Das Buch vom Brüderchen: Roman einer Ehe

Part 11

Chapter 113,932 wordsPublic domain

Es ist mir, als ob, ohne daß ich es klar weiß, alles, was ich erlebt habe und lebe, war und bin, in irgend einer wunderbaren Weise einer Erfüllung entgegenginge, die sich vollzieht, ohne daß ich einen Finger rühren kann. Während all dem lebe ich mein gewöhnliches Leben, und ich glaube nicht, daß Jemand mich eigentlich verändert findet. Ich bin froh, wenn ich herauskomme und Menschen treffe, sogar ausgelassen. Denn das lindert.

Aber daheim lebe ich mein wirkliches Leben. Und unablässig habe ich dort das Gefühl, als glitte über sie und mich etwas von dem, wovon ich einmal selbst in einem ganz anderen Zusammenhang geschrieben habe, daß es »größer als Glück und Unglück« ist, etwas von dem, das keinen Namen hat.

In all dem ist natürlich meine Frau der Mittelpunkt. Ob sie der Gesundheit oder dem Untergang entgegengeht, weiß ich nicht. Dies scheint mir jetzt etwas zu sein, in das ich nicht eingreifen kann. Es kommt mir zuweilen vor, als stünde ich außerhalb, als hätte ich keinen Teil daran und könnte es niemals erreichen. Und in all dem ist keine Ueberspanntheit, nur eine resignierte Sehnsucht, die farblos ist.

25. Januar.

Meine Frau hat sich heute ans Klavier gesetzt. Singen will sie wohl noch nicht, aber ich habe doch wieder Musik in meinem Heim gehört, und die Melodieen von einst haben unseren Sinn gleichsam auf einen neuen, helleren Ton gestimmt. Ueberhaupt ist in letzter Zeit etwas Neues über sie gekommen, etwas Neues, das mehr verspricht, als das Frühere. Sie ist zum Leben erwacht und ist mit uns Andern wie zuvor. Noch nicht so recht vielleicht. Aber ich fühle, wie sie uns mit jedem Tage näher kommt. Zuweilen glaube ich, was sie sagt, daß all das kommt, weil sie weiß, daß sie nun bald scheiden wird und daß diese Hoffnung sie aufrecht hält. Aber zuweilen glaube ich, daß wenn es auch jetzt so sein mag, all dies doch auf dem Wege ist, in etwas Größeres hinüberzugleiten, das sie selbst mit Verwunderung und Angst spürt, aber nicht glauben will.

Wie es damit ist, weiß ich nicht. Aber ich weiß, daß ich jetzt nicht verzweifelt bin, wie ich früher war. Denn jetzt lebe ich unter dem Schicksal, das das meine ist und das -- geschehe was da will --, so wie ich es jetzt sehe, nichts Häßliches in ihr Leben und in das meine bringen kann. Das hatte ich gefürchtet.

19. Februar.

Ich halte das nicht länger aus. Ich habe Schwarz und Schwarz und Schwarz um mich gesehen, so daß ich in Raserei gerate, so wie ich nur mich selbst in einem Spiegel erblicke. Und das Beste ist, daß meine Frau selbst anfängt, ein wenig von alledem zu fühlen.

26. März.

Ich gehe nur und warte darauf, daß der Winter wirklich zu Ende geht, so daß wir von hier fortkommen. Eine Apathie höchst wunderlicher Art beherrscht mich, und ich habe manchmal Angst, daß dieser Winter mich gebrochen hat. Was der Sommer bringen kann, ist vielleicht auch nicht gerade etwas, worauf man Erwartungen setzen kann. Wir zogen nach Stockholm herein, oder richtiger wir mieteten eine Wohnung, als wir glaubten, daß alles uns vorwärts tragen würde, wenn auch langsam. Wie es geworden ist, wäre es besser gewesen, wir wären auf dem Lande geblieben, in der Abgeschiedenheit, die für uns das Beste zu sein scheint. Hier ist es einsamer als dort.

Die Sorge wirkt verscheuchend.

31. Mai.

Heute ist unser Hochzeitstag. »Im wunderschönen Monat Mai.« Ich kann es nicht lassen, etwas aufzuzeichnen, wie kindisch ich auch selbst fühle, daß es ist. Es sind nämlich heute vierzehn Jahre, daß wir verheiratet sind, und das Jahr, das vergangen ist, war das schwerste. Das, was vergangen ist, war ja das dreizehnte -- das Unglücksjahr _par préférence_. Es ist, als glaubte ich, daß Jemand oder etwas von nun an unseren Weg ebnen wollte, oder als fühlte ich, daß etwas in mir der Heilung nahe sei. Und all dies, weil mir eine Ziffer eingefallen ist, die unter normalen Verhältnissen sicherlich spurlos an mir vorübergegangen wäre.

25. Juni.

Die Tage verstreichen, während ich umhergehe und denke, daß ich anfangen sollte, zu arbeiten. Aber die Schmetterlinge der Dichtung flattern nur unruhig über etwas umher, das öde und verbrannt ist. Zuweilen will es mich bedünken, als könnte ich ihrem Fluge folgen. Aber dann erinnert mich die Wirklichkeit wieder an das, was ist, und alles verdunkelt sich.

Könnte ich nur stets so sein, daß meine Frau nichts merkte. Könnte ich gleichmäßig und froh sein oder es wenigstens scheinen. Aber ich kann es nicht, und ich weiß, daß sie nicht nur über sich selbst trauert, sondern auch über den Schmerz, den sie mir verursacht. Es muß furchtbar sein, so herumzugehen wie sie und nichts zu können, nichts zu vermögen, und bei dem Geringsten zusammenzubrechen, das ihr Unruhe oder Schmerz verursacht. Einhergehen und über den Tod grübeln, von dem sie glaubt, daß er kommen wird, der aber nicht kommt. Dreifach entsetzensvoll muß es sein, zu alledem dem Menschen, den man am meisten liebt, unsägliches Leid zuzufügen und nichts thun zu können, um es zu lindern.

Sie kann zuweilen dasitzen und mich ansehen, wenn sie glaubt, daß ich es nicht merke, und dann kommt in ihr Antlitz ein solcher Ausdruck der Verzweiflung, daß er mir in die Seele schneidet.

Gestern kam sie und setzte sich neben mich und legte ihre Hand auf die meine.

»Wenn Du nur mich nicht hättest,« sagte sie, »um wie viel glücklicher würdest Du da sein!«

Ich weiß, daß sie an die Wahrheit ihrer eigenen Worte glaubte, und meine Antwort konnte wohl für einen Augenblick ihren Glauben erschüttern und ein Aufleuchten der Hoffnung in ihre Augen locken, aber sie konnte ihr nicht die sichere Ueberzeugung wiedergeben, daß sie unentbehrlich sei und daher leben müsse.

6.

Wenn ich diese Blätter lese und sehe, wie ich zwischen Hoffnung und Furcht geschwankt habe, begreife ich nicht, daß das, was diese Zeilen erzählen, wirklich wahr sein kann. Und doch muß es so sein. Denn _scripta manent_. Und wie unvollständig und fragmentarisch diese Aufzeichnungen auch sein mögen, erzählen sie mir doch mit voller Gewißheit, daß ich damals mehr hoffte, als ich jetzt fassen kann, wo alles seine Erklärung und sein Ende gefunden hat.

So viel begreife ich, daß in diesem Winter, zu dessen Erinnerungen ich nicht mehr zurückkehren will und kann, mein Glück darin bestand, daß ich schließlich etwas fand, was, wie ich glaubte, dazu beitragen konnte, meine Frau zu retten. Welches Glück war dies nicht! Nicht mehr ein unthätiger Zuschauer sein zu müssen, eingreifen, wirken, arbeiten zu können, mit einem bestimmten Ziel vor Augen, einem Ziel, das man wenigstens glaubt erreichen zu können. In der Jugend würde eine solche Glücksquelle vielleicht arm und gering erscheinen. Aber wenn die Jahre das Haar ein wenig grau gesprenkelt haben, begnügt man sich mit Geringerem als früher. Man kann dann leben und leiden, wenn man glaubt, daß es in dem Bereiche der Möglichkeit liegt, Besserung zu schaffen, und man kann in dem bloßen Bewußtsein einer solchen Möglichkeit etwas finden, was beinahe dem Glück gleicht.

Für mich kam diese Hilfe in demselben Moment, in dem die Ahnung, die ich schon lange gehabt, daß das Stadtleben für den Zustand meiner Frau verderblich sei, sich immer mehr zu wirklicher Ueberzeugung steigerte und sich schließlich in den Entschluß umsetzte, sie daraus loszureißen und zum Lande zurückzukehren, das wir nie hätten verlassen sollen. Der Arzt bestärkte mich auch in diesem meinem Entschluß, und als ich das erste Mal diesen Plan meiner Frau als eine bloße Möglichkeit vorlegte, leuchtete ihr ganzes Gesicht auf, als hätte ich ihr die Freuden des Paradieses versprochen, und sie sagte nur:

»Kannst Du das für mich thun? Willst Du das?«

Diese Worte regten mich zu Handlung und Leben an, und in allem Zweifel, aller Unruhe und allem, was ich früher geschildert und erzählt habe, allem, was mich zu Boden drückte, glänzten mir diese Worte wie Sterne durch die Dunkelheit entgegen und feuerten mich zu der letzten großen Anstrengung an, die, wie ich hoffte, uns allen die Freude in unserem Heim wiederschenken sollte. Je mehr ich daran dachte, desto wahrscheinlicher kam es mir vor, daß ich hier das »Sesam öffne dich« gefunden hatte, das meiner Frau den Weg bahnen sollte, wieder dem Leben anzugehören. Wie ein Mann, der glaubt, einen Talisman gefunden zu haben, der ihm die Macht giebt, Wunder zu wirken, setzte ich meine ganze Zuversicht auf diesen Plan, und als wir endlich in die kleine Villa gezogen waren, die hoch oben mit der Aussicht über Fjords und Wälder lag und wo die Blätter der Espen vor dem Fenster zitterten, an dem meine Frau sitzen und mich sehen würde, so oft ich von meiner Arbeit heim käme, da fühlte ich mit Gewißheit, daß nun die Lösung gefunden sei. So wunderlich mir dies auch jetzt erscheinen mag, ich war ganz von der Gewißheit durchdrungen. Ich glaubte, und ich war unaussprechlich glücklich in meinem Glauben.

Nie habe ich mich auch hoffnungsfreudiger gefühlt, wie als diesen Winter der Schnee zu fallen begann und wir dieses eigentümlich heimliche Gefühl empfanden, von allen und allem abgeschlossen zu sein, das dem nordischen Himmelsstrich eigen ist. Vom Dachboden bis hinab zum Keller stand unser neues Heim fertig, und wie früher, das Ganze ordnend und die Zimmer mit all den kleinen Erfindungen und Gegenständen schmückend, die hervorzuzaubern das Geheimnis des Weibes ist, ging meine Frau wieder zwischen uns umher. Die lauten Stimmen der Knaben hallten in den Zimmern wieder, ohne daß Jemand sie zu dämpfen brauchte. Die Kanarienvögel sangen und trillerten, ohne daß Jemand das nächtliche grüne Tuch über ihr Bauer hing. Der Pudel bellte zu dem Spielen und Balgen der Knaben. Und das Klavier war nicht mehr verschlossen.

Das kam eines Abends, als ich es am wenigsten ahnte. Ohne mit einem Worte ihre Absicht zu verraten, kam Elsa hinab in das Wohnzimmer und setzte sich an das Klavier. Sie sah mich an, als sie an mir vorbeiging, und ich begriff, wie glücklich sie war, daß sie ihrem eigenen Wunsche folgen konnte. Seit Sven gestorben war und sie nicht mehr seine klare Stimme zu den Tönen des Klaviers hören konnte, hatte meine Frau nie die Lieder singen wollen, denen so oft nur er allein gelauscht hatte. Kaum meinen eigenen Sinnen glaubend, sah ich sie am Klavier sitzen, hörte sie einen Ton anschlagen, und gleich darauf klangen die Töne durch das Gemach.

Mein weißer Schwan, Du stummer, stiller, Nicht Schlag, nicht Triller Zeigt Stimme an.

Und der Schluß:

Mit schmerzlicher Ode Schloßt Du die Bahn, Du sangst im Tode: Du warst doch ein Schwan.

Weder früher noch später habe ich dieses Lied so gehört. Während sie sang, kamen die Knaben sachte herein, nach einander kamen sie und blieben stumm in der Thüre stehen. Sie sahen mich verwundert an, als glaubten auch sie ihren Sinnen nicht, und ich nickte zur Antwort, während meine Augen feucht wurden. Als die letzten Töne verklungen waren, war es still im Zimmer, aber still wie zu einer Feierstunde.

Meine Frau stand auf und schloß den Flügel.

»Ich kann heute nicht mehr,« sagte sie wie zur Entschuldigung.

Aber dann sah sie uns alle an und begriff, welche Freude sie hervorgerufen. Ihr Gesicht leuchtete auf, sie ging an mir vorbei und auf die Knaben zu, zog sie an sich und drückte beider Köpfe an ihre Schultern.

»Dankt dem kleinen Brüderchen,« sagte sie. »Er hat mir geholfen.«

Sie sagte das nicht krankhaft wie früher, nicht in dem beinahe feindlichen Ton, den sie angeschlagen, wenn sie glaubte, daß wir Lebenden sie hinderten, dem Toten anzugehören. Sie sagte es weich und stille und beinahe glücklich, mit einem Ausdruck, als nähme sie Abschied von etwas Vergangenem, das niemals wiederkommen sollte.

7.

Hinter dem Schlafzimmer lag ein kleiner Raum, der ursprünglich als Toilettezimmer gedacht war, den man aber aus irgend einem Grunde nicht eingerichtet hatte. Er war sehr unregelmäßig, die Fenster saßen hoch oben, und das Licht war trüber als in den andren Zimmern.

Da wohnte der kleine Sven. Da war sein Gemach, und dieses Gemach war verschlossen.

Niemand durfte meiner Frau helfen, dieses Zimmer zu ordnen oder dort aufzuräumen. Sie allein mußte alles thun. Da hängte sie helle Gardinen vor das kleine Fenster, und in die Fensternische hinter die Gardine stellte sie einen Tisch. Für diesen Tisch nähte sie ein Tuch, das aus demselben Stoff war wie die Vorhänge, und auf dem Tisch standen Svens Spielsachen. Da war ein Pferd, das einen Wagen zog, ein paar Zinnsoldaten und ein Zelt. Da war Svens weiße Kaffeetasse mit dem Goldrand, seine Sparbüchse, ein kleiner Säbel und ein Czako. Da war alles, was er zurückgelassen, seine ganze kleine Hinterlassenschaft. Unter dem Tisch standen zwei Holzpferde, von denen das eine seine Mähne ganz verloren hatte, und vor dem Tisch stand ein kleines, niedriges Holzstühlchen, das Sven bekommen hatte und das er sich durch die Zimmer zu tragen pflegte, wenn er so recht vergnügt war und Mama dazu bekommen wollte, ihm Märchen zu erzählen.

Aber mitten unter den Spielsachen standen kleine und große Portraits in Rahmen, und an den Wänden so nahe als möglich vom Lichte hingen andere. Da waren Bilder von Papa und Mama, von den Brüdern und von der ganzen Familie. Da war das Portrait von Sven in seinem langen Kittelchen und von Sven in dem kleinen Pelz, wie er auf einer Bank stand und gegen die Sonne blinzelte, die über den Schnee leuchtete. Aber alle Bilder waren aus der Zeit der Jugend und des Glücks, als noch nichts geschehen war, das an den Banden reißen konnte, die uns noch alle vereinten. Und allein, ganz für sich, hing auf einem Vorsprung der Mauer die Abbildung von Spangenbergs Bild vom Tode, über das der kleine Sven gegrübelt und dessen Geschichte seine Mama ihm lange vor dem Tag erzählt hatte, an dem er selbst mehr davon erfuhr, als die Großen je erzählen können.

Und dann stand noch etwas da. Das war eine kleine, dunkelgebeizte Kommode, die Sven einmal bekommen hatte. Die hatte ihre kleine Geschichte, denn in früheren Zeiten hatte sie Papa gehört. Da war sie gelb und hell gewesen, aber seither hatte sie viel Schicksale durchgemacht, und als sie in Svens Besitz überging, bekam sie ihre neue Farbe. Aber in ihren drei Laden lagen all die Dinge, die Erinnerungen an den Kleinen bargen und nicht herumliegen durften. Da wurde sein letztes Hemdchen verwahrt und das letzte Paar Strümpfe, das er getragen hatte. Da lagen seine kleinen Notenhefte »Sing uns was, Mama,« die nie mehr unten auf das Notenpult im Wohnzimmer kommen sollten. Da wurde sein letztes, schönes, weißes Sommerkostüm aufgehoben, mit der schönen, blauen Schärpe und der Rosette in der gleichen Farbe auf der weißen Mütze. Da lagen seine kleinen, braunen Schuhe, und die Bücher des kleinen Sven. Da war auch Papas eigenes Buch von den großen Brüdern, Mamas eigenes Exemplar, das Sven sich erbettelt hatte, als er Papa bat, ein Buch nur über Nenne zu schreiben.

Das war Svens Zimmer, und hier war Elsas Heiligtum. Jeden Abend ging sie dort hinein, und jeden Morgen saß sie da, bevor sie mit Anderen sprach. Nie war sie glücklicher, als wenn Papa auch hineinging und drinnen blieb.

Dort wohnte auch Sven, und was da gesprochen wurde, weiß Niemand. Auch wenn Elsa etwas davon erzählte, war das, was sie sagte, nichts gegen die Worte, die dort drinnen zwischen ihr und der Welt des Unbekannten gewechselt wurden.

»Du glaubst ja nicht daran,« sagte sie eines Tages zu mir. »Aber ich fühle es.«

»Woher weißt Du, daß ich nicht glaube?« antwortete ich.

Sie blickte mich mit großen, verwunderten Augen an.

»Du kannst nicht glauben wie ich,« sagte sie. »Denn du zweifelst gleichzeitig, ob es möglich ist. Aber ich weiß es, und ich zweifle nicht mehr.«

Eine Erinnerung tauchte in mir auf, die Erinnerung an die Stunde, in der sie mir vorwarf, daß ich ihr ihren Glauben an die Wirklichkeit des Uebersinnlichen genommen. Ich begriff, daß sie ihren gegenwärtigen Glauben brauchte, daß sie ihn immer gebraucht hatte, daß er mit ihrem innersten Wesen so tief und ganz zusammenhing, daß ihr vielleicht viel Leiden erspart geblieben wäre, wenn man diesen Glauben niemals erschüttert hätte. In gleicher Weise wußte ich bei mir selbst, daß ich den Glauben an eine Fortdauer nach dem Tode nie ganz von mir geworfen hatte. Ich hatte kritisiert, untersucht, ja gestrebt, diesen Gedanken in meinen eigenen Augen unmöglich zu machen. Aber ich hatte das vielleicht hauptsächlich in der Hoffnung gethan, daß mich gerade dieses Suchen schließlich zu der Ueberzeugung vom Gegenteil führen würde. Diese Ueberzeugung war nie gekommen, aber mit den Jahren hatte das, was ich von dem Künftigen dachte, eine Veränderung durchgemacht. Der Unsterblichkeitsgedanke war und blieb für mich allerdings nur eine Möglichkeit, aber mehr und mehr hatte er die Form von etwas Mattem und Mildem angenommen, dem ich mich näherte, ohne recht zu wissen, wie. Schritt für Schritt hatte ich die Möglichkeit einer solchen Ueberzeugung in mir wachsen gefühlt, und was ich im letzten Jahre durchlebt, hatte mein Gefühl von dieser Möglichkeit genährt, die mein Verstand noch immer weder annehmen noch verwerfen konnte.

Gleichzeitig schien es mir, als stünde ich allein in all diesem, und als wollte oder könnte meine Frau nicht sehen, was hierbei in mir vorging. Aber, als sie mir diese Worte sagte: »Du zweifelst gleichzeitig, ob es auch möglich sei,« da wurde es mir klar, daß sie mich mißverstehen mußte, weil ich selbst nichts gesagt hatte. Wie hatte ich über all das schweigen können? Wie konnte ich vergessen, daß, was ich hier wirklich zu sagen hatte, sie sicherlich mit dem höchsten Glück erfüllen mußte? In einem Nu wollte ich gutmachen, was ich verbrochen zu haben glaubte, und ich erinnerte sie darum an den Tag, an dem sie gesagt hatte, daß sie glauben wollte wie ich, denken wie ich, leben wie ich.

»Ich will, daß Du es einmal erfährst,« sagte ich. »Es sind nun seither Jahre vergangen. Aber nie habe ich etwas derartiges von Dir verlangt. Nie habe ich gewollt, daß Du etwas in Dir um meinetwillen verändern solltest. Deine Liebe hat Dir diesen Gedanken eingegeben, nicht ich.«

Sie sah vor sich hin, als schweiften ihre Gedanken grübelnd in ferne Vergangenheit.

»Ich glaubte, Du wolltest, daß ich werden sollte wie Du,« sagte sie.

»Nie,« antwortete ich, »nie habe ich etwas derartiges gewünscht. Ich wollte mit Dir über das, was ich dachte und fühlte, sprechen können. Aber ich wünschte, daß Du es mir gegenüber ebenso machtest. Ich habe es vermißt, daß Du es nicht gethan hast.«

Ich sah, daß in all dem etwas enthalten war, das sie quälte, mehr als Worte es schildern können. Aber ich ahnte nicht, was es war.

»Ich habe immer gedacht, Du wollest mich Dir ähnlich haben,« sagte sie.

»Das habe ich gedacht und auch Anderen gesagt. Als ich glaubte, daß ich nicht mit Dir sprechen könne, habe ich zu Fremden gesprochen.«

Das Letzte fügte sie mit einem Tonfall hinzu, als hätte sie etwas unüberwindlich Abstoßendes ausgesprochen, dessen sie sich schämte.

»Wie habe ich Dich so mißverstehen können?« sagte sie.

Und indem sie ihren Arm um meine Schulter schlang, sah sie mir in die Augen und fragte:

»Du bist nicht böse, wenn Du mich zu Sven hineingehen siehst?«

»Böse?«

Ich mußte sie mit einer Miene des Erstaunens betrachtet haben, die nicht mißzuverstehen war. Denn sie fragte nicht mehr. Ohne ein Wort zu sagen, wendete sie sich ab und ging in Svens kleines Zimmer. Sie verweilte lange darin, und als sie wiederkam, sah ich, daß sie geweint hatte, aber nicht aus Kummer.

Aber während ich allein saß und auf sie wartete, mußte ich daran denken, daß sie nie früher in meiner Gegenwart die Thüre des kleinen Gemaches geöffnet hatte und hereingegangen war, um ihre Andacht zu verrichten. Und zugleich wußte ich, daß, seit Sven gestorben war, ich ihr nie so nahe gekommen war wie jetzt.

8.

Warum konnte nicht alles so weitergehen, wie es begonnen hatte? Warum kam das, was ich nicht gefürchtet, und wuchs zu einer gefährlicheren Macht für mich und die Meinen heran, als irgend etwas von dem, was ich früher gefürchtet hatte? Man könnte ebenso wohl fragen, warum geschieht nicht alles, was der Mensch wünscht? Oder warum liegt es nicht in seiner Macht, die Entwickelung des Lebens so zu gestalten, wie er selbst will?

Es lag zwischen meiner Frau und mir in dieser Zeit, trotz aller Zärtlichkeit und allen Verständnisses, dennoch ein gewisses Etwas, das uns trennte. Dies lag nicht in theoretischen Meinungsverschiedenheiten. Auch war es nicht der Art, daß es uns hinderte, uns stets zu begegnen, uns stets zu suchen, uns stets Einer an des Anderen Gegenwart zu freuen. Es war ganz einfach eine Verschiedenheit in unserer Art, alles zu nehmen, was in dieser Zeit geschah und zwischen uns vorging. Für sie war all das ein Abschied, bei dem sie sich immer mehr dem Ueberschreiten jener Grenze näherte, von der niemand wiederkehrt. Mir schien es wie eitel Verheißungen, daß unser Leben aufs neue beginnen und meine Frau zu mir, zu uns allen, zum Leben selbst zurückkehren sollte.

Aus allem, was geschah und wovon mir damals vieles dunkel und unerklärlich schien, habe ich verstanden, daß darin der eigentliche Erklärungsgrund für ihr Schicksal und das meine lag, die ganze Erklärung dessen, was war und was kommen würde, und ich hätte verzweifeln müssen, wenn ich das alles damals so klar gesehen hätte, wie ich es jetzt sehe. Ich meinerseits begehrte, daß meine Frau ihre Todesgedanken aufgeben und um meinetwillen den Weg durchs Leben wieder aufnehmen sollte, auf dem sie gleichsam gelähmt stehen geblieben war, als Sven starb. Sie wieder wünschte, daß ich einsehen möchte, daß sie unwiderruflich den Schritt ins Jenseits gethan, als ihr Engel, wie sie ihn immer nannte, dahinging. Sie wünschte, daß ich das so tief verstünde, daß meine Aufgabe nur die wäre, wie ein Freund an ihrer Seite zu schreiten und ihre Hand zu halten im Mitgefühl der Finsternis, die kommen mußte und nach der sie selbst trachtete. So tief liebten wir uns, daß Keines von uns den Traum aufgeben konnte, den Gedanken des Anderen mit seinem eigenen übereinstimmen zu sehen. Darum konnte Keiner den Anderen seinen eigenen Weg gehen lassen und resigniert das Loos des Lebens entgegennehmen, das Einsamkeit heißt. Darum konnte auch Keiner umhin, Bitterkeit zu empfinden, als er merkte, daß seine Hoffnung fehlschlug. Darum fühlte sie mein Bemühen sie dahin zu führen, wohin sie nicht wollte, so wie ich ihren Widerstand fühlte, und darum war unser ganzes Leben im eigentlichen Sinn des Wortes ein Kampf um die Liebe und ein Kampf auf Leben und Tod.

So lange hatte ich im Schatten des Todes gelebt, daß ich es nicht einmal für möglich hielt, daß irgend ein anderer Zustand mir beschieden sein könnte. Ich war damit vertraut geworden wie der chronisch Kranke mit seinen Schmerzen. Der Schatten kam nicht nur von dem kleinen Toten, der dahingegangen war, sondern auch von ihr, die gehen wollte. Er kam nicht nur von dem, was wir hinter uns gelassen. Er harrte unser auch in dem, was kommen sollte, was vor uns lag. Die beiden Schatten begegneten sich auf dem Punkte des Lebenswegs, auf dem wir jetzt angelangt waren. Die beiden Schatten umschlangen mein ganzes Leben, und meine Schuld war, daß ich es nicht vermochte, die Sonne vom Himmel zu reißen, um den einen Schatten zu vertreiben.

Dies war meine Schuld und meine Illusion. Denn mit sehenden Augen sah ich nicht. Mit hörenden Ohren hörte ich nicht. Ich sah bloß meinen eigenen Wunsch, hörte bloß die Laute der starken Lebenssehnsucht meines eigenen Traumes. Und doch wußte ich, daß nur in der Sage der Wille eines Mannes die Toten ins Leben zurückzurufen vermag. Ja, selbst die Sage läßt ihn gegen die Götter sündigen, dadurch, daß er das Uebermenschliche versucht; sie läßt ihn sich nach dem Reiche der Schatten umsehen, nur damit sie, um derentwillen er das Unmögliche versucht, auf ewig in die Nacht des Orkus zurücksinke.

9.