Part 5
Dem Schreitenden war zumut, als dränge er mehr und mehr in die Bereiche einer ganz neuen Welt vor. So mag es von Ursprung her auf der Erde gewesen sein, dachte er. Es bedrängte ihn eine Scheu, die ihm zuweilen den freien Atem benahm, und er fürchtete sich vor dem Geräusch seiner Schritte. Der Weg führte über eine morsche Holzbrücke, die ohne Geländer und grob gefügt war, jenseits in einen Tannenwald. Im roten Dämmerlicht zwischen den alten Stämmen, die sehr dicht standen, vernahm er auf dem Nadelteppich den Klang seines Fußes nicht mehr. Es war totenstill umher, auf dem Boden wuchs kein Hälmchen, alles schien in der Grabesruhe erstorben zu sein, die herrschte. Hier und dort hatte ein scharlachrot leuchtender Pilz sich aus dem Nadelteppich erhoben. Es kam ein Birkenwald, dessen weißliches Moderlicht unwirklich glomm nach der dunklen Versunkenheit der Tannennacht. Ihm kam dieser Schein wie jenes tote Leuchten vor, das er aus seiner Knabenzeit kannte, wenn er, lange im Sonnenschein liegend, die Augen geschlossen hatte und sie dann öffnete. Der Boden war hügelig und voller Sumpflöcher, weiße Stämme, die umgesunken waren, faulten im Grund, der fahle Silberhauch dieser Waldferne betörte das Auge, er wirkte bald nah, bald unerreichbar fern.
Da lauschte er beklommen auf, die Einöde erklang. Er begriff nicht, was ihm zu Ohren drang, und ein jähes Entsetzen ließ sein Blut stocken; er griff an sein Herz, und ein Zittern kam ihn an. Es tönte melancholisch und in wortlosen, beinahe tierhaften Klagelauten auf und schloß weich und trauervoll in einem langgezogenen, unaussprechlich holden Versinken der Klänge in Wind und Weite und Dämmergrün.
»Was ist das, was ich höre?« stammelte er und fühlte, daß seine Lippen kalt und leblos wurden. Er verstand nicht, was ihn an diesen gesungenen Tönen so mächtig ergriff, diese Klage kam fremdartig heran, menschlich und doch wie aus Bereichen des Unbewußten, aus dunkler Ferne und doch vertraut.
Da sah er am Ufer des Gurdelbachs ein Mädchen sitzen, sie war es, die gesungen hatte, ein unscheinbares Geschöpf, beinahe noch ein Kind, mit hellem Haar und in einem grauen Kittel. Als er auf sie zutrat, sah sie ihn an, ohne mehr zu rühren als den Kopf, den sie ihm langsam zuwandte.
Anje Gerom konnte es nicht sein. Er stand noch im Bann des seltsamen Singsangs, den er eben gehört hatte, und sein Blut gaukelte ihm törichte Bilder vor. Anje Gerom ist ein großes Mädchen im weißen Gewand, mit langem Blondhaar und einem feierlichen Schritt, dachte er. Sie ist schlank und würdig, die Rehe flüchten nicht, wenn sie einherschreitet, und ihre milden Augen streun Frieden aus, wie der Mai Blumen. Jedoch dies dort ist eine kleine Wildkatze, sie schaut mich an, als dächte sie an ihre Krallen, und sie ist häßlich, weiß Gott, recht häßlich ist sie. Ihre tiefe Stimme klang ihm im Blut nach. Es ist das Kind eines Torfstechers, dachte er unsicher, und plötzlich zog es ihm durch den Sinn: die Sonne scheint, sei gepriesen, Vater im Himmel.
Er trat auf das Kind zu.
»Ich möchte das Haus Vinzenz Geroms finden, wer bist du, Kind? Sieh mich an.«
Das Gesicht des Mädchens, das nun nah vor ihm am Hang kauerte, blieb ruhig und unberührt. Was konnte dem Pfarrer daran gelegen sein, es zu würdigen? Menschen, deren Einfluß wahrhaft bedeutungsvoll werden kann, fallen uns für gewöhnlich nicht sonderlich auf, weil die Gebärde der ruhenden Kraft in den meisten Fällen arglos ist.
