Part 15
Schon hatte sich die Vorhut ihrer Reihe als ein kleiner Strom über das Deck des schwarz umrauchten Schiffes ergossen. Und nun stand sie selbst am Deck -- und nun war sie nur mehr von einem Wunsche beseelt, dem Manne, für den sie gekommen war, nicht zu begegnen. Ohne sich umzusehen lief sie eilends eine Treppe hinab, sich in den unteren Räumen zu verbergen. _Ihn_ machte sie mit einem Male verantwortlich; _er_ hätte Mittel und Wege finden müssen, ihr diese bittere Wallfahrt zu ersparen! sie sah nur mehr die _eine_ Seite, fühlte nur die erlittene Kränkung, und daß sie Besseres von ihm verdiente, als diese problematische Haltung, aus der er sie die beliebigen Schlüsse ziehen ließ. Es geziemte ihr nicht, dies gesenkte Visier. Sie war es müde. Sie warf sich in die Sofaecke eines kleinen dunklen Rauchsalons und saß, das Gesicht in den Händen vergraben. Es war nicht statthaft, daß sie ihm hier entgegentrat. Jetzt, nachdem sie so weit gegangen war -- ja gerade deshalb -- fühlte sie, daß es unmöglich sei und sie es niemals über sich brächte, einen Schritt weiter zu tun. Diesen Moment hatte sie nicht vorbedacht, aber die Sache war ihr einfach vergällt. Sie hatte genug. Dies alles -- so dünkte ihr -- schoß ja weit über das Ziel ihrer Gefühle hinaus. In ihr lag nun einmal nicht der ideale Stumpfsinn, die göttliche Blindheit der Liebe. Die Götter hatten ihr die versagt. War sie nicht heiß und kalt in einem Atem, wie ein Julitag am Rande einer Schlucht? O sich ohne Überzeugung so zu exponieren! -- war es möglich! Sie raste; ihren Tod, einen Sturm, den Untergang des ganzen Schiffes wünschte sie in ihrer blinden Wut herbei. Nein; sie wollte ihn nicht sehen. Hier wollte sie sich bis Cherbourg verborgen halten und ungesehen ans Land gehen. Mochte er dann glauben, daß sie sich eines anderen besonnen hatte und nicht gekommen war. Aber es ging ja nicht. Wie wollte sie dies ausführen? und es war _auch_ unerträglich. Nein! einen anderen Ausweg gab es noch. Sie stürzte an die Lukarne. Noch lag die Brücke an -- noch wurden Säcke und Koffer hinüberbefördert, wenn sich auch alle Passagiere schon an Bord befanden. Niemand hatte sie noch gesehen. Fort von diesem verhaßten Schiff, zurück ans Ufer, die traurigen Brüche ihres Selbstgefühles zu retten. Es war noch Zeit, der Weg stand noch offen. Sie stürmte die Treppe hinauf, sah nicht rechts noch links, steuerte flugs der Schiffsbrücke zu. Noch ein kleiner Vorplatz -- sie durchquerte ihn rasch -- da vertrat ihr einer den Weg, -- _er_, der sie in allen Gründen so wohl kannte, daß er auch wußte, was jetzt in ihr vorging, daß es an ihm war, den letzten Schritt zu tun und ihr zuvorzukommen, wenn er sie sehen wollte. Er stand vor der Brücke, als ob er den Zugang bewachte und beim Anblick seines fahlen und wieder um so vieles kränker gewordenen Gesichtes wich aus ihrem eigenen alles Blut zurück, daß es blässer noch und kränker aussah als das seine. Sie konnte nicht begreifen, warum das Schiff so heftig schwankte und sich mit einem Male in Fahrt befand, da ja die Brücke noch daran hing. Und sie hatte plötzlich das Gefühl, eine hölzerne Gliederpuppe zu sein, alle ihre Sehnen wie gezimmert. Jetzt bemerkte sie auch, wie seine Frau herzutrat, aber ihr Anblick gemahnte sie mit unheimlicher Lebendigkeit an eine Möwe, ja an das unruhig Ruhevolle der Möwen, die das Schiff umflogen, und alsbald schien es ihr sehr wichtig, ihre Mär von den Freunden in Cherbourg unverzüglich herzusagen. Er nahm sie ruhigen Blicks entgegen, und dies verwirrte sie. Denn die Sensation, ihm etwas vorzulügen, war allzu neu; und zu ihrem Entsetzen merkte sie jetzt, daß sie alle Substantive zweimal aussprach. Nicht daß sie stotterte, sondern sie erstickte an den langen Worten und sagte sie noch einmal. Tiefer konnte man nicht mehr sinken. Es zuckte um ihre Mundwinkel, und es zuckte um die seinen und um die der »Möwe«. Mariclée hätte gern das Zeichen zu einem Gelächter gegeben. Allein es saß ihr etwas im Halse, das sie am Lachen behinderte, wie es ihr das Sprechen erschwerte, »da sie mich in Cherbourg Cherbourg erwarten erwarten«, schloß sie ihren Speech. Warum habe ich ihm das erzählen wollen? dachte sie; jetzt bin ich still.
