Das Buch der Novellen. Erster Band
Part 2
Die beiden Anderen schlugen dazu mit ihren knochigen Fäusten auf dem Tisch die Trommel.
Der Harfner brach sein Spiel ab und sagte: „Es thut mir doch das Brautpaar leid, daß man ihm eine solche Kriegsmusik macht.“
„Möglicherweise fangt ihnen jetzt der dreißigjährige Krieg an,“ lachte Kilian.
„Hätte ich hier was d’reinzureden,“ versetzte der Harfner und schüttelte seinen grauen Kopf, „so wollte ich sagen: So ein Spaß gehört sich nicht. Wenn man jungen Eheleuten allemal das Schlechte voraussagt, so meinen sie nachher, es muß so sein, und suchen und finden überall Schlechtes. Wie ich vor zweiunddreißig Jahren die Meinige genommen, ist auch Gefahr gewesen, aber ihre Mutter hat frisch gesagt: Ihr mögt thun, was Ihr wollt, Ihr Zwei gehört zusammen; Ihr mögt voneinander fliehen und Euch verfolgen und Leid anthun, es wird vergebens sein, Ihr werdet Euch lieb haben. Ihr werdet auswendig Elend und Kümmerniß haben, Ihr werdet miteinander weinen, aber Ihr werdet glücklich sein. -- So hat sie gesagt, so ist es geworden und so will ich es auch Euch wünschen.“
Dieser Worte wegen schauten sie mit Wohlgefallen auf den alten Harfner; nur der Hans nicht, der lugte durch das kleine Fenster hinaus. Draußen über den finsteren Tannen standen jetzt die Sterne des Himmels; ihretwegen blickte der Mann wohl nicht hinaus. Ob er nicht an das Weib des Jägers Franzinger dachte? Er möchte sie fliehen, verfolgen, möchte ihr Leid anthun und muß doch an sie denken...
Jetzt zog der Hans ein Horn aus der Tasche, ließ daraus Pulver in seine Hand rinnen, that dasselbe in das Rohr seiner wieder aus dem Verstecke geholten Flinte, ließ dann eine Bleikugel hineinrollen und verstopfte das Rohr mit Papier, das er mit dem Ladestock hineinstieß. Dann prüfte er den Hahn und starrte wieder zum Fenster hinaus.
„Jetzt sollt Ihr uns aber auch Eins singen,“ sagte Kilian zum Harfner.
Der Alte schaute besorgt drein und that hernach die Frage: „Nicht wahr, Ihr guten Leute, die Meinige hat eine warme Decke?“
„Den Bärenpelz, der inwendig mit Schafspelz gefüttert ist,“ antwortete der Köhler. „Unter solchen Thierhäuten kann Keiner erfrieren.“
„Dann singe ich gern und sing’ Eins für die liebe Jugend,“ sagte der Alte, griff in die Saiten und begann zu singen:
„Auf dem Bergl steht a Hüttel, Bei dem Hüttel steht a Bam, Und so oft ich dort vorbei geh’ Find ich gar nimmer ham.
In dem Hüttel ist ein Dirndl, Ist frisch wie ein Reh, Und so oft ich das Dirndl anschau, Thut mir’s Herzerl so weh.
Und das Dirndl hat zwei Aeugerln, Wie am Himmel die Stern’, Und je öfter ich hineinschau, Um so mehr hab ich’s gern.
Hab a Freud mit dem Dirndl Ob ich wach oder tram, Denk ich alleweil an’s Dirndl Und’s Hütterl beim Bam --“
Jetzt schrillte die Harfe und war still. Was ist das? Drei Saiten auf einmal gesprungen....
Dem Alten war die Stimme auf den Lippen erstorben. Der Pecher meinte, das hätte was zu bedeuten.
„Der Nässe wegen,“ sagte Kilian, „nasserweise angespannt, dann trocknen sie zusammen und springen. Gießen wir noch zu guterletzt Eins nach!“ Und er füllte das Gläschen des Harfners wieder voll.
Der Baldl, dem eigentlich noch nicht genug getanzt war, versuchte die Saiten zu knüpfen.
„Laß’ es sein,“ sagte der Alte lächelnd, „was hin ist, ist hin.“
Kilian ging zu seinen Kohlstätten, um etwaige Gluthausbrüche zu dämpfen. Der Pecher meinte, für ihn wäre es Zeit, daß er seine Klause aufsuche, sie stand oben am Waldhang, wo morgen Früh wieder die Pechbrennerei angehen sollte.
„Da, Vetter,“ sagte er, „da habt Ihr was für’s Aufspielen,“ und warf für den Musikanten ein Silbergröschlein auf den Tisch hin.
Und der Hans? Der hatte während des Gesanges sein Gewehr unter die Jacke genommen und still und finster die Hütte verlassen.
So wollte sich auch der Sänger anschicken, auf den Dachboden zu seinem Weibe zu gehen.
„Nachher wären wir doch ganz allein,“ sagte das Mädchen besorgt.
„Das macht nichts,“ meinte der Baldl.
„Die Kinder sollen auf dem Stroh liegen,“ befahl hernach der Köhler.
„Nein,“ rief Agnes, „das thu’ ich nicht.“
„Wo willst denn also schlafen?“
„Da gehe ich lieber zur fremden Frau hinauf,“ versetzte sie und war roth im Gesicht.
„Ist auch recht,“ meinte Kilian, „so mag der Herr Musikant beim Baldl auf dem Stroh liegen.“
So geschah es. Der grauhaarige Harfner und der junge braunlockige Meisterknecht legten sich in die Stube auf das Bettstroh und der Baldl sagte: „Ja, Vetter, wir Zwei sind auch noch niemalen beisammen gelegen.“
„Und ~werden~ vielleicht auch niemalen mehr beisammen liegen,“ entgegnete der Alte, „gute Nacht, jetzt!“
Beide rückten manierlich in sich zusammen, Keiner wollte den Andern drücken. Ist es das erste- und letztemal, so soll Keiner über den Andern zu klagen haben. Der Alte schlummerte bald ein; der Baldl dachte: nächst’ Wochen lieg’ ich schon bequemer.
Agnes war über die Leiter in den Dachraum hinaufgeklettert. Kilian arbeitete mit seiner Schaufel an den kohlenden Meilern. Es heißt wachsam sein.
Wenn die Flamme aus der schwarzen Decke des Kohlenmeilers schlägt, so brennt sie dem Köhler in den Geldbeutel hinein. Was lichterloh brennt, das wird zu Asche, was still und im Innern glüht, das ist das Rechte. Es soll ja auch beim Menschen so sein.
Nachdem die Arbeit geschlichtet ist und der weiße Rauch still zu den Wipfeln aufsteigt, stützt sich Kilian auf den Schaufelstiel und schaut vor sich hin. Es ist jetzt Alles so still, selbst das Rauschen des Baches ist feierlich -- dem Mann ist wie zum Einschlafen.
Da geht leise die Thüre der Hütte auf. Eine weiße Gestalt huscht heraus -- Agnes im puren Nachthemdchen.
„O Kind,“ sagte Kilian, „was laufst Du herum in der kalten Nacht?“
„Vater,“ flüsterte das Mädchen, „es ist was geschehen. Ich getraue mich nicht mehr hinein.“
„Er soll Dir Ruh’ geben!“ sagte der Vater strenge.
„Mir nicht,“ schluchzte sie, „mir thut kein Mensch was, aber -- das fremde Weib wird gestorben sein. Es liegt ganz kalt und starr im Bett und ist nicht aufzuwecken.“
Jesus und Maria! denkt sich der Köhler, jetzt ist diese Frau gestorben.
Er eilt mit seiner Tochter auf den Dachboden -- ganz still machen sie es, daß Niemand aufwacht. Dann schlägt er mit Schwamm und Stein Feuer, und bei diesem matten Glimmen sieht er’s, mit seinen zitternden Händen fühlt er’s -- die Harfenspielerin ist todt. --
Jetzt saßen sie lange am Bett, der schwarze Köhler und sein weißes Töchterlein, und beriethen, was zu machen sei.
„Wenn ich an den armen Mann denke, will mir das Herz abspringen,“ sagte das Mädchen.
„Jetzt lassen wir ihn schlafen,“ sagte Kilian, „er mag sich ausruhen und stärken. Wenn er des Morgens wach wird, da müssen wir ihn halt in Gottesnamen vorbereiten. Kannst mir’s glauben, Agnes, ich weiß wie das thut! Lieber einen Finger von meiner Hand, als ihm das sagen! Es ist ein hartes Kreuz!“
Sie hüllten eine Leinwanddecke über den Leichnam, wie es sonst ist, wenn der Mensch schläft. Dann stiegen sie vorsichtig über die Leiter und dann gingen sie hinaus zu den Meilern und arbeiteten. Sie sagten kein Wort und arbeiteten.
Und als allmählich ein kühlerer Lufthauch wehte, und als es nach und nach lebendig wurde in den Bäumen und der Morgenstern aufging, trat der Baldl aus dem Hause, ging zum Bach und wusch sein Gesicht. Und als dieses Gesicht recht frisch und heiter war, ging er hin zu den Arbeitenden und sagte: „Was giebt’s denn da in aller Früh zu thun, daß Ihr den Hahn um den Weckerlohn bringt?“
Agnes eilte zu ihm heran, als wollte sie seinen Mund verhalten: „Sei still, Baldrian, es ist heute Nacht ein Unglück geschehen in unserem Haus. Da oben unter dem Dach liegt eine Leiche.“
„Die Musikantenfrau?“
„Ist gestorben. Geh’ jetzt hinauf auf den Steinkogel, und mach’ ein großes Feuer, damit die Holzleute und die Almer wissen, daß wir einen Todten haben.“
Der Bursche schüttelte den Kopf, als könne er die Sache nicht sobald fassen.
„Ja, mein Sohn, so sterben sie wieder auseinander,“ sagte Kilian. „Geh’ und bete unterwegs Dein Morgengebet.“
Der Baldl ging auf den Steinkogel, wo man über die Wälder hinaussieht in das weite Thal und auf die Berge und Almen. Dort trug er Reiser zusammen, und als die Morgenröthe aufging, brannte auf der Höhe ein großes Feuer.
Die Menschen, die es von ferne sahen, sagten zu einander: „Dort brennt ein Todtenlicht!“ und beteten für die abgeschiedene Seele.
Agnes und ihr Vater arbeiteten noch immer auf der Kohlstätte, da gab es stets zu thun, und wäre das nicht gewesen, so hätten sie sich heute zu thun gemacht. Sie wollten nicht in das Haus gehen, damit der alte Mann nicht in seiner Ruhe gestört werde. „Er soll schlafen, so lange es ihn freut,“ sagte Kilian, „es kommt für ihn ein schwerer Tag.“
Aber als die Sonne aufging, steckte der Harfner sein graues Haupt zum Fenster heraus und rief: „Guten Morgen!“
„Guten Morgen,“ sagte der Köhler.
„Ihr seid schon so fleißig und ich faullenze in den Tag hinein. Aber es ist gut schlafen in Eurem Haus.“
Sie gingen zu ihm in die Stube. Agnes machte auf dem Herd Feuer und kochte das Frühstück. Kilian nahm die Harfe in die Hand und sagte: „Das wird sich schwer machen lassen, drei Saiten auf einmal.“
„Mein Weib hat neue,“ antwortete der Musikant. „Aber das gottlos lange Schlafen von ihr! Sie ist doch recht müde geworden auf dem weiten Weg.“
„Jetzt esset mit uns eine gute warme Suppe,“ sagte Kilian und theilte die Holzlöffel aus.
Der Harfner blickte durch das Fenster und fragte: „Sind das die Hirten, die da oben auf dem Berg das Feuer gemacht haben?“
„Das Feuer habe ich auch schon gesehen,“ meinte der Köhler, „Hirten sind es nicht, es ist ein Todtenfeuer.“
„Ein Todtenfeuer, wie ist denn das?“ fragte der Musikant.
„Wenn in unserem Walde wer stirbt, so zündet man da oben ein großes Feuer an, damit es die Leute wissen. Es geschieht nicht selten; im Wald ist oft ein Unglück; Alte und Junge trifft’s, der Mensch muß d’rauf gefaßt sein.“
So sagte Kilian und jetzt erst bemerkte der Harfner das ernste Gehaben des gestern so fröhlichen Kohlenbrenners und die verweinten Augen des Mädchens.
„Wo ist der junge Mann?“ fragte der Musikant, „der Bräutigam?“
Der wäre eben auf den Berg gestiegen, um das Feuer zu machen, sagten sie.
Der Harfner hatte den Löffel schon in der Hand gehabt, jetzt legte er ihn langsam weg, stand auf und tastete unsicher nach der Thürklinke.
„Wo wollt Ihr hin, Vetter?“ fragte Kilian, aber der Mann stolperte, ohne Antwort zu geben, über die Schwelle, und mit dem Rufe: „Susanna!“ kletterte er hastig die Leiter hinan.
Kilian eilte ihm nach. „Susanna!“ rief der Harfner oben in der finsteren Dachkammer.
„Müßt nicht zu sehr erschrecken, es ist des lieben Gottes Willen so!“ sagte Kilian, nahm den Musiker bei der Hand und führte ihn zur stillen Bettstatt.
Ein Blick in’s starre, fahle Antlitz, dann sank der verwaiste Greis zu Boden.
Wenige Fuß darüber, auf dem sonnigen Dachgiebel jubelten die Schwalben....
* * * * *
O du schöner, frischer, fröhlicher Wald! O du klingender Vogelsang, du duftiges, thauiges Blumenleuchten! Du sonnige Himmelsrunde, du erquickender Schattenschoß mit deinem unendlichen Leben, wie bist du gräßlich! Gräßlich, wenn durch dich der Weg zum Todtengräber führt.
Das ist der Weg, den der alte Harfenspieler wandelte.
Der Todtengräber zu Feichtau saß in seiner dumpfigen Stube und klopfte mit einem Hammer verbogene und verrostete Sargnägel zurecht und nagelte dann damit für seinen Kleinen einen Kinderwagen zusammen.
„Braucht Ihr was?“ fragte er murrend den eintretenden Musiker.
„Ein Grab,“ antwortete dieser, „mir ist mein Weib gestorben.“
„Ist schon recht, werden es wohl machen. Seid Ihr beim Pfarrer gewest? Nicht, dann geht jetzt zu ihm. Ich krieg’ nachher meinen Gulden.“
Der Harfenspieler ging zum Pfarrer, der in seinem Garten mit dem Spaten ein Blumenbeet umstach, und klagte ihm sein schweres Anliegen.
„Sie sind wohl fremd in der hiesigen Gegend?“ fragte der Pfarrer.
„Freilich wohl, Hochwürden, und so wollt’ ich höflich gebeten haben --“
„Es war Euer angetrautes Weib?“
„Mein Gott, ja.“
„Und katholischer Religion?“
„Ja, sonst schon,“ meinte der Alte, „aber wir sind von Preußen in’s Böhmerland eingewandert und sind dem Glauben unserer Eltern treu geblieben.“
„Also protestantisch?“
„Evangelisch, ja.“
„Das ist schlimm,“ sagte der Priester, lehnte seinen Spaten an einen Kirschbaum und ging neben dem Alten her mit verschränkten Armen durch den Garten.
„Das ist sehr hart, lieber Mann,“ versetzte er dann und blieb stehen, „ich als Mensch, das mögt Ihr mir glauben, mache keinen Unterschied; wenn ich Euch dienen kann, ich thue es gern. Aber -- wir in Feichtau haben keinen evangelischen Friedhof, und Personen von nicht katholischer Confession auf dem katholischen Kirchhofe zu beerdigen, ist mir strenge verboten. Eben in dieser Zeit, wo der Kampf zwischen Kirche und Staat wieder heftig entbrannt ist, hat das Consistorium die Satzung verschärft und ich als katholischer Priester muß danach handeln.“
Der alte Mann stand rathlos da. Und fast ebenso rathlos stand der Pfarrer neben ihm.
„Wenn Ihr heute schon vom Edelwald herauskommt,“ sagte jetzt der Priester, „so werdet Ihr einer kleinen Stärkung bedürfen. Ich darf Euch wohl ein Glas Wein vorsetzen?“
„O, vergelt’s Gott!“ rief der Harfner, „wie könnt’ ich trinken, wenn für mein Weib keine Raststatt ist. Weit und breit kein evangelischer Friedhof. Soll ich sie denn im Wald vergraben?“
„Und ~wenn~ es darauf ankäme!“ versetzte der Pfarrer, „die Erde ist überall Gottes. Kann ich zu Eurem Troste kommen und beten? Ich thue es gern.“
Der alte Mann wankte wortlos davon.
