(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg
Part 2
Diesmal waren noch zugegen als Gäste Oberstleutnant Hugenberg, Emil Freywolf, Redakteur einer größeren liberalen Tageszeitung, Kriegsberichterstatter, und ein gewisser Paul Bratz, der in der Gesellschaft als eine ausgesprochene Abenteurernatur galt, früher Leutnant der Schutztruppe, während des Krieges aber dauernd aus dem Heer wegen chronischer Trunksucht beurlaubt; er lungerte in dieser Zeit in allen Sanatorien Deutschlands herum und interessierte sich für Frauenjagd.
Die Gesellschaft war schon versammelt, als Dr. Friedjung und sein Sohn eintraten.
Die meisten Herren kannte Peter schon.
„Und wie er sich verändert hat! Mein Sohn, viel männlicher, ganz zu seinem Vorteil.“
Breit und behäbig, wie ein Luther-Standbild, pflanzte sich der Dekan vor Peter auf.
„Na ja, der Krieg ist der beste Lehrmeister! Da sehen Sie mal wieder! Gott hat seinen Anteil daran. Gott hat gewollt, daß gerade wir dieses Gericht vollziehen sollen, und die Reinheit des sittlichen Gewissens ist auf unserer Seite. Wie der Ausgang des Krieges in Uebereinstimmung mit dieser Tatsache zu bringen ist: Gottes Rat ist unerforschlich. Wahrscheinlich haben sich große Volksteile Deutschlands, vor allem die unteren Schichten, an die Arbeiterbevölkerung der Industriebezirke denke ich da vor allem, noch nicht als genügend geläutert für diese göttliche Aufgabe erwiesen. Wir gehen schweren Zeiten entgegen. Doch die Jugend gehört uns und damit die Zukunft, und wenn die ganze Jugend Deutschlands aus lauter Friedjungs bestünde: dann, dann kann Deutschland nicht untergehen ... Nun, mein Sohn, nimm Platz ...“
Noch einen Augenblick verharrte der Dekan bei seinem Augenaufschlag.
„Nun, habe ich es nicht immer gesagt, den preußischen Leutnant macht uns so leicht niemand nach ...“
Herr Bratz holte das verborgene Monokel hervor und klemmte es fest.
Landgerichtsdirektor Friedjung bedankte sich nach allen Seiten hin für die Gratulationen.
Nur dem Oberstudienrat Dr. Reuchlin drückte er stumm die Hand.
„Wird schon wieder werden ... Nur Kopf hoch! Mut ...“
„Ein Junge mit solcher Begabung wie der Ihre, Herr Landgerichtsdirektor ... ich schlage vor: Bankfach. Das ist heute noch am aussichtsreichsten ...“
Der Fabrikbesitzer fand allseitige Zustimmung.
„Ich wäre natürlich auch bereit, ihn bei mir unterzubringen ... Ich brauche absolut zuverlässige, gegen jedes Streikgelüste immune Leute, heutzutage mehr denn je ...“
Inzwischen hatten der Redakteur, der Oberstleutnant, Herr Bratz, eine Gruppe gebildet.
„Richtig so, ganz so ist es, wie Sie sagen: Der Krieg ist nicht nur ein notwendiges Element im Völkerleben, sondern auch ein unentbehrlicher Faktor der Kultur, ja die höchste Kraft und Lebensäußerung wahrer Kulturvölker.“
Der Oberstleutnant ergänzte begeistert den Redakteur:
„Nicht nur eine biologische Notwendigkeit, sondern auch eine sittliche Forderung und als solche ein unentbehrlicher Faktor der Kultur ...“
„Meine Herren! Lassen Sie sich schildern, wie die Zivilisation in den Kolonien vor sich geht. Wir brauchen Kolonien, das ist eine Lebensnotwendigkeit für das deutsche Volk. Kolonialarbeit ist aber notwendigerweise Blutarbeit und durchaus durch die Verdrängung des Heidentums durch das Christentum gerechtfertigt. Wir sind immer mal wieder gezwungen, da unten einen großen Kehraus mit den Schwarzen zu machen. Selbst Ausrottung ganzer Stämme mitsamt ihren Stammsiedelungen sind dabei leider Gottes nicht zu vermeiden ... Kultur! Kultur! ... Und überdies zum vorigen Thema: Sie haben ja die Ermordung des österreichischen Thronfolgers gestreift: ich sage: wenn je ein Blutopfer eine befreiende, eine erlösende Wirkung gehabt hat, so war es dieses ...“
Die Gruppe löste sich wieder auf und schloß sich der allgemeinen Diskussion an.
„Im übrigen: meine Ansicht ist die: die Sozialdemokraten, mag man gegen sie haben was man will, die müssen jetzt die Sache schmeißen. Wir müssen uns auf eine Politik auf lange Sicht einrichten ... Unsere Zeit kommt! Abwarten ...“
Bratz widersprach energisch dem Fabrikanten.
„Nein, nun ganz und gar nicht.“ Er sprach von illegalen Organisationen, Attentaten, Verschwörerklubs, Kampftrupps, die sofort aus den aktivsten, zuverlässigsten vaterländischen Elementen gebildet werden müssen, um den Novemberverbrechern energisch auf den Leib zu rücken ... „Wie Sie sehen: die Arbeiterschaft ist in zwei feindliche Lager geteilt. Die Sozialisten werden nicht umhin können, im Kampf gegen die Spartakisten sich unserer Hilfe zu bedienen, wir werden und müssen uns diese Dienste so teuer wie nur möglich bezahlen lassen ... Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen ... So wird man uns nicht abfinden. Nie und nimmermehr ...“
„Meine Herren, streiten wir nicht! Ich bin für zwei Eisen im Feuer!“ vermittelte der Dekan. „Auf legale Art und auch die Vorschläge des Herrn Bratz dürfen wir nicht ganz und gar außer acht lassen ... Dem Volk muß die Religion auf jeden Fall erhalten bleiben. Denn nicht auf Gescheitheit oder Dummheit des Einzelnen kommt es an, sondern auf die Erlösung der Seele. Was für den Einzelnen gilt, gilt auch für das Ganze. Einkehr, innere Wandlung, das ists, was vor allem not tut.“
Nun sprach auch Peters Vater:
„Die Hauptsache ist, daß die Staatsautorität erhalten bleibt. Ich meinerseits habe bei den Sozialdemokraten seit Kriegsbeginn nichts gelesen, was der Lehre von der Unantastbarkeit des Staates zuwiderliefe. Im Gegenteil, ihre Partei hat sich während des Krieges ihre nationale Vergangenheit geschaffen! ... Und meine Herren, die Staatsform kann uns doch schon wirklich ganz egal sein, auf den Inhalt kommt es an.“
Der Oberstleutnant fiel ihm ins Wort:
„Allerdings, jetzt heißt es Schritt für Schritt, so zäh wie nur möglich, unsere Positionen verteidigen, die Sozialdemokraten regieren lassen, heimlich ihre Regierung infamieren und sie so in den weitesten Volkskreisen unmöglich machen, und zwar ein für allemal, um dann, wenn so der Staatsapparat relativ intakt in unserer Hand bleibt, eines Tages, wohlbemerkt, ich rechne mit Jahren, zum Generalangriff überzugehen ... Meine Herren! Man kann die Erfahrungen des Krieges auch auf den Frieden anwenden ... Jedenfalls, eine Voreiligkeit, eine zu frühe öffentliche Preisgabe unserer Entschlüsse könnte uns teuer zu stehen kommen. In diesen Tagen der roten Hochflut wird auch der geringste taktische Fehler, meine Herren, mit Blut bezahlt ...!“
„Es ist schon so!“ bestätigte auch der Oberstudienrat Dr. Reuchlin, „man muß mit den Wölfen heulen. In unserem Herzen sind und bleiben wir Monarchisten, jawohl. Aber in der Praxis könnte es sogar unter Umständen möglich sein, daß wir uns mit der Republik abfinden. Wer will prophezeien, es könnte gar der Tag kommen, wo wir die treuesten Stützen der Republik sind ... Spotten Sie nicht, schütteln Sie nicht ungläubig die Köpfe ...“
„Oh!“ rief pathetisch Bratz dagegen ... „wenn der Schicksalstag naht, und wäre über uns Ragnarök, die Götterdämmerung verhängt, dann lieber in tobender Schlacht als in schleichendem Siechtum ...“
„Auch ich finde, Dr. Reuchlin, das klingt bedenklich nach Kant,“ philosophierte jetzt der Dekan. „Also Monarchie wäre demnach die einzige rationelle Staatsform, aber sozusagen nur als ein Postulat der praktischen Vernunft, deren Verwirklichung zwar nie erreicht wird, deren Erreichung aber stets als Ziel angestrebt wird und in der Gesinnung festgehalten werden muß ... Auch christlich terminologisch ließe sich das ausdrücken ...“
„Meine Herren,“ knurrte jetzt der Oberstleutnant dazwischen, „ich finde, das Gespräch führt uns jetzt zu weit ab ... Besser ist: wenig davon sprechen. Immer daran denken ...“
„Jawohl, auf die Tat kommt es an,“ schloß Bratz ...