Und nun näherten sich auch noch zwei Damen in Trauerkleidung, die sie schon am Londoner Bahnhof gesehen hatte. Aber die »Möwe« ging auf sie zu. Da nahm Mariclée den Augenblick wahr und dem Manne zugewandt, sagte sie schnell, leise, fast zischend: »Was weiß sie? was ist zu denken, was ist gesagt?« --
»Nichts, kein Wort, niemals, nie ein Wort,« klang es ebenso leise, scharf, gedrängt und fast erschrocken. Und an seinem versteinerten Ausdruck merkte sie, daß er über ihre Fassungslosigkeit erstaunt war. Und zugleich fühlte sie, daß er sie wirklich gerufen und erwartet hatte. Da fiel ihr die Last vom Herzen. --
»Es zieht hier fürchterlich,« sagte sie fließend; »hier können wir nicht bleiben.«
Und sie gingen und fanden eine geschützte, mit einem Segeltuch überhangene Ecke an der Flanke des Schiffes, und sein junger Diener brachte zwei tiefe Stühle, beide mit einer Etikette versehen, und spannte sie aus. Das Schiff strich jetzt geschmeidig wie eine Feder über das glatte Meer, und sie waren allein.
* * * * *
O nicht mit einem Worte der Situation gedenkend, vielmehr gänzlich absehend von allem, was sich auf ihr Leben und ihre Personen bezog, als seien Dinge wie ihr Kommen oder sein Befinden viel zu ungegenwärtig und die Wirklichkeit wirklich nicht wichtig noch interessant genug, um sie zu bemerken. Vielmehr lösten sie sich los vom Unabänderlichen und trotzten dem bannenden Geschick und streiften seine Fesseln ab.
Nicht nur dieser Augenblick, für Mariclée stand jetzt die ganze Welt in diesem Augenblicke still, und ihr Gehirn glich einer ausgelöschten Tafel, die nichts vom Leben, nichts von allem behielt, was ihr das Leben schuldig blieb. Es war getilgt. Höchstens, daß ein Schauer, ein plötzliches Beben ihrer Lippen mitten in einem sehr unverfänglichen Satz, ein Zittern ihrer strahlenden Hände verriet, was ihr diese teuer erkaufte Stunde wert bedünkte, in der sie nistete wie ein Adler, von göttlicher Öde umrauscht. Die Leiter, die sie zu ihr emportrug, stieß sie da leichtsinnigen Fußes zurück, der harten Sprossen nicht eingedenk. Kein Windeshauch sollte sie mahnen an das Tal, dem sie entflogen war, noch an die Leine, an der sie hing. Vergessen! Sie feierte _Orgien_ der Vergessenheit! Alles vergessen, was alles sie von diesem Manne, ach selbst von dieser Stunde schied. Schon waren die zwei eleganten Frauen in Trauerkleidung wieder in Sicht, und die eine, sehr repräsentativ von ihrem Witwenschleier umsteckt, fixierte Mariclée mit Augen, die undurchsichtig glänzten wie Kieselsteine in einem Bach.
»Wer ist die Dame?« fragte sie.
»Meine Schwiegermutter.« Es klang aber nicht anders, als wenn er gesagt hätte: eine Mücke.
Da fühlte auch sie sich befugt die Mücke zu ignorieren. Aber wo blieb nur die »Möwe«? und sie erkundigte sich.
»Ich fürchte, sie hat sich schon hingelegt;« und er teilte ihr mit, daß sie sich die ersten Stunden immer sehr schonen müßte, um der Seekrankheit vorzubeugen.
»Zum Glück fährt das Schiff so ruhig,« sagte Mariclée, »man merkt es kaum. Nur von dem Geschmack bin ich etwas enttäuscht. Gar so wunderschön kann ich es nicht finden, wie man es preist.«
Sie sprachen wie Leute, die sich täglich sehen können und sagen, was ihnen gerade einfällt.
»Es verdrießt mich,« unterbrach sie ihn einmal, »daß Sie mir widersprechen, auch wenn Sie im Grunde ganz meiner Meinung sind.«
»Und ich verarge Ihnen geradezu die apodiktische Art, mit der Sie Dinge behaupten, deren Begründung Sie dann schuldig bleiben.«
»Ich weiß, worauf Sie anspielen;« -- und da er schwieg:
»Mein Aberglaube,« sagte sie und sah in die Luft.
»Ich kann ihn nicht leiden,« gab er zu. »Wissen Sie noch, wie Sie einmal in Venedig vor dem Schalter kehrt machten und Ihren Brief nicht mehr aufgeben wollten, weil zufällig drei Klosterfrauen davor standen?«
»Nicht zufällig,« sagte sie, »jener Brief war eine große Dummheit.«
»Das kann schon sein.«
Aber sie ließ sich nicht beirren.
»Früher hatte jede Gilde ihre Tracht, aber das ist vorbei. Läuft der Richter in seiner Toga über die Gasse? Er wäre bald genug ein Ärgernis. Je höher das Amt, je mehr verpönt es heute das Kostüm. Nur die Livree hat sich erhalten.
O,« fuhr sie lebhaft fort, »nie und nimmer ist etwas sinnlos.
Warum bringt der Kaminkehrer Glück? doch einzig und allein, weil sich Habitus und Gewerbe bei ihm so glücklich decken und es so motiviert ist, daß er mit einer Leiter und so berußt einhergeht.«
Er lachte sein verwöhntes, melodiöses und gedehntes Lachen, das sich an seinem eigenen Klange fing.
»Ich freilich,« gestand er plötzlich, »vertrage das Religiöse nur sehr verkappt.«
»Es ist die Zeit der großen Marodeure,« sagte Mariclée, »Gerhart Hauptmann wirbt dem Gottmenschen neue Proselyten und Uhde wurde zum Doktor der Theologie ernannt.«
»Nein wirklich!« rief er, »wie entzückend!«
»Und es gibt Akte von Habermann, die gesungene Choräle sind.«
»Auf welchen Text?«
Aber Mariclée war um die Antwort nicht verlegen.
»Auferstehung des Fleisches,« sagte sie.
»Aber wir müssen uns wirklich einen anderen Platz aussuchen,« sagte er dann. »Hier ist ja die Aussicht überall versperrt.«
In der Tat war in dieser geschützten Ecke das Segeltuch so tief herabgelassen, daß nur ein schmaler Streifen Meeres zwischen Dach und Geländer hervorsah.
Mariclée bemerkte es erst jetzt. An das Meer hatte sie nicht mehr gedacht.
