Part 3
»Was soll geschehn sein?«, fragte Gerom düster und schaute auf das dichte Moos des Waldbodens, er atmete schwer, aber er stellte die Frage nicht, die sein Gemüt zerdrückte. Onnes welkes, altes Herz wärmte sich in der Glut dieser Liebe, denn obgleich sie längst begriffen hatte, was Gerom in den Wald trieb, sagte sie ihm noch nicht, wo sein Kind war. Als er es erfuhr, brummte er wie nebenhin: »Anje ... mag sie schlafen, wo sie will.« Aber von dieser Stunde an war Onne niemals wieder in Besorgnis, die Liebe des kleinen Mädchens zu ihrem Vater möchte sich jemals in Bitterkeit verkehren.
Aber so sicherlich für gewöhnlich die Neigung eines jungen Gemüts in Zärtlichkeit aufblüht, so eigenartig war es, daß Anjes Verlangen danach sich nicht auf Hirte übertrug. Eigentlich hatte Hirte es beinahe schlecht bei ihr, wenn er auch unter keiner Bosheit oder Willkür zu leiden hatte, aber sein deutlich zur Schau getragenes Begehr nach sinnfälligen Beweisen von Gunst fand keine Beachtung. Anje streichelte ihn sehr selten, und nur dann, wenn er sich irgendwie verdient gemacht hatte, oder wenn sie an alles andere und nur nicht an ihn dachte. Das mußte ertragen werden, aber daß er schwer daran trug, sah man seinen Augen an, wenn sie sich von untenher zu Anje emporrichteten, den Wulst der Brauen ein wenig mithoben und sich in ihrer schweigsamen Sprache um den Willen der gebannten Seele mühten. Nur wenn sie miteinander einen schmalen Waldpfad beschritten, rieb er zuweilen seinen Kopf an Anjes braunem Knie, das wurde aber in der Hauptsache nur deshalb geduldet, weil es verständlich war, daß gern beide den Pfad benutzen, und weil Hirte nicht voranlaufen sollte und nicht hinterhertrotten mochte.
Eine Aufgabe, die Hirte sehr wichtig einschätzte und der er mit großer Gewissenhaftigkeit oblag, war das Bewachen der Kleider beim Baden im Gurdelbach. In solchen Augenblicken erschien ihm der Sinn seines Daseins erfüllt, er wurde vor Ernst beinahe traurig und fast hochmütig vor Stolz. Um Hirtes Wesensart ganz würdigen zu können, mußte man ihn an diesem Posten gesehen haben, dessen Bedeutung ihm in keiner Weise dadurch geschmälert wurde, daß Anjes ganze Kleidung aus einem grauen Leinenkittel und einem Gürtel bestand und daß niemals jemand den Wald betrat. Aber in solchen Augenblicken war das Kittelchen in Hirtes Augen so gut wie ein Purpurmantel, und hinter jedem Busch vermutete er Landstreicher oder Straßenräuber.
Wenn alles still blieb, blinzelte er durch das Schilf nach Anjes gelbem Haar und horchte auf das heitere Plätschern des Wassers. Man mußte beim Lauschen den Kopf schräg halten und wenn möglich für kurz die Blicke in eine andere Richtung schicken, damit einem nichts entging. Der Kittel war noch da.
Dann, wenn Anje ihr Bad beendet hatte und im Gras in der Sonne lag, durfte Hirte baden. Er ging ein wenig abseits ins Wasser, weil dort die Frösche noch nicht aufgestört waren, und man beobachten konnte, wie sie mit einem langen Satz flüchteten. Dies tat Hirte wohl, weil es seine Autorität erwies und ihn belustigte. Es erschien ihm außerordentlich erstaunlich, daß man diese Tiere immer erst dann erblickte, wenn es zu spät war, sie zu erwischen, und daß man sie niemals im Wasser wiederfand. Allerdings machte Hirte nur noch scheinbar den Versuch, sie zu schnappen, es hatte seinen Grund darin, daß es ihm vor Jahren einmal gelungen war.
Dann kam die Stunde im Ufergrün, wo sie nebeneinander in der Sonne trocknen mußten. Es war herrlich, mit müden und glücklichen Blicken das Schilf im sanften Wind bewegt zu sehn und das Blinken der Sonne vom Wasser her mit in seine Träume zu nehmen. Alles verwandelte sich in ein warmes Glück, das in goldgrünem Schimmer über die Erde zog. Der Himmel kam herab, und der Boden wurde leicht, wie auch der Körper und die Gedanken. Alle Gestalten verwandelten sich zu lichten Dingen und kehrten frei in die Geheimnisse des Bluts ein, dessen Pochen zu verstummen schien. Die Regungen der Luft wurden vernehmlich, wie ein Brausen aus der Höhe, die Stimmen der Insekten und das Flüstern der Blätter ließen sich verstehn, und das Licht schien zu erklingen. --
Je mehr Anje heranwuchs, um so weiter dehnte sie langsam ihre Streifzüge in die Wildnis der Einöde aus. Ein Weg scheint kleiner zu werden, je länger man ihn kennt, und Anjes Mut wuchs mit ihrer Selbständigkeit und ihrer Kraft, auch war Verlaß auf Hirte, der immer dabei sein wollte, wenn eine Entdeckungsfahrt unternommen wurde. Anje kannte nun die fahlen Birkenbestände im Sumpfland, unter denen die Farne zwischen gestürzten Stämmen im Modergrund wuchsen, sie kannte die schwarzen Seen im Moorland, die in der leblosen Ebene lagen, und an deren toten Ufern nichts grünte als ein scharfes Gras und im Hochsommer gelbe oder violette Blumen, deren gedrängte Blüten an einem saftigen Stengel saßen, und die vereinzelt, wie Wahrzeichen der Gefahr, im Sumpfboden hockten. Gegen Osten zogen sich mit Weiden bestandene Gründe hin, deren Ende niemand zu kennen schien, und gegen Süden der schwarze Tannenwald, dessen Bäume so dicht standen, daß kein Sonnenstrahl bis auf den braunen Nadelteppich fand. Nur die Abendsonne schien spät durch die hängenden Zweige hinein, zwischen die Stämme am Boden und trug himmlische Wunder voll dunkler Glut in seine Totenstille. --
Einmal war Anje mit Hirte in diesem Wald so weit vorgedrungen, daß sie an der Landstraße anlangte, die ihn durchschnitt. Es war die alte Heerstraße, die von der Dachenau hinüber ins Gorchinger Land führte. Ein schmaler Graben trennte ihre Wagenspuren vom Tannenwald, an dessen Rand sich im Schutz der tiefen Zweige Anje und Hirte ein Versteck bereitet hatten, von dem aus sie den Gang der Welt und den Verlauf des großen Lebens beobachteten und Erfahrungen von Bedeutung sammelten.
Die Landstraße war vernachlässigt und wurde fast niemals mehr benutzt, sie war bewachsen, und nur ihre zwei Furchen von den Rädern der Wagen kennzeichneten ihre fast vergessene Bestimmung. Es kamen sehr selten Gefährte vorüber und nur hier und da ein Landmann oder ein Wanderbursche, vielleicht der Flurschütze oder sein Gehilfe oder ein Tagelöhner, der sein Kalb auf den Gorchinger Markt trieb, aber diese Ereignisse waren für Anje von großer Bedeutung. Mit Herzklopfen sah sie schon von fern, im Dämmerlicht der Straßenbirken, ein bewegliches Pünktchen nahn und in den Tannenwald kommen, und ihr Herz schlug hart und langsam, wenn endlich ein Mensch daherkam und vorüberzog. Sie verdankte ihrem geduldigen Eifer eine wichtige Errungenschaft ihrer Kindertage, es war die Kunst des Singens. Eines Morgens war ein Wagen dahergekommen, den sie schon von weitem knarren hörten, und sie hatten laufen müssen, Hirte und sie, um rechtzeitig bei ihrem Versteck mit ihm zusammenzutreffen. Es war ein schwerer Wagen, der von zwei gefleckten Pferden gezogen wurde und mit grauem Tuch überspannt war. Der Fuhrmann schritt nebenher, er hatte seine gelbe Peitsche geschultert und sang. Die kleine Anje sah mit großen Augen durch die Tannennadeln und zitterte vor Glück. Die mächtige Männerstimme scholl laut und traurig durch den Morgen, es war Anje, als wäre alles Vertraute umher plötzlich verändert, der Himmel, die grünen Tannenwipfel darin, ihre eigenen Hände und Hirtes freundlicher Blick. Sie wußte nicht, wie ihr geschah, und gab sich hilflos den Segnungen der feierlichen Kraft hin, die ihr Herz bestürmte. Sie versuchte zu verstehn, was der fremde Mann sang, eine beklemmend traurige Erinnerung an ihre frühste Kindheit stieg dunkel, mit lichten Gestalten, aus ihrer Seele empor.
»Hirte,« sagte sie, »hörst du?«
Hirte veränderte die Stellung seiner Ohren und sah Anje an.
Sie schüttelte den Kopf und schob ihn fort, da er die Befangenheit seiner Herrin zu benutzen suchte, um seine schwarze Schnauze in ihre Hand zu bohren. Da verstand er, daß Großes vor sich ging, und saß still und aufrecht.
Der Gesang verhallte in der Ferne, und als der Morgen wieder still war und nur die Häher riefen und aus der Birkenniederung der Kuckuck, versuchte Anje zu singen.
Hirte sprang auf und geriet in Verlegenheit, aber er mußte sich nun im Laufe der kommenden Zeit bemühn, eine Stellung zu diesen seltsamen, langgezogenen Tönen zu finden, die ohne Sinn der Worte und von bedeutungsvollen Bewegungen der Hände begleitet, aus der Schattenwildnis der Einöde zum Himmel emporklangen. Anje sang mit tiefer Kinderstimme, wie das Wasser durch den Moorgrund zog und wie die Pflanzen sich gegen das Licht drängten, sie erlöste die Klage der Stummen um sich her, lernte vom Wind und vom Regen und legte in die wortlose Klage ihres Liedes den Sinn der geduldigen Natur auf ihre Art. Sie bildete die Worte für ihre Lieder selbst, und es klang aus der feuchten Kühle in den Sonnenschein hinaus, ausklingend auf »öh« und »euh« in unbegreiflich inbrünstiger Schwermut. Sie rief den Abend herbei und begrüßte die dahinziehenden Wolken, sie beantwortete die verschleierten Stimmen aus den Nebelgründen und dankte dem Mond.
Bald gab es in Gorching ein neues Wunder des Moors, das man abergläubisch mit den Geheimnissen der schaffenden Natur verband, und das als das Wahrzeichen für die Erfüllung von Hoffnungen oder für das Eintreffen von Befürchtungen galt: »Das Anjekind singt im Moor.«
Viertes Kapitel
Anjes Leben war glücklich. Sie bewegte sich unter den vielerlei Lebewesen der Moorebene und des Waldes wie unter wohlwollenden Gefährten, sie kannte die Pflanzen und wußte, wann ihre Knospen aufbrachen, ob sie des Nachts ihre Kelche schlossen und welcherlei Insekten sie besuchten. Sie fühlte den Regen kommen, bevor noch die Kühle oder der Schatten ihn verrieten, und sah am Zug der Wolken, ob der Wind wechseln und woher er kommen würde. Die Tiere und die Wolkenbilder am Horizont verrieten ihr die Ereignisse der Natur, von den Bienen erfuhr sie die Stunde, in der ein Unwetter hereinbrechen würde, und die Vögel warnten sie im Walddunkel, wenn sie schlief. Sie wußte, ob der Laut, den ein Tier gab, Freude, Schmerz oder Angst verriet, ob die Geschöpfe der Fluren einander warnten oder lockten, ihre Gewohnheiten verkündeten ihr die Anzeichen der Tagesstunden, bis spät in die Nacht hinein.
Anje hörte an den Regungen der Kreaturen, wann die Sonne unterging. Sie lag mit geschlossenen Augen am Wasserrand des Moorsees, das Gesicht in den Händen und die Hände im Gras. Sie wußte, daß die Sonne im Westen schon tief stand, und lauschte. Dann fühlte sie die unhörbaren Bewegungen, in denen das Wasser, Tiere, Pflanzen und Wind wie mit leisem Aufseufzen sich der Nacht ergaben, wenn der Rand des glühenden Sonnenballs versank.
Da ihre Sinne Gemeinschaft mit den Sinnen der Lebendigen der Natur hatten, so wertete sie die Wohltaten ihres freien Tags nach den Ansprüchen ihrer stummen Lebensgefährten. Hirte hörte sie seltsame Dinge sagen, und es wurde ihm mancherlei erklärt, von dem er, bei all seiner Bescheidenheit, eine überlegene Meinung bewahrte. Anje erzählte ihm vom klugen Licht, das alle Wege fand, und vom Wasser, das niemand verändern könnte, die Luft ängstigte sich vor den Wetterwolken und sprang in den Wald, und der Himmel war bald nah, bald fern.
Anje hatte große Furcht vor allen Geräuschen, die nicht dem selbsttätigen Leben der Geschöpfe entsprangen, die Stille der Natur war das Element ihres Friedens, in ihr atmete und ruhte ihre kleine Seele. Als sie einst zum erstenmal hörte, wie ihr Vater einen Ast zersägte, weinte sie mit dem schreienden Baum. Erst viel später begriff sie die scheinbaren Grausamkeiten, die sich mit der Erhaltung des Lebens verbinden. Sie hatte lange den Marder gehaßt, der die Nester der Vögel zerstörte und ihre Brut vertilgte, bis sie einst im Hochwald eine vom Sturm gefällte Buche fand, in deren Stamm ein Marderpaar sein Heim in einem verlassenen Eichhornbau errichtet hatte. Dort beobachtete sie, wie der Marder seinen Jungen, die vor Furcht und Hunger jämmerlich klagten, Nahrung brachte, und sie sah, daß es ein nackter Vogel war, den er ihnen zutrug. Da begriff Anje zum erstenmal, daß die Natur des Mitleids und der Hilfe des Menschen nicht bedurfte, was man ihr hinzuzufügen glaubte, nahm man ihr gewiß an anderer Stelle. Anje empfand sich als zu klein, um zu wissen, was zu tun notwendig war, dessen war nur ihr Vater mächtig.
Aber sie herrschte im Wald und war ihrer Kräfte froh, die mit ihrer Andacht wuchsen. Sie beobachtete die Ranken der Schlinggewächse, wie sie sich geduldig drehten und im Wachsen nach einem Halt tasteten. Darüber erkannte sie, daß ihre eigenen Augen wohlgeschickter waren, aber sie half den Pflanzen nicht, sondern ließ ihnen ihr Wesen. Die Bäume, die großen und kleinen, blieben ihr Leben lang an dem Ort stehen, der sie hervorgebracht hatte, immer traf der Westwind die gleichen Blätter zuerst, und immer dieselben Äste empfingen im Wipfel die Morgenglut. Anje aber konnte schreiten, wohin sie wollte, sie konnte den Schein der Sonne empfangen oder sich im Schatten bergen. Im heimlichen Glück ihrer Kräfte versank ihr Blick oft im Gedanken an die Geduld der Bäume, die schön und erhaben waren und denen nichts mangelte. Sie versuchte wohl eine Weile wie ein Baum zu leben, stellte sich klein und feierlich zwischen die großen Freunde und bildete mit ihnen den Wald. Aber sie vergaß ihre ernsten Pflichten schon bei einem Schmetterling oder bei irgendeinem Gedanken, der herangaukelte, wie jener.
Zu ihrer größten Freude gehörte es, auf den Moorwiesen der Arbeit der Insekten zuzuschaun, dem Eifer der Bienen, dem Spiel der Schmetterlinge oder den Beschäftigungen der Käfer. Sie machte mit ihnen den sonnigen Weg von einer Blume zur anderen und bebte vor Glück, wenn sie mit einer Biene ein rotes oder blaues Blumenhaus betrat. Das farbige Licht der duftenden Halle schlug auch über ihr zusammen, sie begriff die Seligkeit, so licht zu hausen. Die kleineren Blumen neigten sich an ihren Stielen, wenn ein geflügeltes Tier ankam, und so verband sich oft ein gelindes Schaukeln mit ihrem sorglosen Tun. Trafen sich zwei in der gleichen Blüte, so ließen sie einander vorüber, ohne sich zu stören, das kam, weil der Reichtum an Blumen unermeßlich war.
Die kleine Anje liebte den Ausblick in das ebene Land. In der Weite erhoben sich die Kuppeln der Bäume vereinzelt oder in Gruppen, die das Blau der Ferne geheimnisvoll zusammenschloß und verkleinerte. Das bunte Bild des Landes unter dem Himmelsblau weitete ihr Herz in unsagbaren Ahnungen von zukünftigem Geschehn. Gegen Süden verschloß das schwarze Band des Föhrenwaldes die Welt. Dorthin zogen am Abend die Krähen, deren Flug man am längsten mit den Blicken folgen konnte.
Am meisten aber liebte Anje den Wind, der vom kaum vernehmbaren Flüstern bis zur brausenden Musik anwachsen konnte, und der ihr das Leben der Natur verherrlichte. Sie kannte seine Stimme in der Ebene und eilte über das Feld seinem freien Singen entgegen, das ihre Arme in sinnloser Freude emporriß. Er beherrschte den Himmel und lenkte den Gang der Wolkenzüge, die er in grauen Massen über die Erde dahintrieb oder der Sonne entgegen, in deren Wärme die weißen im Blau zergingen. Er bediente sich der Baumkronen, um sein Brausen, das bis zum donnernden Getöse anschwellen konnte, vernehmen zu lassen, und diesem Anschwellen lauschte ihr Blut mit jauchzendem Erbeben. Wenn er sich zu seiner Gewalt erhob, so befreite er die Sinne von den Gedanken und beflügelte die Seele, die sich ihm vertraute, wie das Laub des Erdbodens oder wie der Staub der Wege. Der Wind rief die Ahnung von einer Vollendung wach, die in keiner Stille zu finden war.
Er drang wie das Licht überall hin, und niemand entging seinen Berührungen, die Leben weckten. Er konnte klagen und Trauer verbreiten, bald schmeichelte er, bald drohte er, es war um so seltsamer, als man seine Kraft kannte, und man verstand ihn nur, wenn man bedachte, daß er ein Kind war. Oft kam er im Dunkeln der Sommernacht ins Zimmer, man fühlte ihn auf der warmen Stirn, und er brachte den Schlaf, wenn er die Augenlider berührte, weil darüber das Blut kühl und glücklich wurde.
Oft zog Anje im Traum mit ihm hinaus, sie kühlten das Wasser für den Morgen, schaukelten die Zweige der Büsche und kamen aus dem Wald in die Ebene. Dort zogen sie unter den Sternen hin über die Moorseen, im Dunkeln. Nach solcher Fahrt blieb ihr die Erinnerung zurück, als ob sie den Wind erblickt hätte, den noch niemand gesehen hatte, aber sie wurde sich keiner Einsamkeit bewußt.
Fünftes Kapitel
Als Anje so groß geworden war, daß Hirtes Schnauze bis an ihre Schulter reichte, wenn sie nebeneinander im Ginster saßen, nahm die alte Onne sich ihrer auf etwas veränderte Art an, denn Gerom ließ sein Kind tun, was es wollte, er beschäftigte es niemals und lehnte, wo immer es war, ihre Hilfe mit einer barschen Herablassung ab: was denn solch ein zartes Ding rechtes tun könne, und ob man glaube, er würde nicht selbst mit seiner Arbeit fertig. Diese Nichtachtung war nur ein Mantel, unter dem er seinen Wunsch verbarg, Anje ungehindert von Tageslasten und Menschenpflicht heranwachsen zu sehen. Sie war keineswegs schwach und hilflos, wie er sie nannte, sondern, obgleich von zarten Gliedern, ein gesundes Kind von blühender Kraft, aber Gerom verachtete die Menschen und ihr Handeln, das er betört und armselig nannte, und gönnte ihnen in ihrem Tun nicht die kleinste Gemeinsamkeit mit seinem Kind. Zwar hinderte er Anje nicht daran, wenn sie Neigung zeigte, sich hier oder dort zu beschäftigen, aber sie tat es selten und nur dann, wenn sie dadurch in der Nähe ihres Vaters verweilen konnte.
Gerom lebte der Vorstellung, daß alles Bewußtsein des Bösen und jede Macht der Finsternis erst durch Menschengeselligkeit in die Welt getragen würde. Als Onne ihm einmal die Zuneigung ihres alten Herzens in Bewunderung für sein ernstes Leben darbrachte, antwortete er ihr ruhig: »Es ist leicht gut zu sein, wenn man allein ist, die Natur nimmt uns an, so wie wir sind.«
Onne schaute vor sich hin, ihre grauweißen Haarsträhnen zogen sich arm an den faltigen Schläfen hin und an den hohlen Wangen nieder, die die Farbe welken Laubs hatten und unzählige Fältchen und Risse.
»Gerom,« sagte sie, »das ist wohl wahr, aber wer die Kraft hat, die Natur zu ertragen, dem kommt keine Gefahr mehr von den Menschen.«
Gerom sah sie an. »Mütterchen ...« sagte er langsam, aber dann erschrak er über den weichen Klang seiner Stimme und schwieg, und da Onne sich darauf verstand, woher ein Wort kam und wieviel es bedeutete, begnügte sie sich mit dieser Antwort und dachte in ihrem Sinn: Mit Gerom läßt sich leben.
In diesem Herbst kam Anje häufiger zu Onne als sonst, und eines Abends, als sie schon die Holzläden der Fenster geschlossen hatten und ein Scheitfeuer auf dem Herd angezündet worden war, ging Onne an ihre Truhe.
Die kleine Anje wußte, daß dieser Kasten mit seinem groben Schnitzwerk und seinem Schlüssel, dessen Bart fast so groß war wie ihre Hand, die unerhörtesten Schätze enthielt, und ihre Augen wurden still und groß in der Erwartung, was Onne tun wollte. Die Alte hob mit Mühe den schweren Deckel und lehnte ihn an die Wand. Nun hielt das plumpe Holzungeheuer seinen Rachen geöffnet, und Anje kam ein Zittern an, vor Scheu und Begierde sah sie nichts als ein buntes Durcheinander, das vor ihren Augen flimmerte.
Draußen rüttelte der Herbstwind in den Bäumen, die Tannen sausten und das Laubwerk rauschte; hin und wieder schlug der Laden mit leisem Klappern an, und Hirte, der am Feuer saß, bewegte unablässig die Ohren, und seine Augen waren voll Besorgnis. Der Raum war nur durch das Herdfeuer erhellt, und im Spiel der Flammen erschien es zuweilen so, als bewegte sich alles in ihm.
»Onne,« flüsterte die kleine Anje; ihr war, als müßte sie Einhalt gebieten, was konnte nicht geschehn, wenn man sich so tief in die Truhe wagte, als es die Alte tat, die ihre beiden Hände bis auf den Grund der Schätze hinabgewühlt hatte. Da bog sich Onnes braunes Gesicht über den Truhenrand nach ihr zurück, und sie sah, daß es unter den grauen Strähnen lächelte.
Das Kind atmete auf. Den vergangenen Morgen über hatte sie der Alten beim Ausbessern der Hüttenwand geholfen, so gut sie konnte, es mußten Risse verstopft werden, und hier und da sollte ein Nagel eingeschlagen werden, der ein morsches Brett halten mußte. Am Mittag hatte sie es ihrem Vater erzählt, der dann schweigend ein paar Bretter auf seine Schulter geladen, die große Säge über den Arm gehängt und den Hammer in die Tasche geschoben hatte. So machten sie sich auf den Weg zu Onne.
»Gib her,« sagte er, als er sah, daß Anje die Nägel trug, und nahm sie ihr ab.
Dann war ein gewichtigtes Hämmern und Sägen angegangen, Anje saß vor Stolz glühend neben der Alten am Grabenhang und fühlte, wie groß und stark ihr Vater war. Onne blinzelte in den Abendschein hinaus, und ihre winzigen Äuglein leuchteten vor Zuversicht, nun mochte der Winter kommen. Anje war später bei ihr geblieben, weil man nicht so rasch, und vor allem schwer allein, mit dieser Freude fertig werden konnte. Es mußte alles im einzelnen nachgeprüft und bewundert werden, wie die Bretter paßten und schlossen und wie sorgfältig die langen Nägel umgeschlagen waren. Als Gerom am Abend heimschritt, wandte er sich, einen Augenblick zögernd, nach seinem Kind um, aber als er zwei eifrige Angesichter, ein welkes und ein blühendes, in frohem Staunen vor einer kleinen Falltür am Hühnerstall sah, die er dort angebracht hatte, begriff er und ging fort. --
Und nun, bei diesem verheißungsvollen Lächeln der Alten über den Truhenschätzen, war es Anje plötzlich, als ob etwas geschehen sollte, das in einem Zusammenhang mit der Freude dieses Tages stand. Onne holte aus dem Grund der Truhe ein Buch hervor, verstaute und verschloß alles wieder sorgfältig und reichte das rötliche Ding von verblaßtem Glanz dem Kinde zum Geschenk.
»Hier steht es,« sagte Onne, nahm es zurück, blätterte und versuchte dabei, ihrer Hornbrille Halt zu verschaffen, »hör zu, wie ich es lese: >Um das weiße Schloß flogen in der Abendsonne die Schwalben, es lag auf ebenem Gefilde, frei im weiten Land ...<« Sie stockte und gab ihren Gläsern Schuld. »Ich kann es nicht mehr recht herausbringen, aber du sollst sehn, du wirst es lernen.«
Und zum nächtlichen Erbrausen des rauhen Waldes, der den Wind von der Ebene her mit Gesang in seine Fittiche nahm, erblühte der kleinen Anje an ihrem geschützten Platz am alten Feuer das Wunder, daß das Licht der Menschengedanken in gebrechlichen Hüllen bewahrt werden konnte.
Aber Anje hat niemals lesen gelernt. Sie hütete das kleine rötliche Buch wie einen heiligen Schrein, der Reichtümer enthielt, aber sie trug kein Verlangen danach, diese Schätze zu heben. Nur die Anfangszeilen des Buchs, die ihr Onne gesagt hatte, blieben in ihrer Erinnerung bewahrt, und ihr einfacher Inhalt beflügelte ihre Träume über die Herrlichkeiten der fremden Welt.
Es war zu Anfang des Buchs ein Bild eingefügt, auf dem unter einem grünen Eichbaum mit braunem Stamm ein verwundeter Mann am Wege lag. Er war nach den Gewohnheiten einer vergangenen Zeit gekleidet, mit einer schmalen gelblichen Hose, die seine Beine seltsam lang erscheinen ließ, und die sehr hoch hinaufreichte, bis an ein kurzes Jäckchen von grellem Blau. Seine weißen Hände waren sehr schlank, und sein Gesicht war zur Rechten und Linken von einem Streifen Bart eingerahmt, der von den Schläfen ein wenig an der Wange entlang niederwuchs. Aus seiner Brust rieselte in einer sorgfältigen Zickzacklinie ein Bächlein himbeerfarbenen Bluts, färbte das Gras und verrann auf dem Fußweg, an dessen Ende, am Horizont, klein, mit erhobenen Armen und weit gespreizten Beinen zwei Männer davonliefen.
Dieses Bild beschäftigte das Gemüt des Kindes ohne Unterlaß. Sie begriff nicht, was die Menschen veranlaßt haben konnte, jenem Fremden die Brust zu verletzen, so daß ihm sein Blut verrann und daß seine großen Augen sich schließen mußten vor Schmerz oder Schwäche. Auch war niemand zu sehn, der ihm hätte helfen können, und der große Eichbaum stand ruhig da im Tageslicht.