Clerambault: Geschichte eines freien Gewissens im Kriege
Part 18
Ich sah am Himmel ein Raketensignal. Was es bedeutete, darum bekümmerte ich mich nicht mehr. Aber wie es aufstieg, sich bog und die feurigen Blumen dann ausschüttete — ich kann Ihnen nicht sagen, wie schön ich das fand, ich sog es mit allen Sinnen ein.... Und auf einmal sah ich mich als ganz kleines Kind, bei der Samaritaine am Ufer der Seine, an einem Abend, wo es Feuerwerk gab, und ich sah dieses Kind, als ob es ein anderes wäre, das mich amüsierte und mir leid tat. Und dann dachte ich, daß es doch gut sei, in das Leben hineingepflanzt zu sein und zu wachsen und irgendetwas, irgendjemand, gleichgültig wen, zu haben und ihn zu lieben. Sehen Sie, das kam nur von dieser Rakete.... Dann kamen die Schmerzen, ich begann zu brüllen, ich steckte wieder den Kopf in das Loch hinein.... Dann kamen die Leute vom Hilfsplatz... ich hatte dort kein gutes Leben, der Schmerz fraß mir wie ein Hund an den Knochen... fast wäre es besser gewesen, dort im Loch geblieben zu sein... und doch... selbst dort, und gerade dort... welches Paradies schien es mir, noch einmal so leben zu können wie einst, nur zu leben, zu leben ohne Schmerzen, so wie man jeden Tag lebte... Und man merkte es nicht! Ohne Schmerzen... ohne Schmerzen... und leben!... Aber das ist ein Traum. Wenn der Schmerz nur einen Augenblick aufhörte, wenn man nur eine Minute Ruhe hatte und bloß den Geschmack der Luft auf der Zunge fühlte und den Körper so leicht nach aller Qual.... Himmel, wie schön das war.... Und so war früher das ganze Leben gewesen, und man hatte es nur nicht bemerkt.... Mein Gott, wie dumm man ist, erst dann das alles zu verstehen, wenn man’s nicht mehr hat. Und wenn man es dann endlich liebt und um Verzeihung bittet, daß man’s nicht zu schätzen wußte, dann antwortet einem das Leben: Zu spät!“
„Es ist nie zu spät“, sagte Clerambault.
§
Gillot verlangte nichts sehnlicher, als ihm zu glauben. Dieser gebildete Arbeiter war für den Lebenskampf viel besser ausgerüstet als Moreau und selbst als Clerambault. Nichts konnte ihn dauernd niederdrücken: fällt man einmal hin, so steht man wieder auf. Man wird schon einmal Rache dafür nehmen. In seinem tiefsten Herzen dachte er bei allen Schwierigkeiten, die sich ihm in den Weg stellten: „Man wird’s schon schaffen“, und war bereit, mit der einzigen Pfote, die ihm blieb, darauf loszumarschieren, so weit es nottat, und je früher, je lieber. Denn auch er, wie alle anderen, glaubte inbrünstig an die Revolution und reimte sie mit seinem Optimismus zusammen, der den Umsturz von vornherein in Milde vollendet sah. Er war ohne jede Gehässigkeit.
Und doch konnte man sich darauf nicht verlassen, denn in diesen Seelen aus dem Volke sind viele Überraschungen versteckt. Sie sind zu leicht zu verführen und jeder Veränderung geneigt... So hörte Clerambault eines Tages, wie Gillot mit seinem Frontkameraden Lagneau, der gerade auf Urlaub da war, davon sprach, alles krumm und klein zu schlagen, wenn die Eingerückten wiederkämen und der Krieg zu Ende sei, oder vielleicht noch früher.... Der Franzose aus dem Volk, der oft so bezaubernd, lebhaft und munter ist und einen Gedanken, fast ehe man ihn noch ausgesprochen hat, erfaßt — mein Gott, wie rasch vergißt er auch! Vergißt alles, was man gesagt hat, was er selber gesagt hat, was er gesehen, geglaubt, gewollt hat, und glaubt dabei immer dessen sicher zu sein, was er will, was er sagt, sieht und glaubt. Vor Lagneau entwickelte Gillot ganz ruhig genau die entgegengesetzten Ideen wie jene, die er gestern gegen Clerambault verteidigt hatte, und nicht nur seine Ideen hatten sich verwandelt, sondern auch gewissermaßen sein Temperament. Am Morgen war ihm nichts wild genug gewesen für sein Bedürfnis nach Tat und Zerstörung, abends träumte er wiederum von nichts anderem, als irgendwo ein kleines Geschäft zu haben, dick zu verdienen, gut zu essen, ein paar Kinder aufzuziehen und sich den Teufel um alles andere zu scheren. Obwohl diese Leute sich in aller Aufrichtigkeit Internationalisten nannten, gab es unter den Soldaten doch genug, die den alten französischen Rassenhochmut — gar nicht bösartig aber fest verankert — gegenüber der ganzen übrigen Welt hatten, ob sie mit ihnen verbündet oder ihr Feind war. Und selbst in Frankreich mißachteten die Pariser die aus der Provinz, oder, wenn sie selber aus der Provinz waren, Paris. Sie waren männliche, offene Kerle, immer bereit, loszuschlagen wie Gillot, und sicher die Rechten, um eine Revolution zu machen, sie zu zerstören und noch einmal zu machen, aber dann gelangweilt das Ganze hinzuschmeißen als Beute für den ersten besten Abenteurer, der gerade des Weges kommt. Und das wissen die politischen Schleicher allzu gut. Sie wissen, die beste Taktik, die Revolution zu töten, ist, wenn die Stunde gekommen ist, sie ruhig vorbeigehen zu lassen und das Volk dabei zu amüsieren.
Und diese Stunde schien sehr nahe. Etwa ein Jahr vor dem Ende des Krieges gab es in beiden Lagern einige Monate, einige Wochen, wo die unermeßliche Geduld der gemarterten Völker zu schwinden und ein Schrei loszubrechen drohte: „Genug!“ Zum erstenmal hatte sich unter ihnen die Empfindung verbreitet, daß sie blutig genarrt würden, und man kann die Erbitterung der Menschen aus dem Volke verstehen, wenn sie feststellten, wie toll die Milliarden im Kriege ausgegossen wurden, während vor dem Kriege ihre Herren wegen ein paar hunderttausend Franken für die soziale Hilfe knauserten. Mehr als alle Reden besaßen gewisse Ziffern die Fähigkeit, die Leute aufzureizen. Man hatte berechnet, daß im Kriege ungefähr 75000 Franken verbraucht würden, um einen Menschen zu töten, und man aus derselben Summe, die zehn Millionen Tote macht, zehn Millionen Rentner hätte schaffen können. Selbst die Dümmsten wurden nun des ungeheuerlichen Reichtums der Erde und der verbrecherischen Verschwendung, die man damit trieb, gewahr, der schamlosen Verschwendung für einen leeren Wahn. Und vor allem der schändlichsten Schändlichkeit: daß von einem Ende Europas zum anderen an diesen Toten sich das Geschmeiß der Kriegsgewinner und Leichenschänder dick fraß.
„Ah“, dachten die jungen Leute, „man rede uns nichts mehr vor vom Kampfe der Demokratien gegen die Autokratien, es ist immer derselbe Schwindel.“ Überall hat der Krieg den Völkern die Schuldigen für die Rache kenntlich gemacht: die herrschende Klasse, die erbärmliche, politische, geschäftliche und geistige Bourgeoisie, die während eines einzelnen Jahrhunderts der Allmacht mehr verbrach an Gewalttätigkeit, Ruinen und Tollheiten, als in zehn Jahrhunderten die Geißel der Könige und der Kirchen.
Und kaum, daß sie fern aus dem Walde die Hacke Lenins und Trotzkis, dieser heroischen Holzhauer, hallen hörten, zitterten viele dieser niedergepreßten Herzen von neuer Hoffnung. Mehr als einer in jedem Lande bereitete schon damals sein Beil vor, um mit loszuschlagen — die herrschende Klasse aber in beiden feindlichen Lagern, von einem Ende Europas bis zum andern, sträubte sich gegen die gemeinsame Gefahr. Es war keine besondere Verständigung nötig, damit sie sich untereinander in diesem Punkte verstanden: hier sprach ihr Instinkt. Die bürgerlichen Zeitungen der Gegner Deutschlands ließen stillschweigend dem Kaiser freie Hand, um die russische Freiheit zu erdrosseln, weil sie die soziale Ungerechtigkeit, von der sie alle gleicherweise lebten, bedrohte. In der Tollwut ihres Hasses verbargen sie nur schlecht ihre Freude, als sie sahen, wie der preußische Militarismus, das Untier, das sich dann gegen sie selbst wenden sollte, sie an diesen großen Empörern rächte. Aber gerade dadurch entflammte sich in den großen Massen der Leidenden und bei den kleinen Gruppen der Unabhängigen eine glühende Bewunderung für jene Ausgestoßenen, die dem ganzen Weltall Schach boten.
Es kochte im Kessel. Um seine Kraft zu ersticken, hatte ihn die Regierung hermetisch verschlossen und sich selbst daraufgesetzt. Die blödsinnige Bourgeoisie aber, die am Ruder war und ständig noch neues Feuer unter dem Kessel entzündete, war verwundert über das dumpfe gefahrdrohende Grollen. Sie schob diese Revolte der Elemente dem bösen Geist einiger freier Sprecher in die Schuhe, oder geheimnisvollen Intrigen, oder dem feindlichen Geld, oder den Pazifisten. Und sie sah nicht ein, was ein kleines Kind gesehen hätte, nämlich daß man vor allem, um die Explosion zu verhindern, das Feuer löschen mußte. Der Gott aller dieser Mächte, wie immer sie sich nannten, ob Kaiserreich oder Republik, war doch die Faust, die Kraft, mochte sie sich noch so verschleiern und überpudern. Innen blieb die harte, selbstsichere Gewalttätigkeit. Und in natürlichem Rückstoß wurde der Glaube an die Gewalt auch das Evangelium der Unterdrückten. So entstand ein dumpfer unterirdischer Kampf zwischen sich entgegenarbeitenden Druckwirkungen. Wo das Metall verbraucht war — zunächst in Rußland — explodierte der ganze Kessel. Wo der Deckel nicht so streng niedergehalten wurde — wie in den neutralen Ländern — fuhr zischend der heiße Dampf aus. In den kämpfenden Ländern, auf denen die Unterdrückung lastete, herrschte eine trügerische Stille, die dem Unterdrücker recht zu geben schien. Dort waren sie ebenso wie gegen den Feind auch gegen ihre Mitbürger gepanzert, denn die Kriegsmaschine war nach beiden Seiten hin, nach vorn und nach rückwärts, drohend aufgestellt. Der Verschluß aus härtestem Stahl schien noch gut zu schließen, die Schrauben preßten ihn eisern an, so daß es unmöglich war oder schien, daß er jemals aufging. Es sei denn, daß plötzlich alles in die Luft flöge.
Clerambault, nicht minder unter die furchtbare Schraube gepreßt als die anderen, sah ringsum die Revolte sich vorbereiten. Er begriff sie, er hielt sie sogar für unvermeidlich. Aber deshalb liebte er sie noch nicht. Er fand sich nicht ab mit der bequemen „_amor fati_“. Ihm genügte es, zu verstehen. Aber keine Tyrannei schien ihm ein Recht auf Liebe zu haben.
§
Die jungen Leute aber verweigerten ihr die ihre durchaus nicht und waren erstaunt, daß Clerambault so wenig Begeisterung für das neue Idol aus dem Norden zeigte, für die Diktatur des Proletariats. Sie hielten sich nicht lange bei vorsichtigen Bedenken und halben Maßregeln auf, um die Welt glücklich zu machen — auf ihre Art, wenn nicht auf die seine —, sie diktierten gleich im ersten Anlauf die Unterdrückung jeder Freiheit, die ihrer Idee von Freiheit entgegengesetzt wäre. Die abgesetzte Bourgeoisie sollte des Versammlungsrechtes, des Stimmrechtes, des Rechtes der öffentlichen Meinungsäußerung beraubt werden.
„Schön“, sagte Clerambault, „aber dann wird sie das neue Proletariat werden. Dann ändert nur die Gewalt ihren Posten.“
„Aber das wird nur eine Zeitlang dauern. Wir werden die letzte Unterdrückung sein, die eben die Unterdrückung in alle Ewigkeit töten wird.“
„Ja, immer der Krieg für Recht und Freiheit; immer der letzte Krieg, der den Krieg für alle Zeiten töten soll. Aber er befindet sich bisher recht wohl, und das Recht wie die Freiheit bekommen dabei ihre Fußtritte.“
Sie protestierten unwillig gegen den Vergleich. Sie sahen im Krieg, und an denen, die ihn führten, nur Gemeinheit.
„Und doch“, sagte Clerambault sanft, „haben eine ganze Reihe von euch mitgetan und fast alle daran geglaubt.... Nein, nein, protestiert nicht! Auch in dem Gefühl, das euch damals dazu trieb, war etwas Edles. Man zeigte euch ein Verbrechen, und ihr seid darauf losgegangen, um es zu vernichten. Euer Eifer war wundervoll. Nur habt ihr geglaubt, es gäbe nur dieses eine Verbrechen, und hätte man das aus der Welt geschafft, so würde sie unschuldig und rein sein wie im goldenen Zeitalter. Die selbe seltsame Naivität ist mir schon in der Zeit der Dreyfusaffäre aufgefallen. Damals war es so, als ob alle anständigen Leute Europas (ich gehörte auch dazu) noch nie gehört hätten, daß bisher jemals ein Unschuldiger ungerechter Weise verurteilt worden sei. Ihr ganzes Leben war von dieser Erkenntnis einfach umgestürzt, und sie setzten das Weltall in Bewegung, um diesen Flecken auszutilgen.... Mein Gott, als die Wäsche fertig war — eigentlich wurde sie ja nicht einmal fertig, denn die Wäscher wurden müde mitten in der Arbeit und der Reingewaschene selbst auch — nun, da war die ganze Welt genau so schmutzig wie vorher. Es scheint eben, daß der Mensch nicht fähig ist, die Gesamtheit des menschlichen Elends mit seinem Blick zu umfassen. Er hat zu viel Angst, die Ungeheuerlichkeit des Bösen zu sehen, und um davon nicht ganz niedergeschmettert zu sein, sucht er sich immer irgendeine einzelne Sache aus, lokalisiert in ihr das ganze Böse der Welt und hütet sich, auf alles andere zu schauen. Das alles, meine Freunde, ist mir verständlich, weil es menschlich ist. Aber man muß eben mehr Mut haben. In Wirklichkeit ist das Böse überall, beim Feinde sowohl, wie bei uns selbst. Ihr habt es allmählich in unserem Staatswesen entdeckt und jetzt wendet ihr euch mit der gleichen Leidenschaft, die früher alles Böse nur im Feinde sah, gegen die Regierungsformen, deren Fehler euch aufgegangen sind. Erst wenn ihr einmal erkennen werdet, daß diese Fehler auch in euch sind — und das ist zu befürchten, nach den Erfahrungen aller Revolutionen, die immer leidenschaftlich geworden sind, und in denen jene, die das Recht bringen wollten, schließlich, ohne es selbst recht zu verstehen, ihre eigenen Hände und ihr Herz beschmutzt fanden —, dann werdet ihr euch mit einer düsteren Verzweiflung gegen euch selbst wenden.... Ihr großen Kinder, wann werdet ihr es euch abgewöhnen, gleich das Absolute zu wollen.“
Sie hätten ihm darauf antworten können, man müsse das Absolute wollen, um das Wirkliche zu erreichen. Für den Gedanken könne es Nuancen geben, aber die Tat dulde keine. Clerambault solle sich zwischen ihnen oder ihren Gegnern entscheiden! Hier gebe es keine Zwischenmöglichkeit.
Und Clerambault verstand dies. Auf dem Feld der Tat gibt es keine andere Wahl. Dort ist alles vorausbestimmt. Ebenso wie der ungerechte Sieg mit notwendiger Gewißheit die Revanche erzeugt, die dann wieder ihrerseits ungerecht sein wird, so führt die kapitalistische Unterdrückung zur proletarischen Revolution, die dann wieder nach ihrem Vorbild unterdrückt werden wird. Es ist eine Kette ohne Ende, in der eine eherne Dike waltet, die eine klare Vernunft erkennt und sogar als ein Weltgesetz ehren kann. Aber das Herz weigert sich, diese Gesetze anzuerkennen, sich ihnen zu unterwerfen, denn seine Aufgabe ist es ja, das Gesetz des ewigen Krieges zu zerbrechen. Wird es ihm jemals gelingen? ... Wer weiß? Jedenfalls ist eines gewiß, daß dieses Hoffen, dieses Wollen des Herzens außerhalb der gewöhnlichen Ordnung steht, daß es aus einer überirdischen, aus einer geradezu religiösen Welt stammt.
Aber Clerambault, der davon durchdrungen war, wagte noch nicht, sich dies einzugestehen. Oder er wagte zum mindesten nicht, das Wort „religiös“ auf sich zu beziehen, das Wort, das die Religionen von heute — die so wenig religiösen — diskreditiert haben.
§
Hatte Clerambault also selbst noch nicht volle Klarheit in sein Denken gebracht, so war es für seine Freunde noch schwieriger, sich in seiner Weltauffassung auszukennen. Und wäre ihnen selbst Gelegenheit dazu geboten gewesen, sie übersichtlich zu erfassen, so hätten sie sie doch nie verstanden. Sie konnten es nicht ertragen, daß ein Mann, der so energisch den momentanen Zustand der Dinge als schlecht und mörderisch verurteilte, trotzdem nicht ihre radikalsten Maßnahmen billigte, um diesen Zustand aus der Welt zu schaffen. Von ihrem Gesichtspunkt, demjenigen der sofortigen Aktion, hatten sie nicht unrecht. Aber das Feld des Geistigen ist viel weiter; seine Kämpfe spielen sich in größeren Räumen ab und verzetteln sich nicht in blutigen Plänkeleien. Clerambault erkannte das ewige Axiom der Tat „Der Zweck heiligt die Mittel“ nicht an, selbst nicht unter der Voraussetzung, daß diese von seinen Freunden gepriesene Kampfmethode die erfolgreichste sei. Er war im Gegenteil der Meinung, daß die Mittel für den wirklichen Fortschritt von höherer Wichtigkeit seien als die Ziele. Denn Ziele ... gibt es denn wirklich ein endgültiges Ziel?
Diese allzu umfassende und verschwommene Art des Denkens erbitterte aber die jungen Menschen und bestärkte sie in jener gefährlichen Abneigung gegen die Intellektuellen, die sich seit fünf Jahren bei der arbeitenden Bevölkerung herausgebildet hatte. Sicherlich hatten die Intellektuellen nichts Besseres verdient, denn wie weit waren die Zeiten, wo die Geistigen an der Spitze der Revolutionen standen! Jetzt schlossen sie sich mit allen reaktionären Kräften zusammen, und selbst die verschwindend kleine Zahl derer, die sich außerhalb des Clans gehalten hatten und seine Irrtümer tadelten, zeigte sich, wie Clerambault, unfähig, auf ihren Individualismus zu verzichten, der sie einmal gerettet und nun zu Gefangenen gemacht hatte. Kaum hatten nun die Revolutionäre die Unfähigkeit selbst der Besten erkannt, sich den neuen Massenbewegungen einzuordnen, so gingen sie einen Schritt weiter und proklamierten den Niedergang der Intellektuellen. Der Stolz der Arbeiterklasse, der sich schon in Artikeln und Reden äußerte, ungeduldig, sich wie in Rußland bald in Taten manifestieren zu können, dieser Stolz verlangte, daß die Intellektuellen sklavisch ihren proletarischen Herren gehorchten. Das Seltsamste dabei war, daß einige unter den Intellektuellen selbst am leidenschaftlichsten diese Erniedrigung ihres Standes verlangten — sie hätten gern damit glauben gemacht, daß sie nicht mehr dazu gehörten und vergaßen es sogar selbst.... Moreau freilich vergaß es nicht. Aber nur mit noch größerer Bitterkeit verabscheute er die Klasse, deren Nessushemd ihm auf der Haut brannte. Seine Erbitterung war ohne Maß.
Er trug jetzt gegen Clerambault seltsam aggressive Gefühle zur Schau. Er unterbrach ihn in der Diskussion ohne jede Höflichkeit, mit einer gewissen Art ironischer und gereizter Schärfe, daß man oft das Gefühl hatte, er wolle ihn bewußt verletzen.
Clerambault nahm es ihm nicht übel. Er war voll Mitleid mit ihm, denn er wußte, daß Moreau litt, und konnte sich die Bitterkeit eines hingeopferten jungen Lebens gut vorstellen, dem die sittliche Nahrung, die für einen fünfzigjährigen Magen gehört — Geduld und Resignation — nicht recht munden wollte.
Eines Abends, als sich Moreau gegen Clerambault besonders unangenehm gezeigt hatte und doch ihn durchaus nach Hause begleiten wollte, gleichsam als könnte er sich nicht entschließen, ihn zu verlassen, und als er da vor sich hinschweigend und verschlossen an seiner Seite schritt, blieb Clerambault einen Augenblick stehen und sagte, indem er freundschaftlich seinen Arm nahm, lächelnd:
„Mein armer Junge, dir geht es wohl nicht gut?“
Moreau war verdutzt, raffte sich zusammen und fragte trockenen Tones, woran man denn merken könnte, daß „es nicht gut ginge“.
„Nun daran, daß Sie so bösartig waren heute abend“, antwortete Clerambault gutmütig.
Moreau protestierte.
„O doch! Was für Mühe haben Sie sich gegeben, um mir weh zu tun: Ja, doch, ein wenig, nur ein ganz klein wenig.... Ich weiß es sehr gut, daß Sie es nicht ganz ernstlich wollen, aber wenn ein Mensch wie Sie einen andern leiden machen will, so ist das ein Zeichen, daß er selber leidet.... Habe ich nicht recht?“
„Verzeihen Sie mir“, sagte Moreau, „es ist wahr. Mir tat es weh, zu sehen, daß Sie nicht an unsere Aktion glauben.“
„Und Sie selbst?“ fragte Clerambault.
Moreau verstand nicht.
„Und Sie selbst“, wiederholte Clerambault, „glauben Sie denn daran?“
„Und ob ich daran glaube“, rief Moreau entrüstet.
„Aber nein“, sagte Clerambault ganz sanft.
Moreau war nahe daran, zornig auszubrechen. Dann sagte er nachgiebiger: „Doch, durchaus!“
Clerambault war weitergegangen.
„Nun gut“, sagte er, „das ist ja Ihre Sache, Sie müssen ja besser wissen als ich, was Sie eigentlich glauben.“
Sie gingen nebeneinander her, ohne zu sprechen. Nach einigen Minuten faßte Moreau Clerambault am Arm und sagte:
„Wieso konnten Sie das wissen?“
Sein Widerstand war gebrochen. Er enthüllte die Verzweiflung, die sich unter seinem aggressiven Willen zur Gläubigkeit und zur Tat verbarg. Innerlich war er von Pessimismus zerfressen, der ja immer eine natürliche Folge jedes in seinen Illusionen schmerzhaft enttäuschten, übermäßigen Idealismus ist. Die religiöse Seele von einst war ganz ruhevoll: sie stellte das Gottesreich hinüber in ein Jenseits, das kein irdisches Geschehnis erreichen oder zerstören konnte. Aber die religiöse Seele von heute, die das Gottesreich mitten in unsere Welt stellen will und es auf dem Grunde der menschlichen Vernunft und der Liebe aufbaut, die wird lebensüberdrüssig, sobald das Leben ihren Traum einstürzen läßt. Es gab Tage, wo Moreau sich am liebsten die Adern aufgeschnitten hätte! Die Menschheit schien ihm wie eine faulende Frucht, voll Verzweiflung sah er den Zusammenbruch, den Untergang, die Niederlage, die von allem Anfang im Schicksal der menschlichen Rasse wie ein Wurm in der Frucht eingesponnen sitzt, und er konnte die Idee dieses unsinnigen und tragischen Schicksals, dem die Menschen nie entrinnen werden, nicht ertragen. Wie Clerambault fühlte er in seinen Adern das Gift des Wissens und der Vernunft; aber indes Clerambault die Krise überstanden hatte und die Gefahr nur in der Zügellosigkeit des Geistes sah und nicht schon in seinem Wesen, war Moreau von der Vorstellung besessen, die Vernunft sei selbst schon von Gift durchtränkt. Seine krankhaft erregte Phantasie erschöpfte sich selbstquälerisch in immer neuen Vorstellungen, sie zeigte ihm die Menschheit mit dem unauslöschlichen Brandmal der Krankheit ihrer Geistigkeit behaftet. Im vorhinein sah er alle Möglichkeiten von Katastrophen, denen sie zudrängte. Sah man denn nicht schon das tragische Schauspiel, wie die Vernunft vor Hochmut taumelte angesichts der ihr von der Wissenschaft ausgelieferten Gewalten, angesichts jener Dämonen der Natur, die ihr durch die magische Formel der Chemie untertan waren, und wie sie in Verwirrung über die zu rasch überhandnehmende Macht diese zu ihrem eigenen Selbstmord mißbrauchte?
Aber Moreau war zu jung, um unter dem Druck solcher Wahnvorstellung zu verbleiben. Man mußte etwas tun, etwas tun um jeden Preis, um nicht allein mit dieser Vision zu bleiben.
„Nein, hindern Sie uns nicht an der Tat! Im Gegenteil, feuern Sie uns dazu an!“
„Mein Freund“, sagte Clerambault, „man darf die anderen nur dann zu einer gefährlichen Tat ermutigen, wenn man selber mittut. Mir sind die Aufhetzer, selbst wenn sie aufrichtig sind, unerträglich, all jene, die andere treiben, Märtyrer zu werden, ohne selbst das Beispiel zu geben. Es gibt nur einen Typus des wahrhaft heiligen Revolutionärs: das ist der Gekreuzigte. Aber nur sehr wenige Menschen sind für die Aureole des Kreuzes geboren. Der Hauptfehler besteht darin, sich selbst übermenschliche und unmenschliche Pflichten zu setzen. Es ist ungesund für die Mehrheit der Menschen, sich zum Übermenschen erheben zu wollen, und vielleicht für sie selbst nur eine Quelle unnützer Qualen. Aber jeder Mensch kann trachten, in seinem kleinen Kreise das innere Licht auszustrahlen, Ordnung, Frieden und Güte. Und das ist das wahre Glück.“
„Aber das genügt mir nicht“, sagte Moreau. „Das läßt zuviel Raum für den Zweifel. Alles oder nichts.“