Das Buch vom Brüderchen: Roman einer Ehe
Part 10
Das Erste, was ich mit unaussprechlichem Entsetzen fühlte und verstand, als wenigstens so viele Tage verflossen waren, daß ich zur Ruhe kommen und über das, was wirklich geschehen war, nachdenken konnte, war, daß meine Frau nie so aus ihrem innersten Wesen gesprochen hatte, als da sie in meinem Zimmer vor mir saß und mir sagte, daß sie zum Unglück geboren sei, und daß sie jetzt, wo Sven dahin sei, nur lebe, um zu sterben. Immer von neuem wiederholte ich ihre Worte, immer von neuem hallten sie in meinem Ohr wieder, und je länger ich an sie dachte, desto gewisser wurde es mir, daß sie einen Kampf kämpfte zwischen dem Verlangen zu sterben und ihrer Liebe zu mir und ihren Kindern, die ihr gebot zu leben. Dennoch begann mehr und mehr alles das, was sie von ihrer Liebe zu uns gesagt, vor meinen Gedanken emporzusteigen und die furchtbaren Worte zu verdrängen, welche von einer Todessehnsucht zeugten, die beinahe ein Entschluß zum Tode geworden war. Ich sah sie hin- und hergerissen zwischen dem Gefühle, das sie an uns drei, die wir noch lebten, band, und der dunklen Sehnsucht, die sie zu ihm zog, der dahingegangen war. Wir waren ein Ganzes für sie gewesen, und daher kam ihr Leiden, sie fühlte, daß sie nie die streitenden Kräfte würde versöhnen können, die um ihre Seele rangen.
Ich sah all dies. Ich sah es während einer Reise, zu der ich sie fast gezwungen, um ihr den Anblick des Meers und der Sonne, neue Menschen und Eindrücke des Lebens zu geben. Nie vergesse ich diese Reise. Nie vergesse ich die Hoffnungslosigkeit, die sich meiner bemächtigte, als ich Woche für Woche immer deutlicher gewahrte, daß alles, was sie sah, an ihr vorbei glitt, als wäre es für sie nicht vorhanden. Sie verbarg mir viel, sie verbarg sogar ihre Thränen, und ich begriff, daß sie das that, weil sie sah, wie ich nur in der Hoffnung lebte, sie zum Leben zurückzuführen, und sie so gerne, so gerne wollte, daß ich solange als möglich diese Hoffnung beibehalte. Ich begriff dies eines Abends, als wir auf einer Veranda saßen und über die norwegischen Fjords und Fjells sahen. Elsa betrachtete lange alles, dann schloß sie die Augen vor dem Bilde, das sie liebte, und sah fort.
»Georg,« sagte sie, »Georg! Warum läßt Du mich all das sehen?«
Dann brach sie still in Thränen aus, aber versuchte wieder ihrem Weinen Einhalt zu thun und sah zu mir empor.
»Warum thust Du so viel für mich? Warum bist Du so gut gegen mich? Es wäre viel besser, wenn Du mich meinen eigenen Weg gehen ließest.«
Ich fühlte, daß ich vor einem Leiden stand, das sich nicht messen oder wägen ließ. Ich fühlte Reue, daß ich sie dem Schmerze entziehen wollte und daß ich sie es hatte merken lassen. Ueberhaupt versuchen, sie zu leiten oder auf ihren Kummer einzuwirken, schien mir in diesem Augenblick nur elend und klein. Ich zog sie bloß an mich und sagte:
»Weine bei mir! Weine so viel Du willst! Lege Dir keinen Zwang auf! Glaubst Du nicht, daß ich trauere wie Du?«
Die Thränen strömten aus ihren Augen, und doch war das Gesicht, das sie mir zuwandte, so freudestrahlend, als sei ihr das größte Glück widerfahren.
»Wirklich?« sagte sie.
