Das Buch der Novellen. Erster Band
Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1906 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts dadurch nicht beeinträchtigt wird. Passagen in Dialekt wurden ohne Korrektur übernommen.
Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) wurden im vorliegenden Buch in deren Umschreibung (Ae, Oe, Ue) dargestellt, mit Ausnahme der Buchwerbung am Ende des Bandes. Das Inhaltsverzeichnis wurde der Übersichtlichkeit halber vom Bearbeiter an den Anfang des Buches versetzt.
Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
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Das Buch der Novellen.
Von
Peter Rosegger.
Erster Band.
Einundzwanzigste Auflage.
Leipzig. Verlag von L. Staackmann. 1906.
Alle Rechte vorbehalten.
Druck von C. Grumbach in Leipzig.
Inhalt des ersten Bandes.
Seite
Die Harfenspieler 3
Felix der Begehrte 36
Das Haus auf der Höhe 109
Der Geldfeind 142
Das Holzknechthaus 216
Das Reich Gottes 242
Das Felsenbildniß 308
Das Viktel 328
Das Leben siegt 364
Die Harfenspieler.
Die Gegend ist fremd, der Wald ist finster und abendlich, die Wege verrinnen in den Schluchten, an den Hängen, in den Dickichten -- und wir haben keine Zuflucht. Ueber den Almen und Felswänden hängen die Wolken, die schweren, hochsommerlichen Wolken. Die Bäume wagen sich nicht zu rühren, denn in ihren Zweigen schlafen die Vögel.
In den Tiefen rauscht der Waldbach; -- wenn in den Tiefen so sehr der Waldbach rauscht, sagen die Leute, dann kommt ein Sturm.
Wir wollten hinüber zum Kirchlein des heiligen Hubertus, das im Walde steht und den Waldleuten am Tage des Herrn als Versammlungsort dient. Nun ist keine Zeit dazu. Laßt jetzt auch das Suchen nach Himbeeren und Alpenrosen -- es fallen schon die schweren, eiskalten Tropfen.
Ein mattes, plötzliches Hinleuchten zwischen den Stämmen -- da beginnt es hoch oben zu rollen, rauh und schwer, wie das Aufathmen des Himmels, dem der Alp auf der Brust sitzt. Jetzt werden die Bäume wach. Sie schlagen mit den Aesten um sich, das Gevögel schreckt auf. Der Wald rauscht, hoch in den Wänden tost der Widerhall -- über den Wipfeln kreist der Habicht, der bringt den Sturm.
An uns Eilenden huscht ein Mann vorüber, eine schwarze, verwilderte Gestalt mit einer Flinte. Plötzlich steht er wie gebannt, lauert, kauert sich zu Boden und richtet den Lauf des Gewehres in die Luft. Wie von seinem glühenden Auge entzündet, kracht der Schuß -- aus den Lüften nieder stürzt der Habicht. Das Thier fällt an den Bäumen langsam von Ast zu Ast herab und bleibt endlich hängen über dem Haupte des Schützen. -- Am Felshange fliegen die Wolken herab. Der Mann klettert auf den Baum wie eine Wildkatze, faßt mit den Zähnen den todten Vogel, springt zur Erde und eilt durch Wald und Wettersturm der Hütte zu.
Die Hütte steht zwischen uralten Fichten; vor derselben sind rauchende Kohlenmeiler, der Bretterbarren und der Ziegenstall; hinter ihr der brausende Bach.
