(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg
Part 10
Erdfontänen schossen in die Luft. Die feindlichen Batterien kamen wieder in Schwung. Es trommelte, hackte, wirbelte. Manchmal wie Platzregen. Man verschanzte sich rasch hinter Fleischfetzen, Körperstümpfen, Schlammhaufen.
Pioniere wickelten wieder Stacheldraht ab. MG-Gruppen schoben sich vor. Munitionstransporte im Laufschritt. Lebensmittellager waren genug erbeutet. Man konnte sich also zwischendurch sattessen. Alles hatte aber einen widerlich beizenden Geschmack.
Und schon knackte es wieder im Vorfeld.
Geduckt kroch es an. Ein rasender Schnitt durch die Luft: Pfiffe: hinter einem, vor einem krümmte es sich ... Der Nebenmann links stürzte vornüber; der rechte ächzte noch einen halben Fluch.
Etwas sprang vor. Etwas sprang zurück.
Es knisterte. Ein Messer zuckte. Körper schnellten gegen Körper. Wie gespannte Federn.
Man kam mit dem Gegner bis in Tuchfühlung.
„Das ist Ursprache des Volkes. Aus dem Blut heraus wird bejaht: Dieser Krieg muß sein ...“, fieberphantasierte irgendwo ein Leutnant herum. Max juckte der Zeigefinger: „Brenn’ ihm eins!“
„Der ganze Krieg soll mich ...“, fluchte ein Soldat-Prolet und riß einem „Pardon“ wimmernden Hochländer mit einem Ruck das Messer durch die Gurgel.
Pfui Teufel.
Viele kotzten.
Wieder andere hatten die Hosen voll.
In den Kehlen steckte wie ein würgender Pfropf ein unwiderstehlicher Brechreiz.
Man watete schon wieder bis über die Knie in einem richtigen Leichenmorast. Menschenmüll. Ueberall Pfützen voll Blutwasser. Hie und da entlud sich wieder einmal eine Sprengmine zur Abwechslung. Es roch süßlich, ranzig. Wie angebranntes Fett.
Dort schüttete die explodierende Erde ein Massengrab hoch.
„Offensiv-Parfüm“, meckerte einer.
Eine MG-Mannschaft füllte den Kühlkasten ihrer Kugelspritze mit Urin auf.
* * * * *
Max Herse bekam kaum noch Luft. Er lechzte nach einem Schluck Wasser. Die Glieder, die Arme und die Beine, schlenkerten an ihm herum wie etwas Fremdes. Er fühlte, daß sein ganzer Körper nur noch aus Knochen bestand. Die Haut wurde ganz straff, spannte. Die Gelenke gingen ihm beinahe aus dem Leim ... Das war die Todesangst ...
Menschenleiche, Stein, Baum: das ist ein und dasselbe. Gleich wahr, gleich unwirklich. Nur nicht lange Federlesens machen. Das lohnt sich nicht. Irgendwo spaziert ein Irrsinniggewordener im Tanzschritt über das Schlachtfeld.
Gefangene wurden abgeknallt.
Man sah kaum mehr aus den Augen vor Blutrausch.
Zu einem wüsten Grinsen war das Gesicht einer Ordonnanz verzerrt, die immer wieder von neuem ihre zweiunddreißigschüssige Repetierpistole lud und damit einen Gefangenentransport nach dem andern umlegte.
Der Zeigefinger der Ordonnanz war schwarz gefärbt von Pulverrauch.
Die Menschen funktionierten wie Automaten.
Wie auf dem Exerzierplatz.
Stoß: Gegenstoß.
Schlag: Hieb.
Hart gegen hart.
Ruck-zuck ...
„Alte preußische Garde ... hahaha ... Prost Mahlzeit, altes Frontschwein ... Einen Kuß, Max Bruderherz. Hier einen Schluck Sturmschnaps ...“
Max kroch auf allen Vieren.
