(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg
Part 6
Der Redner ließ es sich dabei nicht nehmen, der Reaktion, worunter er vor allem die Deutschnationalen verstand, einiges ordentlich auszuwischen, ging dann von der innerpolitischen Lage zur außenpolitischen über und erörterte sachlich und wirkungsvoll die wichtigsten Probleme. Es gelang ihm dabei, überzeugend darzutun, daß unter den nun einmal gegebenen politischen Verhältnissen dem deutschen Volke, das, schlecht geführt, den Krieg verloren hat, nichts anderes übrig bleibt, als das Sachverständigengutachten anzunehmen, das – im Vergleich zu den Verpflichtungen, die vor dem Deutschland aus dem Versailler Vertrag erwuchsen, – wesentliche Erleichterungen biete, die Räumung des Ruhrgebiets und damit die Befreiung einiger Millionen Deutscher von der französischen Fremdherrschaft bringe, der Industrie die lebenswichtigen, nicht unerheblichen Kredite vermittle, der zerrütteten deutschen Wirtschaft wieder aufhelfe – man denke nur an die passive Handelsbilanz! – und damit auch zugleich dem Proletariat Verdienstmöglichkeiten und Arbeit verschaffe. Ueber die Lastenverteilung aber entscheide der Reichstag, und es komme nun darauf an, möglichst stark dort einzuziehen, um die Gewichtsverteilung der Lasten zugunsten der werktätigen Bevölkerung auf die Schultern der besitzenden Klasse abzuwälzen.
„Ja, aber meine Herrschaften!“ rief der Referent aus, als sich aus einer Saalecke heraus wieder Widerspruch bemerkbar machte – „wir leben eben nun einmal in einer kapitalistischen Gesellschaft, und ich kann nicht, so gern ich auch möchte, sie von heute auf morgen wegpusten. So heißt es also, sich so gut es geht mit dieser Tatsache abzufinden und sich so häuslich wie irgend nur möglich in dieser Gesellschaft einzurichten ... Gedulden Sie sich, warten Sie ab, bitte, alles zu seiner Zeit ...“
Dies alles schien sonnenklar.
„Solange die Arbeiterschaft noch nicht einmal unter sich selbst einig ist ... Da kann man ja jeden xbeliebigen Betrieb als Beweis dafür hernehmen ...“
Und auch das, was der Redner nur so nebenbei bemerkte, daß man es sich schon was kosten lassen solle, um die Hohenzollern außer Land zu halten: „wir werden uns schon in dieser Frage nicht lumpen lassen – – –“
Auch das war Maxens Standpunkt.
„So haben eben nun doch die Herrschaften der Entente einsehen gelernt, daß man auf dem Weltmarkt ohne den deutschen Arbeiter, ohne den begabten, gründlichen, gewissenhaften deutschen Arbeiter nicht auskommt. Deutschland: Industriewerkstatt der Welt! Das ist der Inhalt, das wahre Wesen dieses von uns angenommenen Gutachtens! Stellt euch vor, Arbeiter, wie nun langsam aber sicher von Monat zu Monat euere Lage sich bessert, euer Lebensniveau sich heben wird ... In einem solchen Moment sollen den Mut wir sinken lassen ...! Nach all den Jahren, in denen ein schlimmer Unstern über Deutschland, über euch Proleten im besonderen, waltete!? Nein, dreimal nein! Nimmermehr! Mit vollem Recht können heute wir wieder ausrufen: am deutschen Wesen, am Wesen des deutschen Arbeiters im besonderen wird wieder die Welt genesen ... Schaut frohen Mutes drum in die Zukunft!“
„Ja, ja. So, so ist es.“
Viele nickten mit den Köpfen.
„Reaktion oder Revolution!? Schwarzweißrot oder schwarzrotgold!? Entscheidet euch?! Monarchie oder Republik!? Gebt euere Stimmen, Proleten, der Republik, schafft mit an dem Erlösungswerk der werktätigen Massen. Die Revolution, die Befreiungsaktion des Proletariats marschiert, wenn auch langsam ... Auf zur Wahl! Schließt die Reihen dicht! ... Beziehen wir unsere alten revolutionären Kampfpositionen! Hinein in die Wahlschlacht ... Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, sie lebe –“
„Hoch! Hoch! Hoch!“
Der Saal schmetterte.
