Das Buch vom Brüderchen: Roman einer Ehe

Part 5

Chapter 54,065 wordsPublic domain

Schon seit Sven so klein war, daß er sich bewegen konnte, war er Pudels intimster Freund gewesen und hatte das Recht gehabt, mit Pudel alles zu machen, was er wollte. Er durfte ihn an den Ohren ziehen und an seinem kurzen Schwanz zupfen, auf ihm liegen und ihn in den unbequemsten Stellungen festhalten. Pudel zeigte hierüber keinen höheren Grad von Mißvergnügen, als daß er zuweilen verwundert aussah, warum er all dies eigentlich über sich ergehen lassen mußte, und sich sanftmütig und friedfertig auf einen andern Platz legte, in der eitlen Hoffnung, daß sein wohlmeinender Plagegeist müde werden und ihn in Frieden lassen würde.

Aber trat Sven hinaus in den Hof, dann folgte Pudel ihm, wohin er auch ging. Mit seiner kurzen gespaltenen Schnauze schnuppernd, stand er da und sah zu, wie Sven langsam und bedächtig Sand in eine kleine Blechbüchse schüttete oder zuweilen zu der weniger geeigneten Zerstreuung überging, in der Wassertonne zu plätschern. Pudel folgte ihm die ganze Zeit, und näherte sich irgend ein Fremder, so begleitete Pudel dessen Gehaben mit mißtrauischen Augen, in jedem Augenblick bereit, falls die Verhältnisse sein Einschreiten erforderten.

Sven und Pudel wandelten im übrigen ihre eigene Straße, und mehr als einmal hatten sie das ganze Haus in plötzlichen Schrecken versetzt, indem sie auf den unerfindlichsten Wegen verschwanden; und nachdem man schon daran verzweifelt hatte, sie je lebendig wiederzusehen, tauchten sie urplötzlich auf, als sei nichts geschehen, Beide gleich erstaunt über die Aufregung, die sie hervorgerufen hatten.

Es wäre unrecht zu sagen, daß Sven eigentlich ein ungehorsamer Knabe war. Aber in diesem Punkt war er nicht leicht zu behandeln. Mehr als einmal hatte Mama ihm die Rute versprochen, wenn er noch einmal auf eigene Hand fortliefe, und mehr als einmal hatte sie mir unmittelbar darauf versichert, daß sie das Herzblut desjenigen sehen wollte, der es wagte, Sven zu berühren. Aber hierin schien Sven Vorwürfen und Ermahnungen gleich unzugänglich zu sein, und er stand so erstaunt bei Mamas heftiger Freude da, ihn nach solchen Ausflügen lebendig wiederzufinden, als wunderte er sich, daß sie Beide über irgend etwas auf der Welt so verschieden denken konnten.

»Es war doch nicht gefährlich,« sagte Sven. »Pudel war ja mit.«

Mama wollte nicht schlecht von Pudel sprechen, aber sie versuchte Sven davon zu überzeugen, daß Pudel auf jeden Fall nicht dasselbe war wie ein Mensch. Sie sagte alles, was sie sich nur ausdenken konnte. Sven versprach mit den Aermchen um ihren Hals, daß er nie mehr fortlaufen und Mama Kummer machen wollte.

Aber wenn er so für sich selbst ging und es Frühling war und das Wasser in den Rinnen am Hof floß, da vergaß Sven alles Andere auf Erden, bis auf das, daß er ein kleiner Junge war, der tief hinein in den Wald gehen wollte.

Wer weiß, in welchen Gedanken er einherging, oder ob er auch nur merkte, daß er auf verbotene Wege kam? Er ging und plauderte mit sich selbst, und Pudel folgte ihm, und als er bei der Zaunthüre anlangte, stand sie offen. Da mußte er doch hinausgucken und einen Blick in die Welt thun, die dort draußen lockte, und da sah er auf der anderen Seite der großen Landstraße zu oberst auf dem Grabenrain, wie die gelben Huflattichblumen gegen die graue Erde leuchteten, und so krabbelte er hinüber, so gut seine kleinen Beinchen es vermochten. Aber jetzt war er beinahe im Walde drinnen, und da konnte er nicht länger widerstehen. Hoch und mit knorrigen Aesten erhoben sich die Tannen über seinem Kopfe, und hinein ging er zwischen die Stämme, wo die Sonne auf das Moos schien und die ersten Frühlingsvögel ihre Triller zu schlagen begannen. Eine kleine Feldmaus wischte zwischen den Steinen durch, und der kleine Sven lief ihr nach. Weiter und weiter weg kam er. Da lag ein kleines Moor, und draußen im Moor wuchsen Weidenkätzchen mit glänzenden Gehängen. Die konnte er nicht erreichen, denn da würde er eingesunken sein und sich die Füße naß gemacht haben. Aber er konnte immerhin einige Steine ins Moor werfen und hören, wie es plumps sagte, und die großen weiten Ringe ansehen, die die ganze kleine Wasserfläche in Aufruhr brachten. Das that er auch, und damit fuhr er eine gute Weile fort. Seine Wangen wurden rot, und seine Augen leuchteten vor Entzücken. Fröhlicher und fröhlicher wurde er, und er ging bis auf die Wiese hinunter, wo das königliche Lustschloß lag, und als er hinaus auf den Weg kam, begann er zu laufen. Er lief und lief, und als er an die hohen Gitterthüren kam, sah er, daß er wieder nahe von zuhause war. Da wurde er von neuem froh, weil er den Weg erkannte und weil Pudel schnupperte, mit seinem gestutzten Schwanz wedelte und nach Hause wollte. Und plötzlich begann er sich nach Mama zu sehnen, und da erinnerte er sich an die gelben Blumen, die er in der Hand hatte.

Langsam und bedächtig ging er wieder heimwärts, und es kann schon sein, daß Sven sich jetzt dunkel erinnerte, daß er nicht vom Hause hätte weggehen sollen. Aber eines gab es, was Sven nicht wußte und worauf er sich auch nicht verstand. Das war, wie lange er eigentlich vom Hause fort gewesen war. Denn ein paar Stunden und ein kleines Weilchen war für ihn ein und dasselbe.

Aber als er über die Wiese getrippelt kam und sich gerade wieder in Trab setzte, um zu Mama zu kommen und auf den Schoß genommen und gestreichelt und geküßt zu werden und zu erzählen, wie gut er sich amüsiert hatte, da erschrak Sven dadurch, daß man rings um ihn zu schreien begann. Da war Papa und Mama, Olof und Svante, die beiden Dienstmädchen und noch Mehrere, meinte Sven. Sie schrieen, Einer lauter als der Andere, der Eine hier und der Andere dort. Sven konnte gar nicht sehen, woher sie kamen. Denn gerade als er sich nach einer Seite umwenden wollte, schrie Jemand hinter ihm, und als er sich dann wieder umdrehte, um nach der anderen Richtung zu schauen, wurde er vom Boden aufgehoben und von Jemandem fortgetragen, der so rasch lief, als er laufen konnte, und bevor er sich noch recht besinnen konnte, war er drinnen im Speisezimmer, und Mama selbst nahm ihn in ihre Arme und drückte ihn an sich, so daß er gar keine Luft bekam.

Sven wußte wohl, daß er vor Mama nie Angst zu haben brauchte, aber dieses Mal verließ ihn doch der Mut. Denn jetzt erinnerte er sich, was sie von der Rute gesagt hatte, und als er Papa erblickte, wurde er wirklich ängstlich. Denn Papa sah strenge aus und sagte in sehr ernstem Ton:

»Jetzt müssen wir aber die Rute holen, Sven. Denn so viel ich weiß, hat Dir Mama das versprochen.«

Da wußte sich Sven keinen Rat, und in der Not nahm er seine Zuflucht zu den Blumen, die er Mama entgegenhielt.

Aber das hätte er garnicht thun müssen. Denn Mama war so erschrocken gewesen, und sie war so glücklich, ihn wieder zu haben, daß sie ihn nur in die Arme nahm und, halb weinend, halb lachend, sich von ihm streicheln ließ; und endlich nahm sie ihm die Blumen ab und gab sie in ein kleines grünes Glas, ordnete sie und ließ Sven sehen, wie schön sie in der Sonne glänzten. Da gab Papa alle Gedanken an eine Bestrafung auf, ging in sein Zimmer und fühlte sich überflüssig.

Aber als Mama mit Sven allein blieb, nahm sie ihn auf den Schoß und erzählte ihm, als wäre es ein Märchen, wie unruhig sie sich gefühlt und wie schrecklich ihr zu Mute gewesen war. Sie erzählte, daß sie geglaubt, daß Sven sich das Bein gebrochen habe und einsam im Walde läge, und daß sie ihn nicht früher wiederfinden würden, als bis er tot wäre. Oder daß er ins Wasser gefallen sei und daß sie ihn dort als Leiche finden würden, und dann konnten weder Mama noch Papa noch die Geschwister jemals wieder froh werden. All das hörte Sven an und verstand nur, daß Mama besser gegen ihn war als alle anderen Menschen. Dann ließ sie Sven alles erzählen, was er gesehen und gethan, wie er sich vergnügt hatte und wie weit er fort gewesen war. Sie erfuhr von dem kleinen Mäuschen, von den Vögeln und von dem Sumpf und von den Steinwürfen. Und schließlich verstanden sie einander, alle Beide, und waren nur glücklich darüber, daß sie sich wiedergefunden hatten.

Und als sie sich so recht ausgesprochen hatten, nahm Mama Sven mit sich zur Etagère. Da standen viele prächtige Sachen, mit denen Sven manchmal spielen durfte, wenn alles sehr gut ging. Unter anderem stand da ein weißer Pudel aus Porzellan, der eine Quaste am Schwanz hatte und einen kleinen Pantoffel in der Schnauze trug. Er war sehr alt und gehörte eigentlich nicht Mama. Denn Papa hatte ihn von seiner Mutter bekommen, und er hatte ihr gehört, seit sie zwei Jahre alt war, da hatte eine Pathin ihn ihr geschenkt.

Das war das Schönste, was Sven kannte, und den nahm Mama in der Glückseligkeit ihres Herzens von der Etagère herab und gab ihn ihm, anstatt der Rute. Aber er blieb da stehen, wo er stand.

»Denn sonst,« wie Sven sagte, »kann ich ihn zerschlagen. Und dann wird Papa so böse.«

Aber er vergaß nie, daß er ihm gehörte. Und er pflegte zuweilen davon zu sprechen, wenn Besuch kam.

»Den habe ich von Mama bekommen,« sagte Sven, »als ich in den Wald lief und wiederkam. Das war, weil Mama sich so freute, als sie mich sah.«

Und Mama verteidigte ihre Erziehungsmethode gegen jede Kritik, indem sie den Knaben in die Höhe hob und Alle ihn ansehen ließ. Gott segne sie! Sie hatte Recht.

3.

So ging ein Jahr, ohne daß wir sein Schwinden bemerkten. Aber um diese Zeit begann ihre Gesundheit ernstlich zu leiden, und ohne daß wir mit einander davon sprachen, wußten wir Beide, daß es nur eine Möglichkeit gab. Schon einmal früher hatte das Messer des Operateurs seine lebensgefährlichen Eingriffe machen müssen, und die Krankheitssymptome, die sich jetzt einstellten, waren uns nur allzu gut bekannt. Es überraschte uns darum nicht, als der Doktor uns eines Tages das Urteil verkündete und uns das, was wir schon geahnt, wissen ließ, nämlich, daß nur eine schleunige Operation Elsa mir und meinen Kindern retten konnte.

Als sei ein Todesurteil über unser ganzes Leben gefallen, gingen wir an diesem Tage in unserem Hause herum, und ich sah, daß Elsa von Allem Abschied nahm. Zum ersten Male stand es ganz deutlich vor mir, wie viel von ihren innersten Gedanken sie vor mir, sowie vor Allen verborgen hatte, wie vertraut sie mit dem Todesgedanken war, und wie die Gewißheit, daß sie jung sterben müßte, an ihrer innersten Lebenskraft nagte. Sie war blaß geworden, und ihre Wangen waren abgemagert. Die Hände waren wachsgelb, und sie ging in Angst vor mir umher.

Da bat sie mich zum ersten Male, sterben zu dürfen. Zum ersten Male sprach sie von all dem, das sie getragen und verborgen, um dessentwegen ich in sie gedrungen und das sie nie anders als in Andeutungen über die Lippen gebracht hatte.

»Schon seit ich sehr jung war,« sagte sie, »lange bevor Du und ich uns kennen lernten, ist es mir so natürlich gewesen, daran zu denken, daß ich nicht lange leben würde. Dann fand ich Dich, und da vergaß ich Alles. Denn Du hast mich so glücklich gemacht, Georg, Du hast mich glücklicher gemacht, als ich Dich je machen konnte. Du hast mir meine drei Knaben gegeben, meine zwei großen Jungen und den kleinen Sven. Und was kann ich für sie, für Dich und für Euch Alle sein? Ich bin ja so krank, und ich werde nie gesund. Du sollst mich vergessen, Georg. Ach ja, ich weiß, daß Du um mich trauern wirst, weil Du mich lieb hast, obgleich ich immer zart und schwach gewesen bin und Niemandem nützen konnte. Aber Du sollst mich doch vergessen. Und Du wirst eine Andere finden, die Dir mit den Kindern hilft.«

Und wieder bat sie mich sterben zu dürfen, bat, die wenigen Wochen, die ihr gegönnt waren, in Ruhe zu leben. Sie wollte nur nicht auf dem Operationstisch sterben, aber sie war es zufrieden, von hinnen zu scheiden, und sie wollte bloß mit ihren Schmerzen so lange leben, daß sie die Kinder auf das, was kommen mußte, vorbereiten und Abschied von ihnen nehmen konnte.

So plötzlich war all das über mich hereingebrochen, daß ich nicht einmal meine Gedanken zu ordnen vermochte, noch weniger fand ich Worte, um zu antworten. Ich fühlte dunkel, daß ich mich, wenn ich hier eingriff, in einen Kampf stürzte, der über das hinausging, was Menschen im Allgemeinen verurteilt sind zu erleben. Ich fühlte die Scheu, die ich immer empfunden habe, wenn es galt, an etwas zu rühren, das eines anderen Menschen innerstes und unantastbares Eigentum ist. Und wenn es etwas giebt, das kein Anderer als der Mensch selbst entscheiden kann, so ist es wohl die Frage, ob er sich einem sicheren Tod unterwerfen oder einen schweren Kampf aufnehmen soll, um vielleicht das Leben zu gewinnen. Wie ich meine Frau vor mir sah, erschien sie mir so nahe und doch so ferne. Ihre Bitte, sterben zu dürfen, war so rührend und so ernst gemeint, daß ich nicht den Mut hatte, sie zu bitten, sich um meinetwillen dem Leben wieder zuzuwenden. Denn für sie galt es nicht mehr und nicht weniger. Und mit Staunen merkte ich, daß sie alles, was sie liebte, verlassen konnte, weil sie vorbereitet war. Aber gleichzeitig fühlte ich mit der Stärke der Verzweiflung, daß ich sie nicht verlieren konnte. Ich konnte es nicht. Und in meiner Verzweiflung nach dem Einzigen greifend, was mir in den Sinn kam, sagte ich bloß:

»Aber Sven, kannst Du Sven verlassen?«

Sie zuckte zusammen wie vor einem Keulenschlag, und sie rang ihre Hände in Verzweiflung.

»Nein, nein! Ich kann nicht.«

Sie wankte zur Schlafzimmerthür und bat mich nur, sie allein zu lassen. Ich sah sie die Thür hinter sich verschließen, und ich blieb sitzen, wo ich saß, und hatte das Gefühl, daß alles, was ich mit ihr erlebt hatte, tot und verschwunden war und daß sie jetzt von uns gehen würde. Ich begriff, daß, wenn sie es nicht that, dies nicht um meinetwillen geschah, sondern um des Kleinen willen mit dem goldenen Haar und den wunderbaren Kinderaugen, ihrem kleinen Engel, der gekommen war und sie ans Leben festgekettet hatte. Ich begriff all dies, aber es verletzte mich nicht. Ich fand es ganz natürlich, daß ich allein sie nicht halten konnte. Ich ließ den Kopf sinken und weinte, weinte zum ersten Male über mich selbst und mein eigenes Leben. Und ich erwartete nichts, glaubte nichts anderes, als daß die Tage jetzt ruhig und unerbittlich bis zu der Stunde fortschreiten würden, die kommen mußte; und schließlich würde der Tod all das zerreißen, wofür ich gelebt hatte.

Wie lange ich so saß, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß es dämmerig wurde und daß ich dadurch auffuhr, daß ich fühlte, daß meine Frau auf den Knieen vor mir lag und ihren Kopf an meinen Arm lehnte. Sie war so leise gekommen, daß ich sie nicht gehört hatte, und ihre Stimme klang ruhig, als sie sagte:

»Ich will für Dich leben, Georg, für Sven und unsere großen Jungen.«

Ich kannte ihre Stimme, wenn sie so tief und warm wurde, als sei alles andere als ihre Liebe in ihr verstummt. Ich begriff, daß ihr Entschluß jetzt unerschütterlich war, daß sie wieder uns Allen gehörte oder gehören wollte, und eine warme Welle der Dankbarkeit gegen sie und das ganze Leben durcheilte mich. Es dauerte lange, bevor wir unsere Lage veränderten, aber als wir es thaten, erhob sie sich und zündete alle Lampen an wie zu einem Feste.

Dann rief sie die Kinder herein, und sie kamen Alle still und sich wundernd, und wir brauchten ihnen nichts zu erklären. Denn sie hatten Alle verstanden, Jedes in seiner Weise, sie hatten mit einander gesprochen, wie wir Großen, und sie wußten, daß Mamas Leben auf dem Spiele stand, aber daß sie es wagte, um für sie leben zu können.

Sven kletterte auf Mamas Schoß und schmiegte sich an sie. Und er brachte uns Alle dazu, durch Thränen zu lächeln, als er sagte:

»Mama darf nicht vom Fratzi wegsterben.«

Dies war ja einer seiner Kosenamen in der Familie, und er wendete ihn selbst ohne eine Ahnung davon an, daß es komisch klang. Darum brachten uns seine Worte beinahe etwas wie eine Verheißung des Lebens, und sie beruhigten uns.

Aber als die Kinder zur Ruhe gegangen waren, gingen Elsa und ich, uns mit den Armen umschlingend durch die Räume. Und ich sah, daß sie wieder Abschied nahm, aber in anderer Weise als vor einigen Stunden. Am nächsten Tage sollte sie in das Sanatorium fahren.

Aber als ich frühmorgens herauskam, saß Olof in dem großen Lehnstuhl gegenüber der Schlafzimmerthüre.

»Sitzest Du schon lange hier?« fragte ich überrascht.

»Ja,« antwortete der Knabe einsilbig.

Er hatte da gesessen und an seine Mutter gedacht und daran, wie ernst alles mit einem Schlage geworden war. Zum ersten Male fiel es mir auf, wie groß er war, und ich ergriff seine Hand wie die eines Gleichalterigen. Es zuckte in dem Gesicht des Zehnjährigen, aber er konnte nichts sagen.

Als wir dann in der Droschke saßen, war er wieder Herr über sich selbst, und er stieg noch auf das Trittbrett neben meine Frau, streichelte ihre Wange und sagte beschützend wie zu einem Kinde:

»Habe keine Angst, Mama, es wird schon gut gehen.«

Svante kam auch heran, und der kleine Sven wurde aufgehoben und plauderte und plapperte. In diesem Augenblick wußte Elsa nicht, wen von Allen sie am Meisten liebte. Aber auf dem Wege kamen wir in unserem Gespräche unaufhörlich auf unseren großen Jungen zurück, der zum ersten Male wie ein Mann gesprochen und gefühlt hatte.

4.

Der Todesengel ging dieses Mal an unserem Heim vorbei, aber seine Schwingen hatten uns so dicht gestreift, daß das, was jetzt geschehen war, lange unserem ganzen Leben sein Gepräge gab, ja eigentlich nie aufhörte, es zu thun. Doch -- noch einmal kehrte das Glück in unser Heim zurück, aber gedämpft und ernster. Noch einmal kehrte sie zurück, die unserem Alltagsleben heiliges Licht gab. Unsere Knaben hießen uns willkommen, als wir wiederkamen, und der kleine Sven kletterte zu Mama hinauf, schmiegte sich an sie und sah so innig glücklich und schelmisch aus.

»Siehst Du, daß Du nicht vom Fratzi hast wegsterben dürfen,« sagte er.

Er sah so triumphierend aus, als glaubte er, daß der glückliche Ausgang ihm zu verdanken sei, und hauptsächlich um uns Alle aufzumuntern, sagte ich:

»Ich glaube, Du meinst, Du hast Mama gesund gemacht.«

»Das hat er auch,« antwortete meine Frau.

Und wieder sah ich den Ausdruck in ihren Zügen, der mir früher so fremd erschienen war, aber den ich mehr und mehr zu verstehen anfing.

Sie schloß sanft den Kleinen in die Arme, und aus ihren Augen fielen zwei klare Thränen. Dann reichte sie mir die Hand und sagte:

»Ich bin so froh, daß ich wieder zu Hause bin.« Ich konnte nichts erwidern. Ich sah nur auf die Gruppe vor mir, und ich wußte, daß ich hier das Glück hatte, das ich vor ein paar Wochen noch kaum zu erhoffen gewagt. Und doch fühlte ich in meinem Herzen einen Stachel, wie von einer grauenden Ahnung hoffnungsloser Einsamkeit.

5.

An den Frühling, der jetzt kam, erinnere ich mich wie an ein Meer von Blumen, das jeden freien Platz in unserem Heim erfüllte. Die Hyacinthen mischten sich nach und nach mit blauen Anemonen, die blauen Anemonen mit weißen, mit Goldlack und Violen, und endlich, als der Johannistag herankam und der Sommerwind in den herabgelassenen Gardinen spielte, kamen die blühenden Syringen.

Mama und Sven waren es, die die Blumen herbeischafften, und es wäre schwer zu entscheiden, wer von ihnen Beiden Blumen am meisten liebte. Ich sehe sie noch Seite an Seite, die Hände voll Blumen, rotwangig und plaudernd über den großen Hof zu der offenen Veranda gehen. Ihr Haar war ebenso schwarz wie das seine blond, aber ihre tiefen blauen Augen waren gleich. Sie bildeten den seltsamsten Kontrast, und doch waren sie ähnlicher, als Mutter und Kind zu sein pflegen. Sie gehörten zusammen, als wären sie geschaffen, stets vereint zu sein, stets mit Blumen in den Händen zu gehen, bis zu des Lebens Ende Hand in Hand zu wandeln und einander in die Augen zu blicken. Niemand konnte sie zusammen sehen, ohne daß sein Gesicht von einem sonnigen Lächeln erhellt wurde, und oft konnte ich das merken und meinen eigenen Reichtum noch erhöht fühlen.

Denn in dieser Zeit dünkte mich das Leben reich und voll wie nie. Ich vergaß wieder alles, was meine Seele mit schweren Ahnungen erfüllt hatte, und der Moment war mir genug. Es kam mir vor, als hätten wir alles, was traurig und schwer war, nur durchmachen müssen, um nachher ein umso volleres Glück zu genießen. Ich war dankbar für jeden neuen Tag, der ging, ich war froh, daß ich vergessen konnte, und ich hatte das Gefühl, als würden wir einem Glück entgegengetragen, höher als das, welches Menschen erreichen.

Ich glaube, daß auch meine Frau, wenigstens eine Zeit lang, dieses mein Gefühl teilte. Denn von ihr ging dieser stete Strom von Glückseligkeit aus. Sie war wirklich zum Leben zurückgekehrt, sie fühlte sich gesund, sie lebte unter großen alten Bäumen und in einem Ueberfluß von Blumen. Sie hatte uns alle um sich, und nichts störte ihre Ruhe.

So ging sie eines Abends mit mir über den langen Weg, auf dem wir Niemandem begegneten und den wir deshalb am liebsten gingen. Rings um uns blühten die Syringen und erfüllten die Luft mit ihrem Geruch, und auf dem bleichen, hellen Junihimmel schwebte der Halbmond, ohne ein Licht zu werfen, nur in dem Blau schwimmend, das sich grenzenlos weit wölbte und auf dem blasse Sterne gleichsam zu funkeln versuchten, ohne die Nacht durchbrechen zu können.

Wenn ich mich an diese Zeit und alles, was dann folgte, erinnere, muß ich mit Staunen an unsere Spannkraft denken. Als wäre nur eine Streuwolke über unseren Himmel gezogen und verweht worden, so wandelten wir hier jeden Abend glücklich auf und nieder, und in unseren Gesprächen war nicht der leiseste Schimmer von Wehmut. Alles, was gewesen, lag begraben hinter uns. Es war wohl nicht das sorglose Glück mit dem unerprobten blinden Zutrauen der Jugend zu sich selbst. Es war viel mehr. Es war diese ruhige stille Harmonie, die zwischen Menschen kommt, die zusammen gelitten und überwunden haben, ein Glück, das nichts trüben und nichts zerstören kann, weil es unauflöslich mit dem Innersten des Wesens zweier Menschen verwachsen ist. Wir wußten in dieser Zeit, daß wir nichts wünschten, nichts begehrten, als das, was wir schon besaßen. In solchen Perioden des Lebens kann der Eine die Einsamkeit suchen, um seine Thränen zu trocknen, weil er sich schämt, zu zeigen, wie glücklich er ist. Keine fremden Gedanken, die ihre eigenen Wege gehen, keine Phantasieen, kein Verlangen kann diese seltsame Stimmung steigern, aus der die Lebenskraft quillt. Alles, wovon Sagen und Lieder gesungen, lebt da sein volles, niemals versiegendes Leben, so wie keine Dichtung es wiederzugeben vermag, und ich glaube, daß solche Erfahrungen allein das Zusammenleben zwischen Mann und Weib heilig machen können.

Wenigstens fühlten wir so in diesen linden Frühlingsnächten, in denen unsere Spaziergänge immer an demselben Platze schlossen, vor den Betten der schlafenden Kinder. Wir sprachen nicht viel von dem, was wir fühlten. Aber eines Abends sagte meine Frau:

»Wie lange ist es, daß wir verheiratet sind?«

»Warum fragst Du? Du vergißt ja Daten nie.«

»Ja, aber kann es wahr sein, daß es mehr als zehn Jahre sind? Kann es wahr sein, daß wir so alt sind?«

»Betrübt Dich das?« antwortete ich und lächelte.

Sie schmiegte sich an mich und nahm meinen Arm.

»Es gab eine Zeit, wo ich solche Angst hatte, alt zu werden,« sagte sie. »Und das habe ich noch. Aber ich verstehe nicht, wie Leute davon sprechen können, daß man in der Jugend am meisten liebt und am glücklichsten ist. Das müssen Menschen sein, die nicht lieben können.«

Ich versuchte einen Einwand. Aber sie unterbrach mich, indem sie von Anderen zu sprechen begann. Sie sprach von Freunden, denen wir zugethan waren, von Bekannten, mit denen wir verkehrten. Und sie stellte in Abrede, daß sie glücklich sein konnten. Sie erzählte Züge aus ihrem Leben, was sie gethan und was sie gesagt hatten. Noch länger verweilte sie bei dem, was sie nicht gethan und nicht gesagt hatten. Und sie schloß mit den Worten:

»Ich glaube, in unserer Zeit haben die Menschen vergessen, zu lieben. Sie sind durch so vieles andere ausgefüllt.«