Das Buch vom Brüderchen: Roman einer Ehe

Part 9

Chapter 93,960 wordsPublic domain

Morgen, erklang es in mir, morgen! Wer weiß, was morgen geschieht. Es kann geschehen, daß Dein Kind sterben muß. Und dann kannst Du nicht schreiben. Dann heischt man von Dir Geld und wieder Geld. Du kannst Dein Buch umarbeiten, Du kannst es besser machen, aber Du kannst es niemals fertig schreiben, wenn Dein Kind sterben sollte.

Wie Peitschenhiebe jagten mich die Gedanken vorwärts, und schon sah ich bei dem bleichen Schein der Lampe das Morgenlicht durch die Gardine auf das Papier fallen. »Geld, Geld! Du mußt Geld schaffen, wenn Dein Kind stirbt und wenn Du Deine Frau retten willst.«

Und durch die Stimmen, die meine Arbeit antrieben, hörte ich es wie einen Ton, den ich zu erkennen glaubte: »Es ist der Vater mit seinem Kind!« Der Vater mit seinem Kind! Wo hatte ich das schon gehört? Wann hatte ich diese jagende Hast gespürt? Es war, als sausten Peitschen, als schlügen Hufe Funken aus steinigen Wegen, als fühlte ich die Nachtluft mein brennendes Haupt kühlen. Ich schrieb und schrieb. Und ich erinnerte mich, wie ich wie ein Rasender gefahren war, in dem Glauben, daß mein Kind tot sei.

Aber ich dachte nicht mehr an mein Kind. Ich dachte an sie, die mich ganz besitzen mußte, wenn es denkbar sein sollte, daß sie bei mir blieb, wenn das Unfaßbare Wirklichkeit wurde und Sven starb. Ich schrieb und schrieb, schrieb, wie kein Mensch für Geld geschrieben hat, schrieb die besten Seiten, die aus meiner Feder geflossen sind. Und als die Kräfte mich verließen, trank ich, trank viel, um mich selbst am Leben zu erhalten.

Als die Sonne schon eine Weile am Himmel stand, schrieb ich die letzten Zeilen. Und ich saß wie betäubt.

Ich sammelte die vollgeschriebenen Bogen und legte sie in meine Lade, dann schlich ich mich hinaus und lauschte an der Thüre, hinter der Sven lag. Da öffnete meine Frau dieselbe und sah hinaus. Ich wankte auf sie zu und sagte:

»Es ist fertig.«

Sie lächelte mir zu, und es lag eine Welt von Glück in ihrer Stimme, als sie antwortete:

»Er schläft so ruhig. Es kann nicht gefährlich sein.«

Ich ging von ihr und versank eine Weile später in einen totenähnlichen Schlaf.

17.

Bevor der nächste Tag verstrichen war, wußten wir, daß es keine Hilfe gab und daß der kleine Sven sterben mußte. Die Gewißheit war wie ein schwerer Schlag über uns hereingebrochen, denn die ganze Zeit vorher hatten wir gehofft. Wir standen im Vorzimmer, die beiden Aerzte stumm und ernst, meine Frau die Augen auf ihre Züge gerichtet, als glaubte sie, daß sie noch nicht ihr letztes Wort gesprochen hatten. Ich sah sie Alle an, während ich den Arm um meine Frau legte, um zu versuchen, sie an mich zu ziehen, und ich bemerkte, wie es in dem gefühlvollen Gesichte unseres Freundes, des Doktors, zuckte. Der Professor sprach sachte und mit leiser Stimme, so als kostete ihn jedes Wort eine Ueberwindung. Ich fühlte nichts Anderes, als daß das Unausweichliche gekommen war und daß ich mich stählen mußte, um es ertragen zu können. Aber mit einem Druck meiner Hand, in dem ich ihren ganzen Schmerz fühlte, machte sich meine Frau aus meinem Arm los, der um ihre Taille lag, und indem sie ihre Hände rang, so daß man buchstäblich die Knochen knacken hörte, rief sie aus:

»Sagen Sie, daß noch Hoffnung ist. Sagen Sie es.«

Die beiden Männer wichen ihrem Blick aus, aber da richtete sich das junge Weib empor und sagte:

»Er darf nicht sterben. Ich werde Euch zeigen, daß er leben wird.«

Sie ging fort, und wir standen schweigend da und sahen ihr nach, wie sie in das Krankenzimmer verschwand. Wir begriffen alle, wie tief sie es empfand, daß jede Möglichkeit der Hoffnung wirklich vorüber war und daß sie darum das Gelübde ablegte, ihn dem Tode zu entreißen -- allen zum Trotz. Wir schieden ohne viele Worte, und ich folgte meiner Frau, ohne zu wissen, was ich ihr sagen wollte, nur um in ihrer Nähe zu sein und vielleicht das zu sehen, was ich am meisten fürchtete.

Ich fand sie nicht im Krankenzimmer. Ich fand sie in meinem eigenen Zimmer, und ihre Züge waren versteinert. Sie saß zusammengesunken auf dem Sopha, die Hand hart an die Wange gepreßt, ihre Augen waren trocken und glanzlos, und sie blickte in das große Dunkel. Ihre Gestalt, ihr Antlitz, ja sogar ihre Hände bezeugten es. Ich versuchte zu ihr zu sprechen, ich versuchte ihren Namen zu nennen, aber sie antwortete mir nicht, und schließlich mußte ich sie ihrem eigenen Schmerz überlassen, angstvoll der Worte harrend, die kommen würden, wenn er einmal losbrach.

Es dauerte sehr lange, bevor das Schweigen gebrochen wurde, und als es geschah, war es nicht mit Worten. Meine Frau streckte nur ihre Hand nach mir aus und zog mich zu sich auf das Sopha. Sie fiel in meine Arme, und ein langes Schluchzen, das aus einer einzigen Brust zu kommen schien, erschütterte uns Beide.

»Du dauerst mich so sehr!« flüsterte sie. »So sehr!«

»Ich?«

Ich riß mich los und sah auf. Denn in ihrer Stimme lag etwas, das mich mit einer Ahnung erfüllte, die ich nicht als Gedanke in mir emporsteigen lassen wollte.

Sie wendete sich mir mit gefalteten Händen zu und schrie beinahe:

»Du verlangst doch nicht von mir, daß ich darnach lebe, lebe ohne Sven. Ich kann es nicht. Ich kann es nicht.«

Das war meine Ahnung, der sie Worte gegeben, und ich stand da, ratlos und ohne ein Wort über die Lippen bringen zu können.