* * * * *
Der Landgerichtsdirektor saß am Flügel.
Der Fabrikant stimmte die Violine.
Oberstudienrat Dr. Reuchlin bediente das Cello.
„Wir haben das letztemal Beethoven geübt. Wir wollen sehen, was davon hängen geblieben ist.“
Das Trio begann.
Der Landgerichtsdirektor zählte den Takt mit ...
Verstreut saßen der Redakteur, der Oberstleutnant, der Dekan, Bratz und Peter im Zimmer herum.
Der Dekan dachte an die Sonntagspredigt. Man mußte vorsichtig sein und alles in Gleichnissen ausdrücken; auch machte ihm die Möglichkeit einer Abtrennung von Kirche und Staat einige Sorgen. Für die Predigt am kommenden Sonntag suchte er noch immer den passenden Text. Er war bekannt dafür, daß er so ergreifend sprach, daß die Leute weinten ... Da fiel ihm jenes berühmte Pauluswort ein: „Und hättet der Liebe nicht ...!“ In der Tat vortrefflich. Er zog ein Notizbuch und skizzierte die Disposition. Natürlich Liebe, Liebe und nochmals Liebe: Christentum und Sozialismus, Sozialismus und Christentum: nur zwei verschiedene Ausdrücke für im Grunde ein und dasselbe. Versöhnend wirken! Und zu was Besserem könnte man auch in solchen Zeiten ermahnen, als zur Liebe, innerer Einkehr, Arbeit an sich selbst; die Staatsform und die äußeren sozialen Fortschritte erst in zweiter Linie. Der Mensch ist die Hauptsache, der innere Mensch, auf das Seelenheil des Menschen kommt es an ... Und die Klänge des Trios beschwangen ihn: er notierte fieberhaft, und als die Herren mit einem wunderbaren _piano pianissimo_ geschlossen hatten, wobei besonders die Violine ergreifend zur Wirkung kam, sprang er freudigst erregt auf:
„Danke, meine Herrn! Hier meine Sonntagspredigt! Vortrefflich gelungen ...“
* * * * *
Peter hatte während des Konzerts allerlei groteske Einfälle.
„Das Frontschwein badet im Konzert!“ Oder, „Ohrenschmarrenschmaus“ und „Sonntagspredigtbraten“, „Ragout aus sanftlebigem Oberkonsistorialrat-Fleisch“ usw. Auch betrachtete er geradezu mit einem wollüstigen Ingrimm den Herrn Bratz neben sich, diese beständig nervös grimmassierende Monokel-Fratze ...
Aber auch der Journalist war nicht müßig geblieben.
In seinem Gehirn stand schon der Leitartikel „Vom neuen Zeitgeist“ fix und fertig. Hier waren die Sünden und vielen Fehlerhaftigkeiten des alten vergangenen Regimes scharf und präzis kritisiert, dann aber auch das Gute, Edle und Wahre vergangener Zeiten sorgfältig und liebevoll dargestellt, das es nun weiter zu pflegen und zu hegen gelte, und am Schluß war als Bilanz die beschwörende Formel gegen den Bolschewismus und gegen die alle geistigen und sittlichen Kulturwerke bedrohende Anarchie angebracht. Einige Berichte Reisender aus Rußland, Greuelszenen voll phantastischer Anschaulichkeit waren nicht ungeschickt eingeflochten und vor allem volltönend und warnend zugleich war die Stimme, die er für die Unantastbarkeit des Privateigentums erhob.
