Das Exemplar

Part 16

Chapter 162,393 wordsPublic domain

Indessen ging die Königin der Nacht in Begleitung ihrer Damen am Deck spazieren, stets an dem ungeraden Paar vorüber, wobei sie nie verfehlte, Mariclée mit ihren Kieselsteinaugen zu fixieren. Diese merkte es wohl, doch a distance, nicht anders als sie das Mittagessen bemerkt hatte. Hin und wieder näherte sich auch die Möwe und stand, am Geländer lehnend, vor den beiden; und dann sprach man über die Ereignisse des Tages und über die letzte Rede im Parlament und erörterte die Aussichten der Konservativen. Der Vater der Möwe hielt halb Schottland für sich allein umzäunt, es läßt sich also denken, was man in seiner Umgebung von der demokratischen Strömung und von Leuten wie Lloyd George und Churchill hielt. Mariclée wunderte sich nur ein wenig, da sie doch immer wiederkehrte, daß sie sich nie setzte; aber es war ja _ihr_ Stuhl, den Mariclée so ohne weiteres in Beschlag hielt; doch fiel es ihr nicht ein, die Etikette, die daran hing, anzusehen. Denn was hätte sie bedacht? was hätte sie gewußt? Ein Diener brachte Tee und sie nahm ihn, nahm den Kuchen, den er dazu reichte. Sobald die beiden allein waren, griffen sie jedoch unverzüglich ihre eigenen Gespräche, die sie so zwanglos fallen ließen, wenn man sie unterbrach, ebenso zwanglos wieder auf. Und der Strahlenring um Mariclées Augen weitete sich immer mehr und verschlang ihr ganzes Gesicht, auf dem sein starker Blick immer voller, aber auch immer schweigsamer verweilte.

Da mit einem Male geriet diese ganze verwunschene Welt ins Schwanken; der lichte Himmel, das holde Meer waren nicht länger endlos: schmale Stifte schrieben in der Ferne seltsam blasse Zeichen in die Luft, liefen im Spitz, im Zickzack, zogen ein Viereck -- waren's Türme, war's ein Blutgerüst? »Ah!« sagte sie, »da ist Cherbourg.« Und es klang leicht und gefällig, als sei es ihr willkommen.

»Es liegt noch ferne,« sagte er, »wollen wir nicht hinuntergehen?« Sie erhob sich sogleich. Denn jetzt war sie erwacht; und sie ertrug es nicht, Cherbourgs höllische Tore heranziehen zu sehen. Ihre Jacke zuknöpfend stand sie vor ihm, sein Blick glitt ihre Gestalt entlang und blieb dann an ihrem Gesichte haften; und sie ertrug ihn, mit einer Miene von Leblosigkeit wie umflort. Und er stand langsam auf, und sie gingen zusammen. Nichts mehr von Hölzernheit in ihr. Hoch aufgerichtet, wie getragen, schritt sie an seiner Seite, die klar wie mit dem Silberstift umrissene Gestalt gleichsam noch größer und geschmeidiger; und obwohl die Macht, die einst wie mit ehernen Ringen ihre Schultern aneinanderschmiedete, daß sie wie ineinander wuchsen und eine Gruppe bildeten, wenn sie gingen, sie jetzt mit gleicher Schärfe auseinanderhielt, entstrahlte dennoch ihren Linien ein so analoger Geist, daß sie als ein geschlossenes Bild hinzogen, nach Einem Rhythmus wie zuvor.

Nicht, daß sie einander glichen. Vielmehr stand scheinbar nichts in stärkerem Kontraste zu dem zwar hypersensiblen aber doch stahlharten und in allen Genüssen so versierten und aller Lüste so kundigen Mann, der es verstanden hatte, dies spröde Dasein so zu meistern -- sein Sturz tat nichts zur Sache --, daß es wie ein dressiertes Pferd nach seiner Willkür karakolieren und, dem Sporn des Reiters folgend, mit zierlichen Schritten über die unebene Bühne des Lebens tanzen lernte, -- nichts konnte ihm unähnlicher sein wie diese Jongleuse der Entsagungen, scheinbar sagte ich, in Wahrheit glich ihm nichts so sehr. Denn sie schied sich vom Wettbewerb des Lebens aus, nicht weil ihr dessen Güter nicht wert bedünkten, sondern weil sie sich nicht bescheiden wollte, und verwegenste Anmaßung war so sehr das wahre Grundmotiv ihrer wie seiner Attitüde, daß sie ineinander enthalten, und der eine an Stelle des anderen denkbar war . . . .

Als sie nun zur Treppe gelangten, die zu den unteren Sälen führte, vertrat ihm die Königin der Nacht den Weg, und Mariclée hörte zum ersten Male ihre Stimme.

»Der Arzt hat das Treppensteigen strengstens verboten,« sagte sie.

»Ich gehe sie doch _hinunter_,« gab er ihr mit einem sonoren Nebenklang zurück, der sie unweigerlich beiseite schob.

Mariclée machte Miene umzukehren. »Ich habe doch den Lift,« sagte er schneidend. Da folgte sie ihm.

Unten stand ein niedlicher Flügel, den er alsbald öffnete, und während sie ihm die paar Stücke vortrug, um die er sie bat, lag ihr nichts anderes im Sinn. Aber nicht lange und sie drehte sich auf ihrem Stühlchen um, denn er stand hinter ihr. Denn die Zeit, die ihnen blieb, war nur mehr nach Minuten gezählt, und sie wollte ihn sehen. So lachte sie etwas gezwungen und sah ihn mit angestrengten Blicken an, die, seltsam umblaut, Lasten zu ziehen und sich zu schleppen schienen. Da sie sich nicht länger auf ihr entlegenes Gerede, das sie selber nie betraf, konzentrieren konnten, war jetzt ihr Ton merklich salonmäßiger und oberflächlicher geworden. Aber während Mariclée ihrer Stimme wundervoll gebot, verrieten sie jetzt ihre strahlenden Hände -- ja mehr noch, sie gewährte ihnen -- und ob sie sich senkten oder gleichsam wider ihr eigenes Leid erhoben und schwebten und wieder zurückfielen, immer sagten sie aus, was sie verschwieg und hielten ihre eigene Zwiesprache mit dem Schatten von Freudelosigkeit, ja von Bedrängnis, der sich jetzt über die gelassenen Züge des kranken Mannes senkte.

Ein Steward erschien an der Türe: »Cherbourg,« rief er herein und verschwand. Es war, wie wenn schnell und lugüber eine Elster vom Aste aufstiegt und sich sogleich wieder verbirgt.

»Es wird noch eine Weile dauern. Sie werden sehen,« sagte er. Aber sie schritt schon dem Ausgang zu.

»Nein, nein; es ist Zeit.« Es war ihr in der Tat, als hätte sie Eile. Und sie verließen den Saal.

»Hier ist der Lift, Sie dürfen nicht weitergehen,« sagte sie. Aber er folgte ihr die schmalen Gänge des Zwischendecks entlang, die eine erdrückende und heiße Luft erfüllte.

»Sie müssen gehen,« sagte sie und hielt inne. Aber er stellte sich taub. Da gingen sie weiter ohne ein Wort.

Und obwohl jene Macht, die sie einst, und wenn die Straße, die sie gingen, noch so weit war, so magnetisch zusammenschloß, daß sie als eine Gruppe wandelten, sie jetzt so magnetisch schied, daß sich zwischen den eng zusammengepreßten Wänden ihre Schultern, die sich kannten, niemals auch nur streiften, gingen sie dennoch nach Einem Rhythmus und wie aus Einer Form gegossen. Denn in Wahrheit waren sie Eins.

So zogen sie tief hinab, wo sich die dunstigen Räume immer niedriger schichteten und die Flanke des Schiffes sich rundete und auslief, hier gähnte ein gewaltiges Loch. Es war ein Spalt, groß wie ein Scheuneutor und ein Gebrause wie von einer Mühle. Denn hier lag die Barkasse dem Dampfer an. Aber den Zugang blockierte noch die Mannschaft, und es war ein großes Hin und Her. Denn das Schiff war nicht in den Hafen eingelaufen, sondern hielt sich an der Mündung, und was es an Briefsäcken aufnahm und an Frachten ablud, vermittelte das Boot.

»Es wird noch eine ganze Weile dauern, bevor Sie es besteigen müssen,« versicherte er wieder und führte sie zu einem kleinen Mauervorsprung, der eine Art von Loggia bildete. Hier stellten sie sich auf. Die Brise umwehte sie, und sie hatten das Ufer im Rücken, auf daß sie es ein letztes Mal vergaßen. Vor ihnen das prunkende Meer, das seine Wogen glatt und einsam entrollte, und die verlassene Ferne.

Hier standen sie jetzt, ohne sich ein Wort zu sagen. Was hätten sie gesagt? Die schmale Stelle auf diesem Mauervorsprung war jetzt ihre Welt. Darüber hinaus gab es keinen Fleck mehr, der sie zusammen trüge. Versunken und ungangbar alle Stätten, alle Wege, jede Spanne Bodens, den ihre Füße je gemeinsam wandelten. Soweit sie reichte, diese Welt der ewigen Verweigerungen, Unzulänglichkeiten und Verzichte, bot sie keinen Raum, enthielt keine Luft, die sie je wieder vereinigt sah. Und da geschah es, daß sich Mariclées Gesicht zu höchster Harmonie zusammenschloß, zum eigenen Ideale werden durfte und seine eigene Vollendung feierte; und ganz sich selber ward, indem es sich, sowie die Stunde, die es zeitigte, unendlich überbot. Und irgendwie war es _sein_ Gesicht, indem es in dieser Vollkommenheit nur seinem Auge, und nur von ihm wachgerufen, sich entfaltete. Wie jene Nymphäen des Mississippi, die unter Baldachinen mannesschwerer Riesenblätter bis zu jener einen Julinacht verschlossen harren, in der ihre gekrönte Blüte, die gewaltigste und zarteste der Erde, der überhitzten, der erwartungsvollen Flut entstrahlt und ihren Wert in einer Nacht vergeudet, daß, wer sie später suchte, sie nicht mehr erkenne. Ein solches Antlitz wandte sie jetzt im Scheiden dem Manne zu, und zu solcher Schönheit malte, schmückte, krönte es in dieser Stunde die Natur. Sie standen geschützt und ungesehen und unbelauscht, zwischen ihnen nur die Luft, und diese Luft hing zwischen ihnen wie ein Schwert.

Da fiel ein Schatten in diese Welt. Mit welchem Grauen fühlte sich da Mariclée an die Wirklichkeit erinnert! Wie tödlich erblaßte sie, bevor sie den Mut fand, sich diesem Schatten, von dem sie sich gerufen fühlte, zuzuwenden. Sie sah die Möwe. -- Wie eine Gejagte, geängstigten, zerflatterten Blickes, war sie auf der Suche hier unten aufgeflogen.

»O wie krank wirst du morgen sein!« brach sie aus.

Aber Mariclée durchschaute sie wie Glas. Sie sah die Sorge, die Eifersucht, den Verdruß, sah vor allem, sie die Virtuosin, wie ungewohnt er dieses Wesen traf, so daß es gar nicht wußte, wie es sich zu ihm stellen sollte; -- sah es, -- und war gerührt. Denn Verdruß _zuzufügen_, schlug so wenig in ihr Fach, daß sie, die Zerbrochene, tausendfach Beraubte, imstande war, in diesem Augenblicke, nur der Not Rechnung zu tragen, die sie hier verschuldete -- denn zu _nehmen_ war so wenig ihre Art.

»Sie hat recht. Sie werden sich nur verderben,« und ohne ihn anzusehen ging sie rasch auf sie zu: »Leben Sie wohl!« sagte sie und ergriff ihre Hand. Aber jedes Wort, das sie da sprach, tönte wie gesungen, und die Dominante gab jetzt wieder jener seltsame Umschlag des allzu mächtig zurückgedrängten Gefühles, das im höchsten Affekt ihren Blick zu dem eines ausdruckslosen toten Statuenauges schlug.

So kam es, daß sie jetzt, das schmale Handgelenk der »Möwe« erfassend, es leicht und zärtlich drückte und lächelnd zurückhielt, wie der Liebhaber die Hand der Geliebten. Ein Zeuge hätte schwören dürfen, daß sie nur für sie auf dieses Schiff gekommen war, so verschwenderisch und so entzückend war die Anmut, mit der sie Abschied von ihr nahm.

Und ihm? -- Ihm drückte sie nur flüchtig die Hand, sah ihn nur flüchtig an und hatte sich schon abgewandt von ihm, war schon unter dem Tor, -- sprang schon in die Barkasse. Und nicht lange, so stieß diese von dem mächtigen Dampfer ab, der wieder ins weite Meer hinauszuziehen begann, und hob und senkte sich in seinem heftig bewegten Strom. Mariclée lehnte am Maste, und wie sie also hoch aufgerichtet, wie eine Erkorene, stand, von der scheidenden Sonne umleuchtet und umflossen, glich sie einem jungen Kriegsheld am Abend einer Schlacht. Und in der Tat war das Gefühl, das sie jetzt zum ersten Male trug, ein Gefühl des Sieges. Ja -- es war ihr Tag gewesen, ihr fielen alle seine Ehren und Würden zu. Jeder Zweifel war verschwunden. Sie begriff nicht, wie sie ihn jemals hegen konnte. Etwa weil sie das Spiel nur des hohen Einsatzes halber wagte, den Gewinst jedoch verschmähte? -- Denn nirgends lebte der Mann, der von ihr sagen konnte: »Diesen Vorteil erstrebte sie von mir,« noch die Frau, die von ihr sagen durfte: »Jenes unternahm sie wider mich.« Keiner war sie je eine Rivalin gewesen. Denn darin eben setzte sie einen unbeugsamen und unerhörten Stolz. Von einem andern wußte sie nichts. Verwegenste Situationen geziemten ihr nur. Und deshalb trieb es sie hin und wieder mit solcher Macht, dieser lächerlichen Welt, und dem, was sich als ihre Mächte und Konventionen so großen Respekt verschaffte, eins ins Gesicht zu schlagen. Und sie wußte, daß sie es durfte. Weil sie nichts wollte. Weil sie von einem Wettbewerbe ausgeschieden war, dessen Preise so ungereimt und so zu Unrecht verwilligt wurden oder bestenfalls die schmähliche Marke der Vergänglichkeit und des Verfalles trugen. Wenn sie da einsprang, war das Absichtslose stets ihr Banner, ihre Geste und ihr Hohn. In ihren Verzichten -- und diese waren bei ihr stets die Voraussetzung -- lag ihr still geheimnisvolles Anrecht auf jene Männer, die sie durchschaut hatten, und darum verwand sie keiner.

Zwischen Dampfer und Barkasse drängte sich die Flut. Mariclée sah zu dem überfüllten Deck empor, von wo aus alle Blicke dem ziehenden Boote folgten. Schon zeigte man dort oben jene eigentümliche Neugierde der Passagiere für alles, was mit einer Landung zusammenhängt. Und bald genug entdeckte sie ihn, für den sie gekommen war, über das Geländer gebeugt und an seiner Seite die Möwe, die ihr zuwinkte. Aber Mariclée nahm keine Notiz von ihr und rührte sich nicht. Nur an der Unbeweglichkeit, mit der sie zu ihm hinstarrte, erkannte er, daß sie ihn sah.

Und der gewaltige Bau begann -- scheinbar langsam -- seine Straße zu ziehen und hob sich immer schärfer vom Himmel ab. Schön und furchtbar stand er jetzt über den Fluten getürmt. Es drängten sich immer mehr Wellen zwischen der Barkasse und ihm. Schon fing er an sich zu verkleinern, und mit einem Male beschleunigte er die Fahrt. Ja es war, als führe er geradewegs in die Sonne hinein, die wie ein goldenes Tor mit weit geöffneten Flügeln am Rand des Ozeans stand. Da färbte sich das Meer und huldigte ihr mit gesteigerten Akkorden, und so umrauschte es die beiden Schiffe, die in der verklärten Luft einander entschwanden.

Aber Mariclée, unbeweglich am Maste gelehnt, hielt ihren Blick zu dem Manne emporgerichtet, der über dem Geländer gebeugt zu ihr niedersah. »Da zieht er hin!« dachte sie. Und plötzlich preßte sich ein Gitter so enge um ihr Herz, daß es sich zwischen den eisernen Stäben krampfte und brach.

So endete ihr Tag. So trennte sie das Meer.

Allein das goldene Tor der Sonne ist zerflossen, und vor dem leeren Himmel erbleichte schon das Meer. Es ist der Abend des 30. September. Die Zeit ist um. Zwei Monate von Mariclées seltsamem Leben, so sagten wir, seien hier preisgegeben und der Vorhang weit davon zurückgeschlagen. Dann mag sie wieder ihres Weges ziehn.

Ende

Druck von W. Drugulin, Leipzig

Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):

[p. 34]: ... mit ihren innersten Fiebern an dies prunkvolle und ... ... mit ihren innersten Fibern an dies prunkvolle und ...

[p. 41]: ... reichen Herren, die Roseberry those poor but honnest ... ... reichen Herren, die Roseberry those poor but honest ...

[p. 47]: ... den Eindruck von Verlassenheit und Ode. Und in ... ... den Eindruck von Verlassenheit und Öde. Und in ...

[p. 51]: ... Mönch«, noch der »euddling ghost«, noch die alte ... ... Mönch«, noch der »cuddling ghost«, noch die alte ...

[p. 69]: ... eigentlich? ... ... eigentlich?« ...