Und nun zogen sie auf die andere Seite des Schiffes hinüber. Liegesessel aller Art standen hier schon in Reih und Glied, aber gerade in der Mitte fand sich noch Raum, und er ließ die beiden Stühle herüber bringen. Die zwei Damen in Trauerkleidung folgten jetzt in einiger Entfernung, um sich am äußersten Ende derselben Flanke zu etablieren. Sonst war es ziemlich leer am Deck, die Passagiere sahen sich noch in ihren Kabinen um.
Das Meer lag hier dem Blicke offen und siehe da, es war ein warmer, herrlich lichter Tag. Die Sonne, hold verschleiert, wie in zärtlicher Erwartung, hielt den unendlichen Himmel sanft umschimmert.
Das seltsame Paar blickte schweigend nach derselben Richtung, wo ein schmaler Streifen Land immer mehr zurücktrat. Zu ihren Füßen trieben beschattete Wogen ihren mattsilbernen Schaum.
Warum gedachte da Mariclée des Tages in Venedig, da er sie vor die Statue des Colleoni geführt und Worte der Begeisterung vor sich hingemurmelt hatte, während sie von der Statue zu ihm hinübersah, weil es sie frappierte, wie sehr alles, was er von dem Standbild sagte, für ihn selber galt.
Er war so ganz Körper, -- so unkörperlich! Auch _sein_ Bild zog jenen ewigen Bannkreis, der, man wußte nicht wie -- dem Tode zuwiderlief und ihn verneinte und zurückwies.
Zwar hatte sich die Krankheit an ihn gewagt, er war nicht mehr so schön, ach nein! Die Schultern kamen ein wenig schmäler heraus, die Schläfen waren ein wenig eingesunken, das Relief fing an zu verblassen. Trotzdem blieb seine Marke jenes unvergänglich stolze Etwas, das die Statue des Colleoni charakterisierte und sich dem Tode entzog. . . .
»Nun?« sagte er, und wandte sich ihr zu.
»Ja, hier ist es freilich schöner.«
Eine warme, windstille Luft begleitete das Schiff und das Meer war Musik. Aber so glatt! dachte sie. Da kann man unmöglich lang seekrank bleiben.
Bald darauf flog die »Möwe« am anderen Ende, wo die zwei schwarzen Tanten saßen, wieder auf und bildete dort eine Gruppe, bei der man unwillkürlich an die drei Damen der »Zauberflöte« denken mußte. Dann trat sie näher und gesellte sich zu ihnen, die ausgestandenen Nöte standen auf ihrer blassen Stirn und ihren zusammengezogenen Brauen geschrieben, und der Hut hing ihr am Arme, als scheue sie dessen Last. Am Geländer lehnend, zog sie ein kleines, silbernes Teesieb hervor; es war nach einem neuen praktischen System hergestellt, und sie hatte es aus London mitgebracht.
»Soll ich Ihnen auch so eines schenken?« sagte sie zu Mariclée.
Da ertönte ein Gong.
»Es ist schon das zweite Zeichen,« und sie packte ihr Sieb zusammen.
»Mein Gott!« rief Mariclée erschrocken, »ich habe ganz mein Billett vergessen. Da muß ich mich gleich umsehen.«
Sie stand auf und entfernte sich sofort.
Denn schon wieder näherten sich die zwei Schwarzen und dabei wurde ihr immer sehr schwül. Dank den englischen Sitten ließ sich ja eine Vorstellung vermeiden, vorausgesetzt natürlich, daß es keine ungeschickte Karambolage gab.
Die Büros waren um die Mittagszeit geschlossen und es dauerte eine Weile, bevor der Beamte erschien. Nun erzählte sie wieder einmal ihr Märchen von Cherbourg. Zum Glück konnte sie sich auf Cook berufen, woselbst man ihr geraten hatte, sich auf das Schiff zu schmuggeln, falls in Southampton keine Zeit mehr sei, um ein Billett zu lösen. Aber so viel der Ausreden hätte es gar nicht bedurft. Sie mußte einfach ihren Namen in ein großes Buch eintragen und ein Pfund entrichten, und die Sache war erledigt. »Man ist eben auf einem englischen Schiff«, dachte sie.
