Das deutsche Wunder: Roman

Part 10

Chapter 103,557 wordsPublic domain

Aber das war ihm zu ihrem Erstaunen wieder nicht recht, daß er dort Ingeborg Tillesen nicht begegnen sollte. Er winkte nur ab, mit einer Handbewegung, deren zerstreute und nachlässige Ungeduld sie ärgerte, und blieb stumm... Es war ihm etwas eingefallen, mit Schrecken über seine eigene Gemütsverfassung: Wo ist denn meine Frau? Oder vielmehr: wo ist denn meine Eifersucht geblieben? Sonst hatte er Ghislaine bei einer solchen Gelegenheit nicht aus den Augen gelassen, jedes Kopfnicken, jeden Handkuß, jede Schleppenbewegung düster verfolgt. Jetzt sagte er sich: So weit ist es mit mir schon gekommen! Ich muß schon nachdenken, wann wir uns getrennt haben. Vor einer halben Stunde. Da sind wir zusammen hereingetreten. Sie hat sich dann nach links gewandt -- glaub’ ich!... Irgend eine Lady nahm sie unter den Arm. Er hob das Haupt und schaute umher. Da merkte er plötzlich, zuerst an einem ganz feinen Hauch ihres Parfums: Mein Gott -- Ghislaine stand ja dicht hinter ihm, stand vielleicht schon die längste Zeit, im Gespräch mit einem dürftigen und engbrüstigen Jüngling von den Boulevards oder aus Brüssel. Dieser halbausgebackene Stutzer war ihr nicht gefährlich. Das wußte er. Er entwickelte ihr in einem rasend-raschen, französischen Geratter seine Thesen über den Sâr Peladân. Ihre reizvollen, leicht gepuderten Züge trugen auch nur die leere und liebenswürdige Aufmerksamkeit der Weltdame. Ihrem Mann schwante es, als hätte sie eher auf das gehört, was er da unten, auf seinem Sessel inmitten des Gedränges, redete. Deutsch genug, um es zu verstehen, konnte sie, vom Kloster her und durch die flämischen Verwandten ihres Vaters, wenn sie es auch nicht sprach.

Diese Vorstellung beunruhigte ihn. Er stand brüsk auf. Zugleich trat der Herr des Hauses heran. Er hatte sich die neuesten spätabendlichen Reuter- und Sondermeldungen von seinem Generalsekretär telefonieren lassen. Rasch und heimlich! Nur nicht zeigen, daß man arbeitete! Man hatte Geld. Aber man verdiente es nicht.

„Nun, Sir William?“

„Ihr Zar und die Seinen sind noch wohlbehalten bei den Festen in Rumänien, ~my dear Mr. de Schjelting~!“

„Sonst nichts Neues vom Balkan?“

„Griechenland hat sich bei der Türkei beschwert!“

„Weiter nichts vom Balkan?“

William Higgins, ~M. P.~, schüttelte den gefurchten, glattrasierten Kopf und schaute, erstaunt über die zweimalige Wiederholung der Frage, sein Gegenüber forschend an. Aber dessen Züge blieben undurchdringlich.

„Halloah! Nehmen Sie auch Ihr Zivil mit nach Kiel?“

Der junge Mann neben ihnen wurde es scherzend gefragt. Niemand hätte seinem kleinen, brünetten Wallisertyp den Briten angesehen. Er zeigte nur lachend die weißen Zähne in dem gebräunten Gesicht. Irgend Jemand sagte:

„Lord Cowley ist ein zäher Sportcharakter! Er geht nun einmal nicht mit seiner Yacht aus der deutschen Nordsee hinaus!“

„... oder er ist Kurgast auf den friesischen Inseln! Das ist er seiner Gesundheit schuldig!“

„Nehmen Sie sich nur in Acht, daß es Ihnen nicht geht wie Clément-Bayard!“

Rasche Blicke ringsum. Nein -- es war kein Deutscher zur Stelle. Man konnte ruhig von den Heldentaten des Vorsitzenden des französischen Aëroklubs reden!

„Er hat alle deutschen Luftschiffhallen besucht!“

„Er hat den Flugplatz Fuhlsbüttel photographiert!“

„Aber dann haben sie ihn in Köln festgenommen...“

„... und freigelassen! Er ist schon wieder in Paris!“

Die Franzosen lachten über die deutsche Gutmütigkeit, die Engländer, die Schotten, die Yankees. Selbst über das Gelbgesicht des kleinen japanesischen Schwertritters flog das rätselhafte Greinen der ostasiatischen Sphinx. Nicolai Schjelting hatte die Gelegenheit benutzt, unbemerkt mit seiner Frau zu verschwinden. Es war schon spät am Abend. Trotzdem wollte er mit ihr noch zu einer dritten ‚~Reception~‘. Während der Londoner Season mußte man die Zeit nutzen. Aber kaum in der Limousine, versetzte sie mit ungewohnter Härte: „Ich will nach Hause!“ Dann schwieg sie, bis der Wagen vor dem Ritz-Hotel in Piccadilly hielt.

Das war ihm neu. Sonst stand ihr der Mund nicht still. Gerade in letzter Zeit hatte es mehr Auftritte in ihrer unglücklichen Ehe gegeben als je. Ihr fliegendes, messerscharfes Pariserisch hallte ihm noch in den Ohren. Jetzt brach sie oben in ihrer Suit, ihrer Zimmerflucht, auf einmal los, nachdem sie die Zofe hatte schlafengehen heißen. Sie stand in einem weißseidenen Frisiermantel, die Elfenbeinbürste wie eine Waffe in der Hand, das rötliche Haar in losen Wellen um Wangen und Schultern. Ihre Nasenflügel bebten. Die rot getönten Lippen spielten und zuckten in atemlosem Redefluß. Ihr Gesicht verlor jetzt, wo nicht mehr trällernde Lebenslust darauf lächelte, an Reiz. Ihre Stimme bekam in der Erregung einen heiseren, welschen Klang.

„Ah -- mein Freund: das ist zu viel!... Es ist genug!... Ich habe Alles geduldet! Ich habe meine Zeit und meine Jugend verloren! Aber ich bin dieser Opfer satt! Sie führen ja zu nichts ... zu nichts ... zu nichts...“

Er hatte seinen Frack mit der bastfarbenen Verschnürung einer Pyjama-Jacke vertauscht. Er nahm übernächtig und übellaunig das Glas Whisky mit Soda von den Lippen.

„Was denn?... Verzeihung: Ich gestehe, daß ich Deine Aufregung nicht begreife!“

„Ich habe Dir hunderttausend Francs Rente mitgebracht!“

„Ich danke, meine Teure! Das weiß ich!“

„...Und was habe ich durch Dich gewonnen? Seit sieben Jahren bin ich Madame de Schjelting! Weiter nichts! Ich sitze in Brüssel in meinem Elternhaus, als hätte ich es nie verlassen! Meine Cousine Blanche ist Komtesse! Meine Freundin Germaine ist Exzellenz, als Frau eines deutschen Diplomaten, und dabei ein Jahr jünger als ich... Sie macht ein glänzendes Haus... Désirées Mann ist jetzt in Paris Minister. Sie ist die erste Dame. Wohnt in einem Palais der Regierung. Du bist aus dem russischen Staatsdienst ausgetreten...“

„Meine Zeit wird kommen!“

„Wann?“

„Vielleicht schneller als Ihr Alle denkt!“

„Wieso?“

„Mehr kann ich nicht sagen!“

„Und +das+ sagst Du dafür seit Jahr und Tag! Es fängt an, langweilig zu werden, mein Freund, weil es sich nie erfüllt! Augenblicklich bist Du den Leuten noch interessant. Das Mysterium ist noch nicht gelüftet. Um Dich ist noch der Hauch der großen Affären. In ein paar Jahren wird man über Dich lächeln...“

„Das lasse meine Sorge sein!“

„... sich fragen: Mein Gott, wer hat denn eigentlich diese leere Nuß ins Rollen gebracht?“

„Nein!“

Er schrie sie wütend an. Sie ebenso, Funkelaugen im vorgestreckten Haupt:

„Doch!“

„Warte, wie die Welt in wenigen Wochen aussieht!“

„Ja -- warte -- warte!“ Sie äffte ihm nach. „Man kennt Deine Weisheit! Aber sie verfängt nicht mehr. Du bist ein Blinder, mein Freund!“

„Ich!“ sagte Nicolai Schjelting nur, lächelnden Dünkel auf dem fahlen Gesicht.

„Jetzt fange ich es erst an, zu merken, ich, Deine Frau! Später werden es auch die Andern merken! Mein Lieber: wir werden eine Mode von vorgestern sein und ich inzwischen die Dreißig überschritten haben! Das ist Alles!“

„Ein Achselzucken, meine Beste, ist auch eine Antwort!“

„Eine Antwort, aber keine Widerlegung!“

„Diese Szenen...,“ sprach Nicolai Schjelting leise und nervös und fuhr sich mit der Hand über die Augen. Dann wandte er sich wieder zu seiner schönen jungen Frau. „Sehr gut!... +In+ der Tat! Und unser Eintritt in jeden Salon? Ist es nicht ein Ereignis, wenn der Diener ruft: Monsieur und Madame de Schjelting?“

„Wie lange noch? Sie nutzen Dich aus und lachen Dich aus! Die Großfürsten lassen Dich laufen wie ihre Troikapferde. Du bist ihr Galopin für ganz Europa!... Kein Balkankönig, wo Du nicht antichambrierst!“

„Du wirst dreist, meine Freundin!“

„Man nennt Dich schon den Rubel auf Reisen! Ein schönes Metier, die ganze Welt zu bestechen -- französische Deputierte, italienische Zeitungsschreiber, serbische Minister, Leute, die kein Mensch sonst mit der Feuerzange anrührt! Dafür bist Du der Montenegriner-Partei in Petersburg gut genug! Wenn Du erst die Schwindsucht hast, wird man Dich vergessen!“

„Genug davon!“ sagte Nicolai Schjelting müde und ein Gähnen unterdrückend. Ghislaine hatte ihren Toilettenspiegel auf die Marmorplatte geworfen, daß das Glas zersprang. Sie trat drohend, mit geballten Fäusten auf ihn zu, erbittert durch sein nachsichtiges Lächeln, als sei sie ein ungezogenes Kind.

„Inzwischen vergißt Du mich! Ich habe Dir hunderttausend Francs Rente mitgebracht...“

„Still davon!“

„... und bin dafür die Strohwitwe von Brüssel. Jedes Kind kennt mich schon. Man lächelt. Man fragt mich längst nicht mehr nach Dir. Man weiß, Du bist ja doch nicht da. Man wundert sich, mein Lieber!... Man schüttelt den Kopf, daß Du nicht mehr Sorge um mich hast, eine Frau wie mich...“

Zum ersten Mal jetzt kam ihm der Schrecken: diese Veränderung stammt nicht aus ihr selbst ... aus dem flachen Leichtsinn ihres rasch bewegten, rasch gestillten Pariser Seelchens. Hinter so viel Zittern und Zorn steckt fremder Einfluß! Steckt irgend ein Mann! Es ist wahr: ich habe nicht mehr auf sie aufgepaßt in diesen letzten Monaten. Ich war wie verhext...

„Schließlich: Jeder nach seinem Geschmack!“ sagte Ghislaine Schjelting verächtlich. „Wenn es Dir besser da unten gefällt, wo sich Floh und Wanze gute Nacht sagen, unter bewaffneten Räubern statt bei mir und in dem schönen Brüssel: Ich beglückwünsche Dich zu so viel Entsagung, mein Lieber, aber ich beklage mich nicht!“

„Nun also!“

Er trat rasch zurück. Er dachte wirklich einen Moment, sie würde ihm in die Augen fahren, so schoß sie auf ihn los. Ihr heißer, junger Atem wehte ihn an.

„Auf Flöhe und Räuber bin ich nicht eifersüchtig. Von Politik verstehe ich nichts. Ich ließ Dich ruhig kommen und gehen! Ich habe mich nie gefragt, was Du in der Fremde treibst! Ich habe nachsichtig gelächelt, wenn Du in den Pariser und Petersburger Salons vor den Damen Deine Künste spielen ließest! Meine Eltern sagten mir, der Abbé, Alle: Solch Blendwerk gehört mit dazu!“

„Sehr richtig!“ versetzte Nicolai Schjelting.

„Die Frauen gehören mit dazu! Wohl verstanden! Aber nicht +eine+ Frau, mein Lieber!... Siehst Du: Jetzt kannst sogar Du Dich nicht verstellen! Du wirst blaß! Du weichst meinem Blick aus!“

„Nicht weiter! Seien wir darüber einig: die Lächerlichkeit tötet!“

„Glaubst Du denn, ich kennte Dich nicht! Ich merkte nicht, wie Du Dich seit vier oder sechs Wochen verändert hast!... Du, -- der weiße Othello -- hattest ja unter Menschen keinen Blick mehr für mich...“

„War es etwa nötig?“

„Ich konnte reden, mit wem ich wollte -- tanzen, mit wem ich wollte ... flirten, mit wem ich wollte... Archibald Cowley +ist+ ein Ladykiller, mein Lieber. Jedermann weiß es!... Ich habe heute Abend eine halbe Stunde Ellbogen an Ellbogen mit ihm gesessen. Dir war es ganz gleich!“

Sie drehte sich weg und sagte über die Schulter, kurz und kalt wie ein Dolchstich.

„+Er+ ist es übrigens nicht...“

Wieder in ihm der Schrecken:

„Wer denn also? Wer spricht denn aus Dir? Was heißt das?“

„Das frage ich Dich! Nein: Ich frage Dich nicht! Es ist unter meiner Würde. Geh’ nur zu Deiner Deutschen. Ich halte Dich nicht!“

Ein Schweigen.

„Welch lächerlicher Irrtum...,“ sagte Nicolai Schjelting endlich langsam.

„Geh nur zu Deiner Deutschen!“

„Ich gebe Dir mein Ehrenwort, daß...“

„Geh’ nur zu Deiner Deutschen! Du wolltest nach Cettinje! Liegt Wiesbaden auf dem Balkan? Mein Freund: Man hat Dich ja dort in ihrem Hause gesehen...“

„Beim Arzt!“

„Man hat Dich mit ihr dort auf der Straße gesehen...“

„Ein Zufall!“

„Du warst mit ihr bereits in Moskau zusammen!“

„Woher weißt Du das?“

„Ihr wollt Euch wieder in Lübeck treffen!“

„Ich glaube, Du träumst!“

„Nein... Aber ich habe gute Ohren. Ich stand hinter Dir, wie Du vorhin mit ihrer Schwester oder Verwandten das neue Stelldichein verabredetest! Ich war schon vorher gewarnt. Du bist zu bekannt in Europa, mein Lieber! Es giebt zu viel Augen, die Dich verfolgen...“

„Aber nichts finden!“

Ghislaine von Schjelting lachte.

„Ich gestehe: Ihr seid originell: Du und diese Deutsche! Ihr spielt nicht Heinrich und Gretchen, sondern das Gegenteil. Aus reinem Haß trefft Ihr Euch, bald da, bald dort! Es hat Stil! Schade, daß nur grade ich nicht dazu Beifall klatschen kann!“

„Ghislaine -- -- -- so höre mich einmal ruhig an.“

„Mein Freund: ich bin in Brüssel geboren. Aber ich fühle ganz als Pariserin. Ich habe das in den Fingerspitzen. Ich sehe es Dir an den Augen an. Ich rieche förmlich ein fremdes Parfum. Und wenn ich gar nichts von dieser Deutschen wüßte, ich würde es Dir doch ins Gesicht sagen: Du bist in eine andere Frau verliebt!... Und siehst Du: Nun bist Du still und findest kein Wort mehr!“

...Das war die tiefe, dunkle Londoner Nacht, durch die Nicolai Schjelting schlaflos und ziellos dahinschlenderte. Er hatte in dem schweren Schweigen zwischen ihm und seiner Frau den Pyjamarock mechanisch wieder mit dem Frack vertauscht, den Mantel wieder umgehängt, den Hut aufgesetzt. An einsame Spaziergänge durch die Dunkelheit war er gewöhnt, er, den so oft der Schlummer floh.

Das war die dunkle Nacht, das Kehrbild Londons bei Tage, kein lärmendes, lichterhelltes Babel wie in Berlin. Schweigen und Leere. Die ehrenwerte Welt war längst zu Hause und in den Federn. Alle Restaurants geschlossen. Was sich jetzt auf die Straße wagte, waren Schatten wie die Nacht selbst. Große Federhüte, heiseres Lachen an den Ecken, daneben, als Freunde und Zuhälter, in scharlachroten Jacken, das Spazierstöckchen unter dem Arm, die Garden Seiner britischen Majestät. In zerrissene Kohlensäcke gehüllte, halbnackte, kaum mehr menschenähnliche Lumpensammler in den Gossen. Quer über die Straßen hingestreckt, wie schmutzige Kleiderbündel, zwei, drei grauhaarige Frauen. Ein Fuselgeruch jetzt noch um die Betrunkenen. Ein wachsgelber verhungernder junger Mensch, der sich mühsam an die Hausmauer, an den Anschlag einer Bibelgesellschaft zur Bekleidung der Maoris auf Neuseeland stützte. Das alles kroch jetzt lautlos aus der Finsternis hervor, wie die Tiere des Waldes. Diese Stunden zwischen Mitternacht und Morgen waren von der Weisheit der Vorsehung für sie vorbehalten. Bei Tag wäre ihr Anblick den Ladies und den Reverends ernstlich peinlich gewesen.

Das war die Londoner Nacht. Das runde helle Cyklopenauge auf dem Uhrturm des Big Ben glotzte über sie hin. Nicolai Schjelting hörte den Wiederhall seiner Schritte auf dem langen leeren Embankment. Zu seiner Rechten flutete die Themse, scheinbar unendlich breit in dem Dämmern, in dem das andere Ufer sich verlor. An der Nadel der Kleopatra blieb er stehen. Schlank schoß der Obelisk zu dem rauchigen Nachthimmel empor. Runen der Jahrtausende zwischen Nil und Themse rankten sich auf seinen Flächen. Runzeln des Nachdenkens furchten sich auf Nicolai Schjeltings Stirne. Sonst lagen in seinem Kopf die Lebensziele einzeln nach ihrer Wichtigkeit geordnet nüchtern nebeneinander. Jetzt sah er einmal sein Leben im Ganzen vor sich.

In seinen jüngeren Jahren, ehe der Ehrgeiz alles Andere in ihm erstickte, war er ein leidenschaftlicher Spieler gewesen. Es war ein altes, abgedroschenes Gleichnis, daß man alles auf eine Karte setzte. Aber wer nicht wagte, der gewann auch nicht. Er sagte sich im Zurückgehen: Es wird Zeit, daß ich gewinne! Seit sieben Jahren spiele ich! Nicht mehr mit Kartenkönigen, sondern mit Balkankönigen, nicht mehr mit Kartendamen, sondern mit Damen von Petersburg und Paris, nicht mit Pique-Buben, sondern mit allerhand Buben in französischen Ministerien und römischen Redaktionen. Aber der große Schlag bleibt aus. Drei-, viermal haben wir schon Feuer gelegt. Auf dem Balkan. In Libyen. Im Ägäischen Meer. Es ist immer wieder verflackert. Ehe es zum Weltbrand wurde. Heute ist die Erde wieder so still und friedlich, wie diese Juninacht. Unter mir aber wankt der Erdboden. Man beginnt an mir zu zweifeln. Meine Frau macht den Anfang. Sie kennt mich schließlich am besten. Bald folgen Andere. Meine Karte muß bald kommen. Ich brauche den Krieg...

Er erschien sich wie ein Geist des Kriegs, während er mit unruhigen Augen, die Zigarette nervös zwischen den Lippen, die Hände in den Taschen, den Mantelkragen fröstelnd hochgeschlagen, unhörbar in seinen Gummigaloschen durch die unermeßliche, schlafende Nacht schritt. Hinter ihm im Osten über Tower und India Docks wurde es allmählich hell. Er wiederholte sich: Ich brauche den Krieg. Er trägt mich an die Sterne. Will Ghislaine nicht mit -- nun gut: dann bin ich frei, wenn wir Europa verteilen. Ich kann dann andere Partieen machen -- ich, ~le comte Nicolai de Schjelting, ambassadeur et ministre plénipotentiaire~, der gefeierte diplomatische Vertreter des siegreichen Rossijskaja Imperija. Es wurde ihm warm bei dem feierlichen Wort. Dann eine Glut im kalten Herzen: oder ich kann mir den höchsten Luxus meines Lebens leisten und die heiraten, die ich will! Und die dann muß, weil alles um sie verloren ist...

Und im Weitergehen sagte er sich, in einer fixen Idee: Ich fahre nicht wieder nach Wiesbaden. Es hat jetzt keinen Zweck. Aber ich werde ihr schreiben. Sie wieder warnen. Sie darf mich nicht vergessen.

Da war die leere Weite zwischen den Palästen und Ministerien von Whitehall. An der Ecke von Downing-Street waren einige Fenster im Auswärtigen Amt jetzt noch im Morgengrauen hell. Dort oben saßen sie auch und rechneten und addierten die Summen der Welt und multiplizierten Menschen mit Millionen Pfund und dem Tonnengehalt von Schiffen und fanden sich selber kaum mehr zurecht in der Wirrnis heimlicher Verträge, mit denen sie seit Eduards VII. Tagen Deutschland von allen Seiten umsponnen hatten.

Nicolai Schjelting sah von unten zu den Seelenfängern hinauf. Er dachte sich: Spieler sind wir Alle. Nicht ich allein. Spieler seid auch Ihr da oben, Ihr Minister und Steuerleute an Englands Ruder. Spieler seid Ihr Advokaten an der Seine, im Elysée und Palais Bourbon. Spieler seid Ihr, König Peter und Paschitsch, und Du, Albert von Antwerpen. Spieler bist Du selbst, mein großer Gönner Nicolai, und Alles, was um Dich ist, und Dein Schwiegervater in den Schwarzen Bergen. Wir Alle sind es müde, daß Deutschland in Frieden die Welt erobert. Wir wollen es ihm im Krieg wieder abnehmen. Wir werfen die Würfel. Mögen sie endlich fallen! Ein Gedanke durchzuckte ihn. Es konnte eigentlich nichts Neues in den Blättern stehen, was nicht der Zeitungskönig Higgins schon diese Nacht gewußt. Trotzdem eilte er nach Victoria-Station. Da waren schon Jungen mit den ersten, noch feuchten und nach Druckerschwärze riechenden Morgenausgaben.

Der Balkan... Albanien... Der Mbret... Kämpfe seiner Truppen bei Tirana -- Oberst Thomson bei Durazzo gefallen -- -- Ach was, das war die Selbstverständlichkeit von Mord und Blut da unten! Weiter: Sitzung der serbischen Skuptschina. Österreichische Manöver in Bosnien.... Der Erzherzog-Thronfolger in Illidze. Illidze war ein hübscher, still und geschützt in weitem Park gelegener Kurort. Eine Viertelstunde Eisenbahnfahrt von Sarajewo. Nicolai Schjelting kannte den Platz wohl..

Er steckte düster das Zeitungsblatt in die Tasche. Neben dem bereitstehenden Frühzug fuhren schon die ersten Cabs und Taxis vor. Plötzlich erkannte er unter den Abreisenden Professor Higgins und Frau. Er trat so jäh auf sie zu, daß Inges Schwester durch eine Kopfneigung ihm die Erlaubnis geben mußte, sie zu grüßen. Er lüftete lächelnd den Hut und frug auf Deutsch:

„So früh auf, gnädige Frau?“

Hannah Higgins lachte. Sie war morgenfrisch, rosig und lustig. Ärger und Sorgen vom Abend mit einemmal weg.

„Auch so’ne miserable deutsche Angewohnheit. Ich bin immer gern früh auf! Mr. Higgins auch -- nicht wahr?“

„Oh ja!“ sagte der Oxforder Physiologe. Er hätte viel lieber bis acht Uhr Morgens geschlafen, statt dieser unchristlichen Zeit, und den zweiten Frühstückszug benutzt.

