Das deutsche Wunder: Roman

Part 9

Chapter 93,553 wordsPublic domain

Das Higginssche Haus lag, die kleinen Fenster von wildem Grün umsponnen, mitten in den Mauerresten der mittelalterlichen Stadtumwallung von Oxford. Nach rückwärts sah man auf die saftigen Wiesengründe und hundertjährigen Eichen des Parks von St. Paul’s College, an dem Professor Higgins lehrte. Zahmes weißes Damwild äste da in Rudeln inmitten der Stadt. Der riesige Angora-Kater des College dehnte sich süffisant wie ein Lord unter den Tieren in der Sonne. Dahinter wölbten sich die Kreuzbogengänge und Spitzfenster, hoben sich die uralten Mauern und Glockentürme, Erker, Nischen und Kapellen der einstigen Klosterschule, einer der vielen der Universität, alle im Äußern noch aus der Zeit, da die Wissenschaft sich scheu wie ein Küchlein unter die wärmenden Fittiche der Kirche duckte. Aus jeder dieser ehemaligen Mönchzellen hätte jetzt noch Dr. Faust mit seinem Famulus zum Oster-Spaziergang heraustreten können. Nun hauste dort in drei reichen Räumen je ein glattrasierter jüngerer, angeblich studierender Sportathlet aus der Gentry des Vereinigten Königreichs. Den Luxus, der ihn hier umgab, war er von Klein auf aus seinem elterlichen Tudor-Hall oder Castle auf hohem Hügel in grüner Landschaft gewohnt. Wozu gab es sonst die Hunderte von Millionen dunkelhäutiger Menschen auf der Welt als zur Frohnde für dies fröhliche Alt-England?

Der Higginssche Garten stieß an den Park des College. Zwei kleine Jungen von acht und neun Jahren, aber schon in schwarzen Röckchen und weißen Umlegkragen spielten darin. Sie stürmten der Mutter entgegen. Bob, der Ältere, strahlte. Er hatte Sommersprossen im Gesicht, einen breiten Mund und eine kleine Nase. Er war ein ganz verschmitzter Boy.

„~Mother!~ Die deutsche Flotte kommt!“ schrie er aus Leibeskräften. Hannah Higgins erschrak wirklich einen Augenblick. Dann ärgerte sie sich über die Dummheit.

„Bist Du denn ganz verdreht? Die deutsche Flotte!... Und noch dazu hier mitten im Land!“

„Die deutsche Flotte!“ verkündete atemlos jetzt auch der jüngere Knirps.

„Wo denn?“

Durch den Garten floß ein Bächlein. Drei winzige Papierschiffchen schwammen auf ihm herab, und Bob wies sie triumphierend:

„Da ist sie, ~mother~!“

Das Wasser spritzte. Sein kleiner Bruder versenkte mit einem wohlgezielten Gertenstreich den ersten Nachen, den zweiten, den dritten. „Päh!“ sagte er dann verächtlich und spuckte hinterher in die Flut.

„Ihr Lausbuben -- wer hat Euch denn wieder diesen dummen Witz gelehrt?“

„Mr. Ferguson vom Corpus-Christi-College, ~mother~! Er giebt jedem Boy Sixpence, wenn er sein Lied kann!“

Und Bill, der Kleinere, trompetete mit seiner schrillen Jungenstimme:

„~We have the men, We have the ships, We have the money too!~“

„Die Kinder sind in einer Weise ungezogen!“ sagte herankommend das deutsche Fräulein, eine helläugige, lebhafte junge Rheinländerin. „Sie werden fortgesetzt von anderen Jungen und Erwachsenen aufgehetzt. Auf der Straße und überall! Wenn ich sie noch so oft deutsch anrede, sie antworten englisch! Da, bitte!“

Bob zog eine gräßliche Grimasse und streckte dabei die Zunge heraus. Bill versenkte herausfordernd die Fäuste in den Hosentaschen und stand breitbeinig wie ein Matrose.

„Ich fühle mich den Aufregungen nicht mehr gewachsen. Ich bitte gnädige Frau, mich lieber nach Deutschland zurückkehren zu lassen!“

„Nun, nun -- wir werden sehen, Fräulein Rohmüller! Gehen Sie jetzt nur auf Ihr Zimmer und beruhigen Sie sich!“

Das „Fräulein“ verschwand. Hannah Higgins wandte sich strafend an ihre Söhne.