Er ging durch das grüne Thal den Wäldern zu, er stieg über den Berg in die Schlucht hinab, wo das Haus des Kilian steht. Und als er dort in die Stube trat, stand er vor einem Heiligthum.
Es war nicht mehr die Zechstube, wie in der vorigen Nacht, wo hier im Tisch das lange Messer stak und auf dem Fußboden die derben Schuhe des jungen Paares reigten -- es war anders. An der vorderen Wand der Stube, von zwei Oellichtlein milde bestrahlt, lag sein Weib aufgebahrt zwischen Waldblumen und wilden Rosen. Zu Haupten stand ein kleines, hölzernes Kreuzbild und ein Weihwassergefäß mit einem Sprengzweiglein. Auf der Brust der Leiche lagen papierne Heiligenbildchen und zwischen den Fingern stak ein Vergißmeinnichtsträußchen und eine Wachskerze. Die Stirne war mit einem grünen Lärchenzweig umwunden. Der Körper war bedeckt mit einem weißen Tuche und zu Füßen der Bahre lehnte die Harfe.
„Susanna,“ sagte der Harfner und legte seine Hände an ihr Haupt, „wie sie es herzensgut mit Dir meinen. Schau herab vom Himmel auf dieses Haus. Sie haben Dich zwischen Rosen gelegt -- schau herab.“
Hinter dem Hause war der Köhler beschäftigt, mit Erlstrauchbändern zwei Stangen zu einer Bahrtrage aneinander zu binden.
Der Harfenspieler fiel ihm um den Hals und weinte.
„Ist recht,“ sagte der Köhler, „weint Euch aus, dann wird Euch leichter.“
„Eurer Gutheit wegen,“ schluchzte der Musikant, „Eure Gutheit schlägt mir so an’s Herz. Aber die Tragbahre, lieber Mann, die haben wir nicht vonnöthen.“
„Den Sarg wird uns der Zimmersepp morgen Früh bringen.“
„Wenn ich bei Kraft wäre, wie ich einstmals bin gewesen,“ sagte der Harfner, „ich wollt’ mein Weib hernehmen wie ein kleines Kind und sie so weit tragen, bis ich einen evangelischen Friedhof fände.“
„Seid Ihr ’leicht evangelische Leut?“ fragte der Köhler.
„Gottswegen, ja, und deswegen kann sie der Pfarrer auf dem Feichtauer Kirchhof nicht begraben.“
Der Kilian stand eine Weile sprachlos da, dann machte er mit der Hand einen Schlag in die Luft und rief: „Das sind Dummheiten! -- Nein, Vetter, laßt Euch das nicht anliegen. In unserm Wald hat Euch das Unglück getroffen, wir Waldleute verlassen Euch nicht. Bleibt jetzt da und hütet mir das Haus. Ich gehe zu meinen Nachbarn, Euer Weib wird mit Ehr’ und Lieb’ bestattet werden.“
Der Harfenspieler ging in die Stube, setzte sich an die Bahre und sah in das blasse, ernste Antlitz seines Weibes. Und er träumte hier bei den Rosen und Todtenlichtern die liebe Lebenszeit, die er mit ihr zugebracht....
Der Köhler ging hinan durch den Wald gegen die Hütte des Pechers, und dann ging er in den hinteren Edelwald zu den Holzarbeitern und ging auf die Alm zu den Wurzelstechern und Hirten.
Auf seiner Rückkehr unterwegs sah er hinter dem Moosstein im Gebüsche einen Mann kauern.
„Wer ist es?“ rief Kilian.
Ein unverständliches Gebrumme. Er erkannte den Hans.
„Was machst Du da, Stromer?“ fragte ihn der Köhler.
„Ich,“ murmelte der Andere, „hin werde ich. Es haben mich die Jäger erschlagen wollen.“
„Und warum haben sie es nicht gethan?“
„Weil ich mich zu früh todt gestellt hab’.“
„Und warum hast Du sie nicht niedergeschossen?“
„Schieß’ nur, schieß’, wenn sie Dir das Brenscheit (Gewehr) stehlen, während Du den Rehbock ausdärmst! -- Fett ist er, denk’ ich, und heut’ hat’s gerathen. Stehen sie Dir auf einmal da, ihrer Drei, und hauen mit dem Griesbeil auf’s Messer, bis es entzweispringt. Mit was wehrst Dich? Kaum daß ich dem Einen noch die Faust in’s Gesicht werfen kann, fangen die andern Zwei schon an, loszudreschen. Ein Schaft ist in Scherben gegangen -- da schau Dir die Trümmer an -- bis sie mich zu Boden gebracht haben. Der Franzinger ist auch dabei gewesen. Halt, denk’ ich mir, für Dich muß ich mich noch aufheben, und hab’ die Zung’ herausgereckt und mich nicht mehr gerührt. Der steht nimmer auf, haben sie gesagt, nachher sind sie fort mit meinem Gewehr und dem Thier. Aber aufsteh’ ich noch! Schau mich an, Kilian, aufsteh’ ich noch, und ehevor ich noch einmal auf den Erdboden fall’, ehevor fällt ein Anderer!“
Der Wilderer war etwas arg zugerichtet. Er bewegte sich mühsam weiter. Der Köhler wollte ihn stützen, aber er schlug es trotzig aus; er brauche keine Krücke.
„So komm’ in mein Haus, wir legen Hasenschmalz auf Deine Wunden.“
Der Verwundete hinkte neben dem Köhler her und knirschte. Plötzlich rauschte es im Gebüsch. „Wildtauben!“ zischelte der Hans, hob einen Stein auf und schleuderte ihn in’s Dickicht. Etliche flogen davon, eine flatterte auf und stürzte wieder zu Boden. Ohne Gewehr hatte der verwundete Wilderer ein Thier erlegt. Dann schlug er sich mit der Beute seitab.
Als der Köhler zurück in sein Haus kam, saß der Harfner noch an der Bahre und sah in das blasse, ernste Antlitz seines Weibes.
Langsam und still verging der Tag. Am Abende, als Agnes vom Walde heimkam, machte sie auf dem Herd ein lebhaftes Feuer, holte aus den Schränken Mehl und Fett und begann zu kochen und zu backen. Und in der Nacht kamen der Pecher und sein Weib im Sonntagsstaate, es kam der Zimmersepp mit dem Sarge und es kamen andere Leute, wilde, narbige Bursche, struppige und gutmüthige Greise, Weiber und Kinder. Jedes kniete, als es in die Stube kam, vor der Bahre nieder und betete still, dann stand es auf und sprengte mit dem Tannenzweige Weihwasser auf den Leib der Todten. Dann blickten sie theilnehmend auf den fremden Mann hin, der im Winkel saß, und Einer oder der Andere suchte ihn mit Worten zu trösten: man müsse es nehmen, wie es Gott schicke, sterben müßten wir Alle einmal, Keiner bleibe übrig, und die Abgestorbene hätte es überstanden, für sie sei es so am besten, sie hätte gewiß nicht viel Gutes gehabt auf dieser Welt. Gott tröste ihre Seele.
Sie wachten die ganze Nacht, und dann kam Agnes und trug Krapfen auf den Tisch, und Kilian, der sich heute allen Ruß vom Leibe gewaschen und in seinen Sonntagsanzug gesteckt hatte, lud die Leute ein, sich an den Tisch zu setzen und zu essen, wie es Gott gesegne.
Sie setzten sich hin und aßen. Der Harfner blieb in seinem Winkel und aß nicht.
Nach dem Mahle gab der Köhler Jedem eine Wachskerze in die Hand. Dann machte er die Thür auf und sie trugen den Sarg herein. Derselbe war aus neu geschnittenen Brettern gezimmert und zu Haupten lagen Hobelspäne als Kopfkissen.
Nun kamen Alle zum Sarge heran und besprengten ihn. Dann hoben drei Männer die Leiche und legten sie hinein. Das geschah, indem Alle schwiegen. Jetzt trat ein Mütterlein zum Harfner und sagte: „Wollt Ihr sie noch einmal anschauen, so kommt. Ihr seht sie dann nicht mehr, bis zum jüngsten Tage.“
Der Greis sank hin über den Sarg. An der Wand schellte die Harfe.
Jetzt erhoben sie ihre Stimme und sangen den Grabgesang:
„Fahr’ hin, o Seel! zu Deinem Gott, Der Dich aus Nichts gestaltet, Zu dem, der Dir durch seinen Tod Den Himmel offen haltet.
