Part 6
Nach einer Weile musterte Onne, sich nähernd, sein mageres Gesicht, das unter ermüdeten Zügen eine entschlossene Wildheit hatte. Sie kannte diesen beinahe verschlafenen Zug um die Augen herum und das leicht getrübte Blau der Augen selbst, deren Blicke solange anteillos erscheinen konnten, bis jählings die aufflammende Leidenschaft sie weckte. Onne wußte wohl, wie leer das Herz und wie taub das Blut hinter den klaren wohlbestellten Augen sein kann, deren sauberen Blick die meisten Menschen lieben.
»Alle geben denselben Ratschlag«, sagte Fridlin dumpf. »Meint ihr denn, ich sei ohne Vernunft? Aber was hilft mir eure Einsicht.«
Onne blinzelte hinüber, es schien, als wünschte sich Fridlin nicht einmal, daß man ihm Glauben schenken möchte, er sprach seine Worte leblos in den ungewissen Wind. Da verstand sie, daß es zu spät für Ratschläge war.
»Anjekind ...«, sagte sie, legte ihre welken Hände ineinander und sah in die lautlose Natur, als habe sie sich an ihre Herrlichkeit gewandt.
Fridlin litt nach einer Weile unter Onnes Schweigen; als er forschend auf sie hinblickte, von der Stille geängstigt, erschien sie ihm greisenhafter als zuvor und abgekehrt von allem, was sie zusammengeführt hatte.
»Wie meintest du deine Worte, Mütterchen?«, fragte er unruhig. »Hat es mit Geroms Kind eine Bewandtnis, die unselig macht?«
Aber Onne antwortete ihm nicht mehr, ihr Gesicht war nicht zu erforschen, erloschen neigte es sich zu Boden, und der Morgenwind und das Licht, die ihr Spiel in den Büschen trieben, lockten sein Herz, um es aufs neue seinem Ungemach zu überlassen.
Neuntes Kapitel
Am neuen Tag weckten die rötlichen Strahlen der Sonne Anje, sie schlug ihre Augen auf, ohne sich zu regen, sie war in einem einzigen Augenblick wach und sich ihres Daseins ohne Benommenheit bewußt, aber sie rührte sich nicht, sondern blieb still so liegen, wie sie erwacht war, die eine Hand auf ihrem Herzen und die andere unter dem Kopf. Der Morgen zog in ihre Augen ein, mit dem kühlen Wind von den beschienenen Waldwipfeln und der Frische der Wiesen. Das rote Licht an der Wand rührte sich still, wie es draußen die Zweige der Bäume vor ihrem geöffneten Fenster taten, und Hirte schlief an der Türschwelle.
Anje dachte an das traurige Gesicht Fridlins. Nicht an ihn selbst, und kaum an das, was ihn um ihretwillen bewegen mochte, noch was seine Ansprüche vor ihr sein könnten, sondern sie sah nur das bleiche, abgemagerte Angesicht eines Menschen vor sich und dachte tief betroffen und bekümmert darüber nach, daß in der Welt Kräfte herrschen müßten, die solche Entstellung in die Züge der Menschen bringen konnten.
Es drängte sie, bald hinauszukommen in ihr vertrautes Land, fast empfand sie eine Befürchtung, dort möchte sich mancherlei verändert haben. Hirte erwachte durch ihre rasche Bewegung, erhob sich vorsichtig und reckte sich, wobei er Anje ansah.
»Hirte, bleib hier«, sagte sie und schritt eilig die Treppe nieder. Unten stand die Stubentür weit geöffnet, und die Sonne schien ins Haus. Gerom war fort, er mußte nur ganz kurze Zeit geschlafen haben, denn er kam von seinen nächtlichen Streifzügen für gewöhnlich erst in der Morgendämmerung heim. Er hatte Anje Milch neben das große Brot auf den Küchentisch gestellt und einige rotwangige Sommeräpfel, die noch naß vom Tau waren. Anje trank nur die Milch, ihre Augen trennten sich nicht vom Sonnenglanz, die Äpfel nahm sie nicht, aber sie legte sie beiseite, damit ihr Vater nicht glauben möchte, sie habe seine Gabe verschmäht, wenn er am Mittag vor ihr zurückkehrte.
Die Frische des Sommermorgens legte sich kühl auf Anjes Augen und Hände, sie belebte das Blut, das vom gesunden Schlaf noch müde war und vertrieb die bösen Gedanken. Im Gebüsch sang mit feiner Stimme eine Meise ihr helles Lied, Anje blieb stehn, sah empor zu dem kleinen Tier und atmete mit ihm die herrliche Luft und die unendliche Fülle des Lichts ein.
Als sie wieder dahinschritt, legten die Tropfen von den Gräsern sich auf ihre nackten Füße und der Tau der Sträucher badete ihre Stirn, die Pflanzen gaben ihr von der Überfülle ihrer Frische, stumm und freigebig, aus ihrem lebendigen Glück. Als das Buschwerk sich lichtete und die großen Stämme sich vom stillen Grund erhoben, breitete Anje ihre Arme aus und rief die Bäume. Es kam sie im Dahinschreiten ein Taumeln an, ihre junge Kraft wiegte und trug sie, so daß sie dahinzog wie die Vögel durch die Luft oder wie die Fische durch ihr klares Wasser. Sie preßte ihre Hände auf die Stelle ihrer Brust, unter der ihr Herz schlug, und neigte sich, wie durch die Fülle des Lichts trunken gemacht, gegen die strahlende Morgensonne, wie sie es von den Zweigen und Blumen im ersten Wind gesehen hatte, der sich erhob, wenn die Sonne aufging. Das Lächeln, das ihr kindliches Angesicht verklärte, war von unaussprechlicher Traurigkeit, wie das Übermaß der Freude sie der Seele gibt.
Hier wuchs im Walde dichtes Moos, auf dessen dunkelgrünem Teppich die Füße lautlos schritten und sanft gebettet wurden, und über ihr regten sich die Wipfel unvernehmbar, die Blätter berührten einander oben in ihrer freien Höhe, von der sie das Land überschauten.
Als Anje an die Moortümpel der Altwasser kam, sah sie im Sumpf eine Giftschlange, die sich behaglich aus ihrem feuchten Versteck zu einem beschienenen Erdflecken wand, der schon von der Sonne erwärmt worden war. Das Mädchen verharrte lautlos auf ihrem Stand, in ihre hellen Augen kam ein kaltes Licht, und ihr Gesicht zeichnete sich nun durch entschlossene Härte aus. Dabei beobachtete sie die gelassenen Windungen des gefährlichen Tiers mit gespannter Aufmerksamkeit. Es war seltsam ergreifend zu betrachten, wie der nachgeschobene Teil des biegsamen Körpers genau den Weg des vorangeglittenen Teils einhielt, so daß er wie auf seiner eigenen Spur verschwand und so, daß seine Bewegungen in der reglosen Umgebung kaum auffielen. Als das schön gezeichnete Tier den Ort gewählt hatte, der ihm willkommen war, rollte es sich gemächlich langsam zusammen. Der böse Kopf mit der spielenden Zunge hob sich blinzelnd gegen das warme Licht, als prüfe es seine goldene Wohltat in feinem Genuß, und dann ruhte ein rundes, zackig geschmücktes Ornament am Boden, kaum von der Erdfarbe unterschieden und im Spiel des Sonnenlichts geschützt.
