(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg
Part 1
Johannes R. Becher
(CHCl=CH)3As (Levisite) oder Der einzig gerechte Krieg
Roman
Wien-Berlin 1926. Agis-Verlag
Alle Rechte vorbehalten. Copyright by Agis-Verlag, Wien. Druck: „Peuvag“-Berlin, Filiale Hannover.
„Ich kann nicht schweigen, denn ich will nicht mitschuldig werden.“
Zola
„Ich sage mich los: von der leichtsinnigen Hoffnung einer Errettung durch die Hand des Zufalls; von der dumpfen Erwartung der Zukunft, die ein stumpfer Sinn nicht erkennen will ...“
Clausewitz
_De te fabula narratur._
Deine Sache, Leser, ist es, die hier verhandelt wird!
Einleitung
Hände weg!
Hände weg von diesem Buch, wenn Ihr damit, übersättigt und bis zum tödlichen Erbrechen gelangweilt, nur wieder einige Euerer müßigen Stunden totschlagen wollt!
Dem stinkenden Kadaver dieser Zeit flechte ich keine Kränze.
Das spannungslose Gesabber unserer offiziellen Poeten befriedigt schon übergenug solche Bedürfnisse.
Was heutzutage nottut: das ist Begeisterung, Kühnheit, Todesverachtung der Einzelnen, Nüchternheit, Zielsicherheit und Klarheit. Zusammenschluß, eine untrennbare Einheit aller im Schweiße ihres Angesichts Werktätigen. Dieser Zusammenschluß: das ist die große Sprengmine, die Tag für Tag aufplatzt und deren Sprenggänge die Fundamente dieser verrotteten Gesellschaft eines Tags völlig unterwühlt haben werden ...
Es handelt sich hier nicht um poetische Erfindungen, phantastische Konstruktionen oder um Wahnbildungen. Es handelt sich hier um Tatsachen, um Taten, um Ereignisse.
Es geht um das, was ist.
Es geht hart auf hart.
Es geht um das, was gewesen ist.
Es geht um das, was sein wird. –
* * * * *
Dieses Buch ist sicher nicht Kind jenes Geistes, „der über den Wassern schwebt“, es ist aus der Wirklichkeit geboren, und es trägt, unverschminkt allen sichtbar, noch deutlich das Zeichen dieser Marter-Hölle an sich. Auch der Sprachkörper: stahlgrau, gehackt, rissig: die Gelenke im Schmerzkrampf fest angezogen, die Arme an den Schulterstücken schwer hängend: Hämmer, Aexte, Brecheisen. Ein blutiges Muskelspiel zuckt ... Das ist nicht der klassische wohlgepflegte Leib, nicht die parfümierte Tanzpuppe der Biedermeierzeit noch der verträumte Taugenichts der Romantik: es ist der mit Wundenlöchern über und über ausgefüllte Dulderleib des werktätigen Volks am Pfahl der Kreuzigung: mitten im Qualm von Gasschwaden, von Staub, Rauch, Rußfetzen umschleiert, umschwirrt von giftigen Aasfliegen – das ist der Dulderleib des werktätigen Volks in jenem geschichtlichen Zeitabschnitt, da er sich vom Kreuzstamm losreißt, niedersteigt und das Gesindel seiner Peiniger vor sich in die Knie zwingt ... Ein millionenstimmiger Schrei, ein Aufruhr- und Klagelied, gesungen von Millionen metallischen Feuerzungen. –
Dieses Buch möchte, ein lebendiges Wesen, künftig wieder selbst Anteil haben an den Kämpfen, deren Blutzeuge es ist, selbst wieder mit im Feuer stehen, und mit seinen Blutteilen noch röter färben die rote Fahne, unter der es als ein Soldat der Revolution dient. –
* * * * *
Es wird nur wenig von „Liebe“ die Rede sein.
Dieses Buch ist ein Heldengedicht.
