Das Buch der Bilder

Part 1

Chapter 13,983 wordsPublic domain

DAS BUCH DER BILDER

VON

RAINER MARIA RILKE

LEIPZIG

IM INSEL-VERLAG

MCMXX

DES ERSTEN BUCHES ERSTER TEIL

EINGANG

Wer du auch seist: Am Abend tritt hinaus aus deiner Stube, drin du alles weißt; als letztes vor der Ferne liegt dein Haus: Wer du auch seist. Mit deinen Augen, welche müde kaum von der verbrauchten Schwelle sich befrein, hebst du ganz langsam einen schwarzen Baum und stellst ihn vor den Himmel: schlank, allein. Und hast die Welt gemacht. Und sie ist groß und wie ein Wort, das noch im Schweigen reift. Und wie dein Wille ihren Sinn begreift, lassen sie deine Augen zärtlich los....

AUS EINEM APRIL

Wieder duftet der Wald. Es heben die schwebenden Lerchen mit sich den Himmel empor, der unseren Schultern schwer war; zwar sah man noch durch die Äste den Tag, wie er leer war,-- aber nach langen, regnenden Nachmittagen kommen die goldübersonnten neueren Stunden, vor denen flüchtend, an fernen Häuserfronten alle die wunden Fenster furchtsam mit Flügeln schlagen.

Dann wird es still. Sogar der Regen geht leiser über der Steine ruhig dunkelnden Glanz. Alle Geräusche ducken sich ganz in die glänzenden Knospen der Reiser.

ZWEI GEDICHTE ZU HANS THOMAS SECHZIGSTEM GEBURTSTAGE

MONDNACHT

Süddeutsche Nacht, ganz breit im reifen Monde und mild wie aller Märchen Wiederkehr. Vom Turme fallen viele Stunden schwer in ihre Tiefen nieder wie ins Meer,-- und dann ein Rauschen und ein Ruf der Ronde, und eine Weile bleibt das Schweigen leer; und eine Geige dann (Gott weiß woher) erwacht und sagt ganz langsam: Eine Blonde ...

RITTER

Reitet der Ritter im schwarzen Stahl hinaus in die rauschende Welt. Und draußen ist alles: der Tag und das Tal und der Freund und der Feind und das Mahl im Saal und der Mai und die Maid und der Wald und der Gral, und Gott ist selber vieltausendmal an alle Straßen gestellt.

Doch in dem Panzer des Ritters drinnen, hinter den finstersten Ringen, hockt der Tod und muß sinnen und sinnen: Wann wird die Klinge springen über die Eisenhecke, die fremde befreiende Klinge, die mich aus meinem Verstecke holt, drin ich so viele gebückte Tage verbringe,-- daß ich mich endlich strecke und spiele und singe.

MÄDCHENMELANCHOLIE

Mir fällt ein junger Ritter ein fast wie ein alter Spruch.

Der kam. So kommt manchmal im Hain der große Sturm und hüllt dich ein. Der ging. So läßt das Benedein der großen Glocken dich allein oft mitten im Gebet.... Dann willst du in die Stille schrein und weinst doch nur ganz leis hinein tief in dein kühles Tuch.

Mir fällt ein junger Ritter ein, der weit in Waffen geht.

Sein Lächeln war so weich und fein: wie Glanz auf altem Elfenbein, wie Heimweh, wie ein Weihnachtsschnein im dunkeln Dorf, wie Türkisstein, um den sich lauter Perlen reihn, wie Mondenschein auf einem lieben Buch.

VON DEN MÄDCHEN

I

Andere müssen auf langen Wegen zu den dunklen Dichtern gehn; fragen immer irgendwen, ob er nicht einen hat singen sehn oder Hände auf Saiten legen. Nur die Mädchen fragen nicht, welche Brücke zu Bildern führe; lächeln nur, lichter als Perlenschnüre, die man an Schalen von Silber hält.

Aus ihrem Leben geht jede Türe in einen Dichter und in die Welt.

II

Mädchen, Dichter sind, die von euch lernen das zu sagen, was ihr einsam seid; und sie lernen leben an euch Fernen, wie die Abende an großen Sternen sich gewöhnen an die Ewigkeit.

Keine darf sich je dem Dichter schenken, wenn sein Auge auch um Frauen bat: denn er kann euch nur als Mädchen denken: das Gefühl in euren Handgelenken würde brechen von Brokat.

Laßt ihn einsam sein in seinem Garten, wo er euch wie Ewige empfing auf den Wegen, die er täglich ging, bei den Bänken, welche schattig warten, und im Zimmer, wo die Laute hing.

Geht!... Es dunkelt. Seine Sinne suchen eure Stimme und Gestalt nicht mehr. Und die Wege liebt er lang und leer und kein Weißes unter dunklen Buchen,-- und die stumme Stube liebt er sehr. ... Eure Stimmen hört er ferne gehn (unter Menschen, die et müde meidet) und: sein zärtliches Gedenken leidet im Gefühle, daß euch viele sehn.

DAS LIED DER BILDSÄULE

Wer ist es, wer mich so liebt, daß er sein liebes Leben verstößt? Wenn einer für mich ertrinkt im Meer, so bin ich vom Steine zur Wiederkehr ins Leben, ins Leben erlöst.

Ich sehne mich so nach dem rauschenden Blut; der Stein ist so still. Ich träume vom Leben: das Leben ist gut. Hat keiner den Mut, durch den ich erwachen will?

Und werd ich einmal im Leben sein, das mir alles Goldenste gibt,-- * * * * * so werd ich allein , weinen, weinen nach meinem Stein. Was hilft mir mein Blut, wenn es reift wie der Wein? Es kann aus dem Meer nicht den Einen schrein, der mich am meisten geliebt.

DER WAHNSINN

Sie muß immer sinnen: Ich bin... ich bin.... Wer bist du denn, Marie? Eine Königin, eine Königin! In die Kniee vor mir, in die Knie!

Sie muß immer weinen: Ich war ... ich war.... Wer warst du denn, Marie? Ein Niemandskind, ganz arm und bar, und ich kann dir nicht sagen wie.

Und wurdest aus einem solchen Kind eine Fürstin, vor der man kniet? Weil die Dinge alle anders sind, als man sie beim Betteln sieht.

So haben die Dinge dich groß gemacht, und kannst du noch sagen wann? Eine Nacht, eine Nacht, über eine Nacht,-- und sie sprachen mich anders an. Ich trat in die Gasse hinaus und sieh: die ist wie mit Saiten bespannt; da wurde Marie Melodie, Melodie ... und tanzte von Rand zu Rand. Die Leute schlichen so ängstlich hin, wie hart an die Häuser gepflanzt,-- denn das darf doch nur eine Königin, daß sie tanzt in den Gassen: tanzt!...

DIE LIEBENDE

Ja, ich sehne mich nach dir. Ich gleite mich verlierend selbst mir aus der Hand, ohne Hoffnung, daß ich Das bestreite, was zu mir kommt wie aus deiner Seite ernst und unbeirrt und unverwandt.

... jene Zeiten: O wie war ich Eines, nichts was rief und nichts was mich verriet, meine Stille war wie eines Steines, über den der Bach sein Murmeln zieht.

Aber jetzt in diesen Frühlingswochen hat mich etwas langsam abgebrochen von dem unbewußten dunkeln Jahr. Etwas hat mein armes warmes Leben irgendeinem in die Hand gegeben, der nicht weiß, was ich noch gestern war.

DIE BRAUT

Ruf mich, Geliebter, ruf mich laut! Laß deine Braut nicht so lange am Fenster stehn. In den alten Platanenalleen wacht der Abend nicht mehr: sie sind leer.

Und kommst du mich nicht in das nächtliche Haus mit deiner Stimme verschließen, so muß ich mich aus meinen Händen hinaus in die Gärten des Dunkelblaus ergießen....

DIE STILLE

Hörst du, Geliebte, ich hebe die Hände-- hörst du: es rauscht.... Welche Gebärde der Einsamen fände sich nicht von vielen Dingen belauscht? Hörst du, Geliebte, ich schließe die Lider, und auch das ist Geräusch bis zu dir, hörst du, Geliebte, ich hebe sie wieder.... ... Aber warum bist du nicht hier.

Der Abdruck meiner kleinsten Bewegung bleibt in der seidenen Stille sichtbar; unvernichtbar drückt die geringste Erregung in den gespannten Vorhang der Ferne sich ein. Auf meinen Atemzügen heben und senken die Sterne sich. Zu meinen Lippen kommen die Düfte zur Tränke, und ich erkenne die Handgelenke entfernter Engel. Nur die ich denke: Dich seh ich nicht.

MUSIK

Was spielst du, Knabe? Durch die Gärten gings wie viele Schritte, flüsternde Befehle. Was spielst du, Knabe? Siehe, deine Seele verfing sich in den Stäben der Syrinx.

Was lockst du sie? Der Klang ist wie ein Kerker, darin sie sich versäumt und sich versehnt; stark ist dein Leben, doch dein Lied ist stärker, an deine Sehnsucht schluchzend angelehnt.--

Gib ihr ein Schweigen, daß die Seele leise heimkehre in das Flutende und Viele, darin sie lebte, wachsend, weit und weise, eh du sie zwangst in deine zarten Spiele.

Wie sie schon matter mit den Flügeln schlägt: So wirst du, Träumer, ihren Flug vergeuden, daß ihre Schwinge, vom Gesang zersägt, sie nicht mehr über meine Mauern trägt, wenn ich sie rufen werde zu den Freuden.

DIE ENGEL

Sie haben alle müde Münde und helle Seelen ohne Saum. Und eine Sehnsucht (wie nach Sünde) geht ihnen manchmal durch den Traum.

Fast gleichen sie einander alle; in Gottes Gärten schweigen sie, wie viele, viele Intervalle in seiner Macht und Melodie.

Nur wenn sie ihre Flügel breiten, sind sie die Wecker eines Winds: Als ginge Gott mit seinen weiten Bildhauerhänden durch die Seiten im dunklen Buch des Anbeginns.

DER SCHUTZENGEL

Du bist der Vogel, dessen Flügel kamen, wenn ich erwachte in der Nacht und rief. Nur mit den Armen rief ich, denn dein Namen ist wie ein Abgrund, tausend Nächte tief. Du bist der Schatten, drin ich still entschlief, und jeden Traum ersinnt in mir dein Samen,-- du bist das Bild, ich aber bin der Rahmen, der dich ergänzt in glänzendem Relief.

Wie nenn ich dich? Sieh, meine Lippen lahmen. Du bist der Anfang, der sich groß ergießt, ich bin das langsame und bange Amen, das deine Schönheit scheu beschließt.

Du hast mich oft aus dunklem Ruhn gerissen, wenn mir das Schlafen wie ein Grab erschien und wie Verlorengehen und Entfliehn,-- da hobst du mich aus Herzensfinsternissen und wolltest mich auf allen Türmen hissen wie Scharlachfahnen und wie Draperien.

Du: der von Wundern redet wie vom Wissen und von den Menschen wie von Melodien und von den Rosen: von Ereignissen, die flammend sich in deinem Blick vollziehn,-- du Seliger, wann nennst du einmal Ihn, aus dessen siebentem und letztem Tage noch immer Glanz auf deinem Flügelschlage verloren liegt. Befiehlst du, daß ich frage?

MARTYRINNEN

Martyrin ist sie. Und als harten Falls mit einem Ruck das Beil durch ihre kurze Jugend ging, da legte sich der feine rote Ring um ihren Hals und war der erste Schmuck, den sie mit einem fremden Lächeln nahm: aber auch den erträgt sie nur mit Scham. Und wenn sie schläft, muß ihre junge Schwester (die, kindisch noch, sich mit der Wunde schmückt von jenem Stein, der ihr die Stirn erdrückt,) die harten Arme um den Hals ihr halten, und oft im Traume fleht die andre: Fester, fester. Und da fällt es dem Kinde manchmal ein, die Stirne mit dem Bild von jenem Stein zu bergen in des sanften Nachtgewandes Falten, das von der Schwester Atmen hell sich hebt, voll wie ein Segel, das vom Winde lebt.

Das ist die Stunde, da sie heilig sind, die stille Jungfrau und das blasse Kind.

Da sind sie wieder wie vor allem Leide und schlafen arm und haben keinen Ruhm, und ihre Seelen sind wie weiße Seide, und von derselben Sehnsucht beben beide und fürchten sich vor ihrem Heldentum.

Und du kannst meinen: Wenn sie aus den Betten aufstünden bei dem nächsten Morgenlichte und, mit demselben träumenden Gesichte, die Gassen kämen in den kleinen Städten,-- es bliebe keiner hinter ihnen staunen, kein Fenster klirrte an den Häuserreihn, und nirgends bei den Frauen ging ein Raunen, und keines von den Kindern würde schrein. Sie schritten durch die Stille in den Hemden (die flachen Falten geben keinen Glanz) so fremd und dennoch keinem zum Befremden, so wie zu Festen, aber ohne Kranz.

DIE HEILIGE

Das Volk war durstig; also ging das eine durstlose Mädchen, ging die Steine um Wasser flehen für ein ganzes Volk. Doch ohne Zeichen blieb der Zweig der Weide, und sie ermattete am langen Gehn und dachte endlich nur, daß einer leide, (ein kranker Knabe, und sie hatten beide sich einmal abends ahnend angesehn). Da neigte sich die junge Weidenrute in ihren Händen dürstend wie ein Tier: jetzt ging sie blühend über ihrem Blute, und rauschend ging ihr Blut tief unter ihr.

KINDHEIT

Da rinnt der Schule lange Angst und Zeit mit Warten hin, mit lauter dumpfen Dingen. O Einsamkeit, o schweres Zeitverbringen.... Und dann hinaus: die Straßen sprühn und klingen, und auf den Plätzen die Fontänen springen, und in den Gärten wird die Welt so weit.-- Und durch das alles gehn im kleinen Kleid, ganz anders als die andern gehn und gingen--: O wunderliche Zeit, o Zeitverbringen, o Einsamkeit.

Und in das alles fern hinauszuschauen: Männer und Frauen; Männer, Männer, Frauen und Kinder, welche anders sind und bunt; und da ein Haus und dann und wann ein Hund und Schrecken lautlos wechselnd mit Vertrauen--: O Trauer ohne Sinn, o Traum, o Grauen, o Tiefe ohne Grund.

Und so zu spielen: Ball und Ring und Reifen in einem Garten, welcher sanft verblaßt, und manchmal die Erwachsenen zu streifen, blind und verwildert in des Haschens Hast, aber am Abend still, mit kleinen steifen Schritten nach Haus zu gehn, fest angefaßt--: O immer mehr entweichendes Begreifen, o Angst, o Last.

Und stundenlang am großen grauen Teiche mit einem kleinen Segelschiff zu knien; es zu vergessen, weil noch andre gleiche und schönere Segel durch die Ringe ziehn, und denken müssen an das kleine bleiche Gesicht, das sinkend aus dem Teiche schien--: O Kindheit, o entgleitende Vergleiche. Wohin? Wohin?

AUS EINER KINDHEIT

Das Dunkeln war wie Reichtum in dem Raume, darin der Knabe, sehr verheimlicht, saß. Und als die Mutter eintrat wie im Traume, erzitterte im stillen Schrank ein Glas. Sie fühlte, wie das Zimmer sie verriet, und küßte ihren Knaben: Bist du hier?... Dann schauten beide bang nach dem Klavier, denn manchen Abend hatte sie ein Lied, darin das Kind sich seltsam tief verfing.

Es saß sehr still. Sein großes Schauen hing an ihrer Hand, die ganz gebeugt vom Ringe, als ob sie schwer in Schneewehn ginge, über die weißen Tasten ging.

DER KNABE

Ich möchte einer werden so wie die, die durch die Nacht mit wilden Pferden fahren, mit Fackeln, die gleich aufgegangnen Haaren in ihres Jagens großem Winde wehn. Vorn möcht ich stehen wie in einem Kahne, groß und wie eine Fahne aufgerollt. Dunkel, aber mit einem Helm von Gold, der unruhig glänzt. Und hinter mir gereiht zehn Männer aus derselben Dunkelheit mit Helmen, die wie meiner unstät sind, bald klar wie Glas, bald dunkel, alt und blind. Und einer steht bei mir und bläst uns Raum mit der Trompete, welche blitzt und schreit, und bläst uns eine schwarze Einsamkeit, durch die wir rasen wie ein rascher Traum: die Häuser fallen hinter uns ins Knie, die Gassen biegen sich uns schief entgegen, die Plätze weichen aus: wir fassen sie, und unsre Rosse rauschen wie ein Regen.

DIE KONFIRMANDEN

(PARIS, IM MAI 1903)

In weißen Schleiern gehn die Konfirmanden tief in das neue Grün der Gärten ein. Sie haben ihre Kindheit überstanden, und was jetzt kommt, wird anders sein.

O kommt es denn! Beginnt jetzt nicht die Pause, das Warten auf den nächsten Stundenschlag? Das Fest ist aus, und es wird laut im Hause, und trauriger vergeht der Nachmittag....

Das war ein Aufstehn zu dem weißen Kleide und dann durch Gassen ein geschmücktes Gehn und eine Kirche, innen kühl wie Seide, und lange Kerzen waren wie Alleen, und alle Lichter schienen wie Geschmeide, von feierlichen Augen angesehn.

Und es war still, als der Gesang begann: Wie Wolken stieg er in der Wölbung an und wurde hell im Niederfall; und linder denn Regen fiel er in die weißen Kinder. Und wie im Wind bewegte sich ihr Weiß, und wurde leise bunt in seinen Falten und schien verborgne Blumen zu enthalten--: Blumen und Vögel, Sterne und Gestalten aus einem alten fernen Sagenkreis.

Und draußen war ein Tag aus Blau und Grün mit einem Ruf von Rot an hellen Stellen. Der Teich entfernte sich in kleinen Wellen, und mit dem Winde kam ein fernes Blühn und sang von Gärten draußen vor der Stadt.

Es war, als ob die Dinge sich bekränzten, sie standen licht, unendlich leicht besonnt; ein Fühlen war in jeder Häuserfront, und viele Fenster gingen auf und glänzten.

DAS ABENDMAHL

Sie sind versammelt, staunende Verstörte, am ihn, der wie ein Weiser sich beschließt, und der sich fortnimmt denen er gehörte, und der an ihnen fremd vörüberfließt. Die alte Einsamkeit kommt über ihn, die ihn erzog zu seinem tiefen Handeln; nun wird er wieder durch den Ölwald wandeln, und die ihn lieben, werden vor ihm fliehn.

Er hat sie zu dem letzten Tisch entboten und (wie ein Schuß die Vögel aus den Schoten scheucht) scheucht er ihre Hände aus den Broten mit seinem Wort: sie fliegen zu ihm her; sie flattern bange durch die Tafelrunde und suchen einen Ausgang. Aber er ist überall wie eine Dämmerstunde.

DES ERSTEN BUCHES ZWEITER TEIL

INITIALE

Aus unendlichen Sehnsüchten steigen endliche Taten wie schwache Fontänen, die sich zeitig und zitternd neigen. Aber, die sich uns sonst verschweigen, unsere fröhlichen Kräfte--zeigen sich in diesen tanzenden Tränen.

ZUM EINSCHLAFEN ZU SAGEN

Ich möchte jemanden einsingen, bei jemandem sitzen und sein. Ich möchte dich wiegen und kleinsingen und begleiten schlafaus und schlafein. Ich möchte der einzige sein im Haus, der wüßte: die Nacht war kalt. Und möchte horchen herein und hinaus in dich, in die Welt, in den Wald.-- Die Uhren rufen sich schlagend an, und man sieht der Zeit auf den Grund. Und unten geht noch ein fremder Mann und stört einen fremden Hund. Dahinter wird Stille. Ich habe groß die Augen auf dich gelegt; sie halten dich sanft und lassen dich los, wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt.

MENSCHEN BEI NACHT

Die Nächte sind nicht für die Menge gemacht. Von deinem Nachbar trennt dich die Nacht, und du sollst ihn nicht suchen trotzdem. Und machst du nachts deine Stube licht, um Menschen zu schauen ins Angesicht, so mußt du bedenken: wem.

Die Menschen sind furchtbar vom Licht entstellt, das von ihren Gesichtern träuft, und haben sie nachts sich zusammengesellt, so schaust du eine wankende Welt durcheinandergehäuft. Auf ihren Stirnen hat gelber Schein alle Gedanken verdrängt, in ihren Blicken flackert der Wein, an ihren Händen hängt die schwere Gebärde, mit der sie sich bei ihren Gesprächen verstehn; und dabei sagen sie: Ich und Ich und meinen: Irgendwen.

DER NACHBAR

Fremde Geige, gehst du mir nach? In wieviel fernen Städten schon sprach deine einsame Nacht zu meiner? Spielen dich Hunderte? Spielt dich einer?

Gibt es in allen großen Städten solche, die sich ohne dich schon in den Flüssen verloren hätten? Und warum trifft es immer mich?

Warum bin ich immer der Nachbar derer, die dich bange zwingen zu singen und zu sagen: Das Leben ist schwerer als die Schwere von allen Dingen?

PONT DU CARROUSEL

Der blinde Mann, der auf der Brücke steht, grau wie ein Markstein namenloser Reiche, er ist vielleicht das Ding, das immer gleiche, um das von fern die Sternenstunde geht und der Gestirne heller Mittelpunkt. Denn alles um ihn irrt und rinnt und prunkt.

Er ist der unbewegliche Gerechte, in viele wirre Wege hingestellt; der dunkle Eingang in die Unterwelt bei einem oberflächlichen Geschlechte.

DER EINSAME

Wie einer, der auf fremden Meeren fuhr, so bin ich bei den ewig Einheimischen; die vollen Tage stehn auf ihren Tischen, mir aber ist die Ferne voll Figur.

In mein Gesicht reicht eine Welt herein, die vielleicht unbewohnt ist wie ein Mond, sie aber lassen kein Gefühl allein, und alle ihre Worte sind bewohnt.

Die Dinge, die ich weither mit mir nahm, sehn selten aus, gehalten an das Ihre--: in ihrer großen Heimat sind sie Tiere, hier halten sie den Atem an vor Scham.

DIE ASCHANTI

(Jardin d'Acclimatation)

Keine Vision von fremden Ländern, kein Gefühl von braunen Frauen, die tanzen aus den fallenden Gewändern.

Keine wilde, fremde Melodie. Keine Lieder, die vom Blute stammten, und kein Blut, das aus den Tiefen schrie.

Keine braunen Mädchen, die sich samten breiteten in Tropenmüdigkeit; keine Augen, die wie Waffen flammten,

und die Munde zum Gelächter breit. Und ein wunderliches Sich-verstehen mit der hellen Menschen Eitelkeit.

Und mir war so bange hinzusehen.

O wie sind die Tiere so viel treuer, die in Gittern auf und nieder gehn, ohne Eintracht mit dem Treiben neuer fremder Dinge, die sie nicht verstehn; und sie brennen wie ein stilles Feuer leise aus und sinken in sich ein, teilnahmslos dem neuen Abenteuer und mit ihrem großen Blut allein.

DER LETZTE

Ich habe kein Vaterhaus und habe auch keines verloren; meine Mutter hat mich in die Welt hinaus geboren. Da steh ich nun in der Welt und geh in die Welt immer tiefer hinein und habe mein Glück und habe mein Weh und habe jedes allein. Und bin doch manch eines Erbe. Mit drei Zweigen hat mein Geschlecht geblüht auf sieben Schlössern im Wald und wurde seines Wappens müd und war schon viel zu alt;-- und was sie mir ließen und was ich erwerbe zum alten Besitze, ist heimatlos. In meinen Händen, in meinem Schoß muß ich es halten, bis ich sterbe. Denn was ich fortstelle, hinein in die Welt, fällt, ist wie auf eine Welle gestellt.

BANGNIS

Im welken Walde ist ein Vogelruf, der sinnlos scheint in diesem welken Walde. Und dennoch ruht der runde Vogelruf in dieser Weile, die ihn schuf, breit wie ein Himmel auf dem welken Walde. Gefügig räumt sich alles in den Schrei. Das ganze Land scheint lautlos drin zu liegen, der große Wind scheint sich hineinzuschmiegen, und die Minute, welche weiter will, ist bleich und still, als ob sie Dinge wüßte, an denen jeder sterben müßte, aus ihm herausgestiegen.

KLAGE

O wie ist alles fern und lange vergangen. Ich glaube, der Stern, von welchem ich Glanz empfange, ist seit Jahrtausenden tot. Ich glaube, im Boot, das vorüberfuhr, hörte ich etwas Banges sagen. Im Hause hat eine Uhr geschlagen.... In welchem Haus? ... Ich möchte aus meinem Herzen hinaus unter den großen Himmel treten. Ich möchte beten. Und einer von allen Sternen müßte wirklich noch sein. Ich glaube, ich wüßte, welcher allein gedauert hat, welcher wie eine weiße Stadt am Ende des Strahls in den Himmeln steht....

EINSAMKEIT

Die Einsamkeit ist wie ein Regen. Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen; von Ebenen, die fern sind und entlegen, geht sie zum Himmel, der sie immer hat. Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.

Regnet hernieder in den Zwitterstunden, wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen, und wenn die Leiber, welche nichts gefunden, enttäuscht und traurig voneinander lassen; und wenn die Menschen, die einander hassen, in einem Bett zusammen schlafen müssen:

dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen....

HERBSTTAG

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein; gib ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin und jage die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

ERINNERUNG

Und du wartest, erwartest das Eine, das dein Leben unendlich vermehrt; das Mächtige, Ungemeine, das Erwachen der Steine, Tiefen, dir zugekehrt.

Es dämmern im Bücherständer die Bände in Gold und Braun; und du denkst an durchfahrene Länder, an Bilder, an die Gewänder wiederverlorener Fraun.

Und da weißt du auf einmal: Das war es. Du erhebst dich, und vor dir steht eines vergangenen Jahres Angst und Gestalt und Gebet.

ENDE DES HERBSTES

Ich sehe seit einer Zeit, wie alles sich verwandelt. Etwas steht auf und handelt und tötet und tut Leid.

Von Mal zu Mal sind all die Gärten nicht dieselben; von den gilbenden zu der gelben langsamem Verfall: wie war der Weg mir weit.

Jetzt bin ich beiden leeren und schaue durch alle Alleen. Fast bis zu den fernen Meeren kann ich den ernsten schweren verwehrenden Himmel sehn.

HERBST

Die Blätter fallen, fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten; sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt. Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.

AM RANDE DER NACHT

Meine Stube und diese Weite, wach über nachtendem Land, - ist Eines. Ich bin eine Saite, über rauschende breite Resonanzen gespannt.