Daß meine Frau glauben konnte, ich hätte schon vergessen oder sei auf dem Wege zu vergessen, ergriff mich so, daß mein Schmerz losbrach, und ich hörte und sah nichts Anderes, als was ich selbst fühlte und was mich quälte. Ich erzählte ihr, wie nüchtern unser ganzes Heim mir jetzt vorkäme, seit Sven gegangen war. Ich sagte ihr, welche Angst ich hätte, wieder heim zu kommen und die Arbeit des Alltagslebens zu beginnen, jetzt, da ich wüßte, daß seine klare Stimme mich nicht willkommen heißen und er selbst nicht mehr hinter der Thüre versteckt stehen würde, um mich zu begrüßen, wenn ich heim käme. All das sagte ich ihr, und ich fühlte, wie sie an meiner Brust ruhig wurde. Ich war glücklich in dem Bewußtsein, wie gemeinsam wir noch fühlen konnten. Aber ich begriff auch, daß ihre Furcht, ich teilte ihren Schmerz nicht so, wie sie wollte, von ihrer Ahnung kam, daß alles, was ich vornahm, alles, was ich that, dachte und sagte, in dem einzigen Versuche gipfelte, sie selbst zum Leben zurückzurufen.
Darüber dachte ich nun nach. Aber nach diesem Abend veränderte ich, wie ich selbst wohl wußte, mein Benehmen gegen meine Frau. Ich wurde resigniert und erwartete nicht, daß sie so bald ihre Gedanken von ihm, der dahingegangen war, uns zuwenden würde, die sie noch hatte. Dadurch wurde sie vertrauensvoller und offener gegen mich. Aber die Reise glitt an uns vorbei, als wäre alles, was wir gesehen, nur eine Einbildung gewesen. Freunde trafen wir, aber keine Teilnahme vermochte etwas Anderes als Dankbarkeit bei meiner Frau hervorzurufen, die Menschen glitten an uns vorbei, als wären wir selbst innerhalb einer Grenze gestanden, die keiner aus eigenem Willen überschreiten könnte.
Und die Ruhe, die wir erreichen konnten, fanden wir nicht früher, als bis wir eines Abends in unser neues Heim einzogen. Das war eine Wohnung in Stockholm, mit der wir das Haus auf dem Lande vertauscht hatten, in dem wir so viel Böses und Gutes erlebt. Wir hatten dies schon geplant, bevor wir ahnten, daß das, was uns jetzt widerfahren war, geschehen könnte, und mit einem Gefühl der Furcht vor dem Winter traten wir in unsere Zimmer.
Aber dennoch erlebten wir hier die ersten Tage der Erleichterung und der Ruhe im Schmerze. Tausendmal bereuten wir, daß wir je gereist waren und gleichsam unseren Schmerz mit uns geschleppt hatten, um ihn von fremden Menschen betrachten zu lassen.
2.
Auf dem Kirchhof steht ein kleiner Stein mit der Inschrift »Unser kleiner Sven«. Er ist auf den Hügel gelegt, der sich unter einer Linde wölbt deren Blätter schon lange gefallen sind. Am Stamm der Linde steht eine Bank, und auf der Bank sitzt eine einsame, schwarzgekleidete Frau mit langem Kreppschleier wie der einer Witwe. Sie sitzt lange da, und im Herbstlicht spricht sie mit einem, den Niemand sehen kann.
Sie befiehlt dem Kutscher, der in der Nähe des Grabes hält, zurück auf die Landstraße zu fahren. Und sie beugt sich hinab und sammelt in ihrem Taschentuch Erde von dem Grabe. Dann nimmt sie aus einem Nähtäschchen schwarze Seide, Nadel, Faden und Schere. Die Seide schneidet sie zu und näht einen kleinen Beutel. Dann nimmt sie von der Erde und füllt ihn. Sie drückt ihre Lippen auf die dunkle Erde, und als sie das gethan hat, näht sie den Beutel zu. Sie näht dicht und genau, so daß kein Körnchen verloren gehen kann, und an den Ecken des kleinen Beutelchens befestigt sie starke Schnüre. Dann packt sie ihr Nähzeug wieder ein und sitzt lange da, mit dem schwarzen Amulett in der Hand, und denkt daran, daß sie nun ihm geweiht ist, der im Grabe liegt.
Dann beugt sie das Knie unter den kahlen Aesten der Linde und küßt den Stein, der den Namen ihres Lieblings trägt. Stille und feierlich, als vollzöge sie eine heilige Handlung im Beisein vieler Menschen, hängt sie die Schnüre um ihren Hals, öffnet ihr Kleid und legt die heilige Erde an ihre Brust.
Die ganze Zeit über ist ihr Gesicht ernst, aber glücklich und hell, und bevor sie sich erhebt, küßt sie die Erde unter ihren Füßen und bleibt dann stehen, um einen Blick auf das Grab zu werfen. Ein Wald von kleinen Topfpflanzen blüht um das Grab, und frische Blumen sind auf den Hügel gelegt. Kein Grab ist so schön, so gepflegt, keines so reich geschmückt gerade jetzt, wo der Herbstwind die Bäume rüttelt.
Da lächelt sie vor Freude und spricht wieder leise und innig zu einem, den Niemand sehen kann. Dann geht sie zu dem Wagen, der am Thor des Kirchhofs wartet und fährt nach Hause.
Aber als sie heimkommt, geht sie geradeswegs zu mir herein, nimmt das schwarze Amulett heraus und sagt mir, was es enthält. Dann hält sie mir es hin und bittet mich, es zu küssen. Ich thue es, um ihre Freude nicht zu stören und mit einem glücklichen Lächeln birgt sie es wieder an ihrem Busen, indem sie sagt:
»Wenn Du wüßtest, wie glücklich ich mich fühle, wenn ich draußen bei Sven bin, würdest Du dich nicht kränken, daß ich so oft fahre. Ich werde für mehrere Tage ruhig, wenn ich nur zu ihm hinauskomme.«
Dann geht sie wieder und läßt mich allein. Und als ich nach ein paar Stunden von meiner Arbeit aufstehe und sie suche, finde ich sie bei Svens kleiner Kommode, wo sie die Dinge, die einmal ihm gehört haben, durch ihre Hände gleiten läßt.
3.
So kreisen ihre Gedanken stets um ihn, der tot ist, und es giebt nichts, das sie stören kann. Sie spricht davon, daß sie ihm bald folgen werde, und sie thut es in einem ruhigen, vertraulichen, besonnenen Tone, als müßte das die natürlichste Sache der Welt für Andere sein, so wie für sie selbst.
Manchmal pflegt sie hinzuzufügen:
»Ich möchte nur so gerne leben, bis die Knaben ein bißchen größer sind und mich nicht mehr brauchen.«
Dann kann ihr Gesicht einen verzweifelten, zerissenen Ausdruck annehmen, als wüßte sie, daß dieser Wunsch mehr ist, als sie hoffen oder verlangen kann, und ihre Stirne bekommt eine tiefe Falte zwischen den Augen, so, als ob das Grübeln ihr Schmerz verursachte. Sie fühlt, daß sie zwischen Leben und Tod wählen muß, wenigstens in ihren Wünschen, und sie kann es nicht. Darum will sie zuerst eine Zeitlang leben, um Denen, die am Leben sind, alles zu sein, was sie ihnen sein kann, und dann sterben, um bei ihm zu bleiben, dem sie sich angehörig fühlt. Sie sucht eine Versöhnung zwischen dem Verlangen zu sterben und dem Bedürfnis zu leben, und sie fürchtet Beides, weil das eine wie das andere um die Herrschaft in ihrer Seele ringt und jedes in seiner Weise sie grenzenlos quält. Gleichzeitig ahnt sie jedoch, welche der Mächte schließlich den Sieg davontragen wird, und darum fügt sie dies hinzu nicht als ein außerordentliches Ereignis, das Verwunderung und Staunen hervorrufen soll, sondern als etwas Selbstverständliches, das sie erlebt hat und das Niemand bezweifeln kann.
