Part 14
Aber die alte Klara, die auf ihr stürmisches Läuten herbeieilte, war wirklich entsetzt über den Schirm. Zum Glück hatte sie auch etwas zu vermelden. Die Tochter ihrer Freundin war hier gewesen, um Mariclée zu besuchen. Sie wohnte gleich um die Ecke und ließ sie bitten, noch vor sechs Uhr zu ihr zu kommen, da sie später schon wieder fortführe. »Ich will sogleich hin,« rief Mariclée, »und ich fahre erst morgen früh, Klara, und meine Koffer werden morgen früh von Cook geholt. Wir brauchen uns um gar nichts zu kümmern.«
Sie lief hinauf sich umzuziehen, aber auf ihrer Uhr war es schon nahezu sechs. Da rückte sie nur ihren Hut zurecht, nahm andere Handschuhe und eilte wieder fort. Sie war mit dieser Tochter ihrer Freundin während ihres vorletzten Aufenthaltes in Glenford nur flüchtig zusammengetroffen, liebte sie aber sehr. Denn sie tanzte so hübsch, war fabelhaft elegant, witzig und graziös, eigentlich immer bereit, die Dinge nicht eben ins Lächerliche, wohl aber ins Muntere zu ziehen, und es hatte Mariclée frappiert, daß sie bei starker Äußerlichkeit einen Grad von fine-feeling und innerem Ernst besaß, von dem sie selber noch nichts wußte. Indes war sie über ihren Besuch ziemlich erstaunt. Denn sie standen ganz außer Kontakt, Mariclée wußte von ihr nur, daß sie kürzlich geheiratet und außer ihrem Londoner Hause auch ein wundervolles Besitztum geerbt hatte. Kurz, sie hatte sie zwar sehr reizend gefunden, aber vergessen und sich besonders von ihr vergessen geglaubt. Sie hieß Dorothy. Nur gut, dachte sie, daß ich den Namen noch weiß.
»Endlich!« rief Dorothy, als Mariclée bei ihr eintrat. »Ich gab dich schon auf,« und schloß sie in ihre Arme.
Dorothy hatte, um sie zu empfangen, einen Hut aufbehalten (oder aufgesetzt?), dessen kühne Schweifung ihr wirklich sehr beglückend stand. Es gibt schöne Brünetten, die aussehen, als ob ein Mondenstrahl sie beschiene, Blonde, die etwas Sonnenlichtes an sich haben, Dorothy aber schien von der wechselvollen Helle einer Kaminflamme beleuchtet, so tief war das Leben, das ihr Gesicht und die Linien ihrer Gestalt umstrahlte.
»Laß mich dich anschauen, und schau mich nicht an, ich komme so verhetzt zu dir!« sagte Mariclée. Es war ihr sehr arg, daß sie in der Eile schon wieder zu kurze Handschuhe angezogen hatte -- und daß schon wieder ein Stückchen Arm aus dem Mantel hervorsah -- und Dorothy hatte sich so schön gemacht! Sie war so stilvoll in ihrem engen Rock, der ihre, wie aus Elfenbein gemeißelten, so geistvoll schmalen Hüften (es gibt so stupide Schlankheiten) so edel zur Geltung brachte. »Woher wußtest du denn, daß ich hier bin?« fragte Mariclée. »Ich wußte nichts. Ich sah dich heute mittag im Berkeley. Als ich auf dich zugehen wollte, warst du weg. Ich _mußte_ dich aber sehen.« »Mochtest du mich denn?« fragte Mariclée verwundert.
»Aber ich liebte dich doch innig,« rief Dorothy, »und nun fährst du morgen auf eine Woche mit mir!«
»O nein!« sagte sie fröstelnd. »Ich muß morgen nach Cherbourg.«
Sie dachte des morgigen Tages. O was dächten ihre Freunde, die sich ihr so treu und so vertrauensvoll erzeigten, wenn sie von ihrem Plane Kenntnis hätten und wenn sie wüßten, welch unmögliche Situation sie herbeizuführen sich bereitete.
»Was hast du?« fragte Dorothy.
Von den Aufregungen des Tages saßen ihr die Augen tellergroß in den tief umschatteten Höhlen und sie war so plötzlich erbleicht. »Ich ärgere mich über meine kurzen Handschuhe,« sagte sie lachend. Aber mit einem Male vertiefte sich ihr Gespräch. Und wieder staunte Mariclée über den Gehalt, den seelenvollen Ernst dieses Dämchens, das aussah, als lebte es nur für seine untadeligen Kleider. Als sie von ihr schied, folgte sie ihr noch bis unter das Tor ihres Hauses. »Gott schütze dich!« rief sie ihr plötzlich mit so spontanem Nachdruck zu, daß Mariclée stutzte. »Wie sie das sagte!« dachte sie betroffen, aber es widerfuhr ihr ja nicht selten, daß Freunde, die Abschied von ihr nahmen, sich wie von einer Sorge um sie überkommen fühlten.
* * * * *
Eine Stunde später saß sie ratlos inmitten ihrer ausgestreuten Sachen »Es hilft uns nichts, Klara,« sagte sie, »wir müssen das grüne Leinenkleid heraußen lassen.« Das bleuardoise war ja hin, das, welches sie trug, nicht hübsch genug; außerdem aber hatte sie nur Sommerfähnchen mit. Selbst wenn sich morgen, wider Erwarten, ein strahlend schönes Wetter einstellen sollte, war das grüne Leinenkleid für den 30. September nicht mehr am Platz; goß es aber und war es kalt und stürmisch wie heute, so konnte sie ja als verirrter Sommertag auf dem windumbrausten Schiffe ihres Effektes sicher sein. Nun, dachte sie grimmig, dann paßt es ja vortrefflich zu der Situation, die ist ja auch unmöglich.
Sie dachte ja keinen Augenblick daran, von ihrem Vorhaben abzustehen, aber einesteils war ihr die ganze Sache dennoch gräßlich. Sie kam sich vor wie am Vorabend einer Schlacht. Es war der Kampf mit dem Goliath der Konvention, mit dem sie es morgen aufzunehmen hatte. Gnad Gott mir armen David! dachte sie. Was hatte ihr doch die scherzhafte Dorothy so inbrünstig nachgerufen? »Gott schütze dich.«
Der alten Klara war sie indessen beim Packen nur im Wege; spät wurde es auch, am besten sie ging essen. Bevor sie aber das Haus verließ, trat sie ans Telephon, die Frau ihres Freundes anzurufen. Denn dies gehörte mit zu ihrem Plan. Es ging nicht an, daß sie meuchlings auf dem Schiffe vor ihr erschiene. Sie mußte vorher Kenntnis davon haben. Diesmal antwortete eine Jungfer. Ihre Herrin war beim Ankleiden. Da atmete Mariclée auf und hing, ohne ihren Namen zu nennen, das Rohr wieder ein.
Und dann verbrachte sie ihren letzten Abend wie üblich vor einem rotumschirmten Tischchen ihres unterirdischen Restaurants und aß, was ihr der Kellner vorschlug, und wenn die Kapelle ihre Weisen spielte, dann dachte sie an ihr morgiges Glück und ihre überstandene Not und wie alles sich zuletzt so wundersam gefügt hatte. Aber während der Pausen überfiel sie Bangigkeit und Furcht, und sie war ihrer Sache, ja ihrer selbst nicht mehr sicher.
Setzte dann die Musik wieder ein, so schöpfte sie wieder Mut.
Der Samstag
Die Dämmerung war noch fern, als Klara eintrat, um Mariclée zu wecken. Aber diese lag schon lange mit offenen Augen, die Arme unter dem Kopf gekreuzt und von einer merkwürdigen Unlust erfüllt, dem Fatum dieses Tages entgegenzugehen. Es war ihr nicht anders, als stünde sie vor einem schwierigen Examen, dem sie sich natürlich nicht zu entziehen gedachte, dessen Termin sie aber am liebsten verschöbe. Das erste, was sie heute überstehen mußte, war, vor der Abfahrt am Perron auf die Frau des Exemplars zuzugehen, um sie mit einer kurzen, wenn auch nicht interessanten Geschichte von angeblichen Freunden in Cherbourg zu überraschen.
Es war auch nicht leicht. --
Klara meldete ein trübes regnerisches Wetter und trug mit dem üblichen Pomp das Frühstück herein: die Teekanne mit dem beschwichtigenden Tulpenmuster, das schöne Silbergerät, den heißen Toast.
Aber Mariclée, die ihr Tags zuvor eingeschärft hatte, daß sie den Frühzug um keinen Preis der Welt verfehlen dürfte, konnte sich nun kaum entschließen aufzustehen. Sie richtete sich empor und fiel wieder zurück. Ja sie säumte noch mitten im Anziehen und starrte verträumt in das Kaminfeuer, das warme Reflexe auf die blauen Vorhänge malte und auf die mächtige Borte daran, die sie so liebte. »Sie werden den Zug verfehlen,« mahnte Klara besorgt. Aber sie war immer noch wie abwesend, als realisierte sie noch immer nicht, daß sie sich sputen mußte. Endlich stand sie fertig da in ihrem unzeitgemäßen Leinenkleid, den Mantel am Arm, dünn wie ein Faden, denn die Spannung der letzten Woche hatte sie vollends aufgezehrt, und mit dem gezogenen Blick. Die Autodroschke wartete schon lange. Auch der Chauffeur machte ein bedenkliches Gesicht, als Mariclée ihm beim Einsteigen erklärte, daß er sie bis um acht Uhr nach Charing Croß bringen müsse. Bevor sie um die Ecke bog, wandte sie sich im Fluge noch einmal grüßend nach Klara um, die, im Frühnebel unter dem Tore stehend, noch bis zuletzt ihre pedantischen kleinen Verbeugungen vollzog und erst zurücktrat, als der seltsame Vogel, der dies leere Haus mit so unruhigem Flügelschlag erfüllte, ganz ihren Blicken entschwunden war. Und nun trieb Mariclée, halb stehend, den Chauffeur zu immer größerer Eile an. Ihre Saumseligkeit war einer namenlosen Angst gewichen. Ja sie begriff sich selber nicht mehr. Hatte sie denn vergessen, was von dem heutigen Tage abhing? War doch ihre Bangigkeit ein paradiesischer Zustand gewesen im Vergleich zu der Zerrissenheit, in die sie zurückfallen mußte, falls sie den Zug nicht erreichte. Was forderte sie das Unheil heraus? War ihr denn nur unter Fährnissen wohl?
Und ihre Panik schien sich ihm mitgeteilt zu haben; er fuhr wie der Teufel durch die leeren Straßen, als hinge seine Chauffeurehre davon ab, daß er sie vor einem Zuspätkommen bewahre. »We'll just do it,« murmelte er.
Die Schalter standen schon alle leer. »High time« sagte der Billetteur, indem er ihr die letzte Karte verabreichte: Erster Klasse natürlich: dies gehörte ja mit zu ihrem Plane. Es hatte sich zum Glück (Mariclée wußte auf einmal nicht mehr, ob es ein Glück war) eine große Stockung beim Aufladen des Gepäcks ergeben, so daß noch eine Anzahl Koffer die Plattform übersäten und mehrere Gruppen noch nicht Miene machten einzusteigen. Das erste, was sie da erblickte, war die Frau des Exemplars, in einem Ring von Freunden und Verwandten, die sich zum Abschied eingefunden hatten. Diese Gruppe hielt sich vor einem reservierten Salonwagen, und schwarzbetreßte Lakaien schlenkerten in ihren langen Trauerlivreen hin und her, mit Handtaschen und Hutschachteln, auf denen an Herzogskronen kein Mangel war. Ja von den Lakaien flankiert, wurde noch eine ganze Ladung bekrönter Koffer (daß man ordentlich Respekt kriegte) den Perron entlang zum Gepäckwagen gefahren; es war also noch Zeit. Mariclée sicherte sich erst einen Platz und näherte sich dann langsam der Gruppe, in deren Mitte die Dame mit ihren Freunden und Freundinnen plauderte.
Denn jetzt mußte es sein. Sie mußte alle Befangenheit und Schüchternheit hintansetzen, den geeigneten Augenblick wahrnehmen und auf sie zugehen. Sonst konnte sie nicht auf das Schiff. Die Sekunden verstrichen; sie kreiste um den Ring und fand nicht den Mut ihn zu sprengen. Da fing sie einen gewollt flüchtigen Blick auf, der ihr keinen Zweifel ließ: man hatte sie erkannt, und tat nur nicht dergleichen. Und Mariclée fühlte sich mit einem Male grenzenlos verlassen auf der Welt und grenzenlos allein. Eben ihre Schutzlosigkeit war es aber, die ihr nun plötzlich den Mut und die Festigkeit verlieh, deren sie bedurfte. Für sich selber mußte sie stehen, denn für sie trat keiner in die Schranken. Und sie trat näher, streckte ihren Arm aus und legte ohne ein Wort ihre schmale Hand auf den Arm der Dame. Es geschah mit der leisen Bestimmtheit, mit der ein Detektiv einen hohen Staatsbeamten arretiert. Und man begriff sofort und trat aus dem Kreis. Mariclée aber wandte sich um und drehte der Gesellschaft den Rücken, um durch keine erstaunten Mienen aus der Fassung zu geraten.
»Ich rief Sie gestern zweimal an,« sagte sie, »um den Namen Ihres Schiffes zu erfahren. Da ich in Cherbourg Freunde aufsuchen muß, dachte ich dasselbe zu nehmen, um die Strecke mit Ihnen und Ihrem Manne zu fahren.« Ihre Stimme war farblos wie Wasser. »O es ist verwünscht, es ist entsetzlich!« dachte sie.
»Aber wie schade!« erwiderte die andere prompt, »niemand hat mir das ausgerichtet.«
Mariclée schritt von der Gruppe weiter weg und ihrem eigenen Kupee zu. »Von Ihrem Manne selbst bin ich natürlich wieder ohne Nachricht geblieben,« nahm sie wieder auf und sah ins Weite mit einem ruhigen, unbeteiligten Lächeln und einer beschaulichen Ironie, von der man allerdings nicht wußte, wogegen sie sich richtete. Vor ihrem Kupee hielt sie inne. Es sprach jetzt eine Gelassenheit und Sicherheit aus ihr, die um so zwingender waren, als sie auf nichts und wieder nichts fundierten. Das reine Trapez.
»Wir fahren mit der >Adriatic<.«
»Ich weiß es,« versetzte Mariclée. »Durch das Telephon,« setzte sie hinzu, »aber es war zu spät und ich konnte keinen Platz mehr erhalten.«
»Aber das ist wirklich sehr schade,« sagte die andere wieder. »Könnten Sie es nicht versuchen und doch mitfahren?«
»Ich zweifle, daß es möglich sein wird. Nun, vielleicht doch; auf gut Glück. Aber ich darf Sie Ihren Freunden nicht länger entziehen. Vielleicht auf Wiedersehen.«
Sie drückte ihr die Hand und stieg schnell ein. Zwei amerikanische Damen hatten sich dort schon breit gemacht und ihr behäbiges Gekreische angestimmt. Mariclée starrte sie geistesabwesend an, aber kaum hatte sie in ihrer Ecke Platz genommen, als die junge Frau wieder vor der offenen Wagentüre erschien; sie war zurückgekehrt, um ihr noch etwas zu sagen. Mariclée erhob sich sofort und trat zum Schlage hin.
»Ich bin überzeugt, daß Sie ohne jede Schwierigkeit mit uns nach Cherbourg fahren könnten! Steigen Sie doch einfach auf das Schiff. Es wäre zu schade. Hätte ich es nur früher gewußt.«
Sie hat wirklich Rasse, dachte Mariclée, und bevor sie etwas erwiderte, stieg sie augenblicklich, zudem sie viel größer war, die paar Stufen ihres Kupees nochmal herunter. Und nun trugen die beiden -- es war fast spaßhaft -- jene unvergleichlich ausgesuchte Haltung zur Schau, mit der Potentaten unter sich die erwiesenen Aufmerksamkeiten unverzüglich vergelten, und dabei eine so restlose Höflichkeit an den Tag legen, daß sie jeglichen Gefühles entraten darf, da sie ja, der Länge und Breite nach, an Stelle desselben tritt. Sie wechselten nur ein paar Worte. Dann trat die eine zu ihrem Salonwagen zurück, die andere stieg wieder ihre paar Stufen hinauf; gleich darauf wurden die Türen allenthalben zugeworfen und der Zug setzte sich in Bewegung.
Und nun fingen vor Mariclées benommenen Sinnen die Bäume zu wallen, die Hecken zu beben und zu laufen an; und es setzte ein großes Steeplechase aller Dinge für sie ein. Dem immer schneller rasenden Zuge jagten Äcker und Wege entgegen und zogen sich blitzschnell zurück, rote Dächer nahmen das Garaus, Brücken tauchten empor und verschwanden sogleich. Das Wetter wußte noch immer nicht, was es für ein Gesicht zu Mariclées grünem Leinenkleid machen sollte. Die flüchtende Landschaft war auf einmal von einer warmen Sonne so festlich umwoben, daß die beiden Amerikanerinnen, rüstige Vierzigerinnen, ans Fenster eilten und die erfreuliche Wandlung mit vielen »o my's« konstatierten. Aber ehe man sich versah, war die Luft von neuem verfinstert, Scharen streitsüchtiger Wolken hielten Kriegsrat und beherrschten den Himmel. Jetzt stob ein mächtiger Baum hart auf Mariclées Fenster heran, in dieser Sekunde schoß mit tückischer Plötzlichkeit eine Elster aus seiner Krone auf, und zugleich waren Baum und Elster verschwunden. »One for sorrow,« dachte sie. Ein Kummer stand ihr ja heute unweigerlich bevor: die endgültige Trennung von dem kranken Manne, dem sie entgegenfuhr. Aber dazwischen lag die Tatsache, daß sie ihn sehen und seine Stimme hören würde, mit anderen Worten: ein ganzes Leben, eine Welt, welche diesen Abend in so vage Ferne rückte, daß sie an ihn so wenig zu denken brauchte wie an ihr Sterben, so dehnbar wurden die Begriffe der Zeit. Was sie hingegen _nicht_ fertig brachte, war, Jahre hindurch an einen Menschen zu denken, den sie nie sah. Darum war sie eigentlich gekommen. In der Abwesenheit verkümmerten ihre Gefühle; sie, die mit der Zeit solche Künste trieb, vermochte sich nie über den Raum hinweg zu setzen und niemandem war er weniger urbar. Die Ferne ließ bei ihr keine Täuschungen zu. Ihrer vergaß sie nie. Nie konnte sie der Trennung vergessen, wenn sie des fernen Freundes gedachte. Sie lebte von seiner Nähe, nicht von Erinnerungen; ja gerade ihre Erinnerungen bedurften seiner Nähe, um aufzuflammen. Erinnerungen allein machten sie so unglücklich, daß sie lieber die Asche der Vergessenheit darüber schüttete. Denn Mariclée hatte ein affektives Augenpaar, ein affektives Gehör, wie der Maler eine extra Sehkraft, der Musiker ein extra Ohr. Diese Perversion ihrer Sinnesfähigkeiten, wenn man es so nennen darf, machte sie zu einem der glücklichsten, aber auch der unglücklichsten Geschöpfe.
* * * * *
Je näher nun die ersehnte Stunde rückte, je wilder wurde ihre Freude, je größer aber zugleich ihre zweifelnde Angst, und ihre Seele wurde das getreue Abbild des ewig wechselnden, bald verklärten, bald stürmisch trostlosen Himmels. Der _Beweis_, daß er sie rief, ihr Kommen herbeiwünschte und erwartete, fehlte ihr total. Sie zog seinen Brief hervor. Da standen sie, die paar trockenen Worte, die, wohl nur weil sie gerade das Naheliegendste waren, was dem Fiebermüden zu sagen einfiel, sein Schiff und die Stunde seiner Abfahrt nannten. Vielleicht war er ahnungslos, war entsetzt, daß sie kam und ihn, den Ruhebedürftigen, eigenmächtig in eine unerhörte Situation versetzte. Solche Erwägungen fielen ihr furchtbar beklemmend aufs Herz. Daß die zuvorkommende Haltung seiner Frau nur eine denkbar momentane Geltung hatte, darüber war sie sich nach einer halben Stunde, als der erste sehr ästhetische Eindruck der kleinen Szene verflogen war, vollkommen klar. Sie hatte keine Ahnung, wieviele von den Personen, die mit ihr den Salonwagen umstanden, mit eingestiegen waren. Es konnte sehr wohl sein, daß man sich nebenan die Zeit damit vertrieb, indem man Tränen über sie lachte. Vielleicht konnten sie alle vor Lachen gar nicht zu Worte kommen, sondern verschluckten sich, sobald sie etwas sagen wollten und platzten aus, sobald sie sich nur ansahen, über die komische Figur, die da drüben in ihrer grünen Leinenrobe mit tellergroßen Augen in die Landschaft starrte und einem Herrn nachfuhr, dem sie geschrieben hatte und der ihr, wie sie selbst mit einem irrsinnigen Lächeln eingestand, gar keine Antwort gab, sondern schleunigst über den Ozean setzte. Ja, waren denn diese Leute von Stein, daß sie nicht lachten? Aber nur getrost! sie lachten schon, bis Southampton, und ohne Unterlaß. Was schuldeten sie ihr? Von dem Knäuel, der in den Wagen einstieg, fuhren einige wohl nur des Geleites halber mit und kehrten dann wieder in die Stadt zurück. Vielleicht war sie heute abend das Spottgedicht der Londoner Salons. So etwas konnte doch nur aus Germany kommen. Nicht nur sich und ihre Nation, auch ihre sämtlichen Freunde blamierte sie; es war der Dank für das schöne Haus, das man ihr geliehen hatte.
Sie fuhr mit der Hand an die Augen -- allein es war kein Bild, das sich verscheuchen ließ. Man konnte ja nicht sagen, wie die Sache war, sie war so ganz wie man sie ansah. »Sie ist mir gräßlich!« -- dachte sie.
Als der Zug in Southampton hielt, eilte sie an das andere Ende, um ja von den Insassen des Salonwagens niemandem zu begegnen. Und dann? . . . Dann tat sie mechanisch, was alle anderen Passagiere taten und schloß sich ihnen an. Sie wußte nicht, wie es geschah, daß sie mit einem Male mitten in einem endlosen Gänsemarsch eine Schiffsleiter hinaufstieg, vor sich und im Rücken eine unübersehbar lange Menschenreihe. Es regnete. Langsam, Schritt für Schritt rückte sie vor, jeglichen Gedanken unterdrückend. Sie war wie zermalmt. Nur eines wußte sie: nicht ihr Wille allein hatte sie hieher getrieben; der war viel zu schwach. Ein anderer Wille, eine fremde Macht hatte die Schritte, die sie jetzt ging, für sie gezählt, und sie war ihr nur gefolgt, wie man dem Windstoß und dem Strome folgt. So hatte sie haarklein alles getan, was ihr widerstrebte, was sie desavouierte, wogegen ihr Innerstes sich sträubte; sie wußte es erst jetzt. Nicht anders schreitet einer zum Richtplatz, wie sie jetzt schritt. Vor und hinter sich geradezu sich stauende Reihen, in deren Mitte sie, wie von Hellebarden eingeschlossen, gesenkten Blickes weiterging. Hier gab es kein Zurück. Grotesker Weise (aber sie konnte es nicht hindern) schwebte ihr jetzt Karl I. vor, wie er Whitehall am Tage seiner Hinrichtung verließ. Tor und Mauern standen noch, von welchen aus er mit gemessenen Schritten -- als wäre es sein Wille, weil es sein Verhängnis war -- jenen letzten Gang vollendete. Wie stark, dachte sie da, ist doch das Echo aller Dinge, deren Lauf das Schicksal allzu deutlich leitete. Jene Schritte Karls I. sind noch nicht verhallt. Und in ihrer Not fuhr sie fort, an ihn zu denken . . .