»Setze Dich zu mir,« sagte sie. »Ich werde nicht heftig werden. Ich werde ruhig sprechen. Denn ich bin nicht mehr unruhig. Ich fühle nur, wie alles zusammenbricht. Ich bin schon jetzt fort, obgleich Du es noch nicht fassen kannst, weil Du so wenig weißt und ich so wenig sagen konnte. Aber warum sollte ich es Dir sagen, bevor es unumgänglich notwendig war? Denn ich habe mit Dir leben wollen, Georg, ich habe mit Dir leben wollen, weil ich Dich mehr geliebt habe als alles Andere im ganzen Leben. Ich bin jetzt nicht jung. Ich bin so alt, wie Du nie werden kannst. Du hast es nur nie gewußt, es nie sehen wollen, und wenn ich Dich so glücklich sah, wollte ich Dich nicht stören. Aber so lange ich mich zurückerinnern kann, habe ich gewußt, daß ich nicht wie andere Menschen bin. In mir habe ich das Bedürfnis gefühlt, sterben zu dürfen. Kannst Du das verstehen, was ich Dir jetzt sage, Georg? Ich verstehe es ja kaum selbst. Als ich am glücklichsten war über Dich und die Kinder und alles, was schön ist, immer habe ich gewußt, daß ich eines Tages von allem würde fort müssen und daß nichts mich daran würde hindern können. Ich würde wollen und nicht wollen, wünschen und nicht wünschen. Aber ich würde ins Dunkel gehen, wo ich hingehörte. Ich habe das Gefühl gehabt, daß etwas kommen würde und mich zwingen, mir sagen, daß ich muß. Erinnerst Du Dich an den Winter, Georg, in dem es so schwer und so düster war zwischen Dir und mir? Da versuchte ich Dir zu schreiben, wie mir zu Mute war. Denn sprechen konnte ich ja nicht. Aber ich konnte auch nicht schreiben. Was ich Dir sagen wollte, konnte ich nicht, und ich erinnere mich, wie ich mich darüber wunderte, daß Du mich nicht auch nachher fragtest, mich oft und beharrlich fragtest, obwohl ich Dich gebeten hatte, es nicht zu thun. Zuweilen wollte ich, daß Du mich fragen solltest. Aber meistens war ich froh, daß Du es nicht thatest. Was habe ich gelitten in dieser Zeit, Georg! Wenn Du ahnen könntest, was ich gelitten habe! Du kamst und nahmst meine Hand und setztest Dich neben mich, und ich wurde nicht glücklich wie sonst. Denn ich wußte ja, daß ich Tag für Tag daran dachte, wie ich sterben und von Dir gehen könnte. Ich wollte es selbst thun, Georg. Kannst Du fassen, daß ich mitten in meinem Glücke es selbst thun wollte? Und Du warst gut zu mir und freundlich und froh, und ich hatte das Gefühl, als wäre ich ein treuloses Weib und betröge Dich. Und weißt Du, warum ich von Dir fort gehen wollte? Ja, weil ich es so sicher wußte, daß es eines Tages geschehen würde, und darum wollte ich lieber gehen, so lange Du jung und stark warst und mich bald vergessen und mit einer Anderen glücklich werden konntest.«

Sie verstummte einen Augenblick, und ihre Augen schwammen in Thränen. Dann fuhr sie wieder fort, und ihre Stimme war wie neu.

»Dann kam der kleine Sven, Georg, und alles wurde anders. Erinnerst Du Dich, daß ich es Dir schon damals sagte? Erinnerst Du Dich, daß ich es sagte? Ich glaubte damals, daß Gott ihn mir geschickt habe, um mich im Leben zurückzuhalten, damit ich Dich so glücklich machen könnte, wie ich es wünschte, und jeden Abend betete ich zu Gott, daß es mir gelingen möchte. Ich glaubte so fest, daß Gott mich erhört habe, und davon sprach ich mit dem kleinen Sven, wenn wir allein waren und Niemand unsere Worte belauschen konnte. Aber jetzt, Georg, jetzt geht er von mir. Jetzt weiß ich, daß all das Andere, all das, was Du bis jetzt nicht gewußt hast, wiederkommen wird, und jetzt will ich bloß, daß Du mir allen Schmerz verzeihst, den ich Dir zugefügt habe, und allen Schmerz, den ich Dir jetzt zufüge. Aber Du darfst mich nicht bitten, zu bleiben. Dahin, wo Sven geht, dahin gehe auch ich.«

Sie stand vor mir, und sie schien mir in diesem Augenblick größer, als Menschen sind. Ich war in dem Maße auf all das unvorbereitet, was sie jetzt gesagt hatte, daß es mich dünkte, sie erzähle einen unheimlichen Traum, den ich nicht in Wirklichkeit verwandeln konnte. Aber ich fühlte auch, daß, während sie mir den größten Schmerz zufügte, sie die Größe einer Liebe enthüllte, nach der ich nur meine Hände ausstrecken wollte, damit sie mir nicht im selben Augenblick geraubt würde, in dem sie ganz mein geworden.

»Ich kann das nicht ertragen,« schrie ich beinahe. »Ich kann es nicht ertragen. Dich und ihn verlieren. Du kannst es nicht meinen.«

Sie erhob sich lautlos, und wie eine Niobe, die die Arme um ihre Kinder breitet, die die Pfeile der Götter selbst in den Mutterarmen suchen, stand sie vor mir.

»Laß mich Sven mitnehmen,« sagte sie. »Er muß ja doch sterben. Ich trage ihn hinab zur Bucht heut Abend, wenn alle schlafen. Es ist ein so kurzer Kampf. Und dann brauch ich Dich nicht noch mehr zu quälen, als ich es schon gethan habe.«

Ich stellte mich ihr in den Weg, und mit der Kraft meiner Arme drückte ich sie gewaltsam auf das Sopha.

»Warte,« sagte ich, »warte! Du weißt ja selbst nicht, was Du thust.«

Aber sie antwortete mir nur:

»Es wird Dein und mein Unglück, wenn Du mich hinderst. Klage mich nicht an, wenn es dann kommt.«

Sie wand sich in Schmerz unter meinem Griffe, und nach einer Weile fiel sie in eine lange Ohnmacht. Ich legte sie auf das Sopha, und es war mir, als sei alles, was gesagt worden war, ein wahnwitziger Traum. Lange stand ich und betrachtete sie, bis ich hörte, wie ihre Atemzüge lang und regelmäßig wurden, und ich sicher war, daß sie schlief. Da schob ich das Kissen unter ihrem Kopf zurecht und breitete eine Decke über sie.

Vor Gemütserschütterung wankend ging ich in das Zimmer, in dem Sven lag. Sein rechtes Auge war zusammengefallen, und sein linkes war so wunderlich klar und groß geworden. Ich beugte mich über ihn, nahm seine kleine, unschuldige Hand und führte sie an die Lippen.

»Du geliebtes Kind,« dachte ich. »Wir Beide können einander nicht helfen.«

18.

Wir hatten das Bett des kleinen Sven in das Verandazimmer gestellt, damit er durch die geöffneten Thüren die Vögel singen und die Winde rauschen hören könnte. Da lag er nun auf seinem weißen Bettchen, und wenn er aufsah, war es in der Erwartung, geküßt zu werden, oder er bewegte auch sachte die kleinen schwachen Händchen, und dann beugten wir uns über ihn, weil wir wußten, daß er uns liebkosen wollte.

Svante ging auf den Zehen in das Krankenzimmer, und sein Herz war erfüllt von dem Unbegreiflichen, daß das kleine Brüderchen sterben sollte. Lange stand er stille und betrachtete ihn oder beugte sich hinab und küßte seine Wange. Aber als Mama aus ihrer Betäubung erwacht war, da ging er auf sie zu, als sie hereinkam, und legte seine beiden Arme um ihren Hals.

Nie werde ich den Blick unsäglicher Verzweiflung vergessen, mit der sie den Knaben umarmte und ihm in die Augen sah.

»Hast Du um Olof telegraphiert?« sagte sie zu mir.

Ich nickte, und wieder sah ich, wie sie sich über Svante beugte und ihn an sich drückte. Von einem plötzlichen Instinkt getrieben, erhob ich mich und ging hinaus, meine Frau allein mit dem gesunden Kinde und dem sterbenden lassend. Als ich mich in der Thüre umwendete, sah ich meine Frau Svante zu dem Bette des kleinen Brüderchens führen. Da setzte sie sich auf die eine Seite und ließ den Knaben auf der anderen Platz nehmen. Dann beugte sie sich hinab über Sven. Aber die ganze Zeit hielt sie Svantes Hand fest, und ich sah, daß sie beide Kinder liebkoste, ohne irgend einen Unterschied zu machen.

Als Svante schließlich herauskam, ging ich hinein und nahm seinen Platz gegenüber meiner Frau ein. Da reichte sie mir über das sterbende Kind ihre Hand und sagte:

»Ob es zum Glück oder zum Unglück ausschlägt, weiß ich nicht. Aber ich werde bei Dir bleiben. Denn ich glaube jetzt, daß Gott es will.«

Und nach einem Augenblick fügte sie hinzu:

»Sven will es auch. Ich habe mit ihm gesprochen.«

Ohne antworten zu können, beugte ich mich hinab und küßte ihre Hand. Und in dieser Stunde wußte keiner von uns, was Glück und was Unglück war.

19.

Die Tage, die nun folgten, suche ich vergebens von einander zu trennen. Ja, es wäre mir unmöglich, auch nur zu sagen, wie viele ihrer waren. Nacht wurde zu Tag und Tag zu Nacht, und unser Leben hatte bloß einen einzigen Punkt, um den es kreiste: das kleine Zimmer, vor dem die blühenden Kaprifolien die Veranda bedeckten, die Luft mit ihrem Duft erfüllend, und wo unser kleiner Junge lag und mit dem Tode kämpfte.

Hier gingen wir, hier saßen wir Seite an Seite, schliefen, aßen, wachten. Hier verschmolz alles, was wir zusammen gelebt und geträumt hatten, in einem einzigen, verzehrenden Schmerz. Hier that meine Frau, als die letzte Hoffnung erloschen schien, den Kork in die Moschusflasche. Sie, die mit ihm sterben wollte, nahm das letzte Stimulierungsmittel fort, damit sie sich dann nicht vorzuwerfen brauchte, daß sie die letzten Stunden des Kleinen gestört, nur um selbst die Freude zu haben, sein großes Auge uns entgegenleuchten zu sehen.

Denn das rechte Auge war erloschen und dahin. Das Augenlid lag darüber geschlossen, als sei die Hälfte seines Köpfchens schon lange tot, aber wenn das linke Augenlid sich öffnete, glänzte das Auge umso größer. Es wurde so ernst und groß, als blickte es schon in eine Welt, zu der sein Vater und seine Mutter noch nicht Zutritt hatten und in die wir nicht kommen konnten, bevor der letzte Vorhang fiel und wir ihm auf dem Wege folgten, auf dem die Glocken des Todes läuten und der, welcher das Läuten hört, folgen muß, welche Bande ihn auch auf Erden zurückhalten mögen.

Hier saßen wir, wenn die Tagessonne leuchtete, wenn draußen der Regen fiel und wenn die Nachtlampe im Krankenzimmer ihren schwachen, zuckenden Schein über das weiße Bett warf und den kleinen Sven selbst, ihn, den unsere Blicke suchten, um den unsere stummen Unterredungen sich drehten und dem wir nun schließlich die Befreiung von seinen Qualen wünschten! Still, wie er gelebt, lag er auf seinem letzten Lager, und wenn meine Frau sich über ihn beugte, regte er seine müden Lippen und küßte sie.

»Streichle Papa, Sven,« sagte sie. »Papa ist hier.«

Dann richtete er sein großes, müdes Auge auf mich und legte seine schmale, weiße Hand an meine Wange mit einer Bewegung, als regte er sich nur im Schlaf.

So saßen wir in der letzten Nacht, und näher sind Menschen einander nie gesessen. Wir hielten uns über dem Bett des Kindes an den Händen, und ein leiser Druck sorgte dafür, daß keine Bewegung in seinem Gesicht verloren ging, wenn er aufsah und uns mit seinem großen einzigen Auge suchte. Wir sprachen zu einander: »Hast Du das gesehen? Hast Du es gesehen?« Und während wir gierig diesen Schatz von Erinnerungen sammelten, der das Einzige sein sollte, was uns blieb, verstrichen die langsamen Stunden der Nacht, und die Morgenröte stieg über der Bucht auf, über die Eichen, über den ganzen alten Garten unter unseren Fenstern.

Als wollten wir der Seele des kleinen Brüderchens freien Lauf lassen, dahin zu fliegen, wo wir ihm nicht folgen konnten, öffneten wir die Thüren zur Veranda, und die frische Morgenluft strömte herein. Es hatte in der Nacht geregnet, und durch zersplitterte Wolken brach die Sonne über die Landschaft, während die Nebel über das Wasser der Bucht flogen. Sie stieg und stieg hinan, und bei ihren Strahlen begannen die Vögel zu zwitschern. Und das ganze herrliche Erwachen der Natur ergriff uns so, daß wir uns zum Schweigen zwingen mußten, um nicht den Kleinen zu stören, der schlief.

»Siehst Du,« sagte Elsa, »siehst Du? So schön muß es werden, wenn er sterben soll.«

Aber noch zögerte der Todesengel, noch dauerten die ruhigen, regelmäßigen Atemzüge des Kindes fort, und Müdigkeit ergriff uns. Ich nahm meine Frau halb mit Gewalt und zwang sie, sich auf dem Sopha neben dem Bett des Knaben zur Ruhe zu legen. Da schlief sie, mit der Hand auf seinem Bette, und während die Morgensonne emporstieg, saß ich allein wach und lauschte ihren schweren Atemzügen, während in mir alles stille und ruhig wurde, und ich rief nach einem Ende dieser Pein für uns alle. Ich saß da, bis meine Frau sich von ihrem Schlummer erhob. Dann wechselten wir die Plätze, und ermattet schlief ich ein, die Hand auf der Stelle, wo eben die ihre geruht hatte.

So vergingen ein paar Stunden, und die Sonne stieg höher und höher an einem klaren Sommerhimmel empor. Ich erwachte dadurch, daß meine Frau ihre Hand auf meinen Arm legte.

»Wache auf, Georg,« sagte sie. »Sven stirbt jetzt.«

Ich konnte nicht dort drinnen bleiben. Ich ging hinaus in den Garten; und in dem Gedanken, ihm eine letzte Freude zu bereiten -- ihm, der immer Blumen geliebt -- brach ich eine Rosenknospe, die schönste, die ich finden konnte, kehrte zurück und legte sie auf das Kissen meines Knaben, neben das Auge, das noch sehen konnte. Außer Stande, es länger ertragen zu können, ging ich wieder hinaus auf die Veranda. Von dort hörte ich, wie Svante hereinkam und sich an das Bett setzte. Aber ich drehte mich nicht um. Ich ging nur und horchte auf die langen, furchtbaren Atemzüge, die wie von einem erwachsenen Manne kamen und mir in die Seele schnitten. Da hörte ich einen Laut von meiner Frau, und ich wendete mich um.

Sven hatte das Auge aufgeschlagen und die Rose gesehen. Dann hatte er seine Hand nach der Blume ausgestreckt, sie aufgehoben, als wollte er ein letztes Mal die Rose sehen, und hatte sie dann zurück auf das Kissen fallen lassen.

Plötzlich wurde sein ganzer Körper von furchtbaren, langandauernden Krampfanfällen geschüttelt. Sie begannen beim Kopfe, der schräg gedreht wurde, und schienen sich bis in die Glieder fortzusetzen, die steif und bläulich wurden. Da senkte meine Frau das Haupt, um nicht sehen zu müssen. Aber als die Anfälle aufgehört hatten, weinte sie still, und wieder reichte sie mir über das kleine Bett ihre Hand.

So saßen wir dort drinnen, bis die Atemzüge aufhörten ... wieder kamen ... sich verlängerten, an Stärke zunahmen ... und aufhörten. Dann wurde Alles still. Das Schweigen des Todes herrschte. Gebeugt und weinend folgten wir den Flügelschlägen der Seele, die im Entfliehen war.

Wir hatten ihn Jedes an einer Hand gehalten, und auf einmal ließen wir die kalten Hände hinab auf die Decke sinken.

Dann ging meine Frau aus dem Gemache und suchte die Ruhe. Aber ich blieb sitzen und fühlte mit Entsetzen, wie stumm Alles geworden war.

* * * * *

Am Nachmittag kam Olof, und zusammen mit Vater und Mutter trat er von seinem ersten Ausflug in die Welt an das Bett, wo das kleine Brüderchen tot lag. Da weinte er männlich und still, und als er in den Speisesaal kam, zeigte ihm Svante ernst seinen Finger.

Der trug ein tiefes Zeichen, und Svante beschrieb, wie das kleine Brüderchen seinen Nagel hineingedrückt hatte, bevor es gestorben war. Er behielt dieses Zeichen mehrere Tage lang, und er vermißte es, als es verschwand.

20.

Es steht ein kleiner, gelber Sarg mitten im Zimmer, auf derselben Stelle, wo vor nicht langer Zeit ein Bett mit einem lebenden Kinde stand. Jetzt ist das Zimmer mit Rosen geschmückt. Man sieht beinahe nichts Anderes als Rosen, und durch die Thüre tritt ein einsames Weib.

Sie trägt ein Kind auf ihren Armen, und das Kind ist tot. Sie will nicht, daß irgend jemand Anderer als sie selbst ihren Liebling berühre, und mit ihren eigenen Händen, die nicht zittern, legt sie ihn in den Sarg. Ein kleines Hündchen aus Wolle, mit dem er zu schlafen pflegte, als er noch frisch und gesund war und Niemand an den Tod dachte, legt sie in seinen Arm. Es ist »Flocki«, der seinen Herrn begleiten will. Es ist ein friedlicher Schlafgefährte, der keinen stört. Dann sieht sie nach, ob ihr Knabe gut liegt, und ordnet sein Bett, als hätte er eben sein Abendgebet gesprochen und sie wäre gekommen, um ihm Gutenacht zu sagen. Sie sieht ihn an, als sollte ihr Herz brechen, und sie küßt seine kalten Lippen.

Dann geht sie ihrer Wege, und ich stehe da allein mit dem Deckel, den, wie ich ihr versprochen habe, kein Anderer als ich festschrauben soll. Ich schraube und schraube, und der Ton des Meißels gegen die Schrauben, die in das Holz eindringen, klingt schrill, so als knirschte ich selbst vor Schmerz mit den Zähnen.

Aber als es geschehen ist, fühle ich keinen Schmerz mehr. Es ist, als hätte die Angst der letzten Tage jede Möglichkeit, zu fühlen, in mir ertötet, aber wohin ich sehe, begegnet mein Blick nur Blumen.

Da gehe ich hinaus auf die Veranda, und der Duft des Kaprifoliums, der aus dem Dunkel emporsteigt, schlägt mir entgegen, derselbe Duft, der mich umgab, als ich die Finger meines Kindes die meinen mit der Macht des Todes umklammern fühlte. Alles in mir ist aufgelöst, alles ist vorüber. Ich denke an sie, die eben hinausging, und an alles, was folgen muß. Ich fühle, daß ich nie Zeit haben werde ihn so zu betrauern, wie ich wollte, meinen kleinen Knaben mit den Engelsaugen, und einsam beuge ich das Knie an seinem Sarge, ich, der ich nicht weiß, vor wem ich das Knie beuge und zu wem ich beten soll.

21.

Aber draußen auf dem Kirchhof liegt ein kleines Grab. Es ist wie ein Garten geordnet, mit einer Buchsbaumhecke, einem Rosenstock und einem Hügelchen mit frischem Gras, dessen Gipfel dicht mit Stiefmütterchen bedeckt ist. Es ist verschieden von allen anderen Gräbern, und darüber grünt eine einsame Linde.

Auf dem Hügel ist ein Stein, und auf dem Steine stehen die Worte: »Unser kleiner Sven.«

Da schläft unser Glück, das einstmals größer war als das Anderer. Da unter der Erde ist die Seele meiner Frau gefangen, mit Zauberbanden gebunden, und keine Liebe kann sie zur Erde zurückbringen.

Dritter Teil

Ewig besitzen wir nur das Verlorene.

Henrik Ibsen.

1.

Nichts von dem, was ich erwartet und gefürchtet hatte, blieb aus. Der einzige Unterschied war der, daß, während das Unglück immer größer wurde, ich nicht daran glauben wollte, trotzdem ich es geahnt hatte und wußte, daß es kommen würde. Denn daß der Schmerz kommen wird, das können wir Menschen wissen. Wie er wirklich kommt, wissen wir jedoch nie.