Das Buch vom Brüderchen: Roman einer Ehe
Part 7
Nie ist Sven so bewundert, so geliebkost, so von allen auf Händen getragen und vergöttert worden, wie in diesem Sommer. Die Lootsen trugen ihn über die Berge und schnitzten ihm Boote, die alten Mütterchen blieben stehen und lächelten strahlend, so wie sie ihn nur erblickten. Die jungen Frauen vergaßen ihre eigenen Sprößlinge und sagten, daß sie niemals ein solches Kindchen gesehen hätten, die Mädchen führten ihn auf die Klippen und spielten mit ihm, ohne daß er sie zu bitten brauchte. Sven ging in beständigem Sonnenschein herum, und er wurde braun und stark in dieser Luft, so wie er es nie gewesen.
Sven war mit einem Worte der Mittelpunkt all unserer Gedanken und die Sonne dieses unseres einzigen Sommers an der Westküste.
Es war jedoch wunderlich, daß er gerade in dieser Zeit einen neuen Gesprächsstoff fand, zu dem er immer wieder zurückkehrte. Für Sven war es nämlich eigentümlich, daß er von allem sprach, was ihm in den Sinn kam, und er that es ungekünstelter, als Kinder es zu thun pflegen, vollkommen unbekümmert in Beziehung auf den Eindruck, den er auf einen Erwachsenen machen könnte. Bei Kindern ist es ja sonst gewöhnlich, daß sie bis zu einem gewissen Grade das, was sie denken, bei sich behalten und sich nur mit einer gewissen Zurückhaltung einem Aelteren gegenüber aussprechen. Dies kommt daher, daß sie fürchten, ihre Gedanken von dem Lächeln der Ironie getroffen zu fühlen, selbst wenn dieses Lächeln mit Wohlwollen gepaart ist. Besonders ist dies der Fall, wenn ein Kind gefühlvoller, naiver, seiner Natur nach offener ist als andere Kinder, oder sich in seinem ganzen Wesen von der Mehrzahl unterscheidet.
Sven hatte von dem Moment an, wo er seine Augen aufschlug, nie etwas Anderes als verständnisvolle Wärme um sich gefühlt. Als er in das Alter trat, in dem Eltern sich mit ihren Kindern beschäftigen können, waren ihm beinahe stündlich ein Paar Augen gefolgt, die sich über jede seiner Bewegungen freuten, jedes Wort verstanden und aufmunterten, jede Aeußerung seiner zarten, unschuldigen Seele klarer und besser wiederspiegelten, als er selbst sie gethan hatte. Durch die Liebe seiner Mutter lernte der kleine Sven die ganze Welt um sich kennen, und weil sie zu seiner eigenen sich zärtlich hingebenden Person paßte, so wie er zu ihr, die ihm Tag für Tag etwas gab, was mehr war, als daß sie ihm das Leben geschenkt hatte, so konnte Sven sich auch nichts Anderes denken, als daß er alles, was sich in ihm regte, wuchs und fragte, ebenso natürlich und einfach, wie es kam, ausplaudern mußte.
Vielleicht lag in ihm auch, obwohl er sie nie in Worte kleiden konnte, etwas wie eine Ahnung, daß er nicht her gehörte? Vielleicht band ihn diese Ahnung, wenn auch unbewußt, noch stärker an sie, die unter ihrem Lebensglück lange dasselbe Gefühl verborgen hatte? Wer kann darauf antworten? Oder wer kann es versuchen, zu antworten? Niemand. Nur das Schweigen schwebt über blühenden Grabhügeln.
Aber gewiß ist, daß der kleine Sven eines Tages ein Bild an der Wand von Mamas Zimmer entdeckt hatte, und als er es eine Weile angesehen hatte, nahm er es herunter und betrachtete es schweigend, als begegnete er etwas ganz Neuem, vor dem sein Verstand ganz still stand.
Es war kein Bild nach dem jetzigen Geschmack. Es liegt wenig Kunst darin, und es erzählt eine Geschichte. Es giebt eine Sage, die der Todeszug heißt. Ueber eine weite Haide geht der Tod. Er ist in einen weißen Mantel gehüllt, der das Gerippe verbirgt, aber den Todtenschädel frei läßt. Ihm folgt ein langer Zug von Jungen und Alten ohne jeglichen Unterschied, und der Zug ist so lang, daß er in der Unendlichkeit zu verschwimmen scheint, und Niemand kann seinen Schluß sehen. In der Hand hält der Tod eine Glocke, und man sieht, daß sie eben erklungen ist. Man sieht es, denn am Wege sitzt ein vom Alter gebrochenes Weib und streckt flehend seine Hände nach dem Unerbittlichen aus, der, ohne sie anzusehen, an ihr vorüberschreitet. Aber ganz nahe hinter dem Tode steht ein junges Paar, das sich liebt. In dem Ohr des jungen Mannes ist die Glocke des Todes erklungen, und die Liebesarme der Verzweiflung können ihn nicht zurückhalten. Der Zug des Todes geht weiter, und wenn die Stelle kommt, die für ihn im Zuge offen steht, muß er mitschreiten, und sein Platz auf Erden wird leer stehen, und keine Sehnsucht kann ihn zurückrufen. Aber da wo der Zug zu enden scheint, schimmert es wie ein Licht der Morgenröte.
So ist das Bild, und Mama hatte es auf die Schäre unter anderen Bildern und Photographieen mitgenommen, mit denen sie unser neues Sommerheim schmückte, und auf eine Photographie dieses Bildes blickte Sven einmal unverwandt, als er Mama fragte:
»Was ist das?«
Und Mama erzählte die Sage von dem grausamen Tod, der kommt und den mitnimmt, der jung ist, und den Alten, der bettelt, mitkommen zu dürfen, zurückläßt. Sven hängte das Bild wieder an seinen Platz.
Aber am nächsten Morgen nahm er es abermals herab, und als er es eine Weile angesehen hatte, mußte Mama die ganze Geschichte zum zweiten Male erzählen.
Wieder saß Sven da und hörte zu, und wieder wurden seine großen Augen ernst und verwundert.
»Glaubst Du, Mama, daß der junge Bräutigam sehr betrübt ist, weil er sterben muß?« sagte Sven.
»Ja,« antwortete Mama, »aber sie, die seine Braut ist, ist noch betrübter.«
»Aber er wird vielleicht ein Engel,« sagte Sven, »und bekommt weiße Flügel auf den Schultern.«
»Das wird er wohl,« sagte Mama.
Aber Sven seufzte und war doch noch nicht zufrieden.
»Warum kann die alte Frau nicht mit ihm gehen, wenn sie doch so gerne will?« sagte er.
»Das weiß Niemand, Sven,« sagte Mama, »das weiß nur Gott.«
»Weiß er es denn?«
»Ja, er weiß es.«
Sven ging wieder hinaus in die Sonne auf die Klippen. Aber seither wurde diese Geschichte seine liebste, und beinahe jeden Morgen, wenn Mama da saß und sich frisierte, kam Sven herein, nahm das wunderliche Bild herunter und bat Mama zu erzählen.
Aber noch etwas war Sven passiert, und das hatte sich im Winter begeben. Da war er ins Theater mitgenommen worden und hatte ein Stück gesehen, das am Sonntag Vormittag gespielt wurde, wo Sven auf sein konnte und nicht nach Hause gebracht werden mußte, um sich schlafen zu legen. Strindbergs »Glückspeter« wurde gegeben, und Sven verstand wohl nicht viel von dem Stücke, aber er unterhielt sich in seiner Weise. Er unterhielt sich so gut, daß er alle ansteckte, die rings um ihn saßen ...
Aber dann kam die Scene, wo der Tod sich dem Glückspeter zeigt, und da wurde Sven stumm. Niemand hatte daran gedacht, daß diese Scene vorkam, oder daß sie überhaupt einen solchen Eindruck machen konnte. Aber alles, was dann folgte, beachtete Sven gar nicht mehr. Und wenn ihn später Jemand fragte, was er im Theater gesehen, antwortete er nur:
»Ich habe den Tod gesehen. Das war ein großes, langes Knochengerippe und konnte sprechen. Und er hielt eine Sichel in der Hand.«
Diese Erinnerung brachte nun Sven mit dem Bilde vom Zuge des Todes zusammen. Das Einzige, womit der Knabe sich nicht aussöhnen konnte, war, daß, als er den Tod sah, er eine Sichel hatte, aber auf dem Bilde läutete er mit einer Glocke. Sonst war es, als sei die Erinnerung aus dem Theater, das Bild an der Wand und Mamas Sage für das Kind zu Einem verschmolzen.
Unaufhörlich pflegte Sven davon zu sprechen. Dieses Bild hatte sich in seiner Phantasie mit einer Intensität festgesetzt, die nichts verwischen konnte. Und er erzählte Jedem, der es hören wollte, wie der Tod auf den Glückspeter zukam und drohte ihn mitzunehmen, aber wie er wieder gehen mußte, weil der Glückspeter ihn so schön bat. Er erzählte so davon, daß er selbst bei der bloßen Erinnerung schauerte, und wenn der Tod sich ihm in leibhaftiger Gestalt offenbart hätte, so würde er nicht stärker haben ergriffen sein können.
Aber seine Freunde auf der Schäre fanden es wunderlich, daß ein so kleines Kind von etwas derartigem sprechen konnte. Sie machten sich nie über ihn lustig, sondern das, was er erzählte, bestärkte sie bloß in dem Gefühl von etwas wunderlich Zartem und Feinem, das sie gerne in die Arme nahmen und über die Berge trugen.
Und Sven ließ sich durch diese Sagen in seinem Glück nicht stören. Er war so vertraut mit ihnen, daß sie ihm nur zu folgen schienen, wie der Schatten dem Sonnenschein folgt. Und er schuf sich seine eigene Welt draußen auf der Schäre. Wenn die Brandung hoch ging und der Sturm brüllte, dann stand er am Fenster und blickte hinaus über das tosende Meer, und er konnte stundenlang so stehen, ohne daß er im stande war sich loszureißen. Wenn der Himmel blau war und der Wind kühl und still über die Insel wehte, dann ging er allein zum Strande hinab, fing Seesterne und lernte mit Booten spielen.
Aber sein liebster Aufenthalt war der Lootsenausguck, wo Mama mit ihrer Arbeit saß, und da bat er sie alles zu erzählen, was sie vom Meere wußte. Er war überglücklich, wenn er barfuß über die Klippen lief, und er zog seine kleinen Höschen hinauf, und kletterte auf seinen feinen Füßen so vorsichtig wie eine kleine Prinzessin. Aber wenn man weit gehen sollte, da bat er, daß man ihn trage. Und da Niemand Sven das abschlagen konnte, worum er bat, fand sich immer Jemand, der ihn auf die Arme oder auf die Schultern nahm. Dann sah er sich stolz um und lächelte in dem Gefühl seiner Macht und der Seligkeit, daß Alle ihn liebten.
Aber wenn Mama mit Papa allein blieb, sagte dieser öfter als einmal:
»Er ist ja so frisch und munter, wie er nie gewesen ist. Warum spricht er dann immer vom Tode?«
Und sie antwortete:
»_Ich_ lehre es ihn nicht. Seine Gedanken kommen und gehen, wie sie wollen. -- -- Siehst Du?«
Sie wies hinunter auf den Strand. Da saß Sven allein und sah ungemein glücklich und froh aus. Er hielt eine Schnur in der Hand, und an der Schnur war ein Stück Holz befestigt, das wie ein Boot aussah. Das zog er auf den Strand, belud es mit Steinchen und schob es wieder hinaus.
»Hörst Du nicht?« sagte Elsa.
Und um besser zu hören, gingen wir sachte näher, ohne daß der Knabe uns sah.
Er saß ganz stille, ließ das Holzstück auf den Wellen auf- und niedergleiten, und mit schwacher, glockenreiner Stimme sang er für sich selbst. Es war ein Seemannslied, das er von den Kindern auf der Insel gelernt hatte.
