Das Buch der Novellen. Erster Band
Part 5
Die Bäuerin hatte in der Stube Einiges zu ordnen; ’s ist doch der Brauch, daß zur Nacht die Fenstertücher vorgezogen sind. Sie strich am Ofen, strich an der sittig verhüllten Bettstatt, strich an der Thür vorüber. Mit dem Ellbogen schob sie unversehens den Riegel vor und sagte: „Weißt, Felix, die heiligen drei Könige da mußt Du mir auch einmal frisch aufzeichnen.“
„Ja,“ sagte der Junge, „wenn ich’s nur kann, wie es die Ländhoferin haben will.“
Die Ländhoferin strich am Kasten hin und betastete ein erst kürzlich in der Webstube fertig gewordenes Leinwandfach. „Nein,“ sagte sie ärgerlich, „gar Schad’! nicht einmal webern können sie im oberen Viertel! Da habt ~Ihr~ daheim eine andere Leinwand! Jetzt schau einmal den Unterschied an!“ -- Sie betrachtete das Fach und wollte dann auch den Brustlatz am Hemde des Burschen befühlen.
„Oha!“ lachte Felix abwehrend.
„Warum denn, Du närrischer Bub, wenn ich wissen will, was Du für eine Leinwand trägst!“
Je nun, wenn sie’s wissen will, was ich für eine Leinwand trage... warum soll sie’s nicht wissen?
„So trink’ was, Felix, Du nippest ja wie eine schwindsüchtige Jungfrau!“ sie schenkte ihm aber das Glas schon zum drittenmal voll.
„Oho, Ländhoferin,“ sagte der junge Winzer, „zwischen mir und einer Jungfrau ist ein Unterschied im Trinken.“
„Das möcht’ ich doch wissen, ob Du’s zuweg’ bringst und das Glas auf einen Zug leerst!“
Dabei trat sie ihm neckisch auf die Schuhspitze. Er faßte frisch das Glas und führte es zum Munde. -- In demselben Augenblicke klang unten im Hofe ein Glöcklein.
„Was ist denn das?“ fragte Felix mit gehobenem Glase.
„Du Närrchen, wirst Dich doch vor dem Abendläuten nicht schrecken?“
„Ist das Abendläuten, so muß man beten,“ sagte der Bursche und stellte das volle Glas auf den Tisch zurück.
„Geh’, Du langweiliger Klosterbruder!“ flüsterte das Weib und hastig hob sie ihm den Becher zu.
„Nein,“ sagte Felix, „ich will das Mutterwort nicht gleich am ersten Tage schon vergessen.“
Er stand auf, trat an ein Fenster, zog den Vorhang ein wenig beiseite, sah in’s Freie hinaus und betete still.
Der Mond schien ihm in’s Gesicht.
Die Ländhoferin blickte hin und erschrak wirklich.
Vor Jahren, etliche Tage nach der Hochzeit hatte sie ihr Mann in die Residenz geführt. Sie hatten Alles besucht, was ihnen als merkwürdig bezeichnet worden war. Die Bäuerin erinnerte sich besonders noch an jenen hüllenlosen Jüngling aus schneeweißem Stein gehauen -- eine einzig schöne Gestalt. Man hatte ihr gesagt, es sei das Bild von Gott Apollo. Sie hatte danach viele Nächte lang von diesem Bilde geträumt.
Und nun, da sie gegen das mondhelle Fenster hinblickte, wo der Jüngling stand, sah sie dasselbe blasse, einzig schöne Antlitz.
Wie ein kühler Lufthauch wehte es plötzlich durch die Stube. Die Bäuerin erhob sich langsam vom Sofa, stand still und sann.
Er will das Mutterwort nicht gleich am ersten Tage brechen! -- Recht schön. -- Es kommen der Tage noch mehrere. -- Auch giebt es Leute, denen der erjagte Hase besser schmeckt, als der geschenkte. -- Wollen es danach einrichten .....
„Na, Junge!“ rief die Bäuerin in entschiedenem Tone, „ich denk’, ’s ist Schlafenszeit!“
Da kehrte sich der junge Unterviertler um und sagte: „Mir ist’s recht, Bäuerin. Und morgen -- was hab’ ich denn zu thun?“
„Der Altknecht wird Dich weisen,“ beschied sie kurz.