Wo Millionen „Hunger“ schreiend – zuerst eine formlose Masse noch, dann aber immer deutlicher Gestalt gewinnend – sich herauf auf das Plateau der Weltgeschichte bewegen: in der eisern gehackten Rhythmik solcher Tage tönt auch die Stimme des Bluts als Metall. Stirnen wölben sich gegeneinander, wie gemeißelt aus Granit. Die Herztrommel wirbelt Kampftempo und Marschtakt. Der Gedanke des kämpferischen Menschen stößt vor in die Zukunft als Stichflamme. Und ein anderer, als der, der einst du gewesen bist, findest plötzlich nach Jahren du dich wieder, neu geboren aus mörderischen Krisen, wie aus Schmelzglut. –
* * * * *
Die Riesendurchbruchsschlacht jener Menschen-Armeen in die Zukunft hat längst begonnen. Kampfplatz ist die Welt. Dieses Terrain ist nicht mehr nach Nationen oder Erdteilen abgesteckt. Alle Grenzpfähle der Welt schlottern gespenstisch im roten Sturmwind, wie Vogelscheuchen ... Ueberall, wo Menschen im Arbeitsprozeß untereinander verbunden sind, überall auf der ganzen Erde, auch in den tiefsten Tiefen der Kolonien, gewittert es ...
* * * * *
Lernt kennen die Geschichte Europas, Europas am Rande des Abgrunds! –
Gewidmet der kommenden deutschen sozialen Revolution! –
_Berlin_, zum 4. August 1925.
Johannes R. Becher
1. Kapitel.
„Deutschland über alles ...!“
Episode aus den Novembertagen 1918. – „Deutschland über alles ...!“ – „Lazarett-Poesie.“ – Den Veranstaltern patriotischer Heldengedenkfeiern gewidmet. – Heilige Familie. – Das Trio. – Menschen-Dreck. – Götter stürzen. – „Geh deinen Weg!“ –
I
Es ist Herbst, November 1918, vier Uhr morgens.
Die letzten deutschen Truppen ziehen über den Rhein.
Gespenstische Nebelhaufen wälzen sich über den beiden Rheinufern, die Wassermassen unter der Brücke flüchten unterirdisch-rauschend und unruhig dahin, ein schwer beladener Schleppkahn treibt darauf, schweigend, als ob er, eine Sagengestalt der Vorzeit, durch einen uferlosen Traum wandele. Nur die gotisch zerzackte Spitze des Kölner Doms ragt stumpf aus einem Nebelloch, wie der Gipfel eines gewaltigen Gebirgsmassivs.
Das ferne gedämpfte Geläute des Doms fällt jetzt langsam und zögernd auf die Erde nieder, ein schwerer metallischer Tropfen ...
Es war eine niedergekämpfte Kolonne Sturminfanterie, der Rest eines einst stolzen deutschen Regiments, die, ohne Schritt, dahintrottete: bärtig verwachsene Gesichter, knöcherige Gestalten, mit zerfetzten und ausgeblichenen Uniformen schlotternd behängt, in Mützen, barhaupt, der eine oder der andere noch unter dem Stahlhelm, den vermoderten und zerzausten Affen auf dem Buckel, die Gewehre, Mündung nach unten, über die Schulter geworfen, und die zu Skeletten abgemagerten Gäule vor der einzigen Feldküche stolperten und knickten immer wieder von Zeit zu Zeit in die Knie, gleichmütig sprang der Trainsoldat vom Bock ab, die Kolonne stockte eine Weile, einige drückten sich links und rechts vorbei am Wegrand, dann ein müder Peitschenknall, die Gäule standen wieder wackelnd aufgerichtet, und das Häuflein Soldaten setzte sich wieder in Marsch.
Kein Kommando erscholl mehr.
Kein Wort wurde gesprochen ...
Doch kam es vor, daß der eine oder der andere sich plötzlich mit einem jähen Ruck umwandte, mit einer blitzschnellen Handbewegung nach dem Gewehrschaft griff, den Kopf sonderbar lächelnd schüttelte und wieder den einen Fuß vor den anderen tat, als ob es nie anders gewesen wäre und als ob es auch gar nicht je anders sein könnte ...
Vor zwei Tagen noch ...
Einer rechnete nach:
„Ja, das sind zweimal vierundzwanzig Stunden ...“
Also: frisch wie aus Schlamm gebacken aus dem Granattrichter ...
Und das gigantische Schlachtorchester brüllte die Symphonie der Trommelfeuer und der Stahlgewitter und der Eisenorkane; forte, fortissimo; Gaswellen fluteten unsichtbar geheimnisvoll heran; und nun gewitterte auch schon über die stacheldrahtgezäunte, granatgepflügte labyrinthische Ebene hinweg das Finale des Nahkampfes: der dumpfe Knall platzender Handgranatenballungen in Erdhöhlen und Felsunterständen, Menschenschreie, gurgelnd und wie „Huhu“ dazwischen, und das Sicheln des Bajonetts ...
Traum? Wirklichkeit?
Denen, die hier in die Heimat zurückmarschierten, war das Bewußtsein geschwunden, das Hirn leer, nur ein unbestimmter Trieb drängte in allen ihren Gliedern sie mit vorwärts; links, rechts, links, rechts; das Gesicht nach unten auf den Boden niedergedrückt, dort, wo immer wieder zwei Stiefelbeine hervorschnellten oder der Absatz des Vordermanns, der fest in den Straßendreck hackte.
Auch an eine Rast oder gar ans Abkochen dachte niemand.
Marschierten sie durch ein Dorf, so schien es ihnen, als wichen ihnen die Einwohner scheu aus dem Weg, kein Mensch zeigte sich, alle Türen und Fenster waren fest verschlossen, auch jetzt noch, da sie sich schon seit einem Tag bald auf deutschem Boden befanden.
Es wurde Morgen.
Nein, es war kein englischer Tank, der plötzlich schnellwendig aus den zerschleißenden Nebelschwaden hervorknatterte, auch keine Flammenwerfer, die, flüssigen Phosphor spritzend, ganze Ballen von verbranntem Menschenfleisch durch die Luft wickelten; kein leichtes Infanteriegeschütz, kein auffliegendes Munitionsdepot, auch kein Flieger, dicht über der Erde mit MGs die Stellungen abstreichend ...
Nichts, nichts mehr von alledem ...
Weinberge waren es, Hügel, saubere Steinhäuschen darin, Treppen und gut angelegte Pfade durch Weingelände hindurch, Kirchturmspitzen blinkten. Mit ihren Stöcken stocherten die Soldaten in den dahinkollernden Laubhaufen; es war wirklich schönes, feuchtes rotbraunes Laub ...
Doch die fieberig flackernden Augen der Soldaten suchten von neuem den Boden ab, fanden sich nicht zurecht, stießen sich und tasteten; man hatte sich schon daran gewöhnt, es fehlte einem was; keine Leichname, keine abgequetschten Arme, keine Rümpfe, die in der Hitze brodelten; auch nichts von Offensivparfüm, das aus den von Granaten wieder aufgewühlten Massengräbern dick aufstieg ... Rein und würzig war die Luft, die Nebel verdampften sich nach oben ... Einer pfiff schon vor sich hin, ein anderer summte leise im Takt, allmählich bildeten sich wieder Reihen, fester und immer fester hämmerte der Schritt und, ohne daß sie sich dessen bewußt waren, marschierten sie durch das nächste Dorf im Gleichschritt. Schon winkte man ihnen zu, Menschen standen freundlich nickend zwischen Türen und Fenstern, und da, als sie eben die letzten Häuser hinter sich hatten, brach voll die Sonne durch.
Zerfetzt und zersplittert hing die Nebelpest herum, die Wipfel der Bäume schüttelten sich, daß der letzte Laubrest an ihnen auseinanderstieb; riesige Feuerfarren blühten im Weltraum die Sonnenstrahlen ... als ein Mann, ein Landstürmer, in der Mitte des Zugs plötzlich mit tränenerstickter Stimme ruft:
„Kameraden! Seht: Sonne über Deutschland!“
Ein Trompetensignal bläst.
Eine Trommel trommelt.
Hundert Köpfe rucken hoch.
Hundert Herztakte schlagen wieder.
Und aus hunderten, von vielem Blut- und Pulvergeschmack ausgedorrten Kehlen schluchzt der Gesang:
„Deutschland über alles ...!“
II
Auch Peter Friedjung, damals knapp zweiundzwanzig Jahre alt, befand sich unter den Heimkehrern.
Auch er stieß jetzt „Deutschland über alles“ hervor ...
Mit dem Gesang „Deutschland über alles“ hatte zu Beginn des Kriegs das Freiwilligenregiment List gestürmt, mit dem Gesang „Deutschland über alles“ auf den Lippen wurden die jungen Freiwilligen vom Trommelfeuer zu einem Leichenbrei zusammengestampft.
Fünfmal während des Krieges war Peter Friedjung für „Deutschland über alles“ verwundet worden.
Und nun!?
Wäre ein Flieger der Rheingrenze entlang geflogen: er hätte deutlich beobachten können, wie das acht Millionen starke deutsche Feldheer, einer riesigen Schlammflut gleich, in die Heimat zurücktrieb, wie die Massen der Armeen von den Städten aufgesogen wurden und das Gewimmel der Züge auf den geometrischen Figuren der Eisenbahnnetze gegen das Hinterland zu sich langsam auflockerte und dort schon wieder Zug auf Zug straff, in vollkommener Ordnung, dahinrollte ...
Am Abend kam die Kolonne, der Peter Friedjung angehörte, drei Kilometer vor der Bahnstation an, wo sie nach München verladen werden sollte.
Ein Matrose, ein baumstarker Kerl, ein Mann in Zivil mit einer knolligen Schnapsnase und einer in einer feldgrauen Uniform, alle rote Binden um den Arm, kamen ihnen am Dorfeingang entgegen und forderten sie auf, die Waffen abzulegen.
„Also ist es zur Tatsache geworden. Revolution!“ stellte Kamerad Friedjung fest.
„Hier in der Dorfschule ist der Arbeiter- und Soldatenrat.“
Die Heimkehrer sahen sich unschlüssig an.
Aber man ließ ihnen nicht lange Zeit zum Ueberlegen.
Eine schwerbewaffnete Abteilung Rotbinden erschien. Die Kolonne wurde ohne weiteres entwaffnet.
Zum erstenmal hörte man wieder etwas über die Vorfälle in der Heimat.
„Das Heer hat teilweise gemeutert. Straßenkämpfe. Der Kaiser geflohen. Neue Regierung. Die Sozialisten ...“
In die Sprache eines Deutschen übersetzt, schloß Peter, bedeutet das: äußerlich hat die Entente gesiegt und damit also offenbar innerlich: der Unglaube, die Vaterlandslosigkeit, die Pöbelherrschaft, die Anarchie.
Auf der Straße vor der Bahnstation waren größere Truppenteile versammelt, alle ohne Offiziere, von denen es hieß, sie hätten sich schleunigst in Zivil aus dem Staub gemacht.
Die „Internationale“ wurde gesungen, Soldaten standen Arm in Arm, alle hatten sich die Kokarden und die Achselstücke abgerissen ... Von Zeit zu Zeit hielt einer, auf den Schultern seiner Kameraden sitzend, eine Rede, dann schrieen sie alle: „Hoch! Hoch! Nieder! Nieder!“
Die Kameraden, mit denen Peter zurückgekehrt war, waren nicht mehr aufzufinden.
Er stand mitten in dem Tumult allein.
Er wußte jetzt überhaupt nichts mit sich anzufangen.
Er wiederholte sich noch einmal, was er während des Kriegs alles von der revolutionären Bewegung gelesen und gehört hatte.
Da kannte er natürlich dem Namen nach Karl Liebknecht, diesen hundsföttischen Vaterlandsverräter, wie ihn immer die Offiziere bei ihren Sektgelagen im Kasino tituliert hatten, von dem man erzählte, daß er steinreich sei, eine Unmenge Häuser besitze und von der Entente bestochen sei, um dem deutschen Volk die Kriegskredite zu verweigern ... „Und die anderen, die werden auch kaum besser sein, Parasiten unserer Niederlage, individuelle Nutznießer des Volksunglücks, Kreaturen, die nur im Augenblick der vollkommenen Verwirrung, Ohnmacht und Wehrlosigkeit eines Volks zu Wort kommen und sich leider auch, bei der Dummheit, Gutgläubigkeit und politischen Ungebildetheit des Deutschen, Gehör verschaffen können.“
Und scharf in jeder seiner grauenvollen Einzelheiten tauchte in Peters Gedächtnis jener Morgen auf, der Beginn eines der gewaltigsten Großkampftage, den die Westfront je gesehen.
* * * * *
Der Massenfeuerüberfall war beendet.
Die Sturminfanterie ging zum Angriff vor.
Von Stellung zu Stellung. Ein einziges Kraterfeld war nurmehr das feindliche Gräbensystem, schon hatten die Infanteriewellen ein großes Loch in die feindliche Front hineingefressen, und „nun mit den Engländern ins Meer“ jubelten, ihres gelungenen Durchbruchs sicher, die verschiedenen Regimenter der verschiedenen deutschen Stämme sich zu, schon wurde der Befehl erteilt: „Kavallerie vor!“ ... da setzte unerwarteterweise eine Reservedivision Kanadier zum Gegenstoß an, und – das Sperrfeuer der eigenen Artillerie blieb aus, alle Gewehr-, Handgranaten- und Maschinengewehrmunition war verschossen, keine Hilfe weit und breit, kein einziger Schuß krachte, nur die feindliche Artillerie hieb mit den schwersten Brocken herein, Staubsäule um Staubsäule dampfte hoch, und ein zäher entsetzlicher Bajonett-, Messer-, Spaten- und Würgkampf begann, Mann gegen Mann, bis am Abend die deutschen Truppen gezwungen waren, die eroberten Positionen Schritt um Schritt und unter den ungeheuersten Verlusten aufzugeben, und die Lücke in der feindlichen Front wieder restlos geschlossen war.
Noch in derselben Nacht wurde bekannt:
Die Munitionsfabriken im deutschen Vaterland streiken. Die Artilleriemunition im ganzen Frontabschnitt ist zu Ende. Das Messer zwischen die Zähne, heißt es jetzt, und mit den blanken Leibern die Front, wenn sie wo einreißen sollte, gestopft ... Auf keinen Artillerieschuß sei für die nächsten Tage zu rechnen ...
Ein wilder Racheschwur schoß aus den Herzen der Frontkämpfer hoch; die Finger reichten keinem, die Zahl der ihm lieben Kameraden, die er heute verloren hatte, abzuzählen; wutentbrannt zerstampften manche die Pakete mit Liebesgaben und drohten mit schreckensverzerrten Gesichtern:
„Dolchstoß von hinten! Na, wartet nur, wenn wir zurückkommen! Da werden wir gründlich mit diesem schmierigen sozialistischen Gesindel aufräumen ...“
Doch das war bald vergessen. Die meisten wurden, wie es Peter wenigstens damals schien, selbst bald Handlanger dieses sozialistischen Gesindels, machten schlapp, knurrten, und die Erschießung von mißliebigen Offizieren von hinten kam immer häufiger vor ... Selbst tagelanges Baumanbinden gegen Insubordination und einzelne Füsilladen nützten nichts ... Die moralische Auflösung der deutschen Front begann ...
* * * * *
Eiskalt vor innerer Erregung, mit haßerfüllten Augen blickte Peter auf seine Umgebung.
„Pack schlägt sich, Pack –“
„Nein, wir hätten die Waffen nicht –“
Doch auch die Treuesten und Zuverlässigsten hatten sich bereits in die Mauselöcher verkrochen.
Wieder rauschte ein Zug vorbei mit Hurras und vielen roten Fahnen ...
Ein pockennarbiger krummgewachsener Zivilist trat auf Peter zu, riß ihm die Kokarde ab: „Aas!“
Peter stand wie gelähmt, lächelte und stotterte etwas.
Der andere war schon fort.
Dann preßte er zwischen den Zähnen hervor:
„Hunde! Schweine! Lügner! Ihr gottsjämmerlich erbärmlichen Schufte ...“
* * * * *
Der Herbststurm fegte. Die Dächer auf den Häusern klapperten. Zu einem Skelett kahl gefressen war rings die Welt ...
„Eine feste Burg ist unser Gott!“
Dieser Choral dröhnte mächtig auf in ihm, von Tausenden von Glockenspielen umläutet, in wunderbaren Klangspiralen, und hoch die Sterne glänzten, das Firmament wölbte sich in raumlosen unbegrenzten Schleifen und Kurven, und sprühte ... War das nicht der Abglanz von Gottes Angesicht, jenes myriadenäugigen Gottes, des allfühlenden, des allerkennenden, jener Abglanz von Gottes Angesicht, der den Abgrund, der die Welt hieß, mit einer schimmernden firnisartigen Schicht überzog, mit dem Glanz der Verklärung, der dieses diesseitige Jammertal überhaupt erst für den Menschen erträglich machte? Jenes Gottes, dessen Atem gleich Ebbe und Brandung war, dessen Sekunde ein Tausend Menschenjahre in sich faßte und in dessen Allmacht es stand, die allerhöchsten Bergmassive, die es auf der Menschenerde gab, leichthin wegzublasen wie ein Sandkorn!? Das Meer, alle die großen und kleinen Ozeane, wären nicht mehr gewesen als nur ein einziger Schluck in der Schale der göttlichen Hand. Und war nicht die ganze Welt ein einziges Riesenorgelwerk, rühmend des Ewigen Ehre, eine jede Kreatur ein besonderes Register darin, darauf der Schöpfer des Weltalls, der Schöpfer der heiligen Ordnung aller Wesen und Dinge, spielte, er, das Urbild aller Geschaffenheit, große, kühne, erhabene Akkorde, auch schrille Dissonanzen darunter, doch nur dazu da, um am Ende in einem desto gewaltiger schwellenden Halleluja sich aufzulösen ...!
* * * * *
Eingepfercht zwischen durch und durch verlausten und völlig verwahrlosten Mannschaften, die zynisch auf Gott, Kaiser und Vaterland fluchten, rollt Peter der Heimat zu.
III
Peter fand seine Eltern zu Hause in niedergedrückter Stimmung.
Zwar hing ein Kranz mit „Willkommen“ und schwarzweißroter Schleife über der Tür, aber die ausgeweinten Augen der Mutter verrieten ihm, daß sie schon viele Tage und Nächte hindurch an einem Wiedersehen mit dem Sohne gezweifelt hatte.
„Da ist er ja!“ umarmte ihn der Vater. „Nun also doch! Als ein tapferer deutscher Held bist du uns wiedergeschenkt. Du hast dich auch rein gehalten, das seh ich dir an. Flecken- und makellos hast du dir das Schild deiner Ehre erhalten. Und das eiserne Kreuz! Nun kann ich mich beruhigt sterben legen ... Welch eine Freude!“
„So, Peter, gut so, daß du wieder da bist!“ begrüßte ihn die Mutter, die indeß weißhaarig geworden war und eine gebückte Haltung hatte.
„Nun ruh’ dich aus! Der Krieg ist ja zu Ende.“
Dies sagte sie in einer merkwürdig singenden Sprache, in einem Tonfall, den Peter bisher noch nie an ihr wahrgenommen hatte.
Peter schwieg. Er stand da, mitten im Zimmer, den Stahlhelm noch immer unterm Arm. Er hatte Tränen in den Augen.
Aber das, wie es die Mutter gesagt hatte, klang so, als ob der Krieg garnicht zu Ende sei, nie auch zu Ende sein könnte, als ob er weitergehe, und nur ein Schlachtfeld mit dem anderen sich vertauscht habe, vielleicht sogar: Volksgenosse gegen Volksgenosse. Nach den letzten Ereignissen zu schließen: ja, vielleicht sogar mitten in Deutschland: der Muskel gegen den Nerv, Sehne wider Sehne, das Mark eines Volkes gegen das Mark, das Herzinnere gegen das Herzinnere ...
Klang es nicht so, was die Mutter gesagt hatte, als ob man überhaupt nie zu Ende kommen könne damit, als ob dieser Krieg nur ein Vorspiel, ein harmloses sogar, gewesen sei, und als ob die Rückkunft ins Elternhaus für Peter auch nur eine kurzbemessene Rast sei, um bald darauf wieder ...
Als ob der Krieg sei wie ein Strom ... Nun, da Frieden ist, fließt unsichtbar er dahin, unterirdisch, überschüttet von irrnisblendendem Gestein, um auf einmal aber, denen nur unerwartet, die das Bewegungsgesetz des Stromverlaufs nicht kennen: stäubend, gurgelnd, strudelnd auf die Erde wieder hervorzubrechen.
„Nein, der Krieg ist nicht zu Ende!“ schrie es in Peter innerlich auf, als er seiner Mutter in die Augen sah, in die angstverzerrten, kümmernisstumpfen Augen. „Der Frieden, das ist ja ein ganz ungeheuerer Betrug, eine Art Betäubungsmittel, Beruhigungspulver ... Der Krieg hat begonnen, um nicht mehr zu enden. Seuchenisolierbaracken, Lazarette, ja so, genau so wie ich sie gesehen und erlebt habe: weiterbauen werden die sich durch den ganzen Weltraum hindurch ... Jetzt schläft er; der Krieg hat sich ein wenig nur hingelegt, um zu schlafen; der Krieg, hört ihr es, schnarcht. Der Krieg schläft seinen Blutrausch aus ... Dann steht er wieder auf, frisch, kräftig, hungrig, unersättlich, wie er ist, schwingt sich in die Lüfte, fliegt! fliegt! fliegt! Ja, fliegen wird er diesmal und einen giftigen Samen niederstreuen, Giftgas, Samen: Gas, Gas, Gas ... Und aufgehen wird dieser Samen, ein entsetzliches Geschwür in jeder Menschenbrust, als brandiger, blasenziehender Aussatz über der ganzen Hautfläche, als eine Wucherung, die wüsten Wahnwitz in jedem Gehirn zeugt ... Welch eine Tiefen-Wirkung! Tod wird er ernten in Hülle und Fülle ...
„Wer aber ist der Krieg!?“
„Die Menschen!?“
„Und welcher Art Menschen sind es!?“ –
* * * * *
Nach Tisch stand der Vater auf, zog sich an und fragte Peter:
„Kommst du mit zum Trio!?“
Mit einem Blick auf die Mutter sagte Peter zögernd ja ...
Auf dem Hinweg begann der Vater:
„Du weißt doch Peter, daß du nicht den Oberstudienrat Dr. Reuchlin nach seinem Sohn fragen kannst. Das ist ein wunder Punkt. Nicht daran rühren! Der alte Mann ist zu bedauern. Man muß sehr taktvoll und zurückhaltend sein. Schrecklich, so ein Schicksal.“
Peter nickte nachdenklich.
„Das war doch ein wunderbar prächtiger Bursche, der junge Reuchlin, ich verstehe das nicht ...“
„Ja, mir ist das auch ein Rätsel. Geistige Umnachtung unter Umständen, Verwirrtheit wahrscheinlich. Anders ist das nicht zu erklären ... Und welche Sorgfalt in der Erziehung hat er seinem Jungen angedeihen lassen ... Merkwürdig, wie ein Mensch so aus der Art schlagen kann ...!“
* * * * *
Am Trio, das regelmäßig einmal in der Woche in der prächtig ausgestatteten Achtzimmerwohnung des unverheirateten Dekan Lampert stattfand, nahmen teil die Herren Fabrikbesitzer Joachim Hellmer, Oberstudienrat Dr. Reuchlin und Peters Vater, der Landgerichtsdirektor Dr. Friedjung.