Sing fallerala, sing fallerala la, Und tief im Meere sein Grab er sah.
Da erblickte er uns, verstummte und erklärte, daß er nicht singen wolle, wenn Papa zuhörte.
10.
Ich merke, daß ich in diesem Buch fast nur von unseren Sommern erzähle. Das kommt ganz einfach daher, daß wir im Sommer am stärksten das Gefühl hatten, zu leben. Im Winter wohnten wir ja entweder in der Hauptstadt oder so nahe derselben, daß wir zu jeder Zeit hinkommen konnten. Da ging es uns wie den meisten Anderen. Das Hauptstadtleben ergriff uns, schleuderte uns in seinen Wirbel und bemaß die Zeit sehr karg, in der wir alle mit einander leben und uns Eins fühlen konnten. Dahin waren meine und meiner Frau lange vertrauliche Gespräche zu Zweien, dahin das muntere Zusammenleben mit den Kindern. Nicht einmal das Weihnachtsfest, ja das am allerwenigsten, war frei von dem Gefühl überanstrengenden Hastens, das Müdigkeit, Ueberdruß und Mißstimmung zurückläßt. Darum erwarteten wir den Sommer beinahe wie eine Befreiung von etwas Bösem, und wenn wir die Hauptstadt verließen, war es immer, als zögen wir unserer eigenen Erneuerung und der unseres Zusammenlebens entgegen.
Von unserem letzten Sommer will ich jetzt erzählen, dem letzten, in dem wir wirklich das Gefühl hatten, zu leben, dem Sommer, der so ganz anders wurde, als wir gehofft und gedacht hatten.
Wir hatten diesmal einen ganz anderen Ort gewählt, als die Schären der Westküste, und wir hatten dies gethan, damit meine Frau sich mit all dem umgeben konnte, was sie im vorhergehenden Sommer vermißt hatte. Denn wie sehr das Meer sie auch ergriffen hatte, barg sie doch in tiefster Seele eine Art Abgeneigtheit gegen die See, die in einsamer Majestät herrschen will und keine hohen Bäume und blühenden Matten in ihrer unmittelbaren Nähe duldet. Im Innersten sehnte sie sich immer nach belaubten Hainen und üppigen Blumen, und der Sieg, den ich in meinem Kampf fürs Meer errungen, war also nur halb. Darum kamen wir überein, für die Zukunft abwechselnd den Ort unseres Sommeraufenthalts zu bestimmen. Und diesen Sommer wollten wir überdies mit Anderen theilen, das wiederbeleben, was einmal unsere Herzen erfüllt, als all unser Glück sich im Kreise von lauter Freunden wiederspiegelte, die in unserem Hause so kamen und gingen wie in ihren eigenen.
Um den Kontrast zu dem Sommer auf der Schäre so stark als möglich zu machen, wählten wir »Lidingön«, und in dem oberen Stockwerk eines halb verfallenen Herrenhofs schlugen wir unser Sommerheim auf.
Es war eine Wohnung mit vielen großen Zimmern, eine Wohnung mit schrägen Fenstern, fleckigen Tapeten und altväterischen großen Veranden, einer langen und schmalen, die nach dem Hof ging, und einer kleineren, von der aus man über den Garten sah, mit seinen ungeharkten Wegen und den wildwuchernden Beerensträuchern, über die Eichen weit hinaus nach der Landzunge und der ganzen stillen, hellen Bucht sah, die in Grün gebettet dalag und einem ruhigen Binnensee glich. Die Veranden waren zu beiden Seiten des Hauses ganz und gar von wildem Wein überwachsen, und auf der Veranda nach dem Meere war die eine Seite mit Kaprifolium bedeckt. Das Ganze machte den Eindruck eines Hauses, das im begriffe ist, überwuchert, überwachsen zu werden, zu verschwinden, um wieder eins mit der Natur zu werden. Wenn man auf der kleineren Veranda saß und träumend über den Garten blickte, auf die Eichen und die ruhige Bucht, mußte man daran denken, daß alles, was hier gepflügt oder gebaut war, einmal verschwinden und daß der Tag kommen würde, wo neue Menschen das in der Erde verborgen fanden, was der Freude und Sorge längst vergessener Menschen eine Heimstatt gegeben hatte und Nahrung ihren Körpern. Wehmütig ohne jede Düsterkeit schlich sich dieses Gefühl über den, der da saß und die Stimmung dieses kleinen Flecks in sich aufnahm, und es wurde ihm zu Mute, als hätte alles irdische Glück darin bestanden, hier zu leben, bis das Haus fiel und das Unkraut alles verdrängte, und dann einschlummern zu dürfen, mit dem Gebäude, das in Ruinen zerfiel, und den alten Bäumen, die morsch und abgelebt zusammensanken, und eins zu werden mit der unfruchtbaren Erde selbst, die es auch müde geworden zu sein schien, das zu tragen, was bestimmt war, ihren Bebauern Leben zu geben.
Hier wuchsen die Syringen dicht, der Goldregen hing prächtig und schwer über ungepflegte Beete und Rabatten, wo die Mohnblumen sich überreif zur Erde neigten und die Rosensträucher sich drängten. Hier war alles, was meine Frau an Stimmung und Natur liebte. Hier war etwas von einer sterbenden melancholischen Ueppigkeit, die mit ihrem ganzen Seelenleben übereinstimmte. Hier ging sie umher, als wäre sie vom ersten Augenblick an daheim. Hier vergaßen wir, daß das Leben und die Menschen uns schwere Wunden geschlagen und daß wir selbst uns gewehrt und zurückgeschlagen hatten. Hier vergaßen wir den Zwang des Winters und seine enervierenden Vergnügungen. Und auf der anderen Seite der Bucht hatten wir Freunde, zwischen deren Brücke und der unseren die Boote häufig hin- und hergingen.
Aber die ganze Umgebung lastete schwer auf mir, und ich hatte das Gefühl, als hinderte sie mich am Arbeiten. Sie versetzte mich in eine Stimmung, die verschieden von allem war, was ich je erfahren. Aber die Zeit verging, und mit ihr kam die Ruhe. Mit einer Stärke wie nie zuvor kam der Genius der Arbeit über mich, und ich wurde von nichts anderem gestört als von Sven.
Denn er war der Einzige, den wir nie lehren konnten, daß Papa in Frieden gelassen werden müßte, wenn er arbeitete. Er öffnete die Thüre so sachte, als wollte er zeigen, wie wichtig es war, daß Stille herrschte. Sah ich ihn dann an, so legte er den Finger auf den Mund und sagte »Pst« mit einer so machtbewußten und gleichzeitig unschuldigen Miene, daß ich unwillkürlich die Feder weglegen mußte. Sah ich hingegen nicht auf, dann ging er sachte zum Schreibtisch hin und stellte sich neben mich. Er konnte da geduldig die längste Zeit stehen; und wenn ich stark blieb und that, als ahnte ich seine Nähe nicht, dann konnte er wieder seiner Wege gehen, ebenso still, wie er gekommen war. Das geschah jedoch nicht oft, und wenn ich den Kopf nur ein klein wenig drehte, sah ich sogleich die blauen, erwartungsvollen Augen, die die meinen suchten. Und dann war ich verloren.
»Was willst Du eigentlich, Sven?« sagte ich.
Und ich meinte, daß ich streng aussehen sollte, wußte aber, daß ich es nicht konnte.
Dann war es eine Blume oder ein Stein oder irgend eine andere Seltenheit, mit der er kam. Und ich ergab mich auf Gnade und Ungnade. Ich schob Papier und Feder weg und ließ Sven mich stören, so viel er wollte. Und darüber freue ich mich jetzt.
11.
Hier draußen sang der kleine Sven, wie er es den ganzen Winter gethan, und gewiß hatte Elsa hauptsächlich um seinetwillen darauf bestanden, daß unser Klavier einmal mit hinaus in die Schären kam.
Denn seit Mama entdeckt hatte, daß Sven singen konnte, war es doch nur ganz natürlich, daß sie anfing, seine Anlagen auszubilden, und daß sie stolz auf seine Stimme war wie auf alles, was er sagte, that und vornahm. Sie schaffte ihm kleine Liederbücher an und lernte die Worte mit ihm auswendig. Denn Sven war erst fünfeinhalb Jahre alt und zu klein, um lesen zu können. Auch hatte seine Mama heilig und teuer gelobt, daß es lange dauern würde, bevor er sich mit etwas so Schrecklichem plagen müßte. Aber singen, das konnte er, und er konnte viele Lieder. Sehr selten entschlüpfte ihm ein falscher Ton, und war das einmal der Fall, so sah er ganz verdrießlich aus und begann wieder ganz von vorne.
Er hatte auch nie Angst zu singen, wenn Fremde zuhörten. So viele, als wollten, durften kommen. Sven sang und lachte, und die großen, blauen Augen leuchteten. Warum sollte er Angst haben, zu singen, wenn er es selbst so lustig fand, und er im übrigen so schön sang? Das hatte Mama gesagt, und wenn sie es fand, mußten ja alle dasselbe finden.
Von allen schönen Liedern, die Sven konnte, war doch keines niedlicher anzuhören als dieses:
Bäh, bäh, weißes Lamm, hast Du denn auch Woll? Ja, ja, kleiner Mann, hab die Taschen voll. Sonntagsrock für Vater und Feierkleid fürs Mütterchen Und zwei Paar Strümpfe fürs kleine, kleine Brüderchen.
Der Schluß dieses Liedes war Svens Glanznummer. Denn so wie er zu dem letzten Vers kam, ging es über Stock und Stein, so rasch, so rasch, als wollte er das Schlußwort aufessen und für sich selbst behalten. »Das kleine, kleine Brüderchen« eilte lange vor der Klavierbegleitung daher, und das kam nur daher, daß er die zwei paar Strümpfe für eigene Rechnung nahm und den ganzen Vers als eine Anspielung. Warum sollte auch nicht das ganze Lied eigens für ihn geschrieben sein, wenn er es singen konnte und sich so darüber freute?
Dieses Lied durfte kein Anderer als Sven singen, und es konnte es auch Niemand so wie er, der das kleine Brüderchen im Leben war, das kleine Brüderchen im Tode, der niemals etwas Anderes wurde und immer unter diesem Namen leben wird.
* * * * *
Die Fenster im Speisesaal stehen offen, der Duft des Flieders strömt mit der Abendluft herein, die Sonne ist im Untergehen, und auf der Wand über dem geöffneten Klavier beben ihre Strahlen. Am Klavier sitzt seine Mama in weißem Sommerkleid, rings herum stehen wir Anderen, und mitten unter uns singt der kleine Sven.
Sonntagsrock für Vater und Feierkleid fürs Mütterchen Und zwei Paar Strümpfe fürs kleine, kleine Brüderchen.
Es ist Johannisabend, und Sven ist glücklich. Denn er hat Mamas Versprechen, daß er sich an diesem Abend nicht früher niederzulegen braucht, als bis er selbst will. Das will er natürlich nie, und mit Mamas Hand in der seinen geht er mit den Brüdern und den Großen über die Gartenwege, bis ihm die Augen zufallen und er schlafend in sein Bett getragen wird, nichts von seinem Unglück ahnend, nicht länger wach sein zu dürfen.
Da schläft er mit seinem Freund auf dem Arm, dem weißen kleinen Hund aus Holz, der Wolle hat wie ein Lämmchen und Augen aus schwarzen Stecknadelknöpfen und den Sven »Flocki« getauft hat. Flocki ist ein friedlicher Schlafkamerad. Er stört Niemanden.
Draußen in den Kronen der Bäume ertönt das erste schwache Vogelgezwitscher, das die Morgenröte kündet.
12.
Ich glaube nicht, daß Sven je ein so wunderbares Zusammenleben mit seiner Mutter gelebt hat, wie in diesem Sommer, oder vielleicht ist es auch möglich, daß ich nie Gelegenheit hatte, es so gründlich zu verfolgen. Möglicherweise trug hierzu der Umstand bei, daß wir in diesem Sommer zum ersten Mal die Gesellschaft unseres großen Jungen entbehrten. Olof hatte nämlich nach dem Norden reisen müssen, um Waldluft zu atmen und sich daran zu gewöhnen, allein vom Hause fort zu sein. Und die Folge davon wurde natürlich die, daß die Zurückbleibenden sich noch inniger als gewöhnlich an einander schlossen. So viel ist gewiß, daß ich in diesem Sommer unbewußt anfing Sven mit denselben Augen anzusehen wie seine Mutter, und daß mir nie so wie damals die Augen darüber aufgingen, wie verschieden er von allen Kindern war, die ich je gesehen, obgleich nichts bei ihm anders war, als was man kindlich nennt.
An einen Morgen erinnere ich mich, daß er mich, als ich spazieren ging, dadurch überraschte, daß er ganz allein auf der Wiese saß mit einem Strauß Glockenblumen und Ranunkeln in der Hand. Ich fragte ihn, ob er mit mir in den Park gehen wollte. Das war ein Anerbieten, das er immer mit Entzücken aufzunehmen pflegte, und es erregte daher mein Erstaunen, daß er sich diesmal energisch weigerte.
»Willst Du nicht mit Papa kommen, Sven?«
Ich fühlte mich beinahe verletzt und dachte, es wäre eine Laune.
Sven schüttelte nur den Kopf und blieb stille sitzen.
»Aber warum denn?«
»Ja, ich sitze hier und warte auf Mama,« sagte das kleine Brüderchen mit großer Bestimmtheit.
»Aber Du weißt doch, daß Mama erst viel später herauskommt. Mama ist nicht so gesund wie früher, und sie muß morgens lange liegen, weil sie in der Nacht nicht schläft.«
So verhielt es sich auch, und wenn uns das nicht hinderte, unser Sommerglück zu genießen, so kam es nur daher, daß wir uns im Laufe der Jahre so sehr daran gewöhnt hatten, daß die Kränklichkeit meiner Frau zeitweise wiederkommen mußte, daß dieser Umstand uns nur ganz natürlich und alltäglich schien.
Sven ließ sich jedoch durch keine Vernunftgründe beeinflussen, sondern blieb eigensinnig sitzen.
»Ich _weiß_, daß sie _heute_ kommt,« sagte er.
Ich lächelte über seine Sicherheit und ging weiter, während ich weniger an seine Voraussage als an diese allumfassende Liebe eines Kindes dachte, die weit über seine Jahre hinausging und die den Knaben veranlaßte, unthätig mit ein paar Blumen in der Hand dazusitzen, nur um es nicht zu versäumen, die Mutter im selben Augenblick, in dem sie sich zeigte, zu begrüßen.
Aber während ich so weiter ging, wendete ich mich plötzlich um, und da sah ich den weißen Hut und das leichte, geblümte Kleid meiner Frau zwischen den Jasminbüschen auftauchen. In demselben Augenblick hörte ich einen gellenden Schrei von Sven.
Lächelnd ging ich zurück und sah den Knaben in einem Paroxysmus der Zärtlichkeit an dem Halse seiner Mutter hängen. Ich rief sie an, aber das kleine Brüderchen ließ nicht locker. Er klammerte sich an Mama an, und schon aus der Ferne rief er mit einem Gemisch von Verdrießlichkeit über mein Mißtrauen und Triumph darüber, daß er Recht behalten hatte:
»Siehst Du, daß sie gekommen ist! Siehst Du, daß ich es wußte!«
»Du bist wohl drinnen gewesen und hast geguckt,« sagte ich.
Nichts kann die Verachtung aller rationalistischen Auslegungen dessen, was er fühlte und wußte, beschreiben, mit der Sven antwortete:
-- »Nein, das habe ich gewiß nicht. Hab ich es, Mama?«
Und Mama tröstete ihn damit, daß er gewiß nicht geguckt habe. Aber zu mir sagte sie: