Das Anjekind: Eine Erzählung

Part 2

Chapter 23,819 wordsPublic domain

Angelika stand vor ihr und sah die kleinen lebhaften Flämmchen an, die über die verglimmenden Scheite huschten. Sie sprangen unversehens auf und erloschen wieder, waren von bläulicher Färbung und von einer kränklichen Hast. Ihr Widerschein spiegelte sich in den Kacheln und gab dem Raum sein dürftiges, unruhiges Licht. Die sinkende Mondsichel stand draußen über den Moorgründen der Haide, über der Einöde mit ihrem verschwiegenen Gurdelbach. Man sah sein fahles Licht durch die bewegungslosen Vorhänge der Fenster scheinen, an denen die traurige Nacht vorüberzog. So war das Licht im Zimmer unbestimmbar und voller Ungewißheit, die stummen Gegenstände wirkten bedeutungsvoll und lebendig.

Die junge Frau erkannte den Rahmen des Bildes, das Geroms Vater darstellte; sie glaubte die heimliche Qual der Augen zu erkennen, diesen düsteren und trotzigen Drang nach dem Licht der Erkenntnis, der auch Geroms Blicke bezeichnete. Die Standuhr tickte nicht, es mußte vergessen worden sein, sie aufzuziehen.

Der Mond draußen verlor langsam seinen Schein, der Morgen kündigte sich an, das Feuer im Kamin war nun völlig erloschen, und die Alte war auf den Teppich niedergesunken, auf dem sie ruhig schlief. Man hörte ihre Atemzüge nicht, und draußen und drinnen war es totenstill, da die Geschöpfe der Nacht zur Ruhe gegangen waren und die Vögel noch schliefen. Dann kam ein unhörbarer Wind auf, der das herannahende Licht ankündigte. Die Stimmen der Wasservögel aus dem Moor wurden laut, und die Blätter bewegten sich neben dem Fenster. Es rieselte hoch oben in der Spitze einer Pappel, als ob es regnete, und das Zimmer wurde grau.

Dies ist Angelikas Lebensnacht und ihr Daseinsmorgen gewesen, der ihr den Geschmack des Abschieds von irdischem Sein und Gut in die Seele trug, sie verharrte in tiefem Schweigen, dachte keine Gedanken und empfand keine Gefühle. Sie empfand nur ihr armes, abgekehrtes Menschenwesen und den gewaltigen Gang des lebendigen Lebens, das an ihr dahinzog wie lautloser Wind an einem Stein.

Dann kamen Schritte heran, sie klangen erst gedämpft und fern und dann immer eindringlicher in der blauen Luft der Dämmerung draußen; nun tönten sie schwer unter ihren Fenstern, und ein gebeugter Schatten schleppte sich vorüber, glitt auch über sie hin und wurde ihr zur großen dunklen Gestalt, als nun die Tür sich öffnete. Sie wußte noch, daß ein Hund draußen vor seiner Hütte sich erhoben haben mußte, denn sie entsann sich deutlich beim Beginn des Kommenden des Klirrens einer Kette.

Es war Gerom. Eigentlich wußte sie alles, schon ehe sie ihn recht sah, denn seine Tat begleitete ihn wie eine drückende Finsternis. Er sprach nicht, er ging schwer und scheinbar sehr ermattet auf und nieder, wobei er schaukelte und bald den Kopf hängen ließ, bald nickte, oder die Arme schwenkte, aber nicht im Takt seiner Schritte.

Endlich blieb er dicht vor Angelika stehn, so dicht, daß sie zurückgetreten wäre, wenn sie es gekonnt hätte. Da nun das blasse Morgenlicht in sein Gesicht fiel, sah sie, wie entstellt es war, und empfand nichts mehr als eine furchtbare Angst.

»Gerom!,« schrie sie auf und sank nieder, »erbarme dich, tu mir kein Leid, um des Heilands willen, Gerom, tu mir kein Leid!«

Und während sie schrie und flehte, und während ihre Hände krampfhaft am groben Tuch seines Rocks tasteten und griffen, war ihr, als verhöhnte irgend etwas im Grund ihrer Seele sie selbst und ihr armseliges Tun. Dabei kam ihr deutlich zum Bewußtsein, wie naß sein Gewand war.

Es schien, als ob Geroms Gedanken erst durch ihren Jammer zu dem geführt wurden, was sie befürchtete. Ich werde sie schlagen, dachte er, ich werde sie so schlagen, als wollte ich mit der Faust bis ans Herz dringen.

»O, höre mich an, sieh mich an, Gerom, ich habe nicht gewußt, was ich getan hab'.«

Gott weiß es, warum sie es getan hat, dachte er. Sie ist ein Weib, Gott weiß es ...

Und dann atmete er tief auf und sagte mit schweren Lippen: »Draußen ...«, stockte wieder und faltete dann seine großen Hände.

»Was willst du tun,« schrie die junge Frau mit lautem Weinen auf, »was soll ich tun?!«

»Du,« sagte er rasch, »du -- bist ja ein Kind ... geh hinaus, glätte sein Haar, wasch ihm das Blut aus seinen Augen und leg seine Hände zusammen ...«

Nun war es, als habe er jenen Faustschlag, der bis an ihr Herz dringen sollte, mit seiner ganzen Kraft geführt, Angelika sank ohne ein Wort zu Boden und blieb still liegen. Eine ihrer kleinen weißen Hände lag gekrümmt mit dem Rücken nach unten an seinem Stiefel.

Gerom sah auf sie nieder und hob sie nach einer Weile behutsam und vorsichtig auf. Er ging so zart dabei zu Werke, als stünde ihm die ganze Fülle seiner Liebe zu Gebote, und sein Gesicht war voller Rührung. Als er sie hinaustrug, sagte er zu ihr, als verstünde sie ihn: »Ja, er ist tot. Er hat mich, grade so wie du, um sein Leben angefleht. -- Ich werde dir kein Leid antun, du Kleine. Ach Ihr ... könnt nicht leben und könnt nicht sterben.«

Zweites Kapitel

Ungefähr sechs Jahre nach diesen Ereignissen wurde Vinzenz Gerom aus seiner Kerkerhaft entlassen. Angelika war gestorben, irgendwo in einer jener kleinen Provinzstädte, wie sie in solcher Verlassenheit und Stille nur Dänemark aufzuweisen hat. Sie hatte ein Mädchen geboren, das auf den Namen Angelika Gerom getauft worden war.

Vinzenz Gerom kam eines Tages, es war an einem Sonntag und die Glocken läuteten, zu Fuß nach Gorching zurück. Er würde wohl von niemandem erkannt worden sein, wenn man ihn nicht auf seinem Hof erblickt hätte. Sein Haar war ergraut, und er trug einen langen blauen Mantel, der seine Gestalt, die gebeugt einherschritt, seltsam entstellte und ihm den Anschein eines weltabgekehrten Sonderlings verlieh. Nur sein Schritt hatte an Festigkeit nicht verloren, und seine Augen, in ihrer versonnenen Glut, waren ungebrochen und ungetrübt.

Er bekümmerte sich wenig um die Wirtschaftsberichte, die ihm von seinen Verwandten vorgelegt wurden; der Hof war schlecht bestellt worden, soviel war gewiß. Er hatte Angelikas Tod im dritten Jahre seiner Einkerkerung erfahren, aber keine Erlaubnis erhalten, die Tote noch einmal zu sehn. Nun gab man ihm auf dem Amt in Gorching einen Brief von seiner verstorbenen Frau, den er stumm nahm und lange nicht aufbrach. Es schien, als gewänne sein Wunsch Gewalt in ihm, diese Zeilen zu vernichten, ohne daß er seinem Herzen die letzten irdischen Grüße der Frau vergönnte, die er geliebt und getötet hatte. Der Gedanke an sein Kind, von dessen Dasein er wußte, veranlaßte ihn endlich, das Schreiben zu lesen.

Es mußte in den letzten Lebensstunden der jungen Frau verfaßt worden sein, denn die Schriftzüge waren unsicher, und sie hatte keinen Wert auf Sorgfalt gelegt. Sie hatte einen beliebigen kleinen Zettel für diese Worte genommen; einen Augenblick überkam Gerom eine Regung von Erbarmen, und zugleich wurde ihm schmerzlich klar, daß dies der erste und zugleich der letzte Brief war, den er von seinem Weibe erhalten hatte. Der Brief enthielt folgende Worte:

An Vinzenz Gerom.

Ich muß sterben. Ich kann nicht mehr darüber sprechen, was du mir in meinem Leben gewesen bist, vielleicht würde ich auch nicht das Richtige sagen können, es sollen meine Hoffnungen und meine ungewisse Angst mit mir in der Nacht vergehen, die über mich hereinbricht. Ich danke dir für die Lebensbarmherzigkeit, die ich für kurze Zeit in deiner geduldigen Liebe gefunden habe, ich danke dir für Anje, mein Kind, oh ich möchte dir danken ohne Ende. Ich will, daß du sie nach meinem Tode und nach deiner Gefangenschaft zu dir nimmst, höre mich an, ich will es. Ich fürchte nicht um sie, und weder dein Zorn noch deine Bitterkeit schrecken mich ab, mein Kind in deine Hände zu befehlen, denn ich weiß, daß du einmal in deinem Leben Verlangen nach einem Menschen tragen wirst, dem du verzeihen kannst, was die Menschen dir zugefügt haben. Angelika.

Nachdem der verlassene Mann diese Worte gelesen hatte, sank ihm das Haupt auf die Brust, und der Zettel fiel ihm aus der herabhängenden Hand, ihm ward langsam in aufdämmernden Gewißheiten mehr und mehr zu Sinn, als sei Angelika niemals sein Eigentum gewesen. Seine von Bitternis gehüteten Träume hatten sich in der Hoffnung gewiegt, daß jener verhängnisvolle Vorfall, der ihn um sein irdisches Glück gebracht hatte, eine Irrung des Herzens dieser seltsamen Frau gewesen war. Er hatte sich wieder und wieder klar gemacht, daß im Grunde ihre Liebe ihm gehören müsse, denn er konnte nicht glauben, daß die zärtlichen Gebärden einer so stürmischen Hingabe, wie sie Angelika in seinen Armen geschehn war, der Erinnerung und der Trauer um Vergangenes angehören sollten. Aber nun fühlte er, daß aus diesen Zeilen weder Liebe noch Leidenschaft sprachen, denn beide fassen ihr Wesen nicht in solche Worte des Danks, hinter denen sich das eigne Leid verbirgt; und wie konnte eine Mutter ihrem Manne für ein Kind danken, da es doch sein Kind war? So schloß sie ihn mit diesen Abschiedsworten zuletzt noch aus jener Gemeinschaft aus, die ihn allein hätte versöhnen können, und sie verwandelte sein Zugehörigkeitsgefühl der Bitterkeit in das Entsetzen der Verlassenheit.

Ich bin in Wahrheit ein Mörder, dachte er. Bisher habe ich geglaubt, ein gewalttätiger Hüter meines Rechts gewesen zu sein, aber nun hat diese Tote mir durch ihr Vermächtnis den Frieden meines Daseins zertrümmert. Was soll ich ihrem Kinde verzeihn? Nur den Unedlen ist es eine Genugtuung, vergeben zu können.

So beschloß Gerom, den Wunsch der Toten nicht zu erfüllen, und sein Kind in der Fremde heranwachsen zu lassen; aber seine Liebe war stärker als sein Entschluß. Er empfand in der Qual seines Zwiespalts dunkel, daß irgendwo eine Gerechtigkeit in jener Vergebung leuchten müsse, die Angelika gemeint hatte, der einfältige Ausgleich zum Bestand, der in den großen Absichten der Natur verborgen ist. Als er endlich den Brief verfaßte, der sein Kind zu ihm rufen sollte, zitterten seine Hände und seine Lippen, und die neue Demütigung, die seine Liebe ihm auferlegte, überwältigte ihn zu Tränen, die über sein unbewegliches Gesicht in den ergrauten Bart tropften.

* * * * *

Als die kleine Anje anlangte, nahm Gerom sie zwischen seine großen Hände und hielt sie von sich ab, um sie zu betrachten. Er war nicht froh und nicht traurig, sein Gemüt schien kaum bewegt. Vergrämt forschte er in dem blassen Kindergesicht und strich endlich zögernd über das helle Haar. Da legte das von der weiten Reise ermüdete und geängstigte Kind hilfesuchend seinen Arm um den rauhen Hals des Vaters und schmiegte die Wange an seine Schulter. --

Gerom verkaufte seinen Hof und sein Land und erwarb an Stelle seines reichen und erträglichen Besitzes einen großen Landstrich der Einöde, den die Gemeinde ihm ohne Bedenken abtrat. Dort ließ er in den dichten Niederungen des Sumpflands auf einer Hebung des Lands, die der Wald getrocknet hatte, ein grobes Blockhaus errichten, versah sich mit allem, was ein Einsiedlerleben möglich machte, nahm eines Tages sein Kind an die Hand und schritt langsam und feierlich durch das Frühlingsland seiner neuen Heimat entgegen. Nur Hirte begleitete die beiden, das war ein großer, häßlicher Hund mit gelbem Zottelhaar und einer schwarzen Schnauze, zu dessen Pflege niemals etwas unternommen worden war. Sein Kopf hatte eine überraschende Ähnlichkeit mit dem eines Affen, und seine hellbraunen Augen, die einen warmen Goldglanz ausstrahlten, lagen tief unter den Stirnfalten und waren das Gutmütigste der Welt.

Wie Anje in der Einöde heranwuchs, wußte sich niemand recht zu erklären, hätte die alte Onne, die am Waldrand des Moors lebte, sich nicht zuweilen des Kindes angenommen, so wäre die kleine Menschenblüte vielleicht in der rauhen Traurigkeit verkümmert, in die Gerom sein düsteres Dasein hüllte. Er mied die Menschen in einem Haß, den Jahr um Jahr seine Einsamkeit in ihm befestigte, man ließ ihn in Furcht und Mitleid gewähren und vergaß ihn langsam. Als einmal um des Kindes willen zu ihm gesandt wurde, kam der alte Lehrer am Abend, vor Schrecken zitternd, aus dem Moor zurück, es seien dort draußen Wunder geschehen, das Land blühte, aber Gerom sei ein Tier geworden. Anje habe er nicht zu Gesicht bekommen, aber der Alte habe gedroht, Gorching in Brand zu stecken, wenn man ihm sein Kind nähme.

Die alte Onne wohnte am Moorrand in einer Torfhütte. In vergangenen Zeiten hatte sie den Fuhrleuten, die von der Dachenau hinüber ins Gorchinger Land wollten, das Mittagessen bereitet. Sie bewahrte Speisevorräte und Getränke in ihrem Keller, es gab Unterkunft bei ihr, wenn es sein mußte, und jedenfalls immer Rast. Ihr kleines Haus lag zwei Stunden von Gorching entfernt am Rand der Einöde und war so von Weiden, Birken und Kiefern verborgen im Dickicht, daß es im Sommer niemand fand, der nicht darum wußte, nur der blaue Rauch, der vom Holzdach aufstieg, verriet es zuweilen.

Wie alt Onne war, wußte niemand, sie hatte längst die Jahre erreicht, nach denen man nicht mehr fragt. In solch hohem Alter tritt bisweilen ein Zustand ein, der vom Tod nicht mehr erreichbar erscheint, es gibt Menschen, die der Tod vergißt. Die Urenkel sehen solch ein Väterchen oder Mütterlein laufen und wissen, daß schon ihre Eltern sie nicht anders gekannt haben. Sie können nicht sterben, gut, so leben sie denn, und bisweilen mit unverständlicher Geistesfrische und wie in einer neuen Jugend der Seele.

Wenn man Onne auf einem Moorpfad begegnete, ohne sie zu kennen, konnte man lange darüber in Zweifel sein, was man vor sich hatte, etwas Unförmiges in grauer und brauner Tönung, in Farben, die sich der Umgebung angepaßt hatten, nahte sich in holperigen Sprüngen, übereifrig und doch langsam. Endlich erkannte man mühsam einen weißen Scheitel, unter dem eine lange braune Nase herabhing, die Schultern und die Krümmung des Rückens überragten ihn, und die Knie der Schreitenden schienen ihn bald rechts, bald links beinahe zu berühren.

Die Alte ging einmal in der Woche nach Gorching, wo sie Waldbeeren oder Pilze verkaufte, Holz oder Torf. Sie bediente sich eines kleinen Wagens, der ursprünglich ein Kinderwagen gewesen sein mochte, und dessen vier Räder alle von verschiedener Größe waren, es schien so, als habe sich der Wagen im Lauf der Jahre den Bewegungen seiner Besitzerin angepaßt.

Die Landleute nannten Onne »die Sackziege«. Wenn im Abendrot gegen den Horizont die merkwürdig ruhlos bewegte Masse der Alten und ihres Wagens sich aus dem Dorf bewegte, um langsam im Dunst der feuchten Niederungen zu entschwinden, so wußte man, daß es ein Freitag gewesen war.

Onne war es übrigens, die Gerom mit allem versah, dessen er an Lebensmitteln aus Gorching bedurfte, und so kam es, daß sie Anje kennen lernte. Die alte Frau war keineswegs lächerlich oder einfältig, wie diejenigen sie schelten mochten, die sie nur vom Schauen her kannten oder nach den Lästerungen ihrer Gegner. Denn Onne hatte in der Tat Freunde und Feinde, deren Regungen für und gegen sie, sich bis zur Liebe oder bis zum Haß gesteigert hatten; danach ist die Bedeutsamkeit eines Menschen sicherer einzuschätzen, als nach kleinen Einzelzügen oder aus guten oder schlechten Eigenschaften. So gehörte sie auch durchaus nicht zu jener Sorte alter Waldweiblein, die sich durch Hexensprüche oder Wahrsagen beim Gesindel der Menschen in Respekt halten, sondern wenn einmal ein Mensch zu ihr kam, um ihre Hilfe zu erbitten, so war es eher dann, wenn er sein Schicksal verwinden, als wenn er es erfahren wollte. So war die Scheu, die man vor ihr empfand, und die Achtung, die sie bei manchen auslöste, nicht eine Folge der Urteilslosigkeit ihrer Umgebung, sondern sie kamen, wie alle wahrhaft geheimnisvollen Einwirkungen, aus dem Wert ihres Herzens.

Obgleich man sie selten mit einem andern Menschen zusammen sah, als mit Gerom, und obgleich sie schweigsam und spöttisch war, ging ihr Einfluß weit, und es galt als ein Zeichen besonderer Bekräftigung, wenn einer Meinung hinzugefügt wurde: Onne hat es gesagt. So hieß es, der letzte Pfarrer von Gorching habe ihretwegen sein Amt niederlegen müssen, niemand wußte recht, weshalb eigentlich, aber jeder glaubte es. Er war ein junger lebensfroher Mann gewesen, der diesen Schicksalsschlag nicht allzu hart genommen und der Einsamkeit des Landes ohne Schmerz entsagt hatte. Es war ihm ein böser Zufall mit einer Bauerntochter geschehn, der ihm nicht verziehen wurde, obgleich sein Weib fast immer krank war. Aber manche wunderten sich sehr, als er am Tage seiner Abreise mit bittersüßem Lächeln dem Ortsvorsteher zum Abschied sagte: »Unter Euch Gerechten gibt es nur drei Weltbürger, die hausen im Moor.« Da der Ortsvorsteher zwar ein reicher Bauer war, aber sonst alle Eigenschaften hatte, die die Obrigkeit der Dörfer zuweilen auszeichnet, so dachte er für die Zukunft nicht sonderlich achtungsvoll über solche Leute, wie etwa der Pfarrer sie unter »Weltbürgern« verstanden haben mochte.

Onne sagte zu Gerom: »Der Pfarrer hätte bleiben sollen, er war ein guter Mensch, aber wie soll man einen Fuchs festhalten, wenn er mit dem Schwanz voranläuft?«

Es war übrigens ungemein schwer, Onne zu verstehen, man brauchte sehr lange dazu, bis man es gelernt hatte, und da dann noch die Schwierigkeit hinzukam, das Verstandene auch begreifen zu müssen, so gehörten nur sehr wenige in Gorching oder im Dachenauischen zu diesen Erwählten. Sie sprudelte ihre Worte zunächst heraus, schien sie dann wieder einzufangen und begann eine Weile mit ihren Kiefern darauf zu kauen, dann zischte sie sie durch eine große Zahnlücke nach links, dort mußte man aufpassen, denn nun waren sie am verständlichsten.

Niemand hatte es besser gelernt, als Anje, das Kind. Onne hatte ihr wunderbarerweise vom ersten Augenblick an Vertrauen eingeflößt, und die Zuneigung war im Laufe der Jahre zu einer großen Liebe geworden. Onne verstand das einsame und scheinbar verwilderte Kind, dem niemand Liebe erwies, denn Gerom verbarg sein Herz bis zur Schwermut. Onne wußte, daß Menschen von selbständigen Kräften der Empfindung sich in ihrer Jugend nicht durch Beständigkeit oder Gleichmaß der Herzensregungen auszeichnen. Sie verstand Anjes Wildheit und die an Trauer grenzende Weichheit, mit der sie abwechselte, und liebte an dem kleinen Mädchen den hilflosen Unbestand der Empfänglichen.

Sie hatte zuweilen den Versuch gemacht, Anje mit unter Menschen zu nehmen, aber Gerom wollte es nicht, und als sie das Kind einmal heimlich zu überreden trachtete, stieß sie auf Widerstand. Da ergab sich die kluge alte Frau und überließ Anje dem Walten der großen Wälder, dem beständigen Wechsel der Jahreszeiten, dem geduldigen Land und den himmlischen Botschaften des Windes.

Drittes Kapitel

Wenn Hirte, der große gelbe Hund, durch die veränderten Lebensbedingungen auch gezwungen war, einen guten Teil seiner Erfahrungen als überflüssig zu betrachten, so gab er deshalb seinen Eifer nicht auf, den Ansprüchen gerecht zu werden, die man an ihn stellte. Er hatte bald herausgebracht, daß es im Grunde Anje war, die seiner bedurfte, und da dieser Hinweis auf seine Verpflichtungen mit seiner Neigung zusammenfiel, ergab er sich Anje mit der ganzen Ausschließlichkeit seines Wesens. Er schlief an ihrem Lager, wo immer das Kind sich zur Ruhe niederlegte, erwachte mit jedem Seufzer, der der kleinen von Träumen bedrängten Brust entwich, und horchte auf das Ticken des Regens, oder das Rascheln der nächtlichen Tiere im Laub. Schon ein Nachtfalter, der sich am Glas der Scheiben stieß, weckte ihn auf. Wenn Anje sich im Schlaf bewegte oder sich auf die andere Seite bettete, benutzte er die Gelegenheit, sich selbst ein wenig zu regen oder zu gähnen, was bisweilen notwendig war, aber er würde es nicht gewagt haben, wenn seine kleine Herrin ruhig schlief.

Des Morgens begegneten Anjes erwachende Augen dem braunen Goldglanz der seinen, er saß in respektvoller Entfernung auf dem Boden, hatte sein Maul etwas geöffnet, und seine Brauen bewegten sich erwartungsvoll und freundlich. Überhaupt war Hirtes Heiterkeit von großer Beständigkeit, immer lag sein Frohsinn im glücklichen Streit mit der Schwermut seiner tierhaften Befangenheit.

Die kleine Anje nahm, wie alles, was ihr begegnete, so auch Hirtes ergebene Liebe wie ein selbstverständliches Gut entgegen. Die Sonne über dem Bach und über den vielerlei Pflanzen des Waldes und des Moors, die Lieder der Vögel und der Schimmer des Mondes hinter dem Laubdach der Bäume, waren so schlicht und wahr ihr Eigentum, wie das Leben ihrer kleinen braunen Hände und das göttliche Geschick ihrer Augen. Sie nahm die Güter der Erde an, wie nur Kinder sie nehmen können, und ihr irdischer und himmlischer Gott, der Herr über alles, was sie umgab, war ihr Vater. Sie kannte keinen Zweifel an seiner Macht und an seiner Güte und liebte ihn in der schrankenlosen Hingabe, wie sie entstehn kann, wenn ein junges Gemüt Stunde für Stunde eine Liebe empfindet, in deren herbe Verschlossenheit kein Schrecknis des Alltags fällt, die unberührbar und unerwiesen bleibt, die keine Beweise zu liefern scheint, als einzig den verschwiegenen Gram ihrer irdischen Gebundenheit, in einem heiligen Abstand.

Denn Geroms Herz war wahrhaft gebrochen, und er hatte die Kraft zur Hingabe für seine Erdenzeit verloren. So entströmte ihm scheinbar die Fülle seiner Liebeskraft in heimatloser Allmacht, denn so wenig er in der Lage war, ein zweites Mal zu vertraun, so wenig konnte er seine Kraft zu jener Gemeinschaft verleugnen, die die Liebe in die Welt bringt.

Es war wunderbar genug, daß Anje ihn nicht fürchtete, denn sein Gesicht verfinstere sich um so mehr, je mehr sie ihm ihre Liebe zeigte oder darbot. Aber der Eifer der kleinen Anje ermüdete darüber nicht, ihre Zärtlichkeit wuchs, und ihr kindliches Tun nahm überhand an demütiger Weisheit der Liebe. Einmal legte er Anje seine Hand aufs Haar, in einer Müdigkeit ohne Gedanken, aber er erschrak darüber, wie furchtbar die Wirkung war. Das kleine Mädchen erschauerte und sank mit Zittern an seinen Knien nieder, die blasse Wange gegen seinen groben Stiefel gepreßt, wagte nicht sich zu rühren und sagte kein Wort. Es war, als verginge sie in einer Ohnmacht, ihr Glück ertragen zu können. Gerom erbebte und brüllte fast:

»Steh auf! Was ist geschehen?! Steh auf!«

Sie erhob sich und lächelte, ihre Lippen waren beinahe weiß. Sie verstand den Zorn ihres Vaters und begriff, daß es erschüttern mußte, so viel gegeben zu haben, wie er es getan hatte. Gerom ging mit großen Schritten hinaus.

Er würde wohl auf seine finstre und überlegene Art gelächelt haben, wenn Onne ihm erzählt hätte, Anje sei das eigenwilligste und trotzigste Kind, daß sich denken ließe. Aber die Alte hütete sich wohl, auch wollte Gerom von niemandem etwas über sein Kind hören. Sie begriff das Verlangen nach Liebe, das in dem kleinen Herzen Anjes brannte, und schirmte es heimlich auf ihre Art.

Einmal hatte Anje die Nacht in Onnes Hütte zugebracht, wie es oft geschah, aber diesmal mußte Gerom es ein erstes Mal gewahr geworden sein. Da Onne es mit dem Schlafen wie ihre Hühner hielt, sich mit der Sonne niederlegte und sich im ersten Morgengrauen erhob, so ließ sie das Kind noch ruhen, als das Licht sie aufweckte. Da sah sie nach etwa einer Stunde beim Beerensuchen Gerom durch den Wald kommen, er brach im Lauf durch das Unterholz in der Richtung auf ihre Hütte zu, wie ein Bär stürmte er dahin, er schnitt die Wege ab und achtete nicht darauf, daß das Buschwerk sein graues Haar verwüstete, und seine Blicke waren vor Angst erstarrt. Als er Onne entdeckte, hielt er plötzlich inne, ging langsam, strich über seine Schläfen, und die Alte sah ihn in seinen Bart lächeln, als er bei ihr war, wie sie ihn nie hatte lächeln sehn.

»Was ist geschehn?«, fragte sie. Die rote Morgensonne schien durch die betauten Büsche in den Wald, und es tropfte von den Blättern.