Die Internationale sang. –
IV
Wird es nun wirklich schon Frühling?! Die Fenster sind weit offen. Menschenstimmen hört man aus den Höfen. Diese Jahreszeit ist ein Heldengedicht. Gewaltig und grau ziehen den Horizont herauf Wolkenquadern um Wolkenquadern: formlos, unbehauen, roh: rebellische Figuren ...
Die Zeitungsleser saßen um diese Stunde wie immer im Café. Glatzköpfig, vollbäuchig, manche mit prallen, rötlich getupften Bäcklein. Tranken Mokka, schlürften Limonaden aus Strohhalmen, schluckten auch sonst noch was ...
Draußen prasselten Hagelschauer nieder.
Ein kurzer Zwischenfall.
Eine Stimme: „Sie Kapitalssau, Sie Dreck- ...“
„Was, Drecklump, Kapital ... haben Sie mich genannt. Mein Herr, ich bitte Sie das sofort zu berichtigen ...“
Und die Drehtüre schob beide ins Freie.
Das Café-Innere war wie ein Aquarium. Tropisch-warm; die Bewegungen der Caféhausbesucher waren, als sei die Luft eine zähe, kleberige Flüssigkeit.
Schönes Buchstabengift. Schönes Papiergift.
Sie sahen nur selten mal auf. Die Augen waren in dem Papierwinkel, den sie an einem Holzgriff steif vor sich herhielten, festgesogen.
Gehirne fraßen. Gehirne verdauten.
„Grand-Hotel, Honolulu.“ „Isa, die Serbenfürstin.“ „Raubmord.“ „Lustmord.“ „Spanische Flugzeuge bombardieren die Rifkabylen mit Gasbomben.“ „Neue Schreckenstaten des Kommunisten-Gesindels.“ „Tscheka.“ „Parade der Stahlhelmer ...“
Die Zeitungsblätter bewegten sich. Legen sich um. Es knistert. Ein geheimnisvoller Wind weht. Ein neues Pack mit Ereignissen. Mit einem Blick hüpft da ein Auge über eine ganze Seite hinweg. Ein neuer Teil, mit Schicksalen, Erlebnissen, amüsanten Neuigkeiten nur so vollgepfropft ...
Nun sind die Hände der Leser in eine Papierfläche eingekrallt wie Tatzen.
„... von den Fräcken der Herren ist nur zu sagen, daß sie ausnahmlos up to date und im besten englischen Stil waren; nicht ein Millimeter der weißen Weste war unterhalb des Frackrandes sichtbar ... Die Toiletten der Damen im Stilkleid weiß Gourdeille mit Pelz Suhmann, den man seiner großen Seltenheit wegen noch wenig sieht ... Lisa Benedict aber hatte ihren prachtvollen Rubens in dunkellila Chadourne gehüllt, benäht mit marokkanischen Pailetten aus vielfarbiger Mica ... Ein zart aquarelliertes Kleid hellgelbe Merveille-Saturé. In schwarzem Craou, besetzt mit Jorkin, ein Fell, das wie goldgepudert aussieht ... Es war einem ganz indianisch zumute ...“
„Schwerarbeiter!“ knurrte lautlos der Bettler, der zwischen den Tischen herumstrich. Von dem Geschäftsführer und einem Kellner arretiert, verläßt er wieder das Lokal.
Weiter arbeiten sich durch den Papierschlamm hindurch die Zeitungsleser.
Vulkane brechen auf, Länder werden überschwemmt. Kolonialvölker rebellieren, Massenselbstmorde, Maschinenhinrichtungen, Hungersnöte. Lächelnd thront dabei das Büfettfräulein über dieser Flut rauchverwolkter Häupter, aus deren Gehirnwindungen jetzt bei der Lektüre abessinische Residenzen erstehen, Petroleumquellen aufknattern, Bohrtürme durch Kalifornien wandern, mit breitwulstigen Epauletten die Achseln bestickt hochwamstige Negergeneräle vor dem amerikanischen Präsidenten paradieren ...
Das Gesäß des Lesers drückt sich fest im Stuhl.
Ein fleischerner Riesenpudding ...
Merkwürdige Dinge werden im letzten Teil des Blattes über den großen Ozean gemeldet. Was davon wohl auf Wahrheit beruht!?
„Sir William Pope, in der Präsidentschaftsrede in der Chemical Society am 27. März 1919: Die englische Methode zur Herstellung giftiger Gase sei dreißigmal so wirksam, wie die von Deutschland, während die Kosten in Deutschland dreißigmal so groß seien wie die in England. Bei Kriegsende hätte die Entente täglich eben soviel herstellen können wie die Zentralmächte monatlich. Anmerkung der Redaktion: Was man besonders dem bekannten Führer der zionistischen Bewegung, Herrn Prof. Waitzmann verdanke, dem kühnen Organisator des chemischen Krieges auf ententistischer Seite.“
Wie auf einem scheu gewordenen Gaul galoppiert unser sehr verehrter Leser weiter. Schüttelt sich. Nun geht es wieder in gewohntem Tempo. Die Sprünge, die schließlich diese mörderisch gottverfluchte Zeit macht, zwingen auch den unsichersten Kumpan am Ende noch fest in den Sattel ... Neue Entdeckungen! Ein neues Geheimnis! Und wieder von jenseits des Ozeans, aus dem Wunderland!
„Ein Todesregen! – Ein neues Gift, so tödlich, daß drei Tropfen auf der menschlichen Haut genügen, um den Tod herbeizuführen, ist die neueste Erfindung des chemischen Kriegsdienstes der amerikanischen Armee. Man führt Fachleute an, die aussagen, daß, wenn man die Flüssigkeit aus Röhrchen an der unteren Fläche eines Flugzeuges ausstieße, sie alles, was sich im Wege dieser Maschine befindet, töten würde. Ein Flugzeug, fügt man hinzu, könne zwei Tonnen der Flüssigkeit über eine sieben Meilen lange und hundert Fuß breite Gegend verteilen und dies würde genügen, um jedermann in dieser Gegend zu töten. Die Flüssigkeit kann leicht hergestellt werden und eine Ausbeute von einigen tausend Tonnen täglich könnte angeblich schnell erreicht werden ...“
Hat man noch Zeit, über das alles nachzudenken!? Bleibt einem da nicht die Luft weg!? Staune vor nichts, sagt sich der Spießer oftmals selbst vor und richtet energisch und stolz sich dabei auf im Steigbügel. „Alles ist möglich ... Alles schon dagewesen ... Nichts unter der Sonne ist neu ...“
So ist doch z. B. bekannt das sogenannte griechische Feuer im vierten Jahrhundert vor Christi, aus Harz, Petroleum, Schwefel und ungelöschtem Kalk bestehend, und das später, im zwölften Jahrhundert, häufig von den Sarazenen gegen die Kreuzfahrer zur Anwendung gebracht wurde ...? Und dann erst das Mittelalter! Eine reiche Ausbeute für unsere geschichtliche Exkursion! Lesen wir da nicht in dem berühmten „Kompendium der Sekrete“ des Arztes und Naturforschers Leonhard Floravanti von Bononia um 1600 von einem Oel, destilliert aus Terpentin, Schwefel, Asa foetida, Menschenkot, Menschenblut usw., das dermaßen stinkt, daß kein Mensch in der Festung, in die es geworfen wird, mittels Schleudermaschinen, versteht sich, es darin aushalten kann ...
Also, alles schon dagewesen ... Was zu beweisen war.
„Prosit Neujahr!“ entfuhr es aber da dennoch einem kleinen Bankangestellten, als er das las, „schöne Aussichten, das kann ja noch recht gemütlich werden ... Heiter, immer heiterer, in der Tat! Aber man muß schon mit den Wölfen heulen ...“
Und er versucht gleich ein Gespräch über dieses Thema mit dem Studenten anzuknüpfen, der noch mit an dem Tisch saß.
Der wehrte aber energisch ab.
„Ja, warum denn nicht ... Glauben Sie vielleicht noch an den Abrüstungsschwindel!? ...“
„Sie entschuldigen schon ... Das war doch nicht so ernst gemeint ...“
Unablässig drehten sich indeß die Drehtüren.
Zwei Bekannte prallten dort unerwarteter Weise im Gang aufeinander.
„Du hier, ach Emil, wer hätte das gedacht ... ja, wie lange schon ...? Und immer wohlauf ... Und das Geschäft ...“ Und schon zogen sie sich gegenseitig an einem Tischchen nieder und wie eine Litanei wurde die ganze Skala der Bekannten und Geschäftsfreunde abgeklappert.
Die Schnurrbartspitzen des Portiers leuchteten wie zwei rötliche Stichflammen.
Der eine oder der andere stolzierte in dem Caféraum auf und ab, wie in einer Wandelhalle. Der Zeitungsmann flitzte geschäftig.
Der Nachtbetrieb begann. –
V
Peter Friedjung war Werkstudent. Sechs Stunden arbeitete er täglich bei einem Patentanwalt in der Alten Jakobstraße am Setzkasten. Die Patentanmeldungen wurden hier auf einer kleinen Handdruckmaschine abgezogen. Ein seltsamer Betrieb. Hunderte von Patentanmeldungen liefen täglich ein. Da waren Patentgesuche darunter auf fahrbare Rucksäcke, auf Hosenträger, die mit einer Hand bedient werden konnten, Klosetts, mit selbsttätigem Wischapparat, zwanzig Modelle des Perpetuum mobile täglich, Studierlampen, die zu gleicher Zeit als Kochapparat benützbar waren, ohne jede Inangriffnahme des Zylinders selbstverständlich, Patente auf in der Dunkelheit leuchtende Füllfederhalter usw. usw. Gegen Einsendung eines nicht unbeträchtlichen Vorschusses wurden diese Gesuche exakt der Reihe nach behandelt und dem Patentamt vorgelegt ... Damit war aber auch die Angelegenheit dieser Hunderte von kleinen Erfindern erledigt ... Eine Ausnutzung des Patentes kam natürlich nicht in Frage ...
Bis zum Ruhrabenteuer war Peter deutschnational. Deutschnational bis auf die Knochen. Er glaubte an Deutschland, als an ein auserwähltes Volk, er selbst hatte ja bereits gekämpft und gelitten für Deutschlands Herrlichkeit. Sollen die vier Jahre Krieg für die Katz gewesen sein ... Sollte es wirklich wahr sein, daß ... Daran konnte er nicht glauben. Das hing mit Sinn oder Sinnlosigkeit seiner eigenen Existenz zusammen. Daß Krieg: das Produkt geschäftlicher Konflikte ist, das Kriegsziel nichts weiter als dem Gegner diejenigen wirtschaftlichen Bedingungen aufzuzwingen, die man für sich als notwendig erachtet; daß das Wesentliche dabei, das Herzblut des Krieges sozusagen: der Beutel, die Interessen der Kapitalisten sind; daß in Wirklichkeit aber alles kämpft für die Interessen eines Häufleins von Magnaten des Finanzkapitals, für ein 300-Männerkollegium; und daß auch das Instrument der Schiedsgerichte nur dazu dient, den Ausbruch _ungewollter_ Kriege zu verhindern ... Das alles mochte vielleicht für England, für Amerika, Frankreich stimmen, für unsere Gegner stimmen, aber für Deutschland!? War nicht für Deutschland Krieg: Schicksal, elementar wie eine Naturgewalt, Aufbruch der Jugend, Blutrausch!? ... Gott hat den Krieg gewollt, und ich, Peter, habe ihn geführt ... Als Kriegsfreiwilliger hatte er den Krieg mitgemacht. Als Kriegsfreiwilliger im Regiment „List“, mit „Deutschland, Deutschland über alles“ hatte er gestürmt, dieses Lied auf den Lippen waren bis auf ihn alle seine Kameraden gefallen ... Und das soll nicht das Wunderbarste, das Höchste, das Heldenhafteste in der Welt gewesen sein ...? Die Fahne Schwarzweißrot, die soll nicht die Fahne, die Fahne unseres Blutes, die Fahne der Ehre der gesamten Nation gewesen sein ...? Die Fahne, die damals bei Tannenberg, bei Verdun ... Deutschlands gesamte idealistische Jugend muß sich um sie scharen, damit sie nicht der rote Sturmgeier zerfetzt ...
Bis er eines Tages, selbst Mitglied einer völkischen Sturmabteilung, plötzlich erkannte: es ist ein Unterschied zwischen der Phraseologie einer Sache und dem Inhalt einer Sache. Und daß die nationalen Phraseure sich im Grunde ihres Herzens keinen Deut um die wahren Interessen der Nation scheren, sondern: Profitjäger, Hasardeure, Spekulanten, Großschieber, Hyänen sind, ganz raffinierte, abgefeimte, ausgebrühte Burschen, die das Blut und das Lebensmark des Volkes aussaugen; die nationale Phrase aber als Köder benutzen, blindgläubigen, von dem sozialdemokratischen Regime enttäuschten Kleinbürgern gegenüber; und daß sie, ja, daß sie die eigentlichen Volksverbrecher, Hochverräter, Landesverräter sind und die ... ja, die Kommunisten, die revolutionären Proletarier, die eigentliche Lebens- und Schaffenskraft des deutschen Volkes: keineswegs! keineswegs! –
* * * * *
Seitdem sympathisierte Peter Friedjung mit der proletarischen Bewegung.
* * * * *
Ereignisse an Ereignissen sich überstürzend, eine gewaltige chaotische Lawine, so stieg es empor aus dem Zeitungshaufen. Peters Gehirn wurde mit hineingerissen in einen ungeheuren Weltwirbel.
„Stänkereien und Zänkereien: das war immer mehr der Grundton unserer Zusammenkünfte. Die Enttäuschung über die Bewegung äußerte sich immer mehr in persönlichen Verunglimpfungen, Anschuldigungen, Verleumdungen übelster Art. Nichts und niemand mehr blieb von Witzen und Zotereien verschont: auch Schlageter begann man bereits nach Strich und Faden herunterzureißen, viele wollten wissen, daß ... Ein abstraktes, von patriotischen Phrasen triefendes Gefasel: genüge es, wem es wolle ... Keiner wollte das endgültig besiegelte Debacle wahrhaben. Ein jeder drückte sich mehr oder minder feig um die Tatsache herum, daß von einer Mission der völkischen Bewegung bereits nicht mehr gesprochen werden konnte ... Und blieben gar einmal die Geldunterstützungen aus, deren Quelle immer mystischer verhüllt und ungenannt blieb, dann war es schon gar nicht mehr zum Aushalten. Es war schon so: Abzeichen, Hakenkreuze, Totenkopffahnen, Armbinden, Wickelgamaschen, Windjacken: damit mußte man sich darüber hinweghelfen, daß man eigentlich nichts zu sagen hatte. Ja, gewiß, bei jeder Versammlung, bei jeder Heldengedenkfeier redete man, aber bitte sehr, nur bildlich gesprochen, aus hohlem Bauch ... Ein jeder mißtraute dem andern. Rohheiten, Exzesse jeder Art, Unterschlagungen waren an der Tagesordnung. Da gab es Degenerierte aller Art, Effeminierte, pathologisch Klatschsüchtige, Hochstapler, Abenteurer, Dilletanten, Homosexuelle, Päderasten, Sadisten, Masochisten, kurzum, ein Klub von Deklassierten tat sich in prächtigen Salons auf, die Politik war nur meist für geschäftliche und erotische Beziehungen die Maske, und dieser hochpolitische Klub unterhielt durch seine Kuriere und Mittelsleute eine stete Verbindung mit den übelsten lumpenproletarischen Kloakenbuden und Obdachlosenasylen. Lumpenproletarier waren es, die man zuerst durch Versprechungen auf Unterstützung und Anstellung in die Stahlhelmverbände lockte, dann trieb man die Kleinbürger, heillos borniert wie sie waren, zu Paaren, sie waren es gewohnt zu gehorchen wie dem Hund die Schafherden. Die hatten während der Novembertage geradezu Angst vor ihrer eigenen Freiheit bekommen, waren sie doch dressiert nur auf Kommando zu parieren. Eine geringe Dosis schwarzweißroter Gemütssalbe genügte, feste druff, und schon hatte man sie wieder bei der Stange. Sie waren von den hohen Stellen bestimmt, die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Preußische Disziplin, kerndeutsch, treudeutsch: das waren so die üblichen Zauberworte, um damit jeden, der sich irgendwie mißliebig gemacht hatte, ordentlich unter die Fuchtel zu nehmen, und das besorgten auch ausreichend die jeden Tag sich noch „nationaler“ gebärdenden kleinen Herrschercliquen. Und zwar nach allen Regeln der Kunst. Zeitweilig wurden Speiseküchen eingerichtet, man wollte künstlich die Bewegung ins Proletariat hinein verbreitern, auch gab die Großindustrie in der damaligen Zeit viel Geld: bei all diesen Wohlfahrtseinrichtungen verschlangen aber über 60 Prozent die betreffenden Organisationen. Richtige Parasitennester entstanden, die ungeheuerlichsten und schamlosesten Forderungen wurden für die geringsten Dienstleistungen gestellt. Die Inflation warf auch noch jeden Tag neue Postenanwärter in die völkischen Reihen ... Dann gab es eine Periode: jeder war sein eigener Ludendorff. Man sprach überhaupt nur noch in Zitaten ... Dann kam _eine_ Zeit, da tauchten Gestalten auf, die nicht nur für eine Seite spitzelten, sondern mit wahren und falschen Nachrichten fünf bis sechs Stellen zugleich bedienten ... Mit den widerlichsten Krankheiten behaftete Kretins taten sich dazwischen breit, zeterten „Heil“ und schrieen Mordio und Feurio, kolportierten bis zum Brechreiz die beinahe nur noch pathologisch zu bewertende Phrase vom rassenreinen Menschentum, vom Sonnen-Arier, trieben Wotankult und verzückten sich augenverdrehend an einem paradiesischen Traum-Walhall, indessen fütterten sie sich beträchtlich und rafften mit gierigen Händen, alles was ihnen unter die Finger kam, zusammen. Dann kam eine Zeit, Flaute nannte man sie, keiner wurde eigentlich mehr recht froh seiner begangenen Spitzbübereien und vollbrachten Morde, die eisenkreuzgeschmückten Bramarbasse wurden bedeutend ruhiger, und man begeisterte sich plötzlich wieder für eine vernünftige deutschnationale Realpolitik ... Nur konfessionelle Gegensätze trieb man noch ab und zu auf die Spitze ... Auch in der Angelegenheit des Erbfeindes kriselte es schon bedenklich. Der Revancheangriff, großmäulig vorbereitet und umso schlechter organisiert, wurde plötzlich über Nacht abgeblasen ... Das wäre also in Umrissen die Geschichte einer politischen Bewegung, vom Finanzkapital ausgehalten, und von ihm in einem gewissen Zeitabschnitt als politisches Druckmittel gehandhabt, als ein Instrument der Erpressung, in einem Zeitabschnitt, da man noch nicht an die Möglichkeit einer legalen Restauration glaubte. Als Ideologen figurierten durchwegs Lumpenbourgeois, internationale Desperados, abgetakelte Offiziere; die Träger der Bewegung, die Masse waren: Studenten, Angestellte, Gymnasiasten, kleine Beamte, Lumpenproletarier, Kleinbürger. Mag sein, daß sich auch mancher persönlich lautere Charakter und idealistisch Gesinnte dorthin verirrt hatte. Diese aber haben sich bald voll Ekel abgewandt ... Ueberhaupt, es dauerte nicht mehr lange: die ganze Bewegung erstickte vollends im Schlamm der Korruption, verschmorte in ihrem eigenen Fett. Nur hie und da ein Nebbich-Sektenbildner rumorte noch wo herum als Diskussionsredner in einer Versammlung. In hellen Scharen war man zu den Deutschnationalen übergelaufen, andere zogen sich schmollend aus dem politischen Leben zurück ... Drei Monate in solch einer Bewegung verbracht: da heißt es gründlich mit sich abrechnen, das Fazit ziehen und dann: für die Zukunft daraus lernen. Nur Narren und Phantasten binden sich weiter die Scheuklappe um, erhitzen sich selbst künstlich bis auf 40 Grad Fieber und sind eben unempfindlich gegen jede Art von kalter Dusche. Daß Deutschlands Aufstieg allerdings gleichbedeutend ist mit der restlosen Ausrottung dieser Banditen und ihrer Geldgeber, daß die Niederkämpfung dieser Bewegung vielmehr die Grundvoraussetzung der wirklichen Gesundung Deutschlands ist: das wurde mir im Verlauf jener drei Monate, die ich in dieser Gesellschaft verlebt hatte, eindringlich klar. Die Antisemiten pumpten wacker beim Juden und ein Jude wiederum schrieb zum Dank dafür für die Völkischen das antisemitische Exerzierreglement!“
VI
Weiter jagten sich Peters Gedanken.
„Da gleiten hin die Industriemagnaten durch die Stadt auf ihren schnittigen Luxuskraftwagen. Weit außerhalb der Stadt, den schmutzig gelben Strom entlang, ragen die Fabrikschlote. Fronten von Mietskasernen, scharf ausgerichtet, starren leblos, unbewegt. Fünfzig Stock hoch türmen sich in den Stadtzentren die Bankhäuser ...
„Ein Boxkampf findet statt: als der Sieger abtritt, rasen 50000 Menschen vor Begeisterung. Der Riesenraum der Arena ist ein vieltausendfaseriges zuckendes Nervenbündel.
„Es hält in Moskau der rote Kriegsrat eine Sitzung ab. Der rote Reitergeneral Budjonny spricht. Seine Worte sind Trompetensignale, sind Hammerschläge ...
„Und die Straßen Jokohamas sind voll von demonstrierenden Menschenmassen. Japan, ganz Japan läuft Sturm gegen das amerikanische Einwanderungsgesetz. Im Staate Ohio aber wird indeß ein Neger gelyncht: ein Scheiterhaufen ist errichtet und man verkauft an die vornehmen Amerikanerinnen, 5 Dollar pro Stück, Fleischfetzen, Knochenteile von dem verkohlten Gerippe ... Sie sollen wohl Gesundheit und Glück bringen ...
„Während in Stuttgart ein berühmter deutscher Soziologe seinen Vortrag über nationalökonomische Probleme mit den Worten beschließt: „Zurück zu Gott!“
„O, da ist ja auch die ganze Scharfrichterfamilie versammelt, Herr Gröpler: so heißt er, der der ordnungsgemäßen Handhabung des Richtbeils nur Allzukundige, im Nebenberuf Inhaber einer gutgehenden Dampfwäscherei; da feiert er auch schon im Kreis seiner Lieben das Jubiläum seiner fünfzigsten Hinrichtung. Und die Wände seines trauten Heims sind mit Sprüchen aus der Bibel (Korinther) und mit Kaiserbildnissen geschmückt. Den fünf zum Tode Verurteilten aber hat man über Weihnachten drei Tage Aufschub gewährt, damit der Sängerchor der Strafvollziehungsanstalt, dessen eifrige Mitglieder die fünf Armensünder bis dato noch sind, an den hohen Festtagen wenigstens intakt bleibt.
„Halleluja!
„Und wieder wird ein Betrieb stillgelegt. Tausende trollen wieder arbeitslos herum auf der Straße, schwarz, hungernd, knieschlotternd, frierend: so staut es sich vor dem Arbeitsnachweis ...
„Und in den chemischen Laboratorien experimentiert man inzwischen herum an einem neuen Giftgas. In den illustrierten Zeitschriften findet man, neckisch von Blümchengirlanden umrahmt, die Photographie des genialen Konstrukteurs der neuesten Flugzeugbombe.