(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg
Part 3
Da stand der Mensch inmitten platzender Brisanzgeschosse, von Giftgasnebeln eingeschwadet, unter einem Phosphorfeuerregen, wie unter einer kreidig-weißen Branddusche. In einer der Taucherkleidung ähnlichen Uniform gekleidet, die alle seine Bewegung schwerfällig und ungelenk machte, einen Gasmaskenhelm aufgestülpt, der oben eine oval abgeflachte Stahlkuppel bildete, der Filteransatz in der Mundgegend: ein kurzer dicker Rüssel. Schrauben, Griffe, Hebel, Manometer rings an den Hüften; ein Schläuche-Durcheinander und Drahtgeflechte umspannten den Leib ... Und nun, wie ein dem ganzen Körper dicht aufgelegtes Pflaster umschloß ihn diese Uniform, sog, mit dem Giftgas durchtränkt, juckende Blasen auf der Haut; schon beginnen jauchige gangränartige Wucherungen in Luftröhre und Kehlkopf; blutiges Erbrechen; es ist ein langwieriges Ertrinken unter Todesangstschweiß austreibenden Erstickungsanfällen in der eigenen Körperflüssigkeit; die Lunge schwemmt sich auf, wie ein mit Wasser vollgesogener Schwamm, um das vielfache ihres ursprünglichen Volumens; Haut und Uniform werden dabei eins, eine gallertartige nässende, mit Geschwüren durchklebte Masse, und die Uniform-Haut, die Haut-Uniform schält sich ab ... und da stand nackt und bloß der Mensch, ein unförmiges Stück rohen blutigen Fleisches, ausgenommen wie ein geschlachtetes Vieh bei lebendigem Leib, geschunden nach allen Regeln der modernen Wissenschaft und Kriegskunst. Die Sonne drückt nieder vom Himmel als ein glühender Stempel: der ganze Leib wird wie mit flüssigem Feuer eingebrannt. Und nun quellen ihm noch die geronnenen Augen aus den schon kohlig vermorschten Stirnhöhlen, zwei weißliche Kugeln, wie bei einem Fisch, den man siedet ...
Und dieses Stück rohen blutigen Fleisches, das sich Mensch nennt, bewegt sich, lebt: es ist ein Mensch, es sind ihrer viele, es ist ein ganzes Menschenvolk, ein ganzes Volk roher blutiger Fleischstücke, mit und ohne Arm, mit und ohne Bein, kopflos und welche mit bläulich gedunsenen Köpfen: sind es schon oder sind dazu bestimmt, es in Bälde zu werden; und die so einem entsetzlichen Schicksal Ausgelieferten beginnen zu leben, lebendig zu werden, gewinnen das Bewußtsein über sich selbst, schließen sich zusammen, Blutendes an Blutendes, und marschieren eines Tages aus Mietskasernen, Fabriken, Massengräbern hervor, hinauf auf die breite Straße, wo die große, schöne, die heitere, die weite, die sorglose, die glückliche Welt blüht, wo es thront und promeniert: ein Trompetenstoß: Achtung, ihr feinen Damen und Herren: stinkendes, rohes, blutiges Menschenfleisch kommt; ja es kommt, wälzt sich daher wie ein fauliger Strom, brüllt vor Schmerz, flucht im Chor und knurrt ... Die Damen raffen ihre Röcke hoch: Vorsicht, daß wir nicht schmutzig werden; die Herren blicken betrübt auf ihre blutbesudelten Lackspitzen und Gamaschen ... Nein, die hitzigste Sonne brennt so heiß nicht wie diese Wundenflecken, so rot wie diese Wundenfarbe ist nie eine Sonne ... und aus den von Kolbenschlägen zerschmetterten Gebissen, an denen noch wie an einem Faden an einem Sehnenstrang halbe, dreiviertel Unterkiefer herumhängen, pfeift, trillert und zirpt ein Gesang: „In der Heimat da gibts ein Wiedersehen ...“
„Bitte zurücktreten!“ schnauzt der Offizier das blutende Stück Menschenfleisch an, als es den Absperrungskordon durchbrechen will, der um den großen Platz, auf dem soeben die Heldengedenkfeier stattfindet, gezogen ist.
