dem zivilisierten Wächter ins Gesicht und machte ohne ein Wort zu sagen kehrt. Es war ja nicht eben angenehm, einen Rückzug durch all die Gitter anzutreten, vor welchen so viel Neugierige Posten standen, und ihren Einzug beobachtet und kommentiert hatten. Sie wunderte sich sehr, niemand kichern zu hören, besonders als sie jetzt eine Flugschrift, die ihr eine Suffragette darbot, höflich dankend, in ihre Tasche schob.

* * * * *

Zwei Monate sind schnell dahin und dennoch viel zu ausgedehnt für ein extenso. Die kostbare Zeit ist das große Wertlose an sich, daher der nichtige Klang des Wortes »Tagebuch«.

Es kann nur wenig interessieren, was Mariclée nach ihrem Ausweis aus dem Parlament mit ihrem letzten Londoner Abend anfing. Im Vertrauen gesagt, da ihr noch Pfirsiche blieben (es war dies ihre Art zu rechnen) fuhr sie in ein Theater, und ihr Staunen über das niedrige Niveau des Stückes war ebenso groß wie über die wundervollen Gestalten der Spieler, und sie mußte sich sagen, daß man in Deutschland ebensowenig ein derartig albernes Werk ertrüge, als man solche Gestalten über die Bühne ziehen sah.

Ohne den schönen Liftjungen wäre sie auch am nächsten Morgen nie rechtzeitig zur Bahn gekommen. Er hatte sich wieder, auf seine schüchterne Art, ganz zu ihren Diensten gestellt, sich um alles gekümmert, wie ein Page sich um sie bemüht, bis er sie dann im Lift zum letzten Male hinunterzog. Und nun starrte sie ihm mit ihren oft so leblosen Augen, die doch alles in sich aufnahmen, ins Gesicht und sagte:

»Kann ich etwas für Sie tun?«

Und er erwiderte: »Ich bin unglücklich in diesem Hause.«

Da ließ sie ihn Namen und Adresse aufschreiben und steckte den Zettel zu sich. Dann durchschritt sie die Halle und verließ dieses Haus, für sie mit einem grasigen Hofe und der freudlosen rohen Gotik eines mittelalterlichen Kirchleins auf immer assoziiert.

Es war eine schlecht gezimmerte Barke, die Mariclée zur irischen Küste hinübertrug. An Deck befand sich ein wunderschönes Mädchen mit einem jungen Mann, die sich große Mühe gaben, nicht verliebt drein zu sehen, und in deren Anblick sie sich sofort, wie in ein Bilderbuch, vertiefte. Nach einer Weile befiel sie jedoch ein bedenkliches Würgen und sie floh nach dem Damensalon, fühlte sich dort besser, streckte sich aber vorsichtshalber auf einem Diwan aus, schloß die Augen und verhielt sich ganz ruhig. So bemerkte sie nicht, daß ihr eine Stewardin gefolgt war, die Handtücher und eine Wasserflasche in den Waschraum brachte und sich dann wieder zurückzog. Erst als die Türe plötzlich aufgerissen wurde, fuhr sie aus einer Art Halbschlaf empor und sah das wunderschöne Mädchen, mit bleichen, verzerrten Zügen (einer Miene, mit der sie in einem fünften Akt Furore gemacht hätte) herein und geraden Wegs in den Waschraum stürzen, wo sie sich einer ganz formidablen Seekrankheit überließ. Sie stöhnte und jammerte und als sie wieder zum Vorschein kam, war ihr Hut ganz verschoben und ihr Haar sehr aufgelöst.

Mariclée bemerkte jetzt, wie völlig unausgerüstet sie war, erhob sich sofort, goß Kölnisches Wasser in ein Glas und stellte ihr Reisenecessäre zur Verfügung. Das Fräulein Wunderschön erzählte ihr nun, sie habe schon so oft diese Fahrt unternommen, ohne je im Leben seekrank zu werden. Übrigens erholte sie sich sehr bald, brachte ihr reizendes Haar in Ordnung, band mit großem Geschick einen höchst kleidsamen Schleier vor, beguckte sich von allen Seiten in Mariclées doppeltem Spiegel, und eilte dann, schnell wie sie gekommen, wieder davon. Mariclée fühlte sich recht elend und legte sich wieder hin. Zu müde, um zu lesen, und nicht mehr imstande zu schlafen, starrte sie zu einer runden Luke empor, durch die man das blaue, aber heftig bewegte Meer seine Wogen treiben sah, und ebenso elementar und unaufhaltsam trieb da in ihr eine Woge von Melancholie die andere. Sie dachte an das Exemplar, wie um an einer Planke sich daran festzuhalten, jedoch umsonst. Er war zu fern, zu unerreichbar, eine zu lange Zeit hatte zwischen ihnen schon geflutet. Schwermut schwoll zu etwas Mächtigerem an, als ihr Gefühl und riß sie noch weiter von ihm weg. Und sie preßte ihre heißen Hände auf ihr verdunkeltes Gesicht und überließ sich dem Unwetter, das in ihr raste. O sterben zu können, ächzte sie, verlöschen zu dürfen. Es löste nur der Anblick des treibenden Meeres durch die runde Luke solche Leidenschaft in ihr aus, aber sie wußte es nicht.

Und indessen fuhr das Schiff, um ihren Weltschmerz unbekümmert, zur irischen Küste hin. Schon machte sich jene Unruhe fühlbar, die einer Landung vorangeht; Mariclée eilte auf den Vorplatz und spähte nach einem Träger, als die Stewardin auf sie zukam, und sie mahnte, es sei gebräuchlich, für Benützung der Handtücher etwas zu entrichten. »Ich brauchte ja keines,« sagte Mariclée und wollte vorüber. Aber sie hatte es mit einer cholerischen Person zu tun, die sofort die Hände über dem Kopf zusammenschlug.

»O!« rief sie, »das ist nicht recht.«

»Es war eine andere Dame da,« sagte Mariclée ungeduldig, wurde aber zugleich entsetzlich rot, verlor die Contenance und fügte hinzu: