Das Buch der Novellen. Erster Band
Part 4
„Mutter,“ rief der kleine Anton jetzt, „das ist so ein Räthsel: geht er fort, so bleibt er daheim, und bleibt er daheim, so muß er fort, was ist das? Das ist der Felix.“
„Du Schlingel, Du kleiner,“ schmunzelte der Vater. „Du mußt schon ein Doctor werden. Dann muß aber der Schnurrbart weg. Den Schnurrbart lassen sich nur die Starken stehen, die Gescheidten den Backenbart.“
„Und wie weit wird’s denn sein bis auf die grüne Länd’?“ warf Felix ein, „in Einem Tag kommt ein guter Geher leicht hin und zurück.“
„Du nicht, Du kommst mir nicht in Einem Tag zurück!“ schluchzte die Mutter.
„Aber zu den heiligen Zeiten kann ich doch heimgehen. Das will ich mir ausdingen.“
Und als der Vollmond aufging über den Weinbergen und als in der Seim das Zickzack seines Widerscheins zitterte, war es beschlossen unter dem Birnbaum: der Felix geht mit der Großbäuerin auf die grüne Länd’.
Der kleine Anton drehte zur Feier dieses Beschlusses den schafwollenen Schnurrbart auf.
„Wenn’s nur nicht gefehlt ist!“ sagte des anderen Tages die Froschreiterin, „mich deucht allerweil, es soll nicht sein.“
„Geh, geh,“ rief der Alte, „Ihr Weiber habt fortweg so Flausen. -- Auch mir geschieht nicht leicht, daß ich den Buben weggeb’; ja, wenn sich Eins immer nachgeben wollt! -- Junge Leute müssen hinaus in die Welt, müssen was probiren. Das leidig’ Soldatenleben nehm’ ich aus, aber das muß ich sagen: wär’ ich weiter gekommen, als vom Tisch bis zum Ofen, ’leicht ging’s mir besser. -- Und die Ländhoferin,“ setzte er bei, „die Großbäuerin, scheint mir, ist eine brave, respectirliche Frau.“
Einen Tag später trabten die zwei Rößlein wieder heran und -- einen Stich im Herzen gab’s dem Burschen -- er glaubte schon, der Wagen wollte nicht halten. Der Wagen hielt aber. Die Großbäuerin stieg aus und that noch freundlicher gegen Alle und sie war in ihrer Rührsamkeit und Heiterkeit fast jung.
An den rothgeweinten Augen der Mutter sah sie’s gleich: der Felix geht mit ihr. Sofort machte sich die Ländhoferin an das betrübte Weib und sprach über die Kinder, über den Garten, über die Hühner und Alles, woran eine rechte Hauswirthin Freude hat. Da wurde die Froschreiterin ganz zutraulich und band unter neuerlichem Schluchzen ihren Aeltesten, ihren liebsten Buben, der Großbäuerin recht an’s Herz....
Und nach einer Weile kam der Felix aus seiner Dachkammer herabgestiegen. Der Felix im Staate! Die Tuchkleider waren just nicht zu geschlacht, aber nett und nach gutem Geschmacke geformt. Alles hübsch schlicht, nur das hellrothe Halstuch flatterte vor dem breitüberschlagenen Hemdkragen wie ein keckes Kirchweih-Doppelfähnchen. Der Hut war etwas in die Stirne gedrückt, nur ließ er noch die beiden Haarbüschel sehen, die an den Schläfen herunterstanden.
Eines der kleinen Mädchen bringt einen Strauß von Rosmarin und Vergißmeinnicht: „Felix, den Wanderbuschen geb’ ich Dir mit!“ Jedes will dem scheidenden Bruder etwas geben; der kleine Anton nur sagt: „Felix, ich habe gar nichts als das schwarze Lämmchen, aber das gehört dem Vater.“
Die Mutter hatte das Bündel gebunden -- es war nicht groß.
„Das macht nichts,“ sagte die Ländhoferin, „auf meinem Hof wird ihm nichts abgehen. -- Kannst das auch noch daheim lassen, Felix, meinetweg gar Deinen Rock. Der liebe Gott -- hat mein Vater fort gesagt -- schaut nicht auf die Kleider, schaut nur auf’s Herz. Der Ländhof macht’s auch so.“
Wird wohl rechtschaffen gut auszukommen sein mit der Bäuerin, dachte sich der alte Froschreiter.
„Bleib mir nur brav, Bub’,“ sagte er, „und mach’ uns und Deiner Dienstfrau keine Schand’. Thu’ fleißig arbeiten und kriegst was, so sei dankbar und allerweil sparsam. Denk’ auf den Bettelstab, Felix!“
„Was nicht noch!“ rief die Bäuerin, „Bettelstäbe wachsen nicht auf der grünen Länd’.“
„Und vergiß nicht auf’s Beten,“ fiel die Mutter ein, „da hast einen Rosenkranz mit, ist noch von meiner Mutter selig.“
„Ja, ja, Samstags -- Samstags wird auf dem Ländhof Rosenkranz gebetet,“ unterbrach die Großbäuerin ein bischen gereizt, „und zur Christenlehr’ kann er Sonntags gehen.“
Dann setzten sie sich zu einem kleinen Mahle. Aber es wurde nicht viel gegessen.
Der eigentliche Abschied war kurz. Die Ländhoferin hatte plötzlich anspannen lassen und die Pferde waren ungeduldig. Noch hatte die Bäuerin der Winzerin ein Papier in die Hand gedrückt: „Seh’, seh’, nicht fallen lassen!“ noch hatte sie dem Froschreiter versichert: „Wird Euch nicht reuen, daß er mitgeht, wird Euch nicht reuen!“ Dann saß sie mit Felix schon auf dem Wagen.
Einen Händedruck dem Sohne, noch ein väterliches Wort -- und das Zeug rasselte davon.
Der Bursche winkte mit der Hand, mit dem Hut noch zurück, die Eltern und Geschwister winkten, weinten ihm nach. Da war der Wagen auch schon um die Reide und sie sahen von dem Gefährte nichts mehr als den aufgewirbelten Staub.
Nach einer Weile, da es im Winzerhäuschen wieder still geworden und Jegliches bei seiner Beschäftigung war, nur die eine Lücke, wo der älteste Sohn gewaltet, unausgefüllt -- stand die Winzerin am Herd, um die Pfanne auszuscheuern, in der sie vorhin das Abschiedsmahl gekocht hatte. Sie hielt noch das Papier in der Hand, welches ihr die Ländhoferin zugesteckt. Sie entfaltete es -- eine Geldnote. Da war ihr zu Muth, als hätte sie ihr Kind verkauft. Rüstige Arbeit half ihr über den argen Gedanken hinweg. Plötzlich hielt sie ein und sagte laut zu sich selber: „Na, Jesu Christi, vergessen hab’ ich doch was. Eins hätt’ ich ihm noch sagen mögen. -- -- Es ist ein gutherziger Bub. Mein Gott, das Kinderweggeben thut weh. Und man kennt die Leut’ nicht --“
„Mutter,“ sagte der kleine Anton, der ihr heute fortweg an der Kittelfalte hing, „Mutter, der Felix wehrt sich schon, wenn es gilt, o, der ist stark! Ich hab’s gesehen, es wachst ihm schon ein wenig der Schnurrbart.“
Sie küßte den Knaben -- ei ja, sie hatte noch liebe Kinder daheim.
Wie traben so lustig die Rösselein, Mein Junge, mußt nicht so blöde sein!
Und wie ging’s auf dem Wagen zu?
„So, mein lieber Unterviertler,“ sagte die Ländhoferin zu Felix, „jetzt sitzen wir Zwei beisammen. Mach’ Dich nur bequem. Wir haben eigentlich noch gar nichts miteinander gesprochen.“
„Ich schwätz’ nicht gern viel,“ gab der Bursche zur Antwort, „mir wird die Zeit lang werden, bis wir auf die Länd’ kommen.“
„Geh!“ rief die Großbäuerin, „das ist nicht fein. So ein properer junger Mann muß sich die Zeit überall zu vertreiben wissen.“
„Wenn ich’s gerad’ sagen wollt’,“ versetzte Felix nach einer Weile, „am liebsten wär’ mir’s schon, ich dürft’ da vorn beim Kutscher sitzen.“
„Auf des Michel’s Schoß ’leicht, Du Lapp!“ lachte das Weib ärgerlich, „siehst doch, daß sonst kein Platz ist.“
„So kann sich der Michel zur Ländhoferin setzen und ich kutschir’. Versteh auch was bei den Rössern.“
„So! Dann will ich Dich auf dem Hofe zu den Pferden stellen, Felix -- ei, der Kukuk hinein, jetzt muß ich Dir gleich was sagen. ~Felix~, der gefällt mir, ist ein schöner Name, aber den Froschreiter laß’ im Unterviertel. Auf der grünen Länd’ giebt’s keine Frösche, da reitet man auf hohem Roß -- verstehst?“
Für’s Erste ist ihr mein Name nicht recht, dachte sich der Bursche, es mag ein schwerer Dienst werden.
„Na, so strecke doch einmal die Beine ordentlich aus, Felix,“ rief die Bäuerin, „Du hockst ja da wie eine Eichkatz’.“
Da dehnte sich der Bursche und rieb dabei unversehens an ihren bauschigen Kleidern.
„Das macht nichts,“ bedeutete die Bäuerin, „das wird Alles wieder gebügelt.“
Gar nicht zu bestreiten, die Ländhoferin ist eine leutselige Frau. Haben bislang noch lauter Schönes von ihr vernommen. Sie ist in den besten Jahren, hat eine große Wirthschaft auf der Länd’ und will dem jungen kerngesunden Burschen über das Soldatenleben hinweghelfen.
Felix, da magst Du Dir bisweilen schon Einiges gefallen lassen. Und Deine Herrin ist sie jetzt! Darum, so oft sie’s haben wollte, rückte er, streckte sich und gab nicht Acht auf ihr Kleid.
„Und meinst, ich bin nicht auch von unten herauf?“ sagte die Bäuerin plötzlich, „Felix, so wie ich Dich heute auf dieser Straße in’s obere Viertel fahre, so hat mich vor elf Jahren -- was sag’ ich denn, es ist nicht so lang’ -- der alte Ländhofer auf dieser Straßen heimgeführt. Ist Witwer gewesen -- ein rechter Hascher. In Weißenbach unten, da bin ich daheim, und da ist er einmal im Pferdehandel hingekommen und hat mich kennen gelernt. Bin nicht reich gewesen von Heim aus, Felix, hätt’ aber der Liebhaber genug gefunden. Aus reiner Barmherzigkeit, das kann ich wohl sagen, bin ich mit dem Großbauer gefahren und hab’ ihn geheiratet. Wenn’s Dich zu stark schüttelt, so halt’ Dich mit der Hand an dem eisernen Ring; der ist dazu da.“
Fand’s nicht praktisch, der Bursche, der eiserne Ring war so, daß er, um denselben zu fassen, seinen Arm über die Schultern der Beisitzerin hätte legen müssen.
„Finde es,“ fuhr sie fort, „bei einer Heirat gar nicht einmal nöthig, daß der Mann älter ist als die Frau; ich weiß Fälle, wo es gerade umgekehrt war und doch die beste Ehe ist gewesen. Ja -- und daß ich’s erzähl’, mein Mann ist Dir um vierunddreißig Jahr’ älter gewesen als ich; wie ich’s gesagt: aus reiner Barmherzigkeit hab’ ich ihn gepflegt. Vor etlichen Monaten erst ist er gestorben -- tröst’ Gott sein’ Seel’. Ich hab’ groß’ Haus und Hof am Hals und dazu ist sich oft die tüchtigste Frau völlig zu wenig. Was hast denn Du für eine Schramme an Deinem Finger?“ Sie faßte prüfend seine Hand.
„Im Auswärts beim Rebenschneiden ist das Messer hineingesprungen,“ berichtete der Winzerssohn. Sie ließ aber die Hand nicht mehr los, tändelte mit derselben und fuhr fort zu reden: „Mein Gott, man wehrt sich lang’, aber das Haus muß einen Herrn haben, man kann’s wenden wie man will. Die Mannsleut’ im oberen Viertel, das kannst mir glauben, ich hab’ meine Noth, wie sie sich bei mir einspinnen wollen. Aber ich hab’ kein Zusammensehen mit ihnen; sind lauter so ungeschlachte, langweilige Gesellen und hätten bei den Nachbarleuten auch nicht den Respect, den ein Ländhofer wohl haben muß. Ich will einen aus dem Weinland, von wo ich selber bin. Rauchst Du nicht Tabak, Felix?“
„Wüßt’ nicht warum,“ versetzte der Bursche.
„Sonst hätt’ ich Dir gern eine silberbeschlagene Pfeife von meinem Seligen spendirt zum Andenken. Lieber Gott, ich kann ihn hart vergessen; ist ein gutes altes Kind gewesen. Das aber sag’ ich, nach einem Reichen und Vornehmen lug’ ich nicht; g’rad zu alt darf er mir nicht sein und frisches Blut muß er haben, daß eine Schneid’ in’s Haus kommt.“
Jetzt machte Felix große Augen. -- „Die heiratet mich!“ -- Just, daß er’s nicht laut hinausrief in den Herbstnachmittag. Und daran spann er folgende Gedanken: Wenn sie mich heiratet, dann ist’s freilich aus mit dem Soldatenleben, dann bin ich der Ländhofer, der reiche Ländhofer, und kann mir gut geschehen lassen und kann meine Eltern in’s Haus nehmen und die Geschwister versorgen und den kleinen Anton studiren lassen. Das macht sich ja fein -- „juch!“
Er jauchzte wirklich laut auf, der gute Junge, und er glaubte, nun wäre er mit sich und Allem in Richtigkeit.
„Das ist recht!“ rief die Bäuerin nach seinem Juchschrei, „nur lustig wohlauf und keck d’ran, mein lieber Landsmann! jungen Männern gehört die Weltkugel und der Sack dazu. Ich bitt’ Dich, Felix, jetzt ist mir die Haarnadel in den Nacken gerutscht!“
Das war nun eine heikle Sache; je mehr der Bursche ihr seidenes Halstuch lockerte, desto tiefer rollte das Drahthäkchen hinab und schließlich verschwand es in den Tiefen. Blieb demnach diese Aufgabe einstweilen ungelöst und deß’ schämte sich Felix insgeheim. Ihm, dem die Weltkugel gehört, soll eine Haarnadel entgehen?
Zwecklos ist nichts auf der Welt; zwecklos war auch dieser kleine Zwischenfall nicht gewesen. Als Felix’ Finger den Nacken der Bäuerin berührte, hatte diese ein Gefühl, das sie höher anschlug, als die hinabgeglittene Nadel.
Für die Gegend, die sie durchfuhren, können wir unter solchen Umständen kein Auge haben. Im Allgemeinen nahm die Landschaft allmählich einen ernsteren Charakter an; das Hügelgelände wurde zum Bergland, die Wein- und Obstgärten verschwanden, die Nadelwälder begannen. Zur Linken hatten die Reisenden ein sich allgemach höher bauendes Gebirge, über dessen Häuptern schon die Abendnebel des Herbstes lagen. Zur Rechten war stets der schöne Fluß mit den grünen oder felsigen Ufern. Hie und da stand ein Dorf; die Einzelnhöfe wurden immer seltener.
„Schau, dort ist wieder einmal ein Wirthshaus,“ sagte Felix plötzlich.
„Da im Wagen auch,“ entgegnete die Großbäuerin und zog einen gutgeräucherten Schinken und einen erdenen Plutzer hervor. Sie aßen vom Geräucherten und sie tranken Beide aus dem Plutzer. Trank sie, so hielt er ihr das Gefäß zurecht; sie erwies ihm denselben Dienst, nur hielt sie den Krug stets so, daß dem Burschen jedesmal viel mehr durch die Gurgel rann, als er eigentlich beansprucht hätte. Es wäre ihm aber ein Trunk auf bequemer Wirthsbank lieber gewesen. Nichtsdestoweniger fand er sich aufgelegt zum Singen und jetzt hielt er sich auch wacker am Eisenring, der jenseits seiner Genossin an der Wagenwand angebracht war. Das Weib hinwiederum war genöthigt, sich an dem Burschen festzuhalten, denn das Schütteln des Wagens wurde auf der Bergstraße immer ärger.
So weit kam’s, daß der gutmüthige Winzerssohn die Worte sagte: „Ich krieg’ keinen Athem mehr, Bäuerin!“
Als ob es ihr viel besser ergangen wäre! Ein arges Fieber war in ihr, ein Zucken in den Gliedern, ein Pochen im Herzen.
Die Erdenwege sind so herbe; der arme Pilger muß leiden und entbehren, kein Mensch kann’s glauben, was mitunter Eins in den Dreißigern aussteht!
Zum Glücke waren sie, als die Sonne unterging, auf der letzten Anhöhe. Da rief die Großbäuerin dem alten Michel „Halt!“ zu und raffte sich zusammen.
„So, Felix,“ sagte sie, „jetzt schau einmal hinab in dieses Thal, das ist die grüne Länd.“
„Wie heißt denn das Dorf dort mitten in den Bäumen?“ fragte der Bursche.
„Ein Dorf, meinst Du?“ lächelte die Bäuerin, „mein Lieber, das ist kein Dorf. Die Gebäude gehören alle zusammen, es ist der Ländhof!“
„Der ist groß!“ rief Felix aus.
„Ich denk’, wir werden Platz darin haben. Nicht wahr? Na, gelt!“
„Der ist groß!“ wiederholte Felix, „da kenn’ ich mich rein gar nicht aus.“
„Nu, paß’ einmal auf, Junge,“ sagte sie selbstgefällig, „dort das weiße Gebäude mit den zwei Fensterreihen ist das Wohnhaus. Unter den Bäumen hin rechts sind die Stallungen und Scheunen. Weiter rückwärts -- man sieht ja die Funken aus dem Schornstein -- ist die Schmiede und daneben mit dem Schindeldach die Mühle; sind drei Laufer; ich mahl’ für das halbe Oberviertel. Links vom Wohnhaus siehst Du die Dächer von einem zweiten Hause; in demselben sind die Vorrathskammern und die Gesindestuben. Das untermauerte Gebäude dahinter ist der Pferdestall; stehen fortweg sechs Rösser d’rin. Dann fangen die Obstgärten an, bis zum großen Anger hin, wo die Leinwandbleiche ist. Das Häusel daneben ist die Flachsbrechstube.“
Felix staunte und schwieg.
„Die grünen Wiesen,“ fuhr die Bäuerin fort, „die dort bis zum Wasser hingehen, geben dem Thal den Namen: die grüne Länd. Sie gehören alle zum Hof. Und dort der Birkenschach -- die Schafweide -- und die Felder bis hinauf zum Wald und die ganze Waldung, die dorthin liegt -- und hinter ihr sind wieder Wiesen und Felder und Viehweiden und weiter hinauf die Alm -- Alles gehört zum Ländhof. Ich hab’ achtzig Stück Rindvieh und über hundert Schafe, ich hab’ die Pferde und das Kleinvieh -- im Ganzen wie viel -- aufrichtig muß ich’s sagen -- ich weiß es selber nicht. Nachher dort über dem Hof ist die Ueberfuhr über die Seim -- kannst Du den gespannten Strang noch sehen? -- Hast gute Augen. Und wenn Du mit der Plätten hinüberfährst an’s andere Ufer, so bist immer noch auf meinem Grund, Bis über den Bergschlag hin -- Alles gehört zum Ländhof!“
Felix that einen Pfiff; das war ein Zeichen seines großen Staunens.
„Und dort,“ sagte er hierauf, „neben dem Schachen steht noch ein kleines Haus, das wird wohl nimmer dazu gehören.“
„Gehört Alles dazu!“ rief die Bäuerin, „ist aber nicht der Müh’ werth, ist das Ausnahmsstübel für die alten Leut’.“
„So wie in Zollau das Spital?“
„Auf ein Gleiches. Die alten Leut’, das sind die alten Besitzersleut’ vom Hof, welche die Wirthschaft den Jungen übergeben haben. Na, die haben im Häuserl dort ihr Ableben.“
„Nachher kommt die Ländhoferin auch einmal hinein,“ bemerkte der Winzerssohn, um zu beweisen, daß er die Sache begriff.
Darauf schwieg sie eine Weile.
Die Pferde trabten weiter.
Ein paar Bauersleute kamen des Weges und grüßten die Großbäuerin.
„Ja, ist schon recht,“ gab diese als Gegengruß, des Weiteren blickte sie gar nicht seitab.
Die Ländhoferin war überhaupt, je näher sie dem Gehöfte gekommen, desto gemessener, ernsthafter, ja fast herrisch geworden. Der Hirt, der eben die große Heerde vom Felde trieb und gerade noch lustig seine Schalmei geblasen hatte, machte ein mißmuthiges Gesicht, als er Roß und Wagen der heimkehrenden Bäuerin sah.
Felix grüßte ihm freundlich zu, als wollte er sagen: „Ich komm’ zu Euch und wir werden jetzt mitsammen leben und uns schon vertragen; ich bin ein lustiger Bursch!“
Als sie hernach in die Hofgasse einbogen und an der Leinwandbleiche vorüberrasselten, wo an einer Stange Garnsträhne zum Trocknen hingen, kam ein erwachsenes, aber zart gebautes, blasses Mädchen auf den Wagen zu und sagte in bescheidenem Tone: „Grüß’ Gott, Mutter!“
Die Bäuerin zerrte am Rockschoß des Kutschers: „Halten!“ Dann wendete sie sich gegen das anmuthige, helläugige Mädchen und rief: „Was, Du bist schon aus dem Nest, Du dalkete Dirn’! Und laufst um die Zeit auf der Gassen um? Du fragst einen Klenkas danach, was mir der Doctor kostet, wenn Dich wieder Dein Schönheitsfieber überkommt, Du unbesinntes Ding, Du! Und bist schon wieder so wohl und toll, so arbeit’ was! Siehst nicht, daß die Garnsträhne noch auf der Stang’ hängen? Sollen sie verfaulen?“
Tief erröthend und niedergesenkten Hauptes wendete sich das Mädchen und ging den Strähnen zu. Der Wagen rasselte in den Hof.
Da Felix nach solchem Auftritte die Bäuerin fragend angesehen hatte, so murmelte diese: „Ein einfältig Wesen das. Na ja, just, daß man sie nicht fortschaffen will, weil sie das Kind von meinem ersten Mann ist.“
Von meinem ersten Mann -- so rutschte es ihr von der Zunge; war ihr doch, sie sitze eng neben dem zweiten.
Als der Wagen auf dem Standplatze vor dem großen Wohnhause still stand, kamen ein paar Weiber herangerannt, um die Herrin zu bedienen.
Einige Knechte, die abseits am Scheunenthor standen, glotzten nur so herüber und waren baß verwundert über den jungen Menschen, der mit der Bäuerin aus dem Wagen stieg.
Ein alter, einäugiger Kerl war unter ihnen, der knackte mit der Zunge, blinzelte mit dem einen Aeuglein und schnürfelte: „Hab’ ich’s nicht gesagt?! Hab’ ich’s nicht oft gesagt, der Alte dazumal hat die Birn nicht vom Baum brockt, sie ist schon auf der Erden gelegen. Heut’ bringt sie ihren ältesten Sohn; ’leicht hat sie noch etlich im unteren Viertel.“
„Mag wohl sein, das,“ gab ein Anderer bei, „im oberen Viertel ~kann~ sie keinen haben.“
Sie blinzelten gegenseitig, als ob sie sich verstünden.
„Wie viel Röck’ mag sie heut wieder am Leib tragen?“ warf der Einäugige aus, als die Bäuerin mit dem Burschen gegen den Eingang rauschte.
„Mag’s ein Anderer zählen.“
„Ist ein ganz prächtiger Kerl, der Junge. Schau wie fein! Jetzt läßt sie ihm gar den Vortritt in’s Haus.“
„Du, ihr Sohn, der kommt erst nach!“ bemerkte ein Anderer.
Da sahen sie sich vor dem Scheunenthor groß an und darauf murmelte der Einäugige: „Unsere Bäuerin ist gescheidt! -- Das heißt Wein kaufen gehen!“
Es war gut, daß die Glocke zum Abendessen rief, da wurden die losen Mäuler mit Klößen gestopft.
Sie erglüht in Liebespein, Er ist kalt wie Marmelstein.
Und erst das Weibervolk! Das war heute nachgerade verwirrt.
„Für mich und den Herrn das Essen auf’s Zimmer!“ hatte die Bäuerin befohlen.
„Der da,“ sagten sie in der Küche zu einander, „der mit dem geflickten Spenser-Ellbogen soll ein Herr sein? ~Zerrissen~ ist herrisch, geht das Sprichwort, aber geflickt ist bäuerisch.“
„Laß’ Zeit, laß’ Zeit,“ sagte eine Andere, „vielleicht hat er zerrissene Socken.“
„Ihr redet Alle wie nicht gescheidt,“ versetzte eine Dritte, „das muß man schon anders nehmen. Das ist nicht ein Herr, das ist ~der~ Herr! Versteht’s mich?“
Es wurde im Hofe die Suppe versalzen am selbigen Abend -- so sehr war das Küchengesinde in Gedanken.
„Mir hat er gefallen,“ vertraute die Abwaschdirn’ der Köchin und rieb mit aller Macht an dem Milchzuber; -- der Zuber wurde blank, aber das Wort war nicht mehr wegzulöschen.
Mittlerweile saß Felix, der junge Winzer, in der Stube der Bäuerin auf einem Ding, das wie eine gepolsterte Lehnbank war. Er saß sehr unbehaglich, denn das Polster gab keine Ruhe, schwoll auf und sank ein, schnellte hin und schnellte her, so oft sich der Bursche nur ein wenig bewegte.
Die Stube war hübsch ausgetäfelt, hatte einige Schränke mit uralten Verzierungen, mehrere Heiligenbilder und einen großen Spiegel mit vergoldetem Rahmen. Verschiedene andere Gegenstände zierten das geräumige Gemach, auf der Thüre waren die Zeichen der heiligen drei Könige geschrieben, die gar so segensvoll sind und sonderlich in keinem Frauengemache fehlen sollten. Der Bursche hatte noch selten eine so vornehme Wohnung gesehen.
Die Bäuerin commandirte mit der Stubenmagd und Allen, die sie ansichtig wurde, wie ein Wachtmeister herum; that dazwischen gefällige Blicke gegen Felix: ob er’s wohl merke, wer sie ist und wie ihr Alles hier dienet!
Auf dem Tische wurden zwei Kerzen angezündet; aufgetragen Braten mit Salat und Wein.
„Und jetzt troll’ Dich in Dein Nest; morgen heißt’s bei Zeiten auf’s Rübenfeld!“ Das war der letzte Befehl, den die Herrin der Aufwärterin gab.
Rübenfeld statt Weingarten! -- Felix merkte, daß er nicht daheim. War es ihm aber im Weingarten jemals so gut geschehen als hier? Daheim zum Trank nur Apfelmost, den Wein verkaufen die Leute zumeist in’s obere Viertel. Im oberen Viertel wird er getrunken zum Braten. Zum Braten, der gemacht wird aus den Erdäpfeln und Rüben, die man den Schweinen in den Trog schüttet. Es kommt nicht darauf an, wie es der Boden giebt, sondern wie es der Mensch nimmt. -- Das waren jetzt die Gedanken des jungen Winzers.
„So, mein Freund,“ sagte nun die Bäuerin zum Burschen. „So, jetzt pack’ an, da Dein Messer und Gabel. Nur allerweil flink und frisch, das mag ich leiden. Bist jetzt daheim. Aber so wirf doch Deine Joppe weg!“
Ist wahr, dachte sich Felix, wenn sie mir’s schon so gut meint, warum soll ich’s nicht vorwärtsgehen lassen!
Den Braten aß er ohne Salat, für den Durst vermißte er den Obstmost. Die Bäuerin, die an seiner Seite saß, schenkte ihm das Weinglas voll.
„Siehst Du,“ rief sie heiter, „ich selber trink’ aus Deinem Glas, wir wollen recht gut Freund werden!“
~Werden?~ Dachte der Bursche doch, sie ~wären~ es schon; viel dicker läßt sich’s nicht mehr auftragen. Sie machte einen langen Zug -- bewies es gründlich, daß ihr an seiner großen Freundschaft gelegen sei.
Des Weiteren -- sie war ja auch daheim -- lockerte sie die Kleider in etwas und löste ihr Haar, das schön und reich war, und strich mit zarter Hand seine Locken zurück.
„Ihr seid aber recht verschwenderische Leut’ im oberen Viertel,“ bemerkte Felix, „zwei Kerzen auf einmal brennen lassen -- grad’ wie beim Altar.“
„Ist auch wahr,“ rief die Bäuerin und blies ein Licht aus.
Vielleicht war die Stube geheizt -- im oberen Viertel ist das niemals sehr überflüssig -- dem Burschen wurde warm, er knöpfte seine Weste auf, es macht nichts, er hat heute ja ein weißes Hemd am Leibe.