»Ich möchte Geroms Haus finden,« begann er etwas unsicher von neuem, »kannst du mich führen?«
Das Mädchen betrachtete ihn eine Weile stumm und sagte dann einfach: »Ja.«
Er setzte sich ihr gegenüber, kaum daß er es gewollt hatte, nun war es geschehn und mochte so bleiben. Das Wasser zog mit leisem Rauschen dahin, es flimmerte durch das Schilf, das sich nicht bewegte, die Bäume standen auf stillem Grund, ließen den Duft des Waldes aus und den gedämpften Sonnenschein ein. Das Mädchen ließ sein Handeln zu und betrachtete ihn ohne Neugierde, wie es ihm schien, und ohne Scheu; aber alles umher, wie auch sie selbst, ließ ihn eigenartig allein. Er sah sich um, als suchte er nach irgendeinem Beistand, endlich fragte er sie, wer sie sei, und sie antwortete ihm:
»Ich bin Anje, Geroms Kind.«
Ihr gelbes Haar war heller als der feine Ton ihres Gesichts, es wirkte fast grell und schien ein wenig rauh, obgleich es im Licht glänzte, man hätte mit der Hand darüber hinfahren müssen, um es zu prüfen. Ihre Stirn war niedrig und die Augen lagen etwas schräg, als hätten die zarten Backenknochen, die deutlich sichtbar waren, sie in den äußeren Winkeln um ein kleines emporgedrängt. Was machte ihr Gesicht so rührend hilflos? Sicher nicht der breite Mund oder die kindliche Nase, die beinahe etwas frech wirkte, nein, es waren die Linien ihrer Wangen und das kleine Kinn.
Eigentlich ist sie häßlich, sagte sich der Pfarrer finster, aber man muß trachten, ihr Liebes zu erweisen, sie wird dankbar dafür sein. Der zierliche Körper ...
Er hielt in seiner Betrachtung jählings inne, verwirrte sich und stammelte in großem Ungeschick, es wäre Zeit, es sei gut, gleich aufzubrechen, denn der Weg wäre recht lang. Dabei verfiel er in einen derben und väterlichen Ton, dessen er sich zugleich schämte.
Es blieb feierlich still im Wald, Anje hatte ihre Haltung geändert, er sah ihre bloßen Füße im Moos. Er selbst war aufgestanden und hatte sich an den Stamm einer Birke gelehnt. Mit gerunzelter Stirn, und scheinbar ernst mit sich selbst beschäftigt, sah er forschend in die Waldferne, aber seine große Hand verwirrte sich an seiner Halsbinde und an seiner Stirn.
»So komm denn nun ...«, sagte er streng.
Ein kleiner Ast fiel aus dem Baum nieder, unter dem die beiden warteten, er sank auf eine bemooste Stelle des Waldbodens, um dort für immer liegenzubleiben, geduldig zog das Wasser seinen Weg und die Sonne sah es an.
Es war dem jungen Pfarrer von nun an, als führte ein fremder Wille ihn geheimnisvoll durch ein unbekanntes Reich. Er entsann sich später der Ereignisse, die nun eintraten, wie man an die unbegreifliche Klarheit eines Traumbilds zurückdenkt, und doch ist alles einfach und verständlich gewesen; sein Gang durch die Schwüle des Walddickichts, der Ruf der Sumpfvögel und Anjes weicher Tritt. Er hatte sich über ihren Eifer gefreut und über die besonnene Sicherheit ihres Tuns. Sie ging immer vor ihm her und sprach nicht, bald sah er ihre Gestalt in den gelbgrünen Rutennetzen der Weidenbüsche, dann glitt sie zwischen dunklen Stämmen dahin, unverständlich hell in der Schattendämmerung des großen Walddoms, den Glanz des gedämpften Sonnenscheins in ihren Haaren. Aber mehr und mehr war ihm, als gelte es, Unnennbares zu verstehen und dem Herzen zuzuführen, ein quälendes Unbehagen in seiner Brust nahm überhand, und ihm erschien es, als kämpfte sein Herz in ziellosem Drängen vor unsichtbaren Hindernissen um verlorene Rechte.
»Führst du mich zu deinem Vater?«, fragte er einmal beinahe bescheiden, sie gingen nun schon viel länger als eine Stunde. Sie sah sich um, blieb stehn und ließ ihre Augen in seinen ruhn, ein lebendiges Rätsel tat sich ihm stumm in unschuldigem Glanz auf.
»Nun?«, fragte er überfreundlich und griff fast täppisch zu, »wollen wir Hand in Hand gehen?« Sie war ihm schon wieder um vieles voraus. »An diesem schönen Tag ...«, fügte er noch hinzu, und fast wäre er über eine der Baumwurzeln gestolpert, die wie Schlangenleiber aus dem weichen Boden quollen und in die Farne krochen. Nein, dazu war sie schon viel zu groß. Als er nach einer Weile auf besserem Boden ein wenig aufatmete, ging er ernstlich mit sich zu Rate, auf welche Art für die Erziehung dieses Mädchens etwas getan werden könnte.
Aber als im Sumpfgelände, nach einer langen, vielfach verschlungenen Bahn, sein Fuß in den feuchten Boden einsank und er, mit beiden Armen die Zweige der Lärchen und das Buschwerk zerteilend, mühsam durch das schilfartige Gras dahintappte, war Anje plötzlich verschwunden. Er rief laut ihren Namen, aber er erhielt keine Antwort und fand sich nicht mehr zurecht.
Erst am Mittag des kommenden Tages gelang es ihm, sich mit großer Mühe und zu Tode erschöpft nach Gorching zurückzufinden; die Nacht, die er in Angst und Unfrieden allein in der Wildnis verbringen mußte, ließ einen Schatten ihrer Finsternis in seinem Gemüt zurück. Erst viel später in seinem Leben, als längst das Anjekind nicht mehr sang, lernte er ein karges Lächeln bei der Erinnerung an diese Begegnung, aber dieses Lächeln war von jener Wehmut, mit der die Natur die Menschen trösten kann, deren Gemüt sie den Ausweg zu Klarheit und Vollendung verschließt.
Achtes Kapitel
Eines Nachts erwachte Anje und sah im Mondlicht ihren Vater aus der Haustüre treten und den Himmel mustern. Er trug eine Jagdbüchse in der hängenden Hand und ein Gewand, das ihn verjüngte und zugleich entstellte. Hirte versuchte sich anzuschließen, aber er wurde gleichgültig zurückgewiesen. Gerom schritt durch die Tannenbestände, am Holzschuppen vorüber, den Niederungen des Gurdelbachs zu. Nur Anje kannte, außer ihm, diesen Pfad, der für andere unzugänglich war, denn er führte durch Sümpfe am Ufer eines Altwassers hin, man mußte über gesunkene Baumstämme klettern und genau wissen über welche, da manche von ihnen nachgaben und sanken.
Anje kannte keine Furcht um ihren Vater, aber sie schaute nachdenklich in das Mondlicht hinaus, das ruhig, wie Schnee, auf dem niedrigen Teerdach des Holzschuppens lag. Im Wald schimmerte es zwischen den hohen Stämmen und wandelte ihre Größe in machtvolle Bedeutung um. In blaugrauen Kuppeln schimmerte die feuchte Ferne, und ein Geruch von Teer und Fäulnis schaukelte bald wärmer, bald kühler durch die Monddämmerung heran. Ab und zu fiel ein Tropfen in das welke Bodenlaub.
Anje dachte an die große Welt, die außerhalb ihrer Stille im Wald, in den Fernen war. »Um das weiße Schloß flogen in der Abendsonne die Schwalben, es lag auf ebenem Gefilde, frei im weiten Land ...« Ihre Gedanken beschäftigten sich ohne Verlangen mit den Dingen, die es außer ihrer Waldheimat geben mußte, sie fühlte sich glücklich in der Gewißheit, daß der Wandel der Menschen auf Erden reich und mannigfach war. Sie holte ihr Buch herbei und ließ den Mond in seine Seiten scheinen, ihre Augen ruhten ernst auf den Zeilen, die die unbekannten Güter bargen und bewahrten; geheimnisvoll schwieg das Buch, wie draußen der Wald.
Am Tage war Fridlin bei ihrem Vater gewesen. Sie hatte in den vergangenen Wochen den jungen Mann oft im Walde getroffen, aber niemals mit ihm gesprochen, obgleich sie fühlte, daß er es wollte. Er störte sie und raubte ihr ihre Ruhe, aber sie verriet ihn nicht an ihren Vater. Nun war er gekommen. Anfänglich klang nur seine Stimme, aufgeregt und abgerissen, als müßte er um jedes Wort kämpfen, dann sprach ihr Vater, und Fridlin schwieg, eingeschüchtert durch die derbe, harte Antwort. Sie sah ihn hinausstürmen durch den Wald und wußte, daß er nicht wieder zu ihrem Vater kommen würde.
Am Abend sah ihr Vater sie an. Alle Freude umnachtete sich ihr in der Traurigkeit, die ihr in einem raschen Blick begegnete. In diesem Blick, den Gerom nicht hatte sehen lassen wollen, kam die erste Ahnung des Abschieds zu ihr in einer Bedrängnis von unendlicher Hoffnungslosigkeit. Ihr war zum erstenmal in ihrem Leben, als ob es Gewalten auf der Erde gäbe, denen keine Menschenkraft gewachsen ist, und sie mußte an den Tod denken. Und doch lag im Gesicht ihres Vaters der Schein einer heimlichen Gewißheit. Er sprach nicht mit ihr, obgleich sie es erwartet hatte, aber da ihr gleichgültig war, was Fridlin gewollt haben konnte, wenn er nur ihrem Vater kein Leid zugetragen hatte, fragte sie nicht und gab sich zufrieden. Sie empfand, daß jene Traurigkeit, die aus seinen Augen ihr Herz überströmt hatte, nicht durch Geschehnisse über ihn gekommen war, die Menschen ändern können, sondern daß sie ein Teil des Lebens war und auch ihrer wartete. Dem Ereignis des Tages aber galt das heimliche Lächeln.
Da hörte sie aus der Nachtferne vom Weidensumpf her einen Schuß fallen und gleich darauf einen zweiten. Es wehte sacht unter den Sternen her, als atmete der Wald im Schlaf, dann vernahm sie Tritte im Laub, die der Schreitende zu dämpfen suchte. Anje maß gelassen die Entfernung und die Richtung und trat langsam aus dem Mondlicht ins Zimmer zurück. Sie kannte die Schritte und Bewegungen des Herannahenden nicht, der noch verborgen war.
Nach einer Weile trat Fridlin aus dem Wald in den Mondschein hinaus.
»Anje,« rief er, »Anje Gerom, hör mich an!«
Hirte schlug an und arbeitete aufgeregt an der Tür. Mit einem trotzigen Ruck griff Fridlin an den Hirschfänger.
»Anje,« rief er, »hör mich! Bist du im Haus, Anje?«
Er sprach mit heißer Stimme, die voller Verzweiflung erklang, es blieb ganz ruhig umher und im Haus, bis sich draußen die rauhe Stimme wieder erhob, bald verwundert, bald böse und wild. Es kam keine Antwort, denn Anje war an die Tür hinuntergeschlichen, um Hirte zu beruhigen, sie saß neben ihm im dunklen Haus auf der Schwelle zu Geroms Wohnraum und streichelte den gelben Kopf des Hundes.
»Du mußt still sein, Hirte, der Mann vor dem Haus wird uns nichts Böses zufügen, er geht bald wieder fort.«
Sie hielt ihre Hand in einen schmalen Streifen Mondlicht, der durch ein kleines Fenster über der Tür in die Hausdiele sank. Hirte knurrte und sah Anje nicht an, es war seine Meinung, daß sie von diesen Dingen nicht soviel verstand wie er, und gegen Wachsamkeit sollte man besser nicht einschreiten.
Da die Fenster ihres Schlafraums und auch ihre Tür offen standen, hörte sie immer noch die Stimme vor dem Haus. Wenn es eine Weile still geblieben war, so glaubte sie, der Fremde sei fort, aber immer begann sein Rufen von neuem, langsam stieg in Anjes Herzen Angst um ihn empor, denn ihr Vater konnte zurückkommen. Da entschloß sie sich endlich, es ihm zu sagen, öffnete die Tür und zog sie vorsichtig hinter sich zu, damit Hirte im Haus blieb.
Fridlin trat vor ihr zurück, wie vor einer Erscheinung, Schritt für Schritt und mit entsetzten Augen. Es war, als ertrüge er nach so langem Harren die Erfüllung seines Verlangens nicht mehr, er hielt seine Hand ausgestreckt von sich ab und wankte.
»Geh fort, eh mein Vater zurückkommt«, sagte Anje.
Er war auf seine Knie niedergesunken in das Gras, im Schatten, und bewegte sich, als ob er mit jemandem kämpfte, aber nun sprang er plötzlich auf und stürmte auf Anje zu, wie ein Geblendeter gegen einen Lichtschein.
»Bist du es -- oh, du bist es wirklich? Hörst du, daß du mit mir kommen sollst!? Du hast mich mit dem Stein verwundet ...«
»Nein«, sagte Anje, »ich bleibe hier.«
»Ach mein Herz!« rief er. Seine Stimme überschlug sich, so wild bedrängte sein Schmerz ihn, er schlug mit der Faust an seine Brust, daß es dröhnte. Er war voll Ungeschick und konnte seine Sinne nicht meistern, denn die Ruhlosigkeit der vergangenen Wochen hatte ihn verwirrt und entkräftet. »Weißt du denn nicht,« keuchte er und schüttelte seine Fäuste, »weißt du nicht, was hier brennt? Wie ich dich gesucht habe! Wo ist dein Herz!? Ich rufe im Wald und das Echo klingt, aber du ...«
Er vermochte nicht weiterzusprechen, eine große Mutlosigkeit dämpfte den Zorn seiner Verzweiflung nieder, hilflos hob er den Blick und sah empor, gegen ihren ruhigen Sinn fand er keine Waffen. Sie stand da in ihrem grauen Kittel gegen die dunkle Wand der Nacht, und der Mond glänzte in ihrem Haar. Ein kindliches Bedauern war der einzige Ausdruck, der verriet, daß sie ihn hörte, aber er gab keine Gewißheit ihrer Teilnahme. Ein Schwindel seiner Ohnmacht überwältigte Fridlin, und er schlug die Hände vor sein Gesicht.
»So ist es Gerom, dein Vater ...«, schrie er plötzlich heiser und reckte sich auf, mit schwerem Atem, aber Anje war fort, und das Haus lag ruhig im Mondschein.
Sie saß wieder im Dunkeln der Hausdiele neben Hirte, lehnte sich gegen ihre Gewohnheit an ihn, und hörte ihr Herz pochen. Eine feindliche Unruhe peinigte ihr Gemüt, in ratlosem Unfrieden sah sie das Licht vom Mond, und ihre Gedanken vermochten nicht mehr, als mit dem Klopfen ihres Herzens immer den gleichen Weg der dumpfen Angst zu machen, den das Herz eilte.
Fridlin hatte sich draußen abgekehrt, einen Augenblick starrte er vorgebeugt in jene Richtung hinüber, in der die Schüsse gefallen waren, er kämpfte mit sich um einen Entschluß, aber es schien ihm keine Befreiung aus der Tat zu kommen, die er plante. Düster wandte er sich um und schritt fort, durch die Hoffnungslosigkeit niedergebeugt, die die Stürme des Verlangens so schnell in eine öde Ruhe verwandeln kann.
Er begriff nicht, daß sein Leben nun mit dem herannahenden Tag beginnen sollte, wie es mit dieser Nacht geendet hatte. »Das Anjekind hat ihm gesungen«, sagten sie. Er lächelte und schöpfte mit der Hand die Tropfen von den Blättern, um seine Stirn zu kühlen, sein Büchsenlauf streifte das Laub und verfing sich im Geäst. Der Mond verschleierte sich, und die dunkle Waldstille füllte sich mit drohenden Gestalten.
In seiner Ratlosigkeit war Fridlin zum Pfarrer gegangen, dort hoffte er sicher zu sein, daß das angstvolle und mitleidige Lächeln ihn nicht peinigen würde, dem sein Gesicht begegnete, wo immer er sich zeigte, aber er war ohne Trost fortgeeilt, und die Unsicherheit des Pfarrers kränkte seinen Stolz. Er entsann sich kaum noch, was ihn dorthin getrieben hatte, vielleicht nur sein Wunsch, einen Menschen zu finden, der unbefangen mit ihm besprach, ob Gerom ihm sein Kind geben würde, und wie man es anstellen sollte, sich beiden auf rechtliche Art zu nähern. Aber der Pfarrer wich ihm aus, er lenkte das Gespräch ab, als befürchtete er, daß es galt, ihn selbst zu erforschen, denn er gedachte seines eigenen Mißgeschicks in der Einöde. Endlich riet er Fridlin, sich Gedanken aus dem Kopf zu schlagen, die nicht von Vernunft geleitet und nicht redlich seien.
Der Morgen nahte über der Ebene. Fridlin hatte den Waldrand erreicht und sah den Nebel gegen Osten in einem Lichtschein schwimmen, der nicht mehr vom Mond kam. Dies war die dritte Nacht, die er nicht schlief; was Wunder, daß der Förster ihn mißbilligend ansah und kein freundliches Wort mehr fand. Zu Anfang hatte er ihn grob gewarnt: »Laß gehn, was nicht dein ist. Glaub mir, Bursche, der Wald läßt sich das Herz nicht verwunden, er gibt zögernd her, was sein ist, und niemand beraubt ihn ungestraft. Unsereins muß wissen, was recht ist, sonst taugt er nicht zum Weidwerk.« Das war noch wohlgemeint gewesen und hatte fast Trost gespendet, man fühlte den Ernst hindurch, an dem man teilhaben sollte, aber seit kurzem lächelte der Alte höhnisch unter seinem Bart, kaum merklich, und wandte sich verächtlich ab, statt zu sprechen. Nur einmal hatte er zur Abendstunde noch gleichmütig gemeint: »Fridlin, es gibt Wälder mit mehr Sonne, als sie der Einödwald hat; tu dich um, euch Jungen ist die Welt nach außen hin weit und nach innen eng. Geh, rat ich dir.«
Fridlin hatte sich am Waldrand auf einen gesunkenen Föhrenstamm gesetzt. »Das geht nicht mehr,« antwortete er laut der Stimme seiner Erinnerung, »wohin ich mich schlage, Förster, ich muß durch die Einöde gehn, um Anje zu Gesicht zu bekommen. Soll ich hier zugrunde gehn, so mag es geschehn, draußen sterb' ich gewißlich dahin.« --
Er erschrak furchtbar, als sich neben ihm eine Gestalt erhob, sie stand feierlich im Grund und reckte den Arm aus. Es war eine entlaubte Weide, die in der Nebeldämmerung stand. Es erschien Fridlin, als käme das Licht sprungweise und heimtückisch. Ihn fror, aber er verharrte in seiner hockenden Stellung im Morgendunst und fühlte seine Augenlider naß und kalt werden. Nach einer Weile ertrug er es nicht mehr, dem Walddunkel seinen Rücken zuzukehren, es beschlich und belauerte ihn in der Dämmerung.
»Ich werde krank«, sagte er, lächelte bescheiden und atmete tief auf.
Ein Wasserhuhn schnarrte bekümmert im Schilf, die Sonne hob sich langsam und rot in den Schleiern der Nebel, und ringsumher begann ein eifriges Tropfenticken. Da erhob sich Fridlin und sah sich um, er wußte nur ungewiß, wo er sich befand, die ebene Landschaft hatte nur geringe Merkmale, nach denen man sich richten konnte.
Nach einer Weile stieß er auf die alte Dachenauische Fahrstraße nach Gorching und traf Onne unter den Tannen; sie musterte ihn aufmerksam, gedankenlos blieb er neben ihr stehn.
Ja, es sei wahr, antwortete er auf ihre Frage, der Dienst ließe ihm wenig Ruhe. Onne sagte:
»In den Dachenauer Wäldern gibt es genug zu beachten, was tust du nachts in der Einöde? Drüben gibt es Nacht genug, verstehst du?«
Fridlin verstand. Er wurde zornig und sagte erbost:
»Gesindel gibt es überall.«
Onne nickte vor sich hin, als ob diese Tatsache ihr zu denken gäbe, dann meinte sie freundlich:
»O der Grünschnabel, wie er das Herz versteckt, und es bricht ihm doch so jammervoll aus den Augen. Du«, fuhr sie plötzlich in verändertem Tone fort, »hör auf mich, und bleib mir in der Dachenau. Aus deinem Gesicht spricht nichts Gutes mehr ...« Sie kam ihm ganz nah und sah ihm, gebückt, unter seine Augen; aus ihrem roten Kopftuch schaute das winzige braune Gesicht in tausend Fältchen hervor, und das Lebenslicht ihrer Augen schien alt und still.
Fridlin war zu unglücklich, um zornig bleiben zu können. Erstaunt blickte er auf die Alte nieder, die ihn einschüchterte, er hatte immer nur gleichgültige Worte mit ihr gewechselt, was wußte sie denn, und was wollte sie von ihm? Aber als der Ausdruck ihres Gesichts sich langsam in ein Lächeln verkehrte, das nicht spöttisch oder boshaft war, packte es ihn plötzlich angesichts dieser alten befreiten Frau, die den Bedrängnissen des Lebens für immer enthoben war.
»Du solltest nicht schelten«, sagte er hilflos und lehnte sich an einen Baumstamm. Seine Übermüdung und seine Verzweiflung überwältigten ihn, und er fing an zu weinen, ohne daß sein Gesicht sich bewegte, seine Hände hingen herab.
»Setz dich nieder ins Gras, Fridlin«, sagte Onne, als merkte sie nichts. Wer keine Tränen weinen kann, der fühlt sie oft bei anderen kommen, ehe sie das Auge benetzen. Sie sprach nicht über das, was Fridlin bewegte, sondern hockte sich neben den jungen Menschen auf den Waldboden und sprach von den Wäldern und von den Wanderburschen, die durchs Land zogen.
Onne wußte längst, um was es sich handelte, aber sie wußte auch, daß man seine Tränen zuweilen bei einem Menschen weinen muß, der sie nicht sieht. Fridlin war ihr lieb. Zu Anfang hatte sie geglaubt, er spüre Gerom nach, aber dann hatte sie bald herausgebracht, daß das Anjekind schuld an diesem Unfrieden war. Da Anje nicht mit ihr über solche Dinge sprach, mußte sie selbst sehn, was sich anspann und wie es auslief. Das Mißgeschick des Pfarrers hatte sie erst in Gorching erfahren, in dem Aberglauben, dem er hatte begegnen wollen, war seine Gemeinde durch sein Erlebnis aufs neue bestärkt worden. Nun sagte sie unvermittelt zu Fridlin:
»Schlag dir das Anjekind aus dem Sinn.«
Fridlin fuhr erschrocken auf, denn die Stimme knarrte fast böse, und ihm war eben noch zu Sinn gewesen, als ob sie ihn tröstete. Sein Trotz erstickte ihm, als er Onne ansah, er fragte sie nur schüchtern, ob Anje mit ihr über ihn gesprochen hätte. Onnes welke Hand mit den dünnen braunen Fingern wischte seine Worte aus der Morgenluft, sie blinzelte in die rote Sonne hinein.
»Söhnchen,« sagte sie, »mein Söhnchen, heb dir dein Leben auf. Was soll denn das Anjekind gesagt haben? Was uns keine Antwort gibt, wird darüber nicht häßlich, sieh um dich, wer antwortet dir? Was ich sagen kann, verstehst du nicht, was du verstehst, willst du nicht hören. Ihr Menschen wandert auf Wegen, wohin die Stimme des Anjekinds nicht kommt.«
Aus ihrem zerfallenen Antlitz brach ein Glanz von Genügen, so daß es war, als müsse die Natur umher erschüttert aufhorchen, um zu erforschen, was diese Augen in ihr gesehn hatten. Fridlin starrte mit bitterem Mund auf seine Hände.