Hierauf brannte sie die zweite Kerze wieder an und öffnete eine Seitenthür. Diese führte in eine Stube, die fast so schön und bequem eingerichtet war und auch ein so hochgeschichtetes Bett enthielt als das Zimmer der Bäuerin.
„Die heutige Nacht schlafst im Zimmer von meinem seligen Mann,“ sagte sie, „in der Knechtestube ist noch kein Bett gerichtet.“
„Ja, gute Nacht, Bäuerin,“ sagte Felix und trat in sein Gemach.
Sie blickte ihn noch einmal an. „Und gieb Acht, was Dir die erste Nacht träumt -- ’s ist bedeutsam. Gute Nacht, Froschreiter.“
Sie zog die Thüre zu, er war allein in der Stube.
Eine Weile stand er völlig unbeweglich da und starrte d’rein. „Ist seltsam, das!“
Es ist nicht sein Dachkämmerlein im Winzerhause. Das ist die Wohnung des Großbauers auf dem weit berühmten Hof, genannt die grüne Länd. Wie oft hatte Felix davon gehört. Im Ländhof dienen, das war eine Ehr’. Im Ländhof werden die Thaler nach Scheffeln gezählt! ging der Spruch. Vor einem Ländhofer wird sogar der Amtmann höflich. Einen Rinderschlag giebt’s im Land: mattbraun, mit kurzen Hörnern und gar feinfleischig -- er wird die Ländhofer-Race geheißen. Der Schullehrer in Zollau hat eine Landkarte, darauf ist auch die grüne Länd verzeichnet.
Und nun, der Felix, der arme Winzerssohn -- er stand mitten in der Herrnstube des Ländhofes, er sollte im Bette des Großbauers schlafen und im Hofe verbleiben und --
-- Und --?
Und sie wollt’ ihm über das Soldatenleben hinaushelfen. Und anstatt ein gemeiner Soldat der Ländhofer sein.... Sapperlot! -- Na, für heut’ legen wir uns schlafen.
Flink warf er seine Kleider von sich, löschte das Licht aus und sprang in das Bett. Schier einen Hilferuf ließ er fahren, denn er meinte, er versinke auf der Stelle in den hochgeblähten Polstern.
Ein stiller Gang in kühler Nacht Hat Manchen schon um’s Herz gebracht.
Ein feines Bett ist nicht immer ein gutes Bett. Daheim im Winzerhause legte sich Felix auf’s Maisstroh und schlief. Hier nach diesem vielbewegten Tage sank er in die Federn und wachte; wälzte sich hin, wälzte sich her, zog die weiche Decke über die Achseln, warf sie wieder zurück -- und wachte.
Wohl wahr, das sanfte Ruhekissen eines guten Gewissens lag ihm unter dem Haupte -- aber wenn allerlei Gedanken tanzen im Kopf -- Gedanken von Macht, von Reichthum -- so ist’s mit dem Schlafe vorbei. Der Gedanke daran allein schon kann das Glück eines süßen Schlummers zerstören.
Zum Ueberflusse fing auch das Herz zu sprechen an; doch hatte es keinen anderen Wunsch als den: wäre ich lieber daheim! -- Wie es nur so öde sein kann in einem so großen Hof! -- Sonst hörte er vom Schlafkämmerlein aus das leise Rauschen der Seim, das Schnarchen des Vaters und dann wieder das Wimmern der kleinen Geschwister. Hier Alles so still -- auch die Stockuhr rastet, wer weiß, wie lange schon. Und nur die Begierden und hochmüthigen Wünsche sollen ruhlos sein in diesem Hause?
Fast unheimlich wurde dem Burschen. Er richtete sich im Bette auf und sah nichts als die mondhellen Fenster, und hörte nichts als das Pochen in seinen Schläfen. Endlich stand er auf, ging an’s Fenster und blickte hinaus in den Baumgarten, auf dessen Büschen der Reif des Mondlichtes lag. Dann schlich er in der Stube umher und suchte ein Wassergefäß; ihn dürstete. Doch fand er keinen Krug, keine Lobe. In einem Hause mit solchem Ueberfluß vergessen sie auf das liebe Wasser nicht bedenkend, daß Alles, was der Wein entzündet, nur das Wasser wieder löschen kann.
Was blieb ihm übrig, als in den Hof hinabzugehen, wo er bei seiner Ankunft den sprudelnden Brunnen sah. Leise -- mit großer Vorsicht, daß er die in der nachbarlichen Stube ruhende Bäuerin nicht wecke -- kleidete er sich an. Als er nun aber das Zimmer verlassen wollte, fand er die Thür, die in den Vorgang zu führen schien, fest verschlossen.
Er versuchte den Eisenriegel mit der freien Hand zurückzuschieben -- nicht möglich, das starre Federschloß hatte einen Blechmantel über.
Felix machte vor Ueberraschung einen gedämpften Pfiff, dann murmelte er: „Jetzt hat sie mich eingesperrt.“
Er suchte lange nach einem Schlüssel und fand keinen. Rathlos stand er da. Der Durst wäre schließlich noch zu verwinden, aber eingesperrt will er nicht sein. -- Was hat sie ihn einzusperren!
Die Fenster sind groß genug, um durch dieselben hinauszusteigen, haben aber Gitter. Es ist ja begreiflich, daß sich der Ländhof gegen außen hin absperrt, doch, die redlichen Bewohner einschließen? Das ist keine Mode. -- Traut man ihm nicht, dem Unterviertler? Oder will man ihm zeigen, daß er unter Herrschaft ist? Seine Herrschaft ist der Kaiser.
Dem Burschen kam der Trotz. „Weiß noch einen andern Weg in’s Freie,“ sagte er zu sich, „und ehvor ich mich gefangen halten laß’ wie ein erhaschter Vogel --! Wenn nur nicht etwa auch ~diese~ Thür --“
Er legte die Hand an die Klinke der Thür, durch die er gekommen war. Sie gab nach -- Felix stand im Schlafgemache der Ländhoferin. -- Der Mond schien auf die weißen Linnen ihres Bettes. Sie ruhte in einer anmuthigen Stellung. Nur einen kurzen, aber seltsamen Blick warf Felix auf sie hin, um dann auf Zehenspitzen der gegenüberliegenden Thüre zuzueilen. Diese öffnete er mit leichter Müh’ und schlüpfte in den finsteren Vorgang.
Es dauerte lange, bis er sich über die Stiege hinabgriff. Das Hausthor war ungesperrt.
Vor dem Brunnen kniete er hin und trank. Die Nacht war so schön und mild. Er schritt weiter hinaus zwischen den Stallungen, hörte hier ein Rind blöken, dort eine Ziege meckern, oder ein Pferd wiehern, oder einen alten noch wachen Knecht poltern. Vielleicht schritt der gute Junge auch an Geheimnissen vorüber. Ein solcher Hof ist reich an nächtlichen Thaten und Begebenheiten; denn nur die Nacht gehört dem Gesinde für sein eigen Leben, am Tage muß es dienen. In der Nacht hat manche Magd die Pfaid ihres Freundes auszubessern; in der Nacht muß der Knecht die schadhaften Schuhe seiner Liebsten besohlen; denn das Nähen versteht ~sie~ und das Schuhflicken ~er~, und so ist auch im Bauernhofe die Theilung der Arbeit eingeführt.
Auf die grüne Länd schien derselbe Mond, wie daheim über die Weinberge -- so ging Felix zur stillen nächtlichen Weile ein wenig spazieren. Er wendete um den Hof und ging am Ufer der Seim entlang. Der Fluß war auch hier nicht viel kleiner als im unteren Viertel. -- Diese Wellen, in welchen der Mond schimmert, wann können sie am Winzerhause vorbeifließen? Ja, bishin wird die Sonne schon hoch am Himmel sein und da steht vielleicht der kleine Anton am Ufer und wirft Steinchen in das Wasser. „Warum gehen keine Schiffe auf dir, du liebe Seim?“
Auf dem Rückweg schritt Felix durch den Baumgarten. Manch’ schwarzen Balken, wie sie auf dem thaunassen Boden umherlagen, überstieg er mit vorsichtigem Fuße, und lachte sich selbst aus, wenn es schließlich kein Balken war, sondern blos der Schatten eines Baumstammes. Ueber den Laden der Kugelbahn, den er für einen Schatten gehalten hatte, stolperte er. Eine Kugelbahn und daneben in der Rinne die Kugel! besser könnte sich doch gar nichts schicken, um die Grillen zu vertreiben. „Wenn’s auch Nacht ist, probiren wir’s einmal! Stehen Kegel auf dem Kreuz, so werden sie wohl fallen.“
Mit frischem Knabenmuth hob er die Kugel, wog sie in der Hand, schupfte sie kunstgerecht mehrmals aus der Lage, um sie sicher zu fassen, stellte sich an, schwang etlichemale den Arm -- auf dem schmalen Laden glatt und scharf rollte die Kugel hinaus, und in der Laube stürzten klingend die Kegel.
In demselben Augenblicke huschte eine Gestalt aus der Kegellaube und wollte abseits eilen.
„Oho!“ rief Felix munter, „hat sich ein Schelm versteckt gehalten?“ Er verfolgte das Wesen und erjagte es.
„Laß’ mich weg!“ hauchte die Gestalt und brach in Schluchzen aus. Er sah ihr in’s Angesicht; jenes blasse Mädchen war’s, das bei der Heimkehr der Bäuerin das treuherzige: „Grüß Gott, Mutter!“ gerufen hatte.
„Du Närrle, Du, was ist Dir denn geschehen?“ fragte der Bursche theilnehmend. Sie weinte noch mehr, und ihr Bestreben, aus seinem Arm zu entkommen, war fruchtlos.
„Jetzt will ich’s just wissen!“ fuhr er fort, „und jetzt komm’ und setze Dich da mit mir in die Laube. -- Siehst Du, alle Acht’ hab’ ich getroffen -- nur Einer steht noch. Und jetzt mußt Du mir’s redlich erzählen, was Dir geschehen ist.“
„’leicht hast es selber gesehen,“ antwortete sie leise, „gelt, Du bist ja der junge Unterviertler, den die Mutter mitgebracht hat?“
„Auf’s Haar derselbe.“
„Und gerade Deinetweg -- daß sie es so vor einem fremden Menschen gesagt -- hat mir’s noch zu allermeist weh gethan.“
„Ich bin kein fremder Mensch, Dirndl, ich gehör’ jetzt auch zum Ländhof. Felix heiß’ ich, und wie heißest denn Du?“
„Seit mein Vater todt ist,“ entgegnete das Mädchen, „hat mich kein Mensch noch so gutherzig gefragt, was mir weh thut, als Du. Und weil Du die grobe Red’ von der Mutter schon gehört hast, und Du Dich doch noch nach mir umschaust, so vertraue ich Dir. -- Ich heiße Constanze und bin das Kind vom Hause.“
„Von diesem Hause da! vom Ländhof?“
„Das einzige Kind.“
„Und die Bäuerin, die ist gewiß Deine Stiefmutter, Constanze?“
„Als meine Mutter gestorben ist,“ sagte das Mädchen, „bin ich sechs, und als mein Vater die Unterviertlerin geheiratet hat, bin ich sieben Jahr’ alt gewesen.“
„I, dann freilich,“ versetzte der Bursche, „eine Stiefmutter ist des Teufels Unterfutter.“
„Das darfst nicht sagen,“ verwies sie, „die Mutter hat auch ihr Gutes. Ich könnte sie gewiß recht lieb haben -- ich mag keinem Menschen böse sein -- aber sie peinigt mich.“
Die letzten Worte wollten fast ersticken. „Und jetzt,“ fuhr sie unter Schluchzen mühsam fort zu sprechen, „jetzt, da ich vom Krankenbett aufgestanden bin, wird es ’leicht noch ärger.“
„Bist krank gewesen, Constanze?“ fragte der Bursche in gar mildem Tone und legte seine Hand auf ihre Achsel.
„Es hat mich wer in den Keller eingesperrt,“ sagte das Mädchen, „sie hat mich hinausgeschickt in’s Kellerhaus, daß ich von den Sauerkrautkübeln das Wasser abschöpfe. Wie ich damit fertig bin und davon will, ist die Thür im Schloß. -- Wenn Du einmal in den Keller gehst, so wirst es sehen, selber kann die Thür nicht zufallen. -- Gerufen hab’ ich, bis mir die Stimm’ ist gebrochen. Kein Mensch hat mich gehört; das Kellerhaus steht ja oben beim Schachen. Die ganze Nacht bin ich im Gefängniß gewesen, erst am Morgen haben sie mich erlöst. Die Mutter ist am selben Tag nach Breitenschlag gefahren; die Leut’ haben gemeint, ich wär’ mit ihr. Ganz zufällig haben sie mich gefunden. Ja, und da habe ich mich so verkältet, daß ich in eine Krankheit gefallen bin.“
„Jetzt, wer hat Dich denn eingesperrt?“ rief der Winzer.
„Ja, dasselb’ wollt’ ich --“ sie unterbrach sich und flüsterte: „ich kann gar nichts sagen.“
„Du!“ sagte Felix, „vielleicht ergründ’ ich’s, wer im Ländhofe die Leut’ einsperrt. -- Und jetzt, Constanze, bist wohl wieder brav gesund?“
„Wie vor etlichen Tagen die Mutter in’s Weinland gefahren ist,“ erzählte das Mädchen, „da bin ich noch im Bette gelegen, arg krank. Ist darauf aber schleunig besser geworden; und jetzt, wie die Mutter heimkommt -- denk’ ich mir -- da will ich ihr eine Freud’ machen, und daß sie gleich sieht, ich bin schon wohlauf, laufe ich ihr entgegen. -- Wie groß ihre Freude über mein Gesundwerden gewesen ist, hast Du selber gesehen.“
„Thät man ihr’s ansehen?“ entgegnete Felix nach einem Weilchen, „gewiß nicht. -- So möcht’ ich doch wissen, Constanze, was hat sie denn gegen Dich?“
Das Mädchen neigte traurig das Haupt.
„Und von Dir ist’s auch nicht recht,“ sagte der Bursche, „daß Du, kaum erst aus dem Krankenbett, jetzt in der kühlen Nacht da auf der Kugelbahn hockest!“
Felix selber war überrascht, daß er jetzt so gescheidt gesprochen hatte. Sein Vater und seine Mutter zusammen konnten kaum vernünftiger reden, als er es heute vor diesem Mädchen that. Und dabei fühlte er sich so gesetzt und bereit zum Beistand, er hatte selbst nicht gewußt, daß er so sein konnte.
„Das ist freilich wahr,“ entgegnete Constanze auf obigen Vorwurf, „aber ich hab’ mir nicht zu helfen gewußt, ’s ist mir so um’s Weinen gewesen, und da habe ich mich aus der Mägdekammer davon gemacht. In der Kammer spotten sie mich aus, wenn ich traurig bin. Sie haben es besser als ich; sie können davon gehen, wenn das Jahr aus ist, ich muß bleiben.“
„Ruck nur recht glatt an mich, daß Dir nicht kalt wird,“ sagte der Bursche. -- „Aber die Bäuerin! So möcht’ ich doch wissen, was sie gegen Dich hat.“ -- Völlig aufbrauste er.
Constanze schwieg. Sie hätte gern gesprochen, ihr ganzes schweres Herz ausgesprochen vor diesem guten Menschen. Aber die Klugheit gebot ihr Zurückhaltung; bislang wußte sie doch nicht, wer er eigentlich war und in welchem Verhältnisse er zur Bäuerin stand.
„Jetzt muß ich wohl in’s Haus,“ flüsterte sie und machte sich allmählich los von seinen Armen, die sie -- sie wußte nicht wie -- umgarnt hatten.
Felix hatte nicht mehr Lust weiterzukegeln. Er ging mit dem Mädchen bis zum Hause. Am Thore, wo sie sich trennten, gab er ihr das Wort: „Wenn ich eine Zeit lang im Ländhof verbleibe, Constanze, an mir sollst einen guten Freund haben.“
Dann schlich er die Stiege hinan, den Vorgang entlang, drückte alle möglichen Thürklinken nieder, bis endlich eine nachgab.
Unabwendbar durch das Gemach der Bäuerin ging sein Weg; behend huschte er an aller Anmuth vorbei und in seine Stube.
Er mußte sich gestehen, die Ländhoferin war ihm nun nicht mehr ganz gleichgiltig.
Bald schnarchte er in seinen Federn -- und sie?
Sie seufzte im Traume.
Du sitzest auf weichem Loden, Der Hof ist Dir bereit; Du springst auf harten Boden, O Junge, Du bist nicht gescheidt.
Am nächsten Morgen sprach die Bäuerin zum Altknecht: „Jetzt will ich Dir eins sagen, wenn ich Dir nicht zwei sag’.“
„Ja,“ antwortete der Knecht.
„Der Bub’, den ich vom Unterviertel mitgebracht hab’, ist ein Geschwisterkind von mir. Der wird dableiben, und wenn er sich heut’ die Wirthschaft ansehen will, so geh’ ihm zu Handen. -- Jetzt weißt es, und jetzt rühr’ Dich wieder vom Fleck, Du alter Scherben.“
Der Knecht aber blieb vor ihr noch stehen, pfusterte mit der Nase und sagte dann mit ganz gutmüthiger Stimme die Worte:
„Bäuerin, zu Neujahr hab’ ich gesagt, wenn ich mir die Grobheiten gefallen lassen muß, die seit des Bauers Tod im Hof herumfliegen wie die Gelsen, so verlang’ ich um zehn Gulden mehr Jahrlohn. Heut’ sag’ ich, um zehn Gulden thu’ ich’s nicht und die Bäuerin soll sich für nächst Jahr um einen andern Altknecht schauen.“
Dann ging er langsam davon und war schier um ein paar Zoll länger als sonst.
Die Ländhoferin war nicht einmal erbost. Sie dachte an einen jungen Altknecht.
Felix ging am selben Tag zu seiner eigenen Ueberraschung auf der grünen Länd’ um, wie der Gutsherr selber. Die Arbeiter grüßten ihn höflich, munkelten aber allerlei Ungereimtes, sobald er wieder davon war.
Er ging in den Wald, sah dem Baumfällen, Brennholzbereiten und Streusammeln zu. Er ging auf die Wiesen, wo Herbstmahd war; er ging auf die Felder, in die Gärten, wo die Spätfrüchte eingethan wurden. Er ließ sich über den Fluß führen, um die jenseitigen Flachsarbeiten zu sehen. Dort wurde der auf freier Au gebleichte Flachs gehoben und in Büschel zusammengebunden.
Felix verstand von Allem nichts -- er verstand nur, wie man die Reben zieht und die Trauben preßt. Eine Magd aber war doch so dienstbar, ihn zu fragen: „Bauer, wird der Haar (Flachs) auch heuer wieder mit Strohbändern gebunden?“
„Ja freilich,“ gab der Winzerssohn zur Antwort; er sah nicht ein, warum gerade heuer die Regel unterbrochen werden sollte.
Das Mißliche war, daß -- wenn man ihn so hoch hielt -- er den Würdevollen spielen mußte und nicht in seiner kecken, lustigen Weise jauchzen und singen durfte. Er ließ es gar so hart. Die Lustigkeit steckte in seinem Blute, wie der Geist im Weine. Aber wenn es schon ist oder werden wird, wie es aussieht, so --
Kurz, der Ländhofer muß ein gesetzter, ernsthafter Mann sein. Beim hellen Tag sah ja Alles anders aus, als in der Nacht -- wer wollt’ nicht Großbauer sein!
Als Felix von seinen Besichtigungsgängen in den Hof zurückkehrte, harrte seiner der Schneider. Für den jungen Mann ein neuer Anzug war bestellt. Die Bäuerin stand dabei und leitete das Beginnen, als der Meister das Maß nahm. Das Maß um den Oberkörper des Burschen, die Breite der Brust, der Achseln, die Länge der Arme; dann die Weite der Hüfte, die Höhe vom Stiefelabsatz bis zur ersten Rippe und die Höhe der Schenkel.
„Ist mir nicht bald Einer vorgekommen, so bildsauber gewachsen, als der da!“ murmelte der Schneider in den Maßfaden hinein, den er zwischen die Zähne genommen hatte. Die schönheitssinnige Ländhoferin nicht minder freute sich der Wohlgestalt.
Am Nachmittage nahm die Bäuerin den jungen Günstling in die Vorrathskammer mit. Korn und Obst, Gemüse und Fleisch, Speck und Fett in unerhörter Fülle. Der Sohn des armen Winzers that den Mund auf -- aber nicht vor Hunger heute, sondern vor Staunen. Die Bäuerin hielt ihn fest am Arm und zerrte ihn weiter und jener Kammer zu, wo riesige Ballen von Flachs und Leinwand, Wolle und Lodentuch aufgeschichtet waren.
„Da such’ Dir einmal Eins aus,“ sagte die Ländhoferin, „’s ist lauter Winterstoff; ich denk’, Du nimmst dunkelgrau, das wird mit grün fein ausgeschlagen und steht gut! -- Ei, setzen wir uns ein wenig nieder, da können wir’s bequemer überlegen.“
Sie setzten sich auf ein braunes Lodenbündel.
„Nun,“ fragte sie hierauf lächelnd, „Felix, was sagst Du zum Ländhof?“
„Da kann man gar nichts sagen, als: den möcht’ ich haben,“ versetzte der Bursche.
Die Bäuerin wartete eine Weile auf ein weiteres Wort, aber Felix befühlte das grobe Schafwollentuch, wie dick es sei und wie weich und dachte: Das wär’ mir schon recht für den Winter.
„Mit dem Ländhofe wärst zufrieden?“ fragte die Bäuerin lauernd.
„Wollt schier mit ihm zufrieden sein.“
„Und -- die Ländhoferin, meinst, wär’ nicht vonnöthen?“
„Gehört freilich auch dazu,“ versetzte der Bursche und zupfte am Lodentuch.
Dann schwiegen sie Beide -- schwiegen so lange, daß sich ein Mäuschen versucht fand, aus seinem Versteck zu lugen. Hastig schreckte das Thierchen zurück, denn es hatte plötzlich die glühenden Augen des Weibes gesehen.
„Felix,“ sagte nun die Ländhoferin unter einem seltsam schweren Athem, „Felix -- ~Felix~, weißt Du, daß ich Dich unbändig gern hab’?“
Der Unterviertler sah sie an mit großem, klarem Auge. Ohne ein Lächeln und ohne ein Erröthen sah er ihr in’s Antlitz und -- schwieg.
Da haschte sie nach seinen Händen, zog dieselben hastig an sich: „Herzensbub! Du bist mir angethan, und bei meiner Seel’, ich mach’ Dich zum Ländhofer! Du ~lieber~ Bub, Du Herzensbub!“
Beide Arme schlang sie um seinen Nacken, mit heißer Leidenschaft küßte sie seine Stirne, seine Locken, seine Augen, seinen Mund.
Er ließ es geschehen, bis sie vor Liebkosung wie erschöpft war. Dann zog er sein rothes Sacktuch hervor und wischte sich damit das Angesicht ab. Sie meinte, es wäre ihm so heiß.
Wieder ein Weilchen verstrich.
„So rede auch Du was!“ rief plötzlich die Bäuerin fast zu laut, „Du sitzest da wie ein hölzerner Heiliger, gerade, daß Du noch keinen Schein hast. Weißt nicht, daß ich Dich um was gefragt hab’?“
„Gefragt hat mich die Bäuerin um was?“ entgegnete verwundert der junge Unterviertler.
„Magst denn nicht der Ländhofer sein?“
„Wohl, wohl,“ sagte er, „wenn’s Euer Ernst ist, Bäuerin.“
„So sag’ doch Du zu mir, Du langweiliger Mensch. Und muß ich Dich denn geradeaus ~fragen~, Felix: ~magst mich~?“
„Ei -- wohl, wohl, Bäuerin,“ entgegnete der Bursche zerstreut, „aber schau doch, wie sie sich plagen muß.“
Er blickte durch das nahe Fenster hinab in den Hof, wo Constanze bei einem Obstwagen bemüht war, einen vollen Aepfelsack abzuladen. Die Kraftanstrengung des Mädchens schien vergeblich. Da sprang Felix vom Lodenballen auf, schrie: „Wart’, ich helf’ Dir!“ schwang sich zum Fenster hinaus und sprang auf die Erde hinab. Mit einem kräftigen Ruck warf er den Sack auf seine Schulter: „Wohin damit?“
Constanze ging voraus auf die Obstschütte; Felix folgte ihr mit den Aepfeln.
Und die Bäuerin in der dunklen Kammer schleuderte wüthend die Wollen- und Leinwandbündel durcheinander.
Und dem Mäuschen war beklommen in seinem Neste.
Herrschaft -- Knechtschaft.
Mit in die Seiten gespreizten Armen stand die Ländhoferin vor Constanze: „Dirn’, es ist aus der Weis mit Dir, Du gehst vom Hof!“
„Warum soll ich denn vom Hof gehen, Mutter?“ sagte das Mädchen, die Bäuerin traurig anblickend.