»Erinnerst Du Dich, wie ich sagte, daß ich nicht an ein Leben nach diesem glaubte?« sagt sie. »Du hast mich gelehrt, so zu glauben.«
Ihr Gesicht verdüstert sich, wie sie das sagt, und es kommt etwas wie Groll in ihre Stimme, das mir weh thut. Sie sieht es, und versöhnend legt sie ihre Hand auf die meine, indem sie fortfährt:
»Jetzt glaube ich daran, und jetzt weiß ich, daß man anfangen kann, ein solches Leben schon hier auf Erden zu leben. Dazu ist nur nötig, daß Jemand fortgeht, mit dem man so verbunden ist, daß man das Gefühl hat, als ginge die Seele mit. Beinahe jeden Abend kommt Sven zu mir. Er kommt nicht, wenn ich es will oder wenn ich ihn bitte zu kommen. Nicht, wenn ich weine und mich sehne, meine Arme nach ihm ausstrecke und seinen Namen rufe. Aber wenn ich es am wenigsten ahne, dann sehe ich ihn neben mir sitzen. Und wenn ich dann so recht ruhig und froh bin, dann lächelt er mir zu und sieht glücklich aus. Er sieht mich dann an, ganz wie er es zu thun pflegte, und bevor ich mich besinnen kann, ist er fort. Aber ich bin doch glücklich. Denn ich weiß, daß er bei mir gewesen ist. Er ist oft gekommen, wenn Du schliefst und ich wach lag. Mehr als ein Mal habe ich daran gedacht, Dich zu wecken. Aber ich habe nie gewagt, es zu thun. Denn ich fürchtete, daß er, wenn Du erwachtest, verschwunden sein würde, und dann würdest Du mir vielleicht nicht glauben, was ich gesehen.«
Sie betrachtete mich die ganze Zeit mit Scheu, als glaubte sie, ich würde ihr widersprechen. Ich thue es nie. Ich weiß ja selbst nicht, was ich glaube. Ich habe so furchtbare Erschütterungen durchgemacht, daß ich nicht zu sagen wage, was Wirklichkeit und was Schein ist in den Erfahrungen der Anderen. Weiß ich es nur von meinen eigenen? Weiß ich, ob nur das, was ich mit meinem Verstande erreichen kann, Wirklichkeit ist? Ist es nicht denkbar, daß es eine Wirklichkeit giebt, die nur mit dem Gefühl oder -- warum nicht -- mit der Einbildung erreicht werden kann? es kommt mir vor, als hieße es gleichsam mich selbst verstümmeln, wenn ich mein Gefühl und meine Phantasie dazu degradierte, nur dazu zu existieren, um von dem Verstande unterjocht zu werden. In Gedanken vergleiche ich es damit, wenn ich das Auge einen körperlichen Schmerz leugnen lassen wollte, weil er unsichtbar ist, oder das Ohr die Möglichkeit einer Geschmacksempfindung in Abrede stellen, weil sie nicht gehört werden kann. Und wie gut ich auch all die Argumente kenne, die gegen einen derartigen Gedankengang ins Treffen geführt werden, so ist es mir doch unmöglich, sie in diesem Falle geltend zu machen. Ich glaube weder, noch glaube ich nicht. Ich gehe gleichsam in der peinvollen Erwartung herum, einmal über das Klarheit zu erhalten, was ich nicht weiß.
Und dabei wächst in mir ein Gedanke, der in der Stunde Wurzel geschlagen, in der ich wußte, daß mein Kind sterben mußte. Ich begreife, daß, was auch all dies sein mag, Einbildung oder Wirklichkeit, es doch eines Tages meine Frau von mir nehmen wird. Sie ist mit meinem eigenen Leben verwachsen, und ich kann sie nicht missen. Gegen mein eigenes Glück, das ich einstmals so stark wähnte, daß ich von seiner Höhe auf das Anderer herabsehen konnte, erhebt sich die Macht, die das Schicksal alles Lebenden ist. Der Tod steht vor mir, wie er einmal vor dem kleinen Sven stand, auf dem Bilde, dessen Inhalt er immer als ein Märchen erzählt haben wollte. Die Glocke läutet, und der, der nicht von hinnen gehen soll, wird gerufen, und der, dem der Ruf nicht gilt, muß zurückbleiben. Der Unterschied ist nur der, daß ich den Tod aus der Ferne sehe, lange bevor er herangekommen ist, weiß, daß seine Glocke erklingen wird, und daß die, der sie erklingt, mit Freuden scheidet.
Aber ich will nicht thatenlos die Macht des Todes verfluchen. In mir wächst ein Verlangen, das höher geht, als mir selbst bewußt ist. Es ist dasselbe Verlangen, das, als die Gewißheit vom Tode des Kindes meine Frau zu Boden drückte, sie antrieb zu sagen: »Er soll nicht sterben. Er darf es nicht. Ich weiß, daß er nicht sterben wird.« In gleicher Weise sage auch ich zu mir selbst: »Ich will es nicht. Ich will sie nicht verlieren. Sie soll leben -- allem zum Trotz.« Ich merke nicht, daß ich das Unmögliche versuche. Die Kritik, die sogleich wach war, solange es sich um sie handelte, schlummert jetzt, wo es mir gilt. Ich will mit dem Tode kämpfen, um ihr und mein Glück zu behalten, so wie es einmal blühte, nicht, als das Leben uns entgegenlächelte, aber wenigstens, als wir seine Züchtigung empfangen hatten und doch wußten, daß es lächeln konnte. Ich wollte alles thun, um sie zurückzuerobern. Wie Orpheus wollte ich hinab ins Totenreich steigen, mit meiner Liebe wollte ich sie zwingen zurückzukehren, und folgt sie mir, werde ich mich gewiß nicht umwenden und zu den Schatten zurückblicken.
Das gelobe ich mir selbst, und ich erwarte nicht, daß der Lohn bald kommen wird. Im Gegenteil, ich bereite mich auf eine lange, harte Prüfungszeit vor, und ich weiß im Vorhinein, daß das Erste, was ich lernen muß, die Kunst des Wartens ist.
Aber ich bin so sicher in meinem Glauben, daß ich für mich lächeln kann, wenn ich ihre Rede vom Tode höre. Ich kann sie sagen hören, daß sie sich fortsehnt, und ihre Liebkosungen fühlen, wenn sie mich bittet, ihr zu verzeihen. Dann genieße ich die Liebkosungen und vergesse ihre Worte. Wie eine große, unendliche Gewißheit fühle ich, daß der Sieg unwiderruflich mein ist und nicht dessen, der in der Erde schlummert. Ich nehme ihn in meinen Gedanken zum Bundesgenossen, sage ihr sogar, indem ich auf ihren eigenen Gedankengang eingehe, daß sie leben muß, weil Sven will, daß sie lebt, ja, weil er es mir zugeflüstert hat, während ich schlief.
Sie hört mich mit verwunderten, glänzenden Augen an, und lange Zeit später -- so lange Zeit, daß ich mich nicht erinnern kann, was ich selbst gesagt habe -- erzählt sie mir, daß Sven auf ihrem Bett gesessen sei, in seinem neuen weißen Kleid mit der blauen Schärpe, und gesagt habe:
»Mama, Du sollst nicht so viel um mich weinen. Es thut mir so weh im Kopf, wenn Du weinst.«
Ich höre diese Worte, und ich klammere mich an sie wie an ein Omen. Hoffnungsvoller denn je träume ich von einer Zukunft, in der unser totes Kind ein stärkeres Vereinigungsband sein wird, als wenn es gelebt hätte, und ich gedenke mit Thränen in den Augen der Worte, die sie selbst mich einmal gelehrt:
Zusammen altern.
4.
Es war nichts Geringeres als ein Kampf mit dem Tode, den ich begonnen, und die Zeit, die folgte, wurde ein beständiger Wechsel zwischen der düstersten Verzweiflung und der hellsten Hoffnung. Das Schwerste unter solchen Verhältnissen ist natürlich die völlige Unthätigkeit, die darin besteht, bloß ruhig auf das zu warten, was kommen soll und geduldig alles der Zeit zu überlassen, während man gleichzeitig glaubt, daß alles, was geschieht, nur das Herannahen der Nacht beschleunigt, die man verscheuchen zu können hofft. Wie ängstlich beobachtete ich nicht meine Frau in dieser Zeit! Wie folgte ich ihr nicht auf ihren Fahrten zum Grabe! Und wie freute ich mich, wenn ich sie ruhig und fröhlich die Knaben um sich versammeln, ihnen erzählen und vorlesen sah, so wie nur sie es konnte, und wenn ich wieder ihre munteren Stimmen hören durfte, die durch einander klangen, wenn das Gelesene Anlaß zu einem dieser lustigen Kommentare gab, die es zu einem Feste machen, Kindern vorzulesen. Und wie konnte ich nicht beim Mittagstisch oder bei der Abendlampe nach dem angestrengten, abwesenden Ausdruck in dem Antlitz meiner Frau spähen, der wie eine Wolke kommen und uns alle stumm machen konnte.