„Und wohin, gnädige Frau?“

„Auf ein paar Tage nach Cowes. Von da mit der Yacht meines Schwagers zu den Festlichkeiten nach Kiel.“

„Werden Sie dort Ihr Fräulein Schwester sehen?“

Sie stutzte, daß er schon wieder von Inge anfing. Sie erwiderte zögernd:

„Kann sein, daß sie von Lübeck herüberrutscht! Soll ich ihr vielleicht bestellen, daß Sie ihr sehr böse sind?“

„Oh Gott -- ich kenne sie ja kaum!“ sagte Nicolai Schjelting hastig und abwehrend, verbeugte sich und eilte davon.

Hannah Higgins schaute ihm kopfschüttelnd nach. Sie hatte sich vor ihm gefürchtet gehabt. Noch als sie mit ihrem Mann am nächsten Tag, von der Mündung der Medina her, die Rhede von Cowes entlang schritt, sagte sie:

„Denke Dir, ich kriege diesen Russen von gestern früh nicht aus dem Kopf. Er war mir direkt unheimlich. Ich weiß nicht warum. Dabei muß das Geschöpf die ganze Nacht durchgebummelt haben. Er hatte noch eine schiefsitzende, weiße Binde um, und unterm Mantel guckten die Frackzipfelchen raus.“

Professor Higgins hörte nur zerstreut zu. Ein Ausländer interessierte ihn nicht. Er war belebt, wie nur ein richtiger Brite bei Seebrise und Salzluft. Auf der Terrasse des Yacht-Clubs, am Ende der Marine, saßen in blauen Mützen und Jacken die Admirale und Sportsmen. Auf dem blauen Becken des Solent schossen wie weiße Sturmvögel die Segelyachten der Lords, in der Ferne qualmten Dreadnoughts-Geschwader vor Portsmouth, Mittags gab es zum Lunch noch Hummern -- was wollte der Mensch mehr? Er rieb sich befriedigt die Hände: „~Well~, Hannah!“ sagte er. „Übermorgen stechen wir nach Kiel in See!“

VII.

Es war das animalische Behagen Old Englands unter den Gästen von Sir Higgins’ Dampfyacht während der Überfahrt durch die junistille Nordsee nach Deutschland. Die Heiterkeit von zwei Dutzend Menschen, die alle gleichmäßig gut schliefen, tüchtig aßen, pünktlich verdauten. Sie waren wunderbar einig. Ihre Unterhaltung harmlos wie die der Kinder, ihre Späße und Gesellschaftsspiele die von halbwüchsigen Jungen. Es war schwer, unter ihnen nicht vom Wetter zu sprechen, nicht jäh aufzuspringen, wenn sich ein Segel zeigte, sich nicht träge auf den Bordplanken in der Sonne zu kuscheln wie eine Katze: Hannah Higgins kannte sie und wunderte sich doch wieder, wie wenig diese Ladies und Gentlemen, von denen doch die Hälfte schon die Erde umsegelt hatte, sich zu sagen wußten oder sagen wollten. Sie dachte sich: Innerlich feige und selbstsüchtig sind sie doch auch da. Sie heucheln sich lieber ihr ewiges ~oh yes~, als daß sie sich einmal zanken. Denn Aufregungen vor dem Mittagessen sind nicht weise! Aber trotzdem lullte das ein. Es war ein träumerischer, behaglich schaukelnder Stumpfsinn auf blauer See, bis das rote Feuerschiff aus den Wogen tauchte und sich da vorn die Kieler Föhrde auftat.

„Oah -- ein feiner Platz!“

„~Well!~ Ein gut Ding -- dieser Hafen!“

Die Wasserratten an Bord, männliche wie weibliche, waren elektrisiert. Sie standen in langer Reihe von blauen Bordjacken und weißem Flanell links und rechts von Hannah Higgins, hielten sich an der immer noch leise schwankenden Reeling fest, starrten sachverständig auf die grünen Hügel von Holtenau, auf die bewimpelten Uferbauten und Schleusenmauern. Wieder sagte Einer halblaut wie neulich in Hydepark:

„Nichts ist gefährlicher für uns, als das Stück Wasser, das sie da verbreitert haben!“