Bratz dagegen döste zwischen „Farbenklavier-Klavilux“, „Sonnenmaschine“ und der „Wirkung des Grammophons auf Neger“ dahin und dachte dann konzentriert an Lucie, ein Rasseweib, Kellnerin in einer Bar, und wie man Geld auftreiben könne, die Weiber kosten Geld, das ist eine alte Sache. Vielleicht gehts mit einem Spielklub, der vaterländische Verschwörerklub, dem er auch nebenbei angehörte, war noch nicht recht in Schwung, die Geldgeber zogen noch nicht, doch was nicht ist, kann immerhin allemal noch werden ...
Der Oberstleutnant gab sich willig der Musik hin.
Zwar Marschmusik ist es nicht, überlegte er, auch reizen Blasinstrumente nicht so sehr zum Träumen. Aber Kunst ist es, erhaben und großartig. Nur die Künstler, das ist eine andere Sache ... Gegenüber dem undisziplinierten Beethoven da war doch Goethe ein ganzer Kerl ... Und dann bemerkte er unwillig, daß er Zivil trug. Die schöne alte Uniform. Vielleicht werde ich es noch einmal erleben: Sonnenglanz, die Brust voll Orden, die Straßen zur Parade abgesperrt ... schon dröhnt der Stechschritt ...
Da eben schloß das Trio mit pianissimo. –
* * * * *
Noch einige Stücke. Ein Violinsolo. Ein Marsch, auf besonderen Wunsch des Oberstleutnants, und der Trio-Abend war beendet.
Man blieb nun noch bis über Mitternacht gemütlich zusammen.
„Die Einwohner müßten sich zum Schutze ihres Eigentums zusammentun, für Ruhe und Ordnung, gegen Bürgerkrieg und Anarchie.“
„Ist schon erwogen bezw. beschlossen.“
„Im übrigen: was unsere Revolutionäre anbetrifft, vom Schlage solcher Bürschchen wie Toller, die jetzt den Mund so voll nehmen, so dürften die uns nicht besonders gefährlich werden. Sie sind eitel bis zum Ueberlaufen, man muß sie hätscheln, ausgemachte Windbeutel, mit denen nicht fertig zu werden, das wäre zum Lachen ... Man muß sie nur ein wenig mit einer Verbeugung vor ihrer Genialität, wovon sie natürlich keine Spur besitzen, kitzeln, man muß ihnen geschickt durch die Presse einreden, sie hätten eine weltgeschichtliche Mission, dann strecken sie, von sich selbst fasziniert, eitel bis zum Brechreiz wie sie sind, gleich alle Viere von sich und man kann alles, was man nur will, mit ihnen anstellen. Da sind die Bolschewisten schon andere Kerle, aus einem Guß, die wenigstens wissen was sie wollen. Mit denen ist nicht gut Kirschen essen. Russische Glut, amerikanische Gründlichkeit: das sind ihre Hauptqualitäten, das muß ihnen auch ihr ärgster Feind lassen ...“
„Gewiß auch in der Schule weisen wir jetzt in jeder Unterrichtsstunde darauf hin, welche Gefahren dem deutschen Vaterlande drohen. Na, unsere Jungens sind alle Gott Lob und Dank vernünftig und würden sich sofort wieder zur Verfügung stellen wenn es losgeht ...“
„Sicher auch Ihr Herr Sohn“, zwinkerte der Dekan zu Peter hinüber, der wie versteinert dasaß.
„Aber das ist ja selbstverständlich!“ antwortete für ihn der Vater. „Er ist gegen jede Art bolschewistischen Giftes gefeit. Im Trommelfeuer zu einer undurchdringlichen Panzerhaut geschmiedet. Ein Friedjung und Bolschewist: das scheidet sich wie Feuer und Wasser.“
„Das meine ich auch!“ lächelte der Dekan befriedigt.
Man tat noch einen langen Zug aus der Zigarre, leerte den Rest aus dem Bierglas und stand auf.
„Also sagen wir Dienstag, nächste Woche!“
Man stand schon an der Tür.
„Aber wollen wir so auseinandergehn, nach solch einem Abend, es ist ja immerhin in gewisser Weise das Willkommfest des jungen Herrn Friedjung gewesen. So unverbindlich auseinandergehn, ohne ...“
Alle stimmten begeistert dem Vorschlag des Redakteurs zu.
Der Landgerichtsdirektor saß wieder am Flügel.
„Aber pst! Leise bitte!“ mahnte der Dekan, „sonst habe ich Unannehmlichkeiten.“
Und sie sangen mit gedämpften Stimmen:
„Deutschland über alles.“
Peter sang nicht.
Er sprach leise für sich ganz nüchtern und trocken den Text nach. Wie ein mechanischer Kontrollapparat. Dabei beobachtete er scharf die Sänger. Und beim letzten Vers sprach er halblaut mit:
„I–h–r ... e–l–e–n–d–e–n– ... S–c–h–u–r–k–e–n.“ –
* * * * *
Unten verabschiedeten sich sogleich die Herren.
Bratz schlug vor dem Oberstleutnant die Hacken zusammen, stand stramm.
Peter verbeugte sich kaum.
Bratz ging noch ein Stück mit den beiden Friedjungs. Er hatte das Monokel wieder eingesteckt.
„Vorsicht ist am Platz. Meine Devise ist: das Leben so teuer wie nur möglich zu verkaufen ...“
Und zu Peter gewandt fragte er:
„Wahrscheinlich werden Sie nun doch studieren!? In Berlin vielleicht. Ich kann Ihnen für einige Korps Empfehlungen geben ...“
„Ich danke“, erwiderte Peter kalt.
Bratz schnitt mit dem Stock durch die Luft, daß es pfiff.
„Hören Sie, das ist der preußische Pfiff ... Bald kommt der große, der heilige, der entscheidende Tag ...“ Dazu summte er schmalzig eine Melodie. „Wissen Sie woraus das ist. Nein?! Aber ... Wagner „Tannhäuser“, dritter Akt ...“
„Ich denke an den armen bemitleidenswerten Oberstudienrat. Wie Söhne zu Fallstricken für ihre Väter werden! Armer alter gebrochener Mann ...“ Sinnierte der Landgerichtsdirektor. –
Es war ein öffentliches Geheimnis: Dr. Reuchlins Sohn war wegen Meuterei und Hochverrat im Felde vor ein Kriegsgericht gestellt, zum Tode verurteilt und erschossen worden.
IV
Peters Mutter war noch wach, als Vater und Sohn vom Trio nach Hause kamen.
Peter saß nun mit seiner Mutter allein.
„Mein Kind, du hast Schweres durchgemacht. Ich will dir nun sagen: wenn du wieder von zu Hause fortgehst, dann ist auch meine Zeit gekommen. Du weißt vielleicht, ich lebe mit dem Vater sehr schlecht. Nur deinetwegen bin ich geblieben. Aber du bist ja jetzt erwachsen, und du hast mich nicht mehr nötig ...“
„Doch, doch!“ wollte Peter stammeln, aber er konnte kein Wort hervorbringen.
„Es ist am besten, Peter, ich nehme gleich heute von dir Abschied: du bist ein Musterbeispiel für einen idealistisch gesinnten jungen Deutschen. Wie du dich durch diese Zeit hindurchschlagen wirst! Auf welche Art und Weise du mit ihr fertig werden wirst!? Was aus dir noch werden wird ... Fast ist’s mir als ob ich es wüßte. Ich ahne schon so etwas. Aber ich will darüber schweigen. Kurz und gut: Laß die Leute reden, Peter, und geh deinen Weg ... Das soll unser Abschied gewesen sein. Leb wohl! Gute Nacht!“
Wieder schwieg Peter.
„Aber was ist die Wahrheit!? Was soll ich tun ...“
* * * * *
Und Peter schlief einen unruhigen Schlaf.
Er schlief in demselben Zimmer wieder, in dem er schon als Kind geschlafen hatte, dort an der Wand hingen noch die Eichenkränze, die ersten Preise aus Wettschwimmen und Fußballspielen, und dort obenauf im ersten Schubfach des Schrankes lagen noch durcheinander Schulbücher und Hefte.
Direkt aus dem Gymnasium war er ins Regiment eingetreten, in der Zeit seiner militärischen Ausbildung kam er nur selten nach Haus. „Und jetzt, jetzt, was soll aus mir werden.“
Peters Vater war Landgerichtsdirektor, ein Richter in höherer Staatsstellung, dessen schönster Tag in seinem Leben war, wie er nie müde wurde zu betonen: damals, als Peter auszog mit dem Freiwilligenregiment, Blumensträuße am Helm und einen vorne im Gewehrlauf: das war ein großartiger erschütternder Marsch lauter prächtiger junger Menschen unter dem Gesang „Die Vöglein im Walde ...“ auf den Bahnhof. Ihm zur Seite auf dem Trottoir, schritten damals Vater und Mutter, beide schluchzten, Peter schluchzte und lachte freudig auf dazwischen, die ganze Stadt war mit Fahnen, Girlanden und Blumen geschmückt: der Auszug dieses Freiwilligenregiments war ein großes Freudenweinen ...
* * * * *
Vor vielen Jahren belauschte einmal in diesem Zimmer Peter eines Nachts ein Gespräch zwischen Vater und Mutter.
Peters Vater war damals Staatsanwalt und Anklagevertreter in dem bekannten Prozeß gegen den berüchtigten vielfachen Raubmörder Alois Kneisel. Kneisel wurde zuerst in der chirurgischen Klinik zurechtgeflickt, da er bei seiner Verhaftung von den Gendarmen verwundet worden war, und danach dem Scharfrichter überantwortet.
Es muß die Nacht vor der Hinrichtung gewesen sein, denn der Vater hatte dem Dienstmädchen aufgetragen, ihn pünktlich um fünf Uhr früh zu wecken. Der Wecker wurde sorgfältig gestellt.
Auch waren Gehrock, Zylinder, weiße Glacéhandschuhe herausgerichtet worden, die guten Schuhe, ein frisches steifes Hemd und die Manschetten mit den rubinroten Knöpfen.
Peter legte das Ohr dicht an die Wand, als er die ersten aufgeregten Worte der Mutter vernahm.
„Nein, Heinrich, ich kann mit dir beim besten Willen nicht mehr zusammenleben“, weinte die Mutter, „du bist ein Mörder, mitschuldig an einem ganz gemeinen barbarischen, infamen Mord ... Ich flehe dich an, laß mich fort von dir ...“
Der Vater sprach ruhig und mit sehr tiefer Stimme vom Staat, von der Notwendigkeit der Erhaltung der Autorität, von der modernen Straftheorie, wonach Strafe erstens: Sühne im religiösen Sinne sei, dann auch ein prophylaktisch wirkendes Abschreckungsmittel und drittens: Befreiung der Gesellschaft von der Gemeingefährlichkeit gewisser menschlich minderwertiger Subjekte.
Jedoch: des Vaters Gegenargumente fruchteten bei der Mutter nichts.
Immerfort schluchzte die Mutter noch:
„Das ist Heuchelei, abgrundtiefe Verlogenheit ... Ich kann es nicht so in Worten ausdrücken, aber mein Gefühl, mein Instinkt sagt es mir ... Ach Gott, o Gott, o Gott, daß du das nicht einsiehst. So verstockt, wer hätte das gedacht ...“
Und die Mutter weinte die ganze Nacht still vor sich hin.
Einmal schrie sie:
„Siehst du ihn nicht vor dir: das Gesicht seiner letzten Nacht: groß, ungeheuer und der Hals ist da, warm der Rumpf darunter ... dieser in die Länge gezogene Blick ... Pfui, wie du mich anekelst ... Ich kann es wirklich nicht mehr länger mit dir aushalten ...“
Wieder kam ein Weinanfall.