Ein sinnlos Betrunkener torkelte ohne jede Deckung an, umarmte ihn, tapste vorüber, rief noch:
„Fünfe hab’ ich heute schon hinter mir. Knorke. Nun aber für heute Feierabend und Schluß damit ...“
Ein Feldwebelleutnant knurrte herüber:
„Stopf ihm die Schnauze ...“
Schwuppdich. Ein leichter Klaps vor die Stirn. Und der Feldwebelleutnant schnappte mit einem Purzelbaum hintüber. Er kauerte sich noch zurecht. Er wimmerte „Mami, Mami“, bis eine genügende Menge Blutes aus ihm ausgequetscht war.
Es gab fast keine Nuancen mehr in den Bewegungen. Mit dem ganzen Lebenstrieb dahinter wurde so ein Bajonettstoß geführt. Manchmal glitten die Messer mit einem spitzen Geräusch elastisch aneinander ab. Eines stieß senkrecht auf die Verschlußschnalle der Koppel auf, bog sich zu einem Halbkreis. Zuckte ab, sprang links vorbei mitten hindurch durch die Niere.
Man fraß sich mit aufgesperrten Augen, mit vibrierenden Nasenflügeln, man fraß sich förmlich mit seiner ganzen Existenz in den Gegner hinein.
Waren es noch Menschen oder mechanische Puppen? Mit dicken Mänteln waren sie behängt. Mit einem wattigen Stoff, der bei einem Stich Ströme Blutes sickern lassen konnte, waren sie ausgestopft. So haute es sich, anscheinend ziel- und planlos, jetzt im Niemandsland herum.
Reserven stürzten sich auf Reserven.
Qualmend dunstete die Erde aus.
Darüber Vollmond ...
* * * * *
Die feindlichen Bataillone hatten noch in der Nacht zum Gegenstoß ausgeholt. –
V
Weiter zogen die Jahre. Tag für Tag erschienen die Zeitungen mit spaltenlangen Verlustlisten gefüllt. Alle Viere von sich gestreckt lagen sie auf der Erde da: Männer, die Schädel zerfetzt, die Brust aufgetrieben, die Gedärme brachen aus den geborstenen Uniformen heraus, Millionen Männer lagen so, über der Erde, unter der Erde ...
Noch immer kein Ende ...
Tag und Nacht experimentierten Tausende von Chemikern. Wunderbare Gasgemische entstanden in den Laboratorien. Zentner-Mengen Kampfstoff schickten die deutschen Farbstoffindustrien in die Welt. Die in diesen Fabriken beschäftigten Arbeiter wußten nicht, was sie produzierten. Die organische Verbindung zwischen den Kriegsmaterialien und der friedlichen Industrie ist im Kriegsgaswesen besonders eng. Fast alle Kampfgase finden auch im friedlichen Leben Anwendung. Sie dienen entweder unmittelbar für verschiedene friedliche Zwecke z. B. zur Desinfektion des Getreides, von Wohnräumen und dergleichen, oder aber sie bilden Zwischenprodukte für andere im friedlichen Leben unentbehrliche Produkte. Vor allem stehen die Kampfgase mit der Farbindustrie in Verbindung, zugleich aber sind sie auch für die Herstellung von Medikamenten und photographischen Artikeln zu benutzen.
Es marschierte auf das Chlor.
Chlorphosgengemische. Chlorpikrinsulfuryl. 20000 Zentner Gaskampfstoffe wälzten sich daher als Giftflut.
Es marschierte auf Phosgen.
Diente es einstmals nicht zur Herstellung einer ganzen Reihe hellroter, blauer und violetter Farben?!
Es marschierten auf die Arsine, aus dem gleichen Rohstoff hergestellt wie die Arsen-Präparate.
Acht deutsche Fabriken befaßten sich mit der Herstellung dieser Kampfgase ... –
* * * * *
Und gegen 4 Uhr morgens begann wieder die Artillerieschlacht mit einem gewaltigen Feuerschlage auf 70 Kilometer Breite.
7000 Geschütze waren es, riesenkalibrige und großkalibrige, die die Bekämpfung des feindlichen Grabensystems aufnahmen, gegen das auch eine Unmasse an Minenwerfern und Gaswerfern eingesetzt wurde.
Die feindliche Artillerie war durch das reichliche Infektionsschießen am vorhergegangenen Tage schon zum Schweigen gebracht.
Das feindliche Gelände war in dichte Gassümpfe verwandelt worden.
Eine Doppelwalze lief vor der stürmenden Infanterie einher: eine Walze mit Splittermunition dicht vor, die andere mit Gasmunition weit vorauswandernd.
Alle Truppen waren mit Gasmasken versehen.
Pferde trugen Gasschuhe.
Es gab schon Entseuchungskommandos in richtigen taucherähnlichen Gasschutzanzügen. Riesige Mengen Chlorkalk, das entgiftend wirkte, wurden auf Feldbahnen herangefahren.
Man legte Gassperren, blaue Räume, gelbe Räume, bunte Räume, man unterschied bereits zwischen Gasüberfall, Schwadenschießen, Gasbrisanzschießen, Verseuchungsschießen.
Eine richtige Gastaktik hatte sich entwickelt. –
* * * * *
Mit einem leichten dumpfen Knall explodierten ununterbrochen in der Stadt die Gasgeschosse.
Es roch nur ein wenig in den Straßen wie nach bitteren Mandeln. Man sah kaum Menschen, einige nur, einen Bausch vor Nase und Mund, der mit einer besonderen Flüssigkeit getränkt war.
Verwundete zwar, die hier von der Front durchkamen, erzählten kaum Glaubliches:
„Die Deutschen verfeuern Geschosse, die geheimnisvolle Flüssigkeiten enthalten, die verdampften und in gasförmigem Zustand die Fähigkeit haben, Leder, Haut, Gemäuer zu durchdringen, und die, selbst in den minimalsten Dosen eingeatmet, absolut tödlich sind. Und welch ein Tod! Ja, erzählte man, sie wirkten auch durch die Haut selbst hindurch sofort tödlich, starke Erregungen der Atmung, eine eigentümliche psychische Unruhe machte sich sofort bemerkbar, Erbrechen, Magenstörungen, Verlangsamung des Herzschlags, Bewußtlosigkeit. Geschmack und Geruch gehen oft völlig verloren. Das aber sind nur die Nebenwirkungen. Kennzeichnend ist der schleichende Verlauf. Zuerst etwa das Bild eines Gletscherbrandes: erst nach mehreren Stunden eine Rötung, hierauf oft beträchtliche Schwellungen der Haut. Blasen bilden sich, nicht selten von unförmiger Größe, sie sind mit einer klaren, leicht gerinnenden Flüssigkeit gefüllt, leicht eiternd. Das Sehvermögen wird durch eine schmerzhafte Bindehautentzündung beeinträchtigt. Ja, das Auge kann völlig zuschwellen und eiterigen Ausfluß absondern. Dann kommt das Lungenödem: in den Lungen bilden sich überall kleine Herde von angesammelter Flüssigkeit, die rasch wachsen und sich vereinigen können, um schließlich den größten Teil des Lungenraumes auszufüllen und durch zunehmende Beschränkung der Luftzufuhr tödliche Erstickung herbeizuführen ... Nun, Luftgeschwader seien bereitgestellt, diese Flüssigkeiten, die in die Fliegerbomben gefüllt sind, weit hinter der Front über die Städte auszugießen ... Auch hätten die Deutschen jetzt zudem Apparate, aus denen sie Flammen spritzten, und das alles verwendeten sie zusammen, das eine nicht ohne das andere ... es sei unmöglich, den Krieg noch länger zu führen, es sei einfach menschenunmöglich sowas auszuhalten ...“
* * * * *
Weiter fielen unterdeß die Bomben auf die Stadt.
Ein dunkler schwerfälliger Regen, mit großen eisernen Tropfen ...
Bald nah, bald fern: aber die Geschosse hatten nur eine geringe Sprengwirkung. Die Einwohner fühlten sich mehr als bei früheren Beschießungen geborgen. Auch Brandwirkung war keine zu beobachten. Es war volle Frühlingssonne, die Straßen waren aufgeweicht, hoch oben surrten die Fliegergeschwader in der blauen Märzluft.
Aber trotzdem: nach Verlauf von einigen Stunden begann es.
Die Einwohner hockten wie immer in den Kellern.
Es war unheimlich. Es war noch nie dagewesen. Es war, um völlig den Verstand zu verlieren.
Irgendwer stürzte die Treppen herunter. Die Nase dieses „Irgendwer“ war ein einziger blutiger Knollen. Er hatte sie sich vollkommen aufgejuckt. Aus seinen Augen troff das Tränenwasser und dabei schrie er immer mit heiserer Stimme: „Das ist das Wahnsinnsgas ... das Wahnsinnsgas ...“ Er taumelte unten noch einige Schritte vor, dann stürzte er wo nieder, fetzte sich die Kleider vom Leib, knirschte mit den Zähnen, kratzte und knetete sich, ganz leise wimmerte er jetzt nur noch: „Die Boches. Die ver...“
Wie auf Kommando begann jetzt auch schon der ganze Raum zu husten.
Einige zündeten sich die Pfeifen an, pafften wie toll, behaupteten, das wäre ein Mittel dagegen.
Acht Menschen saßen da im Keller, fünf Frauen, drei Männer. Die Frauen in mittlerem Alter, die Männer alle über fünfzig alt. Man hatte auch Matratzen nach unten geschafft, man lag und stand da jeden Tag seine fünf Stunden herum, das war einem schon so zur Gewohnheit geworden. Die Kinder nahmen Spielzeug mit, einen Teddybär, der gar keine Angst hatte und aus seinen Glaskugelaugen nach wie vor fröhlich in die Welt blickte.
Jeder sah jetzt auf den andern.
Einige nur stierten teilnahmslos vor sich hin.
Die Beschießung hatte aufgehört.
Oben klimperten Schritte.
Der „Irgendwer“ jammerte in seinem Winkel ganz erbärmlich.
André, kriegsinvalid, Feldzugsteilnehmer von 70/71, stieß ihn:
„Na Junge, schwere Brocken was ...“
* * * * *
Eine gespenstische Verwandlung bereitete sich vor.
Die Gesichter der im Keller eingepferchten Menschen wurden plötzlich schwammig, klößig, auch die Hände dunsen auf.
Die Weiber fingen zu plärren an.
Ein Hustenkrampf erstickte ihre Stimme.
Seltsame Bewegungen machten sie mit Armen und Fingern, wie in einem Traumzustand, ganz schwer, langsam, schleichend.
Die Gesichter hatten nun eine Farbe wie Lehm.
Der Körper fleckte sich.
Die Schleimhäute bissen.
Schüttelfieber jagte daher, Augen schwollen, unter den Fingernägeln war es, als krabbelten dort lebendiggewordene widerhakichte Eisenspäne. Der Kellerraum drückte wie ein unendliches Gewicht auf die Lunge herein. Wie flüssiges Blei kochte es in der Brust ... Da wurde alles auch schon schleierig, fadenscheinig, der ganze Raum wogte, alles floß auseinander in Millionen unsichtbaren Wellen, merkwürdig summend ...
Der Todeskampf der Gasvergifteten dauerte so einige Stunden lang ...
* * * * *
Es entspricht aber keineswegs den Tatsachen, was man sich späterhin oft erzählt hat. Es ist nicht richtig, daß die von der Gasvergiftung betroffenen Menschen sich im letzten Stadium der Vergiftung gegenseitig noch angefallen haben, sich mit dem Messer bearbeitet oder gegenseitig sich gebissen und gewürgt haben. Solche Ausbrüche wahnsinniger Verzweiflung wurden nicht bekannt. Ganz das Gegenteil. Ohne daß sie etwas dagegen unternommen hätten, trockneten diese Unglücklichen einfach inwendig aus. Ein allgemeiner lähmender Zustand ging dem Endstadium voraus.
Keiner bewegte sich vom Platz. Sie blieben wie festgenagelt, wo sie gerade saßen oder standen. –
* * * * *
Eine unsichtbare Gasdecke lagerte über der Stadt.
Langsam drang das Gas überall ein.
Es wehte daher durch Wasserleitungsrohre, durch Türritzen und Fensterspalten, durch Mauern, durch Glas, durch Stein, durch Eisen.
Es war völlige Windstille. Das Gas verflüchtigte sich nicht.
Hunde, Hühner, Pferde lagen auf den Trottoiren, Klumpen, Fetzen von Haut, auch das Leben der Bäume und Gräser schien restlos getilgt.
Absolut tödliche Gase waren mit sogenannten Reizgasen gemischt: man mußte vor Augen-, Nasen- und Mundschmerzen die Masken abreißen, das absolut tödliche Gas fand durch die Luftröhre in die Lunge Eingang, und man war rettungslos geliefert.
Dann wieder setzte eine Gasbombenbeschießung ein, kombiniert mit Brisanzgeschossen: so erreichte man außerdem noch eine hübsche Sprengwirkung: durch die aufgerissenen Löcher flutete nun das Giftgas in vollkommener Dichtigkeit.
Vorne an der Front wurden die Bewegungen der nachstoßenden Infanterie langsamer und unsicherer. Gewisse Gassumpfgebiete waren für sie überhaupt nicht mehr passierbar. In Masken standen sich von nun an die Bajonettfechter, die Handgranatenwerfer gegenüber.
In die gasverseuchten Grabensysteme stürzten sich die Stoßtrupps hinein, wie die Frettchen in einen Kaninchenbau. Mit Bajonetten und Handgranaten kitzelten sie die letzten noch Ueberlebenden heraus. Zweifüßige gespenstische Larven jagten in den Grabengängen hintereinander her, die Büchse mit dem Filtereinsatz hing vom Mund herab wie ein kurzer Rüssel.
„So ein Krieg –
„Kotzbrocken –
„Klamottenkrieg ...“
Und Max Herse fand eben in einem Unterstand, der zur Nachbardivision gehörte, folgendes Flugblatt an einem Balken angeheftet:
„Helft mit allen Mitteln, die ihr zur Verfügung habt, zur schnellsten Beendigung des Menschenmordens. Verlangt das sofortige Ende des Krieges. Erhebt euch zum Kampfe, getretene und hingemordete Völker! Es naht die Stunde des Völkerfriedens. Nieder mit dem Krieg ...“
Quatsch.
Was war das!?
Wie ein Herzschlag pochte es in der Erde. Jeden Moment konnte man auffliegen.
VI
Deutsche Sturminfanterie stürmte auf dem Balkan. Im Wüstensand, hoch im Gebirge. Der deutsche Soldat kämpfte auf einer Front, die so groß war, daß die Sonne über ihr nie unterging. –
* * * * *
Herbst war. Weiche, braunrot getupfte Waldgefälle. Wie Riesenpolster wölbten sich hoch die italienischen Berge. Himmel und Seeen wurden eins. Glutblau, wie Lapislazuli.
Das italienische Bataillon war nicht zu fassen.
Es hatte sich, gegen jede Feuerart gedeckt, in Schluchten und Kavernen eingenistet.
Man unterscheidet zwischen Zielen, die mechanisch zerstörbar sind und solchen, die nur chemisch zu erledigen sind.
Zu den letzteren gehörte in diesem Fall die italienische Stellung. –
* * * * *
Vier volle Nächte dauerte der Antransport des Kampfgeräts. Da die Anmarschstraßen von Truppen- und Sanitätskolonnen überfüllt waren, mußten Seitenpfade begangen werden. Im Zickzack arbeiteten sich die Trägerkolonnen empor, ausgetrocknete Waldbachschluchten mußten mühsam überquert werden, immer wieder sanken die Träger von Müdigkeit übermannt um, dann hieß es ein Plateau überqueren, das von der feindlichen Artillerie voll eingesehen werden konnte, Felssplitter mischten sich mit Granatsplittern, ein wahrer Splitterorkan ging nieder, es stäubte und prasselte von oben her, von unten auf, von allen Seiten, in den Wipfeln der Tannen pfiff es und knackte es, die Granataufschläge auf dem Felsboden waren schrill und gellend.
Ein Riß: ein Granatstoß fegte mitten durch eine Trägerkolonne hindurch.
Sich um sich drehende plumpe Säcke rollten sie einen Abhang hinunter. Ein Latschengestrüpp fing einige von ihnen auf, die anderen kollerten schreiend weiter.
Viele Träger warfen jetzt die Rohre weg.
Endlich waren die tausend Gasminen an der deutschen Front eingebaut. Tausend Rohre waren genau nach der italienischen Front hin ausgerichtet. Es war ein Uhr nachts. Das deutsche Gaswerferbataillon stand in Bereitschaft.
* * * * *
Es war eine Nacht wie alle Nächte.
Rötlich-blau. Ein dunkel-tönender Strich war fern das Rauschen der Bergwässer. Die tausend und abertausend Blinkfeuer der Sterne leuchteten ungetrübt, hie und da riß sich ein Schuß aus dem Dunkel heraus, Leuchtraketen stoben knatternd aus dem Erddickicht auf, eine kurze Salve folgte, ein Durcheinander-Rattern, und wieder lag alles wie verkrochen in einer Höhle da, die Hände der Mannschaften glitten von dem Gewehrschaft ab, die Geschützbedienungen schnarchten, nur die Horchposten wachten noch, jedes geringste Geräusch zeichnete sich ihnen vielfach vergrößert ein in der Ohrmuschel, sie standen dicht vor dem Stacheldrahtkranz unbewegt. –
* * * * *
„Zum Abschuß fertig ...“
Punkt zwei Uhr wurde eine Gassalve von über 900 Minen gleichzeitig abgefeuert. Die Zündung erfolgte elektrisch von einer Stelle aus.
Ein gewaltiger Feuerfächer durchsprang grell die Nacht. Tausend Mündungsfeuer blitzten gleichzeitig auf. Hunderttausende von Menschen hielten jetzt gleichzeitig den Atem an. Einige schreckten aus dem Schlaf hervor: „Was ist ... Was ist los ...?“ Schneidend, eiskalt war dieser Feuerschein, wie eiserne Zacken standen die fernsten Bergspitzen darin. Und schon rauschte ein ebenso gewaltiger unterirdischer Donner auf, von allen Bergwänden rings als hundertfaches Echo widerschallend, man bekam einen Augenblick lang keine Luft mehr. Wie ein unsichtbares Gewicht preßte auf alle Lungen die Luft herein. Die Magennerven rebellierten bei einigen. Einige kauerten sich am Boden nieder, andere hatten Arme und Beine von sich gestreckt. Wieder andere bedeckten mit den Händen das Gesicht und heulten einfach drauf los. Jeder aber hielt sich irgendwo fest. Und es war dies alles doch nur der Bruchteil einer Sekunde.
Rudel von Leuchtkugeln flatterten sogleich empor.
Ein riesiger schwarzer Rauchschleim zog unten dahin.
Man hätte meinen können, man befinde sich hoch über den Wolken.
Ein Rauschen, Summen, Sirren, Plätschern war in der Luft.
Die Luft war wellengleich bewegt, wie unter der Einwirkung riesiger Schraubenumdrehungen, Blasebälge oder gigantischer Propellerschläge.
Endlich:
Trum-trum ...
Trum-trum-trumtrum ... vielhundertmal dieses: trum-trum ... und so fort.
Es war das dumpfe Niederklatschen der Minen, die in kurzer Reihenfolge aufeinander krepierten.
Wieder Feuerschein ...
Wieder diese Erderschütterung ...
Wieder jene geheimnisvollen, sprengenden Flügelschläge ...
Hinten und vorne, überall: Stichflammen –
Eine zweite Salve krachte ...
Eine dritte ...
Wieder gurgelte es, ächzte es, der Erdgrund stieß ein paar Mal gewaltig auf. Wie im Galopp ruckte der Boden einige Male von selbst nach vorwärts, eine Erdschicht schob sich über eine andere, Schutt kam wie eine Lawine ins Rollen und rutschte davon, steil prasselten breite Erdfontänen hoch, mit riesigen Felsklumpen darunter, wie Hagel schlugen sie wieder nieder.
* * * * *
Die Gasanhäufung im italienischen Graben war so dicht, daß die Gasmasken völlig versagten.
Die Minen aber waren zudem noch mit Einlagen aus Petroleum versehen, das bei der Explosion zerstäubte und brennend den Stoff der Gasschutzmaske durchlöcherte. Artilleriebrisanzfeuer setzte zu gleicher Zeit von der deutschen Front ein.
Sechshundert Mann lagen da, Pferde und Hunde darunter, krümmten sich, platzten, stießen, einer irrsinniger als der andere, lallende Laute aus, man konnte schon von Kopfwunden, Fleischwunden, Knochenschüssen nicht mehr reden: das ganze italienische Bataillon war einfach zu einer breiigen Masse zusammengestampft, die Gasschwaden zogen in den Unterständen ein, räucherten sie aus, beim nächsten Windzug schlugen sie wieder zurück, erhoben sich, senkten sich, je nachdem, und marschierten nun, als unheimliche Kolonne, weiter in das Hinterland.
Jeder Instinkt, jedes Denkvermögen hörte auf. Das Gesetz der Schwerkraft selbst schien aufgehoben.
Strudel bildeten sich, Luftgefälle, Luftwirbel, bewegliche Gasmauern, Flammen zuckten hervor, ganze Flammenschleier wieder breiteten sich aus, schrumpften, gerannen, und brachen plötzlich wieder hervor, ein dicker, spiralig geschwollener Flammenstoß.
Und mitten in den nun schon sich verflüchtigenden Gasnebel hinein stießen einige Stunden später – es war jetzt gegen sechs Uhr morgens – die Infanteriereihen, die Gasschutzmaske aufgesetzt, führten einen verzweifelten Bajonettkampf durch, Maske gegen Maske.
Geschlechter von zweifüßigen Larven stießen da mit blankem Messer auf einem gespenstischen Schlachtfeld auf sich ein, mancher riß sich plötzlich selbst die Maske von dem Gesicht herunter, eine angstverzerrte Grimasse wurde einen Augenblick lang sichtbar, ein Schluck ... und schon ertrank er rettungslos im Gassumpf.
Die Sonne ging auf. Der Himmel drückte bald wie glühendes Eisen. Die Erde selbst aber wurde darunter aufgeweicht, schäumte und brodelte, der über und über durchtrichterte Boden schien wie ein mit flüssiger Lava getränkter Feuerschwamm. Die Poren, die die Tausende von Granatlöchern darstellten, waren mit Bündeln von Menschenleichen vollgestopft. Die Luft zwischen Himmel und Erde stand still. Jeden Moment, dachte man, fängt auch sie zu brennen an ... Kein Baum, kein Strauch. Schattenlos strotzten auch die gewaltigsten Felsklumpen empor aus diesem Flammensumpf ...
Tausende von Gasvergifteten schmorten jetzt langsam sich zutod in der Hitze.
Manche Leichname fingen zu brodeln an.
Fliegen summten, Käfer und Eidechsen krabbelten darüber.
Da liegt so ein fleischiger Haufen: die Gedärme aus dem Bauch neben sich hingeschüttet: ein seltsames Leben beginnt sich in dem Kadaver zu regen.
Es riecht nach Oliven, nach Staub ... geronnenes Blut und faules Fleisch riecht, Jauche und Eiter ... überall sieht man es qualmen ...
Ein solches Unmaß an Hitze, wie es einem Gasvergifteten auferlegt ist zu ertragen, kann man sich kaum vorstellen.
Die ganzen Eingeweide verbrennen von innen, die Lungenwände sind wie mit einer beißenden Säure ausgelegt, mit jedem Herzschlag pumpt es sich wie siedendes Blei durch die Adern. Von oben preßt sich einem die Sonne, ein scharlachener Klotz, schwer auf den Schädel, zentnerschwer; die Kehle steckt wie zwischen einem langsam sich zudrehenden Schraubstock ... Ekelhaft kleberig ist der Schlund, hart, porös wie Bimsstein fühlt sich die Zunge an.
Hunderte lagen noch auf den Knien vor den Sanitätern und flehten um den Fangschuß. Morphiuminjektionen wurden verabreicht. Wieder einige hatten das Glück, noch ihr Bajonett zu besitzen. Sie machten Harakiri.
Gewaltige Strahlenmassen prallten jetzt in diesem Talkessel zusammen.