Das Buch der Bilder

Part 3

Chapter 33,983 wordsPublic domain

Die alten Eltern brachen in den Äckern an Steinen ab und an den wilden Wuchs; da kam der Sohn, ganz groß, von seinen Weckern und zwang die Furchen in die Furcht des Pflugs. Er hob die Stämme, die wie Streiter standen, und lachte ihres wankenden Gewichts, und aufgestört wie schwarze Schlangen wanden die Wurzeln, welche nur das Dunkel kannten, sich in dem breiten Griff des Lichts.

Es stärkte sich im frühen Tau die Mähre, in deren Adern Kraft und Adel schlief; sie reifte unter ihres Reiters Schwere, ihr Wiehern war wie eine Stimme tief,-- und beide fühlten, wie das Ungefähre sie mit verheißenden Gefahren rief.

Und reiten, reiten ... vielleicht tausend Jahre. Wer zählt die Zeit, wenn einmal einer will. (Vielleicht saß er auch tausend Jahre still.) Das Wirkliche ist wie das Wunderbare: es mißt die Welt mit eigenmächtigen Maßen; Jahrtausende sind ihm zu jung.

Weit schreiten werden, welche lange saßen in ihrer tiefen Dämmerung.

II

Noch drohen große Vögel allenthalben, und Drachen glühn und hüten überall der Wälder Wunder und der Schluchten Fall; und Knaben wachsen an, und Männer salben sich zu dem Kampfe mit der Nachtigall,

die oben in den Kronen von neun Eichen sich lagert wie ein tausendfaches Tier, und abends geht ein Schreien ohnegleichen, ein schreiendes Bis-an-das-Ende-reichen, und geht die ganze Nacht lang aus von ihr;

die Frühlingsnacht, die schrecklicher als alles und schwerer war und banger zu bestehn: ringsum kein Zeichen eines Überfalles und dennoch alles voller Übergehn, hinwerfend sich und Stück für Stück sich gebend, ja jenes Etwas, welches um sich griff, anrufend noch, am ganzen Leibe bebend und darin untergehend wie ein Schiff.

Das waren Überstarke, die da blieben, von diesem Riesigen nicht aufgerieben, das aus den Kehlen wie aus Kratern brach; sie dauerten, und alternd nach und nach begriffen sie die Bangnis der Aprile, und ihre ruhigen Hände hielten viele

und führten sie durch Furcht und Ungemach zu Tagen, da sie froher und gesünder die Mauern bauten um die Städtegründer, die über allem gut und kundig saßen.

Und schließlich kamen auf den ersten Straßen aus Höhlen und verhaßten Hinterhalten die Tiere, die für unerbittlich galten. Sie stiegen still aus ihren Übermaßen (beschämte und veraltete Gewalten) und legten sich gehorsam vor die Alten.

III

Seine Diener füttern mit mehr und mehr ein Rudel von jenen wilden Gerüchten, die auch noch Er sind, alles noch Er.

Seine Günstlinge flüchten vor ihm her.

Und seine Frauen flüstern und stiften Bünde. Und er hört sie ganz innen in ihren Gemächern mit Dienerinnen, die sich scheu umsehn, sprechen von Giften.

Alle Wände sind hohl von Schränken und Fächern, Mörder ducken unter den Dächern und spielen Mönche mit viel Geschick.

Und er hat nichts als einen Blick dann und wann; als den leisen Schritt auf den Treppen, die kreisen; nichts als das Eisen an seinem Stock.

Nichts als den dürftigen Büßerrock (durch den die Kälte aus den Fliesen an ihm hinaufkriecht wie mit Krallen), nichts, was er zu rufen Wagt, nichts als die Angst vor allen diesen, nichts als die tägliche Angst vor allen, die ihn jagt durch diese gejagten

Gesichter an dunklen, ungefragten, vielleicht schuldigen Händen entlang. Manchmal packt er einen im Gang grade noch an des Mantels Falten, und er zerrt ihn zornig her; aber im Fenster weiß er nicht mehr: Wer ist Haltender? Wer ist gehalten? Wer bin ich und wer ist der?

IV

Es ist die Stunde, da das Reich sich eitel in seines Glanzes vielen Spiegeln sieht.

Der blasse Zar, des Stammes letztes Glied, träumt auf dem Thron, davor das Fest geschieht, und leise zittert sein beschämter Scheitel und seine Hand, die vor den Purpurlehnen mit einem unbestimmten Sehnen ins wirre Ungewisse flieht.

Und um sein Schweigen neigen sich Bojaren in blanken Panzern und in Pantherfellen, wie viele fremde fürstliche Gefahren, die ihn mit stummer Ungeduld umstellen. Tief in den Saal schlägt ihre Ehrfurcht Wellen.

Und sie gedenken eines andern Zaren, der oft mit Worten, die aus Wahnsinn waren, ihnen die Stirnen an die Steine stieß. Und denken also weiter: jener ließ nicht so viel Raum, wenn er zu Throne saß, auf dem verwelkten Samt des Kissens leer.

Er war der Dinge dunkles Maß, und die Bojaren wußten lang nicht mehr, daß rot der Sitz des Sessels sei, so schwer lag sein Gewand und wurde golden breit.

Und weiter denken sie: Das Kaiserkleid schläft auf den Schultern dieses Knaben ein. Obgleich im ganzen Saal die Fackeln flacken, sind bleich die Perlen, die in sieben Reihn wie weiße Kinder knien um seinen Nacken, und die Rubine an den Ärmelzacken, die einst Pokale waren, klar von Wein, sind schwarz wie Schlacken--

Und ihr Denken schwillt.

Es drängt sich heftig an den blassen Kaiser, auf dessen Haupt die Krone immer leiser und dem der Wille immer fremder wird; er lächelt. Lauter prüfen ihn die Preiser, ihr Neigen nähert sich, sie schmeicheln heiser, und eine Klinge hat im Traum geklirrt.

V

Der blasse Zar wird nicht am Schwerte sterben, die fremde Sehnsucht macht ihn sakrosankt; er wird die feierlichen Reiche erben, an denen seine sanfte Seele krankt.

Schon jetzt, hintretend an ein Kremlfenster, sieht er ein Moskau, weißer, unbegrenzter, in seine endlich fertige Nacht gewebt; so wie es ist im ersten Frühlingswirken, wenn in den Gassen der Geruch aus Birken von lauter Morgenglocken bebt.

Die großen Glocken, die so herrisch lauten, sind seine Väter, jene ersten Zaren, die sich noch vor den Tagen der Tataren aus Sagen, Abenteuern und Gefahren, aus Zorn und Demut zögernd auferbauten.

Und er begreift auf einmal, wer sie waren, und daß sie oft um ihres Dunkels Sinn in seine eignen Tiefen niedertauchten und ihn, den Leisesten von den Erlauchten, in ihren Taten groß und fromm verbrauchten schon lang vor seinem Anbeginn.

Und eine Dankbarkeit kommt über ihn, daß sie ihn so verschwenderisch vergeben an aller Dinge Durst und Drang. Er war die Kraft zu ihrem Überschwang, der goldne Grund, vor dem ihr breites Leben geheimnisvoll zu dunkeln schien.

In allen ihren Werken schaut er sich wie eingelegtes Silber in Zieraten, und es gibt keine Tat in ihren Taten, die nicht auch war in seinen stillen Staaten, in denen alles Handelns Rot verblich.

VI

Noch immer schauen in den Silberplatten wie tiefe Frauenaugen die Saphire, Goldranken schlingen sich wie schlanke Tiere, die sich im Glänze ihrer Brünste gatten, und sanfte Perlen warten in dem Schatten wilder Gebilde, daß ein Schimmer ihre stillen Gesichter finde und verliere. Und das ist Mantel, Strahlenkranz und Land, und ein Bewegen geht von Rand zu Rand, wie Korn im Wind und wie ein Fluß im Tale, so glänzt es wechselnd durch die Rahmenwand.

In ihrer Sonne dunkeln drei Ovale: das große gibt dem Mutterantlitz Raum, und rechts und links hebt eine mandelschmale Jungfrauenhand sich aus dem Silbersaum. Die beiden Hände, seltsam still und braun, verkünden, daß im köstlichen Ikone die Königliche wie im Kloster wohne, die überfließen wird von jenem Sohne, von jenem Tropfen, drinnen wolkenohne die niegehofften Himmel blaun.

Die Hände zeugen noch dafür; aber das Antlitz ist wie eine Tür in warme Dämmerungen aufgegangen, in die das Lächeln von den Gnadenwangen mit seinem Lichte irrend sich verlor.

Da neigt sich tief der Zar davor und spricht: Fühltest du nicht, wie sehr wir in dich drangen mit allem: Fühlen, Fürchten und Verlangen; wir warten auf dein liebes Angesicht, das uns vergangen ist; wohin vergangen?

Den großen Heiligen vergeht es nicht.

Er bebte tief in seinem steifen Kleid, das strahlend stand. Er wußte nicht, wie weit er schon von allem war und ihrem Segnen, wie selig nah in seiner Einsamkeit.

Noch sinnt und sinnt der blasse Gossudar. Und sein Gesicht, das unterm kranken Haar schon lange tief und wie im Fortgehn war, verging, wie jenes in dem Goldovale, in seinem großen goldenen Talar.

(Um ihrem Angesichte zu begegnen.)

Zwei Goldgewänder schimmerten im Saale und wurden in dem Glanz der Ampeln klar.

DER SÄNGER SINGT VOR EINEM FÜRSTENKIND

DEM ANDENKEN VON PAULA BECKER-MODERSOHN

Du blasses Kind, an jedem Abend soll der Sänger dunkel stehn bei deinen Dingen und soll dir Sagen, die im Blute klingen, über die Brücke seiner Stimme bringen und eine Harfe, seiner Hände voll.

Nicht aus der Zeit ist, was er dir erzählt, gehoben ist es wie aus Wandgeweben; solche Gestalten hat es nie gegeben;-- und Niegewesenes nennt er das Leben. Und heute hat er diesen Sang erwählt:

Du blondes Kind von Fürsten und aus Frauen, die einsam warteten im weißen Saal,-- fast alle waren bang, dich aufzubauen, um aus den Bildern einst auf dich zu schauen: auf deine Augen mit den ernsten Brauen, auf deine Hände, hell und schmal.

Du hast von ihnen Perlen und Türkisen, von diesen Frauen, die in Bildern stehn, als stünden sie allein in Abendwiesen,-- du hast von ihnen Perlen und Türkisen,-- und Ringe mit verdunkelten Devisen und Seiden, welche welke Düfte wehn.

Du trägst die Gemmen ihrer Gürtelbänder ans hohe Fenster in den Glanz der Stunden, und in die Seide sanfter Brautgewänder sind deine kleinen Bücher eingebunden, und drinnen hast du, mächtig über Länder, ganz groß geschrieben und mit reichen, runden Buchstaben deinen Namen vorgefunden.

Und alles ist, als wär es schon geschehn.

Sie haben so, als ob du nicht mehr kämst, an alle Becher ihren Mund gesetzt, zu allen Freuden ihr Gefühl gehetzt und keinem Leide leidlos zugesehn; so daß du jetzt stehst und dich schämst.

... Du blasses Kind, dein Leben ist auch eines,-- der Sänger kommt dir sagen, daß du bist. Und daß du mehr bist als ein Traum des Haines, mehr als die Seligkeit des Sonnenscheines, den mancher graue Tag vergißt. Dein Leben ist so unaussprechlich deines, weil es von vielen überladen ist.

Empfindest du, wie die Vergangenheiten leicht werden, wenn du eine Weile lebst, wie sie dich sanft auf Wunder vorbereiten, jedes Gefühl mit Bildern dir begleiten,-- und nur ein Zeichen scheinen ganze Zeiten für eine Geste, die du schön erhebst.--

Das ist der Sinn von allem, was einst war, daß es nicht bleibt mit seiner ganzen Schwere, daß es zu unserm Wesen wiederkehre, in uns verwoben, tief und wunderbar: So waren diese Frauen elfenbeinern, von vielen Rosen rötlich angeschienen, so dunkelten die müden Königsmienen, so wurden fahle Fürstenmunde steinern und unbewegt von Waisen und von Weinern, so klangen Knaben an wie Violinen und starben für der Frauen schweres Haar; so gingen Jungfraun der Madonna dienen, denen die Welt verworren war. So wurden Lauten laut und Mandolinen, in die ein Unbekannter größer griff,-- in warmen Samt verlief der Dolche Schliff,-- Schicksale bauten sich aus Glück und Glauben, Abschiede schluchzten auf in Abendlauben,-- und über hundert schwarzen Eisenhauben schwankte die Feldschlacht wie ein Schiff. So wurden Städte langsam groß und fielen in sich zurück wie Wellen eines Meeres, so drängte sich zu hochbelohnten Zielen die rasche Vogelkraft des Eisenspeeres, so schmückten Kinder sich zu Gartenspielen,-- und so geschah Unwichtiges und Schweres nur, um für dieses tägliche Erleben dir tausend große Gleichnisse zu geben, an denen du gewaltig wachsen kannst. Vergangenheiten sind dir eingepflanzt, um sich aus dir, wie Gärten, zu erheben.

Du blasses Kind, du machst den Sänger reich mit deinem Schicksal, das sich singen läßt: So spiegelt sich ein großes Gartenfest mit vielen Lichtern im erstaunten Teich. Im dunklen Dichter wiederholt sich still ein jedes Ding: ein Stern, ein Haus, ein Wald. Und viele Dinge, die er feiern will, umstehen deine rührende Gestalt.

DIE AUS DEM HAUSE COLONNA

Ihr fremden Männer, die ihr jetzt so still in Bildern steht, ihr saßet gut zu Pferde, und ungeduldig gingt ihr durch das Haus; wie ein schöner Hund, mit derselben Gebärde ruhn eure Hände jetzt bei euch aus.

Euer Gesicht ist so voll von Schauen, denn die Welt war euch Bild und Bild; aus Waffen, Fahnen, Früchten und Frauen quillt euch dieses große Vertrauen, daß alles _ist_ und daß alles _gilt_.

Aber damals, als ihr noch zu jung wart, die großen Schlachten zu schlagen, zu jung, um den päpstlichen Purpur zu tragen, nicht immer glücklich bei Reiten und Jagen, Knaben noch, die sich den Frauen versagen, habt ihr aus jenen Knaben tagen keine, nicht eine Erinnerung?

Wißt ihr nicht mehr, was damals war?

Damals war der Altar mit dem Bilde, auf dem Maria gebar, in dem einsamen Seitenschiff. Euch ergriff eine Blumenranke; der Gedanke, daß die Fontäne allein draußen im Garten in Mondenschein ihre Wasser warf, war wie eine Welt.

Das Fenster ging bis zu den Füßen auf wie eine Tür; und es war Park mit Wiesen und Wegen: seltsam nah und doch so entlegen, seltsam hell und doch wie verborgen, und die Brunnen rauschten wie Regen, und es war, als käme kein Morgen dieser langen Nacht entgegen, die mit allen Sternen stand.

Damals wuchs euch, Knaben, die Hand, die warm war. (Ihr aber wußtet es nicht.) Damals breitete euer Gesicht sich aus.

DES ZWEITEN BUCHES ZWEITERTEIL

FRAGMENTE AUS VERLORENEN TAGEN

Wie Vögel, welche sich gewöhnt ans Gehn und immer schwerer werden, wie im Fallen: die Erde saugt aus ihren langen Krallen die mutige Erinnerung von allen den großen Dingen, welche hoch geschehn, und macht sie fast zu Blättern, die sich dicht am Boden halten-- wie Gewächse, die, kaum aufwärts wachsend, in die Erde kriechen, in schwarzen Schollen unlebendig licht und weich und feucht versinken und versiechen, wie irre Kinder,--wie ein Angesicht in einem Sarg,--wie frohe Hände, welche unschlüssig werden, weil im vollen Kelche sich Dinge spiegeln, die nicht nahe sind,-- wie Hilferufe, die im Abendwind begegnen vielen dunklen großen Glocken,-- wie Zimmerblumen, die seit Tagen trocken, wie Gassen, die verrufen sind,--wie Locken, darinnen Edelsteine blind geworden sind,-- wie Morgen im April vor allen vielen Fenstern des Spitales: die Kranken drängen sich am Saum des Saales und schaun: die Gnade eines frühen Strahles macht alle Gassen frühlinglich und weit; sie sehen nur die helle Herrlichkeit, welche die Häuser jung und lachend macht, und wissen nicht, daß schon die ganze Nacht ein Sturm die Kleider von den Himmeln reißt, ein Sturm von Wassern, wo die Welt noch eist ein Sturm, der jetzt noch durch die Gassen braust und der den Dingen alle Bürde von ihren Schultern nimmt,-- daß etwas draußen groß ist und ergrimmt, daß draußen die Gewalt geht, eine Faust, die jeden von den Kranken würgen würde inmitten dieses Glanzes, dem sie glauben.-- ... Wie lange Nächte in verwelkten Lauben, die schon zerrissen sind auf allen Seiten und viel zu weit, um noch mit einem zweiten, den man sehr liebt, zusammen drin zu weinen,-- wie nackte Mädchen, kommend über Steine, wie Trunkene in einem Birkenhaine,-- wie Worte, welche nichts Bestimmtes meinen und dennoch gehn, ins Ohr hineingehn, weiter ins Hirn und heimlich auf der Nervenleiter durch alle Glieder Sprung um Sprung versuchen, wie Greise, welche ihr Geschlecht verfluchen und dann versterben, so daß keiner je abwenden könnte das verhängte Weh, wie volle Rosen, künstlich aufgezogen im blauen Treibhaus, wo die Lüfte logen, und dann vom Übermut in großem Bogen hinausgestreut in den verwehten Schnee,-- wie eine Erde, die nicht kreisen kann, weil zuviel Tote ihr Gefühl beschweren, wie ein erschlagener verscharrter Mann, dem sich die Hände gegen Wurzeln wehren,-- wie eine von den hohen, schlanken, roten Hochsommerblumen, welche unerlöst ganz plötzlich stirbt im Lieblingswind der Wiesen, weil ihre Wurzel unten an Türkisen im Ohrgehänge einer Toten stößt....

Und mancher Tage Stunden waren so. Als formte wer mein Abbild irgendwo, um es mit Nadeln langsam zu mißhandeln. Ich spürte jede Spitze seiner Spiele, und war, als ob ein Regen auf mich fiele, in welchem alle Dinge sich verwandeln.

DIE STIMMEN

NEUN BLÄTTER MIT EINEM TITELBLATT

TITELBLATT

Die Reichen und Glücklichen haben gut schweigen, niemand will wissen, was sie sind. Aber die Dürftigen müssen sich zeigen, müssen sagen: ich bin blind, oder: ich bin im Begriff, es zu werden, oder: es geht mir nicht gut auf Erden, oder: ich habe ein krankes Kind, oder: da bin ich zusammengefugt....

Und vielleicht, daß das gar nicht genügt.

Und weil alle sonst, wie an Dingen, an ihnen vorbeigehn, müssen sie singen.

Und da hört man noch guten Gesang.

Freilich die Menschen sind seltsam; sie hören lieber Kastraten in Knabenchören.

Aber Gott selber kommt und bleibt lang, wenn ihn diese Beschnittenen stören.

DAS LIED DES BETTLERS

Ich gehe immer von Tor zu Tor, verregnet und verbrannt; auf einmal leg ich mein rechtes Ohr in meine rechte Hand. Dann kommt mir meine Stimme vor, als hätt ich sie nie gekannt.

Dann weiß ich nicht sicher, wer da schreit, ich oder irgendwer. Ich schreie um eine Kleinigkeit. Die Dichter schrein um mehr.

Und endlich mach ich noch mein Gesicht mit beiden Augen zu; wie's dann in der Hand liegt mit seinem Gewicht, sieht es fast aus wie Ruh. Damit sie nicht meinen, ich hätte nicht, wohin ich mein Haupt tu.

DAS LIED DES BLINDEN

Ich bin blind, ihr draußen, das ist ein Fluch, ein Widerwillen, ein Widerspruch, etwas täglich Schweres. Ich leg meine Hand auf den Arm der Frau, meine graue Hand auf ihr graues Grau, und sie führt mich durch lauter Leeres.

Ihr rührt euch und rückt und bildet euch ein, anders zu klingen als Stein auf Stein, aber ihr irrt euch: ich allein lebe und leide und lärme. In mir ist ein endloses Schrein, und ich weiß nicht, schreit mir mein Herz oder meine Gedärme.

Erkennt ihr die Lieder? Ihr sanget sie nicht, nicht ganz in dieser Betonung. Euch kommt jeden Morgen das neue Licht warm in die offene Wohnung. Und ihr habt ein Gefühl von Gesicht zu Gesicht, und das verleitet zur Schonung.

DAS LIED DES TRINKERS

Es war nicht in mir. Es ging aus und ein. Da wollt ich es halten. Da hielt es der Wein. (Ich weiß nicht mehr, was es war.) Dann hielt er mir jenes und hielt mir dies, bis ich mich ganz auf ihn verließ. Ich Narr.

Jetzt bin ich in seinem Spiel, und er streut mich verächtlich herum und verliert mich noch heut an dieses Vieh, an den Tod. Wenn der mich, schmutzige Karte, gewinnt, so kratzt er mit mir seinen grauen Grind und wirft mich fort in den Kot.

DAS LIED DES SELBSTMÖRDERS

Also noch einen Augenblick. Daß sie mir immer wieder den Strick zerschneiden. Neulich war ich so gut bereit, und es war schon ein wenig Ewigkeit in meinen Eingeweiden.

Halten sie mir den Löffel her, diesen Löffel Leben. Nein, ich will und ich will nicht mehr, laßt mich mich übergeben.

Ich weiß, das Leben ist gar und gut, und die Welt ist ein voller Topf, aber mir geht es nicht ins Blut, mir steigt es nur zu Kopf.

Andere nährt es, mich macht es krank; begreift, daß man's verschmäht. Mindestens ein Jahrtausend lang brauch ich jetzt Diät.

DAS LIED DER WITWE

Am Anfang war mir das Leben gut. Es hielt mich warm, es machte mir Mut. Daß es das allen Jungen tut, wie könnt ich das damals wissen. Ich wußte nicht, was das Leben war--, auf einmal war es nur Jahr und Jahr, nicht mehr gut, nicht mehr neu, nicht mehr wunderbar, wie mitten entzweigerissen.

Das war nicht seine, nicht meine Schuld; wir hatten beide nichts als Geduld, aber der Tod hat keine. Ich sah ihn kommen (wie schlecht er kam), und ich schaute ihm zu, wie er nahm und nahm: es war ja gar nicht das Meine.

Was war denn das Meine; meines, mein? War mir nicht selbst mein Elendsein nur vom Schicksal geliehn? Das Schicksal will nicht nur das Glück, es will die Pein und das Schrein zurück, und es kauft für alt den Ruin.

Das Schicksal war da und erwarb für ein Nichts jeden Ausdruck meines Gesichts, bis auf die Art zu gehn. Das war ein täglicher Ausverkauf, und als ich leer war, gab es mich auf und ließ mich offen stehn.

DAS LIED DES IDIOTEN

Sie hindern mich nicht. Sie lassen mich gehn. Sie sagen, es könne nichts geschehn. Wie gut. Es kann nichts geschehn. Alles kommt und kreist immerfort um den Heiligen Geist, um den gewissen Geist (du weißt)--, wie gut.

Nein, man muß wirklich nicht meinen, es sei irgendeine Gefahr dabei. Da ist freilich das Blut. Das Blut ist das Schwerste. Das Blut ist schwer, manchmal glaub ich, ich kann nicht mehr--. (Wie gut.)

Ah, was ist das für ein schöner Ball; rot und rund wie ein Überall. Gut, daß ihr ihn erschuft. Ob der wohl kommt, wenn man ruft?

Wie sich das alles seltsam benimmt, ineinandertreibt, auseinanderschwimmt: freundlich, ein wenig unbestimmt; wie gut.

DAS LIED DER WAISE

Ich bin niemand und werde auch niemand sein. Jetzt bin ich ja zum Sein noch zu klein; aber auch später.

Mütter und Väter, erbarmt euch mein.

Zwar es lohnt nicht des Pflegens Müh: ich werde doch gemäht. Mich kann keiner brauchen: jetzt ist es zu früh, und morgen ist es zu spät.

Ich habe nur dieses eine Kleid, es wird dünn, und es verbleicht, aber es hält eine Ewigkeit auch noch vor Gott vielleicht.

Ich habe nur dieses bißchen Haar (immer dasselbe blieb), das einmal Eines Liebstes war.

Nun hat er nichts mehr lieb.

DAS LIED DES ZWERGES

Meine Seele ist vielleicht grad und gut; aber mein Herz, mein verbogenes Blut, alles das, was mir wehe tut, kann sie nicht aufrecht tragen. Sie hat keinen Garten, sie hat kein Bett, sie hängt an meinem scharfen Skelett mit entsetztem Flügelschlagen?

Aus meinen Händen wird auch nichts mehr. Wie verkümmert sie sind, sieh her: zähe hüpfen sie, feucht und schwer, wie kleine Kröten nach Regen. Und das andere an mir ist abgetragen und alt und trist; warum zögert Gott, auf den Mist alles das hinzulegen?

Ob er mir zürnt für mein Gesicht mit dem mürrischen Munde? Es war ja so oft bereit, ganz licht und klar zu werden im Grunde; aber nichts kam ihm je so dicht wie die großen Hunde. Und die Hunde haben das nicht.

DAS LIED DES AUSSÄTZIGEN

Sieh, ich bin einer, den alles verlassen hat. Keiner weiß in der Stadt von mir, Aussatz hat mich befallen. Und ich schlage mein Klapperwerk, klopfe mein trauriges Augenmerk in die Ohren allen, die nahe Vorübergehn. Und die es hölzern hören, sehn erst gar nicht her, und was hier geschehn, wollen sie nicht erfahren.

Soweit der Klang meiner Klapper reicht, bin ich zuhause; aber vielleicht machst du meine Klapper so laut, daß sich keiner in meine Ferne traut, der mir jetzt aus der Nähe weicht. So daß ich sehr lange gehen kann, ohne Mädchen, Frau oder Mann oder Kind zu entdecken.

Tiere will ich nicht schrecken.

VON DEN FONTÄNEN

Auf einmal weiß ich viel von den Fontänen, den unbegreiflichen Bäumen aus Glas. Ich könnte reden wie von eignen Tränen, die ich, ergriffen von sehr großen Träumen, einmal vergeudete und dann vergaß.

Vergaß ich denn, daß Himmel Hände reichen zu vielen Dingen und in das Gedränge? Sah ich nicht immer Großheit ohnegleichen im Aufstieg alter Parke vor den weichen erwartungsvollen Abenden,--in bleichen, aus fremden Mädchen steigenden Gesängen, die überfließen aus der Melodie und wirklich werden und als müßten sie sich spiegeln in den aufgetanen Teichen?

Ich muß mich nur erinnern an das alles, was an Fontänen und an mir geschah, dann fühl ich auch die Last des Niederfalles, in welcher ich die Wasser wiedersah: und weiß von Zweigen, die sich abwärts wandten, von Stimmen, die mit kleiner Flamme brannten, von Teichen, welche nur die Uferkanten schwachsinnig und verschoben wiederholten, von Abendhimmeln, welche von verkohlten westlichen Wäldern ganz entfremdet traten, sich anders wölbten, dunkelten und taten, als wär das nicht die Welt, die sie gemeint....

Vergaß ich denn, daß Stern bei Stern versteint und sich verschließt gegen die Nachbargloben? Daß sich die Welten nur noch wie verweint im Raum erkennen?--Vielleicht sind wir oben, in Himmel andrer Wesen eingewoben, die zu uns aufschaun abends. Vielleicht loben uns ihre Dichter. Vielleicht beten viele zu uns empor. Vielleicht sind wir die Ziele von fremden Flüchen, die uns nie erreichen, Nachbaren eines Gottes, den sie meinen in unsrer Höhe, wenn sie einsam weinen, an den sie glauben und den sie verlieren, und dessen Bildnis, wie ein Schein aus ihren suchenden Lampen, flüchtig und verweht, über unsere zerstreuten Gesichter geht....

DER LESENDE