Das Anjekind: Eine Erzählung

Part 7

Chapter 73,813 wordsPublic domain

Er sprach noch mancherlei Dinge, die trotz ihrer Unverständlichkeit einschüchternd wirkten, weil man sie mit seinem Leidenseindruck in Zusammenhang brachte, und weil sie durch seine Verzweiflung einen schaurigen Sinn bekamen, den keine Klarheit ihnen hätte verleihen können. Niemand begriff, daß der junge Mann sich in Hoffnungslosigkeit und Herzensangst in ihre Mitte gedrängt hatte, weil er unbewußt Hilfe von den Menschen erhoffte. Vielleicht mochte hierin der Grund zu finden sein, daß er sich plötzlich in maßlosem Zorn gegen die Nächststehenden wandte und in Schmähungen ausbrach. Als man ihn ergriff und fortführte, wurde er still und ließ mit sich geschehn, was man wollte. --

Als Gerom am Abend zur Ruhe gehn wollte, trat Anje vor ihn hin und fragte ihn schüchtern:

»Gehst du heute nacht in den Wald?«

Gerom sah erstaunt auf und bejahte ihre Frage zögernd.

»Warum willst du es wissen?« antwortete er ihr.

Anje strich sich ihr Haar gelassen über die Schulter, vom Herd her fiel ein milder Feuerschein über ihre Gestalt, ihr ruhiges Gesicht glühte im dämmrigen Rot. Geroms Stirn verfinsterte sich, er stand schwer und alt im Schatten an der Tür, und sein grauer, verwilderter Bart bedeckte seine Brust bis zur Hälfte. Er forschte in diesen Zügen, deren reines Licht von so großer Unschuld erstrahlte, daß ihn eine glückhafte Schwäche befiel, die das Herz eigensinnig zu unerreichbaren Gütern überredete. Er fühlte sich schuldig, weil er ihr kein Trostwort gesagt hatte wegen Onnes Tod, aber er brachte dererlei nicht über sich; war es nicht Tröstung genug, daß sie beide den gleichen Schmerz ertragen mußten? Aber vielleicht verlangte es sie nach einem Beweis seiner Teilnahme.

Deshalb sagte er nun:

»Onne ist gestorben ...«, er stockte und fuhr fort: »so sollte es geschehn.«

Anje sah auf.

»Fürchte dich im Wald,« sagte sie, ohne auf seine Worte einzugehn, »ich habe Angst, weil niemand gegen den Tod einen Schutz hat.«

Überrascht tat Gerom einen Schritt auf sie zu, dann besann er sich und sagte ruhig:

»Anje, der Tod ist eine Pflicht des Menschen, wer ihn fürchtet, versteht das Leben nicht.«

»In das Leben kommt die Angst«, sagte Anje und legte die Hände unter ihrem Gesicht zusammen, wobei sie die Arme an die Brust drückte, und mit zitternder Stimme fügte sie in ihrer kindlichen Weisheit hinzu: »Du bist der Vater, was soll ich ohne dich tun? Ich kann auch die Pflicht ohne dich nicht tun.«

Gerom wandte sich ab und stieß mit dem Fuß an die Holzscheite am Herd, um sie zusammenzuschichten. Es verlangte ihn inbrünstig danach, Anje einen Beweis seiner Liebe zu geben, aber schon sein Wunsch beschämte ihn. Am späten Abend, als die Nacht herabsank, dachte er an ihre Worte und den einfachen Sinn. Es kam ihm darüber zum Bewußtsein, daß Anje auf diese Art noch niemals zu ihm gesprochen hatte, und darüber erkannte er, wie reich Onne gewesen war. Wie oft mochte ihr sein Kind vieles dargebracht haben, was das Herz bewegte. Nun kam Anje zu ihm, weil die alte Frau gestorben war. Außer den Darbietungen der Seele gab es für ihn keine Gaben, deren Wert er achtete, und er segnete die Tote. Im farbigen Licht des Herbstwalds sah er wieder Anje und Onne vor der Holzwand ihrer Hütte stehn, nachdem er Ausbesserungen daran vorgenommen hatte, auch erschienen sie ihm beim Beerensuchen unter den Tannen, Onnes rotes Kopftuch leuchtete neben dem hellen Haar des Kindes, beide schritten gebückt durch das braune und grünliche Dämmerlicht der großen Bäume.

Seine Gedanken raubten ihm den Schlaf. Über dem einsamen Haus und seinen Menschen herrschte die traurige Ratlosigkeit in allen Räumen, die der Tod nach seinen unbeschreiblichen Besuchen zurückläßt. So erhob sich Gerom unruhig in der Nacht und erstieg die Treppe zu Anjes Schlafkammer. Auf halbem Wege glaubte er Schritte zu hören, die zu verstummen schienen, sobald die seinen erklangen. Es war ganz dunkel im Haus, nur durch das kleine bläuliche Rechteck eines Fensters sah er zwei Sterne, einen größeren, der lebhaft flimmerte, und einen kleinen neben ihm, der friedsam glühte. Er begegnete Anje auf der Treppe.

»Ich kann nicht einschlafen«, sagte sie.

»Wohin willst du denn gehn?«, fragte Gerom befangen, denn es beschämte ihn, daß er seinem Wunsch nachgegeben hatte, in das schlafende Gesicht seines Kindes schaun zu wollen, aber es hatte ihn übermächtig gepackt, als wälzte sich die Last seiner langen Einsamkeit zur Stunde wie in Bergen auf seine Brust. Er hatte an Anjes Angesicht gedacht, an die warme Stille ihrer Schläfen, an die gesenkten Augenlider, die am hellsten waren, und an das unschuldige Glück ihres schlafenden Mundes. Heiß und bitter ward er sich bewußt: Ich hab sonst nichts.

Nun hörte er aus der Dunkelheit über sich die Stimme antworten:

»Ich wollte zu dir.«

Da schritt er hinauf und umarmte Anje. Sie legte ihre Arme um seinen Hals und hängte sich daran. Keiner von ihnen sprach im dunklen Haus. Dann nahm Gerom ihre Hände:

»Du sollst des Todes wegen nicht traurig sein«, sagte er mit bebender Stimme.

Er fühlte, wie Anje eifrig den Kopf schüttelte, und er empfand ihr Lächeln, obgleich er es nicht sah, aber er war dieses Lächelns so gewiß, daß er später in seiner Erinnerung den Eindruck hatte, als sei es in diesen Augenblicken hell gewesen. --

So war nun Onne im Tode gelungen, was sie in ihrem Leben nicht zuwege gebracht hatte. Vielleicht war auch Angelikas Wunsch durch Geroms Gang in ihr Bereich mächtig geworden, denn das Glühn der Liebeswünsche, die Tote mitnehmen, vereint sich im Unvergänglichen zu Licht, das wieder auf die Erde sinkt und niemals seinen Platz verfehlen wird.

Zwölftes Kapitel

Ein Herbstmorgen dämmerte herauf, Gerom kniete auf dem schmalen Pfad einer Waldlichtung zwischen Himbeersträuchern, mit einem erlegten Rehbock beschäftigt. Das Tier blutete aus dem Maul, und der leblose Kopf mit den gebrochenen Augen schlenkerte hin und her unter den Hantierungen des Jägers und verstreute die Blutstropfen. Die vom Nebel dämmrige Morgenluft befeuchtete die Büsche und das Gras, Geroms grauer Bart war so naß wie seine Hände und das Fell des Rehs. Eine feine Wolke dampfte an der Stelle empor, wo die beiden in der kühlen Morgenluft weilten, und Geroms Gesicht hatte einen düsteren Ausdruck von Entschlossenheit, der es stark und schön erscheinen ließ. Im Gebüsch kam ein Vogel an; er ließ sich nieder, flog aber sogleich wieder davon, als habe das tote Waldtier ihn erschreckt, das Reis der Himbeere schwankte leicht von seiner Berührung, und ins Gras fielen Tropfen.

Als Gerom von seiner Hantierung einen Augenblick aufschaute, sah er auf dem Pfad im Morgennebel Fridlin stehn.

So ungewiß die Umrisse dieser Gestalt sich aus dem grauen Dunst hoben, so wenig ließ seine Haltung einen Zweifel über die Absichten zu, die ihn an seinem Platz hielten. Gerom drehte sich langsam herum, ohne sich von den Knien zu erheben, und wandte sich Fridlin voll zu, wobei er die blutige Hand an die Stirn hob, um den Blick zu sichern. Seine Ruhe und die Vorsicht seiner Bewegung erinnerte an ein Raubtier, das über seiner Beute den Feind prüft, und das im Bewußtsein seines Rechtes oder seiner Kraft handelt, nur seine Augen sahen besorgt und zornig drein, wie wohl einer dreinschaun mag, der gefahrbringende Befugnisse in der Verwaltung eines Unmündigen vermutet.

So geschah es, daß es eine Weile totenstill in der Waldlichtung blieb, die nach Osten geöffnet war, so daß man den herannahenden Morgen im weißen Licht über der Ebene im Nebel schimmern sah. Gerom machte eine unwirsche Bewegung mit der Hand: »Geh deiner Wege«, sagte er barsch, aber noch ehe er Fridlins Antwort recht verstanden hatte, empfand er aus dem Ton seiner Stimme, daß ihm Gefahr drohte, und er reckte sich ingrimmig auf, zog den Nacken ein, und seine Hände ballten sich zu Fäusten, deren eine das blutige Messer hielt, er blieb aber noch auf den Knien am Boden. Fridlin sagte beinahe leise, aber böse und entschieden:

»Laß den Bock und die Büchse, wo sie liegen, und geh du.«

Gerom verstand nur so viel, daß dieser Bursche, der Anje nachstellte und dem er sein Haus verwiesen hatte, ihm kraft seines Amtes zu drohn wagte. Ein geduldetes Unrecht verwandelt sich im Bewußtsein bald in ein Recht, so daß Gerom um so heißer in Zorn geriet, als er sich in einem längst erwiesenen Anspruch beeinträchtigt sah und kein Schuldbewußtsein empfand. Fridlin war um einige große Schritte näher getreten, nun erkannte Gerom den Haß, der das Gesicht seines Gegners entstellte. Ach, du bist es, dachte er, als sähe er einen ganz neuen Menschen vor sich.

Darüber schwand seine Sorge, da es galt sich zu bewähren, er lachte aber nur herausfordernd auf, wandte sich ab und beugte sich wieder über das erbeutete Tier. Da erklang Fridlins Stimme in tödlicher Gereiztheit und fast geschluchzt:

»Du kannst von deiner Gewohnheit zu morden nicht lassen, Alter, aber jetzt ist es genug. Deine Waffe und das Wild sind mein, dafür behalt deine Schande und dein Kind, das aus ihr gekommen ist, und dein Leben, wenn du magst.«

»Leg dein Spielzeug fort, Bursche«, antwortete Gerom langsam, aber mit ruhiger Stimme, die die dunkle Ahnung von einer nahenden Wandlung bewegte. Aber diese Betroffenheit war nur von kurzer Dauer, es befiel ihn darüber ein Grimm, der wie mit roten Nebeln seine Blicke verschleierte.

»Glaubst du, junger Hund, ich fürchtete dich?« fragte er und erhob sich wie ein Bär vom Grund; im Gesträuch, dicht neben ihm, lehnte seine Jagdbüchse. Er machte den Schritt dorthin in einem ungelenken Satz und in halb gebückter Haltung, in scheinbarer Unsicherheit, und sein rasch und plump bewegter Körper bot auf diese Art ein schwer zu sicherndes Ziel für den Gegner. Mit grimmigem Aufschrei ergriff er wie mit einem Schlag seine Büchse, als ob er sie mit der Hand zerschmettern wollte. Die mit großer Gewandtheit gepaarte Wildheit dieser Bewegung schüchterte selbst Fridlin ein, obgleich es in seinem Willen lag, daß Gerom sich seiner Waffe bemächtigen sollte.

Als jener nun in gebückter Haltung herumschnellte, feuerte Fridlin von seinem ruhigen und aufrechten Stand aus seine Waffe ab, die mit einer Kugel geladen war, und durchschoß Geroms Brust. Der alte Mann sank mit einer täppischen Bewegung zu Boden, wobei er das Gewehr fahren lassen mußte, um seinen Körper zu stützen, und der Ausdruck seines Gesichts war darüber einen Augenblick voll Verlegenheit, als schämte er sich und als unterdrückte er ein eiliges Wort der Erklärung. Aber dann riß ihn ein wütender Lebenswille zusammen, und er raffte sich steil auf die Knie empor, ließ sein Blut aus dem Mund rinnen, wie es wollte, und hob die Jagdbüchse gegen Fridlin.

Der junge Mensch war mit zwei raschen Schritten hinzugesprungen und stand nun dicht vor dem tödlich verwundeten Mann. Zwei weitaufgerissene blaue Augen, aus denen eine unwirkliche Lebenshelligkeit flackerte, bemächtigten sich seiner in furchtbarer Anklage. Das Blut, das aus den Mundwinkeln troff, entfärbte sich in dem grauen Bart, zog dunkle Rinnsale herein und klebte die Haare an das Tuch des Rocks, dabei sank der große Kopf herab und arbeitete sich, nach rechts und links wankend, mühselig wieder empor, wobei Gerom das Blut zu schlucken sich bemühte. Als er nach einer krampfhaften Bemühung Halt gewann, richtete er die Büchse ohne Schwanken auf Fridlin, ließ sie aber plötzlich mit einem schweren Lächeln sinken und schüttelte den Kopf. Er hatte neben dem jungen Menschen, der bewegungslos dastand und sein Teil zu erwarten schien, die Waldferne im Nebel gesehn, die sich unter den Bäumen im Morgenwind gelichtet hatte. Es strahlte ihm friedsam auf diesem Wege entgegen, ein freundlicher Schein von Genügen und geduldigem Glück, und was den Rest seines Lebens hindurch seine Stillung gewesen war, überwand ihn in diesem furchtbaren Augenblick zu einem guten Beschluß.

»Armer Hund«, sagte er mit einem Gurgeln in der ersterbenden Stimme zu Fridlin, ließ die Jagdbüchse ins Gras fallen und ergab sich seinem Schicksal, indem er sich sinken ließ und sich beinahe demütig an den Erdboden drückte. Er legte die große Hand, die einst Angelika geschirmt und getragen hatte, die später ihren Geliebten erwürgt und die viel später auf Anjes Haar geruht hatte, auf die Wunde seiner lebendigen Brust und ließ den Tod herannahn, wie er wollte.

Fridlin beugte sich in fassungslosem Entsetzen vor. Nun, da Gerom dem Tod sein Recht ließ, begriff er, daß er ihn heraufbeschworen hatte und daß er selbst lebte. Seinem zerstörten Gemüt drängte sich ungewollt der Wunsch auf, von seiner Verpflichtung zu reden, es klang närrisch und armselig, als er zu stammeln begann: »Du hättest das Wild lassen sollen, Alter ...« Er verstummte und schluchzte trocken auf. Mit seiner Erkenntnis, daß nun in dieser Waldlichtung ein anderer seine Herrschaft angetreten hatte, überflutete das würgende Graun vor diesem Allmächtigen seinen Geist; mit einem Aufschrei aus dem Grund seiner armen gequälten Seele sprang er auf und lief davon, ohne zu erkennen, daß er es tat, ohne zu wissen, wohin es ihn trieb. Unter den Bäumen, an die er stieß, schrie er: »Das Anjekind ist an dem Unheil schuld, das Anjekind ...«

Gerom vernahm nichts von diesen Worten, er wurde sich nach einer Weile, bevor seine Sinne sich ganz umdunkelten, dessen bewußt, daß er nun allein war, und daß er nicht mehr die Kräfte hatte, um sich heimschleppen zu können. Seine Brust war durchschossen, ihm war, als drängte die Morgenluft bis in die Kammern seines Herzens, erkühlend, ausleerend. Seine Gedanken reihten sich um das Letzte, was er erblickte, das war ein merkwürdig großer Zweig, der sich über seinen Augen im weißlichen All gemächlich hin und her bewegte. In diesem weißlichen Licht des Alls schwebte auch er selber, und sein Körper wurde ihm leicht, als ob nun die Erde, die er im verschlossenen Gemüt auf seine Art ertragen hatte, begänne ihn zu tragen. Seine erleichterten Gedanken zogen ruhig durch sein Leben, dessen große Ereignisse sie zu verschmähn schienen, wie auch das Durchlittene, das sein Dasein reich gemacht hatte, so daß es war, als ob ein guter Geist ihm den Abschied vom irdischen Dasein leicht machen wollte, dessen Inhalt die Schmerzen sind und nicht das Genossene. Wie dunkle Felsen liegen sie im durchmessenen Tal. Aber der befreiende Strom, der dem Sterbenden durch die Sinne zog, setzte sich aus lichten Gestalten zusammen, die mit wunschlosem Lächeln herangaukelten. Er erblickte den Fluß mit seinem Holzsteg, an dem er als Knabe gefischt hatte, und die grüne Schilfwand des Ufers wurde vom Wasser bestrichen, das die langen Gräser am Grund ins Schwanken brachte, so daß es aussah, als schwämmen sie wehmütig gegen die Strömung. Er sah ein Bildnis in nüchternen Farben, eine Mutter Gottes mit einem Kinde darstellend, das an der Wand seines Kerkers gehangen hatte, und an dessen Holzrahmen von unbekannter Hand Buchstaben in ein kleines Herz eingezeichnet waren. Angelika ordnete Blumen in ein gläsernes Gefäß ein, für dessen Gebrauch als Blumenbehälter man die Stiele kurz schneiden mußte, sie lächelte auf ihre geheimnisvolle Art, die ins Unerreichbare hinüberführte. Er sah dabei ununterbrochen, wie sich das dunkle Grau des Zweiges über ihm im weißlichen All bewegte, und unterschied die Blätter und verfolgte ihre geduldigen und langsamen Bewegungen in der nebligen Morgenluft.

Plötzlich dachte er an Anje, das Kind, und begann sich auf dem Boden hin und her zu werfen, so daß das Blut aus seiner Brust das niedergedrückte Gras seines kalten Betts färbte. Seine Bewegungen waren nur noch schwach und langsam, nur ihre weit ausholende Geste, wie er die Arme warf und wie ihm die Stirn an den Boden schlug, verrieten seine innere Bewegung und die Größe seiner Angst. Zuletzt tauchte aus den finsteren Wolken, die sich über ihn dahinwälzten, wie eine beleuchtete Insel aus schwarzer Meerfläche, das Bewußtsein auf, daß er Anje auf der Treppe begegnet war und daß sie an seinem Hals gehangen hatte.

Nun war ihm, als käme Anje aus dem dämmrigen Braun und Grün der Waldferne dahergeschritten, und sie legte ihre Hände auf seine Stirn. Es war der Morgenwind, der es tat. Anje beugte sich über ihn und lächelte froh, dies war die Sonne, die den Nebel aus der Lichtung vertrieben hatte und strahlend in den frischen Wald schien. Anje legte Geroms Haupt zurecht, daß es Ruhe haben sollte, und preßte dann ihre Hand fest auf sein Herz, damit es nun stillstehen sollte. Es war der Tod, der es tat.

Dreizehntes Kapitel

Anje schritt in der Frische des Herbstmorgens, an jenem Tage, dessen Beginn Geroms Augen noch empfunden hatten, durch den Wald. Sie wählte den Weg, der im Schilf des Gurdelbachs entlang in die Weiden führte, bald an Tannen vorüber, bald am Altwasser dahin.

Ein Zweig mit roten Beeren hing in der Morgensonne über dem Wasser, das Leuchten der herrlichen Farbe im Sonnenschein zog Anjes Blick an, sie blieb stehn und betrachtete die begrünten Ufer, über deren Pflanzen die unschuldige Müdigkeit des Herbstes lag. Hier, im Frischen, schien der Sommer noch nicht verdrängt, und doch kündigte der Wandel der Zeit sich an, man fühlte ihn an der Art des Lichts, am Geruch der Luft und an dieser glückvollen Müdigkeit, in der die Pflanzen, die ihr Wachstum längst beendet hatten, sich neigten über das dahinziehende Wasser. Die Bäume und Büsche bildeten hier eine natürliche Laube, die über dem Bach gegen die Sonne geöffnet war, so daß Anje in der Walddämmerung stand und dies strahlende bunte Blätterhaus mit seinem glitzernden Boden bewunderte. Ihr Glück war so groß, als sähe sie dies alles zum ersten Mal, vielleicht war es das herrliche Rot der kleinen Beeren über der Flut, das ihr das Bild der Natur so wunderbar erneuerte. Es schien, als läge über den Pflanzen am Ufer die Erinnerung an das leidenschaftliche Blühn des Frühlings, an die Gestilltheit und Fülle des warmen Sommers, und ein Abglanz des Friedens, der ihrer im nahenden Winter harrte, und die kleine Anje begriff über ihrer Freude an beidem, am Sein und Ruhn, daß das Leben und der Tod nur Zeichen einer beständigen Herrlichkeit sein mußten, die höher als ihr Erkennen war. Sie hatte einst durch Onne vom Dasein Gottes erfahren, als vom Schöpfer der Welt und als vom Herzschlag der lebendigen Natur.

Sein Dasein war ihr selbstverständlich erschienen, wie das Dasein ihres leiblichen Vaters, ihr Herz kannte noch keinen Zweifel, weil es keine Schuld kannte, und weil sie der Schöpferkraft Gottes auch ihr Dasein verdankte, so wie es war. Ihr Vertrauen zu Gott zeigte sich in der Dankbarkeit, in der sie seine Welt bewohnte, und ihr Glaube erwies sich in ihrer Freude daran.

Als die alte Onne, bekümmert durch ihre Lebensmüdigkeit, Anje einmal von der Schuld der Menschheit gegen Gott gesprochen hatte, war aus Anjes Kindermund die seltsame Antwort gekommen:

»So wird Gott die Schuld gutmachen.«

Aus den Augen der alten Frau brach ein Leuchten, dem plötzlich Tränen folgten, die es verlöschten, aber unverwandt blieben die Augen auf Anjes Angesicht haften, wie im Bann einer wunderbaren Erscheinung, und mit bebender Stimme rief Onne:

»Er ist gekommen und hat es getan!«

»Warum weinst du?« fragte Anje.

Da sagte Onne: »Oh, du gesegnetes Kind.«

Mit der Erinnerung an diese Worte der alten Frau kam Anje der Gedanke an die Nacht, die für Onne unaufhörlich herrschte. Sie schritt langsam weiter durch das Schilf, das flüsterte, wenn sie es berührte, und oft glänzte ein Sonnenblick durch das bunte Laub nieder, in ihren blonden Haaren auf. Anje gab ihrer plötzlichen Traurigkeit nach und weinte, ohne ihr Gesicht zu verhüllen, sie schämte sich ihrer Tränen nicht vor der Erde, die die Wiege des Todes und des Lebens zugleich ist. Dem Mädchen war zumut, als wäre es mit einem heimlichen, wohltuenden Stolz verbunden, zu wissen, wie schwer die Erde oft zu ertragen ist.

* * * * *

Fridlin verbrachte diesen Tag ruhlos im Wald. Ohne Nahrung und zu Tode ermüdet, schweifte er in der Einöde umher, bald dieser, bald jener seiner planlosen Eingebungen gehorchend, aber ohne zu einem vernünftigen Entschluß kommen zu können, bis ihn im Dickicht ein Schlaf überwältigte, der einer Ohnmacht gleichkam. Im Traum führte er seine Absichten aus, bald die eine, bald die andere, er stand vor dem Förster und beichtete ihm das Geschehene, sorgsam bemüht, Gerom ins Unrecht zu setzen und den Zwang von Pflicht und Selbsterhaltung darzustellen, der ihn getrieben hatte zu töten. Gegen dieses Lächeln des Försters, das ihn als Antwort traf, mußte es doch einen Einwand geben; woher wollte jener wissen oder erweisen, was zu dieser Tat geführt hatte? Dann wieder suchte er im Wald Anje, die er nun vom Zwang des väterlichen Willens befreit glaubte, und fand sie im Grund jener aus Grün und Braun gewebten Tiefe der Waldferne allein. Er eilte auf sie zu, und seine frohe Gewißheit, ihr nicht nur alles erklären zu können, sondern auch ihre verzeihende und tröstende Liebe zu finden, beflügelte seine Schritte. Aber die unhaltbare Ferne entrückte ihm und mit ihr Anje, wie einst in Wirklichkeit, wenn er hoffte, sie erreicht zu haben. Ihre Spur blieb im Licht und in der Stille auf wunderbare Art zurück, zugleich ungreifbar und klar geschieden, überall dem Vertrauten zugehörig und doch fremd, wie eine Spur im Schnee.

Im Verlauf seines tiefen und doch ruhlosen Schlafs nahm es an finstern Mächten zu, die ihn mehr und mehr zu bedrängen begannen. Sie waren ohne greifbare Gestalt und nahten in gewaltigen Ballen heran, die sich geräuschlos in furchtbarer Allmacht über ihn dahinwälzten. Es gab kein Entrinnen, da die herannahenden Nächte, die kreisenden schwarzen Wolken vergleichbar waren und das ganze All umfaßten, doch Raum auf seiner Brust fanden, der sie zu entwachsen schienen und die sie zugleich begruben. Als er von seinem eigenen Stöhnen erwachte, war es Nacht, er riß die Augen auf und starrte um sich, ohne sich zurechtfinden zu können. Seinen verfinsterten Sinnen war anfänglich nicht mehr erkennbar, als daß jene düsteren Ballen, die ihn begruben, sich über ihm, in einem merkwürdig weißen Licht verschwimmend, still angesammelt hatten. Es waren die Baumkronen, unter denen er geschlafen hatte, im schrägen Licht des Mondes, der aufgegangen war.

Er sprang jählings empor und stürmte mit vorgereckten Armen zwischen den schwarzen Stämmen dahin, als gälte es, der Gefangenschaft der Bäume zu entrinnen, einem unsicheren Lichtschein entgegen, der schwach in der Ferne glomm. Dort flimmerte das ungewisse Himmelslicht an den Erlbüschen und Weiden, an deren Wurzeln es sich in Wasserlachen spiegelte, im Schwarzen und totenstill. Diese Ruhe lockte Fridlins fieberndes Blut, sie versprach ihm Kühle und das Ende seiner Qual, die er kaum noch erkannte, deren Wesen er in den Zerrüttungen seiner Sinne ahnte, wie Schlafende eine herannahende Gefahr im Traum. Scheinbar schüchtern und zweifelnd trat er bedächtig hinzu und sah das schwarze Wasser an. Sein Spiegelbild bewegte sich darin, er fuhr voll Entsetzen zurück und reckte die Hände nach unten hin gegen den morastigen Hauch aus, der dem Moorwasser entströmte und dem tausendjährigen Schlamm.

In der kahlen Gabelung eines Weidenstumpfs über dem feuchten Grund hockte ein graues Tier mit dem Gesicht eines kleinen alten Menschen. Es war weich und farblos, mit breiten Schultern, in denen der Kopf sanftmütig schaukelte. Das Gesicht lächelte mit matten Augen und freundlich, und die Hände hingen schwächlich an den halb erhobenen Armen nieder. Fridlin kannte dies Fabelwesen, das er zu erblicken glaubte, aus seiner Kinderzeit her und wußte, daß es beim Herannahen bedrängter Menschen für gewöhnlich flüchtete, um sich abwartend in die Gabelung einer anderen Weide zu setzen. Es drückte die Köpfe ertrinkender Menschen nieder, die in den Sumpf geraten waren.