Das Buch vom Brüderchen: Roman einer Ehe
Part 6
Alles, was meine Frau mir jetzt sagte, verwunderte mich. Denn sie pflegte sich selten mit Anderen zu beschäftigen, wenn sie mit mir allein war, und ich suchte die Menschheit in Schutz zu nehmen. Ich brachte sie sogar dazu, ein paar Ausnahmen zuzugestehen.
Aber sie antwortete auf alles, was ich anzuführen hatte, als hörte sie mir eigentlich nicht zu; und als sie verstummte, fuhr sie fort, ihren eigenen Gedankengang verfolgend:
»Warum bist Du und ich glücklicher, als alle anderen Menschen?«
Sie sagte das mit einem Ernst, als berührte sie nur ein ganz bekanntes und anerkanntes Faktum, und sie fügte hinzu:
»Ich finde, daß alle Anderen unglücklich sind, wenn ich sie mit Dir und mir vergleiche.«
Ich lächelte über ihren Eifer, während ihre Worte mir gleichzeitig warm ums Herz machten.
»Warum mußt Du vergleichen?« sagte ich.
»Weil es mich glücklich macht,« antwortete sie. Und indem sie vor mir stehen blieb und zu mir aufblickte, fügte sie hinzu:
»Laß es mich jetzt sagen, weil ich sonst vielleicht nie dazukomme, es Dir zu sagen. Ich finde, es ist so eigentümlich, wenn ich an die erste Zeit denke, wo wir verheiratet waren. Da meinte ich, daß ich Dich liebte und daß ich glücklich war. Das war deshalb, weil ich nichts wußte und nichts verstand. Nun weiß ich, was es bedeutet, und nun will ich Dir danken.«
Bevor ich es hindern konnte, hatte sie meine linke Hand ergriffen und sie geküßt, und als ich versuchte, sie zurückzuziehen, hielt sie sie fest und küßte sie abermals, da wo der Ringfinger war.
Es lag eine Macht in ihrem Gefühl und ihrer Person, als sie diese Worte sagte, die mich beinahe verwirrte. Stumm nahm ich sie in meine Arme und küßte sie mit dem Gefühl, daß ich zum ersten Male meine Braut küßte. Und ich wußte mit ihr, daß die Erde keine größere Seligkeit barg.
6.
Sven hatte einen Spielkameraden gefunden, und das war ein Ereignis in seinem kleinen Leben. Denn früher hatte er nur mit den großen Brüdern gespielt. Nun war dieser Spielkamerad ein paar Monate jünger als Sven, und überdies war der Spielkamerad ein Mädchen. All dies war etwas sehr Neues und Entzückendes, und in dieser Zeit hatte Sven viel mit Mama zu besprechen.
Die kleine Martha war mit ihrem Papa und ihrer Mama hinaus aufs Land gezogen, und im Anfange hatten sie und Sven einander aus der Entfernung betrachtet. Martha war ein kleines, unbeschreiblich süßes Mädchen mit roten, frischen Wangen, klaren, blauen Augen und langem, lockigem Haar, das beinahe so wie Svens eigenes war. Und es dauerte nicht sehr lange, so kam sie eines Tages und setzte sich in die Nähe von Sven und betrachtete neugierig, was er vor hatte.
Sven war gewohnt, für sich allein zu spielen, und er hatte ein Spiel, das ihn sehr unterhielt und eigentlich ganz leicht faßlich war. Es bestand darin, daß er hinausging und sich auf eine Wiese setzte. Da betrachtete er mit dem größten Interesse alles, was auf dem nächsten Fleckchen Erde um ihn vorging. Da waren Ameisen, die auf Grashalme kletterten, ein Schmetterling, der sich auf eine Blume setzte und dann auf weißen Flügeln weiter in die Sonne flatterte, ein Hirschkäfer, der auf den Rücken gefallen war und umgedreht werden mußte, um weiter kriechen zu können, oder ein paar Vögelchen, die zwischen den Erdhügelchen umherhüpften und sich nicht von dem Kinde stören ließen, wenn sie für sich oder ihre Jungen Futter suchten. Oder er saß auch ganz einfach da und pflückte Grashalme um sich ab und ließ sie grübelnd und untersuchend durch seine Finger gleiten, und wenn er die Hand voll hatte, warf er sie alle fort und begann neue auszureißen. Das nannte Sven selbst »im grünen Gras spielen« und davon konnte er lange erzählen, wenn er das Spiel unterbrach und zu Mama hineinlief, um über die Entdeckungen, die er gemacht hatte, zu berichten. Dem guckte nun die kleine Martha zu, und schließlich fragte sie Sven, was er mache.
»Siehst Du nicht, daß ich im grünen Gras spiele?« sagte Sven.
Und er machte vor Verwunderung große Augen.
Nein, das verstand Martha gar nicht. Aber da Sven sich so lange damit beschäftigte, nahm sie an, daß es etwas unbeschreiblich Unterhaltendes sein mußte, und darum setzte sie sich neben ihn. Und die beiden Kinder rissen Gras aus und beobachteten Ameisen und kamen sich dabei so nahe, daß, als sie fortgingen, sie einander bei der Hand hielten und meinten, sie könnten sich gar nie trennen.
Ein paar Tage später saß Sven drinnen bei Mama und sprach von Martha. Jetzt sprach er nicht mehr von Gras und Blumen oder Vögeln und Schmetterlingen. Jetzt erzählte er nur, was Martha gesagt und was Martha gethan hatte, und wie gut sie sich mit einander unterhielten.
Eines Tages sagte Mama zu ihm:
»Du hast Martha wohl sehr lieb?«
Da schob Sven die Unterlippe vor und antwortete:
»Weißt Du nicht, daß Martha meine Braut ist?«
Mama antwortete sehr ernst:
»Das hast Du mir noch gar nicht gesagt.«
»Du mußt es aber doch wissen,« meinte Sven. »Wir wollen uns heiraten.«
»Wann wollt ihr heiraten?« fragte Mama.
»Wenn wir groß sind, natürlich,« antwortete Sven.
Sven war sehr glücklich, eine Braut zu haben, die er heiraten sollte, und es war das Schönste, was man sich denken konnte, wenn die zwei Kinder Hand in Hand über den Hof kamen und der Sonnenschein in ihrem lockigen Haar spielte, oder wenn Sven Martha in ihrem kleinen Wagen zog und sich unaufhörlich umdrehte, um sie anzusehen.
Aber manchmal zankten sie sich, und dann wurde Sven düster und ging zu Mama und sagte, daß Martha abscheulich sei.
Dann antwortete Mama:
»Ja, aber Du willst sie doch heiraten, und da müßt Ihr doch wieder gut Freund werden.«
»Ich will sie nicht heiraten,« sagte Sven.
Aber wie dies nun auch sein mochte, sie wurden wieder gut Freund, versöhnten und küßten sich und unterhielten sich noch besser, als je zuvor.
Es versteht sich von selbst, daß Mama Svens Braut mindestens ebenso anbetete wie er selbst, und wenn sie herauskam und Sven mitnehmen wollte und Sven seinerseits Martha nicht verlassen konnte (eine ganz neue Erfahrung in seinem kurzen Dasein), dann löste sich der Konflikt in der Weise, daß Mama die Brautleute Eines an jeder Hand nahm und zugleich ihre Spielkameradin und ihre Vertraute wurde. Ja, ich fürchte, sie sprach mit ihnen Beiden von Liebe und Ehe, weil sie wie Keiner ihre Sprache konnte, und es mag wohl sein, daß sie bei der Stärke ihrer Phantasie sich schon als Schwiegermutter zu fühlen anfing.
Es nützte nichts, wenn Jemand versuchte, Svens Liebe von der scherzhaften Seite zu nehmen. Olof höhnte allerdings das kleine Brüderchen und versuchte zu erklären, daß ein richtiger Kerl sich nichts aus Mädels machte. Selbst Svante, der in diesem Punkte ein weniger reines Gewissen hatte, versuchte das kleine Brüderchen damit anzugreifen, daß es eben zu klein war.
In seiner Not wendete sich Sven an Mama als an die höchste Autorität. Und Mama sagte ihm, daß er sich nicht darum kümmern solle, was die großen Jungen sagten, und wenn er Martha lieb habe, so wäre das ja nichts Komisches, gleichviel ob er klein oder groß sei.
Nun fand Sven, daß die Brüder ihr Teil bekommen hätten, und ließ sich sein Glück nicht weiter von ihnen trüben. Er war selbst so ernst mitten in seiner Freude, daß er nicht begriff, wie irgend Jemand über so etwas scherzen konnte, und darum machte er auch kein Geheimnis aus der Sache. Wenn ein Aelterer, was ja vorkam, ihn fragte, ob es wahr sei, daß er eine Braut habe, antwortete er ohne Weiteres Ja, und gleich darauf lief er fort und spielte mit ihr, so als wollte er die ganze Welt fragen, ob sie nicht schön und süß sei, wie eine richtige Braut sein soll.
Ja, Sven betrug sich überhaupt so, daß man aufhörte mit ihm zu scherzen, und selbst die Brüder ließen ihn in Frieden.
Aber eines Tages kam Olof auf den Einfall, ihm zu sagen, daß er Haare hätte wie ein Mädchen. Das hatte Sven schon vorher gehört und sich nichts daraus gemacht.
Aber jetzt fügte der große Bruder hinzu:
»Das paßt doch für Dich nicht, wenn Du eine Braut hast.«
Und das machte auf Sven einen tiefen Eindruck.
Von diesem Tage an hörte er nicht auf, Mama wegen seines Haares zu quälen.
»Ich will mein Haar so haben wie die anderen Jungen,« sagte er.
Es half nichts, daß Mama sich wehrte und Sven bat, sich doch nicht um das zu kümmern, was die großen Jungen sagten. Es half nicht einmal, daß sie Sven bat, Mama zu Liebe seine schönen Locken zu behalten, die Mama so gerne hatte. Sven blieb dabei, daß sie fort sollten.
»Ich will nicht wie ein Mädchen aussehen,« sagte er.
Mama trauerte bei dem bloßen Gedanken, daß jemand die schönen Locken auch nur berühren sollte.
»Ich kann mir das Burschi nicht ohne seine Locken denken,« sagte sie.
Sie nahm ihn in ihre Arme, flüsterte mit ihm, plauderte, überredete und bat und flehte für die lieben Locken. Aber Sven ließ sich nicht überzeugen. Er bat so schön und sah so rührend aus, daß er schließlich seinen Willen durchsetzte.
Er kam in seinem kleinen roten Hut herein, die weiße Bluse flatterte um die kleinen Beinchen.
»Ich fahre in die Stadt und lasse mich scheren,« schrie er.
Er war voll Eifer und Entzücken, und als er im Zuge saß, plauderte er in einem fort und wendete sich an einen fremden alten Herrn, den er nie im Leben gesehen hatte, daß er zur Stadt fahre, um sich sein langes Haar abschneiden zu lassen.
Der alte Herr sah von seiner Zeitung auf, warf dem Knaben einen zerstreuten, gleichgiltigen Blick zu und fuhr fort zu lesen.
Sven glaubte, daß er nicht gehört hatte, und wiederholte der Deutlichkeit wegen:
»Ich lasse mir mein Haar schneiden, damit ich nicht wie ein Mädchen aussehe.«
Aber der alte Herr verschanzte sich hinter seine Zeitung und murmelte etwas, das Mama veranlaßte, ihr kleines Herzblatt zum Schweigen zu bringen.
Dann blieb Sven den ganzen Weg stumm und saß ganz stille da, als grübelte er über irgend etwas nach. Er sah so unglücklich aus, daß Mama ihn auf den Schoß nahm und ihn streichelte und bitterböse auf den alten Herrn wurde, der nicht begriff, daß der Kleine dasaß und sich grämte, daß nicht alle fremden Herren sich darum kümmern, daß ein kleiner Junge froh ist.
Sven schwieg, als er auf die Straße kam. Aber dann flüsterte er, als hätte er Angst, daß Jemand sie hören könnte.
»Das war bestimmt kein netter Herr.«
»Ja, aber siehst Du, Sven, Du hast ihn doch nicht gekannt,« sagte Mama.
»Deswegen hätte er doch nett sein können,« sagte Sven.
»Aber kleine Jungen sollen nicht zu fremden Leuten sprechen,« wendete Mama ein.
»Ich glaubte, er würde sich freuen, wenn er hörte, daß ich nicht mehr wie ein Mädchen aussehen muß.«
Armes Kindchen! dachte Mama, und wieder ergrimmte sie in ihrem Herzen, wenn sie an alle verdrießlichen Menschen dachte, die die Freude der Kleinen zerstören. Armes Kindchen! Wie wird es Dir einstmals in der Welt gehen?
Und um Sven richtig zu trösten und seine Freude wieder wachzurufen, sagte sie.
»Das war ein abscheulicher, schlimmer alter Herr. Ganz schlimm war er.«
Da wurde Sven wieder eitel Sonnenschein, und sein Schmerz war verflogen, weil er glauben durfte, daß nur abscheuliche Menschen so etwas thun. Sein Haar wurde geschnitten, und er durfte in eine Konditorei gehen. Da bekam er Backwerk und war überglücklich, weil er glaubte, daß alle Menschen wußten, daß er zum ersten Male geschoren war wie ein Junge. Dann fuhr er wieder mit Mama nach Hause, und als er in den Hof kam, ließ er Mamas Hand los und lief, so rasch seine Beine ihn tragen wollten, hinein zu Papa.
Da blieb er beim Schreibtisch stehen, nahm den Hut ab und vergaß, daß man Papa nicht stören durfte, wenn er arbeitete. Er stand stille mit dem Hut in der Hand, und sein ganzer Körper arbeitete vor Aufregung zu hören, was Papa sagen würde. Ja, seine Augen wuchsen, so daß es aussah, als wäre der Junge nichts als Augen.
Papa sah und sah und ahnte, daß etwas ganz Merkwürdiges vorgefallen war. Endlich ging ihm ein Licht auf, und da mußte er den Kleinen in die Höhe heben und wieder niederstellen.
»Jetzt ist Sven aber ein richtiger Junge geworden,« sagte Papa.
Und mit diesem Attest seiner Männlichkeit lief Sven fort, um sich den großen Brüdern zu zeigen und von Martha bewundert zu werden.
7.
Der Sommer, der in einer so lächelnden Umgebung begonnen, sollte sich jedoch an der Westküste fortsetzen, und die Ursache war die, daß eine Sehnsucht, stärker, als ich sie schildern kann, mich hinzog.
Ich kann nicht sagen, wie diese unvernünftige Sehnsucht in mein Blut kam. Möglicherweise lag die Ursache darin, daß ich einmal als Kind einen Sommer an der Westküste verbrachte, und es ist ja ziemlich unentschieden, welche Rolle diese frühen, selbst vorübergehenden starken Kindheitseindrücke bei der Bildung des Grundstoffs der Gefühle spielen, der dann unser Leben bestimmt.
Es will mir selbst wunderlich erscheinen, daß die Erinnerungen an diese Wochen sich durch mehr als dreißig Jahre so lebendig erhalten konnten. Ich war nämlich damals erst sechs Jahre alt, und aus diesem Alter pflegen alle anderen Erinnerungen, außer denen an das Heim, in dem man jahrelang gewohnt, zu verblassen. Aber viele Jahre hindurch habe ich das Meer vor mir gesehen, so wie ich es damals sah ... Ich habe es mit himmelhohen Wellen gesehen, bis ins Undenkbare durch die Phantasie des Kindes vergrößert. Ich habe den Tang, die Quallen und die Seesterne gesehen, das ganze reiche Leben auf dem Meeresgrund in seichten Buchten und an grauen Klippen. Ich habe kahle Felsen sich über dem Meere erheben gesehen, das sich an ihrem Fuße brach, und ich habe die wunderliche Erinnerung eines großen Sturms in mir auftauchen gefühlt, der Mengen von Sand gegen mein empfindliches Kindergesicht peitschte.
Es ist wunderlich, daß man so lange herumgehen und eine solche Erinnerung mit sich herumtragen kann, und noch wunderbarer, daß sie es vermag, eine solche Macht über unsere Seele auszuüben. Eine solche Erinnerung ist von einer sehnsüchtigen Wehmut erfüllt, die dem Traum des jungen Mädchens von dem Ritter gleicht, der sich eines Tages zu ihrem Ohre neigen und ihr Verheißungen eines überschwänglichen Glücks zuflüstern wird. Sie gleicht dem, was der Jüngling fühlt, der die Siegesverheißungen der Zukunft in seinen pochenden Adern singen hört. Ja, sie gleicht vielleicht am meisten dem stillen Zukunftsglauben, der bei Männern lebt, in denen der Jüngling nie ganz gestorben ist. Sie lag tief in meiner Seele wie Heimweh, und es dauerte Decennien, bis ich ihrer Mahnung gehorchen konnte.
Aber als ich nach vielen Jahren endlich so weit kam, zu wissen, daß ich einen Sommer am Meer genießen konnte, da war es meine Frau, die mich befürchten ließ, daß meine ganze Freude in Rauch aufgehen würde. Meine Frau hatte nämlich niemals die Westküste gesehen, und ich wußte, daß sie eine Art von Widerwillen gegen die ganze Reise hegte und nur nachgab, weil sie begriff, daß der geringste Widerstand mir wehe thun würde. Das wußte ich, weil sie einmal gesagt hatte: »Ich kann mir keinen Sommer denken, in dem man keine Bäume sieht.« Und ich begriff sehr wohl, daß, als ihr diese Worte entschlüpften, sie einen Widerwillen gegen diese ganze Fahrt verriet, der so tief saß, daß sie selbst fürchtete, ihn nicht überwinden zu können. Da sie jedoch sah, daß ich ihre Antipathie gemerkt hatte, that sie Alles, um diese Worte in meiner Erinnerung auszulöschen. Aber sie verließen mich nicht, und ich fing an, mich beinahe beklommen zu fühlen, wenn ich an mein ersehntes Meer dachte.
Diese ganze Sache war für mich weder so unbedeutend noch so thöricht, als sie vielleicht klingen mag. Niemand kann eine wirkliche Freude fühlen, wenn sie sich mit Mißtönen mischt, und der schlimmste Mißton, den ich mir denken konnte, war, wenn meine Frau meine Freude nicht teilte. Ich hatte mich ja daran gewöhnt, mich nie einsam zu fühlen, weder in Freude noch in Schmerz, und es brachte mich außer mir, daß ich nun merkte, daß ich mit meiner Sehnsucht allein stand.
Ich wollte, daß mein Traum von einem Sommer Wirklichkeit würde, und ich kämpfte für dieses Ziel mit demselben Eifer, wie damals, als ich mich auf dem Wege glaubte, die Liebe meiner Frau zu verlieren, und kämpfte, um sie wiederzugewinnen. Tag und Nacht grübelte ich über die Möglichkeit nach, der Gefahr vorzubeugen, von der ich fürchtete, daß sie meine Sommerfreude stören würde, und schließlich glaubte ich ein Mittel gefunden zu haben. Ich schlug nämlich eines Tages meiner Frau vor, daß wir die Reise nach der Westküste rings um die ganze schwedische Küste machen sollten, und ich that es, weil ich sie besiegen wollte. Ich fühlte, daß zwischen uns ein stummer Kampf ausgekämpft wurde, aus dem ich nicht als der Ueberwundene hervorgehen wollte. Ich wollte meine Frau zwingen, das Meer zu lieben, und ich glaubte, daß die Art, die ich erfunden hatte, etwas von dem Besten war, worauf ein Mensch je gekommen war. Mein Gedankengang war nämlich dieser: »Der Weg geht durch den Schärengarten Stockholms. Er setzt sich an unserer ganzen herrlichen Ostküste fort. Nach und nach, beinahe unmerklich, wird sie die lächelnde Natur der Ostküste in die karge der Westküste übergehen sehen, und ohne es zu wissen, wird sie von der Größe ergriffen werden, die alles Andere übertrifft.«
Ich kann doch nicht behaupten, daß auf der Reise selbst etwas eintraf, das mir Anlaß gab zu glauben, daß mein so gut ausgedachter Plan die gewünschte Wirkung hatte. Meine Frau freute sich wie immer an einer schönen Dampfschiffreise; aber daß die Fahrt selbst ihren Gedanken eine bestimmte Richtung gab, konnte ich nicht entdecken. Das Ganze war für sie eine lange Dampfschiffreise, als solche das Herrlichste, was sie kannte, aber nichts weiter.
Ich befand mich die ganze Zeit in starker Spannung, und mein Mut begann zu sinken, als wir Gothenburg passiert hatten und ich den Meeresschaum um meine geliebte Westküste zischen sah.
Es wehte ein tüchtiger Sturm, und der war natürlich in diesem Augenblicke alles eher als willkommen, weniger, weil er die Fahrt erschwerte, als weil ein Westküstensturm nicht geeignet ist, den Unwillen gegen das Meer zu benehmen, wenn ein solches Gefühl einmal vorhanden ist. Ich beobachtete die ganze Zeit meine Frau, und ich betrachtete sie von der Seite, während das Boot auf den Wogen emporstieg und die Wellen das Verdeck vom Kiel bis zum Steuer überschwemmten. Aber ich konnte nichts entdecken, was meine stumme Frage beantwortete. Wie sie da saß und über das schwarze Wasser blickte, schien sie mir unzugänglich, und in mir riefen hundert widerstreitende Stimmen, die sich, wie mich dünkte, alle in einer Kraftanstrengung sammelten, um zu ihrem Herzen und ihrer Sympathie zu dringen.
Aber wie ich da saß, begann meine Unruhe zu weichen, und ungestört von allen Zweifeln und aller nervösen Gehetztheit sah ich zum ersten Male die Natur der Westküste. Sie erfüllte mich mit einer Empfindung, die ich heilig nennen will, und vor diesem verschwand alles Andere.
Das Boot tanzte über die erregte Wasserfläche, und vor seinem Bug klärten sich die Konturen einer langgestreckten Insel, die sich auf einem Hintergrund treibender Wolken abzeichnete. Je näher wir dieser Insel kamen, desto stärker glühte in mir die Freude jahrelanger Sehnsucht, die nun befriedigt werden sollte. Wir stiegen auf der Brücke ans Land, und in einem gierigen Blick faßte ich alles um mich auf. Ich sah die Brücken, die Bootshütten, all die kleinen Gebäude, die, in hellen Farben leuchtend, sich auf dem Abhang der kahlen Klippe zusammendrängten. Im Hafen schaukelte sich Boot an Boot, und auf den Klippen lagen Mengen von Fischen in der Sonne, um zu trocknen. Draußen auf einer Landspitze stand eine Gruppe von Männern in getheerten Kleidern, mit Südwestern und hohen Stiefeln, und ordneten langsam und bedächtig einen Haufen großer Fische, die ich meines Wissens noch nie gesehen hatte.
Die starke Luft peitschte mein Gesicht und meine Wangen, und um mich vernahm ich ein Donnern wie von brausenden Wasserfällen, die rasende Winde peitschten. Ich sah die Konturen der Klippen in der Ferne blau und schwarz verschwimmen, wenn der Sturm die Wolken in wilder Jagd über den Himmel trieb, der durch zerrissene Nebel blau leuchtete. Und als ich zu unserem kleinen weißen Haus kam, das am äußersten Ende der westlichen Landspitze lag, weit weg von der Gruppe anderer menschlicher Wohnstätten, da sah ich zum ersten Male das Meer.
Ich stand lange und blickte hinaus über dieses Meer, das ich endlich erreicht hatte; und als ich in unsere Zimmer kam, sah ich, daß meine eigenen Fenster dieselbe Aussicht hatten, die ich eben verlassen, nur daß das Meer mir noch näher gekommen zu sein schien. Wieder stand ich stille und wußte nicht, was in diesem Augenblick in mir vorging. Aber im selben Moment fiel mein Blick auf meine Frau. Sie stand allein am Fenster und sah hinaus, und in einem Augenblick kam es über mich, daß ich alles, was durch Wochen meine Gedanken beschäftigt hatte, alle Ueberreizung, alle Zweifel, alle List, alle Berechnung, den ganzen Kampf, um meine Frau zu zwingen, zu fühlen wie ich -- daß ich all das vergessen hatte, seit dem Moment, wo ich den Fuß auf die felsige Insel gesetzt hatte. Nun stand sie da, und ich wußte nicht, ob unsere Gedanken in diesem Augenblick sich zum Kampfe gegen einander erhoben oder sich begegneten.
Da wendete sie sich um, und ich sah, daß ihre Augen voll Thränen waren. Sie streckte die Hand nach mir aus, ich nahm sie, und zusammen standen wir da und blickten hinaus übers Wasser. Unter unserem Fenster rollten die Wellen über die Steine, und so weit das Auge reichte, sah man nur die weißen Kämme der Wellen gegen den dunklen Meeresspiegel, und die kleinen Schären, an denen das Meer sich brach. Wie Kaskaden von weißem Schaum stürzten die Wellen zur Höhe, von der Schwere des ganzen Meeres hervorgepreßt, das vom Westen auf sie drückte. Es war ein Aufruhr voll ruhiger Kraft, ein großer Ausbruch, der etwas von dem vollen Jubel des Lebens selbst in sich trug.
Vor diesem Aufruhr legte sich mein eigener zur Ruhe, und mit der Hand meines Weibes in der meinen, fühlte ich, daß wir Beide auf dem Wege zum Meere gewesen und auf getrennten Straßen hingelangt waren. Wir sprachen kein Wort, aber wir standen lange da, und das, was gewesen war, starb in uns. Als wir einschlummerten, hörten wir noch das Getöse des Sturms und der Wogen, und als das Tosen aufhörte, erwachten wir durch die Stille.
Vor unseren Fenstern lag das Meer ruhig und groß.
8.
Diese Erinnerung habe ich schon vor Jahren aufgezeichnet. Ich wußte damals nicht, daß ich einst einen anderen und größeren Kampf mit meiner Frau kämpfen würde, einen Kampf, nach dessen Beendigung ich einsam dastehen sollte, und doch nicht einsam, niedergebeugt, aber doch nicht ohne Hoffnung.
Jetzt sehe ich uns auf der höchsten Klippe vor unserem weißen, traulichen Hause sitzen. In einer Pracht, die stets neu ist, die Abend für Abend wechselt, versinkt die Sonne ins Meer, und zwischen uns sitzt Sven. Er ist bloßfüßig und braun, und weil es gegen Abend kühl wird, steckt er seine kleinen Füße unter Mamas Kleid. Er bettelt, so lange aufbleiben zu dürfen, als die Sonne zu sehen ist. Sich wundernd folgen seine Augen dem letzten flammenden Schimmer der Sonne, die in dem ruhig wogenden Meer verschwindet. Er sitzt da, das Kinn in die Hand gestützt, als dächte er an etwas Ernstes, das er nicht in Worte kleiden kann. Und als er endlich weiß, daß er zu Bett gehen muß, hängt er sich an Papas Hals und bittet, daß ich ihn trage.
Mit meiner leichten Bürde auf den Armen steige ich sachte über die Klippen, und als ich wiederkehre, sehe ich gegen den Himmel die dunkle Silhouette der Gestalt meiner Frau. Sie sitzt, wie Sven eben saß, und ihre Augen suchen den Punkt, wo die Sonne untergeht und die Flammen der Abendröte erloschen sind.
9.