„Ich hatt einen Kameraden!“ spielte eben die Militärkapelle.
Blutige Fackeln leuchten.
„Ich bin der unbekannte tote Soldat!“ Spricht das blutende Stück Menschenfleisch! „Ich wünsche das Wort zu diesem Thema. Auch ich habe einiges dazu zu sagen. Ich möchte sprechen.“
„Treten Sie bitte nicht näher ...“ „So eine Gemütsroheit! So eine Taktlosigkeit!“ zetern schon einige Kleinbürgerseelen drauf los und ballen wutentbrannt die Fäuste. „Was fällt Ihnen denn eigentlich ein! Schämen Sie sich denn gar nicht!? In so einem Aufzug, und dazu noch am hellichten Tag! Splitternackt! ... Sie erregen öffentliches Aergernis! Das ist ja ein Skandal sondergleichen! Unsere Ruhe wollen wir haben! Leichenpack! Das ist einfach schofel ...“ „Zurück! Sonst muß ich von meiner Waffe Gebrauch machen. Ich habe strengste Instruktionen, rücksichtslos vorzugehen ... Verhalten Sie sich ruhig und stören Sie den Ernst und die Weihe der Feier nicht! Der Herr Generalfeldmarschall spricht ...“
„Wer ...!?“
„Bitte sehr, ein letztes Mal, oder ich schieße. Sie haben hier nichts zu suchen ...“
Aber schon flitzen die Gummiknüppel, die Bajonette stellen sich wagrecht, die berittene Hundertschaft zur besonderen Verwendung galoppiert heran, ein Panzerwagen knattert ...
„Sie haben, scheint’s, an einem Tod nicht genug ... Gebt Euch endlich zufrieden ... Hinunter ins Massengrab oder hinauf wieder ans Kreuz mit Euch! Als aufbauende Glieder der Volksgemeinschaft kommt Ihr, so wie Ihr seid, heute nicht mehr in Betracht ...“
In diesem Augenblick stößt ein anderer Zug gegen die Polizeikette, eine rote Fahne an der Spitze, kräftig tönt der Gesang:
„Einst kommt der Tag, da wir uns rächen, Dann werden wir die Richter sein ...“
„Das sind die Sachverwalter, die wirklichen Wahrer unseres ungeheueren kostbaren Schmerzensguts ...“ sprechen die zusammengehauenen blutenden Fleischstücke ... „in deren Hände hat die Zukunft die Vergangenheit als Erbmasse gelegt. Darin ist auch unser Schicksal mit inbegriffen.“ –
* * * * *
Mit einem Ruck fuhr Peter aus dem Traum auf, schrie „Jonny“ und beinahe in greifbarer Nähe stand vor ihm jener arme Teufel vom amerikanischen Gasregiment, den er bei einem Sturmangriff auf einen der gefährlichsten feindlichen Minenstollen zum Gefangenen gemacht hatte.
Jonny hatte weder um Pardon gefleht, noch hatte er sich zur Wehr gesetzt. Mit einem unglaublich traurigen Ausdruck in den Augen sah er den Deutschen an und drückte ihm einfach herzlich die Hand, als der die bereit gehaltene Handgranate nicht abzog.
Jonny war der einzige Sohn eines kleinen amerikanischen Farmers, arbeitete bei Kriegsbeginn in einer Seifenfabrik und war dann zum Gasregiment eingezogen und gleich darauf nach Edgewood, dem großen amerikanischen Kriegsarsenal abkommandiert worden.
Drei Monate lag er in Edgewood, dann kam er an die Front.
Auf dem Rücktransport verständigte sich Peter durch einen Dolmetsch mit ihm und erfuhr, wie dort an lebenden Menschen die Gasschutzmasken und die bei einer Gaserkrankung anzuwendenden Gegengifte ausprobiert werden. Zuerst das Tierexperiment, dann der Mensch ...
„Das ist ja Vivisektion!“ entfuhr es Peter und der Amerikaner nickte.
Auch hatte jeder Soldat eine sogenannte zweite eiserne Ration bei sich, ein Mittel, das im Fall einer Gasvergiftung bei bestimmten Symptomen gebraucht werden sollte. Dieses Mittel war ein sofort tödlich wirkendes Gift, das dem über alle Maßen schrecklichen Gastod zuvorkam. Auch bestand die Absicht, im Fall der Verwendung des Giftgases von Flugzeugen herab dieses Mittel an die Zivilbevölkerung aller bedrohten Städte verteilen zu lassen ...
„Ihr an eurem Frontabschnitt scheint ja im Mond zu leben“, bemerkte der Dolmetsch, als er sah, wie sich Peter darüber wunderte. „Ist bei uns genau so ... Keine Neuigkeit. Gegen das Giftgas ist bisher auf der Menschenerde leider noch kein Kraut gewachsen. Da mühen sich selbst die größten Autoritäten vergebens. Schutz gegen Gas läßt sich nur durch Maßnahmen schaffen, die praktisch undurchführbar sind ... Wie viele von uns verunglückten täglich beim Ausprobieren der Gasschutzmaske im Gasraum! Aber auch das minderwertigste Zeug wird von den Fabriken geliefert. Das Schlechteste auf diesem Gebiet ist eben gerade noch für das Frontschwein gut genug. Der nackte und bloße Mensch ist das billigste Material. Das ganze „Drum und Dran“ verteuert zu sehr die Sache. Aber der Spaß muß sich rentieren ... Und nicht genug damit: ist einer einmal gaserkrankt, dann beginnt im Lazarett das Herumdoktern. Doch Schwamm darüber ... Wer es nicht miterlebt hat, glaubt es ja doch nicht ...“
* * * * *
Die Unterhaltung zwischen dem Deutschen und dem Amerikaner aber sollte nicht lange andauern, ein dicker, untersetzter, schwammbackiger Feldwebelleutnant kam dazwischen, und kaum, daß er des Amerikaners ansichtig geworden war, holte er seine Repetierpistole hervor, fuchtelte ein paarmal wild damit in der Luft herum und knallte Jonny mit den Worten: „So ein Luder!“ nieder ...
„Du Vieh!“ schrie damals Peter auf und löste die Handgranate von der Koppel.
Herbeistürzende Kameraden machten dem Zwischenfall, der ohne weitere Folgen für die Beteiligten blieb, rasch ein Ende ...
Eine Woche darauf wurde Peter, durch einen Bajonettstich in den Oberschenkel verwundet, ins Lazarett abtransportiert.
VI
Dieses Kriegslazarett war eine ausgesprochene Morphium- und Kokainhölle.
Nicht nur der Chefarzt spritzte und schnupfte, sämtliche Assistenzärzte und das ganze Pflegepersonal waren verseucht.
Dazu lag das Lazarett ständig in stärkstem Feuerbereich, kaum eine Woche verging, daß nicht ein schwerer Brocken auf eine der Baracken herunterhagelte und unter dem wahnwitzigen Geheul aller Kranken krepierte.
In der Zeit, als Peter dort lag – es waren insgesamt drei Monate – kamen noch täglich nervenzerrüttende Fliegerüberfälle hinzu.
* * * * *
Das Lazarett hieß im Soldatenmund „Giftschaukel“ und war hauptsächlich mit Gaskranken belegt.
Daneben bestand noch eine eigene Irrenabteilung, doch unterschieden sich die Kranken nicht wesentlich von einander.
Hier lagen vor allem die Paralytiker, die Silbenschmierer und die Silbenstotterer. Bei all diesen hatte erst die Erschütterung ihres Nervensystems durch den Krieg den paralytischen Anfall ausgelöst. Remissionen kamen auf Grund der Ungunst der Verhältnisse und der sehr mäßigen Behandlung nur selten vor. Wie ein Katarakt galoppierten sie dem Grabe zu. –
Aber Kokain wurde nicht nur geschnupft, es wurde bei denen, die sich daran gewöhnt hatten, auch in ungeheuren Quanten verspritzt.
Zuerst behandelte man die Gaserkrankten mit Salben und Sauerstoff, dann, wenn, was wenig häufig genug vorkam, die akute Gefahr vorüber war, griff der Unglückliche zum Morphium, später zum Kokain. Offene nekrotisierende und bis tief auf die Knochen sich einfressende Wunden hatte bei den meisten das blasenziehende Agens, d. h. das chemische Kampfmittel zurückgelassen, mit Verbänden und Schmierkuren war nur wenig dagegen auszurichten. Der Zustand der Lunge war mehr als trostlos, überhaupt hatte das Gas bei den meisten tiefgreifende Veränderungen des Blutbildes hervorgebracht. Die weißen Blutkörperchen nahmen rapid ab, kernhaltige Blutkörperchen treten auf, die roten Blutkörperchen ändern ihre Form, nehmen Stechapfelform an und gehen massenhaft zugrunde. Umfangreiche Pigmentierungen der Haut erscheinen, die durch den freiwerdenden Blutfarbstoff ein gelb- und graubräunliches bis broncefarbenes Aussehen erhalten. Auch Eisenablagerungen in verschiedenen Organen, namentlich in Leber und Milz wurden beobachtet.
Und zu alledem blieb einem Entlassenen noch die angenehme Hoffnung auf einen sogenannten „Spättod“, der oft genug überraschenderweise erst nach Jahren eintrat ...
Der Saal, in dem Peter lag, war der „septische“, der Saal, in dem die „Eiterigen“ untergebracht waren, vor allem die Lungenemphyseme.
Vierzehn Mann kauerten in halb aufrechter Stellung in den Feldbetten, mit dicken Papierverbänden um den Leib, einen Gummidrain zwischen den geöffneten Rippen, durch den der jauchige Eiter aus der entzündeten Lunge herauseiterte. Das Fieberthermometer kreiste beständig im Saal, die Temperaturen der einzelnen waren das Hauptgesprächsthema. Ununterbrochen wurde gegen den beizenden Fäulnisgestank „Tannenduft“ gestäubt und die Aerzte kamen nur mit der Zigarre im Munde.
Jeder war mißtrauisch, hinterhältig gegen den andern, belauerte eifersüchtig jeden Temperaturunterschied, eine ungeheuere Schadenfreude entstand, wenn bei einem das Thermometer wieder einmal um einige Grad höherschnellte. Ein jeder rettungslos seiner eigenen Fieberkurve versklavt: nach ihr schwang der Weltrhythmus. Ja, es kamen auch einige Prügeleien bei der Essenverteilung vor: die, die sich benachteiligt glaubten, stürzten sich mit ihren Krückstöcken aus dem Bett, schlugen auf die ihrer Meinung nach von der Schwester mehr Begünstigten ein, bis einem der Verband sich auflöste und der jauchige Eiter sich dick auf dem Fußboden herumschmierte ... War wieder einer „an der Reihe“, wurde er auf den Gang hinausgefahren, nicht ohne daß ihm einige höhnisch „Gute Besserung!“ nachriefen ...
Dann die Folterqualen des Dekubitus! Nach kurzer Zeit hatten sich beinahe alle aufgelegen, hauptsächlich am Steißbein, wo sich trotz sorgfältiger und häufiger Waschungen mit Spiritus, trotz Salben und Puders bald faustgroße Löcher bildeten; den Aermsten wurde dann ein Luft- oder Wasserkissen untergeschoben, aber die Wundlöcher eiterten, der Kranke faulte jetzt nicht nur von innen und oben, sondern auch von unten an. Dem also Gefolterten war es, als ob er an den mit dem Dekubitus behafteten Stellen bei lebendigem Leib auf einer glühenden Eisenplatte briete.
Dazu tat noch ein übriges die Wirkung der verschiedensten Narkotika.
Es war unmöglich, ohne diese bei den Erstickungsanfällen und Schmerzkrämpfen auszukommen.
Beim ersten Gebrauch: eine übermütige, durch nichts begründete Heiterkeit, die Patienten plapperten unermüdlich Tag und Nacht Sinnvolles und völlig Sinnloses wirr durcheinander, Pläne wurden geschmiedet, das Modell eines gegen jede Gasart undurchdringlichen Asbestanzuges mit viel Liebe und Hingabe entworfen, Ideen, phantastische Vorstellungen jagten und hetzten sich, ein jeder war eigentlich plötzlich mit seinem Zustande ganz zufrieden, nur, wenn die Schwester einmal länger als gewöhnlich mit der Spritze ausblieb, dann gab es förmlich eine Revolte, man heulte und läutete: der ganze Saal krampfte sich zusammen wie unter einem Tobsuchtsanfall ...
Diesem Uebel wurde bald abgeholfen dadurch, daß man jedem eine ausreichend große Giftportion zuwies und er sich die Spritzen selbst machte.
Nun gab es jeden Tag einen neuen Abszeß, es wurde geschnitten, man saß halbe Tage lang im Warmbad, bis sich der eine oder der andere zuerst eine weit ausgedehnte Furunkulose, dann eine Phlegmone holte, die sich über den ganzen Körper ausbreitete, so, daß wo man auch mit der Injektionsnadel einstach, eitrig-wässerige Flüssigkeit einem entgegenspritzte.
Einige gingen dabei an Thrombosen zugrunde.
Dann kam zur Abwechslung Kokain in Mode.
Die Kranken hatten das Mittel schon mehrere Wochen gebraucht, als sie plötzlich Stimmen zu hören vorgaben, Gestalten sahen, die sie bei ihrem Namen nannten und sie bedrohten, zu wüsten sexuellen Ausschweifungen zu verleiten suchten, elektrische Nadeln durch die Wände hindurch mitten auf ihren Körper hin zuspitzten und wiederum Stimmen, oben und unten und nebenan, die entsetzlich fluchten, Zoten rissen ... und plötzlich in den Vorstellungen der Kokainverseuchten der ganze Saal sich in einen Granattrichter verwandelte, Trommelfeuer rauschte und einer sein Bett in Brand steckte, was zwar von den Wärtern noch rechtzeitig bemerkt wurde ... Dazwischen sang einer immer monoton vor sich hin: „Oh herrliche Phosgen-Luft! Du bist mein Augenstern ...“ Man bewarf ihn, als er nicht aufhören wollte, einfach mit den nächstbesten Gegenständen.
Bald darauf wurde allerdings, besonders da auch eine Inspektion angekündigt war, mit der Dosierung der narkotischen Mittel gebremst.
Die einen ätherisierten zum Ersatz, chloroformierten, fraßen Veronal röhrchenweise, andere versuchten eine Entwöhnungskur mit Alkohol und Pantopon, wieder andere dösten in schweren Schlafmitteln tagelang dahin, vollkommen von einem undurchdringlichen Paraldehyddunst eingedeckt, und wieder anderen, die nicht zu toben aufhören wollten, wurde vom Arzt Skopolamin verordnet, ein stark lähmendes Mittel, das jede Orientierungsfähigkeit ausschaltet, Gesichtsfeldverengungen zur Folge hat, die Sprache des Patienten wurde tief und sandig-rauh ... und er lag weich gebettet auf seinem harten Feldbett wie in einem unermeßbar abgründigen Abgrund ...
Die Zwangsjacke wurde nicht mehr angewendet. –
* * * * *
Auch Peter hatte man die Mittel gleich nach seiner Einlieferung aufgedrängt.
„Herrlich! Sie dürfen sich die Sensation nicht entgehen lassen. Einfach: Nirwana ...“
So hatte ihm die Krankenschwester, süßlich lächelnd, die Drogen angepriesen.
„Eine unheilbare Krankheit ist der ganze Mensch, eine Seuche, die mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden muß,“ dachte damals Peter zuerst. Weiter dachte er noch nicht ...
Er schlug die Mittel nicht aus: eine lange, angenehm lau-warme Flüssigkeit war es, die sich durch seinen Körper erstreckte, alle Blutbahnen hindurch sich verrieselnd und verzweigend ...
Und eines Tages bemerkte er: er konnte das Mittel nicht mehr lassen.
Ließ er nur eine Spritze aus: sofort fiel er schlapp in sich zusammen wie ein leerer Sack, ganz ausgelaugt und geleert war er, zitterig, bis in die feinsten Nervenspitzen flimmernd, und nur immer mit dem einen Gedanken, der zur Zwangsvorstellung wurde: „Die Spritze ...“
Die Schwester kam wieder:
„Na, ich hab’ es Ihnen doch gleich gesagt. Machen Sie sich kein Gewissen. Ist ja gar nicht so schlimm ...“
Da half ihm gar mächtig die Erinnerung an Tage seiner Kindheit, die sich ihm plötzlich als die festeste Ankerkette seines Lebens erwies.
Dort gab es Berge und Märsche durch Gebirgstäler, Wiesenflächen, flaumig und flockig; Wälder am Horizont, wie zu fleischigem Oelgrün geronnene Wellen; enzianübersäte, mit Zwergholz bewachsene Alpwiesen; Wildbäche, die so munter die Schluchten herabstolperten; auch ein uralter Bergführer, ein origineller Kauz, war da, ein ganzes Bündel von Hirschzähnen und Silbertalern an seiner Riesenuhrkette; Sonnenaufgang war: Gletscherebenen und Gipfelzacken: flüssig feueriges Eis; dann unten wieder im Tal die Volkstänze und derben Volksbelustigungen, ja das war noch von einem gesunden Menschenschlag, die sträubten sich mit Händen und Füßen gegen die monokel-, lorgnettglotzenden Fremden ... Und Gewitter zogen auf und platzten mitten am Himmel auseinander über dem Bergdorf: alle Kapellen des Tals wimmerten Wetterläuten und die Flammenwolke trieb den Berghang entlang, Blitz auf Blitz, Donnerschlag auf Donnerschlag: jeden Augenblick flammte vom Blitz entzündet eine andere Tanne auf, und das vielfache Echo der Donnerschläge prallte und knallte von den Felswänden. Nun knatterte der Regen, der Sturm surrte: da reckte sich der Mensch auf, die Muskeln strafften sich: ja das Ereignis solch eines elementaren Gewittersturzes hatte noch etwas von der Sprache des Welten-Anfangs, der Vorzeit ... Auch im Vorfrühling war Peter einmal im Gebirg: da aber donnerten die Lawinen, überall lag noch Schnee und der Schnee begann zu fließen ... Da stellte sich Peter breitbeinig gegen den Wind, wie ein Torwächter gegen den Ball beim Fußballspiel: und der Sturm drückte ihn mit einem heftigen Faustschlag von der Stelle, so gewaltig, herrlich, übermenschlich war der Sturm ...
An die Erinnerung an diese Landschaft klammerte sich Peter in seiner tiefsten Not in Gedanken an, eine kristallharte eisklare Kraft sog er aus ihr und er lachte eines Tages überlegen:
„Was, ich soll mit diesem Dreck da nicht fertig werden ...“
Und er wurde eines Tages fertig damit, ein marternder Heißhunger überfiel ihn, er stahl den Sterbenden das Essen, trotzdem es schon mit Speichel versabbert war, aus den Näpfen weg, es war zwar ein entsetzlicher Fraß, aber er wurde gerade doch noch kräftig und gesund damit. –
* * * * *
Die Operationswagen rollten in den Gängen, eine Rippenresektion folgte wieder auf die andere, draußen stand Sanitätsautomobil an Sanitätsautomobil: die ersten Blutzeugen der soeben begonnenen Riesenmassenschlacht.
„Meine Kindheit hat mich diesmal gerettet, ein Erbgut, an dem die Kinder gut gestellter Leute unendlich lang zu zehren haben ... Und die anderen?! ... Was der Mensch in solchen vier Jahren durchmachen muß, das geht schon auf keine Kuhhaut ... Und was der Mensch aushalten kann ... Und wofür und warum dies alles?!“
Peters Antwort war:
„Deutschland.“
* * * * *
Bereits drei Tage nach seiner Entlassung wurde Peter mit seiner Kompagnie zu einem Sturmangriff eingesetzt. –
VII
Peter hielt es zu Hause nicht mehr länger aus.
Das Gehalt seines Vaters reichte gerade, ihn auswärts studieren zu lassen. Er suchte sich Berlin aus. Auch einige Kameraden waren dort, für die erste Zeit war es gut, nicht ganz allein zu sein. –
* * * * *
Einige Tage vor seiner Abreise besuchte er den Abiturientenstammtisch. Alle Monate einmal fanden sich immer noch einige frühere Schulkameraden in einer Bräustube zusammen. Diesmal waren fünf da. Dreiviertel der Klasse war gefallen.
Rainer Feck, ein dummdreister und oberflächlicher Bursche, der prinzipiell nur die modernsten Schlipse trug, erzählte Kriegserlebnisse, schnitt ungeheuer dabei auf und schwelgte voll Entzücken, daß ihm der Mund troff, in der Schilderung, wie er eines Nachts ganz allein von der Flanke aus einen feindlichen Graben aufgerollt habe.
„Stücker fünfzig haben daran glauben müssen.“
Aber auch Fritz Kunz, der frühere Primus, ein schmächtiges Kerlchen mit einem großen Kneifer auf der kleinen käsig glänzenden Stupsnase, riß Witze und Zoten, mitten daraus hervor wurde angestoßen, ein vaterländisches Lied gesummt und mit betrunkenen heiseren Stimmen gegröhlt:
„Deutschland über alles!“
„Peter! Los! Gib Dein deutsches Ehrenwort, verpfände uns deine Männerehre, daß Du, wenn Du nach Berlin kommst es den Sausozialisten ordentlich einbrocken wirst ... Hast Du gehört von der widerlichen Hure, der Rosa Luxemburg ... Feste druff, allemal, sage ich ... Hoch! Laßt uns gleich im Voraus die kommenden Heldentaten des großen Sozialistentöters Peter Friedjung begießen! Heil! Prost!“
„Bravo, Peter!“ so ist’s recht, schnarrte Kunz, als Feck die Hand Peters packte und sie kräftig schüttelte.
„Noch können wir uns nicht rühren! Aber der Tag kommt! Blutige Rache! ... Der scheißige Volksstaat Bayern! Na wartet nur ... Ruhe im Puff, wenn Ebert ...“
„Bravo! Dufte Nummer! Viechs-Kerl!“ applaudierte Kunz wieder ...
Augenblicklich war Stille, als eine Patrouille dreier roter Matrosen ins Lokal trat.
Alle hatten angstgeschwollene Köpfe.
Auch Peter, der sich von ganzem Herzen seiner Kumpane schämte.
Haßerfüllte Blicke von allen Tischen geisterten an den drei Matrosen empor, die ruhig und sachlich die Ausweise der Anwesenden kontrollierten, ironisch lächelten, als ein dicker Spießer vor Angst zusammenzuckte.
Zwei waren schon hinausgegangen, der dritte stopfte sich noch eine Pfeife, dann ging auch er, höflich und gemütlich „Guten Abend“ wünschend.
Das ganze Lokal brodelte auf.
„So ein Saupack! So eine Gemeinheit! Was nicht die sich alles herausnehmen. Polizeibefugnisse, Strafvollzug. Die ganze Welt ist ja auf den Kopf gestellt! Bevor die nicht an der Laterne ...“