Es war dann, als ginge ihre Seele plötzlich von uns fort und ließe uns allein. Die Knaben wechselten Blicke mit mir, Blicke, die deutlich sagten, daß sie, soweit ihr Alter es zuließ, ebenso wohl verstanden wie ich und ebenfalls litten, wenn es ihnen auch leichter fiel, die Gedanken zu zerstreuen. Svante stand auf und streichelte Mama, und er fühlte sich nicht zurückgestoßen, weil es ihm nicht gelang, ihre Augen zu erhellen. Er konnte nachher zu mir kommen und sagen:
»Mama thut mir so leid.«
Das war alles für ihn, und drum war er vielleicht ein besserer Tröster als ich.
Olof saß bei solchen Anlässen mehr still da und versuchte mit mir zu sprechen, als wäre alles, wie es sein sollte. Aber seine Augen folgten der Mutter, und ging sie hinaus, um allein zu sein, was oft geschah, wenn sie fühlte, daß sie uns nicht länger ansehen und mit uns sprechen konnte, dann pflegte er sich an ihre Thüre zu schleichen und dort lange zu stehen und zu horchen. Dauerte das Schweigen allzulange, so ging er sachte hinein, und geschah es, daß er abgewiesen wurde, dann kam er still zurück und setzte sich mit einer resignierten Miene nieder, als wüßte er, daß er nicht alles auf einmal verlangen könnte.
Es erging ihm wie mir, er hätte es als eine Erleichterung empfunden, wenn er nur gewußt hätte, was er thun sollte.
Und wenn wir drei zu solchen Zeiten allein saßen, dachten wir alle an das, was wohl hinter der verschlossenen Thüre vorging, wo meine Frau sich immer näher und näher zu der Grenze hinarbeitete, an der das Leben aufhört, wo sie sich zum Tode durchkämpfte.
»Wißt Ihr, woran Mama leidet?« sagte ich eines Tages.
Olof sah fort, ohne etwas zu sagen, aber Svante antwortete:
»Ja.«
Ich hätte übrigens nicht zu fragen gebraucht. Denn ich wußte, daß sie sie auf das vorbereitet hatte, was kommen sollte.
5.
Des Abends, wenn ich allein blieb, saß ich oft da und schrieb, um meine Gedanken zu zerstreuen oder überhaupt etwas vorzunehmen, an einer Art Tagebuch, das ich auf dem Grunde einer Schreibtischlade verwahrte, damit Elsa es nicht durch einen unglücklichen Zufall in die Hand bekäme.
Ich habe es jetzt wieder gelesen, und alles, was darin steht, scheint mir vor so langer Zeit geschrieben, daß ich kaum glauben kann, daß seither nicht einmal zwei Jahre verflossen sind. Aber wie ich darin lese, wird alles, was geschehen ist, lebendig und gegenwärtig, und ich fühle wieder die Martern der furchtbaren Illusion, die mich damals aufrecht hielt.
Tagebuch
4. September.
Ich sitze hier und denke an den kleinen Sven. Alles um mich ist stumm, und ich glaube ihn zu sehen, wie er in den letzten Tagen, in denen er noch aufsein konnte, über die Gartenwege ging, seine kleine, zärtliche Hand in der meinen, und in einem fort plauderte, während er mit seinen gedankenvollen Kinderaugen zu mir aufsah. Und wie ich mich in diese Erinnerung vertiefe, ist mir die Hoffnungslosigkeit, daß ich ihn niemals wiedersehen werde, so unsäglich bitter. Denn er war, ohne es zu ahnen, des Hauses Mittelpunkt. Er war es, der immer uns vier Großen entgegengelaufen kam und der die Räume mit seinem Gezwitscher erfüllte, wenn wir heimkamen. Um ihn versammelten wir uns bei jeder Kleinigkeit, die Freude bereitete, um zu erfahren, was er dazu meinte. Jetzt geht sein Vater umher und muß sich hart gegen die Erinnerung machen, um nicht zu versagen und um alles Andere aufrecht zu erhalten. Darf nicht einmal zu viel denken. Nicht einmal trauern. Denn dann würde alles in die Brüche gehen.
Kam er, um seine Mutter zu holen und uns Alle in Betrübniß zurückzulassen? Oder kam er, um zu gehen, so still und schön wie er ging, und uns Alle durch seinen Tod des Lebens große Kunst zu lehren?
16. Oktober.
Ich habe an alles gedacht und alles gesehen, und ich weiß jetzt, um was der Kampf gekämpft wird. Tag für Tag habe ich gesehen, wie es nur schlimmer geworden ist. Und es ist keine Freude, klar zu sehen. Es ist ein Leiden. In dieser Zeit habe ich jede Einzelheit verfolgen können, und ein Wort oder ein Blick konnte mich bis in mein innerstes Wesen erzittern machen, weil ich wußte, was er zu bedeuten hatte. In meiner Anwesenheit und der der Knaben habe ich sie gleichsam abfallen und Gespräche mit einem Unsichtbaren führen sehen. Bis aufs Aeußerste habe ich jeden Nerv anstrengen müssen, um in ihren Augen den Blick zu erzwingen, der zeigte, daß sie sich bewußt wurde, daß sie nicht allein war. Ich habe sie selbst alles fühlen und verstehen sehen, sie ahnen und wissen sehen, was in ihr lauerte. Sie hat sich in Angst vor mir niedergeworfen und mich gebeten, sie nicht wegzuschicken -- sondern ein wenig Geduld zu haben.
Ich leide furchtbar darunter, ihren Kampf zu verfolgen, und dennoch weiß ich, daß das, was jetzt meine Qual ausmacht, nur eine andere Seite derselben Eigenschaften einer reichen und machtvollen Natur ist, deren Wellen hoch gehen wie die des Meeres -- derselben Eigenschaften, die mir einst alles Glück und allen Jubel der Welt geschenkt.
30. Oktober.
Die furchtbare Spannung fängt an, vorüberzugehen, und meine Frau befindet sich von Tag zu Tag besser. Nach dem Dunkel des Winters werden wohl einmal die Tage länger und die Stunden lichter.
8. Dezember.
Es ist lange her, seit ich mein Tagebuch berührt habe. Aber das kommt daher, daß ich gearbeitet habe. Ich habe ein Theaterstück geschrieben, und es ist wunderlich zugegangen. Mitten in Korrekturen und Arbeit aller Art, in der Kränklichkeit meiner Frau und einer Nervosität, die mir mein ganzes Wesen wie eine Bogensaite gespannt erscheinen ließ, bin ich des Morgens aufgestanden und habe mir die Zeit zum Schreiben gestohlen. Ich habe Nacht für Nacht bis zwei Uhr geschrieben. Ich habe Whisky getrunken, um mich wach zu erhalten. Ich bin mitten in der Arbeit ausgegangen und habe soupiert, um Lärm zu hören und Gesichter von Menschen zu sehen, mitten in einem fieberhaften Leben zu sein, es um mich wogen und meine Schläfen brennen zu fühlen.
Aber das Stück wurde fertig, und ich fühle nur eine große Mattigkeit. Was ich erreichen will, ist jetzt wahrlich weder Ruhm, noch Schriftstellerfreude. Ich habe das Gefühl, als lebte mein Hirn allein auf Kosten des ganzen übrigen Körpers. Ja, es ist schade, daß der Tag nur vierundzwanzig Stunden hat, wenn es gilt, das Unmögliche zu erreichen.
17. Dezember.