Aber die ganze Sache hatte doch ziemlich lange gedauert, und als sie endlich -- zögernd -- den Speisesaal betrat, war die Table d'hote im vollen Schwung. Sie aber trat jetzt nur bis zu einer Säule hart am Eingang vor und blieb dort stehen. Denn sie war nicht auf dies Schiff gekommen, sie hatte nicht diese karg bemessenen Stunden einem feindseligen Schicksal abgerungen, um mit seinen Angehörigen, die sie gar nichts angingen, banale Redensarten auszutauschen. Nein, dafür dankte sie. Sie wollte gar nicht wissen, wo sie Platz genommen hatten, und darum (es war schwer, sie zu übersehen, da sie ganz in der Nähe saßen) blickte sie zerstreut nach einer anderen Seite hin. Es war ein heikler Moment, aber sie hatte diese unmögliche Situation gestartet, damit er ihr helfe, sie zu ermöglichen. Diese ganze herzogliche Sippe, diese Schwiegermutter, die sich Airs gab wie die Königin der Nacht, und diese andere Base, die starr und sprachlos wie mit gelähmten Gesichtsmuskeln herüberstarrte, mußte er mit ihr, der Rechtlosen, der Entäußerten, verleugnen, auf daß sich diese verkehrte Welt auch drehe. Dies forderte sie von ihm, sie die niemals forderte, denn dies war _ihr_ Tag. Und hier mußte er sie holen, wenn er wollte, daß sie aß. Und darum blieb sie bei ihrer Säule stehen und sah geradeaus, wie sie es von dem Steinadler gelernt hatte, und wartete in aller Ruhe, bis er kam. Mein Gott! wie stupide das Geklapper der Teller und Gabeln und Messer klang! und wie stark, wie »immerdar« dies blind groteske Unisono sich behauptete. Rührte doch von allen, die da saßen, in sechzig Jahren kaum einer noch ein Glied. Es war wie ein Spuk, und unbeteiligt und wie abwesend sah sie darüber weg, als ginge sie das ganze Treiben in diesem Saale nichts an. Aber da stand er schon an ihrer Seite.
»Ich sehe noch ein freies Tischchen; wollen wir dort essen gehen?« fragte er mit jenem eigentümlichen gedehnten Singsang, der seiner Stimme unterlief, wenn ihm etwas behagte. Verwegene Dinge waren ja stets nach seinem Sinn. O, sie kannte ihn gut! Solche Fanfaren fanden ihn ja stets am Platze. Er entfaltete dann eine Eleganz in der Willkür, die jede Niederlage ausschloß. Als geistiger Haudegen hatte dieser unkriegerische Mann nicht seinesgleichen. Was immer er tat, nahm er mit so hinreißender Sicherheit vor, daß es den Stempel des einzig Tunlichen erhielt. Langsam zogen sie bis zur Mitte des niedrigen Saales und nahmen dort Platz. Er strich einiges aus dem Menü und verlangte das andere, ohne sie zu fragen, was sie wünschte, ganz wie sie es früher immer hielten. Er wußte welche Unbequemlichkeit, ja welche Beschwerde es ihr bereitete, sich mit einer Speisekarte einzulassen, wenn sie mit ihm zusammen war. Nicht nur, daß sie stets zur Vereinfachung dasselbe aß wie er, sondern er legte auch stets auf ihren Teller, was er für gut befand, und reichte ihn ihr dann hin. Über solche Dinge, oder wenn sie, wie es meistens geschah, fast alles stehen ließ, wurde nie ein Wort verloren. Er kannte sie zu genau. Es war nicht, daß sie nicht wußte, was sie aß. Nur durfte sie nichts ablenken. Ihr Mißverhältnis zum Essen entstand nur durch jene Hemmungen, die mehr oder minder bei allen Menschen vorkommen und sich bei ihr nur besonders leicht einzustellen pflegten. Bei ihr genügte eben sehr wenig, um den Konnex zu stören. Und die Nähe dieses Mannes, die ihr die restlose Erfüllung ihres eigenen Seins gewährte, mußte in ihr jeden Sinn der Stunde, und was im weitesten Sinne damit zusammenhängt, vollends betäuben. Zu einer Mahlzeit stand sie dann wie zu einem weit weggerückten Tisch, und nicht ohne Mühe mußte sie sich immer neu darauf besinnen. Denn dann war für sie das _Essen_ das Allerunwirklichste und Vergessenste. Indessen aß sie pflichtschuldig an einem scharf mit Curry gewürzten Reis, und einmal kam die »Möwe« und machte die beiden aufmerksam, wie gut er zubereitet sei. Die farblos schattenlose Freundlichkeit, die sie ihr bezeigte, empfand Mariclée jedesmal als eine ganz unbewußt aufoktroyierte und dabei so wenig auf sich selbst beruhende wie der sonnige Reflex, der an der Mauer niedergleitet. Es war eben das Bannende, das von ihm ausging, das gleicherweise auch ihr selbst die Schüchternheit benahm. Übrigens sprachen sie bei Tisch nur wenig, aber in den geringfügigsten Gesten -- sei es, daß er sein Glas hinstellte oder sie mit ihrer Gabel spielte -- waren sie stets ganz enthalten und ganz dem Bewußtsein zugewandt, daß sie beisammen waren.
»Wollen Sie auf mich warten, wo wir zuletzt saßen, indes ich mich hinlege?« fragte er zu Ende des Mahles. »Ich bin sehr müde,« und er lehnte sich zurück. Der Ton schnitt ihr ins Herz, und sie erschrak über seine Blässe. Sein Befinden ist nicht meine Sache, dachte sie, was geht es mich an? was kümmerts mich? und ließ den Dolch in sich eindringen. Sie wollte etwas sagen, aber sie nickte nur, denn ihre Stimme war zerbrochen. Es war zu schrecklich, an seine Krankheit erinnert zu werden. Und sie erhob sich, ging aber nicht gleich hinauf, sondern durchwanderte ruhelos die Säle und Gänge des Schiffes, schrieb auch an einen Mann, mit dem sie öfters in Streit geriet, dessen lautere Gesinnung sie aber heute ganz unvermittelt so klar durchschaute, daß sie, einem Impulse folgend, sich mit ihm versöhnte. -- Und dann ging sie an Deck, nahm ihren früheren Stuhl wieder ein und wartete. Das Wetter war unvergleichlich. Ein wundervoller Himmel zerfloß ins Meer und das Meer, ganz der Sonne hingegeben, ruhte schillernd, mit ihr spielend, und verbuhlt und ward ganz sich selbst, wie eine Muschel. _Töne_ nennt man solche Farben, dachte Mariclée geschwellten Herzens, und ihre Knie zitterten. Ist das alles so schön, oder sehe ich es nur, weil mein Tag so vor mir schillert und mich betört? Denn ihr Glück war zu fragil, um nicht alles, was es bedräute, auszuscheiden und klar wie ein Tautropfen und kostbar wie eine Perle sich zu schließen. Und weil es so eingedämmt und karg bemessen war -- hatten ihr nicht die Henker vorgeschwebt, als sie die Leiter dieses Schiffes emporstieg? -- darum war sie jetzt eins mit ihrem Glück, in ihm verweilend und von ihm durchschillert, wie diese Sonne und dies Meer. Er wird bald kommen, dachte sie, und nahm die Zeitung, die auf seinem Stuhle lag, und verhüllte sich das Gesicht.
Aber mitten in dem Überschwang ewig unausgesprochenen Gefühles wurde sie von dessen Einsamkeit geschreckt. War der eine nicht stets das Geheimnis des anderen geblieben? hatten sie sich über ihre Beziehungen jemals geäußert? ihren Bund je zugestanden? War es möglich? flüsterte ihr jetzt die Stimme des Versuchers zu, war dies so bis ins letzte zu ertragen? Denk an später; an alltäglichere Tage, wo dieser dir vergeudet scheinen wird, an die Stürme, die ein Zweifel in dir entfesselte. Wenn die Türme und Dächer von Cherbourg in diesen reinen Himmel ragen werden, ragt zwischen euch der Tod. Es ist zu Ende. Und du wirst nicht wissen, flüsterte die Stimme, ob er dich erwartete, ob er dich wirklich rief, es fehlt dir der Beweis, nimm die Gewißheit mit ans Land; es wird sich keine Gelegenheit mehr bieten. O, flüsterte die Stimme, wisset, wie ihr zueinander steht! scheidet, lebt, sterbet nicht also.
Von plötzlicher Unruhe erfaßt, blickte sie auf. Wo weilte er so lange? Es waren jetzt ziemlich viel Passagiere an Deck. Am anderen Ende tauchte die Möwe auf, und wieder war es die kleine Gruppe schwarz verschleierter Gestalten, die an die drei Damen der »Zauberflöte« erinnerte. Wie aus einem feindlichen Lager sahen sie zu ihr herüber und hielten sich ihr fern, und auch die Möwe näherte sich ihr nicht. Sie grollt mir doch! dachte Mariclée naiv und sah wieder ins Meer hinaus, das schon wieder neue Weisen leuchtend verströmen ließ; und es gelang ihr, die kleine finstere Gruppe am anderen Ende so weit zu vergessen, daß sie sich, etwas fieberhaft, die Dinge memorierte, die sie ihm sagen wollte.
»So lassen Sie uns denn ein paar spannende Momente erleben.«
Es war seine Stimme, und er stand ganz plötzlich hinter ihr und ließ sich in seinem Stuhle nieder. Sein Aussehen war viel besser geworden, und man hätte ihn kaum für einen Kranken gehalten. Er hielt ein Buch, dessen Gravüren er ihr zeigen wollte, und die Art, wie er die Hand ausstreckte, es zu öffnen, die Bewegung seines Arms, dies alles war ihr so wohl vertraut und trug sie hin zu dem Garten Roms, wo heilig beschattet die Statue Meleagers in ihrer holden Nacktheit ragt, denn hier wie dort atmete dieselbe Vollendung, und es war das unnachahmlich Plastische an ihm, in dem ihr Herz sich sonnte, wie es mit seinem Lachen, in dem so viel Glockenmetall anschlug, seinen Kultus trieb. Aber wie überbietend war doch die Feinheit feiner Männer, daß seine Nähe, ja sein Anblick sie von der Unmöglichkeit, ihre Stellung zueinander auch nur von fern zu streifen, sogleich so heftig überzeugte! und welch verletzender Gedanke war das von ihr gewesen, mitten in einem Zauberkreis die verfemten Worte auszurufen, die ihn nur sprengen konnten? Wie ferne lagen sie ihr schon, jene vorgefaßten Worte, jäh geschreckten Vögeln gleich, die nie mehr wiederkehren.
Er aber war es jetzt, der in Anbetracht der kurz bemessenen Zeit nach einem vorgefaßten Plan unverweilt von himmelweiten Dingen zu reden anfing und sie lockte, reizte, ihr in allem widersprach, alles widerlegte (denn alles läßt sich widerlegen), doch nur zum Scheine, um sie anzufeuern. Wie schnell war sie da vom Abstrakten hingerissen, immer schärfer, immer heimatlicher wurde ihre Luft. Sie war am Ziel. Aug in Aug feierten sie ihr Fest, indes ihre Hände, die seine und die ihre, die sich kannten, nachbarlich auf den breiten Kanten ihrer Stühle ruhten. Und sie wars zufrieden, ihren Pakt ewig ungenannt zu lassen.
»Nein!« sagte sie einmal, »ich bin nicht Ihrer Meinung. Für nichts ist man so verantwortlich wie für seine Geburt. Ich sehe die Verantwortlichkeit der Kinder für ihre Väter.«
* * * * *