„Seht Ihr wohl, Ihr bösen kleinen Burschen! Sie hat Tränen in den Augen!“

„Schad’t nichts, ~mother~!“

„So? -- Wie heißt der Spruch: ‚~Show me, Bobby, if you can -- be a little gentleman!~‘ Bist Du ein kleiner Gentleman?“

„~Well, mother!~“

„Nun: Ein Gentleman bringt nie eine Lady zum Weinen!“

„Ach, das ist ja gar keine Engländerin, ~mother~!“

Hannah Higgins hätte ihm am liebsten Eins hinter seine großen, abstehenden Ohren gegeben. Aber Professor Higgins hatte das ein für allemal verboten. Er war ein Feind jeder Gewalt des Menschen gegen den Menschen, bei seinen Söhnen wie auf der ganzen Erde. Es waren die Gesetze der Humanität und Kirchlichkeit, die er ehrte und bei jeder Gelegenheit öffentlich vertrat. Wenn trotzdem Wilde niedergeschossen oder zwei Boys durchgehauen werden mußten, dann hatte das wenigstens so zu geschehen, daß er es nicht zu sehen brauchte. Jetzt aber stand er drüben an einem der gothischen Fenster des großen Saals von St. Pauls College, dieses ehrwürdigen Raums, von dessen Wänden die lebensgroßen Ölbilder aller berühmten, aus dieser Schule hervorgegangenen Engländer und Schotten, Admirale, Parlamentsmitglieder, Gelehrte, auf die uralten eichenen, von Hunderten von Inschriften gekerbten Eßtische hinabschauten, und sprach mit einem der Fellows. Seine Frau ging ihm entgegen. Sie wollte sich einmal ernstlich über die Bengel beschweren. Bobs Flottenlied haftete ihr im Kopf.

„Wir haben die Männer und Schiffe, und das nötige Kleingeld dazu!“

Und wieder die Todesangst: Schließlich fangen sie wirklich an, mit ihren Männern und Schiffen!... Was wird denn dann aus mir?

Professor Jerôme K. Higgins’ wulstiges, bartloses Gesicht lächelte wohlwollend wie das eines gelehrten Mandarinen in Peking unter der goldenen Brille. Er war tief befriedigt. Er hielt einen Brief in der Hand. Die Einladung nach London war gekommen? Nein, zwei Fliegen auf einen Schlag: Auch gleich die nach Kiel.

„William schreibt, er habe gerade für uns Platz bei sich in London zum Wochenende reserviert!“ versetzte er, und seine Frau dachte: ‚Das heißt: Es hat im letzten Augenblick sonst Jemand abgesagt!‘ Ihr Mann fuhr fort: „Er hofft ernstlich, daß Du zufrieden sein würdest, in Kiel wieder deutschen Boden zu betreten!“ und sie sagte sich: Mit anderen Worten: Ich soll den Ladies und Gentlemen auf der Yacht als landeskundige Vermittlerin in Germany dienen! Kinder, was seid Ihr verlogen! Kein wahres Wort fährt aus Eurem Munde! Professor Higgins neben ihr rieb sich vergnügt die Hände. An sich hatte er, der kurzsichtige Stubengelehrte, der beim Hindernisreiten nie die Gräben vor sich sah, wenig von dem großen Jahrmarkt der Eitelkeit am Strand der Themse. Aber es war der Kitzel der Gesellschafts-Heuchelei. Man gehörte zur ‚Society‘ und die ‚Society‘ zur Season.

Die Londoner Season im Mai und Juni, wenn es der Frühsommersonne gelang, selbst durch die Rauch- und Nebelmassen zwischen Hampton und Plumstead, zwischen Tottenham und Croydon zu dringen und das sonst nie in seinem ganzen Umfang geschaute steinerne Meer von Häusern und Schornsteinen endlos bis an den fern verschwimmenden Horizont zu enthüllen -- die Season zur Zeit, wenn die weiten Rasenflächen von Green Park und St. James, von Kensington Gardens und Regents-Park noch frischer grünten als sonst in der feuchten Seeluft des ganzen Jahres, -- die Season, in der der Sturmwind, der sonst ewig das Inselreich durchbrauste, zum Mailüftchen wurde und das Land rings um London bis zur Irischen See ein einziger, gepflegter Park, ohne störende Getreidefelder, ohne häßliche Kartoffeläcker, nur Hammelherden auf friedlicher Weide unter schattigen Bäumen und darüber auf hohem Hügel das Schloß des Lords.

Die Season, das Fest der Lords. Keine Saison wie anderswo, wo gleiches Geld gleiche Rechte gab. Eine Frühjahrsparade aller fremden Völker, der Yankees und der Japanesen, der Argentinier und der Südafrikaner, der Australier und der Portugiesen vor ihren angelsächsischen Herren. Sie kamen scheinbar als Gäste. In den Herzogsschlössern von Hydepark und St. James flammten jeden Abend die hellen Scheiben, stauten sich die Automobilreihen, blendete unerhörter, seit Römerzeiten nicht gesehener Reichtum, von den Rembrandts und Rubens an der Wand bis zu den Scharen sechs Fuß langer Lakaien, die Geladenen, bot an der Schwelle des Palastes der Halbgott selbst und seine Gemahlin freimütig lächelnd linkischen Amerikanern und gelbhäutigen Asiaten den Händedruck, den sie einem der Geringeren unter ihren eigenen Landsleuten niemals gewährt hätten. Von den Zinnen des Buckingham-Palastes flatterte das königliche Banner. Mit Herzklopfen drängten sich vor den Stufen des Throns die tiefausgeschnittenen Töchter der Schweinemetzger von Chikago und die vor einem Jahr aus der Klosterschule gekommenen schönen Frauen der dreifachen Granden Castiliens und Navarras, stießen sich die Maharadschas vom Ganges mit dem Schwertadel Japans, stand der Minenkönig aus Transvaal mit schwarzen Goldgräbernägeln hinter dem Fabrikarbeiter und Enkel deportierter Verbrecher, den Neuseeland zum Minister ernannt, scharten sich ägyptische Prinzen und kanadische Männer des Volks, Araberscheichs und chinesische Dynasten, bestaunten das riesige Ausstattungsstück und merkten nicht, daß sie es selber spielten und sich gegenseitig den Sand in die Augen streuten, den ihnen die lächelnden britischen Gastgeber lieferten.

Und draußen, auf der blauen Rhede von Spithead, soweit ein Menschenauge sehen konnte, ein buntbewimpelter Kriegspanzer neben dem anderen. Die ‚Victory‘, Nelsons altes, weißgebordetes Schlachtschiff, tat den ersten Schuß des Königssaluts. Der Donner brüllte durch die ganze Linie, rollte über die ganze Erde mit dem trügerischen Lärm seiner leeren Manöverkartuschen, blendete die Menschen mit den Taschenspielerkunststücken des Inselreichs bis zu der willenlosen Hypnose: England ist groß. England ist stark. Was England sagt, ist wahr. Was England will, ist Gesetz.

Das war der Zauberspiegel der Gaukler an der Themse, in der großen Völkerkirmes der Season. Sie versteckten dahinter ihre eigenen steinernen Züge, und wem sie das Trugglas vorhielten, dem Rajah und dem Emir, dem Squatter und dem Trustkönig, dem Mandarinen und dem Samurai, dem Principe und dem Woiwoden, der lächelte und sah sich in dem Spiegel frei, reich und groß und empfand sein Helotentum als Lust, sobald mit dem ersten Frühlingsgrün der Vorhang von der Fata Morgana von London emporrollte und ihren Bildern von verwirrender Buntheit und Zahl: das Tosen der Hunderttausende beim Ringen um das blaue Band auf dem grünen Rasen von Epsom, die verständnislos-feierliche Stille der oberen Zehntausend, wenn Hans Richter in Coventgarden den Taktstock zum Nibelungenring hob, die Farbenpracht des Adels in den geschichtlichen Trachten seiner eigenen Vorfahren auf den abgeschlossenen Kostümbällen des Westens, das Gedränge von drei-, viertausend Gästen zugleich beim Nachmittagsgartenempfang des Herzogs im Park eines turmreichen Shakespeareschlosses, das allnachmittägliche Gewühl von Reitern, Viererzügen, Spaziergängern im Hydepark, diesen wimmelnden und flimmernden Orgien des Nichtstuns zwischen Serpentine, Rotten Row und Ladies Mile.

Hannah Higgins saß da mit ihrem Mann in einem Kreise anderer Engländer. Es war Montag um fünf Uhr Nachmittags. Die Heuchelei der Sabbatheiligung war wieder einmal vorüber, die Season neu belebt, neidloser Sklavensinn auf den Gesichtern aller Zuschauer. Man hatte ja nicht selbst vier kastanienbraune Stuten im Stall, aber man sah doch, wie der Earl da drüben sie majestätisch, den grauen Zylinder auf dem Haupt, vom hohen Kutschbock aus lenkte. Man besaß selbst nicht dreißigtausend Acres Land, aber dort fuhr in ihrem Elektromobil die Marchioneß, die noch mehr ihr Eigen nannte. Man war ja selbst nicht Mitglied der Royal Yacht Squadron oder des Marlborough-Clubs, aber dicht vor Einem tummelten ja, wie im Zirkus, die vornehmsten Männer des Königreichs ihr englisches Vollblut. Man freute sich, wie Andern das Leben schmeckte. Hatte man doch selbst auch satt zu essen und fand: die Erde war ein gutes Ding und vom lieben Gott eigens für die Bequemlichkeit der Menschheit zwischen Aberdeen und Falmouth erschaffen.

Und doch mischte sich in dies Schwatzen und Lachen und Flirten ein Unterton und klang immer wieder von schnurrbärtigen, wie von rosigen Lippen, von Alt und Jung, von nah und fern, beharrlich wie grollender Tropfenfall, ein Wort: ~Germany~ -- ~Germany~ -- ~Germany~ --... der dunkle Punkt -- -- Nein, mehr schon: die schwarze Wolke, der Alp mit der Pickelhaube, zu dem man keine rechte Stellung mehr fand, sondern nur noch ein nervöses Schwanken, von lächelnder Verachtung bis zur blinden Angst, vom erzwungenen Gleichmut bis zum vierschrötigen Haß.

Die drei alten Jungfern in dem Higgins’schen Kreis hatten jetzt eben auf der Rückkehr von einem Winteraufenthalt in Ceylon und einem Frühlingsspritzer nach Damaskus Deutschland besucht. Sie schüttelten sich vor Heiterkeit. Oh! was für ein Land! Wahnsinnig komisch! Sie nahmen sich kichernd das Wort vom Mund. Ihre Berichte waren durch die tägliche Wiederholung ins Kraut geschossen, wie die Dschungeln unter Indiens Glut. Es gab auf jeder Straße in Deutschland drei Wege: einen für die Herren, einen für die Damen, einen dritten für die Ehepaare. Wer über die Straße wollte, mußte vorher den Schutzmann um Erlaubnis fragen. Jeder Herr grüßte jeden Schutzmann an jeder Straßenecke durch Hutabnehmen. Eigentlich hatten die Deutschen immer den Hut in der Hand. ~Oh -- how ridiculous!~ Wieder wanden sich die Spinsters vor Lachen. Ja, aber die Unzufriedenen? Oh, es gab überall große, befestigte Plätze. Da sperrte man sie ein. Viele Tausende. Bei Brot und Bier. Soldaten standen davor. Überall Soldaten. Jeder junge Mann lernte zunächst das Gewehr präsentieren. Dann schrieb er sein Buch über den ‚Faust‘ und widmete sich den Rest seines Lebens der chemischen Industrie. ~Yes!~ Es war schon interessant, in acht Tagen das ‚~Fatherland~‘ gründlich kennen gelernt zu haben.

„Nun -- es ist doch Mrs. Higgins’ frühere Heimat!“ sagte eine ältere Lady, die sich etwas mehr Feingefühl bewahrt hatte. „Sie gehen ja jetzt auch nach Kiel, nicht wahr?“

Hannah Higgins fuhr aus ihren Gedanken auf. Sie hatte absichtlich nicht mehr zugehört und bejahte.

„Oh -- oh -- Kiel!“

Der alte, hagere, in Zivil gekleidete Commander a. D. brummte es grimmig zwischen den Zähnen.

„~Oh, dear Mr. Bowle~ -- wir schicken sechs unserer besten Panzer durch den Kaiser Wilhelm-Kanal!“

„... nachdem wir den Deutschen glücklich Zeit gelassen haben, den Kanal um das Doppelte zu vergrößern. Nun sind sie fertig! Oh -- es ist schimpflich!“

Die alten Jungfern kicherten wieder.

„Die Deutschen ... oh, Mr. Bowle ... mit denen hat es nichts auf sich. Da war am Rhein ein grober Eisenbahnbeamter...“

Der alte Seebär schnitt ihnen gegen britische Höflichkeit das Wort ab. Er stand steifbeinig auf.

„Meine Familie war immer auf dem Wasser. Wir haben schon auf der Doggerbank mitgekämpft und zuletzt bei Sebastopol. Da ist keine Flotte eines Landes, die wir nicht mitgeholfen hätten zu versenken. Wir hielten die Meere rein. Aber als ich neulich einmal wieder um die Erde fuhr, sah ich mehr fremde Flaggen als den Union Jack. Und vor allem das Eiserne Kreuz in vielen vielen Flaggen! Wir haben das Alles wachsen lassen und inzwischen Jagden geritten... Ich habe fünfundfünfzig Jahre gedient und nur einmal auf den Feind geschossen. Und da schossen wir in Alexandrien unsere eigenen Häuser entzwei. Aber bald werden desto rauhere Zeiten kommen. Nun -- ~good bye~!“

Da war wieder der Krieg. Fern an Marble Arch blinkten rote Fähnchen. Dort hielten Anarchisten ein Meeting. Weiter drüben predigte ein Oberst der Heilsarmee vom Stuhl herab zur Menge. Längs von Park Lane zog eine Schar von Suffragetten mit ihren regenbogenfarbenen Bannern. Das störte hier Niemand. Aber da drüben -- über der Nordsee -- diese kommende dumpfe Notwendigkeit, die man hier immer wieder zugleich mit der linden Mailuft einatmete...

„~Well~ -- Du bist so schweigsam, Hannah?“ sagte Professor Higgins.

„Ich habe Angst!“

„Wovor?“

„Ach -- sprich es nicht aus. Es ist so furchtbar. Es kommt immer wieder über Einen...“

„Ich weiß nicht, was Du meinst!“

„Ihr denkt auch immer daran, auch wenn Ihr davon still seid.“

Jerôme K. Higgins verstummte. Über die deutsche Gefahr sprach man nach Tisch, wenn man die Damen in den Drawing-Room hinaufgeführt hatte, beim Glase Portwein unter den Herren. Er stand in einem Gastzimmer im Hause seines Bruders in Mayfair vor dem Spiegel und knüpfte sich die weiße Binde zum Abendanzug. Unten fuhren schon fortgesetzt Automobile vor, kamen Ladies und Gentlemen in Gesellschaftskleidern nachbarlich über die Straße. Bei dem ehrenwerten Sir William Higgins war heute einer der großen Empfänge der Season. Er und seine Frau standen auf der Schwelle und begrüßten liebenswürdig jeden Ankommenden mit einem Händedruck und der herzlichen Freude, grade ihn zu sehen. Sie wiederholten das ein paar hundertmal. Das Haus des Londoner Zeitungsherrschers und Parlamentsabgeordneten war größer als sonst die Absteigequartiere des Landadels. Aber geladen waren nach Londoner Brauch doppelt so viel Leute, als darin Platz hatten.

Machte nichts! Heute war Sir William Higgins nicht der eisige Geschäftsmann der City bei Tag, der nüchterne Unterhaus-Debatter von Westminster bei Nacht. Jetzt war er ein ~jolly good fellow~... alle Geister schalkhaften Britentums und trockenen Humors um die dünnen Lippen. Nichts konnte freimütiger sein als deren Lächeln, nichts vertraulicher als seine dargebotene Rechte. Nur in den Augen blieb etwas, das nicht zu der Unschuldsmiene stimmte. Sie überflogen immer wieder das Dienerspalier im Hausflur. Sie suchten. Seine Schwägerin Hannah, die ihn von innen aus dem Menschengedränge heraus beobachtete, wußte, was das hieß. Es fehlte noch etwas: der Löwe des Abends. Irgend ein Tüpfelchen auf dem I der Society-Eitelkeit.

Dann ein freundlicher Schein auf seinen pergamentenen Zügen. Er streckte die Arme aus und ging einem Gast drei Schritte entgegen. Das war das Höchste, was er tun konnte. Der Neuangekommene überragte ihn, trotz seiner lässigen Haltung, mit den abfallenden Schultern seiner hageren aristokratischen Gestalt. Sein Frackschnitt und Hosensitz hätte den ersten Schneider Londons mit Neid erfüllt. Auf seinem lebhaften und länglichen Gesicht mit den grauen klugen Augen war ein geschmeidiges Lächeln. Neben ihm seine schöne junge Frau. Eine Vollblut-Pariserin, dachte sich Hannah Higgins. Man sah es schon an dem spielerisch treffsicheren Wunder ihrer Toilette gegenüber den barbarisch bunten, an Indiens Grellheit erinnernden Kleidern der Engländerinnen.

„~La belle Madame de Schjelting!~“ sagte Jemand neben Hannah. Es schien ihr ein vornehmer Rumäne zu sein. Neben ihm, auf Englisch, ein säbelbeiniger Japanese.

„Und ihr Mann? Ein Russe?“

„Ein Petersburger ~de pur sang~!“

„Sehen Sie doch, wie man sich um ihn drängt. Oh -- der Herzog von Woodford selbst steht auf und tritt auf ihn zu!“

„Merken Sie sich diesen Russen, Vicomte Osako! Er trägt Krieg und Frieden unter den Klappen seines Fracks!“

„Ist er vom Tschin?“

„Sein Vater war der bekannte Minister, der vor zehn Jahren in Petersburg starb. Er selbst trat bald aus dem Staatsdienst. Seitdem ist er der gefährlichste Außenseiter der russischen Politik, vom Winterpalais bis zum Cettinjer Konak.“

Nicolai Schjelting kam langsam näher. Fortwährend waren neue Menschen um ihn. Er drückte rechts und links Hände, winkte Bekannten zu, wechselte bei jedem Satz die Sprache, französisch, englisch, italienisch, auch, besonders laut und verbindlich, deutsch zu einem deutschen Diplomaten, dann einmal obenhin, schnell, kaum hörbar, auf russisch, zu einem Landsmann:

„Noch nichts Neues aus Serbien?“

„Nichts!“

Er lächelte wieder. Etwas von Asiatendünkel schimmerte, für Hannah Higgins’ Augen, durch den spiegelglatten Kulturschliff seines Wesens. Er sah in der Nähe bleich und nervös aus.

„Sind Sie krank, Herr von Schjelting?“

„~Ah -- ce bon Nicolas!~ Er reibt sich auf!“

„Ich?“ Nicolai Schjelting zuckte nachlässig die Achseln. „Erbarmen Sie sich! Was hat denn ein armer Privatmann, wie ich, zu tun?“

Und wieder neben Hannah Higgins die gedämpfte Stimme des Rumänen zu dem Japanesen:

„Dabei kennt er alle Geheimnisse der Kriegspartei drüben!“

„Ich wähnte Sie schon in Montenegro, Herr von Schjelting?“

Nicolai von Schjelting schüttelte ahnungslos den Kopf.

„Ich? Ich bin ein friedlicher Mensch. Jetzt ist mir zu viel Pulverdampf da unten.“

„Wieso? Die Albanesen?“

„Ach nein! die bosnischen Manöver! Der Erzherzog-Thronfolger besichtigt doch die K. und K. Truppen. Ich kann das Schießen nicht vertragen. Ich warte, bis es auf dem Balkan wieder ländlich-still ist!“

Der Balkan und Ruhe! Man lachte. Auch Schjelting. Eine Sekunde war etwas Freches darin. Moskauer Hochmut. Wenigstens für Hannah Higgins. Dann sah sie, wie er sich zu ihrem Schwager wandte. Beide sprachen und blickten dabei auf sie. Sonderbar...

Plötzlich machte er sich von seinen Verehrern los, kam mit der lächelnden Sicherheit eines Mannes von Welt auf sie zu, stellte sich selbst vor, und setzte sich, ohne eine Aufforderung abzuwarten, neben sie. So war er, in dem Gedränge und Geschiebe der Menschheit zum Buffet, vorläufig unsichtbar und ungestört.

„Sie entsinnen sich meiner nicht mehr, gnädige Frau!“ sagte er rasch und lebhaft in seinem harten Petersburger Deutsch. „Ich war kürzlich mit Ihnen zusammen, in Wiesbaden, im Hause Ihres Vaters. Ich muß gestehen: ich wußte nicht, daß Sie da waren, obwohl Sir William mir schon in Paris von Ihnen erzählt hatte. Erlauben Sie mir, daß ich nun mein Versehen gut mache!“

Er sprach leise und höflich. Er war ganz bescheiden. Verändert gegen vorhin. Hannah Higgins dachte sich: Was will er denn von mir, dies große Tier? Sie frug:

„Aber da waren doch nur Gelehrte? Sie sind doch nicht Arzt?“

„Im Gegenteil: Patient!“

„Bei meinem Vater?“

„Leider nein. ~Il m’a mis à la porte!~“

Nicolai Schjelting sagte das mit einer malenden Geste des Hinauswurfs in das freie Feld. Er machte dabei ein harmloses und rätselhaftes Gesicht.

„Mein Vater wollte Ihnen nicht helfen? Das sieht ihm doch gar nicht ähnlich!“

„Ihm vielleicht nicht. Aber Ihrem Fräulein Schwester!“

„Meiner Schwester Ingeborg?“

Er rückte näher zu ihr heran. Beugte sich vor, redete schnell, vertraulich. Die bebänderte Lackschuhspitze seines linken Fußes wippte dabei nervös über dem Perserteppich auf und nieder.

„Der Cherub mit dem flammenden Schwert! ~Voilà!~ Schon in Moskau! Ich soll weiter leiden! Ich kann nun einmal nicht schlafen! So wünscht es Ihr Fräulein Schwester!“

„Was bilden Sie sich da nur ein? Was sollte denn meine Schwester Inge gegen Sie haben? Sie kennt Sie doch jedenfalls kaum!“

Nicolai Schjelting sah sie fest aus seinen ernsten grauen Augen an. Jetzt erschien ihr der Leidenszug um die Mundwinkel plötzlich echt.

„Ja -- warum sind die Menschen so böse gegeneinander, gnädige Frau? Das frage ich mich auch oft! ~Soyons amis, Cinna!~ Aber wir vergessen’s! Sagen Sie: Ist denn Ihr Fräulein Schwester immer bei Ihrem Vater?“

Hannah Higgins lachte.

„Ja. Wenigstens, bis sie endlich mal heiratet!“

„Ach so -- ich verstehe: sie ist verlobt?“

„Nicht, daß ich wüßte!“

Es war ihr, als ob der sonderbare Mensch neben ihr erleichtert aufatmete. Sie hatte wieder eine unbestimmte Angst vor ihm. Sie dachte, er könnte nun gehen. Es war ja auffallend, daß er hier bei ihr im Winkel saß, während man ihn wahrscheinlich in allen Zimmern und Sälen suchte. Statt dessen hub er unvermittelt, stoßweise wieder an:

„Bleibt Ihr Fräulein Schwester den Sommer über in Wiesbaden?“

„Das hängt davon ab, ob mein Vater irgendwohin berufen wird. Dann begleitet sie ihn. In nächster Zeit wahrscheinlich einmal nach Lübeck.“

„Oh!“ sagte Nicolai Schjelting und versank in ein stummes Sinnen. Sein Gesicht war dabei düster und unruhig. Sie wollte ihm helfen. Sie nahm es von der komischen Seite.

„Ich werd’ es meinem Vater melden, daß gegen Sie eine Verschwörung in der Sonnebergerstraße besteht. Die Schuldigen werden kaltgestellt. Verlassen Sie sich darauf!“