Clerambault: Geschichte eines freien Gewissens im Kriege
Part 17
Es war dringend notwendig, darauf eine Antwort zu geben und für jene einen Sinn des Lebens zu finden. Ein Mann im Alter Clerambaults hat einen Sinn des Lebens nicht so nötig. Er hat schon gelebt, ihm kann es genug sein, sein Gewissen freizumachen: das ist für ihn gleichsam sein öffentliches Testament. Aber für diese jungen Leute, die ihr ganzes Leben noch vor sich haben, kann es nicht genug sein, die Wahrheit auf einem Leichenfelde zu sehen. Wie immer auch die Vergangenheit gewesen sei, für sie zählt doch nur die Zukunft. Ihnen muß man die Trümmer aus dem Wege räumen!
Woran leiden diese jungen Menschen am meisten? An ihrer eigenen Qual? — Nein! Sondern an ihrem Zweifel an dem Glauben, dem sie diese Qual zum Opfer dargebracht haben. (Würde man denn irgendein Bedauern haben, sich für die Frau geopfert zu haben, die man liebt, oder für sein Kind?) Und dieser Zweifel vergiftet sie, er nimmt ihnen die Kraft, auf ihrem Weg weiter fortzuschreiten, weil sie fürchten, an seinem Ausgang die Verzweiflung zu finden. Deshalb ruft man euch ja zu: „Hütet euch, das Ideal des Vaterlandes zu erschüttern! Trachtet lieber, es wiederherzustellen.“ Welch ein Hohn! Kann man denn wirklich durch seinen Willen einen Glauben wiederherstellen, den man einmal verloren hat? Man kann sich höchstens selbst belügen, und das weiß man in seiner tiefsten Seele. Und gerade dieses uneingestandene Bewußtsein tötet den Mut und die Freude.
So habt den Mut und verwerft den Glauben, an den ihr nicht mehr glaubt! Die Bäume müssen, um neu zu grünen, ihr Herbstlaub abschütteln. So sollt ihr aus euren verlorenen Illusionen, wie die Bauern aus dem welken Laub, ein Feuer machen, dann wird das neue Grün, der neue Glaube nur schöner aufwachsen. Denn der neue Glaube kann warten. Die Natur stirbt nicht, sie verwandelt nur ewig ihre Formen. Laßt doch, wie sie, das abgestorbene Kleid der Vergangenheit hinsinken!
Seht nur recht hin, zieht die Bilanz dieser harten Jahre! Ihr habt gekämpft und für das Vaterland gelitten. Und was habt ihr dabei gewonnen? Ihr habt die Brüderlichkeit der Völker entdeckt, die sich bekämpfen und miteinander leiden. Ist diese Erkenntnis zu teuer bezahlt? Nein, wenn ihr nur euer Herz sprechen laßt, wenn ihr wagt, es dem neuen Glauben aufzutun, der gerade, als ihr es am wenigsten erwartetet, zu euch gekommen ist.
Das Täuschende und Niederdrückende ist, daß der Mensch an sein anfängliches Ziel gebunden bleibt. Glaubt er dann nicht mehr an dieses Ziel, so glaubt er, jetzt sei alles verloren. Nun bringt niemals eine große Tat gerade jene Wirkung hervor, die man von ihr erwartete, und es ist gut so, denn fast immer übertrifft die tatsächliche Wirkung die erwartete und ist ganz anderer Art als sie. Weise sein heißt nicht, mit seiner fertigen Weisheit schon auszuziehen, sondern sie erst unterwegs in Aufrichtigkeit zu entdecken. Wagt es, euch einzugestehen, daß ihr nicht mehr dieselben Menschen seid wie 1914, und wagt es zu sein: Dies wird dann der Hauptgewinn oder vielleicht der einzige Gewinn dieses Krieges sein.... Aber werdet ihr es wirklich wagen? So viele Beweggründe vereinen sich ja, euch zu entmutigen; die Müdigkeit aller dieser Jahre, die alten Gewohnheiten, die Furcht vor der Anstrengung, in das eigene Ich hinabzublicken, das Abgestorbene auszujäten, das Lebendige zu bejahen und dann irgendein abergläubischer Respekt vor dem Alten, die faule Vorliebe für das, was man schon kennt (sei es selbst schlecht, sei es selbst tödlich), das träge Bedürfnis nach billiger Klarheit, das einen lieber ins alte Geleise zurückkehren läßt als neuen selbstgebahnten Wegen entgegengehen. Ist es denn nicht das Ideal der meisten Franzosen von Kindheit an, irgendeinen fertigen Lebensplan in die Hand zu bekommen und ihn nicht mehr zu ändern?... Ach, daß doch wenigstens dieser Krieg, der so viele eurer Heimstätten zerstört hat, euch zwingen würde, aus eurem Schutt herauszutreten, eine neue Heimstatt zu gründen und neue Wahrheiten zu suchen!
§
Vielen dieser jungen Leute fehlte es nicht an Verlangen, mit der Vergangenheit zu brechen und in neue Welten einzutreten — im Gegenteil: sie hatten es allzu hastig damit. Noch waren sie aus ihrer alten Welt nicht heraus, so begannen sie schon, die neue gründen zu wollen. Nur rasch, nur keinen Übergang! Eine reinliche Scheidung! Entweder bewußte Unterwerfung unter das Vergangene oder Revolution!
So empfand auch Moreau. Er machte aus der Hoffnung Clerambaults auf eine soziale Erneuerung eine Gewißheit. Und in seiner Aufforderung, geduldig Tag für Tag sich die neue Wahrheit zu erobern, hörte er nur einen Appell zur gewaltsamen Aktion, die sie sogleich erzwingt!
Er führte Clerambault in zwei oder drei Kreise junger Intellektueller revolutionärer Richtung ein. Sie waren nicht sehr zahlreich, in allen Zusammenkünften begegnete man immer wieder den selben. Von Staats wegen wurden sie überwacht, was ihnen eher mehr Bedeutung gab, als wenn das nicht geschehen wäre. Elende Macht, bis an die Zähne bewaffnet, über Millionen von Bajonetten, über eine Polizei und eine Justiz, beide folgsam und zu allem bereit, verfügend, bist du dennoch stets furchtsam und kannst es nicht ertragen, daß ein Dutzend freier Geister sich versammelt, um über dich zu richten! Dabei hatten diese jungen Leute durchaus nicht die Art von geheimen Verschwörern. Im Gegenteil, sie taten alles mögliche, um verfolgt zu werden, aber ihre ganze Tätigkeit beschränkte sich auf Worte. Was hätten sie auch anders tun können? Sie waren isoliert von der großen Menge ihrer geistigen Gefährten, die die große Maschine des Krieges aufsog, die die Armee verschlang und nur dann zurückgab, wenn sie für sie unbrauchbar geworden waren. Was gab es denn noch an europäischer Jugend im Hinterland? Abgesehen von den Drückebergern, die sich nur allzuoft zu den traurigsten Diensten mißbrauchen ließen und die anderen zum Kampfe hetzten, damit man vergesse, daß sie selber nicht kämpften, setzten sich die Repräsentanten der jungen Generation — _rari nantes_ —, die im Zivildienst verblieben waren, nur aus gänzlich Kriegsuntauglichen zusammen, zu denen sich allmählich die Schwerverwundeten wie Moreau gesellten. In diesen verstümmelten und untergrabenen Körpern war die Seele gleich brennenden Kerzen in einer Laterne mit zerbrochenen Fenstern: sie verzehrte sich, sie züngelte und rauchte, ein Windstoß konnte sie auslöschen. Aber da sie mit ihrem Leben nicht mehr rechneten, schlug die Glut daraus nur um so höher.
Diese Seelen hatten übergangslose Stimmungen vom äußersten Optimismus bis zum äußersten Pessimismus. Und diese heftigen Schwankungen des Barometers entsprachen nicht immer dem Luftdruck der äußeren Ereignisse. Der Pessimismus war nur zu leicht erklärlich. Erstaunlicher war aber der Optimismus, für den man kaum hätte Vernunftsgründe finden können. Sie waren ja nur eine Handvoll, die nichts tun konnte, gar keine Möglichkeit zur Tat hatte, und jeder neue Tag schien ihre Gedanken sinnloser zu machen. Aber je schlechter es stand, um so zufriedener schienen sie zu sein. Sie besaßen einen Desperadooptimismus, jene tolle Gläubigkeit der fanatischen und unterdrückten Minorität, die den Antichrist braucht, damit der Christus wiederkehre. Sie erwarteten gerade aus den Verbrechen der alten stürzenden Weltordnung die neue Weltordnung, und es war ihnen gleichgültig, ob sie selbst dabei zugrunde gingen mit all ihren Träumen. Diese jungen Unbedingten, die Clerambault kennen lernte, sahen ihr Hauptziel darin, eine bloß teilweise Verwirklichung ihrer Träume innerhalb der alten Ordnung zu verhindern. Alles oder nichts! Die Welt zu verbessern, schien ihnen lächerlich. Entweder eine vollendete Welt, oder sie soll zugrunde gehen. Dieser mystische Glaube an den großen Umsturz, an eine Weltrevolution spukte gerade in jenen Fieberköpfen am leidenschaftlichsten, die am wenigsten an die Träume der Religionen glaubten.... Und dabei waren sie selber religiöser als alle Gläubigen der Kirche.... O tolle irdische Rasse! Es ist immer derselbe Glaube an das Absolute, der die Narren des Völkerkrieges, die Narren des Klassenkampfes, die Friedensnarren in dieselbe Trunkenheit, in dieselbe Vernichtung reißt! Fast möchte man glauben, daß die Menschheit, als sie aus dem brennenden Schlamm der Schöpfung auftauchte, einen Sonnenstich empfing, von dem sie nie geheilt ward und der sie von Zeit zu Zeit mit solchen Fieberanfällen durchschüttelt.
Oder sind vielleicht diese Mystiker der Revolution Wegbereiter von Verwandlungen, die in der Rasse keimen — vielleicht noch Jahrhunderte keimen — und die vielleicht niemals aufblühen werden? Denn es gibt in der Natur immer Tausende von schlummernden Möglichkeiten für eine einzige Erfüllung innerhalb jener Frist, die unserer Menschheit zuteil geworden ist.
Vielleicht ist es gerade das dunkle Gefühl dessen, was sein könnte und doch nie sein wird, das manchmal dem revolutionären Mystizismus eine andere, seltenere und tragischere Form gibt — den ekstatischen Pessimismus, der fieberig zum Selbstopfer drängt. Wie viele dieser Revolutionäre haben wir gekannt, die im geheimen von der zerschmetternden Übermacht des Bösen, von der unausbleiblichen Niederlage ihres Glaubens überzeugt waren und sich doch liebend begeisterten für das besiegte Ideal — „... _sed victa Catoni_“ — und für die Hoffnung, für es zu sterben, zu vernichten und vernichtet zu werden. Wie viel tolle Glut hat die zerschmetterte Kommune, nicht durch ihren Sieg, sondern durch die Art ihrer Zerschmetterung aufflammen lassen! Es scheint, daß selbst in den Herzen der ärgsten Materialisten ein Funke der ewigen Flamme, der mißhandelten, verleugneten und doch immer neu bekundeten Hoffnung lebt, jenes unzerstörbaren Traumes aller Unterdrückten von einer besseren jenseitigen Welt.
§
Diese jungen Leute nahmen Clerambault mit verehrungsvoller Zuneigung auf. Sie versuchten, ihn ganz zu dem ihrigen zu machen, die einen, weil sie in seinen Gedanken das zu lesen glaubten, was sie selber glaubten, die anderen in der Überzeugung, dieser gute alte Bürger, für den das Gefühl bisher der einzige, zwar edle aber unzulängliche Führer gewesen, würde sich nun durch ihr gestrafftes Wissen überzeugen lassen und mit ihnen bis an die äußersten logischen Konsequenzen ihrer Anschauungen gehen. Clerambault setzte sich nur schwach zur Wehr, denn er wußte, daß nichts in der Welt einen jungen Menschen überzeugen konnte, der sich eben auf ein System festgelegt hat. In diesem Lebensalter ist jede Diskussion vergebens. Etwas früher, in den vorausgehenden Jahren, wo der Einsiedlerkrebs noch seine Schale sucht, kann man auf ihn wirken, und dann wiederum später, wenn die Muschel abfällt oder schon, wenn sie ihn in seinen Bewegungen stört. Aber solange das Kleid noch neu ist, gilt nur eines: es ihm zu lassen, denn es ist ihm ja angepaßt. Wächst er es aus oder wird es ihm zu groß, so drängt es ihn schon selbst, ein anderes zu suchen. Nur keinen Zwang, aber sich auch von niemandem zwingen lassen!
Niemand in diesem Kreise dachte, zum mindestens anfangs, daran, Clerambault zu vergewaltigen. Aber seine Gedanken wurden manchmal ganz seltsam nach dem Geschmack seiner Gäste verändert und seine Ideen hatten eine höchst sonderbare Resonanz in ihrem Munde. Clerambault ließ seine Freunde reden, er selbst sprach nicht viel, und wenn er dann nach Hause kam, war er verwirrt und ein wenig ironisch.
„Sind das wirklich meine Gedanken?“ fragte er sich.
Wie ist es doch schwer, seine Seele anderen Wesen mitzuteilen. Vielleicht unmöglich sogar. Und wer weiß — die Natur ist ja um so viel klüger als wir — vielleicht ist es für uns gut so.
Seine Ideen vollständig aussprechen — kann man es überhaupt, soll man es überhaupt? Langsam ist man zu ihnen gelangt, mit Mühe, auf dem Wege vieler Prüfungen, und nun halten sie gewissermaßen die Gleichgewichtsschwebe zwischen unseren inneren Elementen. Ändert man diese Elemente, ihre Zusammensetzung und ihre Art, so ist die Formel natürlich sofort ungültig und bringt ganz andere Wirkungen hervor. Könnten wir unsere Gedanken plötzlich in ihrer Gänze auf einmal in einen anderen Menschen hineinschleudern, so bestünde die Gefahr, daß er toll würde, ja es gibt sogar Fälle, wo der andere, wenn er sie verstände, daran sterben würde. Aber die weise Natur hat ihre Vorsichtsmaßregeln getroffen. Der andere versteht uns nicht, er kann uns nicht verstehen. Sein Instinkt wehrt sich dagegen. Er fühlt nur den Anstoß unserer Idee gegen die seine, und wie auf dem Billard wird die Kugel wieder weggestoßen, nur ist es hier weniger leicht vorauszusehen, gegen welche Stelle der grünen Wand. Die Menschen hören nicht bloß mit dem reinen Geist, sondern auch gleichzeitig mit ihren Leidenschaften und ihrem Temperament. Von dem, was man ihnen gibt, nimmt sich jeder nur, was ihm paßt und wirft den Rest zurück, und zwar aus einem dunkeln Instinkt der Verteidigung. Die Vernunft tut sich nie einem neuen Gedanken sofort auf, sie kontrolliert ihn gleichsam am Schalter, ehe sie ihn hereinläßt, und sie läßt nur das herein, was ihr genehm ist. Was hat man aus den hohen Gedanken eines Jesus und eines Sokrates gemacht! Zu ihrer Zeit hat man sie getötet, um dann zwanzig Jahrhunderte später aus ihnen Götter zu machen, was ja nur eine andere Form ist, sie noch einmal zu töten; denn man wirft damit ihren Gedanken ins Himmelreich zurück. Würde man ihn sich in dieser unserer irdischen Welt verwirklichen lassen, so wäre ihr Ende gekommen. Das wußten sie selbst, und das Größte ihrer Seele ist vielleicht nicht, was sie ausgesprochen, sondern was sie verschwiegen haben. Wie pathetisch ist doch die Beredsamkeit des Schweigens bei Jesus, wie schön der Schleier über den antiken Symbolen und uralten Mythen, um die schwachen und furchtsamen Augen zu schonen! Allzu oft ist das Wort, das für einen das Leben bedeutet, für den anderen der Tod oder, was noch ärger ist, der Mord.
Was also tun, wenn man die Hände voll hat mit Wahrheiten? Soll man die Saat im vollen Wurfe ausstreuen? Aber dem Samen des Gedankens kann Unkraut oder Gift entwachsen!....
Vorwärts! Zage nicht! Du bist nicht der Herr des Schicksals, aber du bist auch selbst Schicksal, du bist eine seiner Stimmen. So sprich! Das ist die dir zugeteilte Aufgabe! Sag alles, was du denkst, aber sage es mit Güte! Sei wie eine gute Mutter, der es nicht gegeben ist, aus ihren Kindern vollkommene Menschen zu machen, sondern nur zu versuchen, sie geduldig zu unterrichten, damit sie es werden, wenn sie es selber werden wollen. Man kann andere nicht gegen ihren Willen oder ohne ihre Mithilfe befreien. Und selbst wenn dies möglich wäre, was hätte es für einen Sinn? Denn wenn sie sich nicht selbst befreien, fallen sie schon morgen wieder in ihre Sklaverei zurück. Man muß ein Beispiel geben und sagen: „Hier ist der Weg! Seht, man kann sich befreien!“
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Trotz all seinen Bemühungen, männlich zu handeln und die Folgen seines Tuns den Göttern zu überlassen, war es doch ein Glück für Clerambault, daß er nicht die ganze Tragweite seiner Ideen überblickte. Denn seine eigentliche Absicht war ja, ein Reich des Friedens zu gründen, in Wirklichkeit aber wirkte seine Idee wohl in beträchtlichem Maße an der Entfesselung des sozialen Kampfes mit. So paradox es scheint, es ist dies das Schicksal jedes wahren Pazifismus, weil er eine Verurteilung des Gegenwärtigen bedeutet.
Aber Clerambault war sich im unklaren darüber, daß gefährliche Mächte eines Tages sich auf ihn berufen würden. Und in einer seltsamen Gegenwirkung auf die Gewalttätigkeit dieser jungen Leute arbeitete sich sein Geist gerade unter ihnen immer mehr zu einer gewissen Harmonie durch. Je weniger jene — sie unterschieden sich darin gar nicht von vielen Nationalisten, die sie bekämpften — auf das Leben gaben, um so höher schätzte er es für seinen Teil. Jenen war die Idee fast durchweg wichtiger als das Leben. (In diesem Wahn erblickt ja die allgemeine Meinung eine Größe der Menschheit.)
Dennoch fühlte sich Clerambault sehr beglückt, unter ihnen auch einen Menschen zu finden, der das Leben um des Lebens willen liebte. Es war ein Kamerad Moreaus namens Gillot, schwer verwundet wie jener, und in seinem Zivilberufe Zeichner in einer Fabrik. Ein Geschoß hatte ihn von oben bis unten mit Splittern übersät. Er hatte ein Bein verloren und sein Trommelfell war gesprengt. Aber Gillot wehrte sich mit mehr Energie gegen das Schicksal als Moreau. In den lebhaften Augen dieses kleinen dunkelbraunen Burschen brannte trotz allem eine Flamme der Heiterkeit. Er war ganz einig mit Moreau in der Verurteilung der Sinnlosigkeit des Krieges und der Verbrechen der modernen Gesellschaft, sie hatten dieselben Dinge und dieselben Menschen gesehen, aber mit verschiedenen Augen. Und es kam oft zu Diskussionen zwischen beiden.
„Ja“, sagte Gillot eines Tages, als Moreau gerade Clerambault eine grauenhafte Erinnerung aus dem Schützengraben erzählte, „ja so war es..., nur steckt noch etwas Ärgeres dahinter, nämlich, daß das alles auf uns keinen, gar keinen Eindruck machte.“
Moreau protestierte empört.
„Auf dich vielleicht, und vielleicht auf zwei oder drei andere, da und dort. Aber die große Masse!... Schließlich hat man bei den Dingen überhaupt nichts mehr gefühlt.“
Und Gillot fuhr rasch fort, um einen neuen Protest Moreaus im voraus zu unterdrücken:
„Ich sage das ja nicht, mein Lieber, um etwas aus uns zu machen — dazu ist ja wahrhaftig kein Anlaß. Ich sage es nur, weil es eben so ist.... Sehen Sie (er wendete sich jetzt an Clerambault), die Leute, die von dort zurückkommen und die das in Büchern erzählen, die sagen ja wirklich, was sie fühlen. Aber diese Leute fühlen eben viel mehr als die meisten Sterblichen, weil sie Künstler sind. So einen reizt eben alles in den Nerven auf. Unsereins ist abgebrüht, und wenn ich jetzt daran denke, scheint mir diese Fühllosigkeit das Ärgste von allem. Wenn Sie hier eine von den Geschichten lesen, die Ihnen die Haare zu Berge stehen lassen oder bei denen sich Ihnen der Magen umdreht, so fehlt noch immer die Pointe daran: nämlich, daß ein paar Burschen dort vorne stehen, ihre Pfeife rauchen, Witze reißen oder an etwas anderes denken. Und das ist ja nötig, denn sonst krepierte man ja.... Der Mensch hat eben eine grauenhafte Fähigkeit, sich an alles anzupassen.... Ich glaube, er würde ganz gut in einer Düngergrube gedeihen. Es ist ja wahr, man kann ein Grausen vor sich kriegen, aber ich, der ich da zu Ihnen rede, ich bin selbst so gewesen. Ich habe nicht, wie es der Kleine da tut, meine Zeit damit verbracht, herumzusinnieren. Wie alle Welt, fand ich das, was ich zu tun hatte und tun mußte, blödsinnig. Aber da das ganze Leben eben blödsinnig ist — ich habe doch recht? —, so tat man eben, was man tun mußte, tat, soviel eben nötig war und wartete, bis es aufhörte.... Wartete auf irgendein Ende, auf dieses oder jenes, auf das meines Kadavers oder das des Krieges. Irgend etwas mußte ja doch einmal zu Ende sein... Zwischendurch hat man eben gelebt, geschlafen, gefressen, geschissen, Verzeihung, — aber man muß die Wahrheit sagen — und wenn Sie, mein Herr, den Grund von dem allen wissen wollen — der Grund ist eben, daß man das Leben nicht liebt. Ja, man liebt es nicht genug. Sie haben sehr recht, wenn Sie in einem Ihrer Aufsätze sagen, es ist wundervoll, das Leben. Aber jetzt sind nicht eben sehr viele, die danach aussehen, als ob sie das glauben würden, zumindest unter denen, die wirklich wach leben. Eher schon unter jenen, die schlafen und auf den letzten großen Schlaf warten. Die sagen sich: „So liegt man wenigstens schon und braucht sich nicht mehr zu rühren.“ Nein, man liebt es nicht genug, das Leben, man lehrt es uns ja auch nicht, es zu lieben, im Gegenteil, man tut alles, was man kann, um es uns widerlich zu machen. Von Kindheit an singt man uns Lobpreisungen auf den Tod, auf die Schönheit des Todes oder einen Hymnus auf die, die schon gestorben sind. Die Geschichte, der Katechismus, der „Heldentod für das Vaterland“! Pfaffen und Patrioten blasen es in einem Atem, und schließlich wird einem das Leben selber ekelhaft. Man möchte sagen, es geschieht heute das Möglichste, um es einem so dreckig als möglich erscheinen zu lassen. Nirgends eine eigene Initiative mehr, alles Mechanismus, und dabei nicht einmal Ordnung: keiner leistet mehr ganze Arbeit, jeder nur Stückwerk, und man weiß gar nicht mehr, was für einen Sinn es hat, und meist hat es auch gar keinen Sinn. Es ist ein verdammtes Durcheinander, von dem man nicht einmal etwas hat. Wie ein Hering ist man irgendwo eingepackt und hingeschmissen. Man weiß nicht, warum man lebt. Man lebt und kommt nicht weiter. Vor grauen Tagen haben, so sagt man, die Großväter für uns die Bastille erstürmt, und jetzt tun diese Lumpen, die das Heft in der Hand haben, so, als gäbe es für uns nichts mehr zu tun, als wäre schon das Paradies auf Erden fertig. Steht es denn nicht auf allen unseren Denkmälern geschrieben? Und doch weiß man, daß es nicht wahr ist, daß irgend ein anderer Sturm sich vorbereitet, eine andere Revolution.... Freilich! Jene von damals ist so schlecht gelungen! Und alles ist so unklar... Nein, man hat kein Vertrauen, man sieht nicht, wohin man geht, es ist keiner da, der uns über diesem Kot und Sumpf irgend etwas Schönes und Hohes zeigt.... Ja, sie tun alles, was sie können, jetzt, um uns in Schwung zu bringen: Gerechtigkeit, Freiheit, Brüderlichkeit.... Aber der Schwindel zieht nicht mehr.... Man kann zwar dafür sterben, dazu sagt man niemals nein... aber leben, das ist etwas anderes.“
„Und nun?“ fragte Clerambault.
„Ah, jetzt, jetzt, wo man nicht mehr zurück kann, jetzt denke ich immer nur: Wenn man noch einmal von vorne anfangen könnte.“
„Und wann hat sich das Gefühl bei Ihnen so geändert?“
„Das ist das Tollste! Sofort nach meiner Verwundung. Kaum war ich mit einem Bein aus dem Leben draußen, so wollte ich schon wieder ins Leben zurück. Wie schön es doch eigentlich war — nur hatte man, Esel, der man war, es nicht bemerkt.... Denken Sie, ich sehe mich noch, wie ich zum erstenmal zum Bewußtsein kam, dort auf jenem Trümmerfeld, noch mehr zerfetzt als die Leichen, die dort kunterbunt übereinander und durcheinander, wie bei einem Kegelspiel, lagen. Die ganz besudelte Erde schien selbst zu bluten. Es war vollkommen Nacht, und ich fühlte zuerst nichts, als daß es mich fror. Ich lag ganz starr.... Welches Stück von mir fehlte mir eigentlich? Ich hatte keine Eile, mit dem Nachsehen zu beginnen, denn mir graute vor dem, was da zutage kommen könnte, und ich wollte mich nicht rühren. Sicher war, daß ich noch lebte, vielleicht nur noch einen Augenblick, aber ich gab verteufelt acht, diesen nicht zu verlieren....