(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg

Part 5

Chapter 53,145 wordsPublic domain

Aber auch eine Katastrophe, und ginge die Hälfte des Volkes dabei zugrunde, muß leicht verdaulich und schmackhaft zubereitet werden. Flink wirbelten herum in den Redaktionsküchen die Presseköche. Die an das Papiergift ziemlich gewöhnten Gehirne der Zeitungsleser vibrierten wieder mal heftig unter dem Nervengewitter dieser schaurigen Sensation. „Erinnert das nicht an Zolas „Germinal“?“ „Gewiß, Schatz, auch in der Literatur ist solch ein Stoff schon des öfteren und man kann sagen ziemlich erfolgreich behandelt worden. Ein lohnender Vorwurf, in der Tat. Auch Sinclairs „König Kohle“, lies mal nach, auch nicht übel ...“ Und die bis zur Unerträglichkeit gesteigerte Spannung entlud sich. Die Journalisten schoben Artikel um Artikel. Sentimentale und schmalzige Nachrufe waren sofort lieferbar in Hülle und Fülle. Theoretische gelehrte Abhandlungen über das „Wesen von Grubenexplosionen“ standen in Menge zur Verfügung. „Grubenexplosionen in alter und neuer Zeit“ mit Bildermaterial reichlich versehen oder „Der Kampf des Menschen mit der Natur“ oder „Die Rache der Elemente“. „Katastrophe im unterirdischen Reich der aufgespeicherten Sonnenenergien.“ Der Apparat funktionierte wieder mal ausgezeichnet; alles lief wie am Schnürchen. So oder so: Professoren, Historiker, technische Sachverständige, Dichter: sie alle waren eifrig dabei, unermüdlich tätig waren sie, um das von den allein schuldigen Industriemagnaten groß angelegte Ablenkungsmanöver ideologisch zu stützen. Wobei es sich erübrigt zu bemerken, daß die professionellen Arbeiterverräter auch in diesem Fall getreulich ihre Pflicht taten. Und man blieb, was in einem gewissen Moment doch recht zweifelhaft schien, Herr der Situation. Auch dieser Situation.

Eine Wohltätigkeitsaktion wurde eingeleitet.

Berühmteste Namen, Größen der Nation, stellten sich uneigennützig an die Spitze. –

* * * * *

Der Reichstag trat zusammen.

Die Abgeordneten erhoben sich zum Zeichen der Trauer von ihren Plätzen.

Als die Kommunisten den Antrag stellten, aus den von diesem Unglücksfall betroffenen Betrieben heraus sofort eine Untersuchungskommission wählen zu lassen, um gründlich und wirklich wahrheitsgemäß die ganze Sachlage nachprüfen zu lassen, da erhob sich der Präsident.

Die Regierungsvertreter tuschelten miteinander.

Der Präsident rückte sich die Krawatte zurecht. Pathetisch schlüpften ihm die Hände bei seiner Rede aus den Rockärmeln.

„Vor der Majestät des Todes mögen für heute alle Parteistreitigkeiten schweigen ... Burgfrieden ...!“

Gegen die Stimmen der Kommunisten wurde der Antrag abgelehnt. Als agitatorische Nutznießer dieser Katastrophe wurden die Kommunisten außerdem noch gebührend gebrandmarkt.

In einem schwarzen Gehrock wandelt die „Majestät des Todes“ geschäftig hin und her zwischen den Bankreihen der Herren Abgeordneten hindurch: man kondolierte, man beglückwünschte sich aber auch, bei dem gerüttelten Maß von Schuld, das ein jeder der hier Anwesenden für sich buchen konnte, so unerwarteterweise glimpflich dabei weggekommen zu sein.

„Gerne geschehen ... Bitte sehr ... Meinen allerverbindlichsten Dank ... Und die allerbesten Empfehlungen, wenn ich bitten darf, an Ihre Frau Gemahlin ...“

„Nichts für ungut ... Sie wissen schon, wir nehmen nichts so leicht krumm ... Ganz gut so, ein bißchen hie und da Opposition mimen, Herr Levi ... Nur im entscheidenden Augenblick zur Stange halten ... Darauf kommt’s an ... Und darauf, na darauf können wir uns ja wohl verlassen ...“

Und die „Majestät des Todes“ betonte nochmals nachdrücklich den Herren Abgeordneten gegenüber ihre stete Bereitwilligkeit zu jeder Art von Gegendienstleistung ... „Wir lassen Sie nicht im Stich ... Verlassen Sie sich darauf ...“ Die „Majestät des Todes“ versprach es außerdem noch jedem Einzelnen in die Hand hinein. „Ueber die Frage der Unkosten, die Sie eventuell dabei haben sollten, verständigen wir uns schon. Aktien oder direkt. Daß dabei was ganz Hübsches herausspringt, das ist ja ganz selbstverständlich.“

Man schmunzelte schon wieder. Zwinkerte verteufelt-listig mit den Blau-Aeuglein nach allen Seiten, blinzelte ein Dankstoßgebet zum Himmel hinauf, und die „Majestät des Todes“ entfernte sich, eine dick gestopfte Aktentasche unter dem Arm, um bei den Gewerkschaften und anderen Organisationen noch rasch Almosen und Liebesgaben, nach bewährtem Muster von 1914 bis 1918 Anno dazumal, für die Opfer der Hinterbliebenen zusammenzubetteln. Die „Majestät des Todes“ ging dabei recht geschäftstüchtig vor, auch nahm sie es dabei nicht allzugenau. –

* * * * *

An den Bahren der Ermordeten aber standen sie mit entblößten Häuptern; der Reichskanzler und die Abordnungen der Behörden, die Herren der Industrie, die Abgesandten der Großbanken. Auch die Herren Sozialisten standen wie immer mit ihnen. Wohlangesehene Bürger. Ein Bürgermeister. Noch einer. Und ein Oberbürgermeister.

„Leichenschändung. Nichts weiter als Leichenschändung treiben diese da, wenn sie so herumstehen ... Jeder ehrliche Prolet muß das so empfinden ...“

Sonderzüge in das vom Unglück betroffene Gebiet waren auch sofort von der Eisenbahnverwaltung in bereitwilligster und anerkennendster Weise für die Herren der Regierung usw. eingelegt worden. –

„Gut so, aber dachte auch mancher der Angehörigen der tödlich Verunglückten, gut, daß er wenigstens noch bei einem Massenunglück umgekommen ist ... Kommt einer als Einzelner um, so kümmert man sich um uns schon überhaupt nicht ... Da muß man sich eben hübsch brav mit der Bettelrente, die die Unfallversicherung einem gewährt, abfinden ... In einem Jahr sind es über 6000 solcher Unfälle, mindestens 600 davon tödlich ...“

VII

Die Tränen der Hinterbliebenen versiegten allmählich.

Man ging zwar noch unter der unheimlichen Last gebeugt, aber auch schon beobachtend und lauernd. Und schon einen Tag vor dem gemeinsamen Begräbnis der Opfer hatten sie sich wieder gefaßt, um einige Grade härter und kampfentschlossener waren die meisten unter ihnen geworden, und mit roten Fahnen an der Spitze durchzogen schon früh am Morgen des Begräbnistages Gruppen von Kumpels, Witwen und Waisen die rußverschlammten Straßen der Bergarbeiterstadt, und sangen die „Internationale“.

Oh, erinnerte sich da mancher, das war schon einmal so.

Drei, vier Jahre zurück vielleicht. Aber ein jeder denkt noch voll Stolz daran. Schade nur, daß nicht ... Aber aus unseren Fehlern muß gelernt werden ... Es geht eben mal schwer vorwärts, und nichts wird einem geschenkt, das ist nun einmal so ...

* * * * *

Die Rote Armee zog damals von Stadt zu Stadt.

Hals über Kopf rückte die Reichswehr ab.

Das Rote Banner flog –

Höhen und Täler leuchteten ...

Wir marschierten durch Wälder, setzten uns auf eroberten Pontons über die Flüsse, Tag und Nacht, unermüdlich immer hinter dem weißen Feind her ...

Rote Soldaten stiegen aus den Gruben, warfen sich, wo noch eine Lücke war, in die Rote Front ...

Das ganze Bergwerksrevier marschiert.

Das ganze Bergwerksrevier kämpfte seinen bewaffneten Aufstand.

So war es.

So wird es wieder sein ...

Grab an Grab, Schächte, in denen Tausende verschüttet, erstickt, zermalmt worden sind, Schlachtäcker des Bürgerkriegs, gedüngt mit proletarischem Heldenblut: das ist westfälischer Boden.

Das Land ist hier wie erdiges Geschwür.

Trüb schwelt heute die Flamme der Revolution.

Die Bergwerke wie erloschene Krater ...

Menschenfleisch, Arbeiterfleisch verfault bei lebendigem Leib in den Ruinen dieser modernen Katakomben.

Rußt ein. Und der Menschenkadaver heizt sich zur Not noch an in den Schnapsschenken mit giftigem Fusel ...

Aber täuscht euch nicht!

Morgen, übermorgen brechen sie wieder auf: Narben, Wunden, Schmerzen brechen wieder auf, und Millionen Kumpels stürzen sich wieder herauf aus der Erdtiefe, wie lebendige Lavamassen.

Die Erde platzt!

Der Erdbauch platzt: und herauf aus den mit lebendigen Menschenleichen angefüllten Erddärmen fördert es Haufen an Haufen, wandelnde, leibhaft gewordene Kohlenstrunke ... Wehe: die Kohle kommt! Wehe, wenn die Menschenkohle über euch kommt, wenn die aus Bitternis über jahrhundertelang geduldig ertragenes Leid glühend gewordene Menschenkohle über euch kommt! ...

Das wird der Auferstehungstag, der Tag der Befreiung sein ganzer Geschlechter lebendig Begrabener ...

Glück auf! –

VIII

Nur die Leiche des alten Bergarbeiters Hempel konnte noch nicht geborgen werden.

Soviel wußte man: er saß halb aufrecht, wohl ein wenig in sich zusammengekauert, durch riesige Felstrümmer abgeriegelt, in einem vergasten Schachtloch. Man konnte aber nicht herankommen, so, aber auch so nicht, bei jedem Aufräumungsversuch lösten sich immer wieder von oben neue Gesteinsmassen ab. Auch stieß man in dieser Gegend immer wieder von neuem auf plötzlich hervorbrechende Gasquellen.

So mußte man den guten Vater Hempel eben bis auf weiteres in seinem stillen Kämmerlein sitzen lassen.

Vergebens warteten zwar oben schon seit zwei Tagen und Nächten die Seinen auf ihn.

Warteten händeringend auf ihn bei jedem Zug aus der Tiefe. Sahen sich die Augen aus –

Nein, der Alte kam nicht.

Nicht einmal, daß er heut bei dem großen Begräbnis mit dabei war ...

* * * * *

Halb aufrecht saß er da, wohl ein wenig in sich zusammengekauert, der Kopf tief auf die Brust heruntergeklappt, der Oberkörper war entblößt, schwarz bestrichen: so dick war er mit Kohlenstaub bedeckt. Das Fleisch schwammig, vom Gas aufgebläht. Nur wenig sah man vom Mund: die Lippen waren fest aufeinandergepreßt, schief, auf der einen Seite beinahe in einem rechten Winkel nach oben verzogen. Von leicht gekräuseltem Schaum überkrustet. Die Augäpfel vorgetrieben, feucht und glanzweiß. Um die Backenknochen herum dicke, kurze weißliche Bartstoppeln.

Neben ihm Jacke, Sicherheitslampe, irgend ein Werkzeug. Ueber fünfunddreißig Jahre Arbeit in der Grube saßen da, Vater dreier Söhne: einen davon an den Krieg drangegeben, einen als „Hundejungen“ vor zwei Jahren im Schacht verloren, einer noch überlebend ... Da half nichts, da mußte auch die Mutter noch in der Fabrik an der Brikettmaschine mitverdienen.

Nun, der Alte war schon immer ein wenig absonderlich.

„Ach, tappen wir Menschen nicht eigentlich alle im Dunkeln. Ist gar nicht so schlimm. Hände gefaltet. Augen zu. Welt, schwarzer Traum, ade! ...“

* * * * *

Hundertundfünfzig Särge zugleich, einhundertundfünfzig Leichen von Bergarbeitern, in billige, roh zurechtgezimmerte Holzsärge gepackt, schwankten jetzt oben dahin unter den blechernen Klängen eines Trauermarsches durch die Frühlingsluft.

Ein ungeheurer Menschenzug stampfte dahinter her.

Abordnungen aller Bergarbeiter der Welt waren erschienen.

Schwarze Fahnen. Rote Fahnen.

... Kohle und Blut ...

* * * * *

Unten in der Tiefe löste sich wieder ein Felsblock.

Der Alte fiel weit hintenüber.

Nun lag er ausgestreckt.

Oben meinte die Mutter:

„Ja, ja, ich habs gleich gesagt: diesmal macht der Vater Feiertag ...“

Der Mund war ihm aufgeschlagen. Die Zunge stieg zurück bis in den Gaumen geklemmt. Um den Lippenrand herum, wie ein eingelegter Kranz, bräunliche Zahnstummeln.

Der Begräbniszug war wie fernes Wasserrauschen.

Und immer noch hing die unsichtbare Gaswolke fest in dem unterirdischen System: Korridore, Labyrinthe, Windungen: es sickerte darin, die Wände flüsterten, eine Quelle schlüpfte vorüber, es krachte und knarrte in dem Gebälk, ein Winddruck fauchte hindurch, in einem Kohlentümpel gluckste es ... und schwarz war es, so schwarz, als müßte man, um diese Finsternis zu durchdringen, Bohrmaschinen gegen sie auffahren. Undurchdringlich schwarz.

Das war endlich Ruhe. Die Große Ruhe. –

IX

Die Einen nahmen an diesem Begräbnistag Paradeaufstellung.

Sie rüsteten sich zu einer Toten-Parade.

Patriotische Ansprachen, Trauerreden wurden gehalten.

Ein Filmoperateur kurbelte.

Dutzendweis Leichen ließen sie an sich vorüberdefilieren. Viel Tröstungen und Weihrauch und Versprechungen taten not. Viel künstliche Tränen mußten vertropft werden. Denn das Ganze schmeckte wieder mal bedenklich nach Massenmord ... Mit einem breiten Trauerflor waren die Zylinder umflochten ...

Die Regie klappte.

* * * * *

Die Anderen aber nahmen Kampfaufstellung.

Sie standen da, gerüstet zu einem neuen Kampf.

Wie: Gewehr bei Fuß.

Blutrote Wimpel. Blutrote Banner.

Es war ein blutrotes Meeting.

Flammende Kampfaufrufe schossen empor.

Und stießen sich frei in dem Schwur:

„Lieber im Feuer der Revolution verbrennen, als elend verrecken auf dem Misthaufen dieser Republik ...“

* * * * *

Und die Sonne schwang flimmernd über sie hin, den ganzen Raum erfüllend, ein gespenstischer Lichtkreisel. –

3. Kapitel.

„Friede auf Erden“ –

Max Herse, ein junger Arbeiter, besucht eine sozialdemokratische Wahlversammlung. – Die Befriedung der Welt ist da. Der Weltfrieden scheint gesichert. Deutschland: die Industriewerkstatt der Welt! – Zeitungsleser im Café. Unheimliche Nachrichten. – Einiges vom Studenten Peter Friedjung. Max Herse und seine Kollegen auf dem Heimweg. – Klebekolonnen bei der Arbeit. – Schlafende Menschen. – „Friede auf Erden.“

I

Der Nebelrauch stand unbewegt in den Straßen. Tausende Lichtpunkte flimmerten. Die Verkehrstürme blinkten grün, weiß, rot. Die Menschen gingen sehr schnell. In Trupps schoben sie sich über die Plätze ...

Ein Lichtband fließt oben vorüber ...

Max drückte sich aus dem Menschengewühl heraus auf die hintere Plattform einer Elektrischen.

Er studierte noch immer den Aufruf der Gewerkschaften.

Der lautete:

„Wo soll die Frage entschieden werden, ob wir den gesetzlichen Achtstundentag wiederbekommen sollen?! Im Reichstag. Wo wird das Arbeitsgerichtsgesetz, das Arbeitsvertragsgesetz, die Schlichtungsordnung, das Tarifgesetz gestaltet? Im Reichstag. Wo wird die Verteilung der Lasten gesetzlich geregelt, die der Dawesplan uns gebracht hat!? Im Reichstag ...“

„Also doch!“ dachte Max.

„Wenn nur die Mark stabil bleibt! Dann kann man wenigstens wieder rechnen ... Man braucht ja heutzutage, mehr denn je, schon wirklich gewaltig viel Geld ... Sich zu Tode schuften. Aber das Resultat ist dann wenigstens doch ein stabiler Hundelohn ...“

Eine Theatergesellschaft scherzte im Wageninnern.

„Die schwimmen hübsch obenauf, wie auf der Suppe die Fettaugen ...“

Reichswehrsoldaten, den Tornister aufgepackt, darüber den Stahlhelm. Sie kamen von einem Truppenübungsplatz.

Ein Unteroffizier erläuterte das neue Visier:

„50000 Gewehre sind bis jetzt schon darauf eingeschossen. Tadellos. Ein jeder Schuß aber muß bei uns auch sitzen.“

Gesprächsfetzen schwirrten:

„Na, also doch, daß wir wieder geordnete Zustände bekommen haben! ... Ja, wissen Sie, die Inflationszeit. Die steckt mir immer noch wie die Grippe in den Gliedern.“

„Ich, Herr Kulicke, hab’ es immer schon gesagt – und was die vielen Parteien anbetrifft – eine Linke, eine Rechte, eine Mitte: das genügt vollauf, dann hat jeder was ...“

„Lassen Sie mich nur aus damit, Herr Rechnungsrat, sage ich Ihnen, mit den Regierungen! Lassen Sie die neue ein wenig liegen und schon wieder wird sie abgeholt ... Sie werden sehen, der starke Mann ist’s, der uns fehlt ... So ein Bismarck ...“

„Also wird’s doch Wahrheit, daß Amerika uns unter die Arme greift ...“

Auch mit dem Straßenbahnschaffner sprach natürlich jemand, der eine duftige Zigarre rauchte:

„Na, was macht’s ... Viele Unfälle, was ... Ja, das deutsche Volk muß eben erst wieder arbeiten lernen! ...“

„Wenn man oft über 12 Stunden Dienst hat, Herr, dazu nicht genug, um einmal in der Woche sich ordentlich satt zu essen ... außerdem vier Jahre schließlich im Krieg gewesen ist, ein paarmal verwundet ist, wie unsereins ... Das stellen Sie sich schon einfacher vor, wie es ist ... Stellen Sie sich mal vorn an den Kurbelkasten ... Und wie das alles heruntergekommen ist ... Die Bremsen, die Sicherungsanlagen ... aber dazu ist ja eben kein Geld nicht da ...“

* * * * *

Millionen Räder drehten sich, um die Menschenmassen an die Arbeitsstätten zu befördern. Hin und zurück. Es war ein gewaltiger Kreislauf, ein schwingender Wirbel. Unter der Erde, auf der Erde, hoch in der Luft. Eingepfercht in die eisernen Kasten der Untergrundbahnen schossen Menschenhaufen durch zementgemauerte unterirdische Röhren, stießen auf Treppen hoch, rannten kreuz und quer ... Rufe splitterten, Signale pfiffen, schief gestellt schmissen sich die Autobusse um die Kurven ... Jeder wehrte sich gegen den andern ... Wie das Meer kennt auch die Großstadt Flut und Ebbe. Brandung und Springflut ... Erst tief in der Nacht ziehen stillere weite Kreise die beruhigten Menschenwellen ...

* * * * *

Max war mit dem Gewerkschaftsaufruf fertig.

„Gott der Allmächtige!“ stöhnt in sich hinein ein Kriegskrüppel. Er trug die Soldatenmütze mit schwarzweißroter und schwarzweißer Kokarde, das Eiserne Kreuz, eine Hakenkreuznadel, einen Totenkopf, und handelte mit patriotischen Ansichtspostkarten.

Er stolperte mit einem Prothesenbein.

Vor jedem Bessergekleideten salutierte er, stand stramm.

„Rheinische Mädchen bei rheinischem Wein“ orgelte ein Leierkasten.

Schupo patroullierte vorüber, prüfte den Ausweis eines Straßenhändlers.

Schon zwitscherte es aus den Anlagen. –

II

Arbeiterviertel:

Uebermenschengroße Stücke von Verputz waren von den Häuserfronten heruntergebrochen. Das ganze Viertel hatte seinen besonderen Geruch. Das Nebeldickicht schlug sich durch Mauerritzen in das Innere der Häuser hinein. Winkelig und unaufwaschbar vor lauter Gerümpel war es in den Geschäften. Ueberall rochen die feuchten Keller herauf. Ueberall troff es. In einem steilen Zickzack kletterten knarrend die Treppen empor. Gaslicht gespensterte.

Ein Greis schleppte sich mit einem Bündel Holz quer über die Straße. Frauen standen, aus zahnlosen Mündern wispernd, in Gruppen herum. Festen Schritts kamen einige Burschen vorüber, Mützen auf, die Fäuste tief in den Hosentaschen. Kinder jagten sich, Droschkengäule hatten den Futtersack vor.

Das Herz-Innere der Häuser bestand, durch längst schlissig gewordene Gardinen sichtbar, aus Küche, Kammer, Stube. Mit spärlichen Möbelresten waren sie dürftig ausgeflickt.

Menschenwerk sind diese Häuser.

Doch in diesen Häusern formen sich unmerklich auch wieder die Menschen um.

Eine kalkige Kruste sind diese Häuser, über einen lebendigen Leidenskern gestülpt.

Wo sind die Gefangenenaufseher, fragt man. Es sind freiwillig Gefangene, bekommt man zur Antwort. Sie beaufsichtigen sich selbst. Sie haben sich ihrem Schicksal ergeben. Lieben sie wirklich ihre Verdammnis ...?

Menschen und Häuser dieser Gegenden: lebensverbunden!

Sie schlagen den gleichen Herztakt. Mit Leidenszeichen sind sie überreichlich besät und mit Todesrunen. Viele Morde, Verzweiflungsmorde sind schon in ihren Gängen geschehen. Sie bergen in sich ein Maß von Not, das übermenschlich ist. Seht diese Häuser an! Kaum daß sie sich noch auf ihren Füßen halten können! Die Fundamente sind längst unterwühlt. Erdschlamm dringt vor. Alles steht hier auf Abbruch. Sie sind wirklich schlecht genährt. Gemüsereste, Kartoffeln, Brennsuppen, Heringe. Immer ist es derselbe Trott. Wer die Augen noch im Kopf hat, um zu sehen, der sieht: das sind Kerker, Leichenkasernen, Grabhäuser, und die Fetzen der Fassaden schlottern an ihnen herunter wie Lumpen an einem Skelett ...

Nenn mir den glücklichen Besitzer, und du erfährst: er heißt vielleicht heute noch Krätzig und wohnt im Ostseevillenörtchen Heringsdorf. Aber die Häuser, zweihundert Stück gleich auf einmal, sie wandern; sie wandern herum zwischen Tschechoslowakei und Amerika: nur die Verwalter bleiben, treiben die Mieten ein, besorgen redlich und treu Kündigungen und Hinausschmisse ... Denn auch das todwunde Häuserrevier ist immer noch ein lohnendes Spekulationsobjekt. –

Hier führen die Menschen tagaus tagein einen heroischen Kampf um die Wohnung. Hier ist ein rumpfgroßes Loch in der Wand. Es müßte vermörtelt werden. Man muß die Bettstellen rücken, einmal hierhin, einmal dorthin: denn die Decke tropft. Es müßte geteert werden. Hier sind ganze Barrikadensysteme gegen Ratten errichtet. Dort unternimmt man vergebens Feldzug um Feldzug gegen das Ungeziefer. Hier wächst der Schmutz von selbst. Mit zusammengebissenen Zähnen versucht man zu retten, was noch zu retten ist. Aber der Schimmel marschiert, er erobert mühelos das Innere der Schränke. Die Tuberkulose bricht ein, die Geschlechtskrankheiten pflanzen zynisch triumphierend ihr Banner auf ... Und schon ist wie immer Arbeitslosigkeit, Hunger, Skrophulose da ... Eine höllische Armee, zusammengesetzt aus allen Kadres der menschlichen Notdurft und Hilflosigkeit, ist vollzählig zur Stelle ... Der Generalangriff beginnt. Aus Schlitzen, Ritzen, Poren, Verschalungen, Mauern hindurch, millionenmäulig, speit es Verderben. Da gibts keinen Widerstand. Jede Abwehr ist nutzlos ...

Und in den Höfen waten die Kinder, wenn sie spielen wollen, bis zu den Knöcheln in einem fauligen Tümpel ...

Erbarmungslos vollzieht sich hier unter den Augen des Gesetzes, infolge Gesetzeskraft und laut Paragraph so und soviel – erbarmungslos vollzieht sich hier eine ganz viehische, ganz trockene Blut-Kleinarbeit ...

Glanzblau glaste der Himmel darüber, wunderbar grenzenlos über dieses Massenelend gespannt. –

III

Ein Kino vorn:

Mit einem Plakat: ein Schiff, das im Eismeer versinkt, ein Auto, das vollbesetzt auf einer mexikanischen Alpenstraße in den Abgrund saust, eine Großaufnahme von einem blonden Mädchenkopf, „Lia Mara“ oder die „Gefesselte Schönheit“ genannt, bengalisch überstrahlt von himbeerroten Lichtern –

Und hinten über zwei Höfe hinweg war das Versammlungslokal.

„Neue Frankfurter Festsäle“ nannte es sich.

Es mochten gegen zweitausend Menschen anwesend sein.

Der Bühnenhintergrund war sichtbar, gemalte Kulissen, eine Seelandschaft, dahinter im Sonnenuntergang leuchtende Bergspitzen, ziegelrot. Auf knallgrüner Leinwandalm weideten braunlackierte Kühe, auch die schöne Sennerin fehlte nicht, in samtschwarz gestrichenem Mieder, die Lippen wie ein Kügelchen so rund.

Blauweiße Fahnengirlanden waren kreuz und quer gespannt.

* * * * *

Als Max eintrat, sprach der Redner schon.

Es hatte auch schon einige Zwischenrufe gesetzt, Kollegen informierten Max gleich darüber, aber der Saalschutz funktionierte diesmal gut, und man hatte die Störenfriede gleich in vereinfachtem Verfahren an die Luft befördert.

Auch Max nickte mit dem Kopf:

„Eine bodenlose Frechheit, unsere Versammlungen zu stören ... Radaubrüder ...“

Und er war stolz auf seinen Saalschutz.

„Es ist gut so ... Mögen die sich wo anders austoben ...“

Und auch aus ordentlich gekleideten Kerls bestand der Saalschutz. Gut ausgerüstet: blaue Mütze, Wickelgamaschen, Windjacke. Bewaffnet mit stählernen federnden Totschlägern und Gummiknüppeln. –

* * * * *

Man mußte also über die bevorstehenden Reichstagswahlen mit sich ins Klare kommen.