(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg
Part 4
„Ja, wißt ihr was,“ kreischte Feck, „Agenten müßte man denen auf den Hals schicken, Aufstände inszenieren lassen, die Massen, wenn sie hungern, zu Plünderungen provozieren, Bomben und Waffen in Versammlungslokale einschmuggeln, einen Führer, wenn er sich allzu aufsässig erweist, unauffällig um die Ecke bringen ... kurzum die Leute aus ihrer Passivität heraus vor die Gewehre locken ... Viele von uns haben jetzt solche Stellungen. Das ist auch eine Wissenschaft, eine Kunst, das will gelernt sein. Das erfordert täglich Uebung, Geistesgegenwart, einen ganzen Mann, so jemand darf keine Gefahr kennen. So einer bekommt bestimmte Aufträge. Führt sie aus. Steht selbst unter Kontrolle ... Spitzel, auf Horchposten Tag und Nacht, Gift einspritzen und immer wieder Gift einspritzen, das macht sich bezahlt. Seine Wohnung hat man, sein Essen hat man, auch Weiber in Hülle und Fülle: und da fällt auch hie und da so was wie ein Anzug ab, Kopfprämien, Extraprovisionen in erregteren Zeiten, und daß die nie ausgehen, dafür sorgt man schon: damit läßt sich also schon trefflich auskommen ... Was meint ihr zu meinem Vorschlag! Wollen wir nicht gescheiter statt irgendein windiges Kolleg dieses Fach belegen!?“
„Selbstverständlich“, meinte Kunz, „eine ehrliche Kugel ist für dieses Gesindel zu gut ... Ja, einem solchen Kanaillenpack gegenüber kann man schon frei seine bestialischen Instinkte schießen lassen. Der Zweck heiligt die Mittel.“
„Na, Peter!?“
„Ihr entschuldigt schon, aber ich versteh’ Euch einfach nicht mehr. Ich kenn diese Sprache nicht ...“
Alle lachten.
„Lange Leitung ... oder ein wenig plemplem im Felde geworden, nanu, Du Affenschwanz! Hämorrhoiden im Hirn?! ...“
Man brach auf.
„Und jetzt feste druff! Jetzt gehen wir noch ins Puff ... Müssen doch Peters Wiederkehr feiern ...!?“
An einer Straßenecke drückte sich Peter wortlos davon ...
„Fotzendreck und Hurenschleim!“ johlte ihm Feck nach. –
* * * * *
Und Peters Gott zertrümmerte.
Wie ein tausendjähriger Eichstamm, von der Axt der Holzknechte gefällt, im Waldgrund niederrauscht, so lag, durch Ereignisse und Erlebnisse zerspalten, eines Tages im Zeitabgrund „Stamm“ und „Wipfel“ Gott da, der Wipfel, der hoch im Aether wie ein Baldachin die Erde überschattete, der Stamm, der in der Sehnsucht des Menschenherzens Wurzel schlug und erschütternd inbrünstige Gebete wie Säfte aufwärtsleitete ... Welk waren die goldenen Blätter geworden, ein Geruch von Morast und Fäulnis schlug Peter aus dem gefallenen Wipfelwerk entgegen, er staunte noch und wunderte sich: „das war doch Gott ...“ Und zu gleicher Zeit drang, von einem Haufen wesenloser Schemen gesungen, das Lied „Deutschland über alles“ zu ihm, die Gesichter der Singenden verzerrten sich zu blutrünstigen Grimassen, es war wie ein feister laut gröhlender Grabgesang, vollkommen gedankenlos von denen, die ihn sangen, hergeleiert, und immer kräftiger dagegen tönte aus den Schluchten und Dickicht-Labyrinthen einer kommenden Zeit herauf, begleitet von dem sausenden Takt der Maschinenhämmer und der mit elektrischen Motoren und Turbinen betriebenen flitzenden Treibriemen:
„Wacht auf ...“
Peter erinnerte sich des Rückmarsches, des Rheinübergangs, des „Deutschlandliedes“, als die Sonne voll durch die Nebelpest durchbrach ...
„Deutschland über alles ...“
„Das Deutschland, das Ihr meint, das ist das meine nicht ...“
* * * * *
Zwei Männer in Arbeiterkleidung standen da unter einer Toreinfahrt und Peter hörte gerade noch:
„Jedes deutsche Arbeiterherz wird unter der Wucht solcher Ereignisse zur Zündmasse ... Großes geht in der Welt vor ... Blick nur nach dem Osten ... Revolutionsjahrzehnte ... Bis alles Alte und Faule und Morsche gestürzt ist ...!“
* * * * *
Als Peter am andern Morgen in die weite Welt fuhr, sagte ihm der Vater zum Abschied:
„Und nun, Peter, werde der, der du bist! Halte dich weiter rein! Nichts ist von Blutschande oder Rassenunreinheit an dir. Werde ein kerndeutscher Männercharakter! Gedenke, daß du ein Deutscher bist ...“
Auf dem Nachhauseweg herrschte der Vater die Mutter an:
„Aber das eine bitte ich mir aus, wenn du ihm schreibst: ich wünsche mir keinen zweiten Fall Reuchlin junior.“
„Sei ohne Sorge“, erwiderte ihm die Mutter sanft und siegesgewiss, „Peter wird schon ganz allein den rechten Weg machen!“ –
2. Kapitel.
Die Erde platzt!
Schlagwetterkatastrophe auf der Zeche „Königin Luise“. – Die „Majestät des Todes“. – Was tut not!? – „Lieber im Feuer der Revolution verbrennen, als ...“
I
Die Menschen waren nicht mehr in den Häusern zu halten.
Es trieb sie heraus auf die Straße. Sie hetzten zunächst einzeln, ein jeder für sich, dann in Gruppen dahin, hunderte ballten sich an: in einer Masse von Tausenden schon schwemmte es die Straße hinunter.
Mit eckig aus den Schultern geschleuderten Armen. Manche halbnackt, nur mit einem Lumpen um.
Sie kletterten über Zäune. Gitter und Schranken wurden niedergetreten. Dazu läuteten die Glocken auf allen Türmen der Stadt.
Keinen Betrunkenen sah man mehr. Keine Kneipe lärmte mehr.
Maschinen stampften in den Kesselhäusern, von keiner Menschenhand mehr bedient, in einem unregelmäßigen Rhythmus weiter.
Die Straßenbahnen hatten ihren Betrieb eingestellt.
Ueberall standen auf den Gleisen wie leblose Klötze die verlassenen Wagen. –
* * * * *
Es war gegen 5 Uhr nachmittags, als ein langgezogener Donner unter der Erde hinrollte. Ueber der Erde war es wie ein elektrischer Stoß, der in alle Winkel, auch in die kleinsten Häuserwinkel der Stadt hineinzuckte. Die Telephone schrillten noch einmal auf. Die Telegraphenapparate knatterten drauf los ... Und es warf sich von Mund zu Mund: eine unheimliche Erschütterung: sie sprang von Nerv zu Nerv über, jedes Menschenherz krampfte sich zusammen, dann stieß es wieder um so gewaltiger einen Strom von Blut aus. Abwechselnd färbten sich die Wangen der Menschen kreideweiß, schwarzrot ... Automatisch schnappten Münder auf und zu. Wie im Starrkrampf blieben sie weit offen ... Der Boden schien plötzlich unter den Füßen weggezogen. Man tappte wie im Finstern, trotzdem es noch hellichter Tag war. Wie in einem Hohlraum. Man tastete sich wie im Leeren ... Ja, wie ein riesiges unsichtbares Fragezeichen stand es plötzlich mitten im Raum. Das ganze Leben, das Menschendasein selbst war in einem Sekundenaugenblick, mit einem jähen Ruck zu einer Frage geworden.
* * * * *
Die Läden waren im Nu geschlossen.
Niemand zeigte sich an den Fenstern.
In den Stadtteilen der Reichen kehrten die Autos schleunigst in die Garagen zurück. Auch dort, in den vornehmen Villenvierteln, war der Druck spürbar. Man sprach halblaut: „Was wird wohl daraus wieder werden?!“
Die Fabriksirenen heulten.
Rudel von Kindern krallten sich kreischend in die Röcke der Mütter fest, die, wie vom Irrsinn gehetzt, dahinfegten.
Auch die Polizeimannschaften, auf Lastkraftwagen heraneilend, vermochten diesem Menschensturm keinen Einhalt zu tun. Dazwischen klingelten die Löschfahrzeuge der städtischen Feuerwehr. Sanitätskolonnen sputeten vorüber.
Wahnwitzige schrille Schreie gellten jetzt über diese Flut fliegender Menschenhäupter hinweg.
Da rannten auch welche querfeldein. Einige stürzten. Andere packten sie wieder hoch. Ohne daß sie ihre zerschlagenen Beine bewegen mußten, trug der über die holperigen Trottoire sich dumpf dahinwälzende Menschenstrom unwiderstehlich sie mit vorwärts. –
* * * * *
Es war im Februar. Aber es war wie ein Frühlingstag.
Durch die Rauchschicht, die in dieser Gegend ewig in der Luft lagerte, waren Fetzen blauen Himmels sichtbar. Die Sonne dampfte, und spärliche Reste schmutzigen Grases fingen an den Böschungen, die die Schlackenhalden dort von der Straße abgrenzten, bereits dürftig zu grünen an.
Es roch nach Blut, Schweiß, Pulver.
Es roch nach verbranntem Fleisch. –
II
Von einem großen freien Platz aus, der mit rußerstickten verkrüppelten Bäumchen umpflanzt war, tönt jetzt eine gewaltige Stimme herüber:
„So ist bereits festgestellt, daß riesige Kohlenstaubmengen vorhanden waren, die weder berieselt noch mit Gesteinsstaub unschädlich gemacht wurden ... Die Koksablagerung nach der Explosion ist der sicherste Beweis ... Auch die Ansammlung von Schlagwettern ist auf der „Königin Luise“ keine Seltenheit gewesen. Sehr oft haben wir vom Betriebsausschuß bei unseren Befahrungen Wetter festgestellt. Aber gerade darum, weil wir sehr oft die Verwaltung belästigten und dem Betriebsführer und Steiger meldeten, daß dort und dort Wetter stehn, sind wir an der Befahrung gehindert worden ... Ja, seit Oktober vorigen Jahres hat man uns vom Betriebsausschuß am ordentlichen Befahren gehindert ... Ihr alle spürt es ja am eigenen Leib – und an der Hand der Förderzahlen können wir es auch leicht nachweisen – bei uns hier herrscht das schlimmste Antreibersystem ... Ja so sieht in Wahrheit der Geist des Unternehmertums aus ... Was dem Bergmann nottut, daß der Bergarbeiter schließlich auch ein Mensch ist, seine Bedürfnisse, seine Sorgen, seine Nöte hat: das, das alles scheint man im Laufe der Zeit wieder ganz und gar vergessen zu haben. Wir, wir hausen hier unten in unseren Gruben wie in einer unterirdischen Leichenfabrik ...“
Tausende von Kumpels standen dort, eng um den Redner gedrückt. Mit stieren Augen sogen sie sich fest im Boden ein. Tausende Fäuste waren wie zu einem Klumpen aus Stein geballt.
Es war ein großes Schluchzen. –
* * * * *
Von der Zechenverwaltung war strenge Anweisung gegeben worden, keinerlei Nachrichten über den Umfang des Unglücks sowie auch über die Zahl und die Namen der Toten den Draußenstehenden bekanntzugeben.
Die Menschenmassen stauten sich vor den Zechentoren zu einer Mauer.
Fest stand diese Menschenmauer. Schwankte vor. Neigte sich wieder elastisch vor der Polizeikette zurück.
Wie Brandung und Ebbe war das.
Wie Atemzüge. –
III
Vor einer halben Stunde war im Nordostfeld der Zeche „Königin Luise“, Fach 7, die Schlagwetterexplosion erfolgt.
Zuerst: ein Riß. Ein gewaltiger Schnitt mitten durch die Luft ... Das Trommelfell platzt, den Brustkasten quetscht es wie einen Schwamm aus ... als zöge es einem die Lunge wie einen Schlauch durch den Hals herauf ... Der Explosionsstoß: und die Bergarbeiter klatschten an die Wände. Mit zerbrochenen Gliedern, mit Gehirnerschütterungen, mit Schädelbrüchen kleben sie da, bereits unkenntlich entstellt ... Zwanzig, oft dreißig Meter weit fliegen sie, manche nach oben, zappelnd: schwer wie ein Sack fallen sie wieder nieder ... Und da rast auch schon die Explosionsflamme daher: verbrennt, verkohlt, stürzt sich von allen Seiten zugleich auf dich, reißt mit ihrem stechenden Feuer dir die Augen aus ... Die wenigen noch Ueberlebenden fliehen, flüchten durch brennende Gänge; wie Feuerschlangen winden die sich; die Angst peitscht sie, die Todesangst sitzt wie ein Stachelhalsband fest an der Gurgel. Auf allen Vieren flieht man, krabbelt, macht Schwimmbewegungen. Stürzt über sich selbst im Dunkeln, das ununterbrochen giftigen Kohlenstaub regnet.
Gesteinhagel prasseln.
Ein schlagartiger Wind schlägt.
Ein eiserner Luftdruck. Ein unsichtbarer atomhafter Riesenknebel ...
Wirbel. Strudel. Böen. Flammenschüsse kreuzweis. –
Und in diesen Felsenkellern wirkten zudem noch die fliegenden Steinmassen wie Geschosse von höchster Splitterwirkung.
Die Kolbengestänge der Lokomotiven und Wasserpumpen, Stahlhäute zerknüllte es leicht, als wären sie aus Konservenblech. Ganze Förderzüge schleudert es spielend vor sich hin und her. Hier wird ein frisch gebohrter Tunnel durch ein Bündel dort aufgestapelter Reserveschienen verstopft. Gebogen, geknickt; in allen Formen. Drahtgewirre hingen herum wie Spinnenweben ... Und einem passiert vielleicht mitten im Todeskampf noch der Witz: „Das ist ja beinahe akkurat so, als hätte hier der Riese, Herr Breitbart, gehaust ...“
* * * * *
Hier war ein Ausweg ... Aber da ist der Stollen schon längst wieder zugemauert. Hier stehen metertiefe Tümpel. Dort prallt man mit anderen zusammen. Aus allen vier Richtungen nun toben sie kaminähnliche Steingänge hinauf, schluchtenartige Durchbrüche kollern sie sich wieder hinab ... Auch hier, auch hier, auch hier kein Ausweg ...
Und schon zieht das Gas heran, ganz sanft, ganz unmerklich, wie der heilige Geist, wie auf Taubenfüßen. Schwebt heran. Schmilzt heran ... Ein Schluck: und alle Glieder sind behängt wie mit Blei. Ein inneres, unheimliches Gewicht. Sinken nach unten ...
Es war ein Geräusch wie xs ... xs ... xsss ...
Xs ... xss ... und immer xs ... xsss ...
Hinter den Schläfenwänden trillerte es, tickte es ...
Es zirpte, wisperte ...
Und immer wieder das: xs ... xsss ...
Gäule: ein Beinpaar gespreizt, das andere steif angezogen: unwirklich, wie zerschlagenes hölzernes Spielzeug. Der Bauch wie ein Ballon aufgetrieben ...
Förderwagen, mit Kohlenschutt beladen, schieben sich polternd noch abschüssige Strecken hinunter, irgendwo im Dunkeln. Ein dumpfer Knall in der Ferne. Irgendwo stoßen sie jetzt auf.
Und nichts mehr. Kein Laut.
Nur immer wieder das xs ... xsss ...
* * * * *
Da findet das Aufräumungskommando nach Tagen, wenn auch die letzten Nachschwaden verzogen sind, noch gefüllte Kaffeeflaschen, Kreidezeichen an den Wänden: „Um 11 Uhr nachts habe ich noch gelebt.“ „Grüßt mir schön die Jule.“
Der Riesenventilator surrt. Das Massengrab wird ordentlich durchgelüftet, und nach einer Woche vielleicht tut der gespenstische Erdrachen sich wieder auf, bereit zu neuen Opfern. –
IV
Dick aber kleben jetzt die Gasschwaden noch unten.
Die Rettungsmannschaften kommen in den Förderkörben immer wieder betäubt nach oben. Eingekleidet wie Taucher. Die Gaskonzentration ist zu stark. Immer wieder versagen die Sauerstoffapparate.
Da erspäht die vieltausendäugige lebendige Menschenmauer durch die Gitter des Zechentores hindurch, wie einer auf der Treppe zum Verwaltungsgebäude mit der Schulter zuckt, den Kopf schüttelt ...
Und die lebendige Menschenmauer schreit aus vielen tausend Mündern einen einzigen Schrei, Namen, hunderte von Namen schreit sie, jede Frau schreit den Namen ihres Mannes, jeder Kumpel den Namen irgend eines Kameraden:
„Lutz, Fritz, Adolf ... wo bist du ... habt ihr den Anton, den Karl gesehen ... ist der Stiebert noch unten ... August, Josef, Zarewski ...“
Und die Frauen machen Bewegungen mit den Händen, als schaufelten sie; krümmen die Finger, als ob sie ihre Männer gewaltsam aus der Grube herauskratzen wollten.
Die Polizeikette schwankt. Reißt mitten durch –
Und die lebendige Menschenmauer stößt sich in die Gitter des Zechentores hinein. –
* * * * *
Bälge.
Hautfetzen.
Von Armen und Beinen abgequetschte Rümpfe.
Verkohlte Menschenköpfe, wie kugelähnliche Versteinerungen:
So lag es schon, ein wirres Durcheinander, auf den Höfen herum.
Die Lebenden stürzten sich mit einem schrillen Aufschrei auf diese Toten. Rissen, zerrten an ihnen herum. Wem gehörte dieses Haarbüschel?! Dieser Arm mit den Tätowierungen!? Dieser Ring mit dem Finger da!? Wer ist das mit dieser Narbe am Hals da?! ...
Fackeln waren jetzt angebrannt.
Ein Haufen von Menschen: nach allen Seiten hin wendete man der Reihe nach so einen Menschenbrocken.
Und wie Baggermaschinen arbeiteten die Förderkörbe: neue Weinkrämpfe, neue Herzschmerzen, neue unermeßliche Leiden, neue unselige Gewißheiten, immer neue Tote, Leichenfetzen und Leichenbrocken schöpften sie aus der Tiefe herauf. –
* * * * *
Eine Stunde später: und die Nachricht von der Grubenkatastrophe verbreitet sich, dreihundert Kilometer von der Unglücksstätte entfernt, in der Hauptstadt.
„Wie kam es zur Entzündung!?“
„Durch eine Lampe!? Durch einen Schuß!?“
„Ist der Sicherheitssprengstoff, der verwendet wird, auch wirklich ganz sicher!?“
„Hat der Schießmeister nicht einen Fehler begangen!? Und wie steht es mit der Ausbildung der Bergleute überhaupt!?“
„Funktionierten die Kohlensperren?! Und wenn nicht, was ist die tiefere Ursache?!“
„Ueber zwei bis drei Tote im Ruhrbergbau täglich, oft über 700 Verletzte monatlich ... Muß das so sein!?“
„Nein, nein, nein ... Das verstehen Sie so nicht recht, Herr, um was es sich bei solchen Unglücksfällen eigentlich handelt ... Das ist Schicksal. Alles ist bestimmt in Gottes unerforschlichem Rat ... Wie der Weltkrieg ein Gericht Gottes ist, um die Uebervölkerung zu beseitigen, so ist ein Grubenunglück eine Vorsehung Gottes, um den Kapitalismus zu vernichten. Gott nimmt den Proletarierfamilien den Ernährer, damit der Kapitalist Frauen und Kinder unterstützen muß. Dadurch zeigt Gott den Kapitalisten, daß er ihnen nicht gut gesinnt ist ...“
V
Es war gegen zwölf Uhr nachts.
Die Arbeiterviertel horchten auf.
Ein kurzer Ruck auch dort. Eine Sekunde lang zögerte auch dort in jeder Brust der Herzschlag. Bis in die Fingerspitzen hinein floß die Nachricht als eiskalte Blutwelle. Lähmend.
Auch Max Herse sprang noch einmal aus dem Bett hoch und zog sich an, als der Kollege von nebenan, ein Straßenbahner, der eben vom Dienst heimkam, bei ihm anklopfte.
„Du, Max, hast schon gehört!?“
„?“
„Bis jetzt über einhundertundzwanzig Tote ...“
„?“
„Schlagwetterexplosion. Grubenkatastrophe ... Natürlich, sicher genau wie bei uns bei der Straßenbahn. Ueberall fehlt’s, zu nichts ist Geld da, die Schachtanlagen waren sicherlich mangelhaft ... Ist doch heutzutag die Arbeitskraft eines Proleten billiger, als neue technische Anlagen kosten. Das rentiert sich ja heutzutag nicht ... Und das, das muß man sich merken, das sind doch noch obendrein die Herrschaften, die höchst ehrenwerten Herrschaften, sage ich, die Millionen, viele Millionen Ruhrkredite verschlungen haben. Unersättlich sind die. Der Krieg, die Revolution: nichts kann sie genug satt kriegen ... Wenn wir Proleten ihnen nicht endlich das Maul stopfen ...“
Und der Straßenbahnerkollege schlug auch schon mit der Faust auf den Tisch.
„Wann, frage ich mich, Herrgottsdonnerwetter, werden wir endlich soweit sein, einig, einig, einig ... Darauf, nur darauf kommt’s noch an ... Wir, wir, wir Proleten, verfluchte Proleten, die wir sind ...“
Max Herse mußte dem zustimmen.
Dann sprachen die Beiden noch lange.
Woher und warum dieser Zwist in der Arbeiterschaft!? Daß die einzelnen Berufsverbände zu wenig, viel zu wenig zusammenarbeiten, ja oft sogar gegeneinander arbeiten. Daß z. B. Arbeitslose und Arbeitende schon recht oft hart aneinander geraten sind. Daß der eine im Produktionsapparat eben den, der andere den Platz einnimmt. Daher auch die verschiedenen Interessen, die unterschiedliche Denkart ... die Konflikte. Daß die meisten unter ihnen eben leider immer noch nicht weiter zu sehen vermögen als bis zu ihrer eigenen Nasenspitze ... Ganz dumm, ganz eng gedacht ist das ... Wie das ganze System rücksichtslos korrumpiert ... Daß sie neidisch sind, Lohndrückereien usw. ... Wegen der kleinsten Differenzen oft gleich übereinander herfallen, wie Kampfhähne, zum Gaudium der „Dritten“ ... daß sie allesamt viel zu wenig die Gesamtinteressen der Arbeiterschaft im Auge behalten. Daß sie endlich auch kampfmüde geworden sind und immer noch natürlich viel, viel zu wenig opferbereit ... Wie der Beruf sich auswirkt: daß einer, der acht Stunden und mehr noch hinter sich hat, halt eben einfach nicht mehr die Kraft hat, die Konzentrationsfähigkeit, nicht mehr genügend aufnahmefähig ist, halt ein ausgepumpter und beinahe zu nichts mehr brauchbarer Mensch ist ... Da, da bleibt aber auch schon gar kein Ueberschuß an Menschenkraft mehr, im Gegenteil, jeder Tag bringt an Menschenkraft ein Defizit. Man muß sich schon verteufelt ernst ranhalten, um sich auch nur einigermaßen wieder herzustellen ... Und daß das alles eben daran liegt, daß –
Na, daß die Arbeiterschaft eben heute beinahe schon nichts mehr zu sagen hat –
Daß sie alle Machtpositionen, die sie einstmals innegehabt hat, sich hat entwinden lassen –
Daß sie wehrlos, entwaffnet, vergewaltigt ist –
Führern anvertraut ist, die –
Und daß man sich unbedingt wieder aufraffen muß, zusammenschließen muß, wieder kämpfen muß –
Kämpfen um das, was nur recht und billig ist –
Kämpfen um das, was jedem Menschen auf Grund der Tatsache seines Menschendaseins allein, auch schon von Natur wegen, zusteht –
Was die „Anderen“ aber freiwillig nie und nimmer gewähren werden –
Daß man also kämpfen muß – um die Macht! ...
Nicht mehr so gutgläubig, vertrauensselig, verzeihend sein wie vordem. Sondern: unerbittlich, nüchtern, das Ziel fest im Aug. Und alle _die_ rücksichtslos aus den Reihen des kämpfenden Proletariats stoßend, die durch ihre stete Geneigtheit zu Verhandlungen und Konzessionen die Kampfkraft, die revolutionären Energien schwächen. –
* * * * *
So drückte die Katastrophe den Proleten nieder.
So richtete sie ihn aber auch wieder auf.
Mit furchtbaren Schlägen hämmerte sie ihm wieder Klassenbewußtsein ein, das Zusammengehörigkeitsgefühl, die Solidarität, die Kampfverbundenheit.
Die Klassenehre, die Klassenpflicht.
„Daß wir Arbeiter endlich allesamt werden: _ein_ Wille, _ein_ Herzschlag, _ein_ Blut, _ein_ Leib, _ein_ Geist ...“
* * * * *
Mit einem festen Händedruck schieden die beiden Proleten voneinander.
„Diese Welt muß unser sein!“ sagte der eine.
Der andere:
„Dann werden wir die Rächer sein ... Der endliche Sieg ist unser!“ –
VI
Noch in derselben Nacht wurde in den Bureaus der Korrespondenzen und der Zeitungen die Katastrophe gründlichst bearbeitet.
Und schon früh am Morgen stürzte sich die große Welt wie eine gierige Meute, die Blut zu schmecken bekommen wird, auf dieses neueste Ereignis.
Die letzten Wochen war es schon so: abwechslungsreich in jeder Beziehung kann man sagen: zugleich mit dem Frühstück wurde einem im Morgenblatt jeden Tag ein anderer Skandal serviert.
Nun, eine Grubenexplosion: das war eine delikate Abwechslung in dem öden Grau und allmählich langweilig werdenden Einerlei ganzer Serien von Skandalaffären.
Man selbst fern vom Schuß ... Nur hie und da ein Kolonialkriegchen, nicht sonderlich aufregend ... Bolschewistengreuel ziehen zwar immer noch ... Auch Waffenlager, Bombenfunde, geplante Dynamitattentate, Tscheka-Abenteuer ... Cholerabazillen. Tagebücher berühmter Scharfrichter ... Doppelt so gut schmeckt einem dabei so ein Kännchen Mokka ...