Das Buch vom Brüderchen: Roman einer Ehe

Part 4

Chapter 44,000 wordsPublic domain

Rein von Wolken, die die Sonne verdunkeln, steht der Sommer vor mir, der auf diesen Frühlingsausflug folgte. Mit welcher Lust arbeitete ich, und wie leicht schritt die Arbeit vorwärts. Blatt um Blatt wurde ruhig und mühelos zu dem Buche gelegt, das zum Herbst herauskommen sollte, und mehr als einmal stand das Mittagsbrot auf dem Tische, wenn die Thüre zum Arbeitszimmer verschlossen wurde und Elsa sich niedersetzte, um die Seiten vorlesen zu hören, die während des Vormittags geschrieben worden waren. Still und glücklich saß sie da und freute sich, daß der Stoß dicht beschriebener Blätter auf dem Tische gewachsen war. Denn sie wußte wohl, wer der Arbeit Leben gab. Sie wußte, daß das, was ich von Menschen dichtete, aus langen Gesprächen zwischen mir und ihr hervorwuchs, und sie war es zufrieden, daß ich sie mein Notizbuch nannte, das sicherer als irgend eine Schrift meine Gedanken bewahrte und sie mir frisch und erneut wiedergab. Denn wenn ich sie dann aus dem treuen Gedächtnis emporholte, das meine eigenen Gedanken besser barg als ich selbst, sah ich sie durch das Vergrößerungsglas der Liebe wieder, mit dem sie all das sah, was sie und mich betraf, und vor Allem meine Arbeit. Darum hatte auch sie, während ich las, die Empfindung, daß das, was sie selbst mit mir in ungeordneten Phantasieen gesehen, nun in dem Geschriebenen Form gewonnen hatte. Sie genoß eine stille, seltsame Mutterfreude, indem sie so diesen meinen geistigen Kindern auf ihrem Entstehungswege folgte, und dennoch war sie eifersüchtig auf sie, weil sie sich einbildete, daß sie meine Gedanken so erfüllen konnten, daß sie sie selbst, das Heim, die Kinder und alles, was es im Leben gab, verdrängten. Ja, ich glaube nicht, daß sie auch nur ahnte, wie dieses Zusammendichten mit ihr mir kostbarer war als die Dichtung selbst.

Wie kindisch es auch klingen mag, so ist es doch wahr, daß nichts mich je so zu geistiger Thätigkeit angespornt hat, als wenn ich aus ihrem Gesichtsausdruck, der nie das, was sie dachte, verhehlen konnte, entnahm, daß es mir geglückt und daß sie zufrieden war. Ich konnte, während ich schrieb, an dieses Vorlesen denken, und dieser Gedanke zerstreute die hundert ungebetenen Phantastereien, die sonst so gerne die Feder hindern wollen, zu arbeiten. Aber wenn wir die Lektüre beendet hatten und hinaus in das Speisezimmer kamen, da lachten wir darüber, daß der Hecht kalt geworden war und daß die Jungen, die notdürftig gewaschen, bloßbeinig und sonnverbrannt dasaßen, hungrig und erwartungsvoll aussahen.

»Wir sitzen schon so lange hier und warten,« knurrte Olof. »Wo seid Ihr denn gewesen?«

»Wir haben Papas Buch gelesen,« sagte Mama.

»Hättet Ihr damit nicht bis nach dem Mittagessen warten können?«

»Nein, das konnten wir nicht.«

»Das muß ein komisches Buch sein,« bemerkte Olof.

Aber Svante, der noch nicht zu buchstabieren angefangen hatte, nahm Papas unbekanntes Buch in Schutz, und wie immer war Mama diejenige, die den Zwist beilegen und die unruhigen Gewässer beruhigen mußte.

Aber was für ein Sommer war das! Was für ein herrlicher Sommer, voll Arbeitsfreude, Schärenwinden, klarer Sonne und lauen Mondscheinabenden! Er steht vor meiner Erinnerung wie ein einziger Sonnentag. Ich erinnere mich der Freunde, die mit ihren Segelbooten an unserer Brücke landeten, ich erinnere mich der Ausfahrten mit Eßkörben bei frischem Sommerwind, des Badens im offenen Meer, wo Olof schwimmen lernte und Svante sich im Sande rollte, um seine Anlagen zu zeigen. Ich erinnere mich der Festtage mit Blumenguirlanden und Versen, Erdbeeren und Wein, der langen, stillen Spaziergänge durch den Tannenwald, der sich zu einem sonnenbeleuchteten Fjord öffnete, und ich erinnere mich an den Fährmann, der uns im Segelboot zu begleiten pflegte und uns alle aus seinem grauen Kinnbart anlachte.

Wie kurz war dieser Sommer, und wie frühe kam der Herbst! Mit welcher Wehmut verfolgten wir nicht die Veränderungen der Natur, wie die Abende länger und die Tage kürzer wurden, wie man die Wiesen mit ihren herrlichen Blumen abmähte, so daß Alles kahler wurde, wie der Roggen sich gelb färbte und das Schilf hoch und groß rings um die Ufer wuchs, einen dichten, wehenden Wald aus Grün mit violetten Blütenbüscheln bildend, wo früher das Wasser munter über die Steine geplätschert hatte.

Und als der Tag des Aufbruchs endlich herankam, wie suchten wir da nicht alle Plätze des Sommers auf, um sie ein letztes Mal wiederzusehen. Wir gingen den Aussichtsberg hinauf, und wir wanderten den Waldweg auf und ab, besonders wenn es dunkelte und die Sterne durch die Zweige der Tannen schimmerten. Beinahe eine ganze Woche brachten wir nur damit zu, Abschied zu nehmen. Wir nahmen die Knaben mit und segelten rings um die Insel, und wir sprachen von dem Buche, unserem Buche, das fertig war und zum Herbste herauskommen sollte. Stundenlang konnten wir über den schmalen Pfad gehen, der von dem rotgestrichenen Wohnhause hinab zum Strande führte, und jeden Abend verweilten wir lange auf der Brücke, dem Rauschen der Wogen horchend, das jetzt ruhiger klang als in dem unruhigen Frühling, zugleich jedoch härter.

Aber am letzten Abend, als der Augustmond schon im Abnehmen war, gingen wir allein zur Brücke hinab und stießen mit dem Boote ab.

In der Nachtbrise segelten wir hinaus über die schwarze Bucht, auf die der gelbe Halbmond glitzernde Streifen malte und um die die Bäume so dunkel und wunderlich standen, ganz andere Konturen bildend als die, die das Tageslicht gab. Wie durch eine Zauberlandschaft segelten wir dahin, dem Plätschern der kleinen Wellen am Bug des Bootes lauschend. Wir eilten über die nur gekräuselte Wasserfläche mit größerer Geschwindigkeit dahin als je am Tage, denn die Brise der Nacht hat größere Kraft, oder sie scheint sie wenigstens zu haben. Aber ohne zu sprechen oder irgend etwas zu verabreden, wendete ich das Boot, so daß es die Klippen umschiffte, und über die Steine der Badebucht gingen wir ans Land. Wir nahmen einander bei der Hand, und wir gingen unseren alten Weg zu der hohen Tanne, in deren Rinde die rostige Nadel steckte. Wir brauchten den Baum nicht zu suchen, denn während des Sommers waren wir oft hingepilgert, und wir hatten niemals gefürchtet, daß Jemand an das kleine Ding rühren würde, das so gut verborgen war und uns das Siegel unseres eigenen unermeßlichen Glücks zu sein schien, das zu entfliehen gedroht hatte, aber zurückgekehrt war.

Doch wie wir so in unsere Gedanken versunken standen und das Mondlicht in dem Dunkel der Nadelbäume untergehen sahen, sagte meine Frau:

»Ich will sie nicht dalassen. Ich möchte sie mitnehmen.«

Mit behutsamer Hand machte sie sie los und befestigte sie an der Innenseite ihres Kleides.

»Vielleicht komme ich nie mehr her, und da will ich nicht, daß Du sie nach mir findest.«

Dann segelten wir wieder hinaus in die nächtliche Brise, und eine Vorahnung dessen, von dem ich nie geglaubt hatte, daß es kommen würde, erfüllte mich mit einem unnennbaren Gefühl der Trauer. Ich sah auf die Stelle im Boote, wo Elsa saß. Es war mir, als würde sie vor meinen Augen leer und als segelte ich einsam über einen Wasserspiegel, der andere Konturen hatte als die, die das Sonnenlicht gegeben. Ich saß da, so stark von diesem Gefühl erfüllt, daß ich vergaß, daß ich nicht allein war, und zusammenzuckte, als erwachte ich zu einer neuen Wirklichkeit, als ich die Stimme meiner Frau vernahm. Sie sprach leise, so als spräche sie zu sich selbst, und ich hörte im Anfange die Worte, ohne sie zu verstehen.

»Ich habe so oft gedacht,« sagte sie, »daß es Menschen geben muß, die etwas brauchen, an das sie glauben können, und denen Unrecht widerfährt, wenn man ihnen ihren Glauben nimmt. Ich bin so glücklich, daß ich so glaube wie Du. Ich will nichts thun, was Dir nicht recht ist, nicht einmal etwas glauben, was Du nicht weißt. Aber ich kann es nicht lassen, an Gott zu glauben. Bist Du sehr böse darüber?«

Wenn meine Frau mich dies in unserer ersten Jugend gefragt hätte, würde ich gewiß streitlustig geworden sein, und ich wäre mit all den Gründen gegen einen derartigen Glauben angerückt, den die illusionslose Richtung der Zeit mich gelehrt hatte fast mit nachsichtiger Geringschätzung zu betrachten. Die Jahre, die mich älter gemacht, hatten mir wohl keinen Glauben gegeben, mir aber doch das Verlangen genommen, auch nur einen einzigen Proselyten machen zu wollen, nicht einmal wenn dieser einzige meine eigene Frau wäre. Was ich glaubte, war nichts Festes, nur ein Suchen, das Größte zu finden, und mehr als ein Mal hatte mich schon in meiner frühen Jugend die Dürftigkeit dessen, was man mit einem schlechten Worte Materialismus nennt, durch seine trockene Kühle überrascht. Aber von solchen Dingen, die in mir selbst noch zu unklar und formlos waren, sprach ich im Allgemeinen ungerne, und ich fühlte mich jetzt durch die Worte meiner Frau gleichzeitig überrumpelt und gedemütigt.

»Wie sollte ich darüber böse sein können,« antwortete ich bloß.

»Ah, wie froh ich bin,« ertönte wieder ihre Stimme. Denn ihr Gesicht unterschied ich nur undeutlich. »Dann wirst Du auch nicht zürnen, wenn ich Dir sage, daß ich jeden Abend mein Abendgebet spreche, so wie, als ich ein Kind war. Ich weiß nicht, zu wem ich bete. Aber ich lasse auch die Knaben für Dich und mich und für einander beten. Glaubst Du, daß es unrecht ist?«

Ich legte das Ruder nieder, stand von meinem Platze auf, nahm das liebe Gesicht meiner Frau zwischen meine Hände und küßte sie, ohne ein Wort sagen zu können.

»Ich will nicht, daß es etwas geben soll, was Du nicht weißt,« sagte sie einfach.

Wieder saß ich an meinem Platze am Ruder, wieder schoß das Boot dahin, und nach einer Weile sah ich durch das Laubwerk ein Licht, das mich zu der Brücke meines Heims leitete. Uns mit den Armen umschlungen haltend gingen wir den schmalen Pfad zu unserem Sommerheim, und als wir uns zur Gutenacht küßten, sagte Elsa:

»Du hast mich heute Abend so glücklich gemacht. Ah, Du weißt nicht, wie glücklich Du mich gemacht hast.«