Mit dem Ausdruck einer koboldhaften Bosheit im Gesicht zog Anje sich langsam in den Schatten zurück, umschlich einen Schlehnbusch, um zur Böschung des Wassers zu gelangen, und löste vorsichtig zwei Steine aus dem Ufergrund. Dann warf sie ihren Kittel ab und wickelte ihn plump und fest um ihre linke Hand, preßte damit den einen Stein an ihre Brust und hob den anderen mit der rechten. So schlich sie langsam wieder hinzu und faßte ihre Gegnerin fest ins Auge, es funkelte böse aus den grauen Lichtgründen unter den feinen Brauen. Als sie so dicht herangelangt war, daß nur noch drei Schritte sie von der Schlange trennten, wandte das Tier mit einer kaum merkbaren Bewegung das platte Köpfchen und sah Anje an. Die winzigen Äuglein waren von überraschender Wachheit, aufmerksam und wild, wie auch die Augen ihrer Gegnerin. Es war ein Augenblick voll mächtiger Anspannung und Anje wußte, daß sie nun keine Bewegung mehr machen durfte. Aber sie fürchtete sich nicht, sondern ihre Sorge war nur, die Feindin möchte ihr entgehen, so empfand sie auch ihren ungeschützten Körper nur als von jeder Hemmung befreit und glühte vor Gier, den tödlichen Wurf zu tun. Leise wog sie den Stein, aber ohne zu zielen, denn sie wußte gut, daß die Augen ihrem Arm nur Dienste leisteten und daß die geschwungene Hand ihr eigenes Geschick hatte.
Ihr Stein traf das gedämpfte, zackige Bunt in der Mitte, und nach dem dumpfen Aufschlag begann ein lautloses Wälzen in einem rasch und schmerzhaft gewundenen Knäuel. Das tödlich verwundete Tier bewegte sich nicht mehr vom Fleck, es erschien, als suchte es in Todeswindungen einen Weg zu sich selbst, als trachtete es sterbensgierig danach sich in den Abgrund seiner eigenen Schmerzen zu wühlen.
Anje war einen Schritt näher getreten, hatte ihren Kittel fortgeworfen und sich auf die Zehen erhoben. Unter den gewölbten Brauen senkten sich ihre hellen Augenlider und ließen den Blick durch einen winzigen Spalt zu der sterbenden Gegnerin nieder. Dabei hielt sie die Arme starr an den Körper gepreßt, nur die bewegten Finger schienen, weit abgespreizt, entfliehen zu wollen, und verrieten ihre innere Erregtheit. Sie drückte ihre Knie dabei fest aneinander und ihre Lippen spielten im grausigen und süßen Takt einer Sinnenfreude, die an der Grenze der Bewußtlosigkeit flackerte.
Der Morgensonnenschein, bewegt durch die Blätter der Zweige, in denen er einen Teil seines goldenen Glanzes hängen ließ, spielte in fühllosem Frohsinn auf Anjes schimmernden Schultern und über den letzten Regungen der sterbenden Schlange. Da rief ein Häher im nahen Busch und schoß mit wenig Flügelschlägen über das Wasser des Gurdelbachs in die Birken. Anje fuhr empor, wie aus dem Bann eines heißen Traums erwacht und ihre erschrockenen Augen folgten dem Vogel. Sie atmete tief auf und lächelte hilflos.
Da sah sie drüben am Ufer, dicht vor einer Krümmung des Bachs, Onne unter den Bäumen, ihr rotes Kopftuch bewegte sich nahe über dem Boden langsam voran. Anjes Angesicht hellte sich auf, sie schlüpfte rasch in ihren Kittel, hob die Hände an den Mund und mit ihrer seltsam tiefen Kinderstimme begann sie ihr Lied an den Morgenwind:
Du kommst über die Wiesen zu mir in mein Haar, Der Tau fällt nieder; nun kommt die Sonne!
Drüben richtete Onne sich mühsam auf, sie suchte mit einer Hand Halt an einem Baum und schützte mit der anderen ihre alten Augen. Ihr welkes Gesicht erstrahlte, aber ehe sie noch eine Antwort geben konnte, rauschte das Bachwasser sprühend auf, so daß der Sonnenschein über der Flut, wie in hellem Schrecken, glitzernd emporsprang, und Anje stand vor ihr und lachte glücklich.
Zehntes Kapitel
Der Herbst kam langsam über die Landschaften der Einöde wie ein schwermütiger Entschluß Gottes, aber es gab noch sommerlich durchwärmte Tage von großer Klarheit und in den Gründen des Einödmoors zögerte der Sommer mit seinem Abschied.
Die alte Onne saß eines Tages in der Morgensonne am Ufer des Gurdelbachs gegen einen Birkenstamm gestützt im Todesschatten ihrer versunkenen Zeit, den Bedrängnissen des irdischen Lebens entrückt. Sie lächelte vor sich hin und die unbekümmerte Natur nahm die neue Ruhe geduldig an. Onnes Gesicht war nun ganz zusammengesunken, es sah über dem an die Brust gezogenen Arm den Erdboden an, dem es glich, und die andere herabhängende Hand berührte das Waldlaub. An diesem Platz am Bach, nahe der Landstraße, hatte ihr Leben sich beschlossen, das vor langer Zeit in anderen Gegenden begonnen hatte, und das sie unter Menschenangst und -hoffnung in die Verlassenheit der Alternden geleitet hatte, bis in den Frieden des Alters. Wie ein Wunder leuchtete über der verbrauchten Hülle ihres Geistes ein zufriedenes Lächeln, als sei ihr mit ihrer Trennung vom irdischen Gut die Erfüllung einer großen Pflicht gelungen.
Anje schlief an diesem Morgen noch in Onnes Hütte im Laub am Herd, und Hirte ging durch die Büsche vor dem Haus und betrachtete die Beeren der Ebereschen, die wie ein roter Schatten rings um die Stämme herum auf dem Boden lagen. Hirte war sichtlich gealtert, sein Gang hatte bisweilen etwas Schleppendes, und er schlief in den Morgenstunden nicht mehr recht, wie es alten Leuten oft geht, die des Morgens immer zuerst auf den Plätzen umhergehen oder vor den Häusern in der Frühsonne sitzen.
Der Blätterfall beschäftigte ihn, die welken Sommergäste kamen unauffällig von ihren hohen Sitzen herab, schaukelten rötlich oder gelb durch die stille Luft, aber am Boden ließen sich keine Bewegungen mehr feststellen, so aufmerksam man ihren letzten Weg auch bis zu Ende verfolgte. Hirte konnte sich nicht mehr entschließen, sie auf ihrem Weg zu fangen, wie er es in seiner Jugend getan hatte, er sah ihnen zu und dachte darüber nach, daß es in jedem Jahr das gleiche Schauspiel gab. Er sah in den Wald hinein, soweit er es noch konnte, aber im Nebel ließ sich wenig erkennen, man mußte abwarten, bis das Licht an Kraft zugenommen hatte.
Er wußte, daß Onne am Abend nicht nach Hause gekommen war, aber irgend etwas beunruhigte ihn mehr und mehr; hätte Anje nicht so fest geschlafen, würde er seinem Gelüste nachgekommen sein, seiner seltsamen Traurigkeit in leisem Heulen Ausdruck zu geben.
Er ging an die Tür der Hütte und sah vorsichtig von der Schwelle aus hinein. Etwas Sonnenrot drang in den Raum und legte sich feierlich auf die verräucherten Gesimse, so daß die beiden Kupferkessel ein stilles Glühn begannen. Anje schlief immer noch. Ihr Haar lag hell im braunen Laub und die eine Hand ruhte auf ihrem Herzen, die andere lag unter ihrer heißen Wange, und das Gesicht sah ernst und beschäftigt aus. Hirte begriff, wie wichtig der Schlaf war, hielt den Kopf schräg und dachte an Anje. Schließlich war sie alles, was er hatte. Andere Hunde lebten in Dörfern, begleiteten Reiter oder bewachten Fuhrwerke, zwischen den Rädern oder vom Bock aus. Nicht daß Hirte den Wunsch nach Anschluß an seinesgleichen gehabt hätte, aber man sah doch allerlei und verglich die Pflichten. Je länger er Anje betrachtete, um so freundlicher erschien ihm sein Geschick, das Überfluß an Glücksgütern hatte, und er wedelte in Gedanken und ging wieder hinaus, es mußte abgewartet werden, ob Anje bald erwachte.
Draußen befiel ihn wieder diese seltsame Beunruhigung, es drängte ihn in den Wald, er wußte nicht wohin. Er ließ den Morgenwind um seine schwarze Nase streifen und atmete die Luft stoßweise ein. Ohne es recht zu wollen, brach er in langgezogenes Heulen aus, in dem er seine eigene Stimme kaum wiedererkannte. Als er sich umwandte, stand Anje in der Tür, in der Morgensonne, rieb sich die Augen und griff dann mit beiden Händen in ihr Haar, ihr Körper atmete Kraft und Frische aus, und ihre grauen Augen leuchteten wie aus eigenen Lichtgründen.
Sie schritt rasch zum Brunnen und der Klang des hölzernen Pumpenschwengels vermischte sich mit dem Sprudeln des fallenden Wassers. Hirte war es gewohnt, daß er nicht beachtet wurde, und schaute andächtig zu, wie Anje sich wusch, aber die heimliche Besorgnis quälte ihn und er ging mit sich zu Rate, ob er nicht Anje aufmerksam machen müsse, daß ein Geheimnis den Wald erfüllte.
Da Anje gewohnt war, beim Erwachen Onne nicht mehr vorzufinden, bemerkte sie erst am Herd, daß die Alte die Nacht nicht in der Hütte zugebracht hatte, sie sah nachdenklich hinaus und dann haftete ihr Blick am Boden. Die Nächte waren kühl und lang. Besorgt betrachtete sie den Hund und entsann sich seiner Stimme, die sie geweckt hatte. Sie legte ihr blondes Haar rasch zusammen, teilte ihr Brot mit Hirte, und gleich darauf gingen beide miteinander durch das nasse Gras, bis die Waldschatten sie aufnahmen. Das leere Haus blieb still zurück, und die Morgenluft drang durch die offene Tür in den Raum, in dem das vergessene Feuer langsam erlosch. --
Als Anje die alte Onne in ihrer eingesunkenen Lage am Bach fand, wagte sie nicht, sich ihr zu nähern, ihr war, als ob ein kühler Windzug ihre Stirn streifte, und aus dieser Ruhe sah es sie wie mit dunklen Augen an. Sie umschlang einen Baumstamm mit dem Arm und beugte sich in einem Zustand von unbeschreiblicher Angst vor. Sie wollte rufen, aber ihre Stimme war lautlos geworden. Hirte stand zitternd neben ihr und sog die Luft mit kläglichem Winseln ein. Aber ihre Liebe trieb sie hinzu, sie schlich bebend heran, langsam und Schritt für Schritt; ihre Bedrängnis war so groß, daß es ihr erschien, als klänge die Luft in einem schmerzenden Sausen. Endlich war sie ganz nah bei der Ruhenden angelangt und legte atemlos die Spitzen ihrer Finger auf Onnes Hand. Die welken Finger im Laub rückten ein wenig beiseit und waren so kalt wie das Tauwasser der Pflanzen, die geöffneten Augen hatten kein Licht mehr.
Da löste sich Anjes Stimme zu einem Klagegeschrei, das den ganzen Wald erfüllte. Hirte sprang auf und verkroch sich winselnd im Gebüsch. Anje wurde von einem Entsetzen gerüttelt, das nicht seinesgleichen unter den Gefühlen der Menschen hat, sie entäußerte sich ihres ganzen Selbst in dieser Klage, die kaum etwas Menschliches hatte und die Hilflosigkeit der Verdammten zum Himmel emportrug. Die leere Finsternis des Todes überströmte und begrub ihre Sinne und das Bewußtsein jener furchtbaren Menschenohnmacht, die die Glaubenden befällt, wenn Gottes Angesicht sich abwendet, und die nur starke Naturen in ihrer höllischen Bedrohung kennen.
Endlich richtete sie sich wie aus einer Betäubung auf, und der ganze Wald war tot. Ein furchtbares Schweigen umfing sie, und ihr war, als hätten alle Lebendigen des Waldes ihre Sinne verloren, die den ihren geglichen hatten. Mit herabhängenden Armen stand Anje verlassen da und weinte laut. Sie sah durch den Flor ihrer Tränen auf Onne herab, und die entwürdigende Qual einer tiefen Schuld zerriß ihr Gemüt immer aufs neue.
So fand ihr Vater sie endlich, eingeschlafen, den Kopf in den Schoß der toten Onne gebettet und den Arm um ihren Hals geschlungen, er hob sie wortlos auf und trug sie heim, als gäbe es keine andere Heilung.
* * * * *
Nun war es nacht, als Anje auf ihrem Bett erwachte, und der Mond schien ins Zimmer, sie erhob sich und ging durch das stille Haus. Ihr Vater war fort, in seiner Stube lag auf dem Bett Onne aufgebahrt und hielt in den zusammengelegten Händen kleine Blumen, die emporstanden, als ob sie eingepflanzt seien. Die Fenster waren weit geöffnet und draußen zog die Nacht vorüber.
Anje setzte sich auf einen Stuhl neben das Totenbett. Der Mond schien auf Onnes geschlossene Lider, die sehr tief in das Gesicht eingesunken waren. Jetzt war es wieder Nacht, und nachts gab es für Anje keine fremden Menschen. Sie ahnte, wie die Erde sich unaufhörlich bewegte, entgegen dem Stern Merkur, den Onne ihr gezeigt hatte, und dachte:
Du, andere, ich, mit euch allen mache ich die herrliche Reise, Tag und Nacht, Nacht und Tag.
Elftes Kapitel
Am Tage darauf ging Gerom morgens nach Gorching. Dieser schwere Weg, den er seit vielen Jahren nicht mehr gemacht hatte, war seine letzte Darbietung an Onne, er machte ihn ihr zulieb, und deshalb brachte er es über sich. Aber je weiter er in der leblosen Morgensonne dahinschritt, die rötlich und ohne Glanz im Himmelsdunst hing, um so mehr erkannte er, daß Onne ihr letzter Weg leichter gewesen sein mochte, als ihm der seine war.
Das kahle Land beängstigte sein Gemüt, es gab ihn preis, er vermißte das Dach der Bäume über seinem Haupt, das er eine vergessene Zahl von Jahren als Schutz über sich gewußt hatte, und die Windstimmen der Büsche und Pflanzen. Mit derben Schritten ging er, wie zu einem Angriff gerüstet, dahin, den Ansiedlungen der Menschen entgegen. Seine Lippen verzog ein höhnisches Lächeln, und sein versunkener Blick war scheu und zornig. Er schritt immer hart an den Straßenbirken dahin und berührte die eine oder andere mit seiner Hand, als ob er sie befragte. Einmal fand er Onnes Wagenspuren im feuchten Erdreich am Grabenhang und lächelte spärlich. Es begegnete ihm niemand, bis er vor seinem Hof anlangte. Für einen Augenblick erschien ihm sein Leben, von jenem Tag an, an welchem er Angelika vor seinem Hause angetroffen hatte, bis zu dieser Stunde, wie ein eilender Traum, so flüchtig dahingegangen, daß nur weniges sich dem Gedächtnis eingeprägt hatte, aber alsdann begannen die Dinge, die er erblickte, zu ihm zu reden.
Die graue Mauer war hier und da ausgebessert worden, und es war eine Scheune hinzugekommen, auch sie war weiß getüncht, wie die übrigen Wirtschaftsgebäude, und mit Stroh gedeckt. Das Wohnhaus erschien ihm kleiner, als er es in der Erinnerung bewahrt hatte, die Akazien der Einfahrt, die Treppe und die bewachsene Hauswand nötigten ihm ein fragendes Lächeln ab, sie erschienen ihm sinnlos geziert, aufgeputzt für vergängliche Menschlein. Nur die schwarzen Tannen aus dem Garten, die gealterten Wahrzeichen der Ansiedlung, sahen ihn ehrfurchtgebietend an, und in der Spitze der Pappel bewegten sich die Blätter, in ihnen erhob sich der Morgenwind vor Tagesgraun.
Gerom sah das Fenster an, aus dem sich einst Angelika gebeugt hatte, um ihn zu begrüßen, wenn er von den Feldern heimkehrte. Auf dem Gesimse standen Blumentöpfe mit leuchtenden Blüten, und die Vorhänge hinter ihnen zeigten einen knappen, lächerlichen Schwung. Ein junger Bauer in wohlbestelltem Gewand trat nach einer Weile aus einem der Wirtschaftsgebäude, er pfiff und sah zum Dach hinauf. Als er den merkwürdig gekleideten Fremden am Tor der Einfahrt erblickte, musterte er ihn erstaunt und schien zu schwanken, ob er ihn nach seinem Begehr fragen sollte, aber er schritt weiter, deutlich erfreut über die Beachtung, die seine Habe bei anderen fand. Als er um die Hausecke verschwunden war, ließ ein Schwarm weißer Tauben sich auf dem Rasenrund der Einfahrt nieder.
Im Weiterschreiten wurde Gerom weicher ums Herz, denn es gesellte sich seinen Empfindungen die Erhobenheit hinzu, die Menschen bewegt, die sich auf der Reise befinden. Angelika begleitete ihn. Ich wünsche, daß Gott dich möchte in Frieden halten nach der Unruhe deines Lebens, dachte er. Die weiten Felder wechselten, zumeist waren sie schon gemäht, nur die Wiesen erschienen noch lebensvoll in ihrem satten Grün. Es begann sich mehr und mehr zu trüben, bis ein milder Regen niederging. Das Erdland, das den letzten Sommer, seine Erinnerungen und seine Toten trug, rauschte geheimnisvoll unter den Berührungen der Wolken. Gerom betrachtete den genäßten Staub der Straße, und der Gedanke überwältigte ihn, daß Angelikas Füße diesen Weg einst betreten hatten. Einmal war sie ihn gegangen, um in sein Leben zu finden, ein anderes Mal, um großen Schmerz hineinzutragen.
Als Gerom die breite gepflasterte Straße mitten durch Gorching ging, zur Rechten und Linken die Häuser und vor sich den spitzen Turm der Kirche, wußte er unter den Menschen plötzlich wieder, daß er ein Mörder war. Er schritt düster dahin bis zum Pfarrhof und begrüßte niemanden, seine Fäuste zitterten unter seinem Zorn und er machte ungelenke Schritte, aber da erschien ihm, wie vor seinen Augen, der Frühlingswald am Gurdelbach, und die Weiden blühten. Mitten darin stand sein Kind und bog die Zweige zur Seite, um in sein Gesicht sehn zu können. Er fühlte ihr Lächeln wie wärmendes Licht nahen, und ein inniger Glaube verwandelte sein Herz bis zur Glückseligkeit, er erhob sein Haupt und seine Augen befreiten Sinns, und aller Groll wich von ihm.
* * * * *
Onne wurde nun in die Erde des Gorchinger Friedhofs gebettet. Ein Kreuz auf ihrem Grabhügel, dessen Balken in der Mitte durch ein hölzernes Kreisrund verbunden waren, trug nach Geroms Willen die Worte eines Liedes, das er aus seiner Jugend in der Erinnerung hatte:
Von dem Baum, der sich entlaubt, tropft ein Blatt auch auf dein Haupt. Laß die Hand und halte still, laß es liegen, wie es will.
Gerom und sein Kind waren nicht zur Bestattung nach Gorching gekommen. Das Wunderspiel von Furcht und Hoffnung verwob die Ausgeschiedenen aufs neue in seine Dämmerwelt. Es erschien den meisten der Anwesenden, als könnte diese Bestattung nicht verlaufen wie jede andere; mit der alten Frau wurde ihnen viel mehr zu Grabe getragen als die irdischen Überreste einer Verschiedenen, diese späte Tat des Todes verwirrte ihre Gemüter, als sei ein Teil des Waldes dahingesunken, oder eine Kluft in ihre Weltbetrachtung gerissen worden. Als nach einer Weile Fridlin erschien und in den Gruppen umhersuchte, als handelte es sich nicht um ein feierliches Begebnis, sondern um ein ratloses Verhandeln über ein verlorenes Gut, war der Rest der unsicheren Andacht zerstört.
Das ausgezehrte Gesicht Fridlins war von Schmerzen entstellt, er warf sich endlich nieder und rief Onne am offenen Grab mit verwirrten Worten an.
»Wie hast du es gemeint,« rief er unter Schluchzen, »was hast du im Wald von Anje gehört?«