Das Anjekind: Eine Erzählung

Part 4

Chapter 43,727 wordsPublic domain

Sie zerdrückte eine späte Beere auf ihrer Hand, um den roten Saft auf der Haut fließen zu sehn, aber er lief in einer graden Linie nieder und tropfte ins Gras, es mußte wohl nur das Blut aus dem Herzen sein, das solch gezackte Wege beschrieb. Da verletzte sie ihren Arm mit einem Dorn, aber das Wunder des Bildes erfüllte sich nicht an ihr. Die steigenden warmen Tropfen und ihr schmaler Weg zur Erde nieder, versenkten sie in tiefe Nachdenklichkeit.

Hirte hatte herausgebracht, daß Anje ein Buch besaß, und er betrachtete von der Seite her das bunte Bild darin. Er unternahm den Versuch, mit Hilfe seiner schwarzen Nase zu begreifen, was seinen Augen verschlossen blieb; aber Anje hielt das Buch hoch. --

Langsam lichtete sich nun der Wald, und von Nacht zu Nacht schienen die Sternbilder heller ins Moorland nieder. Anje lag am Waldrand und schickte ihre Gedanken zu ihnen hinauf, es gab keine Hingabe von größerem Frieden als die an die Sterne. Im Bereich ihres erhabenen Lichts erschien es Anje, als würden die lebendigen Wesen der Erdoberfläche einander gleich, und ihre Schicksale unterschieden sich nicht mehr voneinander. Langsam glitt ihr Empfinden in ein Himmelsland von grenzenloser Ausdehnung hinüber, und sie mußte singen. In der Ergriffenheit ihrer Sinne war ihr dann oft, als müßte in der Menschenbrust verborgen ein Heil von unnennbarer Art wohnen.

Sie trat still aus ihrer Tannenfinsternis in die weite Nacht hinaus, beschritt das Moor bis an einen der schwarzen Tümpel und sah die Nacht im Wasser an. Andächtig reckte sie sich vor, bis sie neben den Sternen am Rand des Wasserspiegels ihr Angesicht sah.

* * * * *

Im Winter schlief ihr Herz. Wenn der Schnee das Land bedeckte und die Bäume und Pflanzen in seine reine Kühle bettete, sah sie im wohlbestellten Haus ihres Vaters das Feuer im Kamin an, das ihr den Sommer in ihre Erinnerung rief. Wohl kannte sie die Freude, in die frische Klarheit eines Wintertags hinauszuschreiten, die Spuren der Tiere im Schnee zu suchen, und die Ruhe des schlafenden Waldes als Glück zu empfinden, aber ihr Lebensteil war nur der Sommer. Sie fühlte sich im Winter verlassen und wünschte sich, schlafen zu können, wie es Tiere und Pflanzen taten. Die Traulichkeit des gesicherten Wohnraums ängstigte sie, und oft, wenn sie des Abends von Onnes Haus heimkehrte und den rötlichen Lichtschein des Fensters durch den bläulichen Schnee schimmern sah, war ihr zumut, als müßte sie umkehren, um den Tieren der verlassenen Wildnis nah zu sein, und doch tat sie nichts zu deren Schutz oder Ernährung. Gerom wunderte sich zuweilen im stillen darüber, wenn er von seiner harten Holzarbeit im Winterwald ein erfrorenes oder hungerndes Tier mitbrachte und Anje sah es nicht an.

Aber mit dem Föhn erwachte Anjes Blut in einem seligen Fieber, die Stimme des Wassers gewann Gewalt über sie, und sie lauschte ruhlos auf den Wind. Mit den ersten Weidenkätzchen war sie von Geroms Hof verschwunden, oft fand er im Wald sein Kind wie ein fremdes Wesen. Sie weckt die Blumen, dachte er, weckt die Vögel.

»Was tust du, Anje?«, fragte er sie einmal, als er sie im Weidengebüsch am Moorrand traf.

»Was ich tue?«, fragte sie langsam, hob ihre strahlenden Augen zu den seinen empor und sah ihn an. Ihr Gesicht war ernst, und sie lächelte kaum, aber es war Gerom ums Herz, als ergriffe sie mit ihren beiden Armen den großen Frühling und schüttete ihn über sein Haupt.

Rasch schritt er hinweg, und sein Fuß stampfte schwer im feuchten Grund. Er riß ein paar blühende Weidenzweige ab und nahm sie mit. Was frag ich auch -- im Frühling, dachte er, von uneingestandener Beglückung bis auf den Grund seines Herzens bewegt.

Sechstes Kapitel

Wenn im Sommerwind der Wald erbrauste, erhob sich Hirte, rückte den plumpen Kopf vor und knurrte. Seine Augen suchten im Unsicheren der bewegten Gründe, und oft drängte er sich an Anje und verriet Furcht. Das Mädchen wußte, daß der Wald von unsichtbaren Gestalten bevölkert war und verstand Hirtes Angst. Wie viele Menschen, die unter der Willkür erzittern, die in den Unbilden der Witterung lauert, und die zugleich in ihrem Unterhalt von der Gnade der Natur abhängen, glaubte auch Anje daran, daß die geheimnisvollen Mächte der Natur in unsichtbaren Gestalten einhergingen. Im ruhigen Sonnenschein hielten sie sich verborgen, aber sie erwachten und erhoben sich mit dem Sturm, mit der Dämmerung und mit dem Nebel. Sie waren je nach ihrer Art und Berufung dem Menschen freundlich oder feindlich gesinnt, und man tat gut daran, sie nicht zu erzürnen. Sie rächten ihren Unwillen an allen Wesen, die in ihre Gewalt gerieten, oder sie befreiten die Bedrängten, nach ihrem Willen. Es gab Orte, die deutlich von ihrem Aufenthalt Zeugnis ablegten, und wer klug war, vermied es sorgsam, sie zu betreten. Sie hetzten das Wild, das ihre Heimstätten entweiht hatte, in die Schlingen der Wilderer, scheuchten die Sumpfvögel in verhängnisvollen Augenblicken aus ihren Schlupfwinkeln auf, so daß sie sich durch ihr Geschrei den Jägern verrieten, oder sie lockten Fremde durch ihre Nachtlichter vom Wege ab in die Wirrnis des Dickichts oder ins Moor.

Anjes Augen hatten sich an das geheimnisvolle Wesen dieser Lichter gewöhnt, die von den Nachtgeistern plötzlich in ein Stückchen moderndes Holz oder in ein Glühwürmchen verwandelt werden konnten. Sie wußte, daß dieser tote Glanz ungewohnte Augen über seine Nähe oder Entfernung täuschen konnte, sie hatte erfahren, daß solch ein Lichtlein den Blicken oft als Schein in weiter Ferne am Waldsaum oder im Sumpfgrund erscheinen konnte, während es doch in Wahrheit dicht vor den getäuschten Blicken totenstill in einem Busch hing.

Aber sie selbst fürchtete die Geister der unberührten Natur nicht, da sie ihr Reich kannte und nach ihrem Willen lebte, sie hatte ihre heimlichen Mittel gegen ihre Willkür und erkennbare Wahrzeichen ihres Schutzes, zu denen das Feuer gehörte. Oft blieb sie nachts am Rand des Tannenwalds, im weißlichen Birkenhain oder in den Weiden der Niederungen. An solchen Orten hatte sie kleine Feuerplätze errichtet, dürres Holz angesammelt, oder im Dickicht eine Laubwand gegen den Nachtwind oder gegen den Mondschein geflochten, denn der Mond durfte Schlafenden nicht auf ihre Lider scheinen, weil sie sonst am kommenden Tage Träumen nachhingen und die Welt ihrer Vorstellungen sich mit der Wirklichkeit vermischte.

Wenn sie dort in der hereinbrechenden Nacht ihr Feuer hütete, hörte sie die Stimmen der Tiere, die des Nachts leben, sie wechselten mit dem Gang der Stunden und verstummten gegen Mitternacht. Dann kam die ruhigste Stunde und endlich langsam das Licht. Dieser Wechsel der Nacht zum Morgen hatte die größte Gewalt über Anjes Seele, es gab nichts für sie in der Welt, was sie andächtiger stimmte, und er erfüllte ihr Wesen mit einer feierlichen Traurigkeit. Ihr war zu Mut, als müßte ihr Herz in zwei Teile zerbrechen, als hinge es dem Scheidenden nach und verlangte zugleich mit derselben Stärke des Bluts nach dem Kommenden. Sie wurde sich in solcher Stunde dessen bewußt, daß sie als Mensch allein ihr irdisches Leben verbrachte, und hätte darüber in Tränen ausbrechen können, wie erfüllt von Herrlichkeit dieses Leben war. Nur in dieser Ergriffenheit überkam sie zuweilen auch der Gedanke an den Tod ihres Leibes. Sie legte ihre harte kleine Hand, die vom Tau kalt war, auf die Stelle ihrer Brust, unter der ihr Herz klopfte, und versuchte zu begreifen, daß der Augenblick kommen sollte, an dem dies Pochen endete, und an dem nur andere noch diese Glieder, die Hand und Füße, die ihr gehörten, bewegen und betasten konnten. Der Gedanke, daß ihr Leib dann dem Willen anderer überliefert sein sollte, füllte sie mit Schrecken, sie beschloß, im Wald zu sterben, in unauffindbaren Gründen des Dickichts unter Ranken und braunem Laub.

Nach solchen Gedanken konnte sie den Tau von ihren Augenlidern streifen, so still hatte sie dagesessen und so erstarrt hatten ihre Blicke auf einem einzigen Punkt am Boden geruht. Oft war es ein Tannenzapfen gewesen oder ein Farrenbüschel, und wenn sie am Tag, mitten im Sonnenschein, ihre Augen schloß, erschien ihr dieser Gegenstand so deutlich, daß sie glaubte ihn greifen zu können. Er trug noch die Spuren ihrer Gedanken wie ein dämmriges Kleid und legte seine Schleier über das tiefe Grau ihrer Augen. --

Es war noch früh, als Anje an einem Sommermorgen durch die nassen Waldfarren den Niederungen des Gurdelbachs zuschritt, um zu baden. Als sie in das Bereich des Schilfes trat, mußte sie vorsichtiger gehen, von den grünen Halmen erhoben sich träge große Libellen mit schwarzblauen Flügeln, es war so still in der Sonne, daß man das Rascheln ihrer Flügel hören konnte. Wo der Birkenhain bis an das Ufer trat, machte der Fluß eine scharfe Wendung, die Böschung war unterspült und der helle Kiesgrund leuchtete durch das klare Wasser. Anje schlug einen losen Knoten in ihr gelbes Haar, warf ihren grauen Kittel ab, der nur bis an die Knie reichte, und trat langsam, Schritt für Schritt in die kühle Flut. Eine Schlange wurde durch Anjes Kommen im Moordunkel der Böschung aufgeschreckt, anfangs versuchte sie den überhängenden Uferrand zu erreichen, kehrte dann aber um und schwamm über den Fluß. Die Strömung trieb sie ein wenig ab, ihre gelassenen Bewegungen im Wasser zogen die Blicke an, Anje betrachtete das Tier aufmerksam und ohne Furcht, bis es ihren Augen entschwunden war. Dann ließ sie sich langsam rücklings niedersinken, als vertraute sie sich den Armen Gottes an. Das Wasser schlug für einen Augenblick über ihr zusammen, und als sie wieder emportauchte und es aus ihren Haaren schüttelte, erschien ihr die Welt zu einer neuen Klarheit wiedergeboren, der blaue Himmel strahlte bis an den Grund ihres eilenden Herzens, der Wald schimmerte in Sonnenruhe, und jede neue Welle trug eine Fülle von Frische und Licht. Die Berührungen des Windes erweckten im Blut die fröhlichen Gewißheiten einer Geborgenheit im lebendigen Erdengut.

Als das Mädchen sich nach einer Weile erhob und ins flachere Wasser trat, um ihr Haar zum Trocknen der Sonne hinzuhalten, sah sie einen Menschen zwischen den Birken stehn. Er war noch etwa zwanzig Schritte vom Ufer entfernt, die Farrenkräuter und das Schilf verdeckten ihn ihren Blicken bis an seine Knie. Seine Hände waren etwas erhoben, er schien wie erstarrt, der Ausdruck seines jungen Gesichts war von qualvoller Spannung, von der sich schüchtern der Glanz eines großen Entzückens abhob.

Nun, da er sich von Anje entdeckt sah, verwandelte sich der Ausdruck seines Gesichts in Unsicherheit und Befangenheit, er hob den Arm und rief etwas. Es klang wie eine Bitte um Verzeihung, Anje verstand ihn nicht, sie empfand auch nicht, daß alles am Gebaren dieses Fremden davon sprach, daß er nicht zu glauben wagte, was sich seinen Blicken darbot. Er starrte das Mädchen immer noch voll Angst und Hoffnung an und begriff diese Ruhe ohne Scheu nicht, in der sie ihn mit unverwandtem Blick beobachtete. Es erschien ihm, als habe er ein Tier des Waldes aufgestört, das zwischen Schreck und Furcht verharrte, um im nächsten Augenblick in blinder Flucht durch die Büsche zu brechen.

Aber es geschah etwas ganz anderes, als er sich einen Schritt näher wagte, gewahrte er, wie das Mädchen sich ohne ein Wort der Abwehr und ohne eine Gebärde der Furcht langsam niederbückte. Dann sah er ihren Körper in einer Bewegung von herrlicher Freiheit jählings erhoben, gestrafft und vorgebeugt, und ein großer Kieselstein prallte dicht neben ihm mit lautem Schall an den Stamm einer Birke. Und ehe er sich recht besann und die Gesinnung ermaß, die hinter dieser Haltung sein möchte, traf ein zweiter, faustgroßer Stein seine Schulter. Es war ihm, als wäre der furchtbare Schmerz, der ihn fast niederwarf, aus einem blitzenden Sprühn, aus goldenem Licht eines beschützten Hauptes und aus silbernem Glitzern eines gepanzerten Körpers zu ihm gesandt worden, er schrie laut auf und taumelte ein paar Schritte voran. Er verstand seine eigenen Worte nicht, die Wut und Begierde und tödlichen Schreck verrieten. »Wer macht so grobe Scherze, die das Leben gefährden«, schrie er. Er begriff nicht, daß die festen Züge vor ihm weder Scham noch Furcht verrieten und auch nicht einen Schein jener Besorgnis, die er erwartete und die ihn ermutigt hätte. Im Gesichte des Mädchens las er einzig den Wunsch, mit dem Stein zu treffen, den sie gelassen, beinahe behaglich, in ihrer braunen Hand wog.

Dieser Stein traf ihn im Winkel seines Auges, zwischen der Schläfe und dem Backenknochen. Er sank lautlos, ohne noch eine Bewegung zu machen, mit dem Gesicht in die Farrenkräuter.

Anje ging langsam, aber ohne Zögern, durch das Schilf auf den Gefallenen zu. An ihrem Körper rann das Wasser glitzernd nieder und blinkte auf in dieser Halbsonne, wie sie unter dem Laub der Birken herrscht. Die Schattenschleier gaben dem Licht einen unwirklichen Schein, Anjes nasses Haar lag wie Gold auf ihrer Schulter. Diese Goldlichter huschten über ihren ganzen Körper hin und hüllten ihn ein.

Der Fremde lag totenstill im Farren. Eine kleine Spinne kroch hastig über seine Schulter, und die Hand lag breit gespreizt auf einem Moospolster. Anje sah nun, daß er ein Gewehr trug und einen Hirschfänger am Gürtel. Um das Gesicht zu sehn, mußte sie seinen Kopf wenden, und sie tat es vorsichtig und neugierig. Die Wunde entstellte sein Gesicht, das ihr ebenmäßig, aber wesenlos erschien, sie ließ seine Haare beinahe verächtlich los, als der erloschene Blick aus den halbgeschlossenen Augen ihr begegnete. Da sie Blut von der Schläfe rinnen sah, durchsuchte sie seine Taschen nach einem Tuch, und als sie es gefunden hatte, verband sie den Besinnungslosen mit Sorgfalt, wie sie es bei ihrem Vater gesehn, wenn seine rauhe Arbeit ihm Schaden getan hatte. Dann holte sie ihren Kittel, bekleidete sich und trat gelassen den Heimweg an.

* * * * *

So kam Anje in Fridlins Leben. Er drängte sich ihr mit dem gedankenlosen Eigensinn seiner Jugend seit diesem Tage auf und vergaß sie um so weniger, als er nicht begriff, wie leicht er ihr verzeihen konnte. In der Försterei, in der er bedienstet war, erhielt er damals bald Auskunft, der Förster selbst lachte belustigt, aber ein wenig verächtlich, und nahm sich später den jungen Menschen für ein besonderes Gespräch beiseite, und die Mitteilungen, die dabei gemacht worden sind, mußten sehr ernster Natur gewesen sein, denn sie stimmten Fridlin für lange Zeit nachdenklich.

In der Küche wußten die Mägde später weit besser Bescheid, der junge Mann hörte mißmutig zu, aber er konnte sich nichts entgehen lassen, obgleich er die Torheiten verachtete, die über Gerom und sein Kind im Lande in Umlauf waren.

»Was wollt ihr denn,« sagte er mürrisch, »sie wird ein Mädchen sein, wie alle anderen.«

Fridlin lehnte im Türrahmen, im grünen Lindenlicht, das durch den Hof auf die sauberen Geräte der Küche sank und auf die nackten Arme der hantierenden Frauen.

»Du mußt es ja erfahren haben,« gab die junge Magd zur Antwort und sah Fridlin besorgt und aufmerksam an, »geh nicht mehr hin, so viel sag' ich.« Und sie lachte und sah auf die Beule in seinem Gesicht, die ihn entstellte.

Was er beim Förster, seinem Dienstherrn, gehört hatte, war ihm bedeutungsvoller. Gerom wilderte. Er stand schon seit lange im Verdacht, und wenn Fridlin bisher nicht darüber unterrichtet worden war, so war es mit Vorbedacht unterblieben, da der Alte den unbesonnenen Eifer des Burschen mißachtete. Er kannte Gerom und wußte, daß mit ihm nicht zu scherzen war, daß er niemand fürchtete und daß ihm sein eigenes Leben gering galt. Er selbst hatte bisher kaum mehr getan, als dieses Gelüste des verwilderten Mannes, wie Gerom ihm erschien, nach Möglichkeit in Grenzen zu halten, denn er wußte wohl, daß Gerom kein Gewerbe aus seinem Raube machte, sondern daß er um der Gefahr und Freiheit willen jagte, die die Jagd, wie sonst kaum etwas, mit sich bringt.

Es kam hinzu, daß Gerom den Wildbestand nicht unvernünftig gefährdete, sondern sinnvoll und mit dem Anstand des gerechten Weidmanns vorging; so viel ließ sich leicht feststellen. Und deshalb liebte der Förster, der ein guter Jäger war, Gerom mit Bewunderung und Neid verbunden. Gerom war ihm an Geduld überlegen und nicht weniger in seinen Kenntnissen der Waldwelt, und da alle Gewerbe, deren ursprüngliche Ausübung sich mit den Darbietungen der Natur verbindet, Edelmut und Großzügigkeit bewahren, so duldete der Förster Geroms Treiben, beinahe ohne daß dieser Schritt gegen sein Pflichtbewußtsein ihn im Gewissen bedrängte. Es kam jenes Gefühl hinzu, das alle Herzen im Lande bewegte, soweit Gerom und sein Schicksal bekannt waren, daß dem Manne vom Leben bitteres Unrecht geschehen sei und daß er freiwillig eine Strafe, über die menschliche Gerechtigkeit hinaus, zu verbüßen schien.

Siebentes Kapitel

Es war an einem Herbstmorgen, als der Pfarrer von Gorching ins Moorland hinabschritt, um die Leute dort zu besuchen, die zu seiner Gemeinde gehörten. »Meine drei Heiden«, sagte er. Er kannte Geroms Geschichte, und ihm war viel Widerspruchsvolles über Anje zu Ohren gekommen. Es ging ihm, wie es Leuten seiner Art und seines Berufs leicht zu ergehen pflegt, er vermutete hinter unverständlichen Dingen das Wirken des Bösen, und seine Meinung war, daß das Gute und das klar Verständliche immer das gleiche sein müßten und Hand in Hand gingen. Er selber schien einen Teil dieser einfachen Erkenntnis darzustellen, denn seinem schlichten Sinn ordnete sich die Welt nur in solchen Begriffen, die er mit seinen Handlungen in Einklang zu bringen vermochte. Dabei war er ein Mann von Klugheit und Nachdenklichkeit und glücklich genug, für die erste dieser Eigenschaften nicht zu viele Gedanken und für die zweite nicht zuviel Verstand zu besitzen. Das mochte ein Grund dafür gewesen sein, daß er sich geduldig in das vergessene Dorf Gorching senden ließ. Man hatte ihn auf seinem städtischen Posten nicht brauchen können, weil er nicht in der Lage gewesen war, den Menschen gegenüber jene Strenge aufzubringen, die als heilsam gilt.

Auf seinem einsamen Weg in die Einöde gestand er sich ein, daß es eine heimliche Scheu gewesen war, die ihn bisher davon abgehalten hatte, Gerom zu besuchen, aber je länger er in Gorching weilte, um so mehr empfand er, daß eine bedeutungsvolle Einwirkung aus dem Moorland her auf den Gemütern lastete. Ihm war es oft erschienen, als erhöbe sich mit dem Dunst der Abende aus dem Sumpf der Einöde auf grauen Schwingen das Gespenst des Aberglaubens und schliche in die Hütten und Herzen seiner Menschen. Je mehr man es ihm zu verbergen trachtete, um so mehr beschäftigte es ihn. Was hatte mit dem Seufzer eines Verscheidenden, an dessen Schmerzensbett er gesessen, das Anjekind zu tun? Und was hatte Elsbetha bei der alten Onne zu schaffen, als ihr Mißgeschick widerfuhr und sich in Gorching niemand ihrer annahm? Seinen Fragen wich man aus, und seine Ermahnungen stießen auf einen Trotz, aus dessen Grund die verschwiegene Überlegenheit der Verstocktheit sah.

Da es ein Freitag war, an dem er sich auf den Weg gemacht hatte, so kam es, daß er nach einer guten Weile der alten Onne begegnete, die hinter ihrem Wagen her nach Gorching humpelte. Er redete sie an, und ihm wurde über ihrem Anblick heiter zumut, aber er verstand ihre kargen Antworten kaum. Als er nach Gerom fragte, lachte sie ihn an, drückte sich noch mehr zusammen, als die Jahre sie ohnehin eingepreßt hatten, und öffnete ihren Mund, so daß ihr einer schöner Zahn, auf den sie sehr stolz war, aus den dunklen Landschaften ihrer Kiefern funkelte. Er solle nicht gehn, so viel ließ sich verstehn. Da der junge Pfarrer merkte, daß sie wohl begriff, was er selbst sagte, begleitete er sie ein Stückchen Wegs zurück, wobei er hilfsbereit ihren Wagen ergriff, um ihn zu schieben; aber Onne brauchte den Wagen als Stütze, und er mußte ihn ihr zurückgeben. Dabei dachte er, nicht eben gesicherter in seinen Absichten: So kann es uns bei den Wohltaten ergehen, die wir zu erweisen glauben.

Aber dann sprach er liebevoll und mit großem Ernst zu ihr; die heimliche Beschämung, die er empfand, wenn er ihr eingeschrumpftes Gesicht sah, das kaum noch einem Menschenantlitz glich, ließ sich durch den beglückenden Eifer seiner Überzeugung verdrängen. Dann wieder mußte er sich sagen: Ist sie dem Vater im Himmel nicht näher als du?

Nun blieb sie stehn und antwortete ihm etwas, der Pfarrer beugte sich zu ihr nieder, denn es verlangte ihn sehr danach zu wissen, welchen Widerhall seine wohlmeinenden Worte in ihr weckten. Es war ihr wichtig, sich verständlich zu machen, so viel war sicher. Nach langer Mühe hatte er sie verstanden. Ob er Pilze brauchen könnte ...

Die Birken warfen schon ihr empfindsames Laub ab, es sank durch den Sonnenschein in die Gräben nieder, die sich nach dem letzten Regen zu beiden Seiten der Straße gebildet hatten, spiegelte sich im Fallen und ruhte im unbewegten Schwarz des Wassers vom Sommerwind aus. Das Moorland wurde immer öder, als nun der Pfarrer weiterschritt, die Steppen hatten sich gelbbraun gefärbt, von einem warmen Kupferton untermischt, gegen den die weißen Birkenstämme schimmerten. Mit niedrigem Gebüsch, das im Dunst lag, begann in der Ferne das verwilderte Waldland der Einöde. Die Welt erschien unermeßlich groß und verlassen.

Es begegnete ihm niemand mehr. Ratlos stand er endlich vor der Sumpfwildnis der Einöde, nirgends war ein Pfad zu sehen, das Buschwerk, die Erlen und Birken standen im seichten Wasser, das Schilf sirrte leise im Wind, und mit jedem Schritt wurde das Dickicht undurchdringlicher. Er erblickte Schlingpflanzen, die er niemals gesehn hatte, und im Moorwasser blühten immer noch kleine weiße Blumen mit zarten Stielen. Umgesunkene Stämme vermoderten zu warmem Schutt, der glomm und duftete, und nichts rührte sich als der Luftzug über dem Wasser. Wild und traurig hauchte es ihm entgegen und wies ihn ab; er atmete auf, als er nach einer Weile wieder auf dem gesicherten Boden der Landstraße in der Sonne stand.

Um seiner Erleichterung willen befiel ihn ein Gefühl von Beschämung, er begriff nicht, daß die Atemzüge der unberührten Natur ihm Entsetzen einzuflößen vermochten. Als er wohl eine halbe Stunde lang am Moorrande der Einöde dahingeschritten war, erspähte er eine Lichtung jenseits des kleinen Bachs, der träge am Rand seiner Straße floß, und er sah in einem Weidengebüsch drei behauene Fichtenbalken, die eine Brücke bildeten. Jenseits lief eine schmale Wagenspur durch das Gras, und ein wenig weiter war deutlich ein Waldpfad erkenntlich. Der Pfarrer erinnerte sich Onnes Gefährts, diesen Weg mußte sie gekommen sein, und er beschloß ihm nachzugehn.

Die Sonne, die nun verhangen war, hatte ihren Höhepunkt am Himmel erreicht, so daß es gegen Mittag sein mochte. Geroms Ansiedlung lag eine Stunde vom Weg entfernt, und der Pfarrer hoffte, sie in diesem Zeitraum erreichen zu können. Der Waldpfad wand sich durch Dickicht und über Sümpfe dahin, zuweilen hart am Rand eines Flusses durchs Schilf, dies mußte der Gurdelbach sein. Onnes Behausung lag schon hinter ihm, sie war ihm entgangen, wie den meisten, die das Moor betraten, ehe der Herbst es gelichtet hatte.