„Du haßt mich also“, fragte der Vater.
„Läßt du mir das Kind!?“
„Auf keinen Fall ...“
„Damit du ihn auch zu einem Verbrecher deiner Art, zur gemeinsten und tierischsten Art Verbrecher, die es auf der Welt gibt, erziehen kannst!?“
Ein schwerer Schlag.
Ein Schrei, der hoch und schrill war ...
Trotzdem Peter damals erst acht Jahre alt war, wußte er sofort:
„Der Vater hat die Mutter niedergeschlagen.“
Und Peter taumelte, als ob er selbst den Schlag erhalten hätte, fiel ins Bett zurück und versank tief in einen ohnmachtähnlichen Schlaf.
Wie ein Goldregenschwarm sangen Scharen von Engeln darin, wie Bienen sahen sie aus und die Erde darunter war wie eine klotzige, schattenhafte, geschwollene Blutkugel. Und die Mutter war da, eine überlebensgroße Gestalt, streichelte ihm zärtlich die blutende Kopfwunde, und Peter strengte sich sogar an, ordentlich viel zu bluten, das blutende Blut tat ihm wohl, es rann und blühte in unendlich vielen Knospen und Beeren im Himmelsgarten ...
* * * * *
Die Mutter war in der Nacht noch auf und davon gelaufen.
Der Vater stand pünktlich früh um fünf auf.
Als er mittags nach Hause kam, schaute ihn Peter groß und fragend an. „Hat er ihn jetzt wirklich umgebracht?!“ Aber die Kleidung des Vaters, der jetzt ein bequemes Hausjöppchen trug, war tadelfrei, schwarz; wie anlackiert sah er aus. Nirgends ein Blutspritzer, nicht einmal an den Manschetten. „Ob er eine Schürze sich umgebunden hat, so wie im Schlachthaus?“ Peter wollte erfahren, ob er das eigenhändig gemacht hat, mit dem Beil oder mit einem scharfen Rasiermesser. Immer noch schaute Peter groß und fragend. Der Vater aber schwieg, erkundigte sich nach Peters Schulaufgaben und ließ sich dabei den Gansbraten schmecken.
* * * * *
Nach acht Tagen kam die Mutter zurück.
Des Kindes wegen.
„Die Kindheit eines Menschen ist entscheidend. Wie es auch gewesen sein mag, Heinrich, das was zwischen uns beiden ist, ist Nebensache. Mein Entschluß ist: ich bleibe ... Ich kann nicht anders ... Und dabei bleibe ich auch: die Todesstrafe anzuwenden innerlich berechtigt ist man meiner Meinung nach nur solchen gegenüber, die ein System, dem dieses Greuel zugehört, mit Gewalt aufrecht erhalten wollen ...“
* * * * *
Seit jener Nacht aber war die Mutter eine andere geworden.
Etwas seltsam, absonderlich, sagten die Leute, es muß ihr etwas auf die Nerven gegangen sein ... Vielleicht auch eine Gemütskrankheit ... Sie achtete nicht mehr auf die Kleidung, tagelang aß und trank sie nichts, sie entließ das Mädchen, machte jede Arbeit selbst.
Als der Vater ihr einmal darüber Vorhaltungen machte, das entspreche doch ihrem Stand nicht, bekam sie einen Anfall. Die Befürchtung entstand, sie werde über kurz oder lang irrsinnig.
Sie gönnte sich keine Freude mehr. Das dritte Wort hieß: sparen.
Stundenlang saß sie auf dem Balkon, ihre Lippen bewegten sich, sie nickte mit dem Kopfe, seufzte ...
Vater und Mutter: jeder von beiden ging von da ab seinen Weg allein.
Nur wenn die Sprache auf Peter kam, auf Peters Begabung, Beruf, Zukunft, dann kreuzten sich für einen Augenblick die beiden Wege, um sich gleich darauf wieder in entgegengesetzter Richtung zu entfernen. –
V
Und wieder überzog Peter die Erinnerung an den Krieg wie ein dumpfes, dunstig-tropisches Gewitter: