(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg
Part 8
„Mag sein. Mag alles sein. Wir, wir vor allem in den Betrieben, müssen eben jetzt diese Fehler wieder herauswirtschaften ... Aber, wenn man so wie ihr auf der Seite steht ... Und seht da: 7000. Hunderte von Jahren Zuchthaus und Gefängnis sind es, Kollegen. Und 15000 haben sie allein in Deutschland unter die Erde geschossen. Und von Rechts wegen müßtet ihr auch die Kriegsverluste noch dazu zählen: 13 Millionen insgesamt gibt das ... Und diese Proleten, Kollegen, haben doch mit bestem Wissen, mit bestem Glauben, voll und ganz für uns gekämpft. Das könnt ihr doch, trotz alldem, nicht ableugnen ... Ist doch unser Blut! ...“
„Mag sein. Die Führer sind schuld daran. Die haben sie hereingebracht. Die sind allesamt durch die Bank faul ... Moskau ...“
„Nein, Kollegen, daran liegts nicht. Daran liegts, daß wir bisher noch keine richtige Partei gehabt haben. Die müssen wir uns erst schaffen. Ohne Partei keine Führer ... So ists. Und die SPD. ist eine bürgerliche Partei ... Wir brauchen jetzt eine wirkliche Arbeiterpartei. Das ist keine geringe Aufgabe ...“
Der Kollege Lange wurde sich eigentlich erst während er sprach selbst klar darüber, was er jetzt vorbrachte.
„Gut. Mag vieles davon stimmen, was ihr angeführt habt, du Herse und du Stilling. Aber auf das Ganze kommt es an, und da, das weiß ich, haben wir wohl recht ...“
„Na, und stimmt das oder nicht, daß ihr Kommunisten auch immer dort eigene Kandidaten aufstellt, wo ihr gar keine Aussicht auf einen Wahlerfolg habt. Dadurch schwächt ihr nur die Arbeiterstimmen und leistet der Reaktion Vorschub. Wie heute abend auch richtig der Redner auseinandergesetzt hat ...“
„Ein schöner politischer Schmierölfabrikant das ... Da erteilt euch aber Karl Marx eine ordentliche Abfuhr. Bei dem heißt es nämlich klipp und klar: „Selbst da, wo gar keine Aussicht zu ihrer Durchführung vorhanden ist, müssen die Arbeiter ihre eigenen Kandidaten aufstellen, um ihre Selbständigkeit zu bewahren, ihre Kräfte zu zählen, ihre revolutionäre Stellung und Parteistandpunkte vor die Oeffentlichkeit zu bringen. Sie dürfen sich hierbei nicht durch die Redensarten der Demokraten bestechen lassen, wie z. B. dadurch spalte man die Demokratische Partei und gebe der Reaktion die Möglichkeit zum Siege. Bei allen diesen Phrasen kommt es schließlich darauf hinaus, daß das Proletariat geprellt werden soll. Die Fortschritte, die die proletarische Partei durch ein solches unabhängiges Auftreten machen muß, sind unendlich wichtiger als der Nachteil, den die Gegenwart einiger Reaktionäre in der Vertretung erzeugen könnte ...“ So, da habt ihrs, schwarz auf weiß, wie damals, so heute ...“
XI
Aber die Gegner Langes gaben sich damit nicht zufrieden. Nun fuhren sie, wenigstens ihrer Meinung nach, ein besonders schweres Geschütz auf.
„Und Bazillen, Cholerabazillen, Giftgase und Fälscherzentralen ... So lies doch die Zeitung! ... Auch eine deutsche Tscheka gibt es und Terrorgruppen ... Ich will nichts zu tun haben mit diesen Bombenwerfern und Gurgelabschneidern ... Jeder ehrliche Prolet ... Ich meine nur: Pfui Teufel ...“
„Wir haben doch das denkbar größte Interesse daran, daß der Kapitalismus sich entwickelt. Und solange außerdem noch zwei Drittel der Bevölkerung für den Kapitalismus stimmen ... Nein, Wilhelm, so eine Putschtaktik mache auch ich meinerseits nicht mit ... Und kannst du vielleicht bestreiten, daß gerade die Kommunisten es sind, die am meisten unserem „Reichsbanner“ zu schaffen machen. Da, wie wars denn neulich im „Sportpalast“. Glaubt ihr denn im Ernst: Radau, Zwischenrufe, Gummiknüppel und Schlagringe sind ein ausreichendes Beweismittel. Gerade das Gegenteil erreicht ihr! Das müßt ihr schon anders anfangen! ... Wie wollt ihr das alles vom Arbeiterstandpunkt, vom Standpunkt der proletarischen Revolution aus rechtfertigen. Aber Befehl ist eben Befehl. Und Moskau ist für euch schon der liebe rote Gott. Ja, wenn der Rubel rollt, so war es schon immer in der Weltgeschichte, und wo der hinfällt, da wächst keine Vernunft mehr. Heute ist die 3. Internationale nichts weiter mehr als ein Instrument der russischen Außenpolitik ... Mit Arbeiterinteressen hat das verflucht wenig zu tun ... Und „Reichsbanner“ oder „Stahlhelm“, was ist da das kleinere Uebel ...? Außerdem, so schlimm ist es ja nun, Gott sei Dank, mit dem Kapitalismus doch nicht. Wer arbeiten will und etwas kann, etwas kann vor allem, der bekommt auch Arbeit und hat zu essen. Aber schau dir nur einmal im Betrieb die Herren Genossen Kommunisten-Kollegen an: verstehn die vielleicht was vom Handwerk!? ... Bengels, freche Bengels sind sie, die große Schnauze haben sie, können sie vielleicht auf sachliche Einwände etwas wirklich Ernstzunehmendes erwidern ... zurückgeblieben und stehngeblieben mit ihren Anschauungen sind sie, weiter nichts ... Hie und da, das gebe ich gern zu, ist auch so ein Ehrlicher, so ein Fanatiker darunter ... So verbohrt, so verdreht ... Ich sage mir: man muß sich halt durchboxen ... Leben und Leben lassen ... Wird schon werden. Und die Auswüchse des Kapitalismus, die muß man bekämpfen. Habe nichts dagegen, wenn man die Wucherer und Schieber und mögen sie Minister und Kaiser und Könige und weiß Gott wie heißen, daß man die vor das Gericht stellt. Gerechtigkeit muß sein. Und die allzu große Ungleichheit zwischen Löhnen und Profit, die allerdings sollte auch beseitigt werden. Und wenn wir erst einmal die Mehrheit im Reichstag haben, dann wirst du sehen: wie ein Hagelwetter prasseln die Steuern auf den Rücken der Besitzenden nieder ... Du hast es doch heute abend selbst gehört ...“
„Illusionen! Illusionen! Merkwürdig, wie ein Prolet sich heute noch solche Illusionen machen kann ... Ja, was ein jeder sich wünscht, daran glaubt er ... So arbeitet die SPD ... Es ist wirklich zum Verzweifeln. Zum Tieftraurigwerden ...“
Wilhelm Lange pfiff leise vor sich hin.
„Ruhe und Ordnung!“
Auch der Kollege Stilling von der AEG war der gleichen Ansicht wie Herse.
„Wir brauchen einen Linksblock, meinte der, mit Einschluß der Kommunisten meinetwegen, wenn, ja wenn sie positive Arbeit, Wiederaufbauarbeit leisten wollen. So etwas wie in England oder in Frankreich. Da sieh dir nur einmal das Leben eines Arbeiters in England an! In Amerika. Hast du nichts von Ford gehört. Es gibt eben zweierlei Kapitalisten. Solche und solche ... Jeder hat da bald schon sein eigenes Auto. Ganz bestimmt, so wird es bald auch noch bei uns kommen ... Und ich sehe gar nicht ein, warum wir uns nicht friedlich weiterentwickeln sollen. Die Kapitalisten haben gar kein Interesse mehr am Kriege. Ein viel zu großes Risiko. Viel zu viel Angst vor einer Niederlage, die immer mit Revolutionsgefahr verbunden ist ... Für den Kommunismus aber sind wir noch nicht im entferntesten reif ... Hast du denn keine Augen und Ohren, Wilhelm, und siehst und hörst nichts in den Betrieben!? Diese Schweinereien! Diese Schmierereien! Wie der eine gegen den andern stänkert! Denunziert! Den Lohn drückt! Sich zu Ueberstunden drängt! Um den Meister herumschwänzelt! Streik bricht! Da ist es mit dem Klassenbewußtsein nicht weit her ... Und die Kommunisten sage ich, die haben, sage ich, durch ihr Maulaufreißertum ein für allemal abgewirtschaftet. Revolutionsgewäsch, überradikales Geschwätz, weiter nichts. Ich meine halt schon, auf das eine kommt es jetzt an – Frieden auf Erden ...“
Endlich kam auch der Kommunist wieder zu Wort.
„Schau, Max, neulich bei dem Grubenunglück, da hast du ganz anders gesprochen. Da bist auch du aus deiner SPD.-Haut gefahren. Und heut!? ... Es ist viel zu viel von Frieden die Rede, als daß es wahr sein könnte. Glaub mirs. Und haben wir nicht eigentlich noch immer Krieg: in Indien, in Aegypten, in China, bei den Türken, bei den Rifkabylen ... Bei uns selbst: ein trockener Krieg, wenn du willst ... Jeder Tag bringt doch neue Verluste ... Erwerbslose, Verhungernde, solche, denen die tödlichen Krankheiten direkt aufgezwungen werden ... Da war ich neulich dabei bei einer Armenkommission und habe einige Wohnungen besucht ... Na, sage ich dir: oft neun, zwölf Menschen in einem Raum, in einem Stalloch, und das war längst noch nicht das schlimmste ... Hundert Wohnungen gehören da einem, der vielleicht in Czernowitz sitzt. Heute ist _der_ Besitzer, morgen der ... So einer wechselt die Häuser wie die Wäsche. Reine Spekulationsobjekte sind solche Wohnhäuser ... Dabei verfaulen sie, verfallen sie ... Wer kümmert sich um sie. Der Staat vielleicht!? Na, der hat andere Sorgen ... Die Bettstellen waren halb durch die verfaulten Bodenbretter in den Keller heruntergebrochen, ein Gestank darin ... nein sowas kann man nicht schildern ... Ich sage dir, so eine Wohnung ist weiter nichts als ein langsam sich vollstreckender Lebensmord ... Und außerdem, sag ich euch, schaut euch nur einmal die Kriegsrüstungen an, das ist jetzt nur eine Atempause und alles spricht dafür, daß es bald wieder losgeht ...“
„Nachtigall, ick hör dir tapsen ... Das ja eben ist’s, was ihr braucht. Natürlich! Natürlich! Aufstieg und Gesundung unseres wirtschaftlichen und politischen Lebens dürft ihr ja nicht wahrhaben wollen. Ihr müßt im Trüben fischen. Wo reine helle Luft ist, da ist keine Atmosphäre für euch, da ist für euch nichts herauszuholen ... Je schlimmer aber die Verelendung ist, je größere kriegerische Konflikte ausbrechen, desto mehr Wasser, glaubt ihr, bekommt ihr auf eure Mühle ... Ich könnte mir denken, daß ihr von diesem Standpunkt aus, wenn Ebert mal tot ist, auch dem Hindenburg noch zur Präsidentschaft verhelft ... Doch wartet nur! ... Vielleicht läuft der Hase doch anders ...“
„Ach, laß mich aus jetzt mit der leidigen Politik, darüber werden wir uns doch nicht einig werden, warten wir die Zeit ab, aber so, wie es heute ist, sind die Kommunisten nichts weiter als ein Agentenklub der russischen Außenpolitik. Lenin, das war schon ein Mann, Trotzki, meinetwegen auch, aber alle anderen, diese Berufsfeldwebel der Revolution, sind von Uebel ... Da schaut euch nur die deutschen Kommunisten an! ... Reaktionäre Masse ... Jüngelchen in kurzen Hosen, noch nicht trocken hinter den Ohren, Novembersozialisten, Dienstzeit: insgesamt drei Jahre Arbeiterbewegung höchstens. Aber das Maul umso voller mit Phrasen, mit revolutionären Scheinparolen, und wenn es mal losgeht, ebenso die Hosen voll ... Nur ein Lastkraftwagen mit Schupo ... und, heidi, heida, verschwunden schon sind sie ... Hast du nicht neulich gesehn, wie am Alexanderplatz von zehn Schupos eine ganze Demonstration dieser Lausbuben auseinandergesäbelt wurde ... Dieses Grünzeug. Recht geschieht ihm ... Immer mal festedruff ... Kein ehrlicher deutscher Prolet ...“
Wilhelm haute jetzt nur noch die Sätze hin:
„Aber die sozialdemokratischen Führer haben die Arbeiterschaft entwaffnet, wehrlos gemacht, verraten, dem Klassenfeind ausgeliefert ... Das haben sie ... Und fahnenflüchtig seid ihr allesamt geworden. Rot aber habt ihr mit schwarzrotschwefelgelb vertauscht. Fahnenflüchtige Mostrichbrüder! ... Aber es hat ja doch keinen Sinn ... Wir Kommunisten waren die einzigen, die gegen die Monarchisten wirklich mit der Waffe in der Hand gekämpft haben: siehe Kapp-Putsch ... Und das werden wir auch weiterhin tun ... Jetzt aber Schluß damit ...“
* * * * *
In der Debatte setzte es jetzt wieder Schlag auf Schlag.
Der Genosse Wilhelm stand in einem richtigen Kreuzfeuer ...
„Kindertrompeten im Reichstag. Höllenmaschinen in Kathedralen. Explosivstoffe. Vor nichts Respekt ...“
„Wir haben eben eine andere Auffassung vom Staat, wie ihr. – Wir, wir Proleten, wir sind die wirklichen Legitimen, wenn du so willst ... Und was die Gewinnung der Mehrheit innerhalb des kapitalistischen Systems betrifft, so ist das auch so ein utopischer Unfug. Der Mehrheitsgewinnung steht immer der mächtige Propagandaapparat der Bourgeoisie gegenüber, schau dir nur jetzt einmal den Rundfunk an, zu was allem der herhalten muß – und außerdem durch die Verschiedenartigkeit des Arbeitsplatzes, den jeder im Produktionsprozeß einnimmt ... Während des Kampfes erst, im Feuer des bewaffneten Aufstandes _wird_ die Mehrheit. Ihr solltet endlich euch über den statistischen Unsinn klar geworden sein ...“
„Schon gut. Aber arbeiten, arbeiten, die Revolution wirklich vorbereiten, organisieren: das könnt ihr nicht ... Nur Terrorgruppen, und niederbomben ...“
„Mag richtig sein, was das erste betrifft. Darin müssen wir gewaltig viel noch zulernen. Warum sollen wir eine vernünftige Kritik nicht ertragen. Und das ist das erste Gescheite, was ihr gesagt habt ... Was die Spitzel anbetrifft, so solltet ihr euch als Proleten schämen, so einen ausgemachten bürgerlichen Schwindel nachzuschwätzen ... Habt es ja selbst neulich erlebt: wie diese gekauften Subjekte provozieren ... um dann uns Kommunisten etwas anzuhängen ... Ja immer, das sind wir schon gewohnt, sind es die Kommunisten. Die sind an allem schuld ... Vielleicht auch die Sonne, das rote Biest!? ... Die Bourgeoisie verzapft schon einen Mist, wäre ja alles zum Lachen, wenn die Arbeiterschaft sich doch nicht immer wieder von ihr ein x für u vormachen ließe. So ist’s zum Heulen ...“
Wilhelm verschnaufte sich.
Der eine oder der andere brummte noch etwas.
„Nichts für ungut“, knurrte der AEG-Kollege.
„’s ist schon so, die Hemdärmel möchte man sich hochkrempeln, wenn man mit euch diskutiert“, gab Wilhelm zurück.
Schwieg.
Nun war wirklich einige Minuten lang Kampfpause. –
XII
Das Gespräch brach ab.
Schweigend schritten die drei nebeneinander her.
So war kein Zusammenkommen.
In Moabit begegneten sie auf einer Brücke einer Klebekolonne.
Vom anderen Ufer blinkte, hell erleuchtet, die Meierei Bolle herüber. Der Fabrikschlot rauchte. Nachtschicht. Dunkle Schleppkähne lagerten unten am Spreeufer.
* * * * *
Die drei betrachteten schweigend ein eben angeklebtes Plakat. Ein Gefangener, der mit ausgemergelten Fingern in die Eisenstäbe eines Gefängnisgitters hineingreift. Blutrot war die ganze Gestalt. Das verzerrte Gesicht: eine irrsinnige Grimasse. Darunter stand nichts als die Zahl: 7000.
Max erinnerte sich einen Augenblick an eine Gefängnisbeschreibung, die er neulich irgendwo gelesen hatte. Auch im Polizeigefängnis am Alexanderplatz sollen unglaubliche Zustände herrschen. Daß Gefangene auch noch geschlagen werden können, Dunkelarrest usw. Das wahnwitzige Antreiber- und Auspressersystem, das in den Gefängnissen gang und gäbe ist: das Papierdütenkleben, Bindfadenfabrizieren, wodurch Tausende von Heimarbeitern brotlos werden. Der Hundelohn, der den Gefangenen dafür bezahlt wird. Das Vorenthalten aller anderen Lektüre, außer der geistlichen ... Das Untersuchungsverfahren, unter Anwendung von Torturen – wobei ohne Verurteilung schon drei Viertel des Menschen vor die Hunde geht. Während es im überzivilisierten Amerika schon Gefängnisse gibt, als Rundbau aufgeführt, von innen, von der Mitte aus alle Zellen von einem Beobachtungsturm einzusehen, der zum Schutz gegen Revolten mit einem Maschinengewehr bestückt ist ... Auch Gas soll schon in Gefängnissen gegen Meuterer angewendet worden sein, wenigstens las man so was zwischen den Zeilen neulich in einem Bericht. Wie Geständnisse von politischen Angeklagten erpreßt werden mit Hilfe von Daumenschrauben, Hundepeitschen, Mißhandlungen mit glühenden Eisenstäben, Schlägen auf die Sohlen ... daß gegen zwei Angeklagte erst neulich das Verfahren eingestellt werden mußte, weil der eine während der Untersuchungshaft wahnsinnig wurde und der andere Selbstmord verübte ... Und dann erst, wie hingerichtet wird ... Das übersteigt schon jede Vorstellung ... Im Sowjetparadies aber soll es, den bürgerlichen Berichten nach, gar am schlimmsten sein ... Die Kommunisten also, die haben es gerade nötig ... Ein dummer Schwindel ist das ...
Ein anderes Plakat: sehr hoch angeklebt: eine Riesengestalt, die mit einer Keule ein spinnenartiges Hakenkreuzgespenst erschlägt. Darunter stand: „Proleten! Tretet ein in den Roten Frontkämpferbund!“
„Gewalt, Gewalt, nichts als Gewalt. Und ein kranker Körper wie das deutsche Volk ihn darstellt, braucht nichts dringender als Erholung ...!“
Wilhelm Lange rang noch einmal nach Luft:
„Nun zum Abschied, das will ich euch beiden noch sagen, ich hab mirs überlegt. Das was ihr von Haarspaltereien bei uns sagt, ist nicht richtig, theoretische Klarheit muß sein. Wenn die nicht ist, dann kommt bei Aktionen auch nichts rechtes heraus. Und da muß allerdings oft um einen I-Punkt gestritten werden ... Was ihr über die Arbeiterschaft Englands sagt, so müßt ihr bedenken, daß die an den Extraprofiten, die die Kapitalisten aus den Kolonien herausschlagen, Anteil hat ... Also, daß es dem englischen Arbeiter besser geht, dafür schuften eben Millionen indischer Kulis ... Dann: Krieg und Kapitalismus gehören zusammen. So einheitlich, wie ihr euch das vorstellt, entwickelt sich die Wirtschaft eben nicht. Sondern: in Widersprüchen, unter Krisen, Rissen und Sprüngen ... Was unsere kommunistische Arbeit in den Betrieben anbetrifft: richtig ist, wir haben noch nicht gelernt ordentlich zu arbeiten ... Woher das kommt, auch das will ich euch sagen: wir haben unsere Parteiarbeit in den vergangenen Jahren eben der ganzen politisch-ökonomischen Situation entsprechend auf den Endkampf eingestellt. Gut, nun müssen wir ummanövrieren ... Auch wir lehnen Reformen nicht ab, aber die Grundlage des richtigen Verhältnisses ist folgende: Reformen sind Nebenprodukte des revolutionären Klassenkampfs ... Die Aufgabe einer wahrhaft revolutionären Partei besteht nicht darin, den unmöglichen Verzicht auf jegliche Kompromisse zu proklamieren, sondern darin, durch alle Kompromisse hindurch – insofern sie unvermeidlich sind – die Treue unserer Prinzipien, unserer Klasse, unserer revolutionären Aufgabe, unserer Sache der Vorbereitung der Revolution und Vorbereitung der Volksmassen zum Sieg der Revolution durchzuführen ... So gibt es auch Kompromisse und Kompromisse. Wenn du auf einer Landstraße von einer Räuberbande überfallen wirst, und du dich nur retten kannst, wenn du ihnen dein Geld gibst, so wirst du das tun, um dich möglichst schleunigst aus dem Staube zu machen. Das ist ein Kompromiß. Aber sich der Räuberbande anzuschließen, um gemeinsam andere zu überfallen: das ist auch ein Kompromiß, und zwar ein solches, wie es die Sozialdemokraten machen. Und nun weiter: nur die Auswüchse des Kapitalismus bekämpfen, bedeutet die Illusion in den werktätigen Massen nähren, als gäbe es einen gesunden Kapitalismus, was grundfalsch ist ... Zum Schluß, Kollegen: ich sage, diese Republik ist ein Treibhaus für die Kapitalisten und für die Reaktionäre, und ein Zuchthaus für die Arbeiter ... Und so sieht die SPD. aus: die wie das Fegefeuer heute das Wörtchen Klassenkampf scheut, ihn praktisch längst hat fallen lassen und die dafür immer vom Gesamtwohl und vom Vaterland, das der Arbeiter bekanntlich nicht hat, schwafelt: die SPD. ist ihrer Politik nach, nicht den Massen nach, die ihr angehören, eine bürgerliche Partei ... Lebt wohl!“
Die Drei trennten sich.
Max war schon um die Ecke zuhaus. –
XIII
„Restbautrieb – reaktionäre Masse – fahnenflüchtig!“
So kollerte es noch lang in Maxens Schädel herum.
„_Fahnenflüchtig!?_“
Und diese Frage nahm plötzlich Gestalt an, wurde wie zu einem Menschen, der lang und tief in ihn hineinschaute.
Dieser Mensch war seinesgleichen.
Blut von seinem Blut.
Ganz seiner Art.
Hieß auch Max Herse. Trat jetzt vor ihn hin wie sein leibhaftiger Steckbrief.
Dieser Max Herse fragte ihn:
„Max, stimmt das: fahnenflüchtig!? Ist da nicht doch vielleicht etwas wahr daran!? ... Wie war das nur neulich bei der Grubenkatastrophe? Erinnerst du dich nicht mehr, was du unter dem unmittelbaren Eindruck dieses Unglücks alles gesagt hast!? ... Versprochen hast eigentlich?! ... Fahnenflüchtig ... Desertiert aus der Klassenkampfreihe ... Verlassen das proletarische Banner!? ... Das Banner, für das dein Vater gekämpft und gelitten hat, für das deine Mutter sich so manchen Bissen vom Munde abgespart hat!? Die rote wehende Hoffnung deiner Millionen Arbeitsbrüder! Der Stolz deiner Arbeiterinnen-Schwestern, für das sie in manchen Nächten ihre Finger sich wund genäht haben ... Max Herse! Willst du nicht wieder ehrlich, proletarisch ehrlich werden!? ... Stimmt das nicht, was der Wilhelm sagte: „Ja, für euch bleibts halt ewig beim Alten, ihr wißt schon, was ich meine: Kaisergeburtstagsfeier und erster Mai ...“
„Wieder ehrlich, proletarisch ehrlich werden ...!?“
Max Herse sprach im Halbtraum schon, diese Frage nach.
Und mit dieser ungelösten Frage auf den Lippen schlief er ein. –
XIV
Man hörte die Atemzüge der schlafenden Menschen durch die Wände hindurch.
Flackernd ging der Atem, oben und unten und nebenan, von Röcheln, Seufzern und holprigen Hustenanfällen unterbrochen.
Viele Uhren tickten immer dazwischen.
Wieder warf sich einer im Bett, einer schlich den Gang entlang, jetzt tastete es nach einer Klinke; eine Tür knarrte.
Schritte kamen von der Straße hoch, fern, dann nah, wie tropfenweis. Stimmen, das Tappen eines Betrunkenen, Autohupen; Klingeln, die plötzlich schrillten. Und man konnte nur schwer unterscheiden zwischen dem ewigen selbsttätigen Knirschen der morschen Diele und dem Menschenstöhnen und Menschenächzen.
Katzen kreischten. Hunde winselten.
Auf ein Fenster drückte der Wind. Ein Schrank krachte.
Traum-Schreie ...
Ein Mensch hatte seinen Anfall. Das Schaumweiß brodelte ihm um den Mund. Da zündete jemand eine Kerze an, warf sich über ihn und hielt ihn im Bett fest.
Monoton lallte jetzt einer vor sich hin. Einer räusperte sich ...
Das Wasser im Kanal gluckste. Fernzüge pfiffen. Die Räder stießen auf den Schienen einen dumpfen rauschenden Takt ...
In einem Kübel plätscherte es. Einer wusch sich. Die Vorposten des bei Tagesgrauen aufmarschierenden Arbeiterheers standen schon wieder auf und machten sich kampfbereit. Auch die Milchfuhrwerke schepperten schon wieder in der Straße. An den Litfaßsäulen arbeiteten in weißen Kitteln die Plakatankleber ...
Zähne knirschten, Fäuste krampften sich, Kniee zogen sich an, Hände glitten über Decken und strichen sie glatt.
Wie ein Mensch lebt –
Wie ein Mensch kämpft –
Wie ein Mensch schläft – –
Da lagen sie auf den Bäuchen, auf dem Rücken, auf der Seite, in allen Stellungen, allein und zu zweit, ausgespreizt und zusammengedrückt, nackt, namenlos. In allen Stellungen aber wie Plastiken aus jener Galerie, die genannt ist: „Die Verdammnis des Menschendaseins“ ...
* * * * *
Andere wieder banden sich die Nacht wie eine Maske vor.
Rudelweis zogen Menschen auf Raub.
Andere auf Menschenjagd.
Einer stößt jetzt vielleicht dem anderen das Messer in die Brust. Einer knüpft sich jetzt den Strick zurecht, seift ihn irrsinnig-grinsend ein. Nebenan hört man jetzt ein Geräusch, dumpf, wie das Fallen eines Gegenstandes: er hat den Stuhl unter seinen Füßen weggezogen. Zwei, drei Schlingerbewegungen macht der Körper noch: dehnt sich, ein Muskelspiel zuckt, ein Speichelfaden sabbert lang aus dem Mundwinkel ... Schluß ...
Kauerten da nicht welche in Knäueln, drei, vier Leiber in einem Bett; fünf auf dem Fußboden; lagen sie nicht da, als ob sie sitzen würden, schliefen nicht welche an den Straßenecken im Stehn, und was schnarcht hier oder lehnt sich mit weit aufgerissenen Augen des Nachts in Parkanlagen auf den Bänken!? ...
* * * * *
Das höllische Tagestempo zitterte noch in der auf Leerlauf abgestellten Menschenmaschine nach. Die Gesichter von Lebensangstschweiß und Todesschweiß überzogen wie von einem geheimnisvollen Firnis.
Verstreut wie auf einem unendlichen Schlachtfeld reihenweis Gemordete. –
4. Kapitel.
Nur ein Traum ...