An diesem Abend blieb ich lange auf, und ich that, was ich nicht oft während dieses ganzen glücklichen Sommers gethan. Ich dachte an Elsa und mich. Unaufhörlich tauchte der Gedanke wieder auf, warum sie mich hatte fragen müssen, ob ich ihr erlaubte, an Gott zu glauben und zu beten. Denn das war es ja, was sie gethan hatte. Und während mich diese weiche Weiblichkeit wie ein Hauch unnennbaren Glücks berührte, fühlte ich doch gleichzeitig den Stachel, der darin lag, daß sie je so hatte fragen müssen. Ich ging in Gedanken unsere Jugend durch und all die Jahre, in denen wir uns geliebt. Ich glaubte, daß ich sie immer auf den Händen hatte tragen wollen, ich glaubte, daß ich es immer gethan hatte, und nun klang durch ihr ganzes Wesen ein Ton, als hätte ich bei alledem achtlos ihr Innerstes zerrissen und ihr, ohne es zu wissen, eine Wunde geschlagen, die vielleicht lange geblutet hatte, bevor sie gewagt hatte, mich ahnen zu lassen, daß sie litt. Sie schien in irgend einer Weise mich oder meine Kritik oder Beides zu fürchten. Und ich fragte mich selbst: Warum?

Ich wußte, daß ich sie nicht darnach fragen konnte. Denn sie würde immer die Arme um meinen Hals schlingen und sagen: »Du, Du, niemals hast Du mir etwas anderes als Gutes gethan!« Ich glaubte den Fanatismus ihrer Stimme zu hören, wenn sie dies sagte. Ja, ich wußte, daß sie so antworten mußte, und ich wußte auch, daß sie alles, was sie sagte, als die innerste Wahrheit empfinden würde, so gewiß als sie es sonst nicht hätte sagen können. Aber dieser Gedanke beruhigte mich nicht. Etwas ganz Anderes beschäftigte mich jetzt. Was kümmerte es mich im Uebrigen in dieser Stunde, ob meine Frau zu Gott betete oder nicht? Was kümmerte es mich, ob sie das oder jenes dachte? Was sie gesagt, hatte mich wie Pfeile getroffen, die geradenwegs in mein Herz gedrungen waren. Ihre Worte waren mit ihr selbst und dem ganzen Sommer, der vergangen war, verschmolzen, mit dem Gefühl der Kahnfahrt auf dem dunklen Wasser, mit dem Brausen des Waldes und dem Strahlenweg des Mondes über die krausen Wellen. Es verschmolz alles zu einem einzigen Ganzen und sang davon, daß ich einen Schatz gewonnen, der sich nicht teilen oder verwandeln ließ, aber der mein blieb, solange ich begriff, daß er nur in der Stille für mich wuchs.

Aber dabei quälte mich der Gedanke, daß ich sie, ohne es zu wollen, doch erschreckt hatte. Das quälte mich im Widerspruch zu ihren eigenen Worten, die noch in meinem Ohre klangen. In Gedanken durchlebte ich alles zwischen uns, woran ich mich erinnern konnte und was möglicherweise damit zusammenhing, und als ich mich an nichts mehr erinnern konnte, suchte ich in meinen Gedanken nach dem, was ich nicht zu finden vermochte.

Denn es war Schuldgefühl, was ich empfand, Schuldgefühl, was mich bedrückte. Ich konnte mich nur nicht entsinnen, wie oder wann ich schuldig geworden war. Ich meinte bloß, daß ich es war und sein mußte. Als ich hereinkam, um zu Bette zu gehen, sah ich bestürzt, daß meine Frau noch wach lag. Aber als ich mich niedergelegt hatte, beugte sie sich nur vor und küßte meine Hand.

Ich habe nie einen glücklicheren Ausdruck in ihrem Antlitz gesehen.

11.

So kam der Tag heran, den wir lange erwartet hatten, der Tag, an dem unser Kind geboren werden sollte, an dem das Geheimnis, das meine Frau mir schon seit langem anvertraut und das ihrer Seele Spannkraft und ihrer Hoffnung Flügel gegeben, an den Tag kommen und das Glück wieder auf immer in unser Haus einkehren sollte. Das Vorgefühl dessen hatte dazu beigetragen, unseren Sommer so hell zu machen, wenigstens sehe ich es jetzt so. Aber so wunderbar mir alles jetzt erscheint, wo ich die Erklärung dafür zu haben glaube, so natürlich und einfach kam damals alles, und ich war weit entfernt, die ganze Bedeutung dessen, was sich mit uns begab, zu ahnen.

Wir hatten ja schon vorher zwei Kinder bekommen, und ich hatte viele dieser rührenden Beweise der Mutterfreude der Erwartung gesehen, die ein Mann, der seine Frau liebt, niemals vergißt. Aber nie hatte ich meine Frau so von Freude über das Kommende erfüllt gesehen, wie sie es jetzt war. Nie war sie in einer so andachtsvollen Glückseligkeit umhergegangen wie jetzt, nie hatte sie es in diesem Maße verstanden, eine feiertägliche Stimmung über unser ganzes Alltagsleben zu breiten, wie in diesem düsteren Herbst in der tristen Stadt, wo der Regen unaufhörlich fiel und das ganze Leben um uns so schwer und trübe erschien wie wohl nie zuvor.

Wir hatten ja zwei Knaben, und darum war es natürlich, das kleine Wesen, das kommen sollte, »das Mädchen« zu nennen. Sie erwarteten wir und von ihr sprachen wir, und eines Mittags, als ich von meiner Arbeit nach Hause kam, sagte meine Frau zu mir:

»Es ist mein Engel, der kommt, Georg, sie wird mich retten.«

So lange hatte ich in der Vergessenheit gelebt, daß irgend eine Gefahr uns je bedroht, daß ich zuerst ihre Worte nicht verstand.

»Dich retten?« wiederholte ich mechanisch. »Wovor?«

In ihr Gesicht trat ein wunderlicher Ausdruck, so als zöge sie sich in sich selbst zurück, um darüber nachzudenken, wie es möglich war, daß zwei Menschen, die sich liebten, so verschieden empfinden konnten.

»Hast Du schon vergessen, wie es im Winter war?« sagte sie.

Ich begriff noch nicht, oder ich wollte nicht begreifen.

»Ich glaubte, dies sei vorüber,« sagte ich.

»Glaubst Du, daß etwas je vorüber sein kann?« war die Antwort. Und sie fügte hinzu:

»Vielleicht kann das kleine Wesen, das kommt, das thun, was nichts anderes kann.«

An dieses kurze Gespräch dachte ich oft, und ich suchte vergebens, es mit dem ungetrübten Glück in Einklang zu bringen, das wir in dem Sommer, der vergangen war, genossen hatten. War es möglich, daß meine Frau in dem Sonnenschein des Glücks, der ihrem ganzen Wesen die Färbung gab, den Keim zu einem Unglück verbarg, das sich über unser ganzes Leben senken sollte? War das möglich? Lebte sie zwei Leben? Konnte sie mitten im Sonnenschein leben und zugleich fühlen, daß die Nacht nahe war? Oder gehörte die Ahnung der Furcht, die sie jetzt zeigte, bloß jener Art von Phantasie an, die eine Folge ihres Zustandes war?

Ich versuchte mich mit der letzteren Alternative zu beruhigen, aber es wollte mir nicht recht gelingen: und mehr und mehr begann ich, das ganze Leben meiner Frau in einem neuen und anderen Lichte zu sehen, demselben, das sie schließlich ganz einhüllen sollte.

Ich kann das ganz neue Gefühl der Zärtlichkeit nicht beschreiben, das durch diese Gedanken, die ich nicht einmal in Worte zu kleiden vermag, in mir erwachte. Und ich wagte kaum das, was ich vor meinen Augen sah, zu glauben, als alles glücklich verlief und meine Frau nach schwerem Kampfe sich langsam zu erholen begann, nachdem sie einem zarten Wesen das Leben geschenkt, zu dem sie von allem Anfang an Worte sprach, die kein Anderer hören durfte.

Aber das Mädchen kam nie. Anstatt ihrer war ein Knabe gekommen, der den Namen Sven erhielt.

Zweiter Teil

1.

Der kleine Sven wuchs heran und wurde Aller Liebling. Er hatte langes, goldenes Haar, und zur Erinnerung an das Mädchen, das nicht gekommen war, pflegte Mama das Goldhaar zu kräuseln, sodaß es in langen Locken um sein kleines Gesichtchen mit der zarten Haut und den wunderbaren Engelsaugen lag. Kein Kind hat tiefere große Augen mit einem so früh träumerischen Blick gehabt, und kein Kind hatte eine vertrauensvollere, zärtlichere kleine Hand, die sich in die eines großen Menschen schmeichelte, als wüßte es, daß es überall Geborgenheit finden konnte, weil es selbst von nichts Bösem wußte.

Der kleine Sven war der Abgott des großen Bruders. Nichts konnte schöner sein, als zu sehen, wie der große Bruder, der es liebte sich männlich zu zeigen und daher ungerne seine Gefühle an den Tag legte, das kleine Brüderchen in einem Wägelchen zog, sich an seinem frohen Gesichtchen freute und sich unaufhörlich umdrehte, um zu sehen, daß das kleine Brüderchen nicht herausfiel. Das Einzige, was sich hiermit vergleichen ließ, war, wenn man Svante dasselbe thun sah, und Svante freute sich umsomehr daran, Beschützer zu sein, als er bei den Spielen mit dem großen Bruder immer derjenige gewesen, der klein war und gehorchen mußte. Sven war so klein gegenüber den großen Brüdern, die er bewunderte und denen er folgte, daß er immer das kleine Brüderchen war und blieb, und er war so froh, daß das ganze Haus sich um ihn versammelte, wenn ihm etwas Freudiges geschehen war und seine klingende Stimme oder sein klares Lachen durch die Räume erklang. Man kam, weil man sehen wollte, wie seine Augen funkelten und wie seine kleinen weißen Händchen vor Entzücken umherfochten, weil man diese ganze strahlende Kinderfreude sehen wollte, die dem Herzen Sonne gab.

Ah, ich wünschte, ich hätte diese Erzählung vom kleinen Brüderchen früher geschrieben, so daß ich sie Blatt für Blatt ihr hätte vorlegen können, die seine kurze Lebensgeschichte besser kannte, als ich, besser als irgend Jemand. Sie, die sich an jedes seiner Worte erinnerte, an jeden kleinen Zug aus dem Buche seines Lebens, sie, die sein Leben und ihr eigenes im Verein mit ihm lebte, auch als seine klaren Augen nicht mehr unter uns leuchteten; sie, die ihm endlich auf den Pfaden folgte, auf denen Niemand, bevor seine Zeit gekommen ist, folgen kann. Sie hätte dann das, was ich sagen wollte, mit ihrem Geist erfüllt, und mein Gedicht hätte soviel Unmittelbarkeit empfangen, als handelte es von einem noch lebenden Kinde.

Denn der kleine Sven lebte und wirkte mit seiner Mutter, bei ihr und für sie. Er hatte seine Spielstube bei ihr, und die ganzen Vormittage, wenn Papa fort war und die großen Jungen lernten, saß der kleine Sven auf dem Boden und hörte Mama Märchen erzählen. Mama konnte viele Märchen, aber kein Märchen hatte Sven lieber als das vom Rotkäppchen, das zur Großmutter gehen sollte und das der häßliche Wolf auffraß. Er war so furchtbar erschüttert, wenn er an das Schicksal des kleinen Rotkäppchens dachte, und er hatte solche Angst vor dem abscheulichen Wolf und war so böse auf ihn. Er wollte groß werden und in die Welt ziehen und ihn finden und ihn totschießen.

Dann erfanden Mama und er Spiele. Sie spielten, daß Sven fortreiste und weg war, und Mama saß allein und wartete auf ihn. Und dann kam Sven nach Hause, und das war eine Freude, so groß, daß Mama ihre Arbeit weglegen und ihn auf den Schoß nehmen und viele Male küssen mußte. Und viele andere Spiele spielten sie.

Der kleine Sven hatte zuhause viele Namen. Er wurde das kleine Brüderchen genannt und Nenne, was er selbst erfunden hatte, und Fratzi und Goldkind, so wie es eben kam. Er kannte alle seine Namen, konnte sie aufzählen und war stolz auf sie. Der kleine Sven spielte nicht viel mit anderen Kindern und fühlte sich nie lange wohl mit ihnen. Er kam immer zurück zu Mama, als wäre das die natürlichste Sache der Welt. Und er kümmerte sich dann nie darum, ob er das Spiel unterbrach und die anderen Kinder ärgerte. Sowie er nur Mama erblickte, lief er von allem fort, nahm sie bei der Hand und folgte ihr, wohin sie ging. Das war eine Liebe, die über alle Begriffe ging und die nie erkaltete, weil der Gegenstand derselben zu glücklich über dieses Verhältnis war, um den Kleinen je beschwerlich zu finden.

Sven und Mama hatten ihre kleinen Geheimnisse, und wenn Sven Mama etwas zuflüsterte, durfte nicht einmal Papa zuhören. Versuchte er es, nur um Sven zu necken, da schrie der Kleine:

»Nein, er darf nicht. Er darf nicht. Sag ihm, daß er nicht darf.«

Und Mama verteidigte ihren Schatz und hielt Papa ferne, sodaß Sven alles, was er zu sagen hatte, ihr ins Ohr flüstern konnte.

Wenn das geschehen war, dann triumphierte Sven.

»Siehst Du,« sagte er. »Du hast es nicht hören dürfen.«

Und dann ging er mit Mamas Hand in der seinen und lachte seinen Vater aus. Das nannte er Papa »foppen«, und er kannte wenig Dinge, die er vergnüglicher fand.

Ich kann sie noch Beide vor mir sehen, Hand in Hand, den langen Weg auf- und niedergehend, der bei den Fliederbüschen anfing, unter den kahlen Bäumen im Winter gehend, wenn Sven in seinen kleinen Pelz gekleidet war, den man aus Mamas altem gemacht hatte und auf den er so stolz war. Es wäre im übrigen schwer zu entscheiden, wer von den Beiden dem anderen eigentlich am meisten zu sagen hatte. Und wenn ich sie lange angesehen hatte und Lust bekam, mit dabei zu sein, dann wurde Sven eifersüchtig und schob sein kleines rotes Mündchen vor, sodaß Mama seine Aufführung gegen das Familienoberhaupt tadeln und ihm sagen mußte, wie gut Papa war. Das wollte Sven nur ungern anerkennen. Und während wir zusammen gingen, machte er verstohlen Mama Mienen, die Papa nicht sehen sollte, ganz als wollte er sich selbst dadurch beglücken, daß er den Zauberkreis heimlichen Einverständnisses beibehielt, den er um seine Liebe und sich selbst gezogen.

Aber wenn Papa in der Stadt war und nach Hause kam, dann stand Sven hinter der Thüre versteckt und wartete, um ihn recht erschrecken zu können. Er stellte sich lange vor der Zeit hin, zu der Papa zurückerwartet werden konnte. Unaufhörlich kehrte er von seinem Schlupfwinkel zurück und fragte:

»Glaubst Du nicht, daß Papa sehr erschrecken wird?«

Natürlich glaubte Mama das, und natürlich war Sven überglücklich über diese Aussicht. Und wenn Papa endlich kam und im Flur stehen blieb, um den Sand aus seinen Galoschen zu stampfen, da kam Sven so still und leise herangeschlichen und dachte gar nicht mehr daran, ihn zu erschrecken, sondern stand nur da und lächelte für sich selbst, als wüßte er sehr wohl, daß Papa ihn nicht sehen konnte, ohne froh zu werden. Und langsam kroch er näher, wie um sich an Papas Ungeduld, ihn in die Arme zu schließen, zu weiden, und dann hing er sich an Papas Hals und ließ sich hineintragen, während gleichzeitig die Dogge der Familie, die Svante seinerzeit Pudel getauft, vor Freude bellte und um uns herumsprang.

Ich erinnere mich so gut an die Augen meiner Frau, wenn sie diese Szene betrachtete.

»Wenn Du wüßtest, wie viel ich mit ihm von Dir spreche,« sagte sie, als Sven endlich seinem Vater erlaubte, ihn loszulassen, und Mama Platz machte.

2.