(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg

Part 9

Chapter 93,304 wordsPublic domain

Nur ein Traum ... – „Die neue Sintflut kommt von oben und als Gift.“ – Liebe Erinnerungen – Der 22. April 1915: ein Wendepunkt in der Kriegsgeschichte. Die Deutschen blasen in Flandern, Frontabschnitt Bixschote-Langemarck, gegen englische Stellungen Gas ab. – Gasschießen, Gaswerfen. Eine Gastaktik entwickelt sich. – Doch alles in allem: es bleibt beim Experiment. (Diesmal noch.) – Und was gewesen ist, ist gewesen. Keiner denkt mehr daran. –

I

Der Traum, den Max Herse in dieser Nacht träumte, war merkwürdig genug.

Er zerfiel in drei Teile.

Im ersten Teil lag die Erde da, ein blühendes Chaos.

Ströme rissen dahin, Meere wölbten sich vor den Horizont; Sümpfe, Urwälder, Schlingpflanzen; Feuersäulen stiegen aus den Bergen, Felsen kollerten tosend herab, Tiere aller Art krochen, hüpften, schlichen in diesem Labyrinth, der Mensch, mit riesigen Kiefern und krallenbesetzten Würgfäusten bewehrt, kämpfte um das nackte Leben. Langsam wuchs um ihn der Menschenraum. Er drängte Schritt für Schritt die Wildnis zurück. Immer wieder aber überfielen ihn die Naturgewalten, er duckte sich, wie ein ungeheueres Gewicht lastete über ihm das Unheimliche, das Unerklärliche. Brust an Brust rang er mit den Ungeheuern, da schwang er schon das Steinbeil, die Schädel der Bestien sprangen entzwei, aus tausend Biß- und Kratzwunden troff aber der menschliche Körper und blutete. Blitze spritzten aus dem Gewölk herab, endlich fand er das Feuer. Mit Sturmfluten überschüttete das Meer das Land, Felsblöcke und Waldberge trieb ein Riesenorkan vor sich her, Lawinen brüllten, der Erdboden spaltete sich, Dämpfe und Gase zischten empor aus Kraterlöchern und Schlitzen. Hart, stahlhart war der Körper des Menschen, mit langen Haaren bedeckt, aber schon hatte er sich Waffen und Werkzeuge geschaffen, er zog aus den Höhlen, deren Wände mit Tierfratzen bedeckt waren, aus; auf riesige Strecken verteilt sah man den Rauch der ersten menschlichen Siedlungen. Gemeinsam zog man zur Jagd, gemeinsam wurde der Boden bestellt, gemeinsam gearbeitet, gemeinsam wurden Früchte und Jagdbeute verteilt: alles gehörte allen gemeinsam.

Eine Sekunde:

Das Traumbild sprang in ein anderes um.

Tausende von Jahren wohl müssen inzwischen vergangen sein.

Beinahe in geometrische Figuren eingeteilt war die Erde. Berge waren noch da, auch Wälder, auch Meere, auf denen schwimmende Kolosse kreuzten, Geleise, mit sausenden Strichen, die Züge darstellten, durchschnitten kreuz und quer das Land. Stadt an Stadt, alles war abgegrenzt, eingeteilt. Der Mensch war gewachsen: er streckte seine Organe aus, eiserne Gelenke; seine Stimme, durch elektrische Wellen getragen, war vernehmbar zugleich in allen fünf Erdteilen. Er konnte sich abheben von der Erde, er flog durch die Lüfte ... Riesige Maschinen stampften unermeßliche Schätze aus der Erde; ein Griff an einem Hebel: ein wunderbarer Mechanismus setzte sich leise surrend in Bewegung: millionenfache Muskelarbeit wurde spielend geleistet: aus Wasserkraft wurde Licht, aus Winden, aus Gasen zog man Triebkraft, die Meerbrandung wurde auf geniale Weise in Krafterzeugnis umgesetzt, ja die Umdrehung der Erde selbst wurde bereits von phantasiebegabten Technikern als Arbeitsertrag in Rechnung gestellt.

Der Mensch hatte die Erde erobert.

Die Naturgewalten waren bezwungen, Götter und Götzen waren gestürzt, das Unheimliche, das Schicksal, Gott selbst, ward seines Thrones enthoben, das Zeitalter der Maschine, so hieß es, welch ein Zeugnis von Menschenkühnheit und Menschengeist!

Und wie nun sahen diese Menschen aus!?

Da marschierte es auch schon heran, Kolonne hinter Kolonne, durch Straßen, wie mit dem Lineal ausgerichtet, hinweg über Brücken, unter denen Schnellzüge beinahe lautlos glitten, marschierte schon heran, früh morgens 5 Uhr, riesigen Fabrikgevierten zu; es waren Millionen, Männer und Frauen, Scharen von Kindern: mit Ruß bedeckt, Schwielen an den Händen, ach so dürftig gekleidet, mit ausgeglänzten Augen, schwerfällig, wie unter einer ungeheuren Riesenlast jeder Schritt. Einarmige und Einbeinige waren darunter, stumm, lautlos marschierten sie ... Ja, was war das?

Aber in Pelze und Seide gekleidet wandelten andere auf breiten Straßen, diese Straßen mündeten wie in Marmorbecken in große runde Plätze, Palast stand dort an Palast, große goldene Wappen blinkten von den Balkonen, und hinter seidenen, von kristallischen Lüstern durchhellten Gardinen, war eine Menschengesellschaft sichtbar, manche in Klubsesseln und Schaukelstühlen nach dem Takt der Musik sich wiegend, manche auf- und abpromenierend, alle in Fräcken oder in Uniformen, neben Menschen, die richtig wie fleischige Schwämme aussahen, aber auch hartgeschnittene Gesichter darunter, kalt die Augen, völlig mitleidlos ...

Ja, was war das ...?

Und die Armen drängten gegen die Reichen, und die Reichen drückten die Armen, die Armen aber wurden immer mehr, die Reichen dafür immer grausamer und unerbittlicher, Land, Maschinen, das alles gehörte den Reichen, und der Staat dazu, der selbst eine Maschinerie darstellte, aus Polizeibeamten, Aufsehern, Henkern, Soldaten, Pfaffen, Richtern bestehend; fabriksmäßig, serienweise wurde Recht gesprochen, rein mechanisch hingerichtet und verurteilt; empörte sich einer wider diese Ordnung, wurde ganz sachlich abtaxiert: wie hochprozentig die revolutionäre Energie zu bemessen sei, und demgemäß wurde mit so und soviel Jahren Zuchthausstrafe gegen ihn verfahren ...

Dabei riß aber dies Traumbild mitten entzwei, es gab sozusagen einen gewaltigen Zwischenfall.

Tafeln erschienen mit der Aufschrift: „Burgfrieden“, man sah von Rednertribünen auf Plätzen von gewaltigem Umfang Menschen auf die Massen einreden, die nickten alle mit den Köpfen, gewaltig ertönten in allen fünf Weltteilen die hundert verschiedenen Nationalhymnen.

„Euer Gott ist nicht unser Gott.“

„Der unsere ist der richtige.“

„Wir allein sind das auserwählte Volk.“

„Nein wir“, schrie es sofort von entgegengesetzter Seite.

„Ihr habt uns überfallen.“

„Nein ihr, ihr habt zuerst die Grenzen überschritten.“

Und 70 Millionen Menschen zogen aus und kämpften gegeneinander.

Die Erde war wie eine Mondlandschaft. Von den Millionen und Abermillionen Granattrichtern war sie ganz pockennarbig.

„Absatzmärkte! Absatzmärkte!“ schrie es wie toll in allen fünf Weltteilen durcheinander, „wir wissen schon nicht mehr, wie wir profitabel noch weiter produzieren sollen.“

Dort wurde Getreide in Lokomotiven verheizt, hier verhungerten Millionen. Hier starben Menschen vor Unterernährung, dort starben welche an Unmäßigkeit. Der eine fraß, der andere wurde gefressen. Manche, die auf diese Ungleichheit hinwiesen, kamen sofort, mit Ketten behängt, ins Gefängnis.

Aber es kam noch schlimmer.

Ganze Hundertschaften von Aeroplanen erhoben sich plötzlich, kein Mensch war darin, sie wurden ferngelenkt und steuerten mechanisch über das Meer. Drei schwere Flügelbomben hingen, leicht hin und her pendelnd, unter jedem. Sicher summten sie ihrem Ziel zu.

Eine Riesenstadt.

Die Fabriksirenen wimmerten.

Die Riesenstadt: ein seltsames Knistern von ineinandervermischten Menschenstimmen, Eisenbahnpfiffen, Räderrollen und Schrillen an Kurven sich bildender Tonschleifen: ein gespenstisches Orchestrion.

Das Licht in den Straßen erlöschte.

Ganz plötzlich: man rannte gegen die Finsternis fest, wie gegen eine Mauer.

In den Verkehrszentren der Stadt fuhren Scheinwerferkolonnen auf, Menschengruppen, die sich bildeten, wurden auf Anordnung der Regierung sofort zerstreut.

Menschen schrien laut vor sich her, die Autos fuhren energisch hupend ganz langsam.

Kein Mensch wußte eigentlich, was los war.

Man munkelte zwar allerlei ...

Es mochte gegen drei Uhr morgens gewesen sein. Menschen saßen auf den Dächern, Menschen saßen in Kellern. Andere tasten sich noch immer unter Lebensgefahr in den Straßen herum ... Ein leichter Regen setzte ein, dann wurde es wieder still. Warm und schön war die Nacht. Einer behauptete, er hätte das feine Knattern eines Motors in den Lüften gehört. Alles lauschte angespannt. Schon wurde es ein wenig heller.

Ein leichter elektrischer Ferndruck: und die Flügelbomben stachen senkrecht hernieder.

Ein feiner Knall.

Nur ein wenig Staub, sonst war nichts sichtbar.

Ein dumpfer Krach.

Wie wenn ein Fels auf eine weiche Polsterung fällt.

Ein zweiter, dritter, vierter ... Noch mehrmals. Jetzt hörten aber alle ganz deutlich das feine Knattern. Zur gleichen Zeit fielen Schüsse. Leuchtraketen spritzten hoch. Die Scheinwerfer gruben sich wie ein Lichtspaten in die Wolkenberge ...

„In die Keller“, schrieen die einen.

„Oben auf den Dächern ist man geschützter“, diskutierten die andern.

Manche blieben auch wie festgenagelt dort, wo sie gerade standen.

Groß und rotstrahlend ging bald darauf die Sonne auf.

Schwere Tanks holperten wie Stahlschildkröten durch die Straßen. Kein Mensch war zu sehen.

Einer der Tanks schien einen Motordefekt zu haben, die Mannschaft stieg aus: sie war wie Taucher gekleidet, das Gesicht von einer massiven Gasschutzmaske bedeckt, schwerfällig humpelten sie um den Wagen herum.

Die Tankkolonne machte einen Augenblick halt.

Ein Pfiff –

Die Stahlungeheuer setzten sich wieder in Bewegung.

* * * * *

Es wurde durch diese Kolonnen festgestellt: drei Viertel der Stadt waren vergast. Kollektivschutzräume, wie mancher Schwärmer erhofft hatte, bestanden nicht, die Gasmasken, nur für die Kampfstoffe des vorhergegangenen Krieges beschaffen, mußten versagen. Trank und Speise waren vergiftet. Die ersten Anzeichen von Seuchen machten sich bemerkbar.

* * * * *

Drei Stunden später – und trotzdem die Bewohner mit Masken und Anzügen geschützt waren – lagen sie da, wimmernd und vor Hilfeschreien gellend, die meisten in den Kellern, andere aber irrten wie wahnsinnig auf den Dächern umher, spreizten Beine und Arme und stürzten sich unter einem grausigen Fluch auf die Trottoire hinab. Ueberall sah man Blutlachen.

„Vom Himmel hoch, da komm ich her“, tönte noch in diesem Augenblick ein heller Kinderchoral aus dem Dom, die Glocken schwangen, ja es war Weihnacht. Und trotzdem –

Die Flügelbomben verrichteten als mechanische unpersönliche Henker getreulich ihre unumgängliche Blutarbeit.

„Das ist das neue Gas“, sagte jemand ... „und wie sich herausstellt, unsere Versuche haben sich demnach gelohnt.“

„Friede auf Erden.“

„Amen! Amen ...“, scholl es im Chor wieder dazwischen.

Die Farbstoffabriken waren jetzt plötzlich riesige Arsenale. Unterirdische Gänge. Auch tief in den Schächten der Bergwerke wurde Gas fabriziert. Ununterbrochen experimentierten die Chemiker an neuen Kampfstoffen herum.

Es dauerte nicht lange.

Ein Monat – und alles Lebendige war auf der Erde vernichtet.

Und es wurde auf dieser Erde still, mäuschenstill.

Uhren hörte man noch ticken.

Auch sie blieben allmählich stehn.

Nur das Rauschen noch von Wassern, der Wind, und da es Sommer und übermäßig heiß war, das Brodeln und Zischen der menschlichen Leichname, die geräuschvoll in Verwesung übergingen.

Nichts sonst.

II

Es hätte aber auch leicht anders werden können, sagte jemand, und der Traum, den Max Herse träumte, kehrte jetzt wieder ein ganzes Stück zurück: über die Vernichtung hinweg, er fing wieder beim Erscheinen der Flieger an.

Kaum hatte sich das Gerücht verbreitet, daß die Flugflotte mobil gemacht würde, als auch schon riesige unübersehbare Menschenmassen auf die Straßen trieben, Arbeiter, Angestellte, Reden wurden gehalten, Flugblätter verteilt, wie ein aufgestöberter Ameisenschwarm war es. Polizeisoldaten, Soldaten sah man unter der Menge, ja auch Angehörige der Luftflotte selbst sah man unter ihnen. Der Zug der Demonstranten brandete als eine gefährliche Woge gegen die Regierungsviertel. Hier hatte man die zuverlässigsten Regimenter bereitgestellt, auch zivile Wehren, meist aus Studenten zusammengesetzt, man sah es ihnen an, sie waren vor einigen Stunden erst eingekleidet. In Berlin, in Jokohama, in Paris, in Chikago, in London: überall fanden diese Demonstrationen, beinahe zu gleicher Zeit, statt ... Schon waren Truppen von Bewaffneten zu bemerken, ein Schuß fiel, irgendwo ging ein Maschinengewehr von selbst los ... das war das Zeichen zum allgemeinen Angriff, das Regierungsviertel wurde gestürmt, Telefonzentrale, Bahnhöfe waren im Nu besetzt, um andere Stellungen tobte der Kampf noch stundenlang. –

Durch Verhandlungen wurde der Vorstoß der Revolutionäre aufgehalten, die Regierung konzentrierte in den Vororten gewaltige Truppenmassen.

Im Norden der Stadt wurde ein Aufstand von Arbeitern rasch niedergeschlagen. Trotzdem kamen aus der Provinz, wo geflüchtete Revolutionäre Landarbeiter und Kleinbauern mobilisiert hatten, stündlich neue Nachrichten. Das ganze Land war wie ein Mann losgebrochen, hatte Gutshöfe gestürmt, alle wichtigen Eisenbahnknotenpunkte waren besetzt, eine Rote Armee war im Anmarsch. Die Arbeiter in den verschiedenen Stadtvierteln, waren glänzend benachrichtigt. Trotzdem war beinahe niemand auf den Straßen zu sehen. Unterirdisch aber, das spürte man förmlich durch die Wände hindurch, vollzog sich beinahe automatisch eine ungeheure Bewegung.

„Bewaffneter Aufstand!“ surrten hinaus ins Land die Telegraphendrähte.

„Der Aufstand ist geglückt“, surrte es schon drei Tage darauf. Das Proletariat hat die Macht erobert. Den Krieg verhindert. Es hat Opfer gekostet, aber Opfer, gering im Vergleich zu dem, was gekommen wäre ...

* * * * *

Traumbild an Traumbild zuckte vorwärts.

Das alles erstreckte sich über Jahrzehnte, nur im Traumreich war alles so verdichtet und zusammengedrängt. In der Traumlandschaft verkürzte sich und überschnitt sich jede Perspektive.

Durch Rauch und Blut, an Stationen neuen Elends vorbei durch neue Wüsten hindurch, an Stätten neuer Demütigungen und Kreuzigungen vorüber. Und trotz alledem, es ging vorwärts.

Und am Ende dieses Weges blühte die Erde, blühte, wie sie noch nie geblüht hatte. Jubelte, wie sie noch nie gejubelt hatte. Die Menschen waren einfach und schön, von einander beinahe nicht unterscheidbar. Tiefblau war alles, alles so selbstverständlich.

Die Arbeitsmethoden waren unendlich vervollkommnet. Trotzdem hörte man jeden Tag von neuen Erfindungen; denn alles ließ sich immer noch viel besser machen, als es schon war. Als Grundsatz galt: mehr Kraft auf irgendeine Arbeit zu verwenden, als absolut notwendig ist, ist Verschwendung und damit gesellschaftsschädigend ... Immer mehr verteilten und differenzierten sich die einzelnen Handgriffe; Wunderwerke von Maschinen verrichteten, mühelos einem elektrischen Hebeldruck gehorchend, das Allernotwendigste, die menschliche Schwerarbeit war erfolgreich auf ein Mindestmaß reduziert. Die Arbeitsplätze waren so beschaffen, daß sie ohne besondere Vorkenntnisse von einem jeden eingenommen werden konnten. Nur ein Prozent der menschlichen Arbeitsleistung verlangte noch längere Schulung und besondere Vorkenntnisse. Wobei allerdings zu bemerken ist: das allgemeine Bildungsniveau überragte um ein vieltausendfaches den heutigen Durchschnitt ... Für alle war Arbeit da. Für alle waren in überreichem Maße Mittel zur Reproduktion ihrer Arbeitskraft da. Ungeheure menschliche Energien wurden dadurch der elenden Sorge um das tägliche Brot entbunden und für neue gewaltige Unternehmungen freigelegt. Der menschliche Geist stürzte sich in den Weltraum. Die Menschen wurden stolz auf die Welt, sie schufen sie immer mehr nach ihrem Bild: die Welt wurde zur Menschen-Schöpfung ...

Weit, weit ... man konnte tief Atem holen, man hatte Luft zum Leben ...

Mit einem solch tiefen Atemzug wachte Max Herse auf.

6 Uhr.

Der Fabrikgang begann.

Was war das nur?

Ein Traum. Nur ein Traum?

Was wohl dieser Traum bedeutete?

Der Traum ließ nicht von ihm, er ging neben ihm her, er begleitete ihn, oft sah Max Herse sich nach ihm um oder zur Seite.

Er versuchte ihn jetzt von sich abzuschütteln. Er wollte nicht darüber nachdenken. Er sagte zu ihm, wie zu jemandem, der sich aufdrängen will, unwirsch, und mit dem Fuß stampfend:

„Ach, laß mich!“

III

Bevor der Straßenbahnschaffner in den Dienst gegangen war, hatte er Max noch eine Zeitung zugesteckt ...

„Da lies!“

„Ein groß angelegter Betrug. Was geschieht mit den Spenden für die Hinterbliebenen der 136 ermordeten Kumpels der Zeche „Königin Luise“ ...? Kaum hatten sich die Erdhügel über den 136 Opfern geschlossen, da hatte man vergessen, was man gestern noch zum Ausdruck gebracht hatte. Alle die schönen Worte erwiesen sich als leerer Schall ...“

Max wusch sich eben.

„Und was war gestern abend los ...?“

Max wich aus:

„Ach, wie immer dasselbe. Man kennt sich überhaupt nicht mehr aus.“ –

Max war in den letzten Tagen bedeutend vorsichtiger mit seinen Aeußerungen geworden. Eine tiefe innere Unruhe trieb ihn. Er versuchte neben dem „Vorwärts“ auch die „Rote Fahne“ zu bekommen. Auch die Betriebszeitungen las er gründlich durch. Er begann von neuem seine Kollegen im Betrieb zu studieren, war selbst sehr zurückhaltend, er lauerte auf jede Antwort, er selbst fragte nur, um zu lernen. Bei allen Debatten, die sich immer aus Anlaß einer scheinbar ganz nebensächlichen Betriebsangelegenheit zuerst entspannen und sich sofort zu Zusammenstößen zwischen SPD und Kommunisten entwickelten, bei allen derartigen Auseinandersetzungen ergriff Max nicht mehr Partei.

Kinos, Vergnügungslokale, Kneipen mied er, er holte sich bei Kollegen einige Bücher, fraß sich mit Müh’ und Not durch. Er wollte unbedingt dahinter kommen. –

* * * * *

Was gewesen ist, ist gewesen. Oder: keiner denkt mehr daran. Aber plötzlich eines Tages überfällt dich ein Teil deiner Vergangenheit, stürzt sich auf dich, wälzt sich auf dir herum, man biegt und krümmt sich unter der Last: bis das drückende Gewicht solch einer Erscheinung zu schweben beginnt, kampflos von einem abläßt, und man plötzlich wieder, so wie man ist, mit sich selbst da steht, ohne noch über das Wesen dieser Bedrückung und den Zusammenhang, in dem sie erschienen ist, sich klar geworden zu sein.

So geschah es auch Max, als ihn die folgenden Erinnerungen aus dem Weltkrieg heimsuchten. –

IV

Max Herse war damals knapp 19 Jahre alt. Aber er hatte alles darangesetzt, als Kriegsfreiwilliger mitzukommen. Sein Schulkamerad Franke war sogar von jenseits des Ozeans zu den Waffen geeilt.

Das waren Tage! Das Leben flaumleicht. Der Körper ging wunderbar, wie mit Elektrizität geladen.

* * * * *

Es war am 22. April 1915 in Flandern.

Frontabschnitt Bixschote-Langemarck.

Gegen englische Stellungen.

Windstärke 2 bis 4 Sekundenmeter. Witterung kalt und trocken.

Zerfetzte Bäume am Horizont wie Drahtgespinste. Vereinzelte Vogelrufe durchschwirrten die Weltöde.

Geheimnisvolles munkelte man. Von einem Ueberläufer war die Rede, der alles an die Engländer verraten hatte. Gerüchte. Gegengerüchte. Jedenfalls etwas Neues. Man ahnte nicht was, wußte nicht, wie ...

Es war 5 Uhr nachmittags.

Auf der Brustwehr des vordersten englischen Grabens erschienen jetzt Tafeln mit der Aufschrift:

„Ihr könnt lange warten, bis der richtige Wind weht!“

Hie und da knackte ein Schuß. Ein MG ratterte sich heiß am linken Flügel. Knäuel deutscher Stoßtrupps lagen weit hinten im Trichterfeld.

Endlich: „Gas“.

Das Gas kommt. Irgendwer hatte es aufgeschnappt.

Also:

Nachts waren an die dreihundert Gasbatterien vortransportiert und eingebaut worden. Eine Batterie bestand aus 20 Gaszylindern. Sechstausend Gaszylinder standen demnach zur Verfügung. Auf einen Kilometer Frontbreite rechnete man damals fünfzig Batterien. Tausend Flaschen. Zwanzigtausend Kilo Gas.

Das alles wußte man plötzlich.

Auch das:

Um das Klirren des Metalls zu vermeiden, waren sämtliche Gaszylinder mit Decken und Stroh umwickelt.

* * * * *

Erhöhte Gefechtsbereitschaft war angeordnet.

Die Infanterie in die zweite Stellung zurückgenommen.

Nur technische Truppen und MGs blieben vorne ...

Fliegergeschwader summten wieder den ganzen Tag über.

Pst! Ein Pfiff ...

Alles wurde plötzlich so mäuschenstill ...

Das Abblasen einer eigens dazu markierten Stammbatterie galt als Signal.

Die Ventile von sechstausend Flaschen öffneten sich gleichzeitig.

Es war ein brodelndes und zischendes Geräusch, es prickelte, fauchte, als man das Gas aus den Mannesmann-Stahlröhren abblies.

Jeder hielt die Nase hin, jeder schnupperte.

Man merkte aber eigentlich noch so gar nichts.

Ein graugrüner Schwaden zog jetzt schon auf die englischen Stellungen zu. Mannshoch. Einen Kilometer tief.

Die deutschen Batterien hämmerten wieder.

An einigen Stellen biegen die den Zylindern aufgeschraubten meterlangen Bleirohre unter dem Druck des ausströmenden Gases um. Knicken, krümmen sich hin und her ...

Das Gas fließt in die eigenen Gräben.

Einen Trupp von acht Mann trifft das Gas mit voller Kraft. Man sieht, sie halten krampfhaft den Atem an. Können nicht mehr. Legen sich einfach um ... Andere schlagen mit den Händen dagegen, klemmen sich die Nase zu, beißen sich die Lippen dicht: auch das hilft nichts ... Sanitätsmannschaften eilen heran mit Sauerstoffapparaten.

In drei Wellen auf einer Strecke von insgesamt sechs Kilometern trieb eine riesige Chlorwolke.

Dicke weißliche Nebelballen schieden sich ab.

Teile flüssigen Chlors verdampften ...

Max kniet sich auf den Rand eines Trichters herauf.

Der Leutnant neben ihm beobachtet, die Stoppuhr in der Hand, den Verlauf des Angriffs. Noch zwanzig Sekunden: dann aber hieß es nachstoßen.

Die englischen Gräben standen jetzt mitten im Gasnebel.

Und plötzlich wurde es dort lebendig. Wie aufgefegt wurden sie. Ein unsichtbarer Besen kehrte das unterste zu oberst. Leute rannten mit erhobenen Armen querfeldein. Hilferufe gellten. Einzeln, in Rudeln flüchtete es dahin. Einer dreht sich immerfort um sich selbst. Er sprang federnd hinweg wie ein Kreisel. Röcke schottischer Hochländer flogen. Ein monotones heiseres Bellen: das Gebrüll der Turkos ...

Ein leichter erstickender Geruch wurde nun bemerkbar.

Augen tränten. Einige husteten. Nieskrämpfe. Spuckten aus.

* * * * *

Die deutsche Artillerie hämmerte, hämmerte.

Der Leutnant zählte jetzt laut:

15 –

18 –

19 – – –

Eine Leuchtrakete zerstäubte hoch.

Graue Knäuel bewegten sich, lockerten sich heraus aus den metertiefen Poren der Erdlöcher, lösten sich auf. Kettenglieder. Ausschreitend, hüpfend, dahinstolpernd. Schwarmlinie.

Die deutsche Sturminfanterie stieß nach.

Aexte. Scheren. Leitern.

Verhaue wurden umgelegt.

Ueber die ersten feindlichen Gräben hinweg ...

Offiziere mit Karten: das feindliche Gräbensystem wurde gleich korrigiert. Neu eingezeichnet.

Kolbenschläge. Bajonettstöße.

In einem Unterstand poltert eine Handgranate.

„Vorwärts.“

* * * * *

Die zweite feindliche Stellung kam in Bewegung.

Auch die dritte Linie flog auf.

Die Sturmabteilung zerschnitt sich das Schuhwerk an Flaschenresten und Haufen von Konservenbüchsen.

Gelblich-grün trieb die Gaswolke weiter.

Es war wie eine Gespensterlandschaft, durch die man jetzt schritt. Merkwürdig verfärbte Menschengesichter glotzten einem entgegen. Bis zum Hals im Schlamm getunkt. Die Augen doppelt so groß wie bei Lebenden. Die Stahlhelme weit ins Genick zurückgeschoben oder tief im Gesicht. Schaum um die Münder. Einer rutschte aus einem nach rückwärts ein wenig abgeflachten Granattrichter auf den Knieen herauf, er machte mit den Armen Schwimmbewegungen. Ein ihm von einem stämmigen pommerschen Landwehrmann in die Brust gestoßenes Bajonett brach ab ...

Die feindliche Front war aufgerissen.

Ein tiefes zackichtes Loch klaffte.

* * * * *

Es wurde Nacht.

Scheinwerfer. Leuchtraketen.