Das Bücher-Dekameron Eine Zehn-Nächte-Tour durch die europäische Gesellschaft und Literatur

Part 1

Chapter 13,340 wordsPublic domain

KASIMIR EDSCHMID:

DAS BÜCHER- DEKAMERON

Eine Zehn-Nächte-Tour durch die europäische Gesellschaft und Literatur

Zweite Auflage

ERICH REISS VERLAG / BERLIN 1923

Geschrieben im Juli und halben August Neunzehnhundertzweiundzwanzig

Copyright by Erich Reiß Verlag 1922

INHALT

Erster Vormittag DEUTSCHLAND SEITE 9

Die erste Nacht DEUTSCHE SEITE 41

Die zweite Nacht FILM · THEATER · SCHAUSPIELER · REGISSEURE · ESSAYISTEN · LEBENDIGE SEITE 69

Die dritte Nacht BIBLIOTHEK (ABER DAS LEBEN IST HERRLICHER) SEITE 95

Die vierte Nacht SATIRE SEITE 121

Die fünfte Nacht KUNST UND GESELLSCHAFT SEITE 145

Die sechste Nacht POLITISCHE DICHTUNG?? SEITE 185

Die siebente Nacht NEUE SCHULEN SEITE 227

Die achte Nacht DIE ANDERN SEITE 251

Die neunte Nacht UND EUROPA?? SEITE 267

Die zehnte Nacht MIJNHEER! SEITE 297

Letzter Vormittag GELASSENHEIT SEITE 301

Erster Vormittag

Mijnheer, wir sind eingeschneit.

Von den Spießhörnern bis zur Todtnauer Hütte jagt der Schneesturm schon den dritten Tag. Das Zastler Loch ist verhüllt und um Herzogenhorn ballt sich die Schneeflut zu neuem Angriff. Zum Bärental häuft sich der Schnee schon wie Meer. Als ich zuletzt Sie traf in ähnlicher Lage, war es am Brenner, Sie kamen mit Wolken Schnee auf breiten Eschenbrettern herauf, ich schnallte die Hickorys, um in die Schweiz zu fahren, und die schon fast italienische Sonne glühte über Tirol das Gebirge zu Metall.

An diesem Tag zog D'Annunzio mit seinen Freischaren nach Fiume, heut empfängt er den russischen Volksbeauftragten Tschitscherin. Was ich an dem blitzkurzen Tag Ihnen damals sagte, steht in der »Doppelköpfigen Nymphe«. Was macht es, solange meine Landsleute sich mit seinem Ja und Nein nicht lernend auseinandersetzen? Habe ich recht behalten oder nicht? Wie hat in der Zwischenzeit das Karussell der Zeit sich umgedreht!

Finden Sie Boden in diesem Mosaik, das mit Pferden und Menschen und Schreien um die eigne Achse sich ohne Pause dreht? Damals schoß man in Haufen auf den Straßen um Weltanschauungen. Heute doziert in Offenburg, während die Witwe geladen ist, der Staatsanwalt an Erzbergers präpariertem Schädel den Bauern-Geschworenen mit dem Bleistift die Einschußrichtungen seiner Mörder. In den Festungen sitzen nach dem Proletarischen hin ausgeschwärmte Dichter. Feldherren des Kaisers nehmen Paraden ab über die Truppen der Republik. Auf dem Rhein flitzen belgische Kanonenboote, auf keinem der Dampfer zwischen Mainz und Bingen sehen Sie die Farbe Schwarz-Rot-Gold. Die Bäder der deutschen Ostsee-Küste sind zwischen den Strandkorbburgen millionenhaft mit den Fahnen des Kaiserreichs beflaggt. Der erste deutsche Botschafter in Amerika übergibt seine Beglaubigung im Namen von »The German Empire«, und man antwortet ihm in Washington, er meine wohl seine Republik. In Bayern ist in Sturmtrupps die Bauernschaft blockiert: vivat Rupertus Rex. Der Reichspräsident, der München besucht, erhält feierlich am Bahnhof unter Gepfiff eine rote Badehose gereicht.

Sie interessieren sich nicht für Politik?

Ich auch nicht.

Es ist unsere Zeit aber Mijnheer. Das ist der Boden, den wir treten, das sind die Wolken, unter denen wir atmen. Wo schieben sich ähnlich knisternd Begriffe und Revolten und erlauchte Traditionen durcheinander!

Zwei Stunden nördlich übers Gebirge, in Baden-Baden, endigte früher die bevorzugte Schnellzugslinie von Paris. Hier fuhr als Dauphin Eduard der Siebente in Hemdsärmeln vierspännig den Blumenkorso über die Lichtenthaler Allee, führte Prinz Hamilton am blauen Band ein Schwein als Wette durch den Kurgarten, sauste der britische Hoftroß mit Bettlaken nachts in Droschken zum alten Schloß, Gespenster für harmlose Passanten zu spielen. Die Fürstin Gagarin telegraphierte aus Syrakus an ihr Palais Stourdza, um ihre Ankunft zu melden: »Préparez trois cotelettes pour les chiens«, hier wurde den Gazellen des siamesischen Sultans jeden Morgen in einem Springbrunnen ein Bad fin champagne gerüstet, wurde dem jungen Portugiesenprätendenten eine Straße gebaut, um zwei Gärten zu vereinen. Hier, wo Liane von Pouchi tanzend ihre Triumphe feierte, beginnt einige Jahre nach Krieg und Revolte unbedrückt vor Angst, daß niedere Klassen mit Schüssen und Raub darauf antworten, unter jahrhundertalten Bäumen das Leben wieder feierlich und reich zu spielen.

Die bengalischen Feuer schmeicheln dem sanften Anfang der dunklen Höhen, und unter den Schatten der Bosketts gleiten die Lampions mit den wohligen Seufzern der Menschen zusammen zum immer festlich bereiten Nachthimmel. Die Blüte aller Bäume von Flieder bis Magnolien und von den feierlichen Kastanien bis zu den wilden Rosen und Geisblatthecken wird dieses Jahr zusammenfallen, und die von den Fontänen besprühten siebenfarbenen Rhododendronbüsche werden vor der Spiegelfassade des Hotel Stefanie mit unbekannter unterdrückter Leidenschaft blühen.

Ein Geschlecht von wenigen bevorzugten und finanzierten Deutschen, aber Hollands und Amerikas Kleinbürgerschaft wird die wundervolle Burg des großen Lebens in Besitz nehmen, indem es sich das Vorrecht der früheren Jahrhunderte mit einem Geld, das mit Hundertzwanzig bis Zweitausend usw. die Mark kauft, sichert. Guizots Rat: »Enrichissez-vous!« hat nach jeder Revolte und jedem endlosen Krieg sein Publikum verstanden, eine neue Schicht, die nach Leben und Wirkung mit allen Zähnen bleckt, ist aus der Tiefe aufgehoben worden und hat von der Oberfläche die seitherigen Gebieter ablaufen lassen. Aber Gambettas Beispiel, der die Subskriptionsbälle für die neue Gesellschaft seines Landes schuf und Salons aus der Erde zauberte, indem er flüsterte: »La république manque de femmes«, Gambettas Beispiel hat keine Nachfolge gefunden. Die Elite des deutschen Volkes und seine Gesellschaft grollt unversöhnlich, ja vernichtend der Republik, deren Vorsteher nicht die Weltmännischkeit besaßen, diese Masse an sich heranzuziehen. Ich habe an kaum einem _sichtbaren_ bürgerlichen Ort einen Republikaner gefunden, ich kenne keinen Republikaner außerhalb des Klüngels der Politiker und Schreiber. Ja sogar der befreundete Leiter einer Sternwarte, der behauptet, mit einem Überguß Schwefelsäure auf seiner äußersten Linse das politische Bewußtsein seiner Opfer gespiegelt zu sehen, versicherte betrübt und gelangweilt, seit Monaten sehe er in Flugzeugen und Autos und Äckern nur die Farben der Vorkriegszeit.

Man mußte den manischen Alten, der vor Sucht nach einem Republikaner verging, wegen Farbenblindheit einer Heilanstalt zuführen, die Sehnsucht nach der Republik hatte ihm seinen Beruf und seine wissenschaftliche Carriere gekostet. Kein Bankier kaum ansonst, kein Industrieller, der auf die neue Flagge schwört und höchstens einige Juden, die verschämt über die Thora mit ihr kokettieren. Selbst die Direktoren demokratischer Industrieregenten wagen in Ruhrort und Recklinghausen und Duisburg nicht, durch das gleiche Bekenntnis wie ihr Zar dem gesellschaftlichen Terror zu widerstehen. Denn Gesellschaft heißt in Deutschland nicht wie in anderen Ländern: durch die Jahrhunderte in einem Rassebewußtsein zu gewissen Neigungen und Bewegungen filtriert sein, sondern heißt jene Clique, die vor dem Krieg zufällig verdiente, adlig war und die Ämter beherrschte. Die schwört heute auf die Reaktion. Die arbeitende Klasse kämpft, schon in der Verteidigung wieder, um den Achtstundentag. Die großen Auseinandersetzungen werden noch kommen.

Auf dieser Atempause der Geschichte, auf einem gläsernen Regenbogen steht die Republik.

Eine Generation junger frecher und halb hilfloser Leute mit sehr roten Handschuhen und hellen Koffern aus Leder hat zwischen Franc und Dollar die Plätze der Eisenbahnen belegt. In Innsbruck sahen wir, von den Ötztaler Alpen vor drei Wochen heruntersteigend, den Adel Tirols aus den Schlössern zusammenströmen und ihre Komtessen tanzen in den Kostümen der Mode von vor fünfzehn Jahren, da ihr Geld die neue nicht mehr kauft, aber mit phantastischem Familienschmuck, den sie nicht veräußern, noch exklusiver wie früher, und einen gewissen tötlichen Stolz in den zwanzigjährigen Gesichtern. Das ist Deutschland.

Bald haben alle Fürsten und Feldherrn ihre Memoiren herausgegeben und alle schieben die Schuld auf den andern genau wie, als die Franzosen den vorletzten Krieg verloren, Ollivier, Benedetti, Leboeuf, Wimpfen sich die Niederlage an die Köpfe warfen, bis man in dem Spitzbart Bazaine den Prügeljungen entdeckte. Für unser Schrifttum ist der Haufen Papier ein verwegenes Nichts, für die Erinnerungsliteratur keine Bereicherung des Stolzes, der letzte große Memoirenschreiber der Deutschen aber, der pfaueneitle jedoch illustre Fürst von Muskau hätte mit einer Handbewegung diesen Hahnenkampf seiner Kaste abgelehnt: »Quelle blague.« Ich traf im Sommer auf einem Bodenseedampfer einen früheren russischen Attaché, der Schweine für die deutsche Regierung in Belgrad gekauft hatte, der riet, zur Südsee auszuwandern mit einem Harem von Frauen und schönen Tieren, und fünfzigjährig in das dann befriedete Europa zurückzukehren wie Apoll, der bei Winterbeginn zu den Hyperboräern jagt, um erst wieder, von Päanen gerufen, im Frühling zum silbernen Kephissos und seiner geliebten Quelle Kastalia im Schwanenwagen zurückzukehren.

Den Russen langweilten die Zuckungen, mit denen die Erde Europas sich langsam wieder in ein festes Bett zurückstemmt und er wußte, daß nicht die Spur nachzuhelfen sei mit Kongressen, Parlamenten und Paraden des Geschwätzes, und daß elementare Gewitter nicht durch Beschwörungen der Regenmacher sondern nur durch elementare Ausströmungen langsam sich sänfteten.

Ich bin, obwohl ich abenteuerlustig las, in Mozambique bei Beira hätten Kaffern endlich die Seeschlange angeschwemmt gefunden, und obgleich Sir William Loyd Davkins in »Manchester Guardian« hinzufügt, ihre Köpfe seien groß wie die Leuchtfeuer von Makuti gewesen und die Kaffern hätten zwölf Tage lang an der gelben Gallerte fressend gelegen . . . . . . ich bin, obwohl alle Himmel der Fremde und alle noch nicht genossene Seligkeit der Erde mit beispiellosen Kontinenten, Mondgebirgen und barbarisch dunklen Meeren dahinter locken . . . . ich bin für Bleiben.

Die Luft unserer Jugend ist elektrisch wie die Cinnas und Hannibals und des dritten Otto und jenes vierten Heinrich, der einer der schlausten Anwälte der Deutschen war, aber sie ist auch noch schicksalgesättigter in ihrer zuckenden Röte als die des großen Korsen. Die Ausschweifungen der noblen Jugend, die Reisen ins Tropische unserer Leidenschaft sind uns verdorben. Die Sommernachtsfahnen der Freude haben unter anderen Sternen anderen Generationen geflaggt. Es gibt nur _eine_ Haltung des Anstandes, in den Krisenfeuern, in denen Europa sich anschickt einen neuen Stern zu gebären oder zu krepieren, mitten im Land und unter seinen Leuten zu stehen, ihnen zu helfen zur Lösung oder zu neuem Kurs sie zu überreden, oder wie auf einem Schiff mit ihnen zu ersaufen . . . . und sei es auch nur, den hoffnungslosen Kampf mit der Politik zu sehen, den diese Menschen, die Andersdenkende ruhig (wie zur Zeit, wo Mord bei den Germanen noch reine Privatsache der betreffenden Familien war) erschießen aber die Pferde innig lieben, die oft roh sind wie Tataren aber gütig und sentimental wie die Engel, die manchmal wie jener Thomas Münzer, der sich mit dem Schwert Gideonis unterzeichnete, unflätig in den Gesten aber in den Herzen voll dunkel flackernder Begeisterung sind . . . . . . sei es auch nur dem hoffnungslosen Kampf dafür unbegabter aber herrlicher Menschen mit der Politik in einer mitleidlosen Zeit beizuwohnen.

Diese Deutschen!

Man muß hinter Düsseldorf am Rhein gelegen sein, um die Größe dieses Landes mit dem stillen Verströmen des Flusses zu spüren. Man muß zwischen Bingen und Sankt Goar seine Romantik fliegen gesehen haben voll jahrhundertblauer Gewalt. Wie haben die Spessartwälder gedröhnt von der Musik ihrer donnernden Wölbung. Wie haben die bayrischen Seen unter der Pranke des Herbstmonds mit aufschießenden Nebeln gebuhlt und die Morgenberge mit wilder Idylle gespiegelt. Wie hat der sommerliche Schwarzwald vor Behagen aus allen samtenen Fichtenhängen geraucht und die Nacht noch sanfter an den glatten Muskeln des Vogesenbruders in den Rheingau fallen sehen. Wie hat der Odenwald von Sagen an allen Quellen aufgezittert und wie reif sind über der Mosel die Sonnensegnungen gelegen.

Wie haben die Sturmfluten die Nordseehäfen überdeckt, während der Mond bleirote Lähmung gespenstisch darüber flutete, daß die Molen verzaubert von soviel Glanz reglos von den Raubwellen zerrissen wurden -- und mit welchem Jubel haben wir als Jünglinge die tänzerische Grazie Bayreuths und die Stierwucht von Bamberg und die Rothenburger Silhouette vor den Abendhimmeln des Sommers empfunden. Die Parke unserer Kindheit waren voll von Tritonen und Bächen und flötentragenden Göttern der Büsche und Wälder und den stampfenden Pferden besinnungslosen Glücks auch im dunklen Erschauern der Zukunft.

Wie hat Friesland uns später mit schwarzen Bauerngütern in fetter Erde unter seinen Herden gebebt, wie haben die Ostseeleuchttürme den Dreimastern und Hochseebooten herzbange Grüße durch die Jasminnacht geworfen, wie haben die Züge gejauchzt, als die süddeutschen Erntefelder sie mit beispielloser Goldfülle verschlangen. Wie hat der Wein des Elsaß sich zur Melancholie der Eifel in unseren Knabenfahrten herrlich gesellt, und mit welchen Farben haben die mecklenburgischen Teiche sich noch an den grauen Himmel pommerscher Riesengüter gemalt, wenn die Wildgänse darüber flogen.

Wie hat das ganze Land sich gereckt wie ein Weib, bis es die Schönheit erreichte und bis aus jeder Falte ihrer Erde der Duft der Anmut und der Vollendung in solcher Musik stieg, daß wir vor Liebe und Demut die Sünden und Fehler der Bewohner fast vergaßen. Die Luft unserer Jugend ist stürmisch wie die des Cinna und Hannibal, aber, unverrückbar, die Seen und Wälder und Berge unserer Leidenschaft und unserer Heimat sind von erhabenem Gleichmut der Schönheit.

Welche Zeiten!

Gleichsam auf einer zweiten unsichtbaren Ebene darüber aber steht wie ein zitternder Kessel zwischen den Manometern und Fieberkursen der Valuten »The German Empire«, so, als sei zwischen den Zustand seiner Fluren und den eines möglichen Glückes die heutige Misere wie ein verlegener Alpdruck hineingeschmettert und als seien die Geister, die um diesen Zustand irrten, vor Verzweiflung fast schon bereit sich selbst zu verhöhnen und auch der letzten Entschlußkraft beraubt. Ich fürchte, gäbe es in der Politik einen Eros und Stufungen der Geschlechter wie bei den Lebewesen, man würde »The German Empire«, das weder wagt mit dem Glanz der Senatoren von Catos Strenge bis zu Clemenceaus Unerbittlichkeit eine Republik zu sein, noch sich für ein wahrlich neues Kaiserreich zu entscheiden, zu den Zwischenstufen zählen, denen zwar viel Nüancen aber keine eindeutigen Himmelfahrten erlaubt sind.

Aber der Haß auf ihre Gegenwart hat nie vermocht, die Liebe zu ihr zu unterdrücken, und die besten Augen des Landes sind unbeirrbar auf jede ihrer Bewegungen gerichtet. Denn man liebt nur, wo man helfen will und man ist voll Zärtlichkeit nur da, wo man zu verzweifeln begonnen hat.

Im Kreis darum aber laufen die Ringe unerbittlich weiter, die die Mörder mit den Heiligen und die Tüchtigen mit den Träumenden durcheinander werfen. Ein Tropf, der nicht sein Schicksal zu korrigieren sucht, wo Kunst und Wahrheit nie so isoliert (aber kaum je von den Wenigen geliebter) in der Welt standen. Wer vermag festen Grund zu sehen, wo alle Maßstäbe aufhören, wo das Natürlichste: gut zu speisen und innerhalb Deutschland zu reisen, schon ungewöhnlicher Luxus dünkt und das Leben der mittleren Schichten (ohne daß sie es merken, weil sie ihr früheres Glück in soviel Fatalität vergaßen) eine Versuchung ist mit Gott zu hadern. Die apartesten Gegensätze durchdringen sich mit einer gewissen Heiterkeit, und jede Handlung wird mit auffälligem Ernst von einer Gegenhandlung begleitet, deren Gesicht die Grimasse des Widerspruchs trägt.

Vermuten Sie, daß am Tag, als Max Hölz mit Kommunisten und Räubern das Vogtland unterjochte, ein eigens gebautes Segelboot mit dreiundzwanzig deutschen Künstlern aufbrechen sollte, die Welt zu umreisen zum größeren Ruhm des Geistes? Ach Sie vermuten nicht, daß am gleichen Vormittag, als diejenigen Deutschen, die gerne mit endlichem und praktischem Erfolg die Welt befrieden möchten, zu einer großen Konferenz zusammentraten, in der anderen Ecke dieses Landes die männlichen Mitglieder einer Junkerfamilie zum Spaß mit Schrotgewehren auf alle vorbeifahrenden Automobilisten schossen. Täglich beobachtet man, daß führende Generäle der Kriegszeiten plötzlich ausgerechnet die Agenturen der Lebensversicherungen übernehmen, daß Juden mit einem Male führende Sportleute werden, daß korrekte Assessoren Autofabriken gründen, daß die Bohèmes der Literaturkaffees plötzlich infolge der Beschäftigung mit Wohnungsschiebung liebenswürdige Cavaliere werden mit einem Anflug sicherer Beleibtheit, die den Frieden mit Gott, Welt und Satan immer voraussetzt.

Sehen Sie die Wirtschaft gigantisch wachsen, die von der Kohle über die Erze, die Hochöfen, die Walzwerke, die Maschinenfabriken, über den Vertrieb der Erzeugnisse, über die Schiffahrtslinien eine ungeahnte neue Konzentration herstellt und, fast schon mächtiger als der Staat, beinahe alles erzwingen aber alles verhindern kann, während vor sechs Jahren man glaubte, sie sei in der Hochkurve? Vermutlich wird sich das technische Zeitalter noch zu einer mythischen Größe recken, Dampfer von ungeheuren Maßstäben und tausendfacher Kraft werden durch Motore gelenkt werden, daß sie wie die Delphine im kleinen Kreise tanzen, und die Luft wird derart bezwungen scheinen, daß die Menschen, knapp an die Grenze der großen Weltgeheimnisse wirklich kommend, erst im letzten Augenblick, und nicht ohne Größe, gestürzt werden.

Aber heute gastieren im Schatten dieses Wachstums noch die vielen Schauspieler der Verwirrung und ich vergesse nicht, wie es entrüstete und amüsierte, als auf dem Concours hippique in Kissingen im Frühjahr nur der Stallmeister der luxemburgischen Großherzogin im grauen Seidenzylinder erschien und dann ein Kinobesitzer und nicht Graf Görtz die Sache machte. Man glaubte, das Apokalyptische käme hernieder und die germanische Midgardschlange lasse die Erde aus ihrer Umklammerung fallen. Die Oberfläche der Zersetzung schwankte ein wenig und man sah die gesamten Akteure der Zeit mit einem Male, wie sie über die Hürden und Koppelricks herauf und herunterjagten, als welle sich die Erde unter ihnen.

Europa ist heute ein großer Faschingsball mit schönen Debardeurs und anderen maskierten Gestalten und dem fallen die Triumphe zu, der die kühnsten Griffe und die besten Lenden aufweist. Man demaskiert erst in einer späteren Zeit. Ich habe daran denken müssen heute Nacht, als ich hörte, man habe den großen Ahnen aller Abenteurer des Geistes und Lebens zurückgerufen, indem man das Grab des Marquis von Seintgalt in Dux in Böhmen gefunden. Es war nur ein Zufall, der es beim Legen von Wasserrohren wieder in die Welt spielte, auf dem Grabstein stand mit einer gewissen schlichten Haltung: »Casanova Siebzehnhundertneunundneunzig.« Im gleichen Jahre wurden der Baron Balzac und der Jude Heinrich Heine geboren, die die gleichen Umschichtungen des Lebens in Frankreich in ihren Büchern damals schon schilderten und mit Kunst einen gewissen Schlußstrich setzten unter die letzte große Kurve einer Zeit, die der kluge und genießende Casanova im Leben noch einmal unerhört gespiegelt hat: den Glanz und die spielerische Abenteuerlichkeit der Welt . . . ., eh sich die Wagschalen des Daseins in die tragischen Entscheidungen von heute stellten.

Man hat nunmehr gelernt nüchtern zu werden, selbst in der erregtesten Zeit, teilt Arbeit und Leben und berechnet selbst seine Zufälle. Wir sind eingeschneit, Mijnheer. Ihr großes Gepäck ist nicht transportabel, der Schneepflug braucht drei Stunden für hundert Meter Weg. Die Dame, die Sie erwarten, kann nicht herauf, es sei denn, sie flöge. Von Stübenwasen bis Gisiböden steht der Schneesturm und wirft Sie über den Kamm, sobald Sie ihn betreten. Versuchten Sie ohne Gepäck ins Tal zu kommen auf Skiern, ist Ihnen nur der Weg der Waldflächen offen, wo der Schnee sich nicht so hoch gesetzt hat, aber schon an den ersten Matten ersaufen Sie im Schnee trotz Ihrer Bretter wie eine Maus.

Wir sitzen fest. Am Tage ists manchmal möglich, vielleicht sich in die Latschen zu schlagen oder Sprunghügel zu bauen, vielleicht geht die Sonne auf und drückt die Schneeflut zusammen, man hat Möglichkeiten und man rechnet mit ihnen. Völlig abmarschieren kann man aber erst, wenn der Sturm gefallen ist, jedoch der Meteorologe versichert, er stehe zehn Tage über dem Gebirg. Das war noch nie, und solche Kaskade von Weiß warf der deutsche Himmel seit meiner Geburt noch nie über Baden. Man muß resignieren und eine Beschäftigung suchen, die wir leicht von selbst gehabt hätten, wäre es uns nicht eingefallen, die braun brennende Sonne des Arlberg mit der schwarzen des Schwarzwalds noch zu vertauschen. In St. Anton wäre der Sirocco uns zu Hilfe geeilt und hätte die Wolken nach Norden geschmissen, die hier von allen Schwarzwaldbergen sich heben und wie Rabenchöre um den Feldberg kreisen. Schon Lukian hat die Reiselust verspottet, nun sind wir die Opfer. Es gibt nichts, was einem unabhängigen Gentleman unerträglich werden könne? Beweisen wir es.

Als im Jahre Dreizehnhundertachtundvierzig sich unter Pampineas Führung die sieben Frauen Boccacces mit den drei Liebhabern vor der Pest aus Florenz flüchteten, lag es nahe, daß sie dem Gespenst nur die Anmut von Vergnügungen entgegenhielten, die ihre Zeit ihnen bot. Es war ihre einzige Waffe. Um sie blühte die Zeit, große Männer und erfüllte Epochen umstanden ihre Welt und es gab nur die Möglichkeit, mit Grazie und gepflegtester Sinnlichkeit dem barbarischen Tod gegenüber sich verächtlich zu zeigen.

Wir haben hier kein Schloß, Mijnheer, mit Dienerinnen, wir haben keine Frauen, was ich sah seit der Ankunft ist nicht erregend und unsere Freundinnen, mit denen wir vertraut sind, sind von uns getrennt. Wir verstehen die Einfalt jener Menschen des Dekameron nicht mehr, die bei Dambrettspiel in den Gärten mit Anrufung Gottes pikante Geschichten erzählten, daß vor der Anmut ihrer lorbeergeschmückten Königin selbst das Schicksal zurückrauschte. Wir sind nicht Kinder einer erlesenen Epoche, sondern Freibeuter eines Zusammenbruchs. Wir haben die Pest nicht draußen und die runde und vollendete Welt im Herzen, sondern um uns kracht die nüchterne Phantastik unseres Säkulums und wir haben nichts in der Brust als die Kühnheit es doch zu lieben.