(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg

Part 7

Chapter 73,336 wordsPublic domain

„Die Prediger verkünden mit ausgebreiteten Armen von der Kanzel herab: „Friede auf Erden.“

„Friede auf Erden!“ „Amen! Amen“ schallt vielstimmig zurück der Chor der Gläubigen. Die Kathedrale ist wie ein Sarg. Weihrauch, Kerzenglanz, geflüsterte Gebete mischen sich ineinander ...

„Die Strafexpedition, aus Truppenkontingenten zweier europäischer Nationen zu gleichen Teilen zusammengesetzt, stößt in die von den flüchtigen Eingeborenen angezündeten Urwälder vor. Riesige Giftmücken flattern um die von der Siedehitze brodelnd aufgeweichten Leichname. Der Himmel glänzt scharf. Wie glanzblau lackiert ...

„Tausende sterben jetzt.

„Tausende entschlüpfen soeben dem Mutterbauch.

„Leben und Tod: o untrennbar eins sind sie in jeder Weltsekunde.

„Die Wellen des Ozeans schlagen an viele Küsten ...

„Da findet ein Hundediner statt. Reichlich besetzt mit wirklich köstlichen Dingen ist solch eine Tafel. In Bombay beträgt die Kindersterblichkeit 82 pro Mille. Schreckliche Höllen sind überall in der Welt die Proletarierviertel. Eine grausige Blutsprache sprechen die Statistiken ...

„Aufgeteilt ist die Welt ...

„Nach blutigen Gemetzeln ... Vor noch schlimmeren Morden ...

„Ein revolutionärer Führer spricht im Norden Berlins in einer Proletenversammlung. Ein anderer schreibt hin wie lebendige Feuerlinien aufrührerische Sätze ... „Hetzer“ ist ihnen ein Ehrenname ...

„In welchem Zeitabschnitt leben wir!? ... Das Tempo der Geschichte hämmert mit gewaltigen Schlägen ...

„Eine große Zeit fürwahr, eine Heldenzeit ... Doch wer sind ihre eigentlichen Träger ...? Namenloses Heldentum. Blutzeugentum. Kämpfertum. Märtyrertum ... Ein Arsenal von Kampftaten und Opferlegenden noch für Jahrtausende ...

„Und einer zum Beispiel, ein Schulkamerad, ein gleichgültiger Name, fand nicht mehr heraus aus diesem Labyrinth, was er auch tun mochte, wie sehr er sich auch anstrengte. Er war bis zum Irrsinn angewidert von all dem, wurde eines Tages wirklich verrückt, titulierte Christus mit „Kollege“ und schoß sich eine Kugel durch den Kopf. Als er abdrückte, schrie er überselig: „Es ist vollbracht!“ Warum auch nicht. Ein anderer, Freund meines Vaters, Fabrikant Germersheimer, ebenfalls ein überaus gleichgültiger Name, mästet sich prall mit Illusionen, hält Geistersitzungen ab, läßt Tische rücken und studiert auf seine alten Tage Theosophie. Auch er muß eines Tages platzen ... Andere gehn vorüber. Gehn sie vorüber!? Nimmermehr. Keineswegs. Auch ihnen wird eines Tages die Entscheidung aufgezwungen werden, auch sie werden eines Tages Farbe bekennen müssen ...

„Aber Arbeiterkolonnen, die abends aus der Fabrik heimkehren, scheinen mir muskelbepackt, straff, trotz der Ueberarbeit. Ihre Beine federn elastisch, wenn sie ausschreiten: die zeigen, daß sie noch marschieren können, trotz alledem. Daß sie sprungbereit geblieben sind. Trotz alledem. Und in ihren Fäusten sitzt ein guter Griff. Glück auf! Greift zu, wenn es soweit ist. Seid auf eurem Posten, wenn es drauf ankommt. Werdet ihr es schmeißen!? ...

„Und da zählen nach Tausenden, Abertausenden in diesem Augenblick die Gefangenen, die in den zwingkäfigähnlichen Zellen der staatlichen Zuchthausanstalten hocken. In allen fünf Erdteilen. Farbige ebenso wie Weiße. Alt und jung. Männer, Kinder, Weiber. Unterschiedslos. Noch-Gesunde und schon Sterbenskranke. Sie drücken sich in die Mauerwinkel. Schweigend. Nur hie und da ein Tobsuchtsanfall. Schreie, wie ein blutiger Erguß. Sind es versteinerte Menschenreste!?

„Einzelmorde, Massenschlächtereien, Bankkrachs, Umarmung, Empfängnis, Vergewaltigung, Streik, Niedertracht, Straßendemonstrationen, Ausbeutung, Prassereien: das alles geschieht jetzt in der Welt, zur selben Stunde, zur gleichen Zeit ... Aber die ganze Welt ist aufgeteilt in zwei große Heerlager ...“

VII

Automatisch schwang die Drehtüre des Caféhauses wieder um ihre eigene Achse.

„Ach da bin ich ja noch ...“

Die Mäntel am Garderobenständer kletterten übereinander.

Immer noch saßen die Zeitungsleser, verschanzt hinter ihren Zeitungen.

Ein Telephon klingelte.

Peter ging.

„Sollte das nicht doch möglich sein, das Menschennatürlichste, das Menschenselbstverständlichste, das Aller-aller-Einfachste? Mit Aufbietung aller Kräfte, unter Zusammenraffung unseres ganzen Menschendaseins!? Das, das müßte man doch versuchen ... Oder ob das Einfachste nicht doch nur ein scheinbar Einfachstes ist, am Ende nicht gar das Allerschwerste!? ...“

* * * * *

Die Theater waren jetzt aus.

Neue Menschenströme brachen in die Straßen ein.

Ein Autohupen-Konzert.

Kokottenrudel trieben straßauf, straßab.

Liebespaare wankten eng umschlungen einem Park zu.

Ein Mädchen der Heilsarmee gröhlte irgendwo in einem Platzwinkel: „Jesus, süßer Bräutigam ...“

Recht so, die Religion soll dem Volk erhalten bleiben. Und das drückte auch auf die Tränendrüse manch einer vornehmen Herrschaft, die gnädiglich aus krokodilsledernen Handtaschen heraus ein Almosen für die Armenspeisung spendete. Mit blankgescheuertem Gewissen schlenkerte sie dann, sich wohlig in ihren Pelzen räkelnd, von dannen.

„Menschendreck ...“

* * * * *

Der Himmel war wie ein Eismeer.

Wie Packeis trieben die Wolken darin, zu Eisbergen sich türmend, absplitternd; Haufen von Scherben. Scharf gezeichnet hoben sich weit hinten am Horizont in der blauen Flut die unermeßlich lang gestreckten Eiswände ab. Und der Mond stand mitten darin, unförmig, geborsten, ein ziellos treibendes Leucht-Wrack.

„Ja, ja, das ist schon so: es stimmt schon: Die Barbarei erscheint wieder, aber aus dem Schoß der Zivilisation selbst erzeugt und ihr angehörig ...“

Und Peter schritt die Straße hinauf, die sich vor ihm zu heben schien und steil und immer steiler ward, wie im Sturmschritt.

VIII

Die Diskussion in den „Frankfurter Festsälen“ begann.

„Natürlich wieder so ein Kommunist“, knurrten einige, als der Versammlungsleiter bekanntgab:

„Herr Schnetter hat das Wort.“

Einige Zwischenrufe knallten.

Der Referent schmunzelte.

„Man glaubt schon einen gewaltig kühnen Schritt getan zu haben, wenn man sich freimacht vom Glauben an die erbliche Monarchie und auf die demokratische Republik schwört. In Wirklichkeit aber ist der Staat nichts als eine Maschine zur Unterdrückung einer Klasse durch eine andere, und zwar in der demokratischen Republik nicht minder als in der Monarchie. – Der Feind aber, der uns die Hand zum Wahlbündnis hinstreckt und sich als Freund und Bruder uns aufdrängt – ihn und nur ihn allein haben wir zu fürchten. Wie können die Massen noch an uns glauben, wenn die Männer des Zentrums, des Fortschritts und anderer bürgerlicher Parteien unsere Bundesgenossen sind – wozu dann der Kampf gegen die bürgerliche Gesellschaft, deren Vertreter und Verfechter sie allesamt sind? ... Ist einmal die Grenzlinie des Klassengegensatzes verwischt, sind wir einmal auf der schiefen Ebene des Kompromisses, dann gibt es kein Halten. Dann geht es weiter und weiter abwärts, bis es kein Tiefer mehr gibt ... Mit der Bewilligung der Kriegskredite 1914 hat die Sozialdemokratische Partei Deutschlands diesen Tiefpunkt erreicht.“

Hier schon wurde der Diskussionsredner unterbrochen.

„Reden Sie nicht in Zitaten und besonders nicht in solchen, die Sie nicht verstehen!“

„Das habe nicht ich, sondern Karl Marx in seiner Einleitung zum „Bürgerkrieg in Frankreich“ gesagt, und das zweite Zitat ist von Wilhelm Liebknecht. Sie zeigen durch Ihre Zwischenrufe nur, daß sie mit diesen beiden Männern nichts mehr gemein haben ...“ erwiderte der Diskussionsredner.

„Na, also da haben wir’s ja. Weiter habe ich ja auch nichts gesagt.“

Der Zwischenrufer hatte Beifall.

„Der Arbeiterverrat, den Sie heute vertreten“, fuhr Genosse Schnetter fort, „ist schon von langer Hand vorbereitet worden. Schon Kautsky, der Historiker ... in seinen Vorläufern des Sozialismus ... Welche internationale Bedeutung aber die Zustimmung zu den Kriegskrediten 1914 hatte, das kann nur der ermessen, der die ungeheure Ausnahmestellung, die die Deutsche Sozialdemokratie innerhalb der 2. Internationale damals innehatte, kennt, die Deutsche Sozialdemokratie war die Perle der ...“

„Wirf sie jetzt nicht vor die Säue, Hund ...“

„Theoretischer Quatsch!“

„Schluß damit!“

„Erledigt! Raus! Abtreten! Zur Sache!“

Der Ordnerdienst schob sich unauffällig nach vorn. Hielt im Saal Umschau und stellte die Positionen derer fest, die dem kommunistischen Redner zustimmten.

Eine kurze Unruhe entstand.

Der Versammlungsleiter klingelte.

„Holt doch einfach die Schupo ...“

Der Diskussionsredner hatte sich dem Referenten halb zugewendet.

„Lauter!“ brüllte jemand.

„Keine Dialoge! Sprechen Sie zur Versammlung!“

„Ihr seid an der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht schuld! Wollt ihr das noch immer nicht wahrhaben ... Ihr, ihr ...“

Und unter einem brüllenden Gelächter zog der Kommunist eine Broschüre hervor.

„Pfui! Pfui! Pfui! Schurke! Halunke! Schuft! Verleumdung! Elender Lügner! Von Moskau bezahlt! Erbärmliche Niedertracht! Brenn’ ihm eins! Jib ihm Saures ...“

„Zehn Jahre SPD!“

Einen Augenblick wurde es ganz still.

„Blamieren Sie sich, so gut Sie können!“ schmunzelte jovial der Referent!

„Arbeiter! Genossen! Seht Euch Euere Führer an! Wir Kommunisten würden doch nicht immer wieder auf die Haltung der SPD. während des Krieges zurückkommen, wenn nicht die Politik der SPD. nach dem Krieg, in jeder Epoche der Nachkriegszeit, denselben Arbeiterverrat darstellen würde ... Dieser Herr, der Herr Referent, der Euch heute abend noch soeben das Sachverständigengutachten so wohlschmeckend zubereitet hat, ist er nicht derselbe, der einstmals begeistert ausgerufen hat: „Ich geh zum Hindenburg!“ und der damals folgendes geschrieben hat: „Nur im Zeichen dieser Ströme von Blut, nur im Zeichen des zermalmenden Eisens, das diese Ströme hervorbrechen macht, können wir davon sprechen, daß das Ziel nahe ist. Wir müssen den Kriegswillen der Gegner im Blut ersticken ...“ Das ist das eine. Das andere lautet – paßt gut auf! –: „Um alles in der Welt möchte ich jene Tage inneren Kampfes nicht noch einmal erleben! Dies drängend heiße Sehnen, sich hineinzustürzen in den gewaltigen Strom der allgemeinen nationalen Hochflut, und von der anderen Seite her die furchtbare seelische Angst, diesem Sehnen rückhaltlos zu folgen, der Stimmung ganz sich hinzugeben, die rings um einen herum brauste und brandete, und die, sah man sich ganz tief ins Herz hinein, auch vom eigenen Inneren ja schon Besitz ergriffen hatte. Diese Angst: Wirst du auch nicht zum Halunken an dir selbst und deiner Sache!? Darfst du auch so fühlen, wie dir ums Herz ist? Bis dann – ich vergesse den Tag und die Stunde nicht – plötzlich die furchtbare Spannung sich löste, bis man wagte das zu sein, was man doch war, bis man – allen erstarrten Prinzipien und hölzernen Theorien zum Trotz – zum erstenmal (zum erstenmal seit fast einem Vierteljahrhundert wieder!) aus vollem Herzen, mit gutem Gewissen und ohne jede Angst dadurch zum Verräter zu werden, einstimmen durfte in den brausenden Sturmgesang: Deutschland, Deutschland über alles! ...“

Die Versammlung atmete kaum noch ...

„Nun, Arbeiter-Genossen, und sehr verehrte „Herren“ Zwischenrufer von vorhin, ich frage Euch jetzt, urteilt selbst: ist das die Sprache eines Sozialisten!? Wem von Euch noch ein Funke proletarischen Ehrgefühls innewohnt, wer noch ein klein wenig proletarischen Klasseninstinkts sein eigen nennt, der wird nicht umhin können, eine solche Auffassung zu brandmarken als das, was sie in der Tat ist: als Ausdruck der schamlosesten, hundsföttischsten Korruption. Das ist zwar nicht Landesverrat, auch nicht Hochverrat, jeder dieser ehrenwerten Spießer ist würdig, mit dem _Pour le mérite_ dekoriert zu werden ... aber dafür ist es Arbeiterverrat, Arbeiterverrat und nochmals Arbeiterverrat! ...“

Viele Arbeiter sahen bei diesen Worten sich unschlüssig an.

Manche schüttelten mit den Köpfen.

„Hat der wirklich so was geschrieben?!“

„Kann’s gar nicht glauben ...“

„Ja, bei der Stimmung, die damals gewesen ist ...“

Vieler Augen öffneten sich jetzt weit, viele Ohren horchten gespannt.

„Rasch! Mach schnell!“ flüsterte der Versammlungsleiter einem Funktionär zu, „sonst geht uns am Ende noch die ganze Versammlung aus dem Leim. Lieber noch sie hochfliegen lassen ...“

Und der Funktionär gab unauffällig ein Zeichen.

Vier oder fünf unter den Tausenden schrieen plötzlich los:

„Unsinn! Blödsinn! Schuft! Neue Lügen! Kein Wort ist wahr! Alles gefälscht! ...“

Die Arbeiter sahen sich wieder an.

„Siehst du, das hab ich doch gleich gedacht, daß das so eine Lüge ist. Das wäre doch schon ... Da dürfte der ja gleich einpacken ... Aber was die Kommunisten sich nicht alles aus den Fingern saugen ... Pfui, Teufel ...“

„Das haben Sie, das haben Sie, Sie, Sie, Herr Genosse Bauer geschrieben, damals, und jetzt, jetzt schämen Sie sich nicht, jetzt wagen Sie es ...“

„Schluß! Schluß! Schluß!“

Der Versammlungsleiter klingelte.

„... und so entziehe ich dem Redner wegen grober Verleumdungen persönlicher Art und wegen vollkommenen Mangels an Objektivität und Sachlichkeit das Wort ... Da kein Redner mehr gemeldet ist, hat unser Genosse Bauer das Schlußwort.“

„Recht so!“

„Bravo! Bravo! Raus mit ihm!“

Der Saal stampfte. –

Und schon wurde der Kommunist von einigen kräftigen Ordnungsleuten heruntergeholt. Genosse Bauer schüttelte noch den Kopf und riet überlegen freundschaftlich von Gewaltanwendung in diesem besonderen Fall ab.

„Hofrichter-Rauscher-Breuer-Kuttner!“ drohte der Kommunist mit der Faust ... „und damals in den Kapptagen, erinnern Sie sich noch auf der Pressekonferenz ... Sie, ihr, die wirklichen Urheber an der Ermordung ... Soll ich Ihnen das sozialdemokratische Rezept verraten: Was sagt euer Wels: „Wir haben eine Bewegung der Arbeitermassen nicht zu fürchten. Wenn sie über unsere Köpfe hinwegzugehen droht, stellen wir uns an ihre Spitze und biegen die Bewegung um, wie 1918 ...“

Dies schrie der Kommunist noch, schon halb aus dem Saal geschleift.

Ein riesiger athletischer Bursche vom republikanischen Ordnerdienst klopfte jetzt auf ihm mit einem stählernen Totschläger einigemal herum.

„Längst erledigt! Zur Sache! Moskowiter! Genosse Bauer hat jetzt das Wort ...“

„Hinaus ... aus ... aus ...“ echote es rings.

Am Saaleingang aber vermochte sich der Kommunist doch noch einmal aufzurichten, sich loszureißen und mit einer mächtigen Stimme schleuderte er zurück:

„Ihr, ihr, ihr dort oben: ihr habt dem Proletariat den Mut, das Kraftgefühl, das Selbstvertrauen gestohlen. Und das ist vielleicht von allen eueren Missetaten, Unterlassungssünden, Gemeinheiten das Allerschlimmste ... Ihr seid in den Reihen der bürgerlichen Klassenarmee nichts weiter als die Spezialkommandos zur Niederknüppelung der revolutionären Arbeiterschaft ... Ihr seid der Klassenfeind im eigenen Lager ... Pfui, Mörder, Schufte, Verräter! Schluß mit euch ...!“

Die Saaltür krachte jetzt zu.

„So ein Kommunist ist nicht tot zu kriegen ...“

Die Luft war wieder rein. –

IX

Max beobachtete den Referenten, der soeben das Schlußwort ergriff.

Wie vertrauenerweckend allein schon seine Gestalt war! Breit und behäbig, prall gefüllt mit Wohlüberlegtheit und kugelrund vor Verantwortlichkeit! Rotbackig, mit schwärzlich buschigem Schnurrbart. Ganz im Gegensatz zu dem Kommunisten, einem jungen und aufgeregten Bürschlein ... Sachlich, wenn es sachlich zu sein galt, voll von Entrüstung und gewitterschwangerem Pathos, wenn er auf die Umtriebe der Reaktion oder auf die schändlichen Machenschaften und Spaltungsversuche der Kommunisten zu sprechen kam. Ausgeglichen, männlich-reif ... Der hat Kenntnisse, der versteht was vom Handwerk, der läßt sich nicht so leicht unterkriegen, der hat Erfahrungen. Nun, schau nur einmal! ... Kurz gesagt: es war, als spreche hier der gesunde Menschenverstand selbst.

Wie fieberig erhitzt dagegen der Kommunist wirkte! Ueberspitzt in allen seinen Gesten und Aeußerungen, jedes Wort maßlos übertrieben. Vor solchen Menschen muß man sich in Acht nehmen, wie das in ihren Augen flackert, in ihren Fäusten zuckt, in ihrem Brustkasten rumort ...! Die sind nicht schlecht verrückt! ... Donnerwetter ...

„Nun, Genossen und Genossinnen, werte Versammlung! Dieser allem Anschein nach systematisch vorbereitete Sprengungsversuch der Kommunisten ist dank dem wirksamen Eingreifen unseres Reichsbanners –“

„Bravo! Frei Heil!“

„– mißglückt. Da haben Sie es! Aber der deutsche Arbeiter ist schließlich gerechtigkeitsliebend genug, um auch den Gegner so zu sehen, wie er ist. Ich spreche jetzt von der besitzenden Klasse. Lassen wir uns bei deren Beurteilung nicht von blindwütigem Haß hinreißen, ich gebe zu, mancher von uns, muß, um zu einem objektiven Urteil über seinen Gegner zu kommen, noch viel an sich arbeiten, denn die Theorie vom Klassenkampf hat viel an uns verdorben. Wir Sozialdemokraten vertreten die Gesamtheit der Nation, wir vertreten die Interessen aller Bevölkerungskreise, das Wort „Klassenkampf“ ist überhaupt veraltet und wissenschaftlich bereits längst überholt ... Also: mit dieser kommunistischen infamierenden Klassenhetze haben wir Sozialdemokraten nichts gemein. Von Kriegsgewinnlern und Inflationsschiebern abgesehen, was haben uns schließlich die Reichen getan, die in den Palästen wohnen? Sie sind dem Nestbautrieb gefolgt, sage ich, nichts weiter. Und dieser Tatsache müssen wir Verständnis entgegenbringen. Dafür wollen wir ihnen, bei Gott, nicht allzu gram sein ... Nun, zur Frage der Amnestie! Wer hat sich für die Amnestie eingesetzt!? Die Sozialdemokratie ... Ich brauche euch wohl nicht den Brief Max Hoelzens zu verlesen. Ihr kennt ihn ja aus dem „Vorwärts“. Aber es ist schließlich nicht ganz so leicht, immer gleich ebensoviel aus den Zuchthäusern herauszubringen, wie die Zentrale der Kommunistischen Partei jeden Tag durch ihre putschistische Taktik wieder hineinschafft. Eine Beharrlichkeit zeigen darin die Herrschaften, daß man sie beinahe bewundern möchte ... Wer aber knebelt, knechtet, verfolgt und verrät die Arbeiterschaft schlimmer als die dunkelste Reaktion!? Die Bolschewisten. Werft einen Blick in die russischen Gefängnisse, in die sibirischen Oeden! Denkt an die Greueltaten und an die Folterkammern der Tscheka! Und wer, frage ich euch, stellt immer wieder eigene Kandidaten auf, auch dort, wo gar keine Aussicht auf Erfolg ist, wer spaltet durch diese Manöver die Arbeiterschaft und wird so objektiv zum Steigbügelhalter der Reaktion? Wieder die Kommunisten. Ja, die Kommunisten sind an allem schuld. Und ich sage, lebte Rosa Luxemburg heute noch, sie stünde bestimmt in unseren Reihen ...

„Bravo! Sehr richtig!“

„Die Kommunisten aber treiben mit ihr Leichenschändung. Also darum! Auf an die Wahlurne! Abrechnung mit den Hetzern! Abrechnung mit jenen Kanaillen der Arbeiterschaft, den kommunistischen Berufsrevolutionären! Nieder mit der kommunistischen Bewegung, nieder mit den Kommunisten, dieser reaktionären Masse! ... Es lebe – – –“

Und wieder dröhnte der Saal von dem dreimaligen „Hoch!“

Langsam und schleppend wurde jetzt die letzte Strophe der „Internationale“ gesungen.

Wie ein Trauermarsch.

„Diese Welt muß unser sein!“

Ja, so ist es. Aber wer glaubte noch daran!?

Wie ein muskelloser, schlaffer, erschöpfter Körper: so war dieser Gesang. Tausend Münder schnappten automatisch auf und zu ... Kein Schwung, keine Kraft. Es zog nicht durch ...

„Erst wenn wir sie vertrieben haben – Dann scheint die Sonn’ ohn’ Unterlaß ...“

Auch viele kannten den Text nicht ...

Aber ein Proletariermädchen sang mit, es war klein und schmal, es hustete oft dazwischen, die Haut war durchsichtig, die Augen groß aufgerissen: es sang mit einer hohen schönen Stimme, diese Stimme schwang sich im Gesang hell empor aus Elend, Lebensnot und Alltagseinerlei, diese Stimme war wie klares Eiswasser: die Hände ballten sich, schneller sang sie die Strophen wie die andern, aber sie wurde auch immer wieder unwiderstehlich in den zähen, trüben, kleberigen Strom des Massengesanges zurückgerissen ...

Die Versammlung war zu Ende.

Polizeimannschaften mit umgehängtem Karabiner patrouillierten.

Das Wetter war umgeschlagen. Das Nebeldickicht verdampft. Es wehte ein scharfer Wind ... Die Nacht war eisig.

Mit einigen Kollegen machte sich Max zu Fuß auf den Heimweg. –

X

Lange Autoreihen vor den Hotels: betreßte Diener öffneten, die Hand an der Mütze, den Verschlag. Damen in Pelzmänteln, Herren in hochgeschlossenen schwarzen Mänteln, den Zylinder auf, dahinschreitend, beinahe akkurat so wie die Göttergestalten aus dem Altertum. Oder wie die Ritter meinetwegen ... Läden: aus denen wunderbar lackierte Autokarosserien hervorleuchteten ... Und wirklich schöne Frauen waren das vorhin, radikal mit den Augen einen zerschmeißen konnten die; duftiges Fleisch, ohne Fehl und Makel, irdische Göttinnen, gelenkig und geschmeidig. Wie sicher sie sich bewegen! Man mußte schon genau hinhören, wenn man ihre Sprache verstehen wollte. Gleichnisse, Tonfall: alles war anders.

„Während unsereinem zu Hause die Frauen vor lauter Haushaltungsarbeit und Nahrungssorgen wurmstichig werden.“

An den drei von der Versammlung heimkehrenden Proleten glitt das alles vorüber, wie eine unwirkliche Erscheinung.

Das war wie das „Jenseits“.

Einmal stieß der Metalldreher Lange den Max Herse in die Seite, man sprach aber dazu kein Wort: eine Gruppe von übergeschminkten Kokotten zwitscherte an einer Straßenecke herum, stürzte sich auf einen dicklichen angetrunkenen Herrn, der leicht schlingernd seines Weges daherzog: der dickliche Herr stoppte auch, nicht ohne Mühe, gestikulierte eifrig, nickte am Ende der Unterhandlung jovial und verschwand auch schon in der Nebenstraße, auf der einen Seite eingehakt von einer Spindeldürren, auf der anderen von einer Fetten.

„Was so ein Späßchen bloß wieder mal kosten mag!“

„Da schau nur mal an: so ein vollgefressenes Schweinchen das ... Na, dem gehört auch von seiner Alten der Buckel voll ...“

Die Proleten lachten nur dazu. Schüttelten die Köpfe.

* * * * *

„Nein, Wilhelm, wenn ich seh, wie die im Betrieb arbeiten! So eine Pfuscherei ... Ich sag dir ... laß mich aus damit ...“

„Rin in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln ... und das nennen sie dann Arbeit im Konsum, Gewerkschaftsarbeit ... Ist schon richtig: Fehler werden alleweil gemacht, Fehler müssen sogar gemacht werden, nur einer, der nichts tut, macht keine, aber absolut sich nun darauf zu versteifen, aus den Fehlern ausgerechnet nichts zu lernen ...“

Der einzige von den dreien, der eben noch etwas für die Kommunisten übrig hatte, war Lange, Lange Wilhelm. Er war in einem Großbetrieb Metalldreher. Der Kollege Stilling von der AEG und Herse Max drangen nun auf ihren Arbeitskollegen Lange energischer ein.

„Beim Streik bei der Turbine haben wir es wieder gesehen. Schön hübsch zuwarten, bis alles von selbst losgeht ... Dann sich hinten anhängen und das große Maul haben, aber nur, nur nichts organisieren ... was kommt’s denn auf drei oder vier Pfennig mehr Lohn an, sagen sich die vornehmen Herrschaften ... und doch kommt’s darauf an, sag ich, der hat auch für große Kämpfe nicht das Vertrauen der Arbeiter, der nicht ihre kleinen und kleinsten Alltagsschmerzen mit ihnen teilt ... Auf ein mehr oder minder gutes Klosett kommt’s an, und wer das nicht begreift ... Eine richtige Schwanzpolitik ist das ... Na, ihr werdet euch noch gewaltig die Finger verbrennen ...“

„Und damals Wilhelm, wie wars denn im Oktober! ... Ich geb dir die Hand darauf, ich hab gewartet, daß es endlich losgeht. Kaum heimgeh’n hab ich noch können, immer war ich wie auf dem Sprung, und dann ... so in den Dreck gekrochen ... Pfui Teufel ...“

Die beiden überschütteten Wilhelm mit einem Trommelfeuer von Vorwürfen.