Und aus dieser finsteren Hütte schimmert zu den kleinen Fenstern Licht heraus in die große, wilde Welt. Die Thüre ist verschlossen, der Mann rüttelt: „Kilian! Mach’ auf, die Räuber und Mörder sind da!“
„Erschreck’ Du einen Andern,“ sagt hierauf eine Stimme von innen, „ich kenne Dich wohl, Du bist der Hans.“
„Und darf der Hans in dieser Nacht bei Dir sein?“ fragte der Ankömmling. Die Thüre ging auf, der Kohlenbrenner stand da und sagte: „Bist gern gesehen.“
„Sollst es nicht umsonst thun, ich geb’ Dir ein paar Pfeifen Tabak.“
„Die paar Pfeifen Tabak nehme ich,“ sagte der Kilian, „aber für das Dableiben wirst nichts schuldig. In so einer ungestürmen Nacht ist’s kurzweiliger, wenn Zwei sind. Die Brautleut’ sind nach Feichtau gegangen und noch gar nicht daheim, die stecken sich bei dem Gewitter heilig unter einen Tannenbusch.“
Der Köhler, der das sagte, war eine große, derbe Gestalt, deren Gesichtszüge unter dem dichten Kohlenruß kaum zu erkennen waren. Seine Augen schauten offen und sanft. Er stak in einem weiten Lodenkittel, die Schenkel umspannte eine verschlissene und versengte Lederhose, vom Knie abwärts waren die Füße nackt bis auf die Holzschuhe. Er warf Aeste und Kohlen in sein prasselndes Herdfeuer, welches den vorderen Raum der Hütte durch den Rauch mit flackerndem Roth erhellte. Zu Fuß des Herdes war ein beweglicher Holzbalken, und so oft der Mann auf denselben trat, sprühte und lohte das Feuer in heftiger, blauer Flamme auf. An der berußten Holzwand hingen unter Haus- und Küchengeräthen große Hämmer, Zangen und Hacken, und neben dem Herde stand ein kleiner Amboß.
Der Köhler ist hier auch Schmied. Er schmiedet den Holzleuten im Edelwalde ihre Aexte, Beile, schärfte ihre Steigeisen und Sägen -- er ist der Geschicktesten, Fleißigsten und Wichtigsten einer im Walde. Auch ist ihm was dafür geworden.
Hinter seiner Werkstatt und Küche -- das ist Eins -- hat er eine recht geräumige Stube, da drin steht ein halb Dutzend Lehnstühle um einen langen Tisch herum. An der Wand sind Reh- und Hirschgeweihe, von denen des Köhlers Töchterlein seiner Tage meinte, sie wären aus dem Holze herausgewachsen. In der Tischecke ist das übliche Heiligthum -- ein rauhgeschnitztes und hellbemaltes Muttergottesbild. Darüber ist allweg ein Kranz von Tannenzweigen oder Preißelbeersträuchern gewunden, im Frühjahre auch von Eriken, im Sommer von Farrnkräutern und Alpenrosen, im Herbst aus Enzianen und Edelweiß -- im Winter schmiegt sich ein kunstvolles Gewebe von farbigen Moosen um des Hauses Heiligthum.
In dieser Stube treibt Kilian ein drittes Gewerbe. Dort im rauchgeschwärzten, aber reichgeschnitzten Kasten -- der ist aus alten Tagen, heute schnitzt man weder in den Städten, geschweige im Walde so kunstreiche Möbel -- stehen große volle Flaschen und ringsumher, wie durstige Zicklein um die Mutter, kleine Trinkgläschen.
Agnes, des Köhlers Töchterlein, ist in den Herbsttagen durch Gehege und Geschläge gegangen, hat Vogelbeeren und andere Beeren und Steinobst und Gewurzel gesammelt, und der Vater hat neben den Meilern einen kleinen Ofen gebaut, einen Thonkessel mit langem Rohre darüber eingemauert und in diesen Kessel die Waldfrüchte gethan, hat Alles fest verklebt und verschlossen, darunter Feuer gemacht, vor das Rohr eine Flasche gestellt und gerufen: „Jetzt, wenn ein guter Geist drinnen ist, so komme er heraus, ich beschwöre ihn!“ --
Also ein Geisterbeschwörer? Nein, ein Branntweinbrenner. Aus dem langen Rohre begann es vorerst zu dunsten, dann zu tropfen und endlich floß ein helles Brünnlein in die Flasche. Das war Kilian’s drittes Gewerbe.
Und wenn dann die Holzer, die Pecher, die Hirten, die Wurzner und Kräuterer, die Jäger und auch die Wilderer kamen, so setzten sie sich an den Tisch und redeten von Dem und Dem, was da im Walde war und nicht sein sollte, oder nicht war und sein könnte, oder auch was recht war, daß es war, oder recht war, daß es nicht war. Kam dann allemal der Kilian herbei und fragte: „Mögt’s Einen?“ Und sie darauf: „Gieb her Einen.“
Dann schlugen sie für das funkelnde Gläschen auf den Tisch die Münze hin, so fest, als wollten sie dieselbe vor dem Weggehen noch in Holz abprägen. Und das Wirthsgeschäft war Kilian’s viertes Gewerbe.
In der Köhlerhütte, Schmiede, Branntweinbrennerei und Schenke ging’s denn auch immer recht lebhaft zu. Da saßen sie stundenlang, nächte-, ja oft tagelang zusammen, die rauhen wildbärtigen Wäldler; jeder hatte sein Griesbeil neben sich lehnen und in der rechten Hosentasche ein langes, blitzendes Messer stecken. Manchem davon wäre auf entlegenem Waldweg nicht gut begegnen, sagen die Jäger. Der rechte Waldmensch mag unter allen Raubthieren den Jäger am wenigsten leiden. Der schießt ihnen den Braten vor der Nase weg und läßt, wenn er kann, die so Benachtheilten noch einsperren. Der Wäldler beichtet und betet, arbeitet und fastet, ist ein guter Kerl, aber dem Jäger trotzt er bis auf’s Messer. Gegenseitig mögen sie sich aus purem Jähzorn erschlagen, aber den Jäger morden sie mit Vorsatz. Wildschützen sind sie, und ginge es um Erd’ und Himmel.
Jetzt, da Kilian den Hans in die Stube führte, war sie leer. Der Köhler nahm dem Gast die Flinte ab und verbarg sie unter einer Diele des Fußbodens.
„Magst Einen, Hans?“
„Hast einen rechten Beißer, so gieb ihn her.“
Der Köhler steckte einen brennenden Span in den dazu bereiteten Wandhaken, brachte Schnaps und sagte: „Ich glaube schier, Du hast Dir heute keinen verdient.“
„Wesweg meinst das?“ fragte der Andere.
„Weil Du nichts, als wie den Wettergeier bei Dir hast.“
„Glaubst Du,“ sagte der Hans, „man fängt die Rehböcke und Gemsen so unter den Steinen heraus, als wie die Regenwürmer? Ei ja, wenn diese kreuzverfluchten Jäger nicht wären! Aber heut’ sind sie Dir wieder den ganzen Tag im Wald herumgestreift wie räudige Füchse. Und wenn Einer einmal sechzehn Jahr’ im Kotter sitzt, wie ich, nachher fährt er nicht mehr so hitzig drein. Probir’s nur selber. Wär’ Dir heute recht gut zu Schuß gekommen. Steht so etlich sechzig Schritt vor mir ein Vierzehnender, ein sakrisch Thier! Ich mich gleich hinter den Busch niederlassen und zur Wange fahren, ist das Erste. Paff! schnalzt es auf der anderen Seite und der Bock stürzt hin. Vermaledeit! denk’ ich -- grad daß ich nicht geflucht hab’ -- muß ein Jäger da sein. Sehe ich auch schon den Franzinger, wie er dem Thiere zuläuft. Jetzt, Franzinger, jetzt kommst mir zurecht, denk’ ich, jetzt zahl’ ich, daß Du mich in den Arrest hast geschickt! -- und leg’ den Finger an den Hahn. Weiß der Teufel, wie mir gäh sein Kathel einfällt und die Kinder, zittert mir der Finger am Hahn. -- Kathel, denk ich, Dich hab ich einmal gern gehabt, und ist Dir auch der flott’ Jägerbursch’ lieber gewest wie der arme Hans, ich trag Dir’s nicht nach, ich hab Dich einmal gern gehabt. -- Und schieße nicht. Bin durch den Anwachs gefahren, als hätte ich das wilde G’jaid hinter mir. Was schieß’ ich heut’, daß mir die Kugel im Rohr nicht faul wird? Da seh’ ich den Geier und brenn’ ihn herab. Sollt’ eigentlich der Franzinger sein. Magst ihn haben, Kilian, nagle ihn auf Deine Hauswand, wenn Du willst, nur die paar Federn behalte ich mir, und noch was.“
„Ein sauberer Vogel,“ meinte der Köhler und wendete das Thier über und über, „ich mag ihn schon; mein Hühnervolk wird sich freuen, wenn es den Geier einmal auf die Wand genagelt sieht. Dank Dir Gott, Hans.“
Als der Köhler hinaus zu den Meilern nachsehen ging und der Hans allein in der Stube war, zog er sein Messer aus der Tasche, stach dem Habicht die Augen aus und verzehrte sie.
„Hast auch den Glauben,“ sagte später Kilian, „daß gegessene Geieraugen dem Schützen einen recht scharfen Blick machen?“
„Ich habe gar keinen Glauben,“ versetzte der Hans, „ich weiß es; Geieraugen sind allemal ein sicheres Mittel für so was, aber gut müssen sie sein.“ Er führte die Sache nicht weiter aus, er warf den Vogel unter die Bank; dann zündete er die Pfeife an, ließ sie aber wieder ausgehen. Er starrt finster auf den Tisch. Die Spanflamme schüttelte sich hin und her, als sei sie nicht recht einverstanden mit dem, was der Wilderer denkt.
Draußen braust der Wettersturm. Man hört die Bäume rauschen und die Wipfel krachen -- die Wände des Hauses ächzen; der Bach rauscht und bei dem Leuchten der Blitze sieht man sein wachsendes Fluthen und Anprallen an die Steine und Ueberquellen aus dem Ufer. Die Donnerschläge mögen bald verhallen, die Regen versiegen, die Wetter vergehen -- als Herr bleibt der Wildbach. Wer hat dem Köhler erlaubt, hier seine Hütte aufzustellen? Fort damit! Eine Felswand nimmt sich noch der armen Köhlerei an; der Rasende zerschellt an ihr und schäumt wüthend dahin, hier einen Baumstrunk, dort ein Stück Erde mit sich reißend.
„Der Mensch wird rauschig, wenn er zu viel Branntwein trinkt, der Bach, wenn er zu viel Regen trinkt,“ sagt der Kilian. Er weiß es, morgen ist das Bächlein wieder klar und klein und hilft ihm die Kohlen löschen und den Schnaps kühlen und leugnet Alles, was es heute gethan.
Der Kienspan verlosch, aber im Herzen des Hans brannte es fort.
Draußen wurden mehrere Stimmen vernehmbar. Der Kilian ging, um zu sehen, und rief: „Seid Ihr endlich da, Ihr verdankten Leut’ Ihr! Gott Lob und Dank, daß Ihr da seid.“
Ein junges, heiteres, erwachsenes Mädchen und ein eben solcher Bursche kamen in triefenden Wettermänteln hereingestolpert.
„Na, heut’ wohl, Agnes!“ rief der Kilian, „heut’ hat’s Dir den Brautkranz wohl aufgefrischt. Was hab’ ich denn gesagt zu Mittag? Hab’ ich nicht gesagt, es kommt was? Es sind die Gelsen so in’s Feuer geflogen. Jetzt macht Euch zurecht, Ihr Lotterer Ihr! Die Dirn’ weiß Bescheid; und Du, Baldl, häng’ da Deinen Wettermantel über den Herd; wie Deine Haut trocken wird, sieh’ selber zu.“
„Aber nein,“ rief das Mädchen, „aber so was, da ich bin ganz zusammengeschlagen vor Schreck!“
„Was hast denn Du wieder für einen Schreck gehabt?“ fragte der Vater.
„Geistern thut’s schon wieder oben bei der Huberts-Kapelle. Daß ich Euch nur sag’! ’s ist die Nacht und der Regen da, wie wir vorbeigehen. Stehen wir unter’s Dach, sagt der Baldl. Ist mir nicht lieb, sage ich, bei der Kapelle thut’s gern einschlagen. Hat der Uebermuth d’rauf noch gesagt, ein bissel Feuer wär ihm lieber, wie so viel Wasser -- so eine Sündhaftigkeit sagen! Und wie wir unter das Dach springen wollen, sag’ ich: bleib’ stehen, Baldl! Hab’ ich so ein Summen und Klingen gehört in der Kapelle, gerade wie wenn von weitem Posaunen thäten blasen. Hab’ den Baldl zu mir gerissen und sind durch’s Wetter herabgefahren wie nicht gescheidt. Und jetzt verspür’ ich erst den Schreck.“
„Ihr seid’s zwei Kinder und wollt’s schon heiraten,“ sagte der Köhler, „wo habt Ihr aber den Pechhacker gelassen?“
„Der ist zu seinem Mardereisen nachschauen gegangen, muß bald da sein.“
Die zwei Leutchen, die hier so naß geworden waren, hatten heute einen sehr schönen Feiertag gehabt. Sie waren in Begleitung des Pechhackers drüben in der Feichtau beim Pfarrer gewesen. Der Baldl ist unter den Holzleuten im Edelwald der Meisterknecht oder Vorarbeiter. Er ist im Holz geboren und kennt sich in demselben aus, wie ein Borkenkäfer. Wie er Vorarbeiter wird, fällt’s ihm auf einmal ein, er will auch eine Vorarbeiterin haben, und geht in die Köhlerhütte und schürt Kohlen, und geht in die Schmiede und schmiedet das Eisen, so lange es warm ist. Da ist lange hin und her geredet worden, haben etliche Gläschen Branntwein dabei getrunken und der alte Pechhacker, des Kilian Gevatter, hat bei diesem Reden und Rathen vor lauter Sinnen und Grübeln ein neues Pfeifenrohr zerbissen.
Endlich ist Alles richtig worden; in einer Woche ist der Ehrentag in der Feichtau beim Wirth, da, verhoff’ ich, wird der Gevatter wieder zu einem neuen Pfeifenrohr kommen.
In der Luft war es endlich wieder still geworden, nur von den Bäumen rieselte es nieder. Die Meiler draußen, die waren nach dem Regen schwarz, wie vor demselben. Nur der aufsteigende Rauch ist jetzt in der Nacht schier weißer als sonst.
Endlich kam der Pecher heim. Aber er kam nicht allein, hinter ihm humpelten ein Mann und ein Weib in fast fremdartiger Kleidung; mit den seltsamen Päcken, die sie mit sich schleppten, stießen sie an die Thürpfosten, daß es klirrte.
„Holla ho, Hochzeitsleut’!“ rief der lange, hagere Pechhacker, „lustig sein, ich bring’ die Musikanten mit!“ Damit warf er einen breiten Filzhut auf die Bank, daß es spritzte.
„Was hast denn Du für zwei Fledermäuse bei Dir?“ fragte ihn der Hans, auf die abenteuerlich aussehenden Fremden deutend.
„Die hab ich’ da oben in der Kapelle aufgestöbert -- über und über naß, unter und unter schier erfroren. Haben im Gebirg’ den Weg verloren, sagen sie, und in der Kapelle übernachten wollen. Das geht nicht, hab’ ich gesagt, ich hab’ ein großes Vertrau zu dem heiligen Hubertus, aber ich glaub’, bei Menschenkindern thut Euch diese Nacht besser. Es geht ein eiskalter Wind, weil es auf der Scharnhöh’ gehagelt hat, und das Weibel, sag’ ich, schaut ohnehin schier einer kranken Henn’ gleich. Der Kilian da unten, sag’ ich, nimmt Euch über die Nacht schon in sein Haus und kocht Euch eine warme Suppe -- wird keine Schwierigkeit setzen.“
„Eine warme Suppe können sie schon haben,“ meinte der Kilian, „aber mit der Liegerstatt wird’s heut’ schlecht ausschauen.“
„Nein, nein,“ murmelte jetzt der Mann in fremder Kleidung -- er war betagt und hatte eine heisere Stimme -- „für mich ist Alles gut, auch auf dem Fußboden da schlaf’ ich; aber die Meinige da, die ist mir krank worden, für sie thät ich wohl um ein warmes Nestlein bitten, wenn es sein könnte.“
„Wohl um Gotteswillen!“ flehte das Weib und faltete ihre bebenden Hände.
Das war schon durch und durch ein nasser Abend, auch in den schönen veilchenblauen Augen der Agnes gab’s jetzt Wasser. „Das ist ja leicht,“ sagte hierauf das Mädchen, „die Frau schlaft oben auf dem Dachboden in meinem Bett, und den Bärenpelz drauf; dafür bleibt der Mann bei uns in der Stube und zieht dem Ding da die Pfaid ab.“
Sie hatte bemerkt, daß der Alte in seinem Sack eine Harfe stecken hatte. Der Baldl sah seinen Vortheil und unterstützte den Antrag des Mädchens. Und so wurde es. Das fröstelnde Weib trank aus der hölzernen Schale warme Ziegenmilch, dann barg es mit Sorgfalt sein Instrument, es war eine zweite Harfe, in die Ecke, sagte Allen eine gute Nacht, ließ sich auf den finsteren Dachboden führen und legte sich in’s Bett unter den Bärenpelz. Der Alte hatte seinem Weibe noch nachgeschaut und dann gesagt: „Was ich froh bin, daß sie zum Schlafen kommt; ich thue, was Ihr wollt.“
Für’s Erste wollten sie, daß er sich in ein trockenes Gewand stecke, dann, daß er ein Glas Branntwein trinke. Dann zündeten sie einen frischen Span an und setzten sich um den Tisch.
„Na, Hans, was ist’s mit Dir?“ polterte plötzlich der Pecher den finsteren Gesellen an, der wortkarg in seiner Ecke kauerte, „was meinst, wann erwürgen wir den Franzinger? Mir hat der Scherg’ das Mardereisen ausgehoben. Will er Einem auch das Raubthierfangen nicht mehr vergunnen. Der giebt nicht Ruh, so lang’ er nicht die Bohne im Leib hat.“
Der Hans ließ unter der tief in die Stirne gedrückten Hutkrempe hervor einen Blick schießen. „Ja,“ murmelte er, „’s ist Einem verteufelt langweilig am Abend, wenn man nichts geschossen hat.“
Mittlerweile war Agnes in Unterhandlung mit dem fremden Mann -- der Harfe wegen. Es war ihr so wunderlich in den Füßen, just als hätte sie auf jeder Zehe ein loses Rädchen. Und kaum legte der Mann die Finger an die Saiten, haschte Agnes nach ihrem Baldl. Aber -- die Saiten wollten nicht klingen. Der Regen hatte sie heiser gemacht.
„Sie werden schon trocken, derweil trink’ Branntwein,“ sagte Kilian zum Fremden, „mit Verlaub zu fragen, von wo seid Ihr denn her?“
„Wo wir hin wollen, meint Ihr,“ versetzte der Mann, „wir sind alt, wir kommen aus der Fremde und gehen der Heimat zu. Im Böhmerland sind wir daheim, nach dort sind wir jungerweise aus Preußen eingewandert. Jetzt ziehen wir schon über vier Jahr’ in der Welt herum und musiciren den Leuten was vor, weil uns von Heim der Jammer vertrieben hat. Wo es lustig zugeht, da bleiben wir; wollen sie tanzen, so spielen wir; wollen sie hören, so singen wir -- die Meinige hat eine gute Stimme gehabt, letzt’ Zeit freilich, da ist ihr der Stimmstock umgefallen. Jetzt geht’s nicht mehr recht, und wenn wir singen, so geben uns die Leute Geld, daß wir aufhören sollten. Ist auch recht, sag’ ich, so brauchen wir keine Saiten zu stimmen; aber der Meinigen hat’s das Herz abdrücken wollen -- das Singen ist ihr noch der Trost gewesen, seit der Junge todt ist.“
„Trinkt wacker,“ sagte der Köhler, „ich füll’ nach. Ihr müßt auch harte Sach’ durchgemacht haben.“
„Ja, das glaube ich!“ lachte der Musikant überlaut auf.
Dann schwieg er. Dem Kilian that’s leid, daß die Erzählung des Mannes verstummen wollte, er sagte denn nach einer Weile: „Böhmen soll ja ein schönes Land sein.“
„Ein schönes Land,“ antwortete der Fremde.
„Was giebt’s denn Neues dort?“ fragte der Köhler äußerst ungeschickt.
„Ich bin schon lang’ nicht mehr dort gewest. Dazumal hat’s Neues genug gegeben. Sind unsere Landsleut, die Preußen gekommen, haben uns das Haus niedergebrannt und unsern Sohn todtgeschossen. D’rauf sind wir fort. Gehen wir vor den deutschen Leuten nicht mehr sicher, sag’ ich zu der Meinigen, so müssen wir halt in’s fremde Land! und sind über das Gebirge in’s Wellische hinein.“
„Jetzt soll ja schon lang’ wieder Alles gut sein,“ sagte der Köhler.
„Das haben wir auch gehört und so reisen wir wieder heimwärts.“
„Und was hört man sonst Neues?“ fragte nun der Pecher und stopfte sich aus einem Blasenbeutel Tabak in die Pfeife.
„Die Franzosen sollen wieder anrücken,“ sagte der Harfner.
Ueber dieses Wort richteten Alle ihre Köpfe auf; auch der finstere Hans den seinen.
„Die Franzosen wieder anrücken?“ meinte der Köhler, „das ist ’leicht doch eine Lug, Vetter!“
„Wird hübsch wahr sein, der Napoleon will uns wieder haben.“
Jetzt hörte man nichts, als den Wildbach draußen. Plötzlich aber schlug der Pecher mit seiner knochigen Faust auf den Tisch, daß die Gläser emporsprangen. „Sakra,“ fluchte er, „wenn sie wieder kommen, so setzt’s was! Sie sind schon dagewest und unsere Vatersleut haben sich treten lassen, daß es schon ganz hündisch ist gewest. Aber wir raiten anders, wir! Mit Hacken und Messern fahren wir drein und klieben ihnen die Schädel auseinand. Edelwaldleut, wir sind keine Hundsfötter, wir sind freie Leut. Kreuzsakerment!“
Der Mann war aufgesprungen und hatte sein langes Messer mit einem schweren Fluch in den Tisch gestoßen.
„Was hat er denn,“ fragte der Baldl.
„Er wird allemal so wild, wenn von den Franzosen die Rede ist,“ sagte Kilian, „sie haben seinen Großvater erwürgt.“
„So haben sie ihn erwürgt in des Teufelsnamen!“ rief der Pecher, „sie sind Feinde gewest. Aber daß sich hernach mein Vater von ihnen zu einem Knecht hat brauchen lassen, zu einem Spion und Schurken, das verzeih’ ich ihnen nimmer, und wenn’s mir den Himmel kostet!“
So redeten und schrien sie hin und her, es war ja zur Zeit des deutsch-französischen Krieges, wo auch die Waldleute tief im Gebirge aufgeschreckt worden sind, wo sie alles Weh, das sie vier Jahre früher erfahren, vergessen hatten und nur vom Franzosen-Erschlagen die Rede war. -- Zur solchen Zeit that eine gemüthliche Musik wohl. Und in diesem Augenblick, da die verwilderten Gemüther entbrannten zum Vergelten und Schlachten, legte der alte Harfner seine Finger in die Saiten....
Sie klangen noch ein wenig trüb, aber sie klangen und spielten ein fröhlich Lied. Agnes legte den Arm um den jungen Bräutigam -- es begann der Reigen.
Und als das Paar anmuthsvoll und geschmeidig durch die Stube walzte, da pfiff Kilian die lustige Weise mit und schnalzte mit den Fingern den Takt dazu und trillerte in seiner bäuerlichen Art:
Wan ma zithernschlogn, So schlogn ma stoansteirisch[1], Wan ma steirisch tonzn, Tonzn ma stoansteirisch, Thoan ah stoansteirisch kegelscheibn.
Wan ma Dirndl liabn, So liabn ma stoansteirisch, Will der Feind in’s Lond, So zoagn ma’s stoansteirisch, Daß ma stoansteirisch wölln bleibn!
[1] Stoansteirisch = ursteirisch.