Das Buch der Bilder

Part 2

Chapter 23,973 wordsPublic domain

Die Dinge sind Geigenleiber, von murrendem Dunkel voll; drin träumt das Weinen der Weiber, drin rührt sich im Schlafe der Groll ganzer Geschlechter.... Ich soll silbern erzittern: dann wird alles unter mir beben, und was in den Dingen irrt, wird nach dem Lichte streben, das von meinem tanzenden Tone, um welchen der Himmel wellt, durch schmale, schmachtende Spalten in die alten Abgründe ohne Ende fällt....

GEBET

Nacht, stille Nacht, in die verwoben sind ganz weiße Dinge, rote, bunte Dinge, verstreute Farben, die erhoben sind zu Einem Dunkel, Einer Stille,--bringe doch mich auch in Beziehung zu dem Vielen, das du erwirbst und überredest. Spielen denn meine Sinne noch zu sehr mit Licht? Würde sich denn mein Angesicht noch immer störend von den Gegenständen abheben? Urteile nach meinen Händen: liegen sie nicht wie Werkzeug da und Ding? Ist nicht der Ring selbst schlicht an meiner Hand, und liegt das Licht nicht ganz so, voll Vertrauen, über ihnen,-- als ob sie Wege wären, die beschienen nicht anders sich verzweigen als im Dunkel?...

FORTSCHRITT

Und wieder rauscht mein tiefes Leben lauter, als ob es jetzt in breitern Ufern ginge. Immer verwandter werden mir die Dinge und alle Bilder immer angeschauter. Dem Namenlosen fühl ich mich vertrauter: mit meinen Sinnen, wie mit Vögeln, reiche ich in die windigen Himmel aus der Eiche, und in den abgebrochnen Tag der Teiche sinkt, wie auf Fischen stehend, mein Gefühl.

VORGEFÜHL

Ich bin wie eine Fahne von Fernen umgeben. Ich ahne die Winde, die kommen, und muß sie leben, während die Dinge unten sich noch nicht rühren: die Türen schließen noch sanft, und in den Kaminen ist Stille; die Fenster zittern noch nicht, und der Staub ist noch schwer.

Da weiß ich die Stürme schon und bin erregt wie das Meer. Und breite mich aus und falle in mich hinein und werfe mich ab und bin ganz allein in dem großen Sturm.

STURM

Wenn die Wolken, von Stürmen geschlagen, jagen: Himmel von hundert Tagen über einem einzigen Tag--:

Dann fühl ich dich, Hetman, von fern (der du deine Kosaken gern zu dem größesten Herrn führen wolltest). Deinen wagrechten Nacken fühl ich, Mazeppa.

Dann bin auch ich an das rasende Rennen eines rauchenden Rückens gebunden; alle Dinge sind mir verschwunden, nur die Himmel kann ich erkennen:

Überdunkelt und überschienen lieg ich flach unter ihnen, wie Ebenen liegen; meine Augen sind offen wie Teiche, und in ihnen flüchtet das gleiche Fliegen.

ABEND IN SKÅNE

Der Park ist hoch. Und wie aus einem Haus tret ich aus seiner Dämmerung heraus in Ebene und Abend. In den Wind, denselben Wind, den auch die Wolken fühlen, die hellen Flüsse und die Flügelmühlen, die langsam mahlend stehn am Himmelsrand. Jetzt bin auch ich ein Ding in seiner Hand, das kleinste unter diesen--Schau:

Ist das ein Himmel?: Selig lichtes Blau, in das sich immer reinere Wolken drängen, und drunter alle Weiß in Übergängen, und drüber jenes dünne große Grau, warmwallend wie auf roter Untermalung, und über allem diese stille Strahlung sinkender Sonne.

Wunderlicher Bau, in sich bewegt und von sich selbst gehalten, Gestalten bildend, Riesenflügel, Falten und Hochgebirge vor den ersten Sternen und plötzlich, da: ein Tor in solche Fernen, wie sie vielleicht nur Vögel kennen....

ABEND

Der Abend wechselt langsam die Gewänder, die ihm ein Rand von alten Bäumen hält; du schaust: und von dir scheiden sich die Länder, ein himmelfahrendes und eins, das fällt;

und lassen dich, zu keinem ganz gehörend, nicht ganz so dunkel wie das Haus, das schweigt, nicht ganz so sicher Ewiges beschwörend wie das, was Stern wird jede Nacht und steigt;

und lassen dir (unsäglich zu entwirrn) dein Leben, bang und riesenhaft und reifend, so daß es, bald begrenzt und bald begreifend, abwechselnd Stein in dir wird und Gestirn.

ERNSTE STUNDE

Wer jetzt weint irgendwo in der Welt, ohne Grund weint in der Welt, weint über mich.

Wer jetzt lacht irgendwo in der Nacht, ohne Grund lacht in der Nacht, lacht mich aus.

Wer jetzt geht irgendwo in der Welt, ohne Grund geht in der Welt, geht zu mir.

Wer jetzt stirbt irgendwo in der Welt, ohne Grund stirbt in der Welt, sieht mich an.

STROPHEN

Ist einer, der nimmt alle in die Hand, daß sie wie Sand durch seine Finger rinnen. Er wählt die schönsten aus den Königinnen und läßt sie sich in weißen Marmor hauen, still liegend in des Mantels Melodie; und legt die Könige zu ihren Frauen, gebildet aus dem gleichen Stein wie sie.

Ist einer, der nimmt alle in die Hand, daß sie wie schlechte Klingen sind und brechen. Er ist kein Fremder, denn er wohnt im Blut, das unser Leben ist und rauscht und ruht. Ich kann nicht glauben, daß er unrecht tut; doch hör ich viele Böses von ihm sprechen.

STURMNACHT

Der Gott erschrak in seiner Einsamkeit. Er sah tief unten in der grauen Zeit den Herbsttag gehn. Der war so greisenhaft, als reichte nicht zum Abendrande weit der matte Pfeil vom Bogen seiner Kraft. Oft stand er still und starrte nach den Hügeln, und endlich sank er matt ins arme Gras; und wie der giere Geier auf das Aas, so fiel auf ihn mit schweren, schwarzen Flügeln die nasse Nacht, die seine Seele fraß.

Die schwarze Nacht saß auf dem toten Tag, und Gott erschrak: sein Blick ging lange in dem Dunkel irr; und als er trat aus Wolken und Gewirr, fand er die Ferne nicht, nicht Flut noch Feld: die schwarze Nacht fraß an der ganzen Welt.

Da ahnte Gott, der schauernd niederblickte, wie unter diesem schweren Schwingenschlag die weite Welt erstarrte und erstickte so wie ein Tag. Und plötzlich wußte er: Er liebte sie. Doch reglos schattend blieb das Nachtgefieder, als von dem Rand der leeren Himmel nieder sein Wille schrie....

Aber der Gott wird größer im Grimme; wenn er einmal sein einsames Leid in die erwachenden Weiten schreit, ist der Sturm seine Stimme. Und dann reißt sein wehendes Wort von den Monden die Wolken fort: und so sah er im Schimmer thronen lauter ähnliche Ewigkeiten, sah die Sterne der Stille wohnen und die Welten im Wandel schreiten.

Und sein Bangen fand alles geborgen in dem leise liebkosenden Licht,-- aber über dem Gestern und Morgen schwieg die Nacht, und sie rührte sich nicht.

Und da war der Gott wie ein Kind, und er wurde vor Weinen blind, und durch den wimmernden Wind griff er mit hilflosen Händen: ob sie im Äther die Ufer fänden, welche die Spitzen der Türme sind. Sein Weinen verwaiste und rief: "Ist denn die Welt so tief, so tief, daß der Gott, der Sommer und Sonnen sann, der in alle Gedanken tauchte, den Rauch, der um ihre Gipfel rauchte-- ihren Atem--nicht einmal erreichen kann? Ist dort kein Garten, der Blüten weht, kein lauschendes Leid, kein waches Gebet, keine Stille, die mich versteht?"

* * * * *

Auf Erden war nur ein winziges Licht, das in dem samtenen Dunkel dicht an der Wiege des Kindes wachte und an sein ärmliches Dasein dachte, als die Stimme des Sturmes klang. Da wurde dem Funken so heimwehbang, daß er aus blinkendem Becher sachte wie der Quell aus dem Felsen sprang und, die Falten des Vorhangs entlang, wünschend nach allen Wänden griff, bis sich berstend die Balken bogen,-- und auf hohen, lodernden Wogen trieb die Wiege, das schlummernde Schiff.

Da regt sich die Welt. Von den Hängen hebt scheu sich die Nacht vor dem siegenden Scheine. Es lächelt der Gott; er weiß nur das eine: Sie lebt!

DES ZWEITEN BUCHES ERSTER TEIL

INITIALE

Gib deine Schönheit immer hin ohne rechnen und reden. Du schweigst. Sie sagt für dich: Ich bin. Und kommt in tausendfachem Sinn, kommt endlich über jeden.

VERKÜNDIGUNG

DIE WORTE DES ENGELS

Du bist nicht näher an Gott als wir; wir sind ihm alle weit. Aber wunderbar sind dir die Hände benedeit. So reifen sie bei keiner Frau, so schimmernd aus dem Saum: Ich bin der Tag, ich bin der Tau, du aber bist der Baum.

Ich bin jetzt matt, mein Weg war weit, vergib mir, ich vergaß, was er, der groß in Goldgeschmeid wie in der Sonne saß, dir künden ließ, du Sinnende, (verwirrt hat mich der Raum). Sieh: Ich bin das Beginnende, du aber bist der Baum.

Ich spannte meine Schwingen aus und wurde seltsam weit; jetzt überfließt dein kleines Haus von meinem großen Kleid. Und dennoch bist du so allein wie nie und schaust mich kaum; das macht: Ich bin ein Hauch im Hain, du aber bist der Baum.

Die Engel alle bangen so, lassen einander los: noch nie war das Verlangen so, so ungewiß und groß. Vielleicht, daß etwas bald geschieht, das du im Traum begreifst. Gegrüßt sei, meine Seele sieht: Du bist bereit und reifst. Du bist ein großes, hohes Tor, und aufgehn wirst du bald. Du, meines Liedes liebstes Ohr, jetzt fühle ich: Mein Wort verlor sich in dir wie im Wald.

So kam ich und vollendete dir tausendeinen Traum. Gott sah mich an: er blendete....

Du aber bist der Baum.

DIE HEILIGEN DREI KÖNIGE

LEGENDE

Einst als am Saum der Wüsten sich auftat die Hand des Herrn wie eine Frucht, die sommerlich verkündet ihren Kern, da war ein Wunder: Fern erkannten und begrüßten sich drei Könige und ein Stern.

Drei Könige von Unterwegs und der Stern Überall, die zogen alle (überlegs!) so rechts ein Rex und links ein Rex zu einem stillen Stall.

Was brachten die nicht alles mit zum Stall von Bethlehem! Weithin erklirrte jeder Schritt, und der auf einem Rappen ritt, saß samten und bequem; und der zu seiner Rechten ging, der war ein goldner Mann; und der zu seiner Linken fing mit Schwung und Schwing und Klang und Kling aus einem runden Silberding, das wiegend und in Ringen hing, ganz blau zu rauchen an.

Da lachte der Stern Überall so seltsam über sie und lief voraus und stand am Stall und sagte zu Marie:

Da bring ich eine Wanderschaft aus vieler Fremde her. Drei Könige mit Magenkraft, von Gold und Topas schwer und dunkel, tumb und heldenhaft,-- erschrick mir nicht zu sehr. Sie haben alle drei zu Haus zwölf Töchter, keinen Sohn, so bitten sie sich deinen aus als Sonne ihres Himmelblaus und Trost für ihren Thron. Doch mußt du nicht gleich glauben: Bloß ein Funkel fürst und Heidenscheich sei deines Sohnes Los. Bedenk, der Weg ist groß. Sie wandern lange, Hirten gleich, inzwischen fällt ihr reifes Reich weiß Gott wem in den Schoß. Und während hier, wie Westwind warm, der Ochs ihr Ohr umschnaubt, sind sie vielleicht schon alle arm und so wie ohne Haupt. Drum mach mit deinem Lächeln licht die Wirrnis, die sie sind, und wende du dein Angesicht nach Aufgang und dein Kind; dort liegt in blauen Linien, was jeder dir verließ: Smaragda und Rubinien und die Tale von Türkis.

IN DER CERTOSA

Ein jeder aus der weißen Bruderschaft vertraut sich pflanzend seinem kleinen Garten. Auf jedem Beete steht, wer jeder sei. Und einer harrt in heimlichen Hoffarten, daß ihm im Mai die ungestümen Blüten offenbarten ein Bild von seiner unterdrückten Kraft.

Und seine Hände halten, wie erschlafft, sein braunes Haupt, das schwer ist von den Säften, die ungeduldig durch das Dunkel rollen, und sein Gewand, das faltig, voll und wollen, zu seinen Füßen fließt, ist stramm gestrafft um seinen Armen, die, gleich starken Schäften, die Hände tragen, welche träumen sollen.

Kein Miserere und kein Kyrie will seine junge runde Stimme ziehn, vor keinem Fluche will sie fliehn; sie ist kein Reh. Sie ist ein Roß und bäumt sich im Gebiß, und über Hürde, Hang und Hindernis will sie ihn tragen weit und weggewiß, ganz ohne Sattel will sie tragen ihn.

Er aber sitzt, und unter den Gedanken zerbrechen fast die breiten Handgelenke, so schwer wird ihm der Sinn und immer schwerer.

Der Abend kommt, der sanfte Wiederkehrer, ein Wind beginnt, die Wege werden leerer, und Schatten sammeln sich im Talgesenke. Und wie ein Kahn, der an der Kette schwankt, so wird der Garten ungewiß und hangt wie windgewiegt auf lauter Dämmerung. Wer löst ihn los?...

Der Frate ist so jung, und langelang ist seine Mutter tot. Er weiß von ihr: sie nannten sie La Stanca; sie war ein Glas, ganz zart und klar. Man bot es einem, der es nach dem Trunk zerschlug wie einen Krug.

So ist der Vater. Und er hat sein Brot als Meister in den roten Marmorbrüchen. Und jede Wöchnerin in Pietrabianca hat Furcht, daß er des Nachts mit seinen Flüchen vorbei an ihrem Fenster kommt und droht.

Sein Sohn, den er der Donna Dolorosa geweiht in einer Stunde wilder Not, sinnt im Arkadenhofe der Certosa, sinnt, wie umrauscht von rötlichen Gerüchen: denn seine Blumen blühen alle rot.

DAS JÜNGSTE GERICHT

AUS DEN BLÄTTERN EINES MÖNCHS

Sie werden alle wie aus einem Bade aus ihren mürben Grüften auferstehn; denn alle glauben an das Wiedersehn, und furchtbar ist ihr Glauben, ohne Gnade.

Sprich leise, Gott! Es könnte einer meinen, daß die Posaune deiner Reiche rief; und ihrem Ton ist keine Tiefe tief: da steigen alle Zeiten aus den Steinen, und alle die Verschollenen erscheinen in welken Leinen, brüchigen Gebeinen und von der Schwere ihrer Schollen schief. Das wird ein wunderliches Wiederkehren in eine wunderliche Heimat sein; auch die dich niemals kannten, werden schrein und deine Größe wie ein Recht begehren: wie Brot und Wein.

Allschauender, du kennst das wilde Bild, das ich in meinem Dunkel zitternd dichte. Durch dich kommt alles, denn du bist das Tor,-- und alles war in deinem Angesichte, eh es in unserm sich verlor. Du kennst das Bild vom riesigen Gerichte: Ein Morgen ist es, doch aus einem Lichte, das deine reife Liebe nie erschuf, ein Rauschen ist es, nicht aus deinem Ruf, ein Zittern, nicht von göttlichem Verzichte, ein Schwanken, nicht in deinem Gleichgewichte. Ein Rascheln ist und ein Zusammenraffen in allen den geborstenen Gebäuden, ein Sichentgelten und ein Sich vergeuden, ein Sichbegatten und ein Sichbegaffen, und ein Betasten aller alten Freuden und aller Lüste welke Wiederkehr. Und über Kirchen, die wie Wunden klaffen, ziehn schwarze Vögel, die du nie erschaffen, in irren Zügen hin und her.

So ringen sie, die lange Ausgeruhten, und packen sich mit ihren nackten Zähnen und werden bange, weil sie nicht mehr bluten, und suchen, wo die Augenbecher gähnen, mit kalten Fingern nach den toten Tränen. Und werden müde. Wenige Minuten nach ihrem Morgen bricht der Abend ein. Sie werden ernst und lassen sich allein und sind bereit, im Sturme aufzusteigen, wenn sich auf deiner Liebe heitrem Wein die dunklen Tropfen deines Zornes zeigen, um deinem Urteil nah zu sein. Und da beginnt es, nach dem großen Schrein: das übergroße fürchterliche Schweigen. Sie sitzen alle wie vor schwarzen Türen in einem Licht, das sie, wie mit Geschwüren, mit vielen grellen Flecken übersät.

Und wachsend wird der Abend alt und spät. Und Nächte fallen dann in großen Stücken auf ihre Hände und auf ihren Rücken, der wankend sich mit schwarzer Last belädt. Sie warten lange. Ihre Schultern schwanken unter dem Drucke wie ein dunkles Meer, sie sitzen, wie versunken in Gedanken, und sind doch leer. Was stützen sie die Stirnen? Ihre Gehirne denken irgendwo tief in der Erde, eingefallen, faltig: Die ganze alte Erde denkt gewaltig, und ihre großen Bäume rauschen so.

Allschauender, gedenkst du dieses bleichen und bangen Bildes, das nicht seinesgleichen unter den Bildern deines Willens hat? Hast du nicht Angst vor dieser stummen Stadt, die, an dir hangend wie ein welkes Blatt, sich heben will zu deines Zornes Zeichen? 0, greife allen Tagen in die Speichen, daß sie zu bald nicht diesem Ende nahen,-- vielleicht gelingt es dir noch auszuweichen dem großen Schweigen, das wir beide sahen. Vielleicht kannst du noch einen aus uns heben, der diesem fürchterlichen Wiederleben den Sinn, die Sehnsucht und die Seele nimmt, einen, der bis in seinen Grund ergrimmt und dennoch froh durch alle Dinge schwimmt, der Kräfte unbekümmerter Verbraucher, der sich auf allen Saiten geigt und unversehrt als unerkannter Taucher in alle Tode niedersteigt. ... Oder, wie hoffst du diesen Tag zu tragen, der länger ist als aller Tage Längen, mit seines Schweigens schrecklichen Gesängen, wenn dann die Engel dich, wie lauter Fragen, mit ihrem schauerlichen Flügelschlagen umdrängen? Sieh, wie sie zitternd in den Schwingen hängen und dir mit hunderttausend Augen klagen, und ihres sanften Liedes Stimmen wagen sich aus den vielen wirren Übergängen nicht mehr zu heben zu den klaren Klängen. Und wenn die Greise mit den breiten Bärten, die dich berieten bei den besten Siegen, nur leise ihre weißen Häupter wiegen, und wenn die Frauen, die den Sohn dir nährten, und die von ihm Verführten, die Gefährten, und alle Jungfraun, die sich ihm gewährten: die lichten Birken deiner dunklen Gärten,-- wer soll dir helfen, wenn sie alle schwiegen?

Und nur dein Sohn erhübe sich unter denen, welche sitzen um deinen Thron. Grübe sich deine Stimme dann in sein Herz? Sagte dein einsamer Schmerz dann: Sohn! Suchtest du dann das Angesicht dessen, der das Gericht gerufen, dein Gericht und deinen Thron: Sohn! Hießest du, Vater, dann deinen Erben, leise begleitet von Magdalenen, niedersteigen zu jenen, die sich sehnen, wieder zu sterben?

Das wäre dein letzter Königserlaß, die letzte Huld und der letzte Haß; aber dann käme alles zu Ruh: der Himmel und das Gericht und du. Alle Gewänder des Rätsels der Welt? das sich so lange verschleiert hält, fallen mit dieser Spange. ... Doch mir ist bange.... Allschauender, sieh, wie mir bange ist, miß meine Qual! Mir ist bange, daß du schon lange vergangen bist, als du zum erstenmal in deinem Alleserfassen das Bild dieses blassen Gesichtes sahst, dem du dich hilflos nahst, Allschauender. Bist du damals entflohn? Wohin? Vertrauender kann keiner dir kommen

als ich, der ich dich nicht um Lohn verraten will wie alle die Frommen. Ich will nur, weil ich verborgen bin und müde wie du, noch müder vielleicht, und weil meine Angst vor dem großen Gericht deiner gleicht, will ich mich dicht, Gesicht bei Gesicht, an dich heften; mit einigen Kräften werden wir wehren dem großen Rade, über welches die mächtigen Wasser gehn, die rauschen und schnauben-- denn: Wehe, sie werden auferstehn. So ist ihr Glauben: groß und ohne Gnade.

KARL DER ZWÖLFTE VON SCHWEDEN REITET IN DER UKRAINE

I

Könige in Legenden sind wie Berge im Abend. Blenden jeden, zu dem sie sich wenden. Die Gürtel um ihre Lenden und die lastenden Mantelenden sind Länder und Leben wert. Mit den reichgekleideten Händen geht, schlank und nackt, das Schwert.

Ein junger König aus Norden war in der Ukraine geschlagen. Der haßte Frühling und Frauenhaar und die Harfen und was sie sagen. Der ritt auf einem grauen Pferd, sein Auge schaute grau und hatte niemals Glanz begehrt zu Füßen einer Frau. Keine war seinem Blicke blond, keine hat küssen ihn gekonnt; und wenn er zornig war, so riß er einen Perlenmond aus wunderschönem Haar. Und wenn ihn Trauer überkam, so machte er ein Mädchen zahm und forschte, wessen Ring sie nahm und wem sie ihren bot-- Und: hetzte ihr den Bräutigam mit hundert Hunden tot.

Und er verließ sein graues Land, das ohne Stimme war, und ritt in einen Widerstand und kämpfte um Gefahr, bis ihn das Wunder überwand: wie träumend ging ihm seine Hand von Eisenband zu Eisenband und war kein Schwert darin; er war zum Schauen aufgewacht:

es schmeichelte die schöne Schlacht um seinen Eigensinn. Er saß zu Pferde: ihm entging keine Gebärde rings. Auf Silber sprach jetzt Ring zu Ring, und Stimme war in jedem Ding, und wie in vielen Glocken hing die Seele jedes Dings. Und auch der Wind war anders groß, der in die Fahnen sprang, schlank wie ein Panther, atemlos und taumelnd vom Trompetenstoß, der lachend mit ihm rang. Und manchmal griff der Wind hinab: da ging ein Blutender,--ein Knab, welcher die Trommel schlug; er trug sie immer auf und ab und trug sie wie sein Herz ins Grab vor seinem toten Zug. Da wurde mancher Berg geballt, als wär die Erde noch nicht alt und baute sich erst auf; bald stand das Eisen wie Basalt, bald schwankte wie ein Abendwald mit breiter steigender Gestalt der großbewegte Hauf. Es dampfte dumpf die Dunkelheit, was dunkelte, war nicht die Zeit,-- und alles wurde grau, aber schon fiel ein neues Scheit, und wieder ward die Flamme breit und festlich angefacht. Sie griffen an: in fremder Tracht ein Schwärm phantastischer Provinzen; wie alles Eisen plötzlich lacht: von einem silberlichten Prinzen erschimmerte die Abendschlacht. Die Fahnen flatterten wie Freuden, und alle hatten königlich in ihren Gesten ein Vergeuden,-- an fernen flammenden Gebäuden entzündeten die Sterne sich....

Und Nacht war. Und die Schlacht trat sachte zurück wie ein sehr müdes Meer, das viele fremde Tote brachte, und alle Toten waren schwer. Vorsichtig ging das graue Pferd (von großen Fäusten abgewehrt) durch Männer, welche fremd verstarben, und trat auf flaches schwarzes Gras. Der auf dem grauen Pferde saß, sah unten auf den feuchten Farben viel Silber wie zerschelltes Glas. Sah Eisen welken, Helme trinken und Schwerter stehn in Panzernaht, sterbende Hände sah er winken mit einem Fetzen von Brokat...

Und sah es nicht.

Und ritt dem Lärme der Feldschlacht nach, als ob er schwärme, mit seinen Wangen voller Wärme und mit den Augen von Verliebten....

DER SOHN

Mein Vater war ein verbannter König von überm Meer. Ihm kam einmal ein Gesandter: sein Mäntel war ein Panther, und sein Schwert war schwer.

Mein Vater war wie immer ohne Helm und Hermelin; es dunkelte das Zimmer wie immer arm um ihn. Es zitterten seine Hände und waren blaß und leer,-- in bilderlose Wände blicklos schaute er.

Die Mutter ging im Garten und wandelte weiß im Grün und wollte den Wind erwarten vor dem Abendglühn. Ich träumte, sie würde mich rufen, aber sie ging allein,-- ließ mich vom Rande der Stufen horchen verhallenden Hufen und ins Haus hinein:

Vater! Der fremde Gesandte...? Der reitet wieder im Wind.... Was wollte der? Er erkannte dein blondes Haar, mein Kind.

Vater! Wie war er gekleidet! Wie der Mantel von ihm floß! Geschmiedet und geschmeidet war Schulter, Brust und Roß. Er war eine Stimme im Stahle, er war ein Mann aus Nacht,-- aber er hat eine schmale Krone mitgebracht. Sie klang bei jedem Schritte an sein sehr schweres Schwert, die Perle in ihrer Mitte ist viele Leben wert. Vom zornigen Ergreifen verbogen ist der Reifen, der oft gefallen war: es ist eine Kinderkrone,-- denn Könige sind ohne; --gib sie meinem Haar! Ich will sie manchmal tragen in Nächten, blaß vor Scham. Und will dir, Vater, sagen, woher der Gesandte kam. Was dort die Dinge gelten, ob steinern steht die Stadt, oder ob man in Zelten mich erwartet hat.

Mein Vater war ein Gekränkter und kannte nur wenig Ruh. Er hörte mir mit verhängter Stirne nächtelang zu. Mir lag im Haar der Ring. Und ich sprach ganz nahe und sachte, daß die Mutter nicht erwachte,-- die an dasselbe dachte, wenn sie, ganz weiß gelassen, vor abendlichen Massen durch dunkle Gärten ging.

So wurden wir verträumte Geiger, die leise aus den Türen treten, um auszuschauen, eh sie beten, ob nicht ein Nachbar sie belauscht. Die erst, wenn alle sich zerstreuten, hinter dem letzten Abendläuten, die Lieder spielen, hinter denen (wie Wald im Wind hinter Fontänen) der dunkle Geigenkasten rauscht. Denn dann nur sind die Stimmen gut, wenn Schweigsamkeiten sie begleiten, wenn hinter dem Gespräch der Saiten Geräusche bleiben wie von Blut; und bang und sinnlos sind die Zeiten, wenn hinter ihren Eitelkeiten nicht etwas waltet, welches ruht.

Geduld: es kreist der leise Zeiger, und was verheißen ward, wird sein: wir sind die Flüstrer vor dem Schweiger, wir sind die Wiesen vor dem Hain; in ihnen geht noch dunkles Summen-- (viel Stimmen sind und doch kein Chor) und sie bereiten auf die stummen tiefen heiligen Haine vor....

DIE ZAREN

EIN GEDICHTKREIS (1899 und 1906)

I

Das war in Tagen, da die Berge kamen: die Bäume bäumten sich, die noch nicht zahmen, und rauschend in die Rüstung stieg der Strom. Zwei fremde Pilger riefen einen Namen, und aufgewacht aus seinem langen Lahmen war Ilija, der Riese von Murom.