Das Bücher-Dekameron Eine Zehn-Nächte-Tour durch die europäische Gesellschaft und Literatur
Part 2
Boccacces Jahrhundert hatte die Pflicht zu genießen, was bleibt einem Gentleman anderes heute, als die Freiheit, sich mit seiner Zeit in Ordnung zu bringen. Man kann das auch bei Cocktails aus Milch, Ei, Gin, Whisky und Worchestersauce, und wenn der Tag dem Leben reserviert bleibt, haben die Nächte Raum für eine europäische Diskussion. Was kann einen Holländer, dessen Land neutral blieb, dessen Literatur ihn nicht interessiert, der die Musen liebt und Horaz in einer seltenen Ausgabe im Koffer mitführt (wie Casanova selbst in die intimsten Situationen), was kann einen holländischen Edelmann mehr reizen, als zu sehen, wie die Zeit sich in den wichtigsten Literaturen spiegelt, denn in nichts erkennt man, wie Flaubert in seiner Einsamkeit schon verspürte, den Menschen und die Nation so sehr wie im Buch.
Auch den Boccacce hat seine Zeit, weil er ein Ausschweifender und gleichzeitig ein frommer Mann war, mitten in die Kirche seiner Vaterstadt beigesetzt, weil die Zeit in ihm ihre Vorzüge und Eigenschaften am besten erkannte. Und doch hat seine Stimme die Wollust wie kein anderer zierlich bis in das Herz der Frömmigkeit getragen, aber es war die Sprache eines Dichters, und seine Sprache kam aus der des Apulejus und des Lukian und sang sich weiter bis zu dem roten Hymnus des d'Annunzio. Welche Vergangenheit einer Sprache! Ja, Mijnheer, man muß, um ein europäisches Gespräch zu führen, zuerst den Sinn der Sprache begreifen und ihren Weg betasten. Das ist wichtiger wie Whisky und Frauen und der fatale Ernst unserer Einsamkeit.
Ich habe heute Nacht daran denken müssen, als ich am Fenster nichts vernahm als die Dünung des Sturms, den Aufschlag des weichen Schnees und das Zustreun des Geländes, und ich unter dem Bord der hölzernen Veranda eine Schar Vögel entdeckte, die vor der Katastrophe der Natur zu den Menschen flüchteten und nichts hatten sich verständlich zu machen, als ihren aufgeregten, im Hals zitternden Herzschlag und die schreckliche Angst ihrer Augen. Ich hörte, während ich Stare und Amseln auf die Heizung hereinhob, die Wetterhähne dröhnen und die Blitzableiter wie die Elstern schreien. Hinter ihnen aber stand auf den Untertönen des Winds die Musik der Schwarzwaldwälder mit einem dunklen Brausen. Durch die gleiche Musik haben Germanen hier manchen ihrer Kaiser auf kreuzgelegten Speeren aus dem Ruhm des Südens, den sein Haupt gesucht, tot zurückgetragen.
Ach es stand im Donnerton der Tannen in der Dünung mit verzweifelter Melancholie die Irrnis unserer Geschichte, die das Unmögliche stets wie knabenhaft begehrte und ohne Ziel dann ihren schönsten Kopf sich einschlug. Erst als ich vom Balkon zurücktrat, gelang mirs ohne Bitterkeit zu atmen, und als ich mit den Vögeln sprach, war ich lauter als das Sturmwehen. Der Schneezyklon schoß von oben auf den Dachfirst, warf sich zu Boden und hob sich in einem flimmernden selbst in der Nacht sichtbaren Kreis über dem Steinsee. Da blieb er wie ein Krater, der sich rasend drehte.
Es klang verführerisch jetzt hinter dem geschlossenen Fenster, wenn ich die Vögel ansprach, gleichwie als sammelte die Sprache sich in seinen Rhythmen und hebe aus den Jahrhunderten den Ton der Heimatlaute herauf voll unerfüllter Leidenschaft und der heiteren Wehmut seiner unbewußten Schönheit.
Geliebte Sprache:
Als die antiken Zeiten sich von unseren schieden, entführten sie als Dialekt der Mythen und Götter das Griechisch und es blieb nur noch eine moderne Sprache, das Latein. Nie gab es vorher und später ein menschliches Ausdrucksmittel, das so präzis und zugleich flimmernd die Begriffe aufstach und die Umwelt dazu glänzend umschrieb, das ebenso vollendet das Vorgestellte in kristallene Nähe zwang und zugleich das Phantastische in eine Bannmeile atemloser Erregung darum sammelte. Es war die Sprache der Weltleute und der Kommis, der Dichter und der Feldherrn. Herrlich band schon Tacitus ihre Kühnheit im Bilde, als er beschrieb, Germanien sei von anderen Nationen getrennt durch Furcht und Berge. Für die Deutschen war es zu scharf, wie diese Prosa blitzte, zuhieb und trennte. Eine Zeitlang versuchten sie miteinander die Verschmelzung, aber die Mönche jagten das Latein in ihre Klöster. Wie zuckte es manchmal noch aus Klerikerhand brünstig ins Weltliche hinaus, wie mischte es sich anfangs voll und farbig mit den steifen kirchlichen Liedstollen, wie gab es noch der Mariensequenz von Muri die demütige Schlankheit: »Ave vil liehtu maris stella.« Umsonst, es mußte nach Westen fliehen und ließ seinen Schatten nur zurück, der als Theologie vermummt und enthauptet durch das Mittelalter irrte.
Der deutsche Dialekt der Germanen kam jetzt in seinen raschen tropischen Glanz. Allein gelassen nun ward er die Stimme der großen Epen und der germanischen Troubadoure. Wie glühte der kurze Sommer seiner Pracht in des Vogelweiders Strophen, wie verschlang sich Gedanke und Reim und kehrte voll Musik zurück in die heiß und kindlich gefaltete Kadenz. Nie hat, selbst in Rilkes Versgeäder, Deutsch wieder die Größe der Einfalt und die Vollendung des Tons und die Linie der Grazie erreicht wie in der flötenhaften Lage der Walther-Strophe:
Daz er bî mir laege, -- wessez iemen (nu enwelle got!), sô schamt ich mich. Wes er mit mir pflaege, niemer niemen bevinde daz, wan er und ich.
Wunderbar füllte die deutsche liedhafte Zartheit die gläserne Wölbung des frühen Mittelalters mit Auben, Weckrufen, Taggesängen, Hörnern, Kreuzzügen und heroisch-sanften Mythen, aus deren Bau die Sprache jubeln konnte noch stolzer wie Horaz, daß wahrlich nie gehörte Sänge ihr entströmten . . . ., bis mit der schönsten Zeit der Welt, der Epoche der Dome und Kaiser und lichter Maienhaftigkeit Europas sie in den tragischen Schlußvers fiel. Deutsch ward nun die Knochensprache kleinbürgerlicher Meistersinger, die barbarische und oft wildsaftige der Volksbücher oder die robuste Dämonie Grimmelshausens und die Pedanterie der gelehrten Habenichtse.
Doch wie hatte das Latein, das über den Rhein gezogen und mit den Galliern sich vereinigt hatte, im Französisch sich zu geschliffener Klarheit mittlerweile vollendet! Wie hatte auch sein Mittelalter gehallt von den unter Ölbäumen von den Sarazenen heraufreitenden Trouveres, wie hatten die Regenbogen der großen deutschen Epen mit einem Fuße tief in der Provence gestanden, die breit und groß am feierlichsten Meer wiederum sich der Levante und den Dichtern afrikanischer Erde hingab. Wie lärmte über Spanien und Frankreich graziös und gottselig der vogelvolle Himmel der Frühzeit der Menschheit dann aber weiter bis hoch in den vollen Zenith. Und wie erfüllte er sich neu immer durch die lateinische Vergangenheit, die stets die zarte umschwebende Luft blieb, bis zu schönster Vollendung aus den Allegorien der Götter noch tief in der Renaissance der herrlichen Plejade und den späten Prunk des Rokoko. Immer gings aufwärts aus dem Blutsaft der Antike bis in ihre kühnste Moderne.
Aber wir:
Als der ältere Balzac seine»Lettres« wie Schlittschuhkurven der französischen Prosa vorbog, sielte das Deutsch noch im Jargon der Sauhatz; glaubte Herr Opitz aus Bunzlau am Bober durch Beschreibung des Vesuvs deutsche Dichtung einem neuen Frühling entgegenzuführen. Als der taube Gentleman Ronsard und die Sechs seiner Plejade den Horizont Frankreichs mit dem Duft der farbigsten Lieder bewölkten, knabberte Hans Sachs die Klebsilben aus dem Skelett seiner sechsunddreißig Bücher deutscher Sprache. Während der flotte Offizier Descartes kristallinische Treppen mit seinem Französisch in den Nebel der Philosophie hineinbaute, sang Herr Simon Dach, Professor der Poesie in Königsberg: »Der Mensch hat nichts so eigen / so wohl steht ihm nichts an / als daß er Treu erzeigen / und Freundschaft halten kann«, und glaubte damit, während Shakespeare schon lebte, eine Revolution der deutschen Dichtung geschmissen zu haben. Rabelais, ein entlaufeper Benediktiner, der wundervollste Vagabund neben Villon, und vierzigjährige Medizinstudent führte das Französisch in das ungeheuerlichste Barock, während der Bürger Ayrer seine üblen Fastnachtsscherze schrieb. Im Französischen bildete sich Niveau. Bei den Deutschen war es nur, wenn Wundervolles aufsprang, eine begabte Revolution. Denn auch Ekkhart war den Deutschen nur das mystische Gewissen, Fischart blieb nur die skurrile Blähung voll gewaltiger Einfälle und Luther war keine Sprache sondern nur ein Temperament.
Die Kriege der anderen und die Reformationen, denen Deutschland den Rücken hinzuhalten das Schicksal hatte, haben die Einheit der Empfindung und die Sprache zerstört. Als man sie wieder hätte sammeln können, gelang es nicht den schlanken Bau der Gotik und die Süße mittelalterlicher Gefühlskraft wieder zu entzaubern. Es gab keine Gemeinschaft, keinen so zentralen Hof, der sie glanzvoll gepflegt hätte. Die Führer und Verantwortlichen haben von jeher den Geist und das Volk im Stich gelassen. Man hetzte Hirsche und drillte Soldaten. Das war genug.
Wie anders hat Frankreichs Volk die Muse gehegt! Als Marquisen mit Vaugelas Grammatik unter dem Arm dozierend durch die Schloßparke schritten, korksten deutsche Fürsten wie Stotterer den Dialekt oder retteten sich ins Französisch. Wie hat die Literatur seit Margarethe von Navarra, dieser erlesenen Frau, seit Karl dem Neunten, seit dem ersten Franz, dem vierzehnten, fünfzehnten Louis um die Höfe sich gereckt, die Sprache sich veredelt, wie war der Ausdruck des Menschen Maßstab fast mehr wie die Geburt geworden, daß schon über die Übertreibungen die Spötter des Molière in Lachkrämpfe verfielen. Ja die Macht war so groß, daß selbst revolutionäre Dinge gelitten wurden, wenn ihr Anspruch ihrer Würde und Vollendung entsprach, und die Gesellschaft vernahm mit der Grazie der Gegeißelten die Anmut der Geißler.
Den blauen Salon des Hotel Rambouillet besuchten die Prinzen neben Bossuet und Scudéry, und die Geistigkeit der Marquise, die empfing, war stark genug aus ihren Jours und Empfängen eine literarische Bewegung zu machen, die Richelieu zur Gründung der Akademie trieb. Und während über Deutschland der Dreißigjährige Krieg flutete, war der politische Einfluß der Literatur so ungemein, daß der größte Staatsmann Frankreichs im Streit um Corneilles »Cid« mit allen Pressionen die gebildeten Kreise mobil machte, Corneille zu zerreißen, weil ihm dessen Geschwärm für Duelle und Spanien seine Taktik kontrekarrierte, die den Adel auf den Bauch warf und Spanien an die Wand drückte. Am Arm von Herzoginnen aber besuchte der große Dramatiker den sich über die Ehre tief verbeugenden und den Besuch des höchsten Adels wahrlich gewohnten Bernini, Italiens damals größten Künstler, unter der Aufmerksamkeit der ganzen gebildeten Nation, während in Wasserstiefeln deutsche Pastoren, submissest verhungernd, als schlesische Dichterschule schüchtern verkleidet, weltfremd einen dünnen, wenn auch nicht uncharmanten Barock auf deutsche Flaschen ziehen wollten. Wie hat noch hundert Jahre später der große Friedrich seine armseligen Dichter verachtet und mit welcher frivolen Überlegenheit dem Schweizer Henri de Catt die Aperçus über einen gewissen Hofmann erzählt, der mit demselben Hemd ein ganzes Wörterbuch verfertigte und der, als man ihm drohte, am jüngsten Tage werde er allein unter den lichten Gottseligen unrein bekleidet vor Gott erscheinen, den saftigen Wunsch aussprach, daß er lieber, als das Hemd zu wechseln, auf die Auferstehung verzichte.
Wie verachtet, wie schmählich verkuppelt ist in dieser Gesellschaft die Sprache der Heimat geworden, wie erlösend und rührend aber ist sie manchmal dennoch in die Hände von Einzelnen zurückgekehrt, die sie für ihre Launen und für ihre Begeisterung züchteten und sie auf dem langen Weg der Erniederung schön über die beflaggten Barrieren ritten! In Frankreich steht ein gezüchteter Schlag.
Bei uns kommen manchmal die interessanteren Hengste und wiehern die Erinnerung der großen Zeit und blitzen Hoffnung auf die Zukunft aus dem schönen Schlag der Hufe.
Heil Lessing, der mit Strenge säuberte, Sturz, der sie schlank wie ein Florett im Kreis auf seine Hände zurückband. Grabbe, der sie dunkel durchwühlte, Kleist, der ihr die Stahlsehnen des jungen Genius durch den Torso zog, Jean Paul, der erste, der ihr den Nebel und die göttliche Atmosphäre der Worte wie einem gigantischen Stern zur Wielandschen Grazie gab, Büchner, der sie zu heroischer Schlankheit des Mutes begeisterte, Heine, ihr geliebtester Sänger der vogelleichten Kraft, die Romantik, die sie träumerisch wieder mit dem Gesicht ins Übersinnliche wandte, Nietzsche am Schluß mit dem jubilierenden Hurra der obersten Verzweiflung. Geliebte Dichter! Sie waren gute Jokeys und vorzügliche Trainer, aber sie ritten ohne Tribüne und ihre Ställe und Concours hatten keinen Zulauf ihres Publikums, auch hatten sie keine Kenner, obwohl ihre Klasse von internationaler Güte war. Sie waren Desperados der Kunst gegen die Gesellschaft, die sich nie recht formierte, während sonst in Europa diese Gesellschaft die Kunst wie eine sanfte und schöne Krönung über sich trägt.
Selbst Pindar war nur in diesem Sinne ein Dichter für feinere Sportfeste seiner dorischen homosexual gerichteten Geldaristokratie, Shakespeare und Molière die Fabrikanten der von ihren Höfen bestellten Theaterstücke, Calderon war seines spanischen Hofs Arrangeur für pompöse Vergnügung, die Maler der Renaissance die Hauseinrichter ihres sie bezahlenden geschmacklich kultivierten Publikums, Bernini der Baumeister für luxuriöse Ausschweifungen des Barock und der Vogelweider im Lyrischen der Pressechef seines staufischen Adels.
Die Menschen guter Zeiten gaben sich durch die Leute, deren sie sich zur Herstellung angenehmer Verzierung ihrer Epoche bedienten, ein veredeltes Gesicht. Das war alles. Manchmal achteten sie diese Leute nicht einmal, erst Michelangelo machte sich mit seinem Anspruch zum Fürsten. Damit blieb er, genau wie wenn man ihn als Sklaven gehalten, das gleiche Ornament seiner Zeit. Daß man aber ohne Zusammenhang mit seiner Epoche, rund um eine Zeit rasend, die keine Gesellschaft barg, Dramen zusammenschrieb, Bilder zusammenmalte, Türme in die Wolken hineinschickte, Bücher wohl über Probleme der Ideen aber nicht über die Erziehung zur Nation zusammenstapelte, das ist in seiner generationenlangen Dauer so rührend wie unglaublich, aber deutsch. Hat uns nun, seit man in Autos und Flugzeugen und Bahnen fährt, telephoniert und drahtlose Depeschen sendet, die Muse heftiger und vereinigender geküßt? Man hat uns, Mijnheer, noch mehr wie die Schafe auseinandergetrieben. Die Techniken haben uns ein jagendes Tempo in die Adern gesetzt, aber sie haben uns weiter von den Wurzeln deutschen Seins gescheucht wie der Dreißigjährige Krieg.
Was hinter den Romantikern herkam, hatte Plattes und Sauberes, hatte Persönliches und Albernes aber es hatte kein Niveau. Die bärtigen Leute um Paul Heyse hatten die Vehemenz des Dichterischen schon ganz vergessen, als sie nazarenisch in ihren lombardischen Wein den Zucker ihrer Gefühle füllten. Die Holz und Schlaf, die diese in schwacher Nachahmung des großen Zola entthronten, hatten nur schlechte Manieren aber keine Kraft. Es blieb wohl Einsicht, aber keine Stärke, sondern Geschrei. Daß gegen diese dann wiederum die geölten und geschmackvollen Jünglinge des Dichters George marschierten, der ihnen langsam an Baudelaires und Mallarmés erhabenem Beispiel das Geheimnis der strengen Form beigebracht hatte, bewies wohl Einsicht und Sinn für das Dichterische, aber es stellte gegen den Schlamm der Epoche nur einen Salon von Süßlingen. In der Tat, Georges Beispiel ist sinnbildhaft von Bedeutung, es schuf in Wahrheit nur einen Zenakel und dieser war denkbar nur in Frankreich, aus dem er kam.
Erst als die Schicksalsuhren tragischer ins Volk bellten, suchten einige Dichter und fanden einige einer neuen Generation eine Sprache, die, wie die keiner Epoche vorher, wenn auch nicht aus den Klarheiten so doch aus den Krämpfen ihrer Dezennien sich der Zeit anschloß. Die Unerbittlichkeit Wedekinds, der Zauber Schickeles, der breite Döblin, die tapfere Kolb, der hell urteilende Kerr, Sternheim, Benn, Kaiser versuchten ihre Generation zu einem mörderischen Glanz zu verdichten. Das Material Balzacs war ihnen nicht gegeben zwar, sondern nur ein zersplitterter Spiegel. Sie pappten ihn nicht, sondern sie schossen ihn zusammen. Eine Weile deckte sich Kunst und Zeit. Wir sind in der Gegenwart.
Wir sind in der Gegenwart, Mijnheer. Sie liegt vor uns wie Land und Meer, und wo sie zusammentreffen ist Hafen und Schiff. Und wo sie sich schneiden, hat Kunst und Nation sich berührt. Zehn Nächte bei Flips und Cocktails und Gin und Kerzen sind eine knappe Zeit das Terrain zu beschauen. Was interessiert einen holländischen Gentleman an der Gegenwart? Er hat ein Haus in 's Gravenhage, eine Herde in Utrecht, eine Bibliothek in Delft. Er reist durch die Welt, von Krieg verschont, von Kriegssteuern ledig, den Passeport von der Königin visiert, unabhängig und gebildet, gelangweilt von seinem Lande, und neugierig, was aus Europa geworden ist. Dazu, weil er bereits aus den Gärten der Jugend in die Üppigkeit gepflegter Gelehrsamkeit geführt ward, voll Eifer zu sehen, wie in den Literaturen das europäische Gewürm sich vereinigt. Was kann Sie besonders reizen, nehmen Sie das Glas und beschauen Sie die Linie zwischen Meer und Land.
Die paar Pioniere, von nicht sehr großer Lunge, die die Vereinigung betrieben, haben nicht natürlich Gesellschaft gebildet und Volk und Kultur sich wie im Paradies unter Tränen gerührt ans Herz sinken lassen. Sie haben das Wichtige, wohl unter großen Fehlern, dem Wachstumfähigen genähert. Mehr nicht, aber es ist wohl viel. Will einer nun wissen was kommt, was sonst an Schiff, Barke, Floß, an Haus und Matrose diese Phantasie-Gegend bevölkert, ist die Untersuchung der Gegenwart immer von Reiz, das Prophezeihen aber Kinderei. Der Ehrliche sagt immer nur, was ist. Das Kommende folgert er zum Teil, ahnt er zum andern, zum größten weiß er es nicht. O navis referent in mare te novi fluctus? Ich zweifle nicht, aber ich begebe mich der Antwort. Wir sind zu verwirrt ineinander, man reißt die Kunst nicht der Zeit aus dem Bauch und gibt ihr eine gewünschte Direktion. Auf Zukünftiges die Antwort kann nur Deutschland geben.
In diesem Augenblick, wo es sich anschickt, in die Arena der Entscheidungen Europas zu treten, nimmt es uns alle mit in seine Fahrt. Wie auch immer es sich anschickt, mit seinen dunklen Meeren, den blauen Gewässern und den flammenden Ernten seine Fahrt zu nehmen, sind auch unsere Schicksale mit dem seinen in sein Gesicht gebrannt. Wir können uns nicht trennen. Ob es der rechte Weg ist oder der verfluchte, wir müssen ihn gehen, vielleicht müssen wir ihn auch lieben. Wir können nur hoffen, es möge der rechte Weg sein.
Zehn Nächte Mijnheer sind lange Zeit, man muß alles bereden. In Boccacces »Dekameron« beginnt unter Pampineas Szepter das Spiel, sich die Ergötzlichkeiten des Daseins zu erzählen, und reihum geht der Königsstab von Frau zu Mann jeden Tag, ein König führt sie am Ende lebend nach Florenz. Wir sind nur zwei, zu wenig für einen König. Und mit zuviel Gestrüpp und Sturm um unser Gespräch, als daß das Spielerische eines Fürsten hinein passe. Mijnheer, Sie sind Monarchist. Ihren Ahnen hat Greco gemalt, ein anderer fuhr zu Cortez und zog in Mexiko ein. Ihr Wappen zeigt mit einem verschnörkelten _M_, daß einer mit Karl dem Fünften zum Kloster ging. Mit einem anderen kam Ihr Geschlecht nach Holland, nahm javanisches Blut auf, hatte vielleicht schon jüdisches in sich. Mijnheer, Sie sind konservativ und urban. Sie sind nicht reaktionär und dumm. Ihre Tradition macht Sie gepflegt und weit und nicht verkümmert und eng. Was seither je vor unseren Blick kam, hatte die gleiche Geltung für Sie und für mich. Sie sind nicht weniger Europäer als ich, ich aber bin nicht weniger stolz ein Deutscher als Sie ein Mann der Niederlande. Aber vermögen wir die Gegenwart, deren erlesene Dinge nicht deutlich von der Zeit distanziert sind, mit gleichem Auge zu beurteilen in einer Epoche, die nicht nach Vorzügen und Glanz, sondern nach Zwecken, nach Angst, nach Wünschen und Richtungen urteilt? Haben wir den gleichen Blick, wenn wir, wie vor Kanonen, vor die Gegenwart geprellt stehn?
Wie soll ich es Ihnen am deutlichsten sagen?
Hören Sie die Geschichte meines Geburtstags.
Am Tag, als im Grunewald die Mörder den Reichsminister Walther Rathenau erschossen, fuhr ich aus dem Süden im Auto in meine Heimat. Als wir gegen Mittag den Main überkreuzten, kamen wir, von nickenden Birkenalleen flankiert, nach Wilhelmsbad, wo die Prinzen von Hanau ihr Versailles in einen schönen Park gebaut hatten. Über einem Atlas mit einer Löwenpranke vor dem Geschlecht, der eine sechzehnflächige Sonnenuhr trug, sahen wir einen kleinen innen gehöhlten Berg, in dessen Innerem zwei Pferde seinerzeit im Dunkeln nebst den Lakaien einen Hebel im Kreise drehten. Oben jedoch, vor dem seidigen blauen Himmel flogen auf dem derart gedrehten Karussell die Prinzen der Zeit durch die Luft ihrer spielerischen Entzückung. Wir lachten und kamen in die Wetterau.
Aus den weichen Schatten, mit denen die Wolken über die Ähren wanderten, am bläulichen Grün des Saftes in den meilengroßen Ebenen, im Wind der Weiler, die aus Baumspalieren mittaglich träumten, aus der fetten Kraft und sprudelnden Wucht des Bodens spürte ich die Heimat. Hier haben meine Ahnen, die Lanzen im Arm, gewohnt. Durch diese Täler sind sie von ihren Burgen gezogen. Meine Mutter hatte etwas von dem besinnlichen braunen Glanz alter Wildheit im Auge. In Friedberg, das am Horizont blieb wie ein Starnest, habe ich sechsjährig auf den Burgzinnen Dohlen gejagt und unter den Sommerbüschen der Schwarzdorne und gelben Ginster habe ich die Platten der Rittergräber mit dem Finger abgefahren. In Büdingen hängt in der Schloßkapelle die Isenburger Kriegsfahne, gegen die sie gezogen. Am Schloßportal erfuhr ich die Ermordung des Ministers, die Lakaien standen am Schloßgraben und schwatzten, der Pförtner in einer sagenhaften Uniform öffnete das Tor.
Ich bin den Mittag weiter durch meine Heimat gefahren, die Störche saßen auf allen Giebeln, die Schwalben sangen sich über den Eichen, die wie Pappeln gewachsen sind, in klarem Sang herauf und herunter, und an den Enden des Horizonts zogen sich violette Schatten, die langsam den Himmel wie große Zeichen der Festlichkeit heraufkamen.
Um uns rauschte das reifende Korn geheimnisvoll in den mittaglichen Glanz, und die Felder mit farbigem Mohn bogen verführerisch in die Stille der Hänge. Wie ein roter Regen flogen die Alleen mit den satten Kirschen über uns, als wir nach Gelnhausen kamen und sofort die Pfalz des besten Hohenstaufen suchten. Während seine Vorgänger und seine Nachfolger den Dom bauten, setzte er in den Sumpf für eine Geliebte die Pfalz von wunderbarer Wucht, den Pallas von einer Brust der leichtesten Säulen gegliedert. Der Jasmin flutete mit dem Geruch des weißen Hollunders durch die Ruinen und umdampfte das steinerne Gesicht des Barbarossa.
Sein Kopf springt aus der Wand über dem Eingang hervor und läßt keinen, der eintritt, ohne Blick. Der Bart ist gespalten und nach außen in die Höhe gezogen, bis er die Höhe seiner Augen erreicht. Auf den Spitzen des Bartes tanzen da zwei kleinere Köpfe, der des Hundes, der ihn in die weiten Jagdfelder führte, der jenes Weibes Gela, die er liebte wie ein Toller, die ihn zwanzigmal von italienischen Fahrten und deutschen Revolten an ihre Wärme zurückriß. Aus der Tiefe dieser Schatten kam mir manches ins Blut geschossen, als sich die Hollunderbüsche teilten.