Das Buch vom Brüderchen: Roman einer Ehe

Part 12

Chapter 124,074 wordsPublic domain

Der Frühling kam spät in diesem Jahr; der Frühling, auf den ich wie auf den Glücksbringer und Befreier gehofft, machte Miene, gar nicht kommen zu wollen. Kalt und hart lag der Boden da, nackt bogen sich die Zweige der Bäume vor unseren Fenstern in einem eisigen Wind. Schneemassen thürmten sich noch Ende April, und wenn die Sonne einmal schien, blies der Nordwind, die eisige Luft vom bottnischen Meere mit sich führend.

Zu dieser Zeit kam eine Erkältung hinzu und warf meine Frau wieder auf das Krankenlager. Wochenlang hatte sie zu Bett gelegen, und in diesen Wochen hatten wir das Schlimmste gefürchtet. Wieder war es still geworden in den Räumen. Wieder hatten die Knaben und ich, ohne zu sprechen, unsere Mahlzeiten an dem Tisch eingenommen, an dem ihr Platz leer war. Wieder waren die Laute im ganzen Hause gedämpft worden, und wieder war die Krankheit gekommen und hatte unsere Hoffnungen verstummen gemacht.

Aber gegen alle Erwartung erholte sich meine Frau. Langsam schritt die Genesung vor, und gering waren die Kräfte. Ueber alle Beschreibung seltsam erschien dieses neue Erwachen zum Leben, das Niemand hatte erwarten können. Aber es war doch Wirklichkeit, und wenn ich jetzt allein in meinem Arbeitszimmer im Erdgeschoß saß und das ganze Haus zur Ruhe gegangen war, konnte ich wieder beginnen, Träume vom Sommer zu träumen.

Und das Wunderbarste von allem! Ich träumte sie bald nicht allein. Als hätte die Genesung von der letzten Krankheit mehr als bloß die Rückkehr zu physischer Gesundheit bedeutet, so erlebten wir jetzt eine Zeit, die die Versöhnung alles dessen, was gewesen, in sich zu schließen schien. Meine Frau begann meine Träume zu theilen, sie begann sich darnach zu sehnen, zusammen mit mir zu leben. Sie begegnete mir so, wie sie mir nicht begegnet war seit dem Tage, an dem wir Sven zur Ruhe betteten. Sie war noch schwach und krank und vermochte nicht viel zu sprechen. Aber sie konnte doch hören, was ich ihr sagte. Sie wußte, daß der Frühling kam, und sie freute sich über die Frühlingsblumen, die auf ihrem Nachttischchen standen.

»Wie glücklich sind wir gewesen, Georg,« sagte sie. »Wie glücklich sind wir gewesen.«

Sie preßte diese Worte mit dem Tone des schneidendsten Wehs hervor. Sie schloß die Augen, indem sie sie aussprach, und Thränen rieselten unter ihren Lidern hervor.

»Wir werden noch ein Mal ebenso glücklich werden,« sagte ich.

Ich glaubte, was ich sagte, und ich nahm ihre Antwort für ein Versprechen.

»Ja, ja,« antwortete sie hastig. »Im Sommer.«

Sie hörte mir zu, als ich von den Freuden unserer Jugend erzählte und von den Schären, die immer unser liebstes Heim gewesen.

»Wir werden zwischen den Inseln umherfahren und in der Nachtbrise segeln,« sagte sie.

Und als ob quälende Erinnerungen sie störten, rief sie aus:

»Du mußt das vergessen und nie daran denken, was ich Dir in diesen letzten Jahren gesagt habe. Ich bin so wunderlich gewesen und habe mich selbst nicht verstanden. Oft, oft war es mir, als spräche ein Anderer durch meinen Mund, ohne daß ich es verhindern konnte. Du hast alles geben müssen, und ich habe nur empfangen. Aber das wird anders werden. Wenn ich nur gesund werde.«

Ich beschwichtigte sie und bat sie, nicht zu viel zu sprechen, allzu glücklich, um mehr sagen zu können.

»Ja, ja,« sagte sie. »Ich habe zu Dir geschwiegen und zu Anderen gesprochen. Und wer sind die Anderen? Dumme Menschen, die nichts verstehen.«

Sie schloß die Augen und schlummerte ein. Stumm blieb ich an ihrem Bette sitzen und betrachtete sie. Sie hatte beinahe dasselbe Gesicht wiederbekommen, wie zu ihrer Mädchenzeit, als ich in meinem Bett erwachte und sie zum ersten Male schlafend sah. Schwere Freudentropfen fielen aus meinen Augen, und während der Aprilschnee sich dort draußen auf die harte Erde hinabsenkte, fühlte ich, wie mein eigenes Herz auftaute.

10.

Meine Frau stand auf und begann sich zu erholen, sie ging wieder unter uns, und sie hatte keinen anderen Gedanken, als uns glücklich zu machen und selbst zu fühlen, wie wir uns freuten, daß sie wieder dem Leben angehörte.

Ach, diese kurzen Wochen, in denen Niemand außer uns sie sah, wie gedenke ich ihrer nicht jetzt! Und wie gelang es ihnen nicht, alles, was gewesen, aus meinem Gedächtnis auszulöschen! Im Vergleich zu ihrem stummen Glück war alle Unruhe und aller Schmerz, den wir früher erlebt, für nichts zu rechnen. Alles, was gesagt wurde, habe ich in meiner Erinnerung eingezeichnet und geborgen. Was nicht gesagt wurde und größer war, als was das Leben sonst giebt, das schlummert in meiner Seele, mir den Grundton des Lebens gebend, das ich sonst nicht tragen könnte. Diese Tage, die jetzt kamen, verwischten alles, was an Unruhe, Zweifel und Mißtrauen in mir gewesen war. Denn ich hatte ihr mißtraut, ihrer Liebe mißtraut, weil sie sich nicht vom Tode zum Leben führen lassen wollte, um mit mir zu leben.

Nun war all ihr Widerstand dahin. Ich fühlte es in jedem Augenblick, den ich an ihrer Seite saß, in jedem Worte, das sie zu mir sprach. Es war, als hätte die Krankheit mit allem in ihr aufgeräumt und als wäre sie durch dieselbe gereinigt und geläutert wiedergekehrt. Ihre ganze Persönlichkeit kehrte zurück, und stundenlang konnte ich dasitzen und mich an ihrem Gesichte freuen, weil es dasselbe war wie früher.

»Weißt Du noch, wie ich Dir sagte, daß wir uns trennen sollten?« sagte sie eines Tages.

Ich mußte nachdenken, um mich daran erinnern zu können, daß sie es je gesagt. Und als endlich die Erinnerung erwachte, sagte ich ihr, daß ich ihre Worte vergessen hätte, wie man die einer Fieberkranken vergißt.

»Ich meinte, was ich sagte,« fuhr sie eifrig fort. »Ich glaubte, Du wolltest mich zu etwas zwingen. Und dann thatest Du mir so leid. Du hast es so schwer gehabt, viel schlimmer als ich. Aber, Du mußt auch wissen, daß ich so krank gewesen bin, viel zu krank, als daß ich an etwas anderes als mich selbst hätte denken können. Ach, es ist, als wäre ich wieder aufgewacht!«

Sie griff sich an den Kopf mit einer wunderlichen, halb unruhigen halb glücklichen Gebärde. Und sie fügte hinzu:

»Aber wenn ich einmal sterbe, dann mußt Du zu Svens Kommode gehen. Da zu oberst liegt ein Brief von mir. Aber Du darfst ihn nicht früher lesen. Denn ich weiß, daß ich doch bald sterbe, und wenn ich sterbe, werde ich ganz wie Sven sterben.«

Wie oft habe ich sie nicht solche Worte sprechen hören, und wie oft haben sie mich nicht bis ins innerste Mark erschauern lassen! Jetzt gingen sie so spurlos an mir vorüber, als wären sie gar nicht ausgesprochen. Ich betrachtete sie als die letzten Wellen nach dem Sturme, als die letzten leichten Nachwellen, wenn das Meer in Aufruhr gewesen ist. Ich lächelte in der Siegesgewißheit, daß ich sie wieder errungen, und indem ich ihr Gesicht dem meinen zuwandte, sah ich ihr in die Augen und sagte:

»Aber jetzt willst Du ja leben?«

»Ja,« sagte sie. »Ich will leben für Dich und für die Knaben und um Sven niemals zu vergessen.«

An diesem Tage ging sie an meinem Arm über den Kiesweg vor der Villa. Ihre Schritte waren müde und unsicher, und sie stützte sich schwer auf meinen Arm, aber wir waren vergnügt wie zwei Kinder, und sie lachte über sich selbst, weil ihr Gang so unsicher war, daß ihre Beine unter ihr zusammenknicken wollten, wenn sie ausschritt, lachte mit einem etwas kränklichen, aber so innig glücklichen Lachen, daß es mich froh machte, sie stützen zu dürfen.

»Wie glücklich bin ich jetzt wieder, Georg,« sagte sie, als wir wieder ins Haus gingen. »Und Du mußt es auch werden.«

Dann führte ich sie die Stiege hinauf. Aber bevor sie in ihre Stube ging, wollte sie noch das Zimmer der Knaben sehen. Da stand sie lange mit mir und sah alles an, als wäre es für sie während der Zeit, in der sie krank gelegen war, neu geworden.

»Sie haben es wohl auch oft sehr schwer gehabt,« sagte sie. »Ich war ja zu nichts fähig. Aber jetzt wird es besser gehen.«

Die Pflegerin half ihr ins Bett, und als die Knaben vom Spielplatz nach Hause gekommen waren, rief sie sie mit ihrer dünnen, schwachen Stimme, so verschieden von ihrer früheren tiefen und vollen, daß sie hereinkämen und erzählten, was sie draußen gemacht und womit sie sich vergnügt hätten. Das thaten sie auch so gründlich, daß ich mehr als einmal versuchte, sie zu unterbrechen. Aber sie hinderte mich immer daran. Und während sie durcheinander sprachen, lag sie die ganze Zeit da und sah ihre Gesichter an und hörte ihren Worten zu, als brauchte sie Zeit, um zu verstehen, daß das, was sie jetzt erlebte, Wirklichkeit war und kein Trugbild. Dann ließ sie sie zu sich kommen, um ihnen den Gutenachtkuß zu geben.

»Jetzt werde ich bald gesund,« sagte sie. »Und wenn der Sommer kommt, dann nimmt uns Papa eine Wohnung in den Schären. Ich brauche sie nicht zu sehen oder zu wissen, wo sie ist. Denn er richtet es immer so gut für uns Alle ein.«

Mit einem leisen, glücklichen Lächeln schloß sie die Augen und legte sich im Bett zurecht, um einzuschlummern. Aber als ich die Knaben hinausbegleitet hatte, nahm ich meinen Mantel und ging allein denselben Kiesweg auf und nieder, über den meine Frau und ich eben gewandert waren. Es war ein ruhiger, klarer Frühlingsabend mit leichtem Nachtfrost.

11.

In diesen Tagen mußte ich oft, ohne daß ich mir klar machen konnte, wie oder warum, an Elsas und meine Fahrt zum Meere denken. Sie kam mit der Erinnerung an meinen stummen Kampf, sie dahinzubringen, das zu lieben, was mir teuer war; und die Erinnerung, wie es mir gelungen und doch nicht gelungen war, reizte und beunruhigte mich zugleich.

Sie kam mir in den Sinn, als ich in diesen Tagen der Genesung mit der Hand meiner Frau in der meinen dasaß und sie ihren Kopf an meine Schulter lehnte.

»Daß ich so weit weg von Dir gewesen bin,« sagte sie eines Abends. »Daß ich so weit weg gewesen bin. Das war nur, weil ich glaubte, Du wolltest mich verhindern, zu Sven zu gehen.«

»Das willst Du ja jetzt nicht mehr?« sagte ich.

»Nein, nein,« sagte sie. »Jetzt will ich bei Dir bleiben. Aber ich habe so viele häßliche und dumme Gedanken gedacht in dieser Zeit.«

Ihre Stimme wurde wie die eines Kindes, das ein Vergehen gesteht, so daß ich lachen mußte, als ich sie hörte.

»Nein, lache nicht,« fuhr sie fort. »Denn es ist wahr, ich habe geglaubt, Du verstündest mich nicht, und ich habe es auch gesagt. Kannst Du mir verzeihen?«

Sie sprach so tief ernst, daß ich ganz gerührt wurde, und um sie nicht noch mehr zu erregen, antwortete ich in einem Tone, den ich so munter als möglich zu machen suchte:

»Ist das die einzige Sünde, die Du auf dem Gewissen hast?«

»Nein, nein,« sagte sie, »aber gegen Dich weiß ich keine andere.«

Und sie fuhr fort, indem sie sich enger an mich schmiegte.

»Aber das ist auch das Aergste, was ich sagen und denken konnte. Denn ich weiß ja, daß Niemand außer Dir mich verstanden hat. Niemand von all den Menschen, mit denen ich sprach, als ich mich so einsam und elend fühlte und meinte, daß alles in mir zusammenbrechen müßte.«

Sie schaudert, als sie das sagt, und führt die Hand an die Stirne.

»Das ist jetzt vorüber,« sagt sie. »Und alles ist so ruhig und klar. Aber jetzt mußt Du noch etwas wissen.«

Sie setzte sich auf und betrachtete mich mit einem Blick, so hell und tief, als wollte sie mich auf dem Grunde ihrer Seele lesen lassen.

»Du mußt wissen, was das Allerschlimmste war,« sagte sie. »Als ich umherging und daran dachte, daß ich sterben und Sven folgen würde, und als ich an das so dachte, daß ich meinte, Du glittest von mir fort, und alles glitte fort, und die Erde war öde und leer -- da hatte ich solche Angst, ach, so furchtbare Angst. Denn ich glaubte, ich würde gezwungen sein, es selbst zu thun. Das war das Allerärgste. Aber jetzt weiß ich, daß ich es nie zu thun brauche. Das hat Gott mir gelobt.«

»Meinst Du, daß Du doch bald von mir gehen wirst?« sagte ich.

Ich schauderte bei meinen eigenen Worten, und ich fühlte, daß mir die Stimme nahe daran war, zu versagen.

»Das weiß ich nicht,« sagte sie, indem sie wieder den Kopf an meinen Arm lehnte. »Ich weiß nur, daß ich es nie selbst thun muß.«

Sie schwieg, und ich fand keine Worte, um ihr zu erwidern. Ich sah sie an. Sie war wieder ganz so wie in unseren glücklichsten Jahren. Sie erschien mir gleichsam zarter und jünger, und die Ruhe, die ihre frühere fieberische Rastlosigkeit abgelöst hatte, gab jeder ihrer Bewegungen eine vertrauensvolle Zärtlichkeit, die mir im selben Atemzuge Glück und Schmerz schenkte.

Als sie zu Bett gegangen war und ich hereinkam, um ihr Gutenacht zu sagen, sah sie mich mit demselben hellen und tiefen Blick an wie früher:

»Du darfst Dich auch nicht daran kehren, daß ich sagte, Du hättest mir meinen Glauben genommen,« sagte sie. »Das hast Du nie gethan. Das habe ich mir nur eingebildet. Ach, ich habe mir soviel eingebildet. Ich habe wohl in einer einzigen Einbildung gelebt.«

Ein schmerzlicher Ausdruck trat in ihr Gesicht, und indem ich über ihre Stirne fuhr, um ihn zu verscheuchen, antwortete ich:

»Das habe ich wohl nicht gethan. Das ist wahr. Aber ich hätte doch verstehen sollen, daß das, was Du glaubtest, Dir kostbar war. So kostbar, daß ich Dich nie auch nur zu der Möglichkeit anderer Gedanken hätte führen dürfen.«

Ihr ganzes Antlitz erstrahlte wie von einem inneren Licht, und mit einem schwachen, müden Ausruf der Freude schlang sie die Arme um mich und sagte Gutenacht.

Ich löschte die Kerze an ihrem Bett und ging sachte aus dem Zimmer. Mein Herz war übervoll von Dankbarkeit für alles, was sie gesagt hatte. Es war, als hätte sie mir einen Schatz für die Erinnerung gegeben.

Im selben Augenblick, in dem ich dies dachte, wurde es mir klar, daß ich gleichsam schon angefangen hatte, sie in der Erinnerung zu suchen. »Sie geht von mir,« dachte ich. Und zu meinem Staunen merkte ich, daß ich jetzt den Gedanken ohne Bitterkeit denken konnte, nur weil ich ihr so nahe war wie nie zuvor. »Sie stirbt nicht,« dachte ich den Augenblick darnach. »Sie wird leben.« Und ich merkte den Widerspruch in meinem eigenen Gedankengang nicht.

Ich saß in meinem Zimmer und versuchte zu lesen. Aber ich war zu erregt, zu glücklich über den seltsamen Reichtum, der mir zugefallen war. Und plötzlich sah ich meine Frau in dem Sommer an der Westküste, in dem Augenblick, als sie sich von dem Fenster der Lotsenhütte mir zuwandte und ich fühlte, wie wir in derselben Liebe zu dem unendlichen Meere vereint wurden, die von keiner Grenze weiß. Es war eine Aehnlichkeit zwischen dem, was ich damals empfand und was mich jetzt mit Glück und Hoffnung erfüllte, und zugleich kam es mir in den Sinn, wie viele lange Jahre ich einhergegangen war und mich nach dem Meere gesehnt hatte.

Wie eine Vision tauchte eine Erinnerung vor mir auf, die ich lange vergessen hatte. Ein Knabe steht auf einem hohen Berg und sieht hinaus übers Meer. Die Klippe ist steil, und unter ihm tosen die Wogen in wildem Schäumen. Der Knabe hat den Rock aufgeknöpft. Er hält ihn mit beiden Händen ausgespannt, so daß er wie ein Segel wirkt. Es ist ihm göttlicher Genuß, zu fühlen, wie er dem Sturme trotzt, der ihn von der Klippe zu heben und ins Meer zu schleudern droht. In dieser Freude wird er durch eine Stimme gestört, die seinen Namen durch den Wind ruft. Ein paar Arme, stärker als seine eigenen, umfassen ihn und tragen ihn mit Gewalt von der gefährlichen Stelle und vom Anblick des Meeres, das von Gefahren und Mut rauscht.

Der Knabe bin ich selbst, und ich lächle wehmütig bei der Erinnerung, während die Stunden der Nacht weiterschreiten, ohne daß ich es merke, und ich einsam sitze und in das blicke, was geschehen soll. Jetzt habe ich das erreicht, wonach das Kind sich sehnte, aber der Sturm hat mich weiter geführt, als ich selbst wollte. Jetzt wollte ich, daß sich die Elemente entweder zur Ruhe legten oder daß Jemand, der stärker wäre als ich, mich von der Gefahr fortführen könnte, von der ich nie glaubte, daß ich sie fürchten würde.

Aber ich weiß zugleich, daß das nicht geschehen kann. Und mit beschämten und schaudernden Gefühlen denke ich an das Leiden meiner Frau, das größer ist als das meine.

12.

Nicht lange nach diesem Tag wurde ich durch eine Telephonbotschaft heimgerufen, die mitteilte, daß meine Frau von einem heftigen Krampfanfall getroffen worden war. Man fügte hinzu, daß es ernst sei, und bat mich, meine Heimkehr zu beschleunigen.

Am selben Tag hatte ich meiner Frau frühmorgens Lebewohl gesagt, bevor ich zu meiner Arbeit fuhr. Es war der erste Mai, und wir hatten davon gesprochen, den Kindern auf irgend eine Weise einen fröhlichen Tag zu bereiten, so wie es früher im Hause der Brauch gewesen. Es war mir auch zuerst unmöglich zu fassen, daß das, was ich gehört hatte, Wirklichkeit sein könnte.

Ich benützte daher die Zeit, die mir blieb, bis der Zug abging, um ein wenig Obst und anderes zu kaufen, was für den frohen Tag notwendig war. Natürlich ist das etwas Vorübergehendes, sagte ich zu mir selbst, wie ich da mit meinen Packeten im Coupé saß. Um die Zeit rascher hinzubringen, nahm ich meine Zeitungen zur Hand und versuchte zu lesen. Es gelang mir im Anfang, weil ich mich anstrengte, alles gleichsam so alltäglich wie möglich zu nehmen, damit meine Angst mir nicht übermächtig würde, wenigstens solange ich im Coupé säße. Aber je näher ich meiner Wohnung kam, desto stärker fühlte ich, wie mich nur die Unruhe zu allem trieb, was ich vornahm. Die Gedanken wollten den Augen nicht folgen, die mechanisch über die Zeitungsspalten glitten, und bald merkte ich, daß die Augen ohne Ordnung ihren Weg von der einen Spalte zu der anderen suchten. Ich faltete die Zeitung zusammen, und wie ein Blitz durchzuckte es mich: »Du fährst dem entgegen, was Du gefürchtet hast. Du kannst nicht leugnen, daß Du beständig gefürchtet hast. Nie hast Du geglaubt, daß sie leben würde. Du hast es Dir nur selbst vorspiegeln wollen. Jetzt hat die Stunde geschlagen, und Du entgehst ihr nicht.«

Eine unnatürliche Ruhe kam über mich. Vielleicht kam dies daher, daß ich jetzt der letzten Gewißheit entgegenfuhr, vor der ich fühlte, daß mit ihr aller Kampf zu Ende sein mußte. »Gott, soll sie sterben,« murmelte ich, »möchte sie doch ohne Schmerzen sterben können!« Und noch immer wunderte ich mich, daß ich so ruhig sein konnte. Ich sah mich auf dem Perron um, als der Zug stehen blieb. Ich hatte erwartet, daß Jemand mir entgegenkommen würde, aber Niemand war da. »Dann lebt sie noch,« dachte ich mit derselben eigentümlich klaren Ruhe. Und im nächsten Augenblick dachte ich: »Vielleicht ist gerade das ein Zeichen, daß alles zu Ende ist. Man hat eingesehen, daß ich nicht hier vor fremden Augen erschüttert werden will.« Aber selbst vor dieser Möglichkeit behielt ich dieselbe wunderliche Gefühllosigkeit bei. Langsam begann ich heimwärts zu gehen, schwer stieg ich den Hügel hinan. Ich blickte zum Fenster auf, und ich glaubte sie noch sehen zu können, als sie zum ersten Male nach ihrer ersten Krankheit wieder angekleidet und auf war. Ueber das schwarze Kleid, das sie jetzt immer trug, hatte sie ein helles Cape geworfen, und das Fenster stand weit offen. Sie beugte sich hinab und winkte, ungeduldig, weil ich nicht schon früher aufgeblickt hatte, und sie bebte vor Eifer, mich damit erfreuen zu können, daß sie auf war und allein gehen konnte. Diese Erinnerung durchzuckte mich, und mechanisch sah ich zu dem Fenster auf, obgleich ich wohl wußte, daß jetzt Niemand da stehen und mir zuwinken würde.

Da stand der Gedanke vor mir: »Durch mehr als ein und ein halbes Jahr warst Du darauf gefaßt, daß sie sterben würde, und Du hast sie betrauert, als wäre sie schon dahin, jetzt kannst Du nicht mehr fühlen. Der Schmerz hat sich selbst verzehrt, er ist in einer eigenen Flamme erloschen, und nur die Asche ist übrig.«

Kurz darauf stand ich im Schlafzimmer und sah, daß meine Frau bewußtlos war. Ich lauschte ihren Atemzügen, nahm ihre Hand und versuchte, zu ihr zu sprechen. Ich begriff, daß alles vergeblich war, und ging hinab, um selbst mit dem Doktor durchs Telephon zu sprechen, nicht weil ich glaubte, daß er nötig war, sondern weil ich meinte, ich müßte es. Er versprach zu kommen, und leise ging ich wieder die Stiege hinauf, auf der mich durch die geöffneten Thüren aus dem Krankenzimmer der Laut der Atemzüge meiner Frau erreichte, die allein in dem ganz stummen Hause zu herrschen schienen.

Da sah ich Olof, der stille auf der Treppe stand und zu horchen schien. Ich legte meine Hand auf seine Schulter und gedachte an ihm vorbei zu gehen. Aber der Knabe hielt mich auf.

»Warum schnarcht Mama so wunderlich?« sagte er.

Er wurde rot, als hätte er etwas Unpassendes gesagt, und versuchte zu lächeln, ohne daß es ihm gelang.

»Das pflegt sich so anzuhören,« sagte ich, »wenn ein Mensch nahe daran ist zu sterben.«

Der Knabe brach nicht in Thränen aus. Er nickte nur und sah weg.

»Er hat es erwartet so wie ich,« dachte ich.

Und im selben Augenblick sah ich, wie groß und wie klein er war.

Da war es, als bräche etwas in mir auf. »Hier steht das Schlimmste bevor,« dachte ich, »das, in das Du Dich noch nicht hineingedacht hast. Die Kinder, die Kinder!« Und während die Pflegerin allein bei der Kranken saß, ging ich mit den Knaben hinunter, um zu Mittag zu essen und mit ihnen von dem zu sprechen, was geschehen sollte.

Wie wir mit einander sprachen an diesem Tag und den folgenden! Wie wir unsere Stimmen dämpften, als fürchteten wir, sie zu stören, deren Ohr von keinem Laute mehr erreicht werden konnte! Meine Knaben erschienen mir plötzlich wie ein paar Altersgenossen, die allein alles geteilt und alles verstanden hatten. Für sie war nichts Wunderliches daran, daß Mama zu Sven ging. Das hatte sie ihnen ja selbst so oft gesagt. Es lag nichts Störendes für sie in dem Gedanken, daß Mama fortging, weil sie nicht zu leben wünschte. Sie wurden von keinen Theorieen beunruhigt. Sie kritisierten nicht. Sie versuchten keine Auslegungen dessen, das nur einfach und groß war. Sie wußten bloß, daß, wenn Mama sterben und von ihnen gehen wollte, dies nur deshalb geschah, weil sie krank und schwach war und weil sie nicht zu leben vermochte. Wenn Jemand ihnen gesagt hätte, daß ihre Mama dadurch zeigte, daß sie sie weniger liebte, würden sie gelacht haben oder empört gewesen sein.

Jetzt sprachen sie zu mir von so mancherlei, das ich nicht gehört hatte. Und wie wir sprachen, begann in mir selbst der Schmerz gleichsam aus der Ferne zu erklingen. Ich wußte, daß er einmal kommen würde, mit Linderung kommen. Aber noch konnte er nicht ganz die Ruhe überwinden, die mich beherrschte und die ich selbst dann noch beibehielt, als der Doktor das Krankenzimmer verlassen und mir all das gesagt hatte, was ich schon wußte.

Aber bevor er kam, wurde ich durch Schreie hinauf ins Schlafzimmer gerufen. Als ich eintrat, lag meine Frau in krampfhaften Zuckungen, die im Gesichte anzufangen schienen und sich von da fortpflanzten, bis sie ihren ganzen Körper erschütterten. Wir konnten nichts thun. Und von Zeit zu Zeit kamen die entsetzlichen Anfälle wieder.

Der Doktor machte ihnen durch Injektionen ein Ende, und die frühere Ruhe kehrte wieder, aber das Bewußtsein kam nicht zurück. Noch fast zwei Tage lag sie in derselben Betäubung, in der ich sie zuerst gefunden. Unaufhörlich, lange nachdem die Zuckungen aufgehört hatten, glaubte ich ihr Antlitz verzerrt und in derselben grauenvollen Weise bebend zu sehen. Da erinnerte ich mich an Svens Totenbett. Ich wußte, daß ich damals dasselbe Bild gesehen, von der Verzerrung des Gesichtes und des Mundes bis zu dem Zittern der Glieder und den krampfhaft geballten Händen. Ich gedachte ihrer Worte: »Wenn ich sterbe, werde ich ganz so sterben wie Sven.« Ich erinnerte mich, daß ich bei mir selbst gelächelt hatte, als ich diese Worte hörte, ich hatte sie für einen Ausdruck der Ueberspanntheit erklärt. Jetzt, wo sie sich verwirklicht hatten, konnte ich sie nicht aus dem Sinne schlagen. Woher wußte sie es? Oder wie konnte sie es so sicher sagen, wenn sie nichts wußte? War dieses Zusammentreffen bloß ein Zufall? Und kann man überhaupt alles Zufall nennen, was man sich nicht erklären will?