Fahr’ hin zu dem, der in der Tauf’ Die Unschuld Dir gegeben; Er nehme Dich barmherzig auf In jenes bess’re Leben.“
Nach diesem Liede legten sie den Deckel auf den Sarg und nagelten ihn fest. Da zitterten die Herzen. Es giebt keinen Schall auf Erden, der das Menschenherz so eigen erschüttert, als der Hammerschlag auf den Sargnagel.
Agnes legte einen Kranz aus Weißdornzweigen auf den Sarg, dann wurde er gehoben. Die Menschen hatten ihre Kerzen angezündet und so trat der Zug nun aus dem Waldhause. Er ging den Weg entlang, der am Waldbache aufwärts führt. Die Bäume säuselten, auf den kahlen Höhen glühte das Morgenroth. Voran, hochgehoben, schwankte der Sarg, hinter demselben ging Kilian, der ein hölzernes Kreuz trug. Dann gingen Agnes und ihr Baldrian, das bräutliche Paar. Dann folgten alle Anderen und beteten laut.
Ganz zuletzt ging der Pecher und an seinem Arm, die Harfe schleppend, der alte Sänger.
So gingen sie aufwärts durch das Gebüsche, zwischen Wildfarrn und Haidekraut. Und sie gingen am Felshange hin und kamen auf eine stille, thauige Wiese; sie gingen über graues, moosiges Gestein, sie gingen über eine klangvolle Höhe und sie gingen durch einen schattigen Tann. Die Sonne war aufgestiegen und spann ihre goldigen Fäden durch den grünen Wald. Da war’s, als zittere in der Luft der Klang eines Glöckleins.
Da sie tiefer in den Hochwald kamen, war kein Sonnenstrahl und die Luft wehte sehr kühl. Vernehmlicher wurde das weiche Klingen des Glöckleins. Und endlich in der Wildniß, durch welche nur ein schmaler Steig über den Berg gegen die Feichtau führt, eingefriedet von Felsen und alten Bäumen, auf einem Anger stand das Kirchlein des heiligen Hubertus. Es war aus Holz gezimmert, roth angestrichen und auf seinem Bretterdache wucherte das Moos. Ueber dem Eingange, aus welchem brennende Lichter des Altars schimmerten, erhob sich ein Thürmchen und aus diesem klang es milde und ruhevoll, als klänge es aus der Ewigkeit herüber.
Aus der Ewigkeit mit einem Gruße an die Menschen auf Erden, und dann wieder in die Ewigkeit verzitternd. -- Am Kirchlein wuchs der Schlehdorn und die Hagebutte und anderes Gesträuche mit rothen und weißen Rosen. Daneben war braunes Erdreich aufgeworfen, und hier war das Grab.
Der Zug stand still und bildete einen weiten Kreis. Die Träger setzten die Bahre ab, lösten den Sarg von den Stangen los und ließen ihn langsam hinabgleiten in die Tiefe.
Und als er hinabrollte, sangen sie den Grabgesang:
„Dein Leib geht jetzt der Erde zu, Woher er ist genommen, Der Seel’ wünscht man die ewige Ruh’ Bei Gott und allen Frommen.
Wann durch des letzten Tages Flamm’ Die Welt zu Grund’ wird gehen, So bitte Gott, daß wir beisamm’ Zu seiner Rechten stehen.“
-- -- Das Lied verscholl, das Glöcklein schwieg. Der Harfenspieler saß in tiefer Traurigkeit auf dem Erdhügel.
Die Kerzen loschen aus und nur die blauen Bändchen des Rauches an den Dochten wehten hin wie Trauerfahnen. Die Erde rollte auf den Sarg; Kilian nahm den armen Witwer an der Hand und sagte: „Nun wißt Ihr, wo sie ruhen wird. Ihr werdet mit Eurem Saitenspiel wieder zu frohen Menschen gehen, Gott giebt Euch auch selber noch manchen heiteren Tag. So will ich Eins sagen: So lange Einer von Allen, die heute beisammen sind, im Edelwald lebt, wird dieses Grab in Ehren gehalten werden. Hier auf den Hügel pflanze ich dieses Kreuz. Der liebe Herr Jesus sei mit ihr und mit Euch und mit uns Allen.“