Das Buch vom Brüderchen: Roman einer Ehe
Part 8
»Du kannst nicht glauben, wie oft das schon geschehen ist. Es ist, als fühlte er mich in der Luft, bevor ich komme. Kinder können ja so etwas nicht erfinden.«
13.
Sven war jedoch überhaupt in diesem Sommer nicht derselbe. Ohne irgend einen äußeren Anlaß konnte er plötzlich erklären, daß er müde sei, und dann wollte er nur im Grase liegen mit dem Kopf in Mamas Schoß. Oder er kam auch zu Papa und bat ihn, ihn zu tragen. Dann nahm Papa ihn auf die Schultern und trug ihn hinaus in Wald und Feld, und nie ist sein Blick dankbarer gewesen oder sein kleines, weiches Händchen zärtlicher.
Dann klagte er über Kopfschmerzen und bekam Antipyrin, und dann wollte er des Morgens nicht aufstehen und sagte, er sei so müde. Aber da der Kleine im übrigen ganz gesund schien, hob Papa ihn aus dem Bette und erklärte, er solle sich ankleiden und zusehen, daß er hinaus in die frische Luft komme. Da stand Sven auf und versuchte, so lange Papa drinnen war, so gut er konnte, die mühsame Arbeit, die Strümpfe anzuziehen. Aber sowie Papa zu der Thür hinaus war, schlich er zu Mamas Bett und bat, zu ihr hineinkriechen zu dürfen.
Natürlich konnte Mama einer solchen Bitte nicht widerstehen. Und nie war Sven glücklicher. Da lag er mit dem Kopfe in Mamas Arm, schloß wieder die Augen und war still und ruhig, bis die Kräfte anfingen, zurückzukehren. Dann stand er wieder auf, aber bevor er es that, sah er Mama mit seinen merkwürdigen Augen an:
»Erzähle es Papa nicht!«
»Ja, aber warum denn?« sagte Mama.
»Ja, weißt Du, sonst wird Papa sehr böse.«
All das erschien Mama so wunderlich, daß sie Sven alles Mögliche versprochen hätte; und folglich versprach sie auch dies. Und Sven ging hinaus und war ruhig und zufrieden, weil Mama seinen Ungehorsam nicht verriet und weil er und Mama zusammenhielten.
Aber wenn Mama fortreisen sollte oder nur ohne ihn ausgehen, da war er verzweifelt. Sein Schmerz kannte keine Grenzen, und sein Weinen war so herzzerreißend, daß man nichts Anderes thun konnte, als ihm mit allen Trostgründen zusprechen, die Einem zu Gebote standen. Ja, der Anblick seines leidenschaftlichen Schmerzes war so qualvoll, daß man ihn lange nicht vergessen konnte, und eines Vormittags sprachen wir davon. Ich hatte gerade meine Frau überredet, mich auf einem Ausflug in die Stadt zu begleiten, um dort mit ein paar Freunden zu Mittag zu essen und, wie man sagt, ein bißchen herauszukommen. Und ich hatte das gethan, gerade weil ich fand, daß sie sich von Sven ausruhen sollte.
Es gelang uns schließlich auch, den Eindruck zu vergessen, den uns die Thränen des Kleinen gemacht hatten, und wir brachten einen angenehmen Tag zu, wie immer in der Stadt, wenn wir wußten, daß wir nicht dort zu bleiben brauchten. Die Stimmung war gerade auf dem Höhepunkt, als meine Frau mich im Flüstertone fragte, ob es mir sehr unangenehm wäre, wenn sie mit einem früheren Boot wegführe. Es war recht selten, daß wir einen Ausflug machten, um uns zu unterhalten, und der Vorschlag war nicht gerade nach meinem Geschmack. Ich stellte daher Elsa vor, daß wir gesagt hatten, wir würden erst mit dem letzten Boote kommen, und daß uns daher Niemand erwartete. Mit einem Worte -- ich erhob alle die Einwände, die mir einfielen. Und zuletzt versuchte ich es mit einem Hauptargument:
»Sven hat sich ja schon niedergelegt, wenn Du kommst.«
»Das ist es nicht,« war die Antwort. »Ich möchte nur gerne nach Hause.«
Sie sah mich bittend an, und natürlich war die Folge die, daß sie wegfuhr.
Inzwischen ging Sven Nachmittag zuhause umher und spielte. Aber als die Zeit herankam, zu der er sich niederzulegen pflegte, verschwand er spurlos. Unsere Dienstmädchen gehörten nicht zu Jenen, die sich viel Kopfzerbrechens machen; und als sie ihn ein paar Mal gerufen hatten, ohne eine Antwort zu bekommen, gaben sie sich damit zufrieden, daß er sich schon zeigen würde, wenn die Dunkelheit einbreche, und daß die Herrschaft ja auf jeden Fall erst spät zurückkomme. Sven konnte also seiner Wege gehen, und gegen acht Uhr setzte er sich ganz allein auf die Dampfschiffbrücke. Er wußte nicht so genau, wann das Dampfschiff kam, und darum mußte er auch lange dort sitzen. Aber er wartete geduldig und still, und schon weit draußen in der Bucht, während das Boot zwischen den vielen Brücken hin und her lavierte, erblickte ihn seine Mama. Er saß da ganz klein und zusammengekauert, und sein kleiner grüner Krockethut leuchtete gegen das blaue Wasser.
Alles kam ihr so wunderlich vor, beinahe als hätte sie es vorher gewußt, daß er da sitzen würde, und ihre Augen ließen die ganze Zeit die kleine Gestalt nicht los, die auf der Bank der Brücke saß, mit gesenktem Kopf und gebeugtem Rücken, als grübelte er. Aber als das Boot anlegte und Mama sich anschickte ans Land zu steigen, da stand der kleine Sven in der höchsten Spannung aufrecht auf der Brücke, und seine Augen suchten und suchten, als stünde das ganze Leben auf dem Spiel. Und als Mama ihm entgegen kam, da war es schwer zu sagen, wer glücklicher war, er, der nicht vergeblich gewartet, oder sie, die das Kind ihrer harrend gefunden.
»Aber wie konntest Du da sitzen, Sven,« sagte Mama mitten in ihrer Freude. »Mama sollte doch erst spät nachts kommen.«
»Ich wußte natürlich, daß Du kommen würdest,« sagte Sven.
Seine Stimme und seine Augen waren voll Verwunderung, daß Mama sich eine so einfache Sache nicht vorstellen konnte.
»Ich wußte natürlich, daß Du kommen würdest, und darum saß ich da und wartete.«
Und auf Mamas Frage, ob er lange gesessen habe, antwortete er:
»Ja, natürlich, sonst hätte Hanna mich erwischt. Und dann hätte ich mich niederlegen müssen.«
Mama antwortete nichts darauf. Es wäre ihr nicht möglich gewesen ihm vorzuhalten, daß er eigentlich ungehorsam gewesen sei. Seine unschuldige Liebe, die die Ursache dazu war, schützte ihn gegen jeden Vorwurf, und Sven wußte das sehr wohl. Er blickte von der Seite zu Mama auf und lächelte:
»Ich habe Hanna zum Besten gehalten. Ich bin hinter den Busch gekrochen, so daß sie mich nicht sehen konnte.«
»Nein, das hast Du gethan?« sagte Mama.
Sie und Sven gingen zusammen hinauf, zufrieden wie zwei Mitschuldige, deren Streich geglückt ist, und die Folge war natürlich die, daß Mama an diesem Abend ihren Jungen selbst niederlegte. Das that sie übrigens oft, obgleich er bald sechs Jahre wurde und bei ernsthafteren Anlässen der große Junge genannt wurde.
Wie langsam es ging, wenn sie ihm ins Bett half! Wie leicht und weich nahm sie nicht seine Kleidungsstücke ab, wie vorsichtig wusch sie nicht seine zarten Glieder, wie sachte wurde er nicht abgetrocknet, und wenn dann das lange Nachthemdchen übergestreift werden sollte, ging es wie ein Spiel. Dann saß sie mit dem Kleinen im Schoße da und träumte von der Zeit, als er noch ganz klein war und sie ihn selbst nährte. Und wenn er endlich zu Bett gehen sollte, da wollte er nie sein Abendgebet sprechen. Er hatte tausend Einfälle, nur um es zu verhindern, daß Mama von ihm ginge. Aber wenn er es gesagt hatte, schlang er die Arme um sie und flüsterte:
»Es ist so schön, wenn Du mir hilfst. Denn Du faßt mich nie hart an.« Elsa beugte sich noch tiefer über sein Bett und flüsterte zurück:
»Ich werde Dir immer helfen. Kein Anderer darf es thun. Bis Du Dir selbst helfen kannst.«
Sie war reich dafür belohnt, daß sie ein Vergnügen unterbrochen und nach Hause gefahren war, und als ich mit dem letzten Boote nachkam, lag sie wach, um mir alles zu erzählen, was Sven gesagt hatte.
Nach einem fröhlichen Tag mit Kameraden wirkten diese kleinen rührenden Züge des Knaben noch mehr auf mich, als sie es sicherlich sonst gethan hätten.
»Weißt Du, daß ein großer und guter Mann mir gegenüber einmal dieselben Worte gebraucht hat, als er von dem ersten Eindruck erzählte, als seine Mutter gestorben war?« sagte ich. »Auch er war damals zwischen fünf und sechs Jahren, und es handelte sich um dieselbe Sache -- das Hemd zu wechseln. Er gebrauchte ganz dieselben Worte: >Ich fühlte das erste Mal, daß Jemand mich hart anfaßte.<«
Ich stand neben Svens kleinem Bett und sah ihn lange an. Seine Schläfen hatten etwas Eingesunkenes bekommen. Aber er schlief tief und gut, und ich beugte mich hinab und küßte ihn auf die Stirne.
Wir versuchten von etwas Anderem zu sprechen, aber ich war so von dem Gedanken an das Kind erfüllt, daß ich keinen Sinn für etwas Anderes hatte.
»Hast Du nie an etwas gedacht?« sagte ich. »Olof kann ich mir als einen großen Menschen denken als ganz erwachsen. Und Svante auch! Sie sind ja so verschieden. Aber ich kann sie mir doch Beide so denken. Aber Sven? Kannst Du ihn Dir groß denken? Was willst Du mit ihm in der Welt anfangen? Wohin glaubst Du, daß er passen würde, außer zu uns?«
Meine Frau lächelte mit einem schmerzlichen Zug, der nadelfeine Falten um ihren Mund bildete.
»Daran habe ich oft gedacht,« sagte sie. Und ihren eigenen Gedankengang weiterspinnend, fügte sie hinzu:
»Das ist vielleicht deshalb, weil ich ihn mehr als alles Andere auf der ganzen Welt liebe. Mehr als die beiden anderen Knaben, mehr als Dich. Ich habe oft daran gedacht, und ich weiß, wenn einer der großen Jungen stürbe, ich würde nie aufhören, um sie zu trauern. Aber ich glaube, ich könnte es tragen, Euch zuliebe, die ihr lebtet. Wenn Du stürbest -- ich vermag es nicht zu denken. Aber wenn Sven stürbe, dann könnte ich auch nicht leben. Ich habe oftmals daran gedacht, es Dir zu sagen. Denn ich wollte, daß Du es wüßtest.«
Sie reichte mir ihre Hand, und ihre Augen suchten die meinen, als wollte sie mich um Verzeihung bitten, daß sie glaubte, ohne mich leben zu können. Und nachdem wir das Licht gelöscht hatten, lag ich lange wach und wiederholte in Gedanken ihre Worte. Ich schlief in dem Glauben ein, daß ich niemals erfahren würde, ob sie die Wahrheit gesprochen oder nicht.
14.
Sven wurde so krank, daß er zu Bett gebracht werden mußte. Aber obgleich wir sehr wohl wußten, daß es bedenklich genug war, blieb das Fieber doch so schwach, daß wir an keine wirkliche Gefahr glaubten. Ich schrieb unverdrossen weiter, und meine Frau saß am Krankenbett des Knaben, hielt seine Hand in der ihren und erzählte ihm Märchen, wenn er zuhören konnte.
Der Doktor sagte uns, daß die Krankheit zweifellos langwierig sein würde, aber glaubte uns im übrigen die besten Aussichten geben zu können, und da ich lange eine Reise geplant hatte, fuhr ich für ein paar Tage fort, in der Hoffnung, wenn ich heimkäme, das Schlimmste vorüber zu finden. Ich brachte also drei ganze Tage mit guten Freunden zu, und ich freute mich, ohne in höherem Maße Unruhe zu empfinden, an Freundschaft und schöner Natur. Aber als ich dann im Zuge saß und nach Stockholm zurückkehren sollte und von dort nach meinem Heim, kam eine Angst über mich, die ich nicht bezwingen konnte. Unmittelbar bevor ich fuhr, hatte ich mit meiner Frau durchs Telephon gesprochen. Ich hatte aus der Ferne ihre Stimme vor Freude beben gehört: Sven ging es besser! Er hatte im Bett aufrecht gesessen und gelacht und geplaudert. Er hatte gegessen und Mama gebeten, das »Vaterle« zu grüßen, was sein Specialkosenamen war, wenn er sehr ausgelassen war. Alles deutete also auf das Beste, und doch konnte ich meine Angst nicht los werden.
Als ich nach Stockholm kam, war es zehn Uhr Abends. Ich war gerade zu der Minute gekommen, in der das letzte Boot zu mir nach Hause abging. Ich begab mich daher direkt in das Hotel, in dem ich abzusteigen pflegte. Es war dunkel, und der Regen fiel in Strömen. Hastig trat ich ins Vestibule, mit jener Empfindung hoffnungsloser Fremdheit, die mich immer überkommt, wenn ich zur Sommerszeit gezwungen bin, Stockholm zu besuchen, und weiß, daß ich allein sein muß. Ich konnte noch nicht mein Ersuchen um ein Zimmer vorbringen, als der Portier mir schon entgegenkam und mich, indem er eine Nummer nannte, bat, dieselbe sogleich telephonisch anzurufen.
Ich that es und bekam nur den Bescheid, daß der Doktor schon fort sei und daß ich mir augenblicklich einen Wagen nehmen und nachfahren sollte.
Der Schlag, der mich so heftig und unvorbereitet traf, lähmte mich, und die fieberhafte Thätigkeit, die ich entwickelte, erschien mir selbst ganz automatisch. Ich bestellte einen Wagen, und im selben Augenblick, in dem das geschehen war, dachte ich, daß ich essen sollte. »Sven ist gestorben,« dachte ich. »Er lebt nicht mehr, wenn ich nach Hause komme. Wenn ich komme, darf ich nicht hungrig und müde sein. Ich muß wachen können und meine Frau trösten.« All das ging durch mein Hirn, während ich dasaß und auf die Mietsdroschke wartete. Ich sah mich selbst wie eine andere Person, sah, daß ich Fleisch auf meinen Teller legte, es zerschnitt und zu essen versuchte. Die ganze Zeit dachte ich bloß an Eines: an den Wagen, der nicht kam. Gott im Himmel! Der Wagen kam nicht, und daheim lag mein Junge und starb, und ich konnte nicht zu ihm kommen.
Ich bezahlte und ging in die Vorhalle des Hotels, wo ich auf- und abging, es war mir ganz unmöglich, still zu sitzen, unmöglich, einen zusammenhängenden Gedanken zu denken.
»Mein Kind liegt im Sterben,« sagte ich zum Portier. »Darum bin ich so nervös.«
Ich versuchte, ihm zuzulächeln, damit er begriffe, wie sehr ich selbst einsah, daß mein Betragen sinnlos war. Aber ich fühlte selbst, daß das Lächeln zu einer Grimasse wurde, und ich wartete auch nicht seine Antwort ab. Ich fuhr nur fort, mit der Uhr in der Hand auf- und abzugehen, als wollte ich der Zeit vorauseilen, und als der Wagen endlich kam, war ich gewiß, daß alles vorüber sei. Ich begriff nicht, warum ich dasaß oder warum ich hinaus in den strömenden Regen fahren sollte, aber automatisch wie früher sagte ich zum Kutscher:
»Fahren Sie, so rasch nur ein Pferd laufen kann, mein kleiner Junge liegt im Sterben. Sie sollen es nicht umsonst thun.«
Der Kutscher hatte uns schon oft gefahren.
»Ist das der kleine, liebe Junge, der so schön ist?« fragte er.
Diese einfachen Worte riefen mich wieder zur Wirklichkeit zurück, und durch meine Brust wogte eine warme Welle der Dankbarkeit gegen den jungen Menschen, der mich kutschierte.
»Ja,« sagte ich mit erstickter Stimme. »Ja, er ist es.«
Und ich setzte mich in den Wagen, mit dem Gefühl, daß ich einen Menschen getroffen habe, der begriff, um was es sich handelte und der mir helfen würde. Während wir über die Gassen eilten, sprach ich still mit mir selbst und weinte vor Freude und Schmerz: »Er ist so schön und gut, daß selbst ein Mann, der ihn nur in einen Wagen hat steigen sehen, sich seiner erinnert und es mir sagt. Und er soll sterben? Es giebt ja Millionen Kinder, die leben dürfen. Warum muß gerade meines sterben?«
Nie bin ich rascher gefahren, und nie ist mir ein Weg länger erschienen. Ich sah im Dunkel die Funken um die Hufe der Pferde sprühen, ich fühlte, wie der Regen nachließ, und sah die Landschaft wie ein dunkles Schattenspiel an mir vorbeifliegen, und die ganze Zeit saß ich da und sprach zu mir selbst unfaßbare Worte, von denen ich nicht verstand, wie sie mir auf die Lippen kamen. Es war, als würde ich durch die Dunkelheit gerade dem entgegengeführt, was für mich kommen mußte, und ich bat bloß um Aufschub, bat, daß er noch lebte, wenn ich ankäme, sodaß er noch einmal seine Arme um meinen Hals schlingen könnte und ich seine Stimme hören dürfte.
Vorwärts ging es, vorwärts in rasender Eile. Der Wagen sprang von der einen Seite des Weges auf die andere. Aber keinen Augenblick fiel es mir ein, daß etwas zerbrechen könnte oder daß wir umwerfen würden. Das war ein prächtiger Bursche, der Kutscher, der an meinen kleinen Jungen dachte, der so schön und lieb war und der nicht sterben durfte.
»Es ist der Vater mit seinem Kind,« sagte ich laut zu mir selbst. Ohne daß ich es wußte, saß ich da und recitierte Verse, und ein krampfhaftes Schluchzen drängte sich durch meine Kehle, als wollte es mich ersticken, und um Luft zu bekommen, beugte ich mich aus dem Wagenfenster und sah die Landschaft an, in der ich jede Aussicht, jede Biegung des Weges kannte. An den Steinen, über die der Wagen jetzt rüttelte, konnte ich merken, daß wir in den Abkürzungsweg eingebogen waren, der zu meinem Heim führte. Alle Sinne angespannt, sah ich hinaus ins Dunkel, ich sah die Konturen einer Droschke, die auf dem Hofe hielt. Der Doktor ist noch da! Der Doktor ist noch da! Dann hörte ich von der Veranda die Stimme meiner Frau: »Er kommt. Gott sei Dank! Er ist da!« Und in ein paar Augenblicken war ich die Stufen hinaufgeeilt und stand im Saal.
Ich stand da, und meine Gemütsbewegung war so ungeheuer, daß ich nichts von dem, was ich sah, auffassen konnte. Ich hatte die Empfindung, daß der Doktor dastünde, und ich fühlte, daß meine Frau mich eng umschlungen hielt. Es war mir klar, daß sie froh war, ja überglücklich aussah, und daß ich es auch sein sollte. Ich hörte etwas von einem Ohnmachtsanfall, der jetzt vorüber war und, wie der Doktor hoffte, nichts zu bedeuten hatte. Aber ich konnte nichts sagen und nichts denken. Das Glück kam so unvorbereitet über mich, daß es mich nicht aus der furchtbaren Betäubung wecken konnte, die mich noch in ihrer Gewalt hatte. Mechanisch nahm ich meine Handschuhe und meinen Ueberrock ab, und noch stand ich da und suchte gleichsam meine Augen an das Licht in dem erleuchteten Gemach zu gewöhnen.
»Willst Du nicht zu ihm hineingehen? Willst Du ihn nicht sehen?« sagte meine Frau. »Er ist wach.«
Und ihre Stimme klang beinahe vorwurfsvoll, als hätte ich sie nicht verstanden.
»Ja, ja,« sagte ich.
Und ohne zu fassen, was jetzt geschah, ging ich hinein und sah Sven in meinem Bett liegen und zu mir aufblicken.
»Erkennst Du Papa, Sven?«
»Ja,« sagte der Kleine mit erstaunter Stimme.
Er konnte nicht begreifen, daß die Großen alle so aufgeregt und unruhig aussahen. Er streckte seine kleine Hand aus und streichelte mich, und ich merkte, wie mager und dünn sie geworden war.
Während ich dastand und mich über den Knaben beugte, begriff ich, daß alles Wirklichkeit war und daß mein Kind lebte. Ich hielt seine Hand an meine Augen, und ich fühlte, wie die Last von meiner Brust fiel und der Schleier von meinen Augen glitt.
15.
Wie wundersam, voll Hoffnung, Unruhe, Verzweiflung und Befürchtungen war nicht die Zeit, die nun folgte! Der Doktor hatte uns eine lange Kränklichkeitsperiode prophezeit, wir bereiteten uns daher, in Geduld zu warten, und wir versuchten auch, diese Tugend zu üben. In zwei langen Wochen, die nun folgten, fügte sich Svens Krankheit in die täglichen Gewohnheiten unseres Alltagslebens ein, so wie die Krankheit es immer thut, wenn sie für länger in einem Hause einkehrt. Ich schrieb darum jeden Vormittag, ohne mich stören zu lassen, an meinem Buch, und meine Frau ging jeden Tag zwischen ihm und mir hin und her, saß in Svens Zimmer, der ruhig wurde, wenn er ihre Nähe fühlte, und schlich sich hinaus, wenn er schlief, um frische Luft zu schöpfen und mir von all den guten Zeichen zu erzählen, die ihr aufmerksames Auge stets zu entdecken glaubte. Svante ging einsam und stumm umher und fuhr über die Bucht und erzählte seinen Freundinnen, den kleinen Mädchen, daß das kleine Brüderchen schwer krank lag und daß daheim alles so still geworden war.
Wir hatten eine Pflegerin nehmen müssen, damit meine Frau sich nachts ausruhen konnte. Das geschah nicht ohne vieles Sträuben von Elsas Seite. Denn sie war so eifersüchtig auf den Kleinen, daß sie niemand Anderen duldete, den er um Hilfe bat oder der ihm solche angedeihen ließ. Und erst als sie merkte, daß die Kräfte sie verließen, gab sie mit Thränen in den Augen ihre Einwilligung und fügte sich in das Unvermeidliche.
Ein paar Stunden, nachdem die Pflegerin eingetroffen war, kam jedoch meine Frau zu mir und erzählte mit strahlenden Augen, daß Sven großes Gefallen an seiner neuen Freundin gefunden.
»Von Dir lasse ich mir gerne helfen. Denn Du bist lieb,« hatte er gesagt.
Und damit schloß er seine Augen und lag stille, wie er zu liegen pflegte, mit der Eisblase auf seinem Kopfe, der immer schmerzte, die kleinen mageren Hände auf der Decke.
Eines Tages wurden wir plötzlich durch Leierkastenmusik draußen auf dem Hofe gestört, und da Sven gerade an diesem Tage gegessen und geplaudert hatte und sehr munter aussah, fragten wir ihn, ob er sich nicht heraustragen lassen wollte, um einen Affen anzusehen.
Sonst war Sven immer derjenige gewesen, der herbeigestürzt kam, wenn ein Leierkastenmann im Anzuge war. Ganz atemlos pflegte er zu Papa zu kommen und um Kleingeld zu bitten. Es war seine Freude, geben zu können, und wenn er mit seinen Münzen angerückt kam und strahlend glücklich aussah, als wüßte er, was es für einen armen Musikanten bedeutete, Geld für Essen zu bekommen, da brachte er manches schwarzbraune Gesicht dazu, mit weißen Zähnen zu lachen, und dunkelglänzende Augen strahlten seine blauen an.
Aber jetzt hing er so müde und klein an Papas Arm. Vorsichtig in eine Decke gewickelt war er, und Strümpfe hatte er an den Füßen. So wurde er hinausgetragen, und Papa hielt ihn auf der Veranda in seinen Armen, von wo er auf den sonnenbeleuchteten Hof hinuntersehen konnte, wo die munteren Weisen des Leierkastens Sven entgegentönten. Müde und fremd blickte er hinab auf die Bäume und den Hof, auf das Rudel Kinder, die dort im Sonnenschein standen, und sein Blick war die ganze Zeit wundersam, als grübelte er nach, warum all dies nicht schön sei wie sonst. Er versuchte den Mund zu verziehen, als er den Affen erblickte, der das Lustigste war, was er kannte, und der auf dem Leierkasten auf- und abhüpfte, mit seiner kleinen Kette rasselnd, und komische Grimassen schnitt, wenn er versuchte, eine Nuß zu knacken.
Aber Sven vermochte es nicht, all das anzusehen. Er wurde nur immer ernster und ernster. Immer schwerer und schwerer saß er auf Papas Arm. Es war, als wäre er weit fort und sähe hinab auf alles, was die Erde Schönes und Fröhliches hatte, und sehnte sich danach und fühlte, daß all dies nicht mehr für ihn da war. Er lehnte nur seinen Kopf an Papas Schulter, und dann wurde er wieder in sein Bettchen getragen.
Mama legte ihn hinein und strich ihm die Kissen zurecht:
»War es nicht hübsch, Sven?«
»Oh ja, ich konnte nur noch nicht recht. Aber ich werde schon bald gesund.«
Da beugte Mama sich hinab und streichelte das Haar des kleinen Brüderchens, aber ohne daß er es sah, streckte sie ihre andere Hand aus und suchte die meine, die sie krampfhaft drückte.
16.
So saß ich eines Nachts allein in meinem Zimmer und wußte, daß am nächsten Tage die Aerzte kommen und über den kleinen Sven ihr Urteil über Leben oder Tod aussprechen würden. Ich wußte, daß ihrer Zwei sein würden, denn unser Hausarzt wollte einen Specialisten konsultieren, weil er es nicht länger wagte, auf sein eigenes Urteil zu bauen. Ich saß allein, die Lampe war angezündet, und vor mir lag ein Manuskript, dem die Schlußkapitel fehlten.
Ich hatte meiner Frau Gutenacht gesagt und erwähnt, daß ich arbeiten würde.
»Daß Du heut Abend schreiben kannst!« hatte sie gesagt.
Und es lag eine Nüance von Bitterkeit in ihrem Tone, so als meinte sie, daß ich nicht so fühlte wie sie.
Doch sie bereute es sogleich, legte ihren Kopf an den meinen und sagte:
»Du bist glücklich, daß Du es kannst.«
Und hier saß ich nun allein, und jeder Nerv zitterte in einer seelischen Erschütterung, so zusammengesetzt und so ungeheuer, daß ich sie kaum beschreiben kann. Ich hoffte trotz allem, daß mein Kind am Leben bleiben würde, ja, ich glaubte es. Aber gleichzeitig hatte ich die Empfindung, daß ich jetzt schreiben müßte, jetzt oder nie. Ich wußte beinahe jedes Wort, das auf den Blättern stehen sollte, die blank und unbeschrieben vor mir lagen. Die Notwendigkeit trieb mich an, und ich schrieb, füllte eines nach dem anderen von den weißen Blättern und legte sie zu dem Manuskripthaufen, der vor mir auf dem Tische wuchs. Es war, als hätte mir eine unsichtbare Stimme ihre Befehle ins Ohr geflüstert, ich mußte dieser Stimme gehorchen, ihr blind gehorchen, und über mir war eine jagende Hast, so, als wüßte